Nachteinsatz

Als ich losfahre, das Omen: ein Streifenwagen nach dem anderen, Blaulicht, sie halten vor der Shopping-Mall, die sich „Das Schloß“ nennt. Die Beamten springen aus den Wagen, hektisch, ich stehe an der Ampel, Grunewaldstraße, schaue neugierig, muß dann aber rechts abbiegen, vom Hindenburgdamm her kommt mir ein weiterer Polizeiwagen (Peterwagen sagt man dazu in Hamburg) im Höllentempo mit Blaulicht entgegen. Ich bin unterwegs zum Benjamin Franklin-Klinikum. Es ist kurz vor halb acht.

Ein Besuch nachts in der Notaufnahme erdet und macht demütig. Die kahlen Gänge, die Einlaßhalle Nord mit dem Interieur original aus den 70er oder 80er Jahren. Es ist die Kulisse eines Marthaler-Stückes, in die ich geraten bin, das einzig Moderne dort sind die Getränkeautomaten und der Automat mit den Süßsachen. Auch die wartenden, leidenden Menschen: eine Marthaler-Szene, nur reales Leiden diesmal und ohne die betörende Musik, die uns als Lebewesen beschlummert wegtaumeln läßt, um sodann irgendwann aus dem süßen Rausch des Summens und Säuselns wieder zu erwachen, wie das bei Marthaler üblich ist, und wieder stehen die Protagonisten mit dem leicht wirren Blick in der Welt, aus der sie für den Augenblick herausgetragen. Im Gesang, in der Musik.

Als meine Begleitung von einer schnarrenden Stimme aus einem Lautsprecher, der seine besten Tage rund 40 Jahre schon hinter sich hat, zum zweiten Mal aufgerufen wird, nun zum Röntgen, ich muß draußen warten, öffnen sich die Türen, hektisches Treiben, an mir vorbei, blicke ich, neben mir, auf halbtote Menschen, die an Geräten angeschlossen liegen. Piepen, fiepen, röcheln, Schläuche und offene Türen. Ich stehe da im Gang, wartend, und weiß nicht, wo genau ich hinsehen soll, aus Scham nicht, anderen beim Sterben, beim Leiden oder bei sonst etwas Intimem zusehen zu müssen oder aus Grauen vor dem, was ich da sehe, was sich da tut. Ich bin kein Freund solcher Szenen. Medizinisches Interieur, Kräfte mit lindgrünen und mit dunkelblauer Oberbekleidung aus leichtem Leinen, ein schwarzer Pfleger, groß, riesig, kräftig, in schneeweißem Kittel, ein Jungarzt mit französisch-charmantem Akzent, eine mürrische Röntgenärztin, an mich gewandt, mehr geschnauzt als gebeten: „Sie bleiben draußen!“ Was hatte sie gedacht? Daß ich mich den Strahlen freiwillig mitaussetze? Unwillkürlich abgelenkt von so viel Medizin und Notversorgung, und es öffnet sich die Glas-Schiebetür, hektisches Pressen und laute Stimmen, die Eindrücke fließen mir ineinander, ich im Gang wartend, keiner beachtet mich, ich schaue, höre die Geräusche, die nun lauter werden, sie stammen von der Szenerie mit Polizei, Rettungsleuten und Klinikpersonal, das vollgeblutete Krankenbett, ein Haufen weißer Blut-Lacken, darin ein junger Mann, „Sind Sie 18, sind Sie 18?“ hektische Stimmen, dunkle Haare schauen unterm Laken hervor, ich sehe nicht in die Augen, blicke vom Seitenwinkel nur, „Wo ist ihr Ausweis?“, dazu die Notärzte, Rettungssanitäter, Patient ab in den Schockraum, Messerstecherei. Dahinter ein zweiter junger Mann, aber deutlich entspannter im Gesicht und noch bei Bewußtsein. Technisches Gerät, Ärzte, die herbeieilen, andere die mit stoischer Miene zum nächsten Patienten eilen, die meisten Retter aber im Erstkontakt freundlich, ruhig, besonnen. Lange Zeit des Wartens. Im Gang, im Windzug der kreisenden Drehtür, seit Stunden dieselben Gesichter, die das, anders als ich, mit Ruhe ertragen – was bleibt ihnen auch anderes übrig? Die Frau im Rollstuhl mit dem Blasenkatheder, Wartezeit bisher: 4 Stunden, in Marzahn wurde sie zur Einweisung ins Krankenhaus abgewiesen, nun versucht sie im Benjamin Franklin ihr Glück, um auf Station medizinisch versorgt zu werden. „Libanesische Großfamilie, da können wir nichts machen.“ (O-Ton Polizei, raten Sie in welcher Stadt der BRD!) Ich bin zum Glück nur der Begleiter einer Freundin, die mit Asthma-Anfall zur Notaufnahme wollte. Wartezeit: 6 Stunden.

Ich lerne Demut. Und ich weiß nun, daß ich mir fürs Alter, wenn es mir einmal nicht mehr so gut geht, ein Ticket nach Zürich kaufen werde. Ich überfliege, wieder zu Hause, gegen Mitternacht, noch einmal die letzten Aufzeichnungen im Tagebuch von Fritz J. Raddatz. Als ich es damals, 2014, las, wußte ich, vom Ton dieser Texte her, daß dieser Mann sein Leben beizeiten beenden würde, und ich wußte auch, daß dieses Beizeiten recht bald käme. So geschah es. Die Lust an Kunst und am Schönen war diesem Schöngeist vergangen. Ausgebrannt, wie jede Flamme ausbrennt, die viel Sauerstoff frißt und Luft säuft. Für eine Kerze freilich, die man von zwei Seiten her anzündet, brannte diese Flamme lange. Vor knapp drei Jahren, am 25.2. nahm sich Fritz J. Raddatz sein Leben.

Krankenhäuser machen demütig. Und ich bin dankbar, dort nicht der Patient sein zu müssen, bin dankbar, daß ich an meinem Schreibtisch sitze, den Kaffee trinke und über den Büchern zur literarischen Romantik und zu Hegel hocke. Es ist ein angenehmes Leben. Ich tschecke meine Privilegien nicht, sondern ich freue mich über sie. Ich werde abends einen Riesling aus dem Elsaß trinken.

6 Gedanken zu „Nachteinsatz

  1. Suchen Sie ihn sich aus! Es gibt ja verschiedene Formen des Dankens, die verschieden gerichtet sind. Abstrakt oder konkret.

  2. Vielleicht warst Du im Limbus Berolina und hattest die Inschrift an der Pforte übersehen: Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren!
    Umso größer die Demut am Ende, nochmal davon gekommen zu sein.
    Was bleibt, ist Alk und der Dank eines Befristeten, der sich in Bücher versenkt.
    Ein doppelter, ein gedoppelter Rausch.

    Konnte denn die Atemnot gemildert werden?

    Gruß, Uwe

  3. Na, dann mal alles Gute. Ich kann mich lebhaft daran erinnern wie ich mit einem offenen Trümmerbruch und einer geplatzten Arterie 4 Stunden lang laut schreiend vor Schmerzen unbehandelt in der Notaufnahme saß.

  4. Na, das klingt nicht besonders beruhigend. Allerdings hätte ich bei einer solchen Verletzung 112 gewählt. Da kommen dann halt Sanitäter und ggf. sogar ein Notarzt. Zumindest sollte er das, bei einer geplatzten Arterie. Jene Freundin ist zum Glück wieder aus dem Krankenhaus draußen.

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