Jener 9. November 1989 – Jahrestage

Man könnte diesen Tag mit dem bekannten Gedicht Thomas Braschs vom „schönen 27. September“ einleiten – es erschien 1980, als Brasch bereits vier Jahre im Westen lebte:

Der schöne 27. September

Ich habe keine Zeitung gelesen.
Ich habe keiner Frau nachgesehn.
Ich habe den Briefkasten nicht geöffnet.
Ich habe keinem einen Guten Tag gewünscht.
Ich habe nicht in den Spiegel gesehn.
Ich habe mit keinem über alte Zeiten gesprochen
und mit keinem über neue Zeiten.
Ich habe nicht über mich nachgedacht.
Ich habe keine Zeile geschrieben.
Ich habe keinen Stein ins Rollen gebracht.

Es ist in seiner Alltäglichkeit und als Moment des Rückzugs aus jenem Alltag ein schönes, ein ruhiges, ja auch ein kontemplatives Gedicht und manchmal liefert solche Dichtung eine Art Korrektiv gegen das Überschießende wie auch gegen das Politische. Es läßt im Trubel der Zeiten einen Schritt zurücktreten. Für solchen Abstand in der (dichterischen) Reflexion kann ein solcher datierter Tag zu einem Ritual werden. Wurde es auch und war es, nämlich für Christa Wolfs Buch „Ein Tag im Jahr“. Wolf folgte im Jahr 1960 einem Aufruf der Moskauer Zeitung „Iswestija“, den 27. September zu schildern und ihn zu beschreiben, und sie setzte das bis ins Jahr 2000 als Tagebuch fort und hielt fest, was an diesem Datum geschah. Eine zwar unter schlechtem Zeichen sich inszenierende, aber zugleich doch gelungene Idee, die auf Maxim Gorki zurückgeht, der im Jahr des Stalin-Terrors 1936 und kurz vor den großen Säuberungen diesen Schreib-Tag zum Lobe des Sozialismus ins Leben rief. Unfaßbar naiv und im Grunde unverzeihlich. Und gerade unter diesem Gesichtspunkt des schreibenden und engagierten Arbeiters bekommt die Lakonie des Brasch-Gedichtes besondere Bedeutung, und so fängt Brasch die Dialektik des Datums in einer Lyrik ein, die ins Oblomowsche Nichtstun in eine Art von Verweigerung geht. Eine Art Gegen-Sozialismus zum hohen Propaganda-Ton. [Wer zur Ästhetik und ebenso zur Politik des Datums als Einschnitt und Beschneidung einen Text lesen will, der greife zu Jacques Derridas „Schibboleth“.]

Solche Daten können privat sein und sie ragen zugleich übers Private hinaus. In ihnen bündelt und pointiert sich Geschichte und ebenso privates Erleben. Fast jeder weiß, was er am 11. September tat. Dieser neunte November ist für die Deutschen solch ein Gedenktag. Kein Geschichtszeichen zwar – ausgenommen vielleicht der 9. November 1989 – aber doch vielfältig determiniert. Es müßte dieser Tag wegen dieser hohen, fast überdeterminierten Symbolik der zentrale Feiertag der Deutschen sein. Ein Datum, in dem sich unterschiedliche Ereignisse kreuzen und treffen und die miteinander in einem Bezug stehen oder zumindest geschichtlich korrespondieren und eine Linie bilden.

Am 9. November 1848 die standrechtliche Hinrichtung von Robert Blum in Wien, am 9. November 1918 im Deutschen Reich die Absetzung des deutschen Kriegskaisers und die Proklamation der Republik: eine deutsche Revolution, aber mit fatalem Ausgang, denn man vergaß, die Generäle Ludendorff und Hindenburg vor ein Gericht zu stellen, und man hätte sie vorher zwingen müssen, eigenhändig den Friedensvertrag zu unterschreiben. Am 9. November 1923 der Hitler-Ludendorff-Putsch in München und am 9. November1938 die Pogrome und der systematische Angriff auf Juden und ihre Synagogen. Damit war, fürs Volk gut sichtbar, jene Szenerie eingeläutet, auf die das Dritte Reich zulief: die Endlösung der Judenfrage. Das Ende des Zweiten Weltkrieges machte diesem Grauen ein Ende und brachte ein anderes Europa – ein in Ost und West geteiltes. Eines, das wohl hundert Jahre und mehr noch dauern mochte, so nahmen die meisten bis weit ins Jahr 1989 hinein an. Aus dieser politischen Konstellation gingen die Bundesrepublik Deutschland und die Deutsche Demokratische Republik, kurz DDR, hervor – von der Springer-Presse bis in die 1980er Jahre noch in Anführungszeichen geschrieben.

Die Solidarität der West-Linken mit der DDR-Opposition war mäßig bis gleichgültig. Das einige Deutschland stand kaum auf der Agenda, denn auch nach über 40 Jahren noch galt es, die unendliche Schuld abzutragen, für die die Teilung der Preis war, inzwischen aber in den Schleifen der Gewöhnung eine abstrakte Schuld, die tatsächliches Gedenken aufs Ritual zurückbrach – wie Martin Walser das nicht zu unrecht in seiner Friedenspreisrede 1998 feststellte. Kranzabwurfstellen eben, die da wohlfeil eingerichtet wurden – wobei die symbolische Dimension solcher Akte nicht zu unterschlagen ist.

Floskeln, Phrasen und Parolen vielfach auch von links: „Hoch und nieder, vorwärts, nie wieder!“, wie 1997 in leicht-melancholischem Ton der Sammelband zu vierzig Jahre „konkret“ titelte. Nicht schlecht eigentlich und die Hoffnungen und die Kämpfe der Jahre nicht in einen Satz, sondern vielmehr in Begriffe gegossen, gemeißelt, wissend, daß jene linken Jahre vorüber sind und zugleich das bloß noch Symbolisches rezitierend. Nicht daß mir diese Position einer Deutschland-Kritik damals fern stand, ich will mich hinterher nicht widerständischer machen als ich war. Im Rückblick aber und selbst als Zeuge der Zeit hätte einem das Falsche daran aufgehen können. Daß zwei Staaten mit einer ähnlichen Kultur, der gleichen Geschichte und derselben Sprache in dieser Weise geteilt waren, erschien auch mir nicht als der normale Weg. Da stand einerseits eine widerständische Linke, die viel auf Protest und bei der DDR die Schnauze hielt – wenn man von den Grünen und einigen wenigen Ausnahmen absieht – und da stand andererseits ein festgefügter Block des kapitalistischen Lebens, der zugleich aber auch ein Rechtsstaat war.

Mir ging seit Mitte der 1980er jedoch jene Gesinnungs-Linke zunehmend am Arsch vorbei. Der Solidaritäts-Kaffee aus Nicaragua schmeckte nach Scheiße, also trank ich ihn nicht. Jacobs- und Tschibo-Kaffee waren Wirtschafts-Betrug und beruhten, so steht zu vermuten, auf der Ausbeutung der Arbeiter in den Plantagen, aber sie schmeckten wenigstens halbwegs und erweckte nicht den Eindruck, daß da zugleich neben den Bohnen der Marke „Schlechte Solidaritätsernte“ gemahlene Eicheln und deutsche Bucheckern mitverarbeitet wurden. Dennoch kam mir, 1989, als inzwischen lange schon ins Ästhetische, in die Kunst und als Praxis in die Photographie abgewanderter Zaungast von Politik diese deutsch-deutsche Grenze widersinnig vor und sie kam mir auch schon 1982, als ich im Schwarzen Block in Hamburg als Fußvolk mitlief, falsch vor – vielleicht auch, weil ich früh schon, mit 14 Jahren die Biermann-Gedichte las und seine Lieder hörte: die von der kaputten DDR, von der Hoffnung auf ein besseres Land, nicht auf bessere Zeiten zu warten, sondern zu mache, zu protestieren, und irgendwann war klar, daß die Greise bleiben, und wie Attinghausen schon in Schillers „Tell“ deklamierte: „Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit, und neues Leben blüht aus den Ruinen.“

Wenn man von der Lebensqualität und den Möglichkeiten eines guten Lebens, die die Bundesrepublik immerhin bot, einmal absieht: Das Spektrum an politischen Überzeugungen in der BRD war deutlich breiter als in der rigiden DDR, wo Witze nicht nach dem Lacheffekt gemessen wurden, sondern wie viele Jahre Knast sie einbrachten. Die Höhe der Haft war auch insofern ein nicht nur qualitatives Maß für die DDR, sondern ebenso quantitativ ein wohlfeiler Tauschwert im guten marxschen Sinne, weil die Haftdauer den Preis des politischen Gefangenen im Freikauf durch die BRD bestimmte. Wenn sie auch sonst nichts von Marx begriffen: das Prinzip des Kapitalismus, wie man eine Ware teuer verkauft, verstanden sie und auch die in diese Ware Mensch investierte Arbeit durch Befragung, Folter, Schlafentzug und Sonderbehandlung sollte sich in der Höhe des Preises auszahlen. Den Mehrwert fuhren dann immerhin die Arbeiter und die Funktionäre ein. Wer sich ein Bild von dieser Art der DDR machen will, besuche in Torgau die Ausstellung zu den Jugendwerkhöfen oder die Gedenkstätte Hohenschönhausen, mithin den Stasi-Knast.

Und in den 1980er dann wußte noch der Doofste: es wird nichts sein und es wird nichts mit dieser Art des Sozialismus, der ein Volk einsperren muß, Endspiel, Warten auf Godot, das letzte Band und der letzte machtʼs Licht aus. Ökonomisch nicht mehr zu stemmen. Es gab keine Alternative, auch der Kapitalismus war es nicht. Kein Ort, nirgends, las ich damals von Christa Wolf. Das traf die Stimmung. Und dennoch verstand ich diese Menschen, die da heraus wollten oder die ein anderes Deutschland sich wünschten, ein ganz anderes sogar, oder wenn es auch nur darum ging, ein besseres Auto zu kaufen. Idiotische Wünsche vielleicht, auf äußere Bedürfnisse zu schielen. Die Frage des Gebrauchswertes, selbst dort, wo er ein versteckter Tauschwert und Symbolisierung samt Habitus bedeutet, ist nicht gering zu veranschlagen.

Solidarität in gemeinsamen Kämpfen auszubilden, ist schwierig. In Wackersdorf, in Gorleben sowie im Elsaß, im Kaiserstuhl und im Badischen im Kampf gegen Whyl, Fessenheim, Marckolsheim – schöne deutsche Ortsnamen, davon zwei in Frankreich lagen – gelang ein Bündnis ganz unterschiedlicher Kräfte gegen eine Macht. In der DDR geschah dies langsam, aber stetig. Immer schon gab es jene Dissidentenszene – im Westen prominent und bekannt geworden durch Sänger und Dichter wie Wolf Biermann oder den Physiker Robert Havemann.

Was war meine DDR? Eigentlich keine. Sie existierte für mich in Berichten und Erzählungen. Ich besuchte die DDR 1982 für einen Tag, genauer gesagt Ostberlin, ich fand es spannend dort, teils seltsam; und befremdlich, auf diese Weise innerhalb Deutschland zu reisen, schon die Transitstrecke mit dem alten Golf, den ein Freund fuhr, schien mir widersinnig und gegen die Geschichte. Viel Grau da in Ost und beim Blick vom Fernsehturm auf dem Alex und schweifend über die Stadt freute ich mich, als dann über der Stadt, im Drehrestaurant sitzend, die Dämmerung hereinbrach, daß auf Ostseite nicht Neonreklame blitzte, sondern eine Schwärze und Stille sich über die Stadt legte. Man konnte die Nacht sehen. Aber was waren Eindrücke des Beobachters. Mit der Situation und der Politik im Land hatte das alles nichts zu tun.

Wenige nur, wie etwa Teile der Grünen zeigten Solidarität mit der Opposition in der DDR. Die Solidarität galt fernen Völkern, man schweifte lieber in die Ferne. Das war bequem, das war so weit weg, daß niemand im Zweifelsfall Konsequenzen tragen mußte. Man ging auf Nicaragua-Demos, protestierte für ein freies El Salvador, prangerte – zu recht freilich! – die imperiale und aggressive US-Außen- und Wirtschaftspolitik an. Das war gut, das war richtig. Einer mußte es tun. Und wo die Konservativen schwiegen, sprach und protestierte die Linke, und weil die Konservativen zur DDR nicht schwiegen und protestierten, sprach die Linke nicht über die Repressionen dort oder man sprach darüber nur geringfügig. Solidaritätsdemos mit „Schwerter zu Pflugscharten“ und mit der Opposition der DDR gab es keine – allenfalls in kirchlichen Kreise und bei manchen Grünen sah ich damals dieses Logo, der übrigen Linken war es egal oder anderes war Thema. Immerhin aber in der Friedensbewegung der BRD vereinzelt Solidarität und offene Briefe:

„Die in Gefängnissen der DDR sitzenden Aktiven aus der Friedensbewegung haben nichts getan, was wir nicht auch tagtäglich tun … Sie wurden verhaftet, wofür wir von Ihnen gelobt werden.“ (Offener Brief an Erich Honecker, Januar 1984, unterzeichnet von Vertretern der westeuropäischen Friedensbewegung)

In Westberlin gab es 1984 einen von Frauen organisierten Protest am Checkpoint Charlie, die aus Solidarität mit den mutigen Bürgerrechtlerinnen Bärbel Bohley und Ulrike Poppe demonstrierten. Dieser Protest hielt an, bis die inhaftierten Frauen freigelassen werden.

Wesentliches zum Fall der Mauer trugen in der DDR die Kirchen bei, denn sie boten jenen einen Schutzraum, die gegen das System rebellierten. Der Satz Biermanns für die Revolution der Polen galt auch für die DDR: Besser Jesus im Herzen, als Marx im Arsch. Ebenso aber war es der Protest der Straße, samt einer kurzen aufkeimenden Hoffnung, es könnte ein anderes Deutschland geben. Diese Hoffnung war auf einer Illusion gebaut und auch mit demokratischen Mitteln, also durch freie und geheime Wahlen nicht herbeizuführen. Zu tief saß die Wut über alles das, was nur annähernd mit dem Begriff „Sozialismus“ konnotiert war. Dem konnte auch die in der DDR sich wieder etablierende und aus der Zwangskollektivierung sich befreiende Sozialdemokratie nichts entgegensetzen.

In fataler Umkehrung könnte man auch sagen, daß den Feinden einer gerechten und sozialen Gesellschaft nichts Besseres passieren konnte als der real existierende Sozialismus. In den Etagen Macht, in den Zentralen der Großkonzerne mit ihrem Shareholder-Value-Denken dürften schon lange die Sektkorken geknallt haben. Immerhin gab es bis 1989 einen – wenn auch schrecklichen, grausamen, aber in seiner Grausamkeit auch wieder gewünschten Widerpart: den real existierenden Sozialismus, der aber, wie Hermann L. Gremliza es für die BRD formulierte, eine gewisse Mäßigung bewirkte.

„Ich schätzte die Sowjetunion nicht wegen ihrer Nachteile, wie Planwirtschaft, Arbeitsplatzgarantie und festgeschriebener Einkommen, sondern wegen ihrer Vorzüge, wie Atomraketen, Panzerarmeen und riesiger Raketenkreuzer, die das einzige Mittel waren, den überbordenden Kapitalismus im Zaum zu halten und zu zivilisiertem Verhalten zu zwingen, aus reiner Angst“

Fatale Dialektik des Gesellschaftlichen. Im Kampf der Systeme siegte der Westen und mit dem Wegfall der Ostblock-Diktaturen und dem Zusammenbruch des Mutterlandes der Revolution war ein neuer Weg frei. Daß dieser Zusammenbruch einer bis in die Köpfe reichenden Diktatur sein Gutes hatte, steht außer Frage. Der 9. November 1989 brachte vielen Menschen Freiheit und zugleich einen tiefen Einschnitt in der Vita. Die Leerstellen, die entstanden und wo die Jugend, die in diesen Tagen aufwuchs, auf den Trümmern tanzte und in den Ruinen träumte und scheiterte, brachte Clemens Meyer in seinem wunderbaren Debüt- Roman in ein literarisches Bild.

Heiner Müller schreibt am 25. September 1992 in seinem in der „Frankfurter Rundschau“ erschienenen Text „Die Küste der Barbaren“:

„Ein Dokumentarfilm über Skinheads in Halle beginnt mit einer Sequenz, wo ein Junge in Bomberjacke und Springerstiefeln professionell und liebevoll nach dem Kochbuch vor der Kamera und für das Filmteam einen Napfkuchen bäckt. Sein Berufstraum war Bäcker und Konditor, und seine Chance auf eine Lehrstelle liegt im nächsten Jahrhundert. Nach dem Backen geht er uniformiert auf die Straße in der Neubauwüste Halle-Neustadt (der Städtebauer Ulbricht war stolz auf die längsten Langzeilen der Welt in diesem Viertel und in anderen Neubauvierteln, mit denen er, laut Auskunft seiner Witwe an den Architekten Henselmann während einer Mittelmeerrundfahrt mit dem Veteranendampfer VÖLKERFEUNDSCHAFT, dem deutschen Arbeiter das Flanieren beigebracht hat) und verwandelt sich im Kollektiv der anderen Arbeitslosen in ein Monster. In der Wohnung weint seine Mutter, ehemalige Lehrerin mit ehemaligem Glauben an die sozialistische Menschengemeinschaft DDR, jetzt Lohnsklavin für Neckermann irgendwo westlich der Elbe mit fünf Stunden Anfahrtsweg zur Arbeit und zurück, damit der Sohn ‚von der Straße bleibt‘

[…]

[Günter] Maschke sagte mir, aus der DDR-Revolution kann nichts werden, weil keine Leichen die Elbe hinabgeschwommen sind, von Dresden nach Hamburg. Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, warum Brecht die Bauernkriege für das größte Unglück der deutschen Geschichte hielt. Sie kamen zur Unzeit, mit ihnen wurde der Reformation gut protestantisch der Reißzahn gezogen. Auch die Gewaltfreiheit der DDR-‚Revolution‘ 1989, gesteuert und gebremst von (protestantischer) Kirche und Staatssicherheit, war ein deutsches Verhängnis. Jetzt steht der Sumpf: die Unsäglichkeit der Stasidebatten, Versuch, die Kolonisierten durch die Suggestion einer Kollektivschuld niederzuhalten. Der versäumte Angriff auf die Intershops mündete in den Kotau vor der Ware. Von der Heldenstadt Leipzig zum Terror von Rostock. Die Narben schrein nach Wunden: das unterdrückte Gewaltpotential, keine Revolution/Emanzipation ohne Gewalt gegen die Unterdrücker, bricht sich Bahn im Angriff auf die Schwächeren: Asylanten und (arme) Ausländer, der Armen gegen die Ärmsten, keinem Immobilienhai, gleich welcher Nation, wird ein Haar gekrümmt. Die Reaktion auf den Wirtschaftskrieg gegen das Wohnrecht ist der Krieg gegen die Wohnungslosen. Eine Fahrt durch Mecklenburg: an jeder Tankstelle die Siegesbanner der Ölkonzerne, in jedem Dorf statt der gewohnten Schreibwaren Mc Paper & Co. Im Meer der Überfremdung ist Deutschsein die letzte Illusion von Identität, die letzte Insel. Aber was ist das: deutsch.“

Diese Frage bleibt bis heute. Sie ist Stachel und Ansporn. Müller schreibt vom grassierenden Haß aufs Fremde nach Rostock-Lichtenhagen. Auch das gehört zur Einheit dazu. So wie sie viele Aspekte hat. Schöne und weniger schöne. Und manchmal muß der Betrachter an solchen Gedenktagen, bei aller Freude über diesen geglückten Tag, daß die Mauer ohne einen Tropfen Blut fiel, dennoch Wasser in den Wein kippen. Die Dialektik der Kritik besteht darin, dieses Wort im etymologischen Sinne und in seiner Bedeutung vom Griechischen her zu lesen: krínein nämlich, was „unterscheiden“ bedeutet. Gute wie auch schlechte Aspekte zu sichten und beides perspektivisch als unterschiedliche Hinsichten einer und derselben Sache zu betrachten. Es gibt am 9. November Gründe zu feiern und es gibt Gründe zur Skepsis. Vielleicht gerät diese Bewegung des Denkens – in einem Rechtsstaat immerhin, wenn auch teils mit Tücken und Lücken, aber auch das ist als Errungenschaft nicht wenig! – zum sich vollbringenden Skeptizismus. Ohne Geschichtstelos, denn Geschichte ist ein offener Prozeß. Und dennoch wäre ohne das eschatologische und versöhnende Motiv alles Pragmatische ein Nichts. Eingedenk dessen, daß es kein richtiges Leben im falschen gibt und daß doch auch jenes Leben eines ist, das in seinem bescheidenen Horizont dennoch zu einem Teil auch ein gelingendes Leben sein kann. Der Fall der Mauer trug, trotz  mancher Tücken und mancher Verwerfungen, dazu bei, eine blutige Diktatur zum Fall zu bringen.

 

[Die beiden Photographien stammen aus dem Jahr 2014, als aus Luftballons symbolisch die Mauer nachgebaut wurde. Diese Ballons stiegen zu der Uhrzeit in den Himmel, als das Günter Schabowski jenen Worte sprach – so zumindest meine ich mich zu erinnern.]

Die Familie Brasch – 30 Jahre keine DDR (2). Die Tonspur zum Sonntag

Unbedingt sei den Leserinnen und Lesern diese Dokumentation zur Familie Brasch ans Herz gelegt. Untertitel: „Eine deutsche Geschichte“. Und eine solche deutsche (Familien)Geschichte ist es in der Tat, darin sich die verhängnisvolle Geschichte Deutschlands spiegelt: mal heiter, oft traurig. Es ist zugleich die Geschichte eines aus Nazi-Deutschland vertriebenen Juden, nämlich Horst Brasch, Vater unter anderem des Schriftstellers und Filmemachers Thomas Brasch. Horst Brasch gelangte 1939 mit den Kindertransporten nach England und konnte derart der Vernichtung durch die Deutschen entkommen. Er wollte nach der Befreiung Deutschlands durch die westlichen Alliierten und die Sowjetunion ein anderes, ein besseres Deutschland schaffen. Damit das nie mehr wiederkehrt, denn der Schoß ist fruchtbar noch – bis heute. Und daß da zum Ende des Krieges ein Land namens Deutsche Demokratische Republik aus den Trümmern von Faschismus, Judenmord und Verbrechen erwuchs: aufrechte Antifaschisten traten an, es diesmal anders zu machen. Künstler wie Alfred Döblin und Bert Brecht, Stefan Heym folgten. Aber was geglaubt und was dann am Ende realisiert wurde, ist oft zweierlei. Brecht faßte dies in einem klugen Gedicht in lehrhafte Worte:

Ihr, die ihr auftauchen werdet aus der Flut
In der wir untergegangen sind
Gedenkt
Wenn ihr von unseren Schwächen sprecht
Auch der finsteren Zeit
Der ihr entronnen seid.

Gingen wir doch, öfter als die Schuhe die Länder wechselnd
Durch die Kriege der Klassen, verzweifelt
Wenn da nur Unrecht war und keine Empörung.

Dabei wissen wir ja:
Auch der Haß gegen die Niedrigkeit
Verzerrt die Züge.
Auch der Zorn über das Unrecht
Macht die Stimme heiser. Ach, wir
Die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit
Konnten selber nicht freundlich sein.

Ihr aber, wenn es soweit sein wird
Daß der Mensch dem Menschen ein Helfer ist
Gedenkt unsrer
Mit Nachsicht.

So schrieb Bert Brecht „An die Nachgeborenen“, und das, was im Gedicht, auch in den vorhergehenden Strophen, gedichtet wurde, muß man historisch im Hinterkopf behalten, wenn man die DDR und das, was da war, verstehen will. Eine Diktatur, ohne Meinungsfreiheit und bürgerliche Rechte und zugleich der Versuch, eine gerechte Gesellschaft ohne Ausbeutung zu schaffen.

Die Dokumentation (in der Mediathek leider nur noch bis zum 16.10.) erzählt die Geschichte des Vaters Horst Brasch (1922-1989), der Mutter Gerda (1921-1975), der Söhne Thomas, Klaus und Peter Brasch sowie der Tochter Marion Brasch (1961). Davon der bekannteste Sohn eben der Schriftsteller und Filmemacher Thomas ist (1945–2001). Klaus Brasch (1950-1980) kennen manche aus dem großartigen DEFA-Spielfilm „Solo Sunny“, Peter Brasch (1955-2001) dürfte wenigen nur als Schriftsteller, Dramaturg und Autor von Kinderhörspielen bekannt sein. Sein Roman „Schön hausen“, im April 2019 im Eulenspiegel Verlag wieder aufgelegt, dürfte neu zu entdecken sein – auch im Kontext der Wenderomane scheint mir dieses Buch literaturästhetisch bedeutsam.

Horst Brasch mußte die Wende nicht mehr erleben, sehr wohl aber all die Zerwürfnisse mit seinen Söhnen: als linientreuer Parteisoldat zeigte er seinen Sohn Thomas bei den Oberen an, als dieser zusammen mit Florian Havemann, Bettina Wegner und vielen anderen gegen die Einmarsch der Sowjets in die CSSR  protestierte, Flugblätter verteilte und Protestparolen an die Wand schrieb. Ebenso schickte er die Klagebriefe, die sein Sohn Thomas aus der Kadettenanstalt an den Vater schrieb, an den Ausbilder von Thomas. Funktionäre müssen funktionieren. Man wollte schließlich das bessere.

Anetta Kahane (ebenfalls ein Kind jüdisch-kommunistischer Emigranten und in den 1970er Jahren IM bei der Staatssicherheit) schrieb: „Zu den Feinden der DDR gehören in erster Linie Klaus Brasch und Thomas Brasch.“ All das im Hinterkopf geraten solche Szenen vertrackt. Einfach ist es nicht. Was tat man aus Überzeugung, was aus Opportunismus? Liest man Thomas Braschs „Vor den Vätern sterben die Söhne“ (1977 bei Wagenbach erschienen, ein Jahr nach Braschs Ausreise nach West-Berlin), so ist dies ein zutiefst kritisches Werk zwar, aber es klagt nicht die DDR im ganzen an und ist in diesem Sinne kein Dissidenten-Buch.

Lebenswege fallen unterschiedlich aus. Diese Dokumentation zeigt zwar nicht im Detail den Werdegang jedes einzelnen Familienmitglieds nach, sondern eher bestimmen skizzenhafte Konturen das Bild. Aber gerade darin, in den Skizzen dieser deutsch-deutschen Tragik zeigt sich das Wesentliche: daß da ein Staat antrat, es anders zu machen und das Rad der Geschichte anzuhalten oder wie es Wladimir Majakowski im „Linken Marsch“ dichtete:

Entrollt euren Marsch, Burschen von Bord!
Schluß mit dem Zank und Gezauder.
Still da, ihr Redner!
Du
hast das Wort,
rede, Genosse Mauser!
Brecht das Gesetz aus Adams Zeiten.
Gaul Geschichte, du hinkst …
Woll’n den Schinder zu Schanden reiten.
Links!
Links!
Links!

Dies aber konnte nicht gelingen. Nicht so. Aporie der Utopie. Und deshalb eben, weil diese sich perpetuierenden Widersprüche nicht einfach dialektisch sich auflösen lassen, sondern mit der unvermeidlichen Gewalt und dem Terror konnotiert sind, scheitert die Revolution, frißt sie ihre Kinder, und es kamen nach Prag über Nacht die Panzer. Die antifaschistischen Emigrantenkinder ahnten dies: das, was ihre Väter besser machen wollten, mißlang. Sie probten, nicht anders als jene Bürgerkinder im Westen, den Aufstand gegen ihre Eltern. Und im Kampf der Geschichte, auch gegen den Westen, fielen manchmal die Mittel der Regierenden, die antraten, die Arbeiterklasse zu vertreten, hart aus. Was aber bleibt, stiftete die Kunst der DDR: sie erzählt, sie zeigt. Spannend vor allem zu sehen, wie Kunst ästhetisch die Widersprüche in Prosa oder Bild faßte  – seien das die widerständigen Autoren wie Günter Kunert, Kunze, Huchel, Biermann, Christa Wolf zum Teil, Thomas Braschs DDR-Buch „Vor den Vätern sterben die Söhne“, die großartige Brigitte Reimann mit „Franziska Linkerhand“ oder aber Wolfgang Hilbig, aber auch Autoren, die diesem Staat  nahestanden – Hermann Kant oder der ambivalente und unbedingt lesenswerte Peter Hacks sind da zu nennen.

Die Geschichte der Familie Brasch jedoch bietet ein besonderes Drama, in dem sich Privates und Politisches auf unheilvolle Weise verquicken: Widerstand und ein neues Deutschland, doch Genosse Funktionär kann mit drei rebellischen Söhnen nicht funktionieren und so wird Horst Brasch nach jenem Thomas-Desaster des August 68 in die Parteischule nach Moskau weggelobt. Vordergründig als Auszeichnung deklariert, tatsächlich aber ist es eine Strafe. Immerhin gibt es das Hotel Lux nicht mehr, in dem deutsche Genossen auf Stalins Geheiß auf Nimmerwiedersehen verschwanden.

Es zeigt diese Dokumentation das Nicht-Ankommen jener rebellischen Funktionärskinder: wie sich Konflikte zuspitzen, wie aus jungen Menschen, die dem Projekt DDR im Grunde nicht abgeneigt waren, am Ende Abtrünnige wurde, wie eines der Kinder dem Land den Rücken kehrte und wie Thomas in Reformen keinen Sinn mehr sah. Die einzige „brave“, die es schaffte, die es überlebte und weiterlebte, ist Marion Brasch. Ihre Familiengeschichte findet sich in dem wunderbaren, großartigen Buch „Ab jetzt ist Ruhe. Roman meiner fabelhaften Familie“ – und gerne ließen sich hier noch ein paar weitere Superlative zu diesem Buch hinzufügen.

Und es handelt diese Geschichte ebenso von jenen heißen und liebenden Herzen, die verglühten, die verblühten und im Zorn der Tage, im Strom des Alltags, in den Unverzeihlichkeiten sich zerrissen und zerstritten. Unheilbar – dabei haben wir doch nur ein einziges Leben und kein zweites, um es noch einmal zu probieren. Da geht der Riß durch Familien und Freunde. Aus Zorn und produktiver Wut wird Verbitterung und nach dem Fall der Mauer bei Thomas Brasch ein Schweigen. Ein sprachlos bleibender Vater, der auf die Fragen des Sohnes Thomas nichts zu entgegnen wußte. Ein Streit, der nie mehr zu klären ist, und vielleicht als einzige Hoffnung darin zu lesen, daß Marion Brasch aus all dem halbwegs heil herausgekommen zu sein schien und über diese Geschichte ein solch feines Buch schrieb. Mehr wäre davon zu erzählen. Eine großartige Dokumentation über eine deutsche Familie: über solche, die das bessere, das andere Deutschland wollten.

„Ab jetzt ist Ruhe“ war das Machtwort, das damals die Mutter sprach, wenn die Brasch-Kinder abends zur Schlafenszeit im Kinderzimmer noch zankten. In ihrem Epilog zum Roman, der eine Biographie ist, beschreibt Marion Brasch eine Fahrt zu den drei verschiedenen Friedhöfen, wo die Familienmitglieder verstreut liegen. Thomas Brasch auf dem berühmten, da wo all die anderen lagen: von Fichte und Hegel, über Brecht, Weigel und Heiner Müller, dann ein abgelegener Friedhof, wo Peter und Klaus gemeinsam ruhten, wie man so schön sagt, und schließlich die Fahrt zur Gedenkstätte der Sozialisten in Friedrichsfelde:

„Schließlich fuhr ich zum Friedhof, auf dem meine Eltern lagen, und als ich an ihrem Grab stand, wartete ich wieder auf einen Gedanken. Er kam. Abwesend, dachte ich. Jetzt seid ihr alle abwesend. Das ist traurig, doch es hat auch was Gutes: Ihr könnt mir nicht mehr verlorengehen, weil ich euch schon verloren habe. Ich legte die letzte Rose auf das Grab meiner Eltern. Ich habe euch lieb, sagte ich. Und ab jetzt ist Ruhe.“

 

 

Literatur und Wendetext – 30 Jahre keine DDR, 30 Jahre Mauerfall

Ein Glück, so muß man dazu schreiben, ist das Scheißding weg und im nachhinein ging jene Parole „Nie, nie, nie wieder Deutschland!“, wie es eine bestimmte Linke dachte oder auf Demos rief, gründlich an der Sache vorbei. 40 Jahre BRD und 40 Jahre DDR waren eben in ihrer Vereinigung nicht einfach, wie simpel assoziiert werden sollte, Großdeutschland (davon einmal ab, daß ein Sozialstaat in der Regel an einen Nationalstaat gebunden bleibt) – trotz erheblicher Probleme, nicht nur, was die Ökonomie betraf, sondern auch weil die Vereinigung zu großen Teilen ein Anschluß war, wenn auch von vielen Menschen eben ein gewollter. Daß dieses Scheißding weg ist, daß ein antiquierter Bespitzelungsapparat zugrunde ging, der noch bis tief ins Privatleben seiner Bürger blickte, die sinnvolle Trennung zwischen Öffentlichem und Privaten aufhob – denn das Private ist eben nicht per se politisch – und in die Kleiderschränke seiner Bürger schnüffelte, haben wir unter anderem den vielen unterschiedlichen Bürgerrechtsgruppen und der mächtigen Leipziger Montagsdemonstration vom 9. Oktober 1989 zu verdanken. Beeindruckende Bilder, die damals über die Bildschirme gingen, und noch heute können jene, die an diesen Protesten teilnahmen stolz darauf sein, einer Diktatur das Rückgrat gebrochen zu haben.

Von diesem Augenblick war klar, daß die Machthaber keine chinesische Lösung wagen würden, daß die Diktatur zu ihrem Ende gekommen war und all der rote Terror nichts mehr half. Alle Versprechungen der Welt, die die neuen Oberen der DDR abgaben, nützten nichts. Bewegend bis heute, daß da ein paar hunderttausend Menschen friedlich mit Macht und Masse einen Systemsturz begannen, einen Aufstand gegen das Regime von Verbrechern. Und es war insofern eine friedliche Revolution, weil das Volk seine Unterdrücker nicht an der nächsten Laterne aufhängte oder nach dem Umsturz das übliche Tribunal der Hinrichtungen veranstaltete.

Unerfüllbar aber blieb ebenso die Hoffnung, daß es nach § 146 Grundgesetz der BRD eine neue Verfassung gäbe, darin auch soziale Rechte neu verankert werden. Oder aber die Hoffnung auf einen dritten Weg, wie ihn manche gerne hätten – eine Vereinigung mit Verzögerung vielleicht, wie ihn die SPD unter ihrem Kanzlerkanditen Oskar Lafontaine andachte. Aber wer weiß schon, was und wie die geschichtliche Gunst der Stunde einen Monat später schlägt? „Kommt die D-Mark, bleiben wir, kommt sie nicht, geh’n wir zu ihr!“ So gingen die Chöre, und mit Ablehnung kann man keinen dritten Weg machen. Nicht wenn es ein paar tausend Menschen sind, die anderes wollten. Da halfen auch die Reden auf dem Alexanderplatz vom 4. November nichts. Die übrigen Bewohner dieses bald ehemaligen Landes hatten, verständlicherweise, den Sozialismus und das nächste Experiment am offenen Herzen bitter satt. Daß nicht alles am schönen Schein des Kapitalismus Gold und daß Gold häufig ein Haufen Scheiße war, mußten viele Menschen erst später feststellen: als aus „VEB“ in der Abwicklung der Resterampe „Vatis ehemaliger Betrieb“ wurde. Egal wie also: es gab keine Chance. Nutze es auf deine Art.

Einige taten es, gingen in den Westen, wie die hübsche Susanne aus dem Rostocker Plattenbau, und es entstanden jene nicht immer herrlichen Leerzonen in den Städten und Dörfern der nun ehemaligen DDR: Als wir träumten. Was für junge Leute der wilde Tanz in den Ruinen war, bedeutete für viele Ältere dann den Abbruch und die restlose Entwertung der eigenen Lebenswelt. Doch der Immanenz-Zusammenhang eines mehr oder weniger funktionierenden Systems war stärker. Es zog die Menschen fort aus einer Diktatur – mehr als verständlich. So bleibt am Ende nur die Kritik, die man aus den Ruinen der Kritischen Theorie heraus betrieb – und selbst die verschwand in den 1990er zugunsten eines vermeintlichen Neuanfangs, zugunsten eines Aufbruchs im Zeichen von Internet, neuer Technik. Berlin und Leipzig tanzten auf dem Vulkan. Nachtpforte Grandhotel Abgrund. Und als solches Grandhotel Abgrund begriff und begreift sich dieser Blog immer schon, seit seiner Gründung 2009. In seiner geräumigen Wohnung mit 90 qm, wo der Autor mit kaltem Blick sitzt und die Paare und die Passanten dieser einst geteilten Stadt gallig beobachtet wie andere ihre Käfer. Klippen aus Märkischem Sand. Kein Zynismus – wozu auch? Dafür ist diese Angelegenheit zu vielschichtig.

Am Ende solcher Umbrüche – war es eine Revolution? Ich würde sagen ja und nein – ist ein Habermassches Prozedere des Rechtsstaates, wie er dies 1992 dann in „Faktizität und Geltung. Beiträge zur Diskurstheorie des Rechts und des demokratischen Rechtsstaates“ aufschrieb, allemal humaner als eine blutige Revolution, die noch das bestehende Rechtssystem mit hinabreißt. Zum Glück fiel sie mangels Masse und Mensch aus und mangels Bewußtsein in einem vielleicht doch irgendwie guten Sinne war sie als gute Revolution nicht durchführbar, auch weil es in der BRD erhebliche Kreise gab, die wollten, daß für sie alles so bleibt, wie es war. Und lieber 1.000 Arbeitsplätze im Osten gestrichen, wie in Bischofferode, als 1.000 im Westen, so dachten Wirtschaft und Gewerkschaft Hand in Hand. Die Aufstände dagegen blieben immer nur lokale Revolten, meist hilflos. Immanenz frißt Träume. Weg der kleinen Schritte und lange Märsche durch Institutionen. Was von 1968 blieb? Rita Süssmuth, so antwortete Habermas süffisant. Was bleibt von 1989? Vieles ungelöst, viele Konflikte.

Habermas also war es, der 1992 das Buch, fast hätte ich gesagt den Roman zur Wende schrieb. Doch er ist kein Literat und „Faktizität und Geltung“ kein Roman, sondern die harte philosophische Arbeit des Begriffs. Mit seiner Analyse zum Prozedere des Rechtsstaates ist Habermas einer der bedeutenden und wichtigen Intellektuellen. Nicht nur der BRD. Was nicht bedeutet, ihn nicht um andere Perspektiven zu ergänzen.

Aber es soll hier um Literatur gehen, und es wird dies kein Text über politische Theorie und keiner über die Notwendigkeit des Rechtsstaates oder wenn, dann bloß indirekt, sofern einem womöglich beim Nachdenken über Literatur jenes bekannte Böckenförde-Theorem in den Sinn kommt, daß nämlich „[d]er freiheitliche, säkularisierte Staat […] von Voraussetzungen [lebt], die er selbst nicht garantieren kann.“

Und weiter heißt es im Text:

„Das ist das große Wagnis, das er, um der Freiheit willen, eingegangen ist. Als freiheitlicher Staat kann er einerseits nur bestehen, wenn sich die Freiheit, die er seinen Bürgern gewährt, von innen her, aus der moralischen Substanz des einzelnen und der Homogenität der Gesellschaft, reguliert. Andererseits kann er diese inneren Regulierungskräfte nicht von sich aus, das heißt mit den Mitteln des Rechtszwanges und autoritativen Gebots, zu garantieren suchen, ohne seine Freiheitlichkeit aufzugeben und – auf säkularisierter Ebene – in jenen Totalitätsanspruch zurückzufallen, aus dem er in den konfessionellen Bürgerkriegen herausgeführt hat.“
(Ernst Böckenförde, Die Entstehung des Staates als Vorgang der Säkularisation)

Was haben diese Sätze mit Literatur zu tun? Viel, denn auch Literatur ist solch eine Möglichkeit, Gemeinsames zu stiften – selbst in schärfster Differenz und indem Kunstwerke sich hermetisch einem unmittelbaren Zugriff entziehen. Gemeinsames kann eben auch sein, die Arbeit an der Sache und die gründliche Lektüre eines Werkes auf sich zu nehmen und die eigenen Referenzhorizonte über Bord zu werfen. Zwar impliziert dieses Schreiben von Autoren keine einheitliche Sicht auf dieses ehemals zerrissene Land, auf seine Verwerfungen und Möglichkeiten – man lese nur von Günter Grass „Ein weites Feld“ über Clemens Meyers großes und großartiges Debüt „Als wir träumten“, über Tellkamps souverän erzählte Geschichte von Dresden in „Der Turm“ bis zu Thomas Brussigs herrlich-lustigem „Helden wie wir“, wo ein junger Mann die Mauer mit seinem Schwanz zum Einsturz bringt, um die Unterschiede zu verstehen.

In aller Differenz jedoch vergewissert sich diese Literatur in den verschiedenen Ausfaltungen und in unterschiedlicher ästhetischer Form einer gemeinsamen Sache, die alle teilen: daß wir, als Deutsche, Bewohner dieses Landes sind, mit unterschiedlichen Geschichten, mit allen Tücken, allem Guten, allem Schlechten, und man kann literarisch eben auch mit hinzunehmen, daß in der BRD und ebenfalls in der damaligen DDR viele Menschen leben, die nicht über Generationen geburtsdeutsch sind, die als „Gastarbeiter“ kamen, Fremde Heere Ost, und die also diese Einheit womöglich mit anderen Augen betrachteten. Warum sollte sich eine Vertragsarbeiterin aus Vietnam, die Kleider in der Fremde näht, warum sollte ein Fabrikarbeiter aus Mosambik, ein junger Türke aus Neukölln, dessen Deutsch eher rudimentär ist, sich freuen, daß die Mauer fällt? Wer arbeitet, kann kaum Literatur schreiben. Wer auf der Straße lungert, benutzt andere Ausdrucksmöglichkeiten. Hier mag es literarischen Nachholbedarf geben, um ebenso andere Blickweisen in Literatur hinzubekommen.

Literatur freilich und die Weise, über diese Dinge eine gelungene Geschichte zu fabulieren, schafft insofern ein Gemeinsames, da jeder in seiner Form erzählen kann. Das Zauberwort ist Pluralität und die dazu gehörend Perspektivität – was nicht mit Relativismus gleichzusetzen ist. Dieses Plurale findet auf dem Boden einer gemeinsamen Anstrengung statt: nämlich, was da 1989 geschah, zu erzählen, vielleicht auch zu begreifen. Das also, was für viele Menschen eine Freude und eine Befreiung von der Diktatur war, was für andere einen Bruch im Leben bedeutete, für andere Chance und Öffnung, für wieder andere Abstieg und Verlust, Angst, Leid oder Freude oder die Umpolung einer politischen Landschaft, und zwar nicht einfach als Dokument oder als oral history, sondern in der Kunst in eine bestimmte Form gebracht – sei es Prosa, sei es Lyrik oder dramatische Dichtung. Für all diese Facetten müssen und werden Geschichten erfunden, literarische Bilder. In diesem gut hegelianischen Sinne ist die Kunst ihrer Zeit immer auch der Ausdruck einer Gesellschaft ihrer Zeit. In anderer Weise und in implizitem Rekurs auf Hegel schrieb Marx:

„Die griechische Kunst setzt die griechische Mythologie voraus, d.h. die Natur und die gesellschaftlichen Formen selbst schon in einer unbewußt künstlerischen Weise verarbeitet durch die Volksphantasie. Das ist ihr Material. Nicht jede beliebige Mythologie, d.h. nicht jede beliebige unbewußt künstlerische Verarbeitung der Natur (hier darunter alles Gegenständliche, also die Gesellschaft eingeschlossen).

[…]

Ist Achilles möglich mit Pulver und Blei? Oder überhaupt die »Iliade« mit der Druckerpresse oder gar Druckmaschine? Hört das Singen und Sagen und die Muse mit dem Preßbengel nicht notwendig auf, also verschwinden nicht notwendige Bedingungen der epischen Poesie?

Aber die Schwierigkeit liegt nicht darin, zu verstehn, daß griechische Kunst und Epos an gewisse gesellschaftliche Entwicklungsformen geknüpft sind. Die Schwierigkeit ist, daß sie für uns noch Kunstgenuß gewähren und in gewisser Beziehung als Norm und unerreichbare Muster gelten.“

Damals zumindest. Doch das Damals und die marxsche Frage nach dem sozialen Kontext von Kunst reichen bis in die Gegenwart. Als eine Art melancholisches oder auch nüchternes Fragen nach dem Bestand skizzierte es Ernst Jünger und pointierte dessen Marx-Satz in seinem Tagebuch „Siebzig verweht“ 1997 so:

„Ist eine Ilias möglich mit Schießpulver?“

Was also setzt die kapitalistische, die liberale, die sozialistische Literatur der damaligen, der untergehenden DDR voraus? Welche Literatur liefert uns der Stand der Produktivkräfte im Blick auf die Gegenwart und im Rückblick, nach 30 Jahren? Welche Literatur beschreibt den Stand der Produktivkräfte und das „literarische Feld“? Internet und Handys waren noch nicht verbreitet, als jene Menschen auf der Straße ihre friedliche Revolution machten. Wie hätte dieser Sturz der DDR mit dem Internet in Begleitung und mit Twitter ausgesehen? Hypothetische Fragen zwar, aber sie weisen zumindest darauf, daß dieses Gesellschaftliche einen Raum benötigt, den die Literatur zu liefern vermag, auch im Sinne einer Selbstreferentialität, indem die eigenen Bedingungen noch mit in die Reflexion geraten – aber das sind dann wiederum Fragen des ästhetischen Programms und wie diese Dinge dann in der Form konkret eingelöst werden.

Auch wir wissen, was passiert, wenn eine Gestalt des Lebens alt geworden. Die Philosophie mag ihr Grau in Grau malen und zum Erkennen ist in der Tat ein gewisser Abstand nötig, um nicht allzusehr mit dem vermeintlich Unmittelbaren und mit den Tagesresten behaftet zu sein. Das ist selbst beim literarischen Schreiben manchmal der Fall und auch hier kann Distanz helfen – Clemens Meyer zeigte es mit seinem 2006 erschienenen Debütroman „Als wir träumten“: eine Jugend zur Wende in Leipzig und in den 1990er Jahren in Freiheit und zugleich in Chaos, zwischen Neonazi-Skins, Alkohol, Drogen und einer Ordnung, die wegbrach. Alte Autoritäten, selbst die eigenen Eltern, waren abgestellt und wirkten angesichts ihrer neuen Machtlosigkeit lächerlich. Alles war möglich, wenig gelang. Die Träume waren auf den Augenblick gestellt, doch der verging.

Die gelungensten Wenderomane entstanden nicht im unmittelbaren Reflex um die frühen 1990er herum, aber ein Roman, der sich 100 Jahre später mit der Wende befaßt, ist eben kein Roman mehr für Zeitgenossen, die über die Wende lesen, so wie Kehlmanns „Tyll“ nur bedingt als Historienroman über den 30jährigen Krieg durchgeht. Doch diese unsere Vergangenheit der Jahre um 1989 ist, um ein Wort aus Faulkners „Requiem für eine Nonne“ zu gebrauchen, später von Christa Wolf als Zitat wieder aufgegriffen, noch lange nicht vorüber:

„Die Vergangenheit ist nicht tot; sie ist nicht einmal vergangen. Wir trennen es von uns ab und stellen uns fremd.
Frühere Leute erinnerten sich leichter: eine Vermutung, eine höchstens halbrichtige Behauptung. Ein erneuter Versuch, dich zu verschanzen. Allmählich. über Monate hin, stellte sich das Dilemma heraus: sprachlos bleiben oder in der dritten Person leben, das scheint zur Wahl zu stehen. Das eine unmöglich, unheimlich das andere.“

Was Wolf in „Kindheitsmuster“ (1976) zum Auftakt ihres Romans bemerkt, gilt bis hinein in die Gegenwart, wenn wir über jene Wende-Jahre nachdenken. Von der Malerei her übrigens ist dieser Blick auf Zeit genial und gut in Leipzig in Ausstellung gebracht, nämlich im „Museum der bildenden Künste“ präsentiert als „Point of no return. Wende und Umbruch in der ostdeutschen Kunst“. Eine plurale, anregende, vielschichtige und vor allem die Kunst der DDR nicht denunzierende Sicht auf jene Jahre.

Auch Literatur formuliert ihre Perspektiven, und inzwischen gibt es eine Vielzahl von Büchern, die die Wende und die Zeit danach zum Thema haben. In unterschiedlichen Ausfaltungen, kritisch im Hinblick auf expandierende Nazis von Manja Präkels „Als ich mit Hitler Schnappskirschen aß“ oder Wendejahre aus dem Blick der Zeit heraus und nahe am Pop-Ton wie in Peter Richters „89/90“ oder Lutz Seilers Hiddensee-Aussteiger zu Wendetagen im wunderbar melancholischen „Kruso“. Sehr unterschiedliche Töne.

„Wir wollten Gerechtigkeit und bekamen den Rechtsstaat.“ Das mag aus dem Blick der Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley, die in der DDR schärfsten Repressalien bis hin zum Gefängnis ausgesetzt war, eine hohe Berechtigung besitzen. Ein Rechtsstaat mit seinem Procedere tickt jedoch anders. Literatur aber kann solche Frage nach dem Gerechten, dem Guten, dem Heillosen, den Aporien, der Schönheit und dem Schrecken stellen. Prosa und Poesie können Perspektiven zuspitzen, Binnensichten liefern, die nicht die unseren sind. Und wir als Leser können fragen, ob das ästhetisch und damit literarisch gut gemacht ist oder vielleicht doch nur in einer Sprache, die auf einen politischen Effekt zielt oder eher konventionell uns eine Geschichte berichten will. Inhalt und Form bedingen sich, aber neue Formen können neue Inhalte und damit neue Perspektiven etablieren, womit ebenso die Frage nach einem literarisch gewagten und avancierten Schreiben sich stellt. Auch die Frage nach der ästhetischen Intensität steht damit im Raum: wie eine Figur und dessen Innenleben in eine gekonnte Darstellung bringen?

In diesem Sinne möchte ich demnächst hier eine kleine Serie mit Blick auf einige Romane starten, die man wohl mit einigem Fug und Recht als Wenderomane bezeichnen kann. Dazu gehören in jedem Fall die hier im Text genannten Romane und eine Vielzahl mehr, wie etwa Eugen Ruges „In Zeiten abnehmenden Lichts“, Erich Loests „Nikolaikirche“. Selbst Bücher wie Clemens Meyers „Im Stein“ zählen vom Sujet her indirekt noch zu diesem Kanon der Wendeliteratur, stehen sie doch in einem engen Kontext zu jenen Umbrüchen, obgleich man dieses Buch sicherlich nicht als typischen Ost-Roman bezeichnen kann. Mal sehen, ob ich es schaffe, diese Serie mit ein paar Skizzen und Kritiken zu füllen. Die Auswahl erfolgt nach subjektiven Gesichtspunkten.

25 Jahre keine DDR: „Für unser Land“

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„Unser Land steckt in einer tiefen Krise. Wie wir bisher gelebt haben, können und wollen wir nicht mehr leben. Die Führung einer Partei hatte sich die Herrschaft über das Volk und seine Vertretungen angemaßt, vom Stalinismus geprägte Strukturen hatten alle Lebensbereiche durchdrungen. Gewaltfrei, durch Massendemonstrationen hat das Volk den Prozeß der revolutionären Erneuerung erzwungen, der sich in atemberaubender Geschwindigkeit vollzieht. Uns bleibt nur wenig Zeit, auf die verschiedenen Möglichkeiten Einfluß zu nehmen, die sich als Auswege aus der Krise anbieten.

Entweder

können wir auf der Eigenständigkeit der DDR bestehen und versuchen, mit allen unseren Kräften und in Zusammenarbeit mit denjenigen Staaten und Interessengruppen, die dazu bereit sind, in unserem Land eine solidarische Gesellschaft zu entwickeln, in der Frieden und soziale Gerechtigkeit, Freiheit des einzelnen, Freizügigkeit aller und die Bewahrung der Umwelt gewährleistet sind.

Oder

wir müssen dulden, daß, veranlaßt durch starke ökonomische Zwänge und durch unzumutbare Bedingungen, an die einflußreiche Kreise aus Wirtschaft und Politik in der Bundesrepublik ihre Hilfe für die DDR knüpfen, ein Ausverkauf unserer materiellen und moralischen Werte beginnt und über kurz oder lang die Deutsche Demokratische Republik durch die Bundesrepublik vereinnahmt wird.

Laßt uns den ersten Weg gehen. Noch haben wir die Chance, in gleichberechtigter Nachbarschaft zu allen Staaten Europas eine sozialistische Alternative zur Bundesrepublik zu entwickeln. Noch können wir uns besinnen auf die antifaschistischen und humanistischen Ideale, von denen wir einst ausgegangen sind. Alle Bürgerinnen und Bürger, die unsere Hoffnung und unsere Sorge teilen, rufen wir auf, sich diesem Appell durch ihre Unterschrift anzuschließen.

Berlin, den 26. November 1989

Diesen Aufruf, der im Prozeß der sich abzeichnenden Vereinigung von DDR und BRD die Vorstellung eines dritten Weges ins Spiel brachte, wurde von  31 DDR-Bürgern ins Leben gerufen. Als Christa Wolf bei einem Besuch in Leipzig die Parole Deutschland, einig Vaterland und Wir sind ein Volk hörte, unterzeichnete auch sie.

Das Oder ist eingetreten. Eine sozialistische Alternative gab es (leider) nicht. Angst essen Seele auf und Geld frißt alles und jede Regung. Wer meint, es existierte irgendwo ein Refugium, sei es auch nur im Innern, in der stillen Kammer oder im Denken, das vom System der Waren verschont bliebe, der irrt. Kein Ort, nirgends. Dies klingt hoffnungslos. Und genau so ist es auch gemeint. Allenfalls sind die kleinen Schritte denkbar. Tücken und List, die das eine oder andere zum Fortschritt wenden. Ob es sich freilich, wie Hegel in seiner „Phänomenologie des Geistes“ annahm, um eine solche der Vernunft handelt, darf bezweifelt werden. Aber wie es auch sich drehen mag, die Prozesse der Geschichte erinnern mich eher an Walter Benjamins dialektisches Bild vom Engel der Geschichte als an Emanzipation -ein immer schneller voran rasender Zug, der durch keine Notbremse mehr in den Stillstand gebracht werden könnte:

„Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muß so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.“ (Walter Benjamin, Über den Begriff der Geschichte)

Abwesenheitsnotiz – 13. August 1961

Tonspur zum Sonntag – 13. August 1961: so wollte ich ursprünglich diesen Beitrag samt dieses Videos nennen, aber am Ende erschien es mir doch zu zynisch, denn die Opfer an der Grenze sind real; es war dies kein Ulk und kein Karneval. Lustig ist dieses Stückchen dennoch und der Text dazu nicht einmal völlig falsch. Die ganze Absurdität ist im Grunde großartig. Zugleich müßte dieses Video mit einem die Satire erklärenden Kommentar versehen werden, weil ansonsten die Empörung der sogenannten rechtschaffenen Menschen einsetzt. Aber nach einer Litanei von Erläuterungen ist es eben keine Satire mehr. Ja, empört Euch. Doch an der richtigen Stelle. Über die sogenannte Mauer, über die Opfer im Todesstreifen empörtet Ihr Euch seit Jahrzehnten, regtet Euch auf. Das fiel leicht.  Wer jedoch vom Kapitalismus nicht reden will, der soll auch bei den Mauertoten und bei denen, die im Stasiknast gebrochen wurden oder einfach verreckten, die Klappe halten. Am Samstag soll in Berlin eine oder fünf oder was was ich wie lange Minuten geschwiegen werden. Als ob nicht genug geschwiegen wird über ganz andere Dinge. Es sind diese Rituale so verlogen, daß einer kotzen möchte.

Wir danken im Rahmen dieses 13. August  insbesondere den Grenzschützern von Frontex, welche den Zugang nach Europa regeln und die inzwischen viel gelernt haben,  ihr Handwerk auf eine sehr viel subtilere Weise betreiben als die Postengänger und deren Befehlshaber. Wir danken ihnen für ihren unermüdlichen, natürlich auf der Basis des Rechts abgesicherten Einsatz. So muß man es nämlich machen, liebe untergegangene DDR, ohne viel Aufsehen und ohne große Worte, unter der Beibehaltung der Illusion, daß hier die Medien frei über alles berichten können. Sandmann, lieber Sandmann. Daß diese Medien es natürlich nicht tun und ein absaufendes oder von der Marine aufgebrachtes Boot im Mittelmeer mit mehreren Toten kaum eine Spaltennachricht wert ist: da muß man schon sagen: Gute Leistung. Die Grenztruppen der DDR waren gegen Euch Lappen. Über Euch aber berichtet keiner. Ihr tötet still und leise, durch Unterlassen zum Beispiel, alles zu unserem Segen. Doch auch Ihr seid nur Büttel, Vollzugsorgane, das klingt so abstrakt und unsinnlich wie Geschlechtsorgane; und trotzdem seid Ihr Fleisch von ihrem Fleisch. Ihr tut das für unsere gut gedeckten Tische.

Aber wie sprach schon Karl Valentin: Wie gut, daß in der Zeitung immer genau das drinnen steht, was in der Welt geschieht, kein Jota mehr, keines weniger.

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Ansonsten kündige ich an, daß ich zwei Wochen im Urlaub bin. Einmal wieder geht es durch Deutschland, unsere Heimat; diesmal reise ich in das schöne Elsaß, und sicherlich bringe ich mir von dort viel Wein mit, insofern nicht die Gitarre und die Koffer jener Frau, mit der ich zusammen reise, den ganzen Stauraum einnehmen.

Der Blog ist natürlich in diesen zwei Wochen geschlossen. Die Kommentarfunktion hier und bei Proteus Image abgeschaltet. Ich bin Offline, lese nicht im Internet, lese keine Blogs. Es kann zwar hier im Blog kommentiert werden, aber der Kommentar wird nicht gesendet, sondern erst nach meiner Rückkehr freigeschaltet. Neue Texte (oder ggf. Antworten auf Kommentare) schreibe ich , wenn ich von meiner Reise zurück bin in der bei Aisthesis gewohnten Qualität.

Gehaben Sie  sich wohl, liebe Leserinnen und Leser, machen Sie sich eine schöne Zeit und ansonsten viel Spaß, wo auch immer Sie sich befinden.

 

Notizen aus der Provinz

20 Jahre keine DDR (18)

Notizen aus der Provinz: So hieß einmal eine Satiresendung in den 70er Jahren. Wir jedoch besitzen glücklicherweise unsere schönen Serien „20 Jahre keine DDR“ sowie „Ausgesucht öde Orte“. Und gestern ging mir bei einem Ausflug ins Berliner Umland das Herz über vor lauter Ödigkeit. Wenn die Langeweile, nach Heideggers Urteil, philosophisch von Bedeutung ist, weil  dem Sich-Mopsenden darin ein Aspekt des Wesens der Zeit sich auftut, so sollte auch die Ödigkeit einen angemessen Ort in der Philosophie erhalten. Einen ihrer Wohnsitze wird sie sich sicherlich in der sogleich präsentierten Stadt genommen haben. Aber ach, ach: im Grunde ihres Herzens wohnt die Ödigkeit in jeder Stadt.

So gilt es heute: „In den Staub mit den Feinden Brandenburgs.“  Denn ich bin, gegen den Rat eines Liedermachers, dahin gefahren: „Es gibt Länder wo was los ist, es gibt Länder, wo richtig was los ist. Und es gibt Brandenburg.“, sang Rainald Grebe (http://www.youtube.com/watch?v=AzOTMXroAr0)

Und es existiert nicht nur das Bundesland, sondern etwa 30 km westlich von Potsdam auch die schöne Stadt Brandenburg. Durch diesen Marktflecken bin ich ein wenig geschlendert. Ich möchte diese Stadt nicht schlechtmachen, wie es mancher denken mag, wenn er diese Photographien sieht. Es gibt interessante Plätze in Brandenburg, die Stadt liegt am Wasser: ist umringt von Seen, die Havel fließt dort. Zudem: Ich würde im schönen München die gleichen Photographien machen, sage ich mir, während ein halbtrockener Riesling meine Stimme beim verlogenen Sprechen besonders geschmeidig macht und ihr ein haltbares Volumen gibt.

Nein, es sind diese Bilder in der Endbearbeitung nicht hinreichend auskomponiert, es handelt sich bei ihnen um Halbfertigprodukte.

Um schließlich auch die Freunde der populären Musik mir gewogen zu machen, um die Zugriffszahlen durch bestimmte, gezielt gesetzte Tags zu erhöhen, so möchte ich noch anmerken, daß ich beim Bearbeiten der Photographien Musik höre, wie ich es in den guten alten Zeiten analoger Photographie gleichfalls in meiner Dunkelkammer tat. Was ich höre? Zuerst ein wenig Marc Almond, die Sachen aus den 80ern, und dann Cobra Killer, um den kreativen Schwung zu bekommen. (Und zum alles krönenden Abschluß: Courtney Loves neue Platte Nobody’s Daughter. Immer wieder. Nicht viele mögen sie, ich schon.)

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Alle Photographien, wie immer und üblich: © Bersarin 2010