Von einem unheimlichen und sehnsüchtigen Gefühl: Heimat

„So sind mir die langen und fernen Fichtelgebirge lieber als die nahen Tyrolerberge bei München; nur jene lassen meine Phantasie über die Berge und hinter die Berge ziehen und in der Nebelwelt auf ihrem Nebelrücken eine neue Morgenwelt aufbauen.“ (Jean Paul)

Manche möchten den Begriff Heimat gerne per Proklamation aus den Diskursen streichen. Eine seltsame Gefahr scheint von dem Wort auszugehen. So letztens wieder einmal Daniel Schreiber in einem Artikel bei Zeit-Online. Davon ab, daß solches Tilgen per ordre du journalista kaum funktioniert, weil sich ohne Angabe von guten Gründen niemand gerne vorschreiben läßt, wie er oder sie zu sprechen habe, werden auch aus tiefer sitzenden Zonen heraus die meisten Bewohner einer Region sich das Wort Heimat kaum nehmen lassen und auf solche merkwürdigen Forderungen wie sie Daniel Schreiber und andere hegen, eher mit Argwohn reagieren:

„Wir sollten das Wort dem rechten Rand überlassen.“

Das könnte in der Tat passieren. Aber ein wenig anders, als Daniel Schreiber dies sich vorstellt – und ich fürchte, das Resultat wird nicht in seinem Sinne ausfallen. Insofern wäre es besser, dieses Wort gerade nicht jenen Unverbesserlichen zu überlassen. Dialektiker wie Adorno und Bloch wußten das. Ebenso Brecht.

Ein gehöriger Teil der Probleme, die manche Linken haben, die Leute zu mobilisieren, beruht genau darauf, daß sie diesen Begriff Heimat nie hinreichend in der Reflexion durchdrungen und ihn den rechtsnationalen Kräften nicht entrissen haben. Proletarischer Internationalismus, wie er einst gehegt wurde, und die Liebe zum Eigenen schließen sich nicht kategorisch aus.(An den freien Gebrauch des Eigenen bei Hölderin sei ebenfalls erinnert.) Ein Funke davon, was Heimat sein könnte, keimte anfangs bei Teilen der Grünen bzw. bei den ersten Umweltbewegungen auf, die aus ökologischen Gründen ihre Region zu schützen gedachten. Daß dies gerade nicht in einem völkischen Sinne geschehen müßte, wie beim ökologischen Urgestein Baldur Springmann, zeigte die sozialen Proteste seit den 70er Jahren im Badischen, im Kaiserstuhl und im Elsaß, als über nationale Grenzen hinweg gegen das AKW Whyll und Fessenheim sowie gegen das Chemiewerk in Marckolsheim demonstriert wurde: die angeblichen Erbfeinde Franzosen und Deutsche vereint und über den alten deutschen Vater Rheine hinweg gemeinsam, um ihrer Heimat, um ihrer Region willen. Wer je vom guten Kaiserstuhlwein oder vom Elsäßer Riesling trank, selbst wenn er, wie ich ein arges Nordlicht ist, mag ahnen, weshalb viele Menschen derart heftig protestierten.

Ja, Heimat hat in diesem Falle auch etwas mit Gefühlen zu tun – mit dem Bewahren einer Region, vielleicht auch mit dem Beschwören derselben. Wer aus dem Norden ist, wird bei der Lektüre von Theodor Storms „Schimmelreiter“, von der „Regentrude“ oder bei Lenzens „Deutschstunde“ schnell in inneren Bildern diese wunderbare Region Nordfrieslands vor Augen haben, wird sich auch an Eiderstedt und Dithmarschen erinnern und es reicht diese innere Reise bis nach Hamburg und in den Kreis Storman: Wälder, Felder, Knicks. Jean Paul schrieb es für seine Region auf – das war das Fichtelgebirge. „Siebenkäs“ ist nicht nur ein Buch über eine Ehe, über Doppelgänger, über Armut und Liebe, über Literatur und das Schreiben von Geschichten, sondern genauso preist es die Schönheit des Fichtelgebirges. Heimat eben. Und wer es mag, eignet sich diese literarischen Landschaften an. Es gibt neben der realen Heimat, die mit der Herkunft zu tun hat, ebenso eine imaginierte. Der Heimatbegriff ist vielfältig und diese Vielfalt gilt es entgegen dem linken Ressentiment herauszuschlagen.

Solche Vermittlung versuchte Adorno und gab dem Begriff Heimat einen philosophischen wie ästhetischen Drive, um ihn aus der nationalen Mottenkiste zu befreien, gleichsam eine dialektische Rettung dessen zu betreiben, was Heimat genauso bedeutet – jenseits des nationalen Narrativs. In diesem Adornoschen Kontext ist Heimat als ein Reich der Imaginationen zu verstehen, die unweigerlich damit verbunden sind. Denn was wäre eine Welt ohne Phantasien? Die Frage ist eben nur, wie wir sie aufgeladen und ob sie regressiven Ursprungs sind oder ob sie die Einbildungskraft beflügeln und so erst Naturschönes, Landschaft, Architektur und regionale Eigenart fürs Subjekt anschaulich wird. Insbesondere in seinem Exil in den USA konnte Adorno überleben und es aushalten, weil da die Imago eines Zustandes vorherrschte, der für Adorno Glücksversprechen bedeutete. Kindheit, Ferien in Amorbach im Odenwald, der nahe Taunus. „In der Erinnerung der Emigration schmeckt jeder deutsche Rehbraten, als wäre er vom Freischütz erlegt worden“, notierte Adorno in den „Minima Moralia“. Heimat ist ein Gefühl, aber eben nicht nur. Über den Geist der Zeit jener 50er Jahre schrieb Adorno:

„Die anspruchsvollste Verteidigung von Kulturindustrie heute feiert ihren Geist, den man getrost Ideologie nennen darf, als Ordnungsfaktor. Sie gebe den Menschen in einer angeblich chaotischen Welt etwas wie Maßstäbe zur Orientierung, und das allein schon sei billigenswert. Was sie jedoch von der Kulturindustrie bewahrt wähnen, wird von ihr desto gründlicher zerstört. Das gemütliche alte Wirtshaus demoliert der Farbfilm mehr, als Bomben es vermochten: er rottet noch seine imago aus. Keine Heimat überlebt ihre Aufbereitung in den Filmen, die sie feiern, und alles Unverwechselbare, wovon sie zehren, zum Verwechseln gleichmachen.“ (Th. W. Adorno, Résumé  über Kulturindustrie)

Nicht nur nennt Adorno die Mechanismen von Kulturindustrie, die spezifische Differenz einzuebnen oder sie allenfalls in seriell produzierte Seltsamkeit des Trachtenkostüms als Relikt erscheinen zu lassen. Das gilt ebenso wie bei den Banausen der AfD oder der NPD mit ihrem sentimentalen Kitsch. Der Begriff „Heimat“ ist semantisch offen und komplex, dies zeigen eine Reihe Texte von Adorno – auch der „Über Tradition“. Wenn man freilich nur das Nationale hineindefiniert, schaut eben nur das Nationale heraus: Bei Rechten nicht anders als bei manchen kulturalistischen Linken. Keineswegs ist „Heimat“ auf den Nationalismus festgelegt ist. Ernst Bloch, des Rechtsradikalismus vermutlich unverdächtig, ließ sein „Prinzip Hoffnung“ wie folgt enden:

„…, so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.“

In bezug auf Homers Odyssee schrieb Adorno:

„Daß der Begriff der Heimat dem Mythos entgegensteht, den die Faschisten zur Heimat umlügen möchten, darin ist die innerste Paradoxie der Epopöe beschlossen. Es schlägt sich darin die Erinnerung an Geschichte nieder, welche Seßhaftigkeit, die Voraussetzung aller Heimat, aufs nomadische Zeitalter folgen ließ.“ (Th. W. Adorno, Dialektik der Aufklärung)

Und in der Odyssee heißt es:

„Denn nichts ist doch süßer als unsere Heimat und Eltern.“

Nun kann Literatur zwar viel behaupten, aber Herkunft und damit auch Heimat haben in der Tat auch etwas mit der Geschichte zu tun, mit der eigenen Geschichte. Unabhängig wie in den individuellen Erfahrungen jene Kindheit und jene Zonen, in denen wir aufwuchsen, aufgeladen sind. Das kann in schrecklichsten Bildern geschehen sein oder in solchen eher romantisierenden, glücklichen Szenen, wie sie Adorno berichtete – Glück als Freiheit und im Reich von Phantasie:

„Zwischen Ottorfszell und Ernsttal verlief die bayerische und badische Grenze. Sie war an der Landstraße durch Pfähle markiert, die stattliche Wappen trugen und in den Landesfarben spiralig bemalt waren, weiß- blau der eine, der andere, wenn mein Gedächtnis mich nicht trügt, rot-gelb. Reichlicher Zwischenraum zwischen beiden. Darin hielt ich mit Vorliebe mich auf, unter dem Vorwand, an den ich keineswegs glaubte, jener Raum gehöre keinem der beiden Staaten, sei frei, und ich könne dort nach Belieben die eigene Herrschaft errichten. Mit der war es mir nicht ernst, mein Vergnügen darum aber nicht geringer. In Wahrheit galt es wohl den bunten Landesfarben, deren Beschränkendem ich zugleich mich entronnen fühlte. Ähnlich empfand ich auf Ausstellungen wie der ‚Ila‘ im Anblick der zahllosen Wimpel, die da einverstanden nebeneinander flatterten. Das Gefühl der Internationale lag mir von Haus aus nahe, auch durch den Gästekreis meiner Eltern, mit Namen wie Firino und Sidney Clifton Hall. Jene Internationale war kein Einheitsstaat. Ihr Friede versprach sich durch das festliche Ensemble von Verschiedenem, farbig gleich den Flaggen und den unschuldigen Grenzpfählen, die, wie ich staunend entdeckte, so gar keinen Wechsel der Landschaft bewirkten. Das Land aber, das sie umschlossen und das ich, spielend mit mir selbst, okkupierte, war ein Niemandsland. Später, im Krieg, tauchte das Wort auf für den verwüsteten Raum vor den beiden Fronten. Es ist aber die getreue Übersetzung des griechischen – Aristophanischen -, das ich damals desto besser verstand, je weniger ich es kannte, Utopie.“ (Th. W. Adorno, Amorbach, in: Ohne Leitbild. Parva Aesthetica)

Bezeichnend auch, daß der Text in einem Band mit dem Titel „Ohne Leitbild“ erschien. Man kann Heimat beschwören, ohne ins Nationale und nach Rechtsaußen  zu driften und man muß dazu ebensowenig auf ein Rittergut in Schnellroda ziehen – freilich: Wer will, kann eben auch das machen.

Der Begriff „Zuhause“ den Daniel Schreiber als Alternative zur Heimat vorschlägt, ist fauler Budenzauber. Nicht nur, daß er den Beiklang von Ikea-Werbung trägt, sondern diese Umpolung ist durchschaubar. Denken läßt sich nicht ändern, wenn man im Neusprech andere Begriffe bildet, sondern es kommt drauf an, was unter einem Begriff befaßt wird. Kaum jemand wird mitvollziehen, weshalb er statt Heimat Zuhause sagen sollte – vom Klang des Wortes Heimat und seinen Bedeutungen, die sich so oder ganz anders poetisch aufladen lassen, ganz zu schweigen. Denn Zuhause ist genau da, wo meine Wohnung ist: die ist aber mitnichten meine Heimat – sofern einer auszog und sich örtlich veränderte. Wer also sagt, „Hier ist mein Zuhause“, sagt, daß er hier wohnt; wer sagt, Hamburg ist meine Heimat, der sagt etwas ganz anderes, was sich nicht in anderen Worten als diesen sagen läßt. Dies sollte man sich trotz NPD-Plakaten nicht verbiegen lassen. Und die meisten tun es zum Glück nicht.

Ansonsten hätte in solchem Neusprech übrigens ein so schönes Wort wie „Heimweh“ keinen Sinn mehr. Heimweh meint mehr als nur nationalen Pathos, es meint sicherlich nicht nur den Ort der eigenen Herkunft, sondern kann zugleich eine literarische oder eine innere Landschaft benennent. Und doch hat es auch etwas mit unserer Imagination zu tun, wie wir auf jene Orte denken, von denen her wir stammen, und uns an sie erinnern. Bloch wußte dies und baute sein „Prinzip Hoffnung“ auf diesem Topos. Heimat und U-topie sind verschwistert oder zumindest stehen sie in einem Kontext. Man mag ihn dialektisch nennen und womöglich ist er mit Figur der Aufhebung verknüpft.

Nationen können keine Heimat sein (oder sie sind es nur bedingt), sondern lediglich Regionen mit ihrer besonderen Sprache, mit ihrem Dialekt, der Landschaft, den Menschen und der Architektur. Selbst dort, wo diese veränderlich sind. Manchen mag es von der Heimat forttreiben, weil sie enttäuschte, weil es arg war oder weil sie langweilte. Mancher andere lernt später die Langeweile des Heimatortes wieder zu schätzen. Das alles sind subjektive Konstellationen, die teils zufällig scheinen. Manchmal sucht man sich eine neue Heimat, entdeckt im Anderen altes oder im Neuen fesselnderes. In diesem Sinne ist der Heimatbegriff eine offene Sache. Oft aber kann und mag man von dem Ort, wo man herstammmt, nicht lassen. So wie der wunderbare Jean Paul es vielfach beschrieb und wie er seine Region rühmte.

Gerade weil Heimat immer auch etwas mit Gefühlen und mit unserer Phantasie zu tun hat, läßt sich dieser Begriff nicht per Dekret oder per ordre du journalista einfach austreiben. Leute, die heute in Paris, morgen in London und übermorgen in Tokio und Madrid ihre Zeit verbringen, mögen per Jetlag oder aus anderen Gründen Schwierigkeiten mit diesem Begriff haben – Heimat ist semantisch ein offener Begriff. Dabei jedoch wird leicht vergessen, daß eben die wenigsten Menschen in dieser Weise in dieser Welt leben. Das mag kein Maßstab sein, prägt aber doch den Inhalt von Begriffen. Das Heikle, das auch in solchen Begriffen liegen mag, ist immer mitzudenken, aber es läßt sich doch deren Gehalt nicht einfach eskamotieren. Diesen dialektischen Zusammenhang wußte Adorno.

„Real verlorene Tradition ist nicht ästhetisch zu surrogieren. Eben das tut die bürgerliche Gesellschaft. Auch die Gründe dafür sind real. Je weniger ihr Prinzip duldet, was ihm nicht gleicht, desto eifriger beruft es sich auf Tradition und zitiert, was dann, von außen, als »Wert« erscheint. Dazu ist die bürgerliche Gesellschaft gezwungen.“ (Th. W. Adorno, Über Tradition, in: Ohne Leitbild)


 
 

 
 

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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36 Antworten zu Von einem unheimlichen und sehnsüchtigen Gefühl: Heimat

  1. Herwig Finkeldey schreibt:

    Ein paar knackige „Thesen“

    „zu Hause“ ist natürlich auch Novalis und seine Sehnsucht. „Wo geht es hin? Immer nach Hause.“

    Die „ Buddenbrooks“ sind – ein Heimatroman. Ohne Anführungszeichen.

    Schließlich aber ist meine Heimat auch die anderer, die möglicherweise etwas anderes darunter verstehen. Heimat darf natürlich nicht verboten, ebenso wenig aber darf der Heimatbegegriff irgendwem aufgezwungen werden.

    Wer Heimat wie Schreiber abschaffen, hat sie am allernötigsten.

  2. Bersarin schreibt:

    Genau an Novalis dachte auch ich. Und zu diesem Thema „Heimat“ ist ja noch einiges zu schreiben, bekam aber leider vieles nicht mehr unter, sonst wäre der Text ausgeufert.

  3. Herwig Finkeldey schreibt:

    Letzter Satz meines Kommentars bitte ändern in „abschaffen WILL“

  4. Dieter Kief schreibt:

    Klar- persönliche Geschichte ist auch Nationalgeschichte. Und Nation ist nicht per se schlecht – vielleicht ist das auch noch von Ihnen gemeint, Bersarin.
    Die Polemik gegen den Farbfilm hatten wir schonmal… das hat keinen Sinn.

    Dann kommt noch was, wo Adorno erstaunlich wortkarg bleibt:

    „Daß der Begriff der Heimat dem Mythos entgegensteht, den die Faschisten zur Heimat umlügen möchten, darin ist die innerste Paradoxie der Epopöe beschlossen. Es schlägt sich darin die Erinnerung an Geschichte nieder, welche Seßhaftigkeit, die Voraussetzung aller Heimat, aufs nomadische Zeitalter folgen ließ.“

    Das ist z u dicht, und wird deswegen dunkel. Was – will er damit sagen, – – dass die Faschisten Pfahlbürger wären, eigentlich, obwohl sie doch die ganze Welt umkrempelten. – Das hätte er einfacher haben können. Homer war für die Nazis nun wirklich kein Problem.

    Und den Übergang von den ambulanten zu den sesshaften menschlichen Lebensformen trifft er auch nicht. Wahrscheinlich weil er von dieser ganzen Sphäre als Städter par Excellence auch einfach nichts versteht.

    Und dann noch der, dass die Bürger gegen Heimat seien – wegen ihres „Prinzips“:

    „Real verlorene Tradition ist nicht ästhetisch zu surrogieren. Eben das tut die bürgerliche Gesellschaft. Auch die Gründe dafür sind real. Je weniger ihr Prinzip duldet, was ihm nicht gleicht, desto eifriger beruft es sich auf Tradition und zitiert, was dann, von außen, als »Wert« erscheint. Dazu ist die bürgerliche Gesellschaft gezwungen.“

    Das ist praktisch nur für Schwerst-Exegeten überhaupt zugänglich.

    Was davon wollen Sie denn argumentativ aufschließen und – für sich (und Ihre Leser?!) davon mitnehmen, Bersarin?

    Ich probier’s mal mit einer einfachen Frage: Was ist im obigen Abschnitt Adornos offenbar vergiftete Quelle des „falschen Wertes“ – also dieses Außen? – Daran hängt die Deutung des Abschnittes über das Falsche „Prinzip“.

    – – Na, und wenn man so deutend fortführe – wie lange würde man mit dieser Deutung zubringen – und wo würde man landen? Dabei, dass der Bürger notgedrungen (aus ideologischen (= falschen) Gründen einem Internationalismus frönt, der ihn in seiner faschistischen (geschweige denn nazistischen) Variante zwar zum falschen (= bürgerlichen Internationalisten) macht, der aber gleichwohl universalistisch = an sich nicht falsch wäre – – – . Das wäre dann die uralte Nietzsche-Nummer vom Bürgertum als seinem eigenen Hintermann – oder dem betrogenen Betrüger…

    Das ist ja alles diskutabel – aber im aktuellen Kontext, den Sie ausdrücklich aufmachen, auch arg weit weg unseren Irrungen und Wirrungen.

    Übrigens – für aufgekärte (durchaus auch adornitisch informierte) Nationalstaats- und Nationalkulturen – Deuter, auch für die, für die Nationalgeschichte mit individueller Geschichte zu verschränken nicht unbedingt falsch wäre: Piwitt: „Rothschilds“ (Roman – mit Schwerpunkt Frankfurt 1945ff.) – und ders. „Deutschland – Versuch einer Heimkehr“ (Frankfurt und – insbesondere: Hamburg während des 2. Krieges und danach bis in die Achtziger…).

  5. Bersarin schreibt:

    „Die Polemik gegen den Farbfilm hatten wir schonmal… das hat keinen Sinn.“ An dieser Stelle, in diesem Kontext und in diesem Zitat geht es aber nicht um das Medium Farbfilm und Adornos grundsätzliche Kritik am Film, sondern um den Inhalt, den der Farbfilm reproduziert und zu Tode spielt, indem er nämlich das Klischee produziert.

    In seiner Odysseus-Passage ist Adorno nicht wortkarg, sondern er deutet auf eine Tendenz. Um diese nämlich geht es Adorno: die Umdeutung des Heimatbegriffs durch die Faschisten als eine Art universale Konstante, die jedoch lediglich auf einer dogmatischen Setzung beruht, und das Hereinbrechen von Geschichte, die genau jene Heimat voraussetzt, von der aus erzählt werden kann. (Hier wäre dann wiederum im Kontext des Erzählens und einer nomadischen Erzählweise Kafka interessant. Aber sein Prinzip setzt andererseits genau das voraus, was in Kafkas Erzählen – einerseits – kritisiert wird.) Ein dialektischer Dreh also. Einerseits den Mythos und andererseits dem Heimatbegriff aus der Umklammerung durch die Faschisten zu befreien. Genau das, was auch dieser Blogtext vorhat. Und was Adornos Passagen aus der DA betrifft, bitte, Dieter Kief, man muß Texte immer aus ihrer Zeit lesen. Diese Passage veranschaulicht etwas. Zudem zeigt sie, daß Adorno – trotz der Faschisten – als eher linker Denker dem Heimatbegriff doch zugetan war. Nur eben nicht in seiner ideologischen Form.

    Ich zitierte diese Passage, um hier eine Verwandtschaft zur Gegenwart zu fahren. Jene Blut-und-Boden-Redner, die es nicht sein wollen, weil sie inzwischen irgendwie doch durchschaut haben, daß es mit der rassischen Reinheit so ganz sauber nicht zugeht. Im übrigen schrieb Adorno in der „Dialektik der Aufklärung“ keine Geschichte der Seßhaftigkeit für den Fachbereich Früh- und Vorgeschichte. Also bitte, Dieter Kief, den Text nur mit dem Maß messen, der dem Text zugrunde liegt und nicht den Text mit externen Wünschen konfrontieren. Das funktioniert nicht.

    „Und dann noch der, dass die Bürger gegen Heimat seien – wegen ihres „Prinzips“:“ Das schrieb Adorno nirgends. Richtig ist allerdings, daß in diesem Zitat viele Voraussetzungen stecken, insofern hätte ich eigentlich nur den ersten Satz dieser Passage zitieren wollen. Aber auch das wäre wiederum mißverständlich, weil Adorno sich ja im weiteren nicht per se gegen das Ästhetische und die Kunst ausspricht, die solches Denken von Heimat in die Darstellung nehmen. Man denke hier einmal wieder an Eichendoff und das, was Adorno dazu schrieb.

    Das Prinzip, das Adorno ausmacht, ist das der kapitalistischen Gesellschaft, die alles in Waren verwandelt und damit die Differenzen tilgt, um die es Adorno ja geht, wie auch das Zitat von den Grenzzäunen zeigt. Dieses Tilgen reicht hin bis zu Begriffen wie Heimat oder eben Tradition, die dann nur noch als eine Art Surrogat aufgewärmt werden, wenn es gerade in den Kram paßt. Nicht anders als der Nationalismus und die Liebe zur Nation, die immer dann aufgewärmt werden, wenn der Staat nichts weiter mehr zu bieten hat. Die Ironie dieses Zitates liegt übrigens auch darin, daß die, die hier zum einen die Tradition und Begriffe wie Heimat in dieser zurüstenden Weise beschworen, heute dieselben sind, die im Zeichen von Internationalismus und Globalisierung jegliche Differenz tilgen wollen. Die kulturalistische Linke und solche wie Schreiber gehen dem auf den Leim. Ein Slogan wie „No border, no Nation“ könnte übrigens auch der Werbespruch eines multinationalen Konzerns sein. So absurd und verdreht sind inzwischen die Dinge.

    Was ich also im Kontext dieser Zitate, die ich ja nicht nur einfach so verwende, weil ich sie ganz nett finde, sondern aus inhaltlichen und darstellerischen Gründen, bezwecke, ist die Einsicht in diesen seltsamen Prozeß der Verdrehung. Einerseits. Und andererseits eine Rettung des Heimatbegriffs von links her. Das also, was auch der Jude Adorno tat, der allen Grund hätte Hölderlin, Eichendorff oder Goethe eher zu verfluchen als ihnen in seinen Texten gerecht zu werden und zu zeigen, daß es ein Deutschland gibt, das nicht das von Rechtsextremen ist, die ihren hinterwäldlerischen Heimatsinn nicht einmal mehr ihre Klassiker gut kennen. Heimat ist, das sollte dieser Text klargemacht haben, ein Begriff, der sich nicht bruchlos fügt. Und ich halte es für wichtig, ihn nicht preiszugeben und für genauso wichtig halte ich es, ihn nicht denen von Rechtsaußen zu überlassen. Heimat ist ein plural verfaßter Begriff. Dies brachte auch Herwig in seinem Kommentar gut zum Ausdruck.

  6. JG schreibt:

    Danke für diesen begehbaren Text :) Wenn ich mich frage, was Heimat für mich ist und ich bin in einer ländlichen Region aufgewachsen, so dann schon früh, „in die Weite gezogen“ und sitze gerade nach 20zig Jahren wieder hier: in der Heimat. Gegangen bin ich, weil es schon früh eher Heimsuchung war, was alles hier so passieren konnte oder passiert ist, meine Phantasie scheint dabei rege geworden zu sein und Heimat damit zu einem Nicht-Ort: Utopie. Und so sehr ich mir wünschte Daheim zu sein und dies thematisierte, so sehr entfernte ich mich, entgrenzte mich und das wird wohl gerade durch s Internet und Globalisierung universell, aber diese Entgrenzung führt ja nicht in die „eine“ Heimat, sondern sie lässt sich mMn nur in Begegnungen erfahren, die Grenzen haben. Tradition finde ich dabei nicht auf einer Landkarte, sondern in der Phantasie, wenn diese dann verloren ist, so helfen auch keine Heimatfilme. vielen Dank für den Text, ich freu mich immer wieder, mitlesen zu dürfen! Gruß Joerg

  7. Bersarin schreibt:

    Vielen Dank! Genau das wollte der Text als einen Aspekt eben auch ausdrücken: Heimat ist ein Begriff, der offen ist. Er kann eine bestimmte Region, eine Landschaft meinen oder aber auch die Orte der Phantasie. In diesem Sinn auch gab das Zitat von Jean Paul den Auftakt, denn Jean Paul beschwor in seiner Prosa ja beides: Reale Orte und doch ins Imaginäre transponiert. Heimat kann Bild und Ort sein.

    Heimatfilme und andere Veranstaltungen bieten in der Tat keinen Ersatz. Andererseits kann man sich natürlich immer auch nach der Funktiond es Kitsches fragen und ob nicht auch ihm in gewisser Weise eine sinnstiftende Kraft zukommt. Überspitzt könnte man vielleicht sagen, daß sich in ihm das Wesen zeigt, nur eben als verkehrtes. Aber das müßte man dann an konkreten Filmen zeigen.

  8. Dieter Kief schreibt:

    @ bersarin und JG

    Bersarin, ich sagte eingangs, dass ich den Zusammenhang von Heimat und – da mache ich etwas explizit, das Sie en passant auch explizit machen – Nation und individueller Geschichte, wie JG sie andeutet, durchaus sehe und – teile, und schätze.

    Das impliziert, dass ich zustimme zu Ihren Einwänden gegen z. B. Schreiber – aber auch gegen den frühen Boris Palmer, der die ganzen Heimat-Überlegungen einst ausdrücklich für hekuba hielt (tut er nicht mehr!) und soweiter.

    Wg. Bloch stimme ich Ihnen vor allem zu, der aber auch sah, dass die Nazis nicht vollkommen unrecht hatten, und dass sie auch deshalb (!) so erfolgreich waren (= Erbschaft dieser Zeit), weil sie nicht nur internationalistisch waren.

    Bloch erkennt das seelenruhig an, und er wirft es den Linken wie den von ihnen zitierten Die Zeit online-Schreiber Schreiber, solche „Schreiber“ gab es ja damals schon, sozusagen, – wirft es den Weimrer Linken explizit vor, dass sie dieses Feld nicht beackern, und er sagt, das die Nazis da eine wirklich Kraftquelle angezapft haben. Das ist viel produktiver als Adorno. Bloch (und Fromm) haben übrigens nicht zuletzt vielleicht sogar deswegen, die reale Bedrohung, die von den Nazis ausging für sich selbst, viel besser – und viel früher verstanden, als Horkheimer und Adorno, die ja ums Haar z u l a n g e gewartet hätten mit dem Umzug des Instituts – Fromms dringlichen Aufforderungen zum Trotz … (Tucholsky hat diese Blindheit gerade der emanzipierten und priviligierten (=reichen & gebildeten) Juden sehr scharf kritisiert – …).

    Ich habe Ihren Anstrengungen der Heimat-Rettung 8also: Des Begriffs der Heimat…) auch prinzipiell zugestimmt, daher rennen Sie in Ihrer Antwort hie und da offene Türen ein.

    An diesem Punkt ihrer Antwort klaffen die Energie des Anlaufs und der Gebrauch, den Sie davon machen, dann aber schon weit auseinander:

    „Das Prinzip, das Adorno ausmacht, ist das der kapitalistischen Gesellschaft, die alles in Waren verwandelt und damit die Differenzen tilgt, um die es Adorno ja geht, wie auch das Zitat von den Grenzzäunen zeigt.“

    Oh – das kann man einfacher haben. – Und Sie wissen schon: Ockham!

    Das Zitat von den Grenzzäunen zeigt, dass Adorno sich an Kinderszenen erinnert. Dass der Kapitalismus Differenzen tilgt, gibt es beim besten Willen nicht her- zumal es ja auf vorkapitalisistische Zustände rekurriert.

    Dann muss man sagen, dass das Leben überhaupt Differenzen tilgt, und dass es ohne diese Tilgung nichts Neues geben würde. Adorno ist an solchen Stellen sozusagen prinzipiell unerlösbar. Nicht zuletzt aufgrund falscher Präsuppositionen, derer er sich bedient und die die inhärenten existentiellen Kosten einer jeden Existenz gerne punktuell (=strategisch) ausblenden.
    (An dieser systematischen Stelle geht es besser mit Fromm weiter).

    Tatsächlich ist es so, dass noch keine andere Formation (= Gesellschaft) der Weltgeschichte soviele Differenzen hervorgebracht hat wie das kapitalistische Europa. Zurzeit sehe ich gar eine
    Ü b e r p r o d u k t i o n von Differenzen – z. B. im Bereich der „irgendwas mit Kunst und Medien“- Szene, bei den Theatern, bei der „Genderforschung“ (zu viele Toilettentüren = Überpoduktion von Diffrenzen) usw. Sieht ganz so aus, als würden sich der Postismus und Dekonstruktivismus langsam aber sicher zu Tode siegen. Es sind nur noch die ganz schwach argumentierenden Kader wie Carolin Wiedemann in der FAZ (ausgerechnet) vom letzten Sonntag z. B. , die das nicht gemerkt haben.

    Während gleichzeitig z. B. der Naturschutz (was sagt Adorno eigentlich zum Naturschutz – das würde mich interessieren – Marcuse war sehr für den Naturschutz und hat die entsprechenden Bemühungen der kapitalistischen USA sehr gelobt – Systemwiderspruch hin oder her… – während also der Naturschutz doch sehr schöne Ergebnisse zeitigt, hierzulande, wie ich finde. Und was mich hie und da wirklich jubilieren lässt. Ganz anders als die „Genderforschung“, die mich grimmig macht, je länger ja mehr.

    Noch zwei Hineise auf andere Autoren: Jonathan Franzen versucht sich an einer Rettung der Natur vor dem Utilitarismus und vor dem Kapitalismus und dem „Sozialismus/Kommunismus“ (einem der größten Kombinations-Feinde der Natur – siehe Russland, siehe China). Nämlich in der aktuellen (amerikanischen!) Ausgabe von National Geographic – für wenige Euro am Kiosk. Ein ganz zu Herzen gehender Text, in dem es letztlich um eine sozusagen nicht rein anthropogne – – – ehe: Ästhetik geht. Sehr zu Herzen gehender essentieller Text; ich kann ihn nicht genug loben!

    Naja und dann Jean Paul – ich habe bei Franzen einmal einen Hinweis auf Jean Paul gefunden – viel zu wenig! – Sie sind in Jean Paul (und Eichendorf,Mörike, Kerner? – Kerner!!…?) viel besser! Hurra!
    Ich will auf die Stelle kommen in seiner „Herbst-Blumine“, wo Jean Paul sagt, dass man die kritische Methode nicht überstrapazieren dürfe. – – Verstehen Sie? Man sollte den Raum zwischen Jean Paul und Adorno unbedingt weiter ausloten. Und ich neige freilich dazu, in Verfolg solcher Bemühungen, Adorno nicht automatisch gegen Jean Paul (und Habermas…) recht zu geben.
    Die interessante Stelle ist in der Hanser-Ausgabe in den „vermischten Schriften II“, S. 512 ff.

    Er hat es da in einem Erkenntnisrausch, wie es wenige sonst in der deutschen Prosa gäbe, u. a. von dem ewigen Thema der „Unanmeßbarkeit (Inkommensurabilität) des Körperlichen zum Geistigen“.
    Dann verteidigt Jean paul die Fortschritte des bürgerlichen Rechts gegen uralte Impulse des Gekränktseins (=des Racheverlangens) und sagt schließlich: Der philosophische „Chicaneur“ ist eine unproduktive Gestalt. – Das ist – des mittleren Enzensbergers und späten peter Schneiders Common Sense Verteidigung gegen die sozusagen irrenden seiner ex-Genossen aus 68 ff. her, die noch immer auf einer Fundamentalkritik an den Verhältnissen bestehen, ohne zu begreifen, dass das eine Position ist, die man dem „Jungmann“ (M. Rutschky) schwerlich ausreden kann, die sich aber dem Erwachsenen nicht mehr gut zu Gesicht steht.
    Also: Herbst-Blumine, S. 512 ff. und Jonathan Franzen in National Geographic Magazine iber de Veegel!

    PS
    „Jude Adorno“ schreiben Sie – da schrieb F. J. Raddatz immer genüsslich: „Halbjude“ – aus streng jüdischer Perspektive, übrigens.

  9. Bersarin schreibt:

    „Oh – das kann man einfacher haben. – Und Sie wissen schon: Ockham!“ Es geht in solchen Texten nicht darum, etwas einfacher zu haben. Ockhams Rasiermesser wird so gerne wie auch so oft im falschen Kontext bemüht. Zumal zur Theorie ebenso ihre Darstellung gehört. Wir handeln hier nicht von Sätzen der Mathematik oder von reinen Beweisketten. Heimat läßt sich nicht einfach „beweisen“, dazu ist das semantische Feld viel zu komplex, in dem dieser Begriff eingetaucht ist, und es sind die Konnotationen zu vielfältig und zu unterschiedlich aufgeladen. Darin liegt ja auch die Ideologie der Rechtsnationalen, daß sie da einen univoken Sinn annehmen, der für alle zu gelten habe. Heimat läßt sich nicht per Reichsministerium verordnen, sondern sie ist mit so etwas wie Freiheit verknüpft.

    Und da wir Jean Paul hier mehrfach schon auf dem Zettel haben: Gerade dort, wie auch in der von Ihnen genannten Herbst-Blumine zeigt sich doch ganz gut, daß es nicht allein darauf ankommt, eine Idee oder eine Theorie in schnellen Worten aufzuschreiben, sondern daß dem Gedanken die Darstellung wesentlich ist. Und die ist bei Jean Paul nun nicht gerade die des direkten Weges. Gott sei es gelobt übrigens, denn der schweifende Witz ist ja geradezu das Mehr des Textes, der zugleich in Korrespondenz zur These steht. So wird es schillernd. (Die Herbst-Blumine befindet sich übrigens im Band III der Frühen Schriften.)

    Was den Kapitalismus betrifft: Die Verwandlung von Verhältnissen in Ware und Geld birgt zunächst mal keinen Raum für Differenzen, sondern entzieht die spezifische Qualität einer Sache. Das ist ja die Crux Kritischer Theorie, an Marx‘ Fetischimuskapitel andockend. Daß Kapitalismus gleichwohl historisch notwendig ist und zugleich neue Differenzen produziert, wie die zwischen Fabrikbesitzer und Arbeiter, ist die andere Seite. Alle alten Bestimmungen wurden hinweggefegt, wie es im Manifest heißt. Was übrigens unter diesem System im Spätkapitalismus als Produktion von Differenz erscheint, läßt sich genauso unter der Optik Kritischer Theorie als Wiederkehr des Gleichen deuten. Wie ich schon schrieb: No border no nation ist das Prinzip des global agierenden Kapitalismus.

    Was die Genderforschung betrifft, so muß ich Sie da korrigieren: es gibt nicht DIE Genderforschung, ebensowenig wie es DEN Islam gibt. Man muß immer mitsagen, in welcher konkreten Hinsicht man das mein. Lan Hornscheid steht zum Glück nicht für sämtliche Ausprägungen von Gender-Theorie. Der Differenzfeminismus von Hélène Cixous oder von Luce Irigary ist damit kaum kompatibel.

    Kritik sollte nicht als Selbstzweck, sondern um der Sache willen betrieben werden. Wie Kant schon für die moderne Gesellschaft seit der Sattelzeit wußte: „Allein der kritische Weg ist noch offen.“ Aber eigentlich gab es eine arkadisch-unkritische Zeit niemals: selbst in Platons Dialogen finden wir ja bereits die Philosophie als kritisches Geschäft. Nur ändert sich die Form und Weise von Kritik eben mit den ökonomischen Bedingungen, unter deren Zeichen eine Gesellschaft steht. Und was heißt schon, daß man die kritische Methode nicht überstrapazieren solle? Wer legt das Maß fest? Schwierig zu sagen. Man kann also die Kritik der kritischen Kritik nur konkret betreiben: anhand bestimmter Kritiken, die man dann wiederum in die Kritik nimmt. Siehe die Avenidas oder Genderklos in Berliner Behörden, während hier nicht einmal eine einfache Terminvergabe funktioniert.

    Der Halbjude Adorno wäre nach dem damaligen Recht und den Gesetzen von Nürnberg zur Vernichtung freigegeben. Was die praktische Klugheit anbelangt, rechtzeitig zu fliehen, da teilen sich die Geister. Zumindest war Horkheimer so geistesgegenwärtig, das Vermögen des Instituts für Sozialforschung zunächst in die Schweiz zu transferieren.

    Was die Natur betrifft, so findet sich in Adornos Ästhetik eine der frühen Parteinahmen fürs Naturschöne. Eine ökologische Ästhetik ist die von Adorno ganz sicher nicht und sie kann und will das auch nicht sein, aus internen Gründen, wenn es darum geht, die Offenheit des Kunstwerks zu bewahren. Und weil Kunst wie auch deren Theorie sich nicht im funktionalen Sinne in den Dienst einer Sache nehmen lassen.

  10. Dieter Kief schreibt:

    Der Witz ist ganz eng mit Ockham verschwistert – mit dem richtig verstandenen Ockham, der modern gewendet, sozusagen „nur“ gegen tatsächlich überflüssige Gedanken – eheh: sich – wendet. Also das weite Feld der Rationalisierungen, der neurotischen Abwehrmechnismen überhaupt, wo sie gleichsam sozial werden und unerlöst/zwanghaft/unproduktiv/verwirrend irrlichtern (cf. Alice Salomon Hochschule…).

    Hierzu zählt für mich einwandfrei ein Feminisus und Antibiologismus, wie er, dem Herrn Martenstein entgegensteht – und damit exemplarisch auch Axel Meyers hervorragendem Buch Adams Apfel – Evas Erbe – oder den Einsichten Camille Paglias, die ja in die gleiche Kerbe haut: Dass es einen Feminismus/Genderismus gibt, der sich immunisiert gegen u. a. biologische Kenntnisse – und das ist ein regressiver und anti-aufklärersicher Gestus: – cf. Caroline Wiedemann letzten Sonntag in der FAS gegen Jordan B. Peterson – einem Mitstreiter von Camille Paglia (ich sage Mitstreiter, weil Peterson und Paglia sich cum grano salis einig sind, dass der Genderismus ohne Biologie nur allzu leicht anti-aufklärersich wird, und weil Paglia diese Kämpfe bereits vor Peterson öffentlich ausfocht. Jetzt fechten sie zusammmen – das ist sehr erfreulich).

    Raddatz Einwand zielt glaub‘ ich auf die Pointe, es mit der Nazi-Zuschreibung von Jude n i c h t
    sein bewenden haben zu lassen. So, meine ich, wäre er richtig verstanden – und sicher kann man so einen Einwand auch falsch verstehen.

    Herbst Blumine – ichab die Hanser-Ausgabe bei Zweitauseneins hier, Abteilung II, wie oben geschreiben, Band drei wie Sie richtig konkretisieren, S. 512 ff. ums nun ganz ausführlich zu machen: da treffen wir uns ja!

  11. mark793 schreibt:

    Ich sehe nicht, was damit gewonnen wäre, wenn der Begriff Heimat auf Seiten der politisch Korrekten verfemt wäre. Etwaige Ausgrenzungsmechanismen aufgrund eines „Du bist nicht von hier“ wären damit ja nicht automatisch aus der Welt. Da waltet aber wieder dieser geradezu magische Glaube an die Wirkmächtigkeit von Begriffen, beziehungsweise an die Bannkraft von Wortverboten, als ob damit unliebsamen Sachverhalten auch auch schon ein Riegel vorgeschoben wäre, wenn der entsprechende Begriff tabuisiert ist.

    Ich denke vielmehr, dass es wichtig und richtig wäre, den Heimatbegriff auf der politisch progressiven Seite zu „reclaimen“, wie man auf neudeutsch sagt und ihn nicht allein den uniformierten Ufftatas beim Schützenumzug (da schwenkt man hier im Westen Fahnen mit der Parole „Glaube, Sitte, Heimat“) zu überlasssen.

  12. Bersarin schreibt:

    @Dieter Kief: Ein Feminismus, der biologische und naturwissenschaftliche Erkenntnis außer acht läßt, ist in der Tat problematisch. Zwar sind auch hier die Forschungen kritisch zu befragen, aber „dass der Genderismus ohne Biologie nur allzu leicht anti-aufklärersich wird, ….“ sollte selbstverständlich sein. Ist es aber häufig leider nicht.

    @ mark793: Wobei ich nichts gegen Schützenumzüge habe, ich bin ein großer Freund auch von Spielmannszügen. Heimat umfaßt viele Seiten – sowohl in die eine, wie in die andere Richtung. Richtig ist allerdings, daß man dem politischen Rechtsaußen solche Begriffe wieder entreißen muß und daß diese Leute darüber nicht die Deutungshoheit haben.

  13. neumondschein schreibt:

    Eigentlich ziemlich abenteuerliche Argumentation von den Nazis, sich auf die Heimat zu beziehen, wenn das Volk ohne Raum unter dem Drang nach Osten leidet, und unbedingt sogenannte Erbhoefe in der Ukraine erstreiten moechte, wo Untermenschen sich zu Tode schuften muessen, wie es die Machtkonkurrenten der Nazis, die Briten und Franzosen in ihren Kolonien schon seit langem vormachen.

    Der Heimatbegriff wuerde eher zur DDR passen. Ein Heimatgefuehl trifft hier auf beste Voraussetzungen: eine egalitaere, sehr homogene, von der Umwelt abgeschlossene Gesellschaft. Tatsaechlich produzierte die DDR allerlei Heimatkitsch wie Herbert Roth, Oberhofer Bauernmarkt u.ae., fuer das man im Westen schoene Devisen bekommen konnte.

    Aber auch sozialistische Propaganda bezieht sich auf die Heimat, die sozialistische:

    „Die Heimat hat sich schoen gemacht…“

    oder „Unsere Heimat…“

    Letztes Lied legt dem armen DDR-Buerger auch noch nahe, das Ding namens Heimat, also die DDR zu verteidigen! Doch der gewoehnliche DDR-Buerger wollte partout nichts damit zu schaffen haben.

    Also: Nix da! Heimat =/= rechtsextremistischer Kampfbegriff. Rechtsextremismus =/= Heimattueddlei!

  14. mark793 schreibt:

    Mir ist das Schützenwesen etwa so fremd wie Kabuki-Theater, aber ein Problem habe ich damit nicht. Wenn ich hier am Rumradeln bin und Hunger schiebe, bin ich froh, wenn ich nur dem Bratwurstgeruch nachgehen muss, irgendwo ist hier immer ein Festchen mit bunten Wimpeln über der Straße, wo ich mich verpflegen kann. Man kann sagen, ich bin hier am Niederrhein mittlerweile zuhause, aber meine Heimat ist und bleibt nun mal die oberrheinische Kurpfalz (wobei interessanterweise ja mal Personalunion war in der Grafschaft von Berg und der Pfalzgrafschaft bei Rhein; Kurfürst Johann Wilhelm von der Pfalz baute Düsseldorf zur Residenzstadt aus, als Heidelberg und Mannheim in Schutt und Asche lagen).

    Dieter Kief wird mir zustimmen, wenn ich sage, dass gerade das Beispiel Kurpfalz die kulturellen Kontinuitäten einer Heimatregion in unterschiedlichen regionalpolitischen Konstellationen schön illustriert. Als politische Einheit existiert die Kurpfalz seit 1803 nicht mehr, und doch gibt es über die drei Ländergrenzen von Hessen, Baden und der Pfalz hinweg immer noch ein gewisses Zusammengehörigkeitsgefühl in der Region, dem stand auch nicht entgegen, dass die Vorderpfalz lange zu Bayern gehörte. Es ist für mich noch immer was ganz spezielles, wenn ich die A 3 vom Taunus runterkomme zum Wiesbadener Kreuz, wo sich die Rheinebene vor mir öffnet, dieses Gefühl von demnächst Ankommen, hach!

  15. neumondschein schreibt:

    Dass der Heimatbegriff derart verrufen ist, hat einen Grund: Und das ist sein Inhalt, der hier noch gar nicht zur Sprache gekommen ist: Heimat bedeutet eine Gemeinschaft, in der man Solidaritaet in Notlagen erfahren kann, in der man sich sicher bewegen kann, weil man ihre Gepflogenheiten beherrscht, weil man in diesen Gemeinschaften beruecksichtigt wird. Somit also seine Existenzbedingungen in gewissen Grenzen entsprechend seinen Beduerfnissen selbst gestalten kann.

    Das klingt nicht furchtbar. Darum ein idealer Begriff fuer Demagogen, die diesen Begriff auch noch in einer Nebelwand aus Gefuehlsduselei und Kitsch verbergen, um ihn dem gesunden Menschenverstand zu entziehen. Dieser Heimatbegriff wird von diesen Demagogen dem Kapitalismus entgegengesetzt, der ja ein internalionales Phaenomen darstellt, und auf menschliche kleinraeumige Sozialstrukturen keine Ruecksicht nimmt. Zum einen kann man sich als „Beschuetzer der kleinen Leute“ aufspielen, die diese kleinen Leute vor den Gebrechen und Scheusslichkeiten des Kapitalismus bewahren will, also vor Kriminalitaet, Entfremdung, Konkurrenz, Armut etc. So kann deren Stimmen und damit Wahlen gewinnen. Auf der anderen Seite kann man alle Verhaeltnisse abstellen, die demselben Kapitalismus im Wege stehen, in dem man auf die Kapazitaeten verweist, die die heimatlichen Gemeinschaften bereitstellen. Anstelle des Sozialstaates soll also die Gemeinschaft einspringen, wenn Buerger in Not geraten. Im Grunde genommen, bescheissen diese Demagogen diese kleinen Leute also. Kann man gut an den Kadern der Hayek-Gemeinschaft beobachten, die in ihrer parlamentarischen Vertretung, also der AfD, genau so argumentieren.

    Bemerkenswert ist, dass es einen Gegensatz von Nation und Heimat gibt: In der Regel behauptet man ja das Gegenteil, dass beides auseinander hervorgeht. Tatsaechlich stellt beides ein Gegensatz dar: Die Nation ist der Rahmen demokratischer buergerlicher Herrschaft. Nur im Rahmen des Nationalstaates sind Demokratie und Sozialstaatlichkeit moeglich. Und ebenso auch die Fortschritte in der Gleichstellung (also die wirklichen! nicht die Sprachpanscherei!), in der Integrationspolitik und und und… Denn hierzu muesste es eine Instanz geben, die an der realen Macht, also dem Kapital, vorbei im Interesse genau derselben Macht politische Entscheidungen vollzieht. Und dazu benoetigt man den Nationalstaat. Schwaecht man den Nationalstaat, dann muss man sich auf konservative Werte wie Heimat, Familie, Religion etc. verlassen. Deshalb machen sich Parteien, die den Nationalstaat schwaechen wollen wie die AfD, genau fuer diese Werte stark.

    Sahra Wagenknecht argumentiert genau in der umgekehrten Richtung. Wie alle uebrigen Sozialdemokraten auch. Sahra Wagenknechts Standpunkt ist also genau der entgegengesetzte wie der der AfD und auf keine Art „AfD light“. Sie moechte den Nationalstaat staerken, nicht schwaechen, um sozialdemokratische Politik betreiben zu koennen. Das bestaendige gegen sie gerichtete Querfront-Nationalismus-Gekeife trifft also ueberhaupt vollkommen daneben.

    Wie gesagt, Heimat muss sich nicht auf die ethnische Zugehoerigkeit beziehen. Es kann sich auch um religieuse Gemeinschaft handeln. Menschen, die ihre Heimat so definieren, waeren Islamistisch, christlich-sozial-antisemitisch (antisemitisch = antikapitalistisch, s,o.), selbstverstaendlich auch AfD, FPOe etc. etc.

  16. Bersarin schreibt:

    Interessante Überlegungen, neumondschein. In der Tat versuchte auch die DDR den Begriff der Heimat zu institutionalisieren. Vielfach gelang ihr dies auch. Ich denke allerdings, die Leute sind von dort allerdings nicht so sehr wegen des Heimatgedankens geflohen, sondern aus handfesten anderen Gründen

    Ein Aspekt des Heimatbegriffs ist ebenso die Gemeinschaft. Das ist per se nichts Schlechtes, sondern zunächst und einfach eine Gegebenheit. Die Frage ist in solchen Fällen, was für eine Gemeinschaft angenommen ist. Gegen den Gedanken, daß sich Menschen in Gemeinschaften helfen und daß sie zusammenstehen, ist nicht prinzipiell etwas zu sagen. Gemeinsinn ist wichtig. Aber er ersetzt nicht den Staat, der für die Grundfunktionen und für die Daseinsvorsorge zuständig ist. Schließlich wollen wir ja auch nicht die Justiz der Gemeinschaft überlassen. Es hingen mir dann zu viele Menschen an den Bäumen. In diesem Sinne ist Dein Hinweis auf Hayek nicht ganz falsch. Andererseits kann eine gute und aufgeklärte Gemeinschaft teils mehr leisten als ein komplexes und überstrukturiertes Staatswesen. Andererseits befinden wir uns eben nicht mehr in einer antiken Polis-Gemeinschaft.

    „Deshalb machen sich Parteien, die den Nationalstaat schwaechen wollen wie die AfD, genau fuer diese Werte stark.“ Das halte ich im Hinblick auf die AfD eher für problematisch. Eine Partei, die doch gerade den Nationalstaat stärkt und Deutschland für Deutsche will. Diesen Satz könnte man allenfalls von der Linkspartei oder den Grünen sagen. Aber die haben in großen Teilen ein eher gespanntes Verhältnis zum Heimatbegriff. Richtig ist allerdings von Dir festgehalten der Unfug, Wagenknecht als Querfront zu markieren. Das sind genau die Propagandabegriffe, um unliebsame Positionen per se zu diskreditieren. Denn mit Nazis spricht man ja bekanntlich nicht.

    Interessant ist allerdings die Unterscheidung Heimat und Nationalstaat. Dieser steht jener doch in vielen Punkten entgegen. Gerade in Frankreich zeigt sich dies immer wieder. Der Nationalstaat braucht einen ganz anderen Kitt. Gerne mobilisiert er dabei zwar die Heimat, muß darin aber doch die unterschiedlichen Kräfte auf eine Weise zusammenschweißen, die über den Heimatbegriff hinausgeht. Denn was habe ich mit dem Badener und dem Bayern gemein? Interessant Fragen tun sich in dieser Hinsicht auf.

  17. Dieter Kief schreibt:

    @mark793 wg. Kurpfalz als (Kindheits-)Heimat – – –
    Ich auch – wie Bersarin – : Nix gegen die Orschnal Negerländer Musikanten (Pubertätswitz, ok, die sind wirklich gut gewesen – Ernst Mosch…), und nix gegen die Rheinneckarschützen – haben mich mit acht-neun Jahren umstandslos und ohne Begleitung ans Gewehr gelassen – „loss nammol, des is äm Ruudi (= im Vereinsvorstand) sann Neffe – do hosch da Gwea (=Gewehr) , Buuu – unn jetz druff und dewedda!“
    Mein jüngerer (!) Bruder kriegte auch ein Gewehr – weil ja ich dabei (!) war. Er musste aber noch aufstützen, weil er im Stehen mit dem Gewehr nicht richtig über die Brüstung kam – das war ein wenig unfair… ein paar Jährchen später wurde er, mit vierzehn, Jugend-Dorfmeister: Früh übt sich…
    Eine Freundin, der ich das jetzt mit Blick über die Ebene bis auf den Pfälzer Donnersberg am grandios durchsichtigen, windzerzausten Neujahrstag beim spaziergnag in der Ebene erzählte, machte – sozusagen im Rückblick noch – große Augen. Aber so war die badische Mentalität: „Na net so vaschrogge“ (=erschrocken)! – Waas, dess sinn doch Buuwe (=Buben) – Buuwe wolle schießä!“

    Stimmte. Haargenau.

    Kleinkalibermunition war teuer – fünf Schuss zwei Mark oder so – Luftdruck billig: Fünfzig Schuss eine Mark fünfzig. Es gab alpirsbacher Bier (für die Männer) und Peterstaler Wasser für uns Kinder. Alpirsbacher hat die Produktion hochgefahren, weil es in China erhebliche Nachfrage nach diesem (zu recht) hochdekorierten Nordschwarzwälder Bier gibt. Die Flasche soll in Shenzen, habe ich mir sagen lassen, für fünfzehn Dollar über den Tresen gehn.

    Ich war an Silvester im Speyrer Dom – vorher wurde direkt hinter dem Dom eine Frau vergewaltigt – zwischen sechs und 8 Uhr morgens. Hardy Prothmann hatte im Rheinneckarblog die Einzelheiten.

    Dann an der Eremitage in Waghäusel – Erinnerungen an sensationelle Vogeldichte. An der benachbarten Wallfahrtskirche der Anschlag im Schaukasten, der Papst Franziskus wolle es nicht weiter dulden, dass der Herr uns in Versuchung führe.

    Am besten war es in Rheinhausen bei Philippsburg, am Fähreanleger im Abendrot. – Großartige Radlstrecke, übrigens, geht’s wochendends rüber in die Pfalz.

    Alles Goethe- Bloch- und Marx- und Engels-Gegend, übrigens. Großes Gefecht der 48er Revolution, da lagen Marx und Engels und Struve únd- wer noch?: (Blenker – hab nachgeguckt – Wirth war in Freiburg) – bei Waghäusel in der Schanze und schossen aber nicht so richtig, weil die Pfälzer zwar hochgemut viele, viele Gewehre versprachen – „ein lustiges Volk von Schoppenstechern“ (Engels über die Pälzer)) – nur leider kaum welche lieferten – weil sie – in Wirklichkeit – kaum welche hatten…
    Struve hat Blenker in New York wieder getroffen, wo Struve einen Gentleman namens Abraham Lincoln unterstützte, der es immerhin bis zum Präsidenten brachte.
    Wenn die Pfälzer 1849 aber Gewehre lieferten, dann waren die Dinger krumm und rostig und zu wenige obendrein – – ehe: Lustig waren sie aber eben doch, die Pälzer! Sind sie heute noch. „Pälzer Krischer“ (=Schreier/(„Uuzname“ u n d Selbstbezeichnung: HaHAhA!! – mir werre unsan Schbaßß schunn hawwe!! – In der Tat, den haben sie…)).

  18. Dieter Kief schreibt:

    Ohh – hier kommt Stephen Pinker über was denn: Haargenau verpeilte feministische Gender-Kritik an der Wissenschaft am Beispiel der Gletscherforschung (!), wie ich sie oben mit Bezug auf Axel Meyers wie gesagt großartiges Buch „Adams Apfel – Evas Erbe“ in Bezug auf die Biologie habe.

    Dann macht Pinker noch etwas – er kritisiert – Adorno/Horkheimers und Foucaults und Zygmunt Baumanns Modernitätskritik des Nazitums – und zwar ziemlich – – – ahh lest selbst, was derzeitbeim Chronicle for Higher Education gratis online steht:

    „Many scholars in „science studies“ devote their careers to recondite analyses of how the whole institution is just a pretext for oppression. An example is a 2016 article on the world’s most pressing challenge, titled „Glaciers, Gender, and Science: A Feminist Glaciology Framework for Global Environmental Change Research,“ which sought to generate a „robust analysis of gender, power, and epistemologies in dynamic social-ecological systems, thereby leading to more just and equitable science and human-ice interactions.“

    Students can graduate with only a trifling exposure to science, and what they do learn is often designed to poison them against it. More insidious than the ferreting out of ever more cryptic forms of racism and sexism is a demonization campaign that impugns science (together with the rest of the Enlightenment) for crimes that are as old as civilization, including racism, slavery, conquest, and genocide.
    This was a major theme of the Critical Theory of the Frankfurt School, the quasi-Marxist movement originated by Theodor Adorno and Max Horkheimer, who proclaimed that „the fully enlightened earth radiates disaster triumphant.“ It also figures in the works of postmodernist theorists such as Michel Foucault, who argued that the Holocaust was the inevitable culmination of a „bio-politics“ that began with the Enlightenment, when science and rational governance exerted increasing power over people’s lives. In a similar vein, the sociologist Zygmunt Bauman blamed the Holocaust on the Enlightenment ideal to „remake the society, force it to conform to an overall, scientifically conceived plan.“

    In this twisted narrative, the Nazis themselves are somehow let off the hook („It’s modernity’s fault!“). „

  19. Bersarin schreibt:

    Das ist jetzt aber schon ein wenig unter ihrem Niveau, Dieter Kief – das wissen sie hoffentlich. Insofern ich gehe auch mal davon aus, daß dies eher eine Art Scherz sein soll und sie sich über jenen Pinker lediglich ein wenig amüsieren. Lachen wir also gemeinsam:

    Denn logisch ist das, was dieser Pinker macht, nicht sauber gebaut. In dem Zitat werden zwei Aspekte gekoppelt, die nicht zusammengehören. Das eine ist die völlig korrekte Feststellung von Rassismus in einer Gesellschaft, wie etwa der Mord an Emmett Till, der nicht einfach aus niederen Beweggründen geschah, sondern weil ein er schwarzer Teenager war. Das andere sind Pseudodekonstruktion und Unterschieben von Rassismus, die es genauso gibt. Etwa bei dem Gemälde von Dana Schutz. Die Frage ist also vielmehr, wie und in welcher Weise Instrumente eingesetzt werden und dazu muß am sich die spezifischen Fälle ansehen, unter denen geurteilt wird. Pauschalkritik ist da wenig hilfreich und zudem eher weniger der Ausweis wissenschaftlich seiösen Arbeitens. Es käme wohl keiner auf die Idee, den Hammer für schädlich zu halten, weil man damit auch Köpfe einschlagen kann oder die Theorien zu menschlichen Psyche generell als Nazikram zu bezeichnen, weil damit auch soziale Ungleichheit gerechtfertigt wird. Zumal Adornos „Dialektik der Aufklärung“, die Pinker nicht einmal gelesen hat, genau das Gegenteil solcher Veranstaltung ist. Sie beschreibt auf einer allgemeinen theoretischen Ebene gesellschaftliche Prozesse, und zwar unter einer bestimmten Zeitkoordinate. Weshalb vielen nicht ganz klar ist, was eigentlich in diesem Buch geschrieben wird, darüber kann man nur Spekultionen anstellen.

    Zweitens werden bei Pinker All-Aussagen getroffen, für die er zudem beweispflichtig ist. Diese Beweise aber liefert er nicht, sondern er postuliert lediglich: tatsächlich bezieht sich diese Verhalten einzelner Studenten auf einzelne Fälle. DAS ist ein eklatanter Unterschied. Weil einige Cottbusser Nazis sind, sind es nicht alle Menschen aus Cottbus. Gleiches gilt für Postkolonial Studies, für Gender Studies für Kritische Theorie: es gibt hier nicht DIE Theorie oder DEN Adorno, den man auf zwei Thesen eindampf – ein geradezu aphilosophisches Verhalten übrigens, über das sich Adorno zu recht amüsierte. Philosophie bedeutet gerade nicht, die spezifischen Differenzen zu unterschlagen, sondern sie ist das Gegenteil davon.

    Logisch also ein fragwürdiges Unternehmen, was Pinkert da vorlegt.. Zumal es nicht DIE Gender-Theorie gibt. So wie es auch kaum DIE Psychologie gibt.

    Der dritte logische Fehler besteht darin, daß Pinker einen Bereich wie etwa die Theorien Foucaults und Adornos auf einen andern Bereich überträgt, der mit jenem ersten Bereich logisch und auch zeitlich nichts zu tun hat und daraus dann Kausalitäten ableitet, die aber nicht einmal Korrelationen sein müssen. Weil sich Student X auf Foucault beruft, heißt dies nicht, daß das, was Student X sagt, auch mit Foucault zu tun hat. Mit anderen Worten: Pinker baut einen Pappkameraden auf, den er dann vermeintlich zerlegt. Mit Foucault hat das nichs zu tun. Ebensowenig wie das kontextlose Zitieren von Sätzen.

    Als Wissenschaftler bekleckert sich dieser Mann hier nicht mit Ruhm und ich hoffe für ihnm, daß er in seinem eigenen Fachgebiet nicht genauso ungenau arbeitet. Hier zumindest scheint dieser Mann einmal die basalen Bedingungen sauberen wissenschaftlicher Arbeit zu beherrschen. Was er so in hohen Tönen wissenschaftlich einfordert, reißt er mit dem Arsch wieder ein, wenn ich dieses von Ihnen zitierte Statement ernstnehme.

  20. Dieter Kief schreibt:

    @ Bersarin wg. Stephen Pinker (meistzitierte Psychologe unserer Tage, ickjloobe) und dessen Adorno und Foucault und Derrida – Schelte

    Aber der Fund mit der weiblichen Glaziologie ist doch großartig!

    Außerdem glaub ich, dass er nicht vollkommen unrecht hat; wo er unrecht hat, würde ich gerne im Detail nachgewiesen sehen.

    Pinker ist k e i n Rassist. Und er würde unterschreiben, was Sie gerade gestern über Genderistas geschrieben haben, die meinen, Feminismus impliziere die Ignoranz der Biologie: Dass das eben falsch sei.

    Methodologisch ist er ein ausgewiesener solider Handwerker, keine Sorge: Tausende Augen ruhen auf den Veröffentlichungen solcher Großköpfe – wenn die Fehler machen, kommt das schnell raus. Aber Pinker macht (praktisch) keine methodischen Fehler – oder: Er veröffentlicht praktisch keine. Er ist gründlich – und vorsichtig.

    Ich glaub‘, er erfindet Kant neu. Ich bin auf sein Buch – Enlightenment Now gespannt – – und der Artikel im Chronicle for Higher Education ist interessant indeed, wie ich finde.

    Sie wissen doch: Im Wintersemester gabs in Frankfurt immer Kant – da gings mit Kant gegen Hegel – – und im Sommer wars dann eben andersrum: Wer hat das nochmal gesagt? – Es ist ein bonmot über die Frankfurter Schule – – – von: Hmmm – – Bloch?

  21. Bersarin schreibt:

    Nicht ich muß Pinkert nachweisen, wo er Unrecht hat, sondern Pinkert muß zunächst einmal seine Thesen adäquat begründen. Das tat er aber nicht. Aus den Modernitätstheorien von Adorno, Foucaults und Baumann läßt sich nicht auf Gendergaga oder überbordende Ideologiekritik schließen. Für die falsche Auslegung von Theorien, läßt sich nicht der Urheber der Theorie in Haftung nehmen. So wie, in einer anderen Variante, für die falsche Auslegung des Gomringer-Gedichts indirekt auch nicht Gomringer verantwortlich ist. Daß bei Pinker eine irgendwie richtige Intuition da ist, reicht nicht aus. In diesen Sätzen zumindest funktioniert der logische Konnex nicht, weil es sich um Fehlschlüsse handelt. Aus Falschem folgt eben Beliebiges. Wie gesagt: Die Intuition mag richtig sein, aber das spricht nicht gegen die Theorie Foucaults. Und schon gar nicht in dieser pauschalen Weise, in der Pinker hier Kausalitäten unterstellt. Für die er, wie gesagt, beweispflichtig ist.

    Und so auch mit Kritischer Theorie, French Theory und Dekonstruktion: Die sind immer nur so gut, wie ihre Vertreter gut sind. Die Väter und Mütter dieser Theorien können nur sehr indirekt etwas für ihre Schüler. Und man muß sich zudem fragen, wieweit solche wildgewordenen Studenten überhaupt etwas mit diesen Theorien noch zu schaffen haben. Schuld sind auch die Unis: Gute Lehrer zeigen, daß solche Theorien keine Gebrauchsanweisungen für die Weltrevolution sind. Sondern daß Denken zunächst mal und wesentlich kritisch zu sein habe. Adorno vermochte dies und betonte immer wieder den Status von Theorie und auch von Kunst. Diese nicht in unvermitteltem, unmittelbaren Gestus mit eingreifender Praxis kurzzuschließen. Denn vor die Praxis hat Gott das Begreifen gesetzt. Auch das Begreifen des eigenen Tuns. Womit wir wieder beim hoch geschätzten Kant wären.

    Egal wie: Hier zumindest, in diesen Passagen schlampt Pinker. Was er woanders macht, spielt dabei keine Rolle. Weil ich auf richtige Weise Küchenregale anschrauben kann, heißt das nicht, daß ich deshalb auch in richtiger Weise beim Auto die Bremsscheiben austauschen kann. Oder wie es bei einem Bundeswehrwitz heißt:
    Einberufung der Rekruten: Der Feldwebel schreit: „Wer kann Klavierspielen?“ Schütze Meyer tritt hiervor: „Ich!“ Der Feldwebel so: „Gut, dann kennen Sie sich mit schweren Sachen aus. Dann dürfen Sie nun Panzer fahren!“

  22. neumondschein schreibt:

    Sie und ihre Freundinnen schreiben zwar unentwegt Quatsch. Dafuer gibt es Links hierin und dahin. Zu Stellen, die ebenso Quatsch sind, aber auch zu Zitaten von Hannah Arendt, die wenigstens definiert, was „Heimat“ darstellt. (Das ist so etwas aehnliches wie meine Definition). Fuer andere ist „Heimatministerium“ etwas, das sich um die Entwicklung des laendlichen Raumes kuemmert. Kann man eigentlich nichts dagegen haben. Kommt also doch nicht so schlimm,

    https://dvwelt.wordpress.com/2018/02/10/minihamster-im-etui/

    und juna s Beitrag passt irgendwie auch – ausnahmsweise.

  23. Dieter Kief schreibt:

    @ Bersarin

    „Die Väter und Mütter dieser Theorien können nur sehr indirekt etwas für ihre Schüler.“

    Ja, stimmt. Aber was soll einer wie Pinker, der mit der Diagnose, dass alles immer schlimmer wird (die Ausbeutung, die Gewalt, die Armut auf der Welt,die Sterblichkeitsraten usw….) n i c h t einverstanden ist, eigentlich tun, wenn ihm andauernd Leute gegenübertreten, die sich auf die von ihm aufgeführte Trias von Denkern berufen – dazu noch ein paar genderistische Glaziologinnen usw.

    Zudem berufen sich viele PC-Helden und Heldinnen ebenfalls ausdrücklich auf Foucault, Derrida usw. – Judith Butler . . . und viele derer, die unregulierte Zuwanderung fordern ja auch. Seel und Menke z. B. sind ja sehr nahe an Adorno. Auch die Frau Baer vom BVG.

    Rezeption – ich schreibe ja von KN – Rezeption ist schon ein Faktor.

    Mit Horkheimer/Adorno g e g e n die unregulierte Zuwanderung – das ist gar nicht so einfach, wie ich finde.

    neumondschein ist ein aparter Ausdruck, übrigens. Vermutlich nie gehört.

  24. Bersarin schreibt:

    Dieter Kief, es geht hier lediglich um eine saubere und korrekte Argumentation von Pinker. In diesem Fall war sie es nicht wg. Pauschalisierungen und falscher Ableitungen.

  25. h.z. schreibt:

    Dieter Kief schreibt über Steven Pinker:

    „Methodologisch ist er ein ausgewiesener solider Handwerker, keine Sorge: Tausende Augen ruhen auf den Veröffentlichungen solcher Großköpfe – wenn die Fehler machen, kommt das schnell raus. Aber Pinker macht (praktisch) keine methodischen Fehler – oder: Er veröffentlicht praktisch keine. Er ist gründlich – und vorsichtig.“

    Genau an der Stelle wird Pinker wissenschaftlich sauber und glasklar nachvollziehbar angegriffen. Die Kritik an Pinkers Umgang mit statistischen Methoden ist derart fundamental, dass sein gesamtes Werk darauf hin untersucht werden muss. Entwickelt wurde die Kritik an Pinkers Veröffentlichung „The Better Angels of Our Nature: Why Violence Has Declined“. Gerafft dargestellt weist die Kritik nach, dass Pinker in der Auswertung der empirischen Datenbasis anderer ergebnisbeeinflussend und verfehlt interpretiert. Dies kommt in Sätzen zum Ausdruck, wie z.B.: „But the way in which he reads and interprets the results of scholars like Richardson reveals an attempt of bending empirical evidence to his own theory, e.g. when he deals with the Poisson nature of the number of armed conflicts over time.“ Als konkretes Beispiel für die Konstruktion unzutreffender Prämissen wird genannt: „For instance, Pinker (2011) treats as a single event the “Mongolian invasions” which lasted more than a century and a quarter. This swelled the numbers per event over the Middle Ages and contributed to the illusion that violence has dropped since, given that subsequent “events” had shorter durations.“ Die Arbeit kann hier nachgelesen werden: http://www.fooledbyrandomness.com/pinker.pdf

    John Gray hat sich im Guardian zu Pinker geäußert: „Steven Pinker is wrong about violence and war“ https://www.theguardian.com/books/2015/mar/13/john-gray-steven-pinker-wrong-violence-war-declining
    Pinker steht also durchaus unter – wie ich meine, vernichtender – Kritik. Wenn es denn gewollt wäre, könnte diese leicht aufgefunden werden.

    Peterson und die krause, vor allem aber widerlegte These, ein IQ kleiner als 85 verhindere wirtschaftlich sinnvolle Beschäftigung.
    Sailer und dessen „The World’s Most Important Graph“, Piketty als Verschwörungstheoretiker bezeichnet beiseite schiebend.
    Pinker mit nachgewiesenen statistischen Sauereien.
    What next?

  26. Dieter Kief schreibt:

    Bersarin, wieso „lediglich“?
    Die Frage, die Pinker aufwirft ist, wie man argumentieren solle, wenn Leute sich mit pauschaler Herrschaftskritik gegen Fakten und Analysen immunisieren, die ihnen nicht passen. Und das geschieht weltweit tagtäglich.

    Wie begegnet man Leuten, die im Namen der Herrschaftskritik die freie Meinungsäusserung anderer beschneiden, die Kunst- und die Versammlungsfreiheit. „Merkel muss weg!“ zu fordern heißt z. Z. in HH „Hausbesuche“, Autoabfackelungen usw. in Kauf zu nehmen. Das ist die Lage, auf die Pinker reagiert. Und das ist leider nur ein Beispiel.

  27. Bersarin schreibt:

    Wie geschrieben: das sind zwei Bereiche. Kritische Theorie und Dekonstruktion sind nicht für übermütige Studenten verantwortlich zu machen. Nicht einmal sind Wagner und Nietzsche für faschistisches Denken bzw. in concreto und ad personam für Hitler verantworlich zu machen, obwohl es da sehr viel mehr Nähe zu bestimmten Denkformen des Faschismus gibt. (Dazu gut das legendäre Buch von B. Taureck, Nietzsche und der Faschismus. Sehr abwägend, aber nichts verharmlosend, Nietzsche nicht denunzierend.)

  28. Dieter Kief schreibt:

    Ja, verstehe ich – für Sie und für mich z. B. sind das zwei Bereiche. aber – s. o. – Rezeptionsgeschichte ist eben auch eine reale Sache – und da zählen nicht nur wir. Auch falsche Reption ist durchaus Rezeption, wie mir scheint.

    (Pinker diskutiert übrigens am Beispiel Hitlers einen Fall von – nicht falscher Rezeption, sondern von: Der falsche Vorstellung, es liege eine reption vor. Pinker sagt mit Verweis auf peinlich genaue wissenschaftsgeschichtlicher Forschung, dass Hitler k e i n Anhänger von Darwin gewesen sei – genau in dem von mir oben verlinkten Pinker-Aufsatz im Chronicle for Higher Education).

  29. Dieter Kief schreibt:

    @ h. Z.

    John Gray argumentiert sozusagen global – Pinkers Optimismus gefällt ihm nicht. Zahlen hat er keine, aber starke Meinungen, dennoch räumt Gray im Guardian irgendwann ein: „Es ist fraglich, ob die Gewalt in den hochentwickelten Ländern zurückgegangen ist.“ – So ganz vernichtend will mir dieses Argument nicht scheinen.

    „Then again, the idea that violence is declining in the most highly developed countries is questionable.“

  30. h.z. schreibt:

    @Dieter Kief

    Zunächst einmal haben Sie „questionable“ falsch übersetzt. Die zutreffende Übersetzung lautet „fragwürdig“. Dann ist nicht fragwürdig, „ob die Gewalt […] zurückgegangen ist“, sondern die Vorstellung („idea“) davon. Das ist ein zu beachtender semantischer Unterschied.

    Wenn Sie feststellen, Gray argumentiere „sozusagen global“, unterschlagen Sie dessen andere Argumentationsstränge. Nämlich den historischen (Schatten der Aufklärung) und den moralischen. Letzteren finden Sie in den Absätzen vor diesem Zitat: „Disregarding these distinctions, the statistics presented by those who celebrate the arrival of the Long Peace are morally dubious if not meaningless.“

    Zahlen habe Gray keine, meinen Sie. Nun, Sie irren. Er verweist ausdrücklich und verlinkt auf Cirillo/Taleb, deren Kritik an Pinker ich ausschnittsweise und gerafft dargestellt hatte – das vierte Argument Grays gegen Pinker. Gerade zu diesem Argument – die statistische Methodik betreffend – bin ich imstande, mir ein abschließendes Urteil zu bilden: Die Kritik ist vernichtend.

    Nachdem klargestellt ist, dass Gray nicht bloß ein einziges Argument gegen Pinker ins Feld führt, kann aus logischen Gründen Ihr Satz verlustfrei gestrichen werden: „So ganz vernichtend will mir dieses Argument nicht scheinen.“

    Die Gelegenheit nutzend – da Sie Pinker in Zusammenhang mit Hitler erwähnten – möchte ich Sie auf Peter Fonagy aufmerksam machen, der mit anderen das Werk verfasst hat „Affektregulierung, Mentalisierung und die Entwicklung des Selbst“. Soweit ich mit meinen beschränkten Mitteln ausfindig machen konnte, kommt Pinker in seinem wissenschaftlichen Werk ohne Bezug auf Fonagy aus. Damit ist Pinker mit seinem Begriff von „Vorstellung“ nicht auf der Höhe der Zeit.

    Pinker tendiert nach meinem Urteil dazu, seine Anhänger für blöd zu verkaufen. Das kann ich beispielhaft veranschaulichen an grafischen Aussagen, welche er unter dem Titel „Violence as a cultural phenomenon declines“ ausstellt. Er ermittelt 1.) „Percentage of deaths of English male aristocrats from violence 1330-1829“ streng monoton fallend von rd. 26% auf rd. 3% in 1750, dann ansteigend auf 5%; 2.) „Time line for the abolition of judicial torture“ streng monoton fallend von ursprünglich 16 „major countries with torture“ in 1650 auf 0 in 1850.

    Zu 1.) möchte die selbständig denkende Zeitgenossin wissen, wie sich der Anteil an Aristokraten an den aufgestellten Truppen im selben Zeitraum entwickelt hat. Außerdem möchte sie wissen, weshalb das gemeine Volk in dieser Rechnung so umstandslos vernachlässigt werden kann. Von den Frauen erst gar nicht zu sprechen. Solange sie keine Antworten darauf bekommt, ist die Aussage Pinkers nicht schlüssig und damit gegenstandslos.
    Zu 2.) wird sie sich an den Kopf fassen ob des lächerlich erscheinenden „es kann nicht sein, was nicht sein darf“ und die Aussage als ebenso unschlüssig in die Tonne treten.

    Mir ist unerklärlich, wie jemand wie Sie, Dieter Kief, auf Pinker derart abfahren kann. Dessen Aussagen – vorausgesetzt, sie treffen zu – sind exakt so bedeutsam, wie die Ihren. Dass jener Kohle damit macht, lässt Ihre um nichts weniger bedeutsam erscheinen. Sie müssen sie allerdings äußern. Wenn Sie stattdessen nach Pinker greifen, greifen Sie ins Klo. Ditto bei Peterson und Sailer.

    Und wenn Pinker etwas „mit Verweis auf peinlich genaue wissenschaftsgeschichtlicher Forschung“ sagt, glaube ich kein Wort, wenn die Quellen mir nicht genannt werden.

  31. Dieter Kief schreibt:

    Taleb ist ein Mann, der gelegentlich arg polemisiert. Nicht immer so verlässlich, wie man sich erzählt. Es gibt eine gute Antwort von Pinker auf Taleb im Netz – vielleicht stelle ich sie noch ein.
    Sie ist aber leicht zu finden, und gratis.
    Pinkers Idee, dass an der Aufklärung etwas sei, und dass es falsch sei, die Früchte der Vernunft zu ignorieren, bzw. die Vernunft selber zu diskreditieren, finde ich dagegen sehr plausibel, in der Tat.

    Bill Gates sagte, „Enlightenment Now!“ sei sein neues Lieblingsbuch – daraufhin wurde der Erscheinungstermin um zwei Wochen vorgezogen – das nenne ich einen einflussreichen Lobredner!

    Taleb dürfte – finanziell – v i e l reicher als Pinker sein, btw.

  32. h.z. schreibt:

    @Dieter Kief

    Mag sein, dass Taleb nach Ihrem Geschmack mitunter arg polemisiert. In seiner gegenständlichen Kritik an Pinker indes ist davon nichts zu bemerken. „Nicht immer so verlässlich, wie man sich erzählt“: Die rhetorische Figur, derer Sie sich hier bedienen, nennt sich „argumentum ad populum“, wenn ich nicht irre. Zur Entkräftung ist es ganz allgemein unbrauchbar und enthält konkret eine moralische Schweinerei obendrein.

    Mit diesen Manipulationsgriffen wird die Aussage vorbereitet, Pinker habe eine gute Antwort auf einen grundsätzlich nicht ernstzunehmenden Taleb gegeben. „Vielleicht stelle ich sie noch ein.“, lassen Sie eine gewisse Unentschlossenheit erkennen. Es gibt allerdings einen vernünftigen Grund dafür, den Link auf Pinkers Antwort nicht bekannt zu geben. Ihre Behauptung, Pinkers Antwort auf Taleb sei „gut“, kann nicht sogleich überprüft werden. Denn allem voran ist die Frage zu stellen, welche Antwort Sie denn meinen.

    Pinkers Antwort sei aber leicht zu finden, klären Sie auf. Das erinnert mich an den „Fake-Wurf“ beim Stöckchenspiel mit Hunden. Ihre Unentschlossenheit ist meiner Analyse nach also lediglich vorgetäuscht zum Zwecke des Spiels. Dieses Spiel kann allerdings nur funktionieren, wenn Sie mich für einen, sagen wir, Idioten halten. Da Sie den Versuch des Spiels nun einmal unternommen haben, komme ich zum Schuss, dass Sie in mir in der Tat einen solchen sehen. Stöckchenspiel und Namedropping sind gar nicht so unähnlich, wie man zunächst vermuten möchte.

    „Pinkers Idee, dass an der Aufklärung etwas sei, und dass es falsch sei, die Früchte der Vernunft zu ignorieren, bzw. die Vernunft selber zu diskreditieren, finde ich dagegen sehr plausibel, in der Tat.“ sagen Sie. Meine Frage dazu ist, wie Sie‘s damit im eigenen Denken und Äußern halten.

    Bill Gates – na bitte.

  33. Dieter Kief schreibt:

    @ h. z.
    Es tut mir leid, dass meine ironische Bemerkung Sie so bitter ankam. Es gibt Leute, die sich z. B. an die Auseinandersetzungen zwischen Rolf Dobelli und Nassim Taleb erinnern, an solche Leute hatte ich zu allerst gedacht.

    Hier ist der link zu Pinkers Zurückweisung von Talebs Attacke:
    http://scholar.harvard.edu/files/pinker/files/comments_on_taleb_by_s_pinker.pdf

  34. h.z. schreibt:

    @Dieter Kief
    Pinkers Zurückweisung bezieht sich eben nicht auf die von mir oben verlinkte fundierte Kritik (Cirillo/Taleb), sondern auf dieses Dokument (der ausgeschriebene Link erstreckt sich über mehrere Zeilen, weshalb ich ihn in einem href-Attribut unterbringen muss). Taleb hat übrigens erhellende Überlegungen zu Pinkers Zurückweisung dem Dokument angefügt, betitelt als „Technical Appendix“.

    Ihre Einschätzung, Pinker habe eine gute Antwort auf Taleb gegeben, teile ich nicht. Pinker bleibt notgedrungen alles schuldig, was Talebs präzise Kritik auch nur abschwächen könnte. Pinkers statistisches Verständnisproblem wird von Cirillo/Taleb auch in einem weiteren Aufsatz berührt: https://arxiv.org/pdf/1505.04722

    Erlauben Sie mir die Anregung zu geben, sich die mögliche Politikwirksamkeit von Leuten wie Pinker zu vergegenwärtigen. Politikern ist die Bedeutung des von Bersarin bereits genannten Grundsatzes der Logik mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht einmal bekannt: Aus Falschem folgt Beliebiges. In diese wissenschaftlich verbotene Zone hat Pinker (doch nicht nur er) sich begeben. Daher kann ich die Konsequenz nachvollziehen, mit der Taleb die Arbeit Pinkers auseinander nimmt und ich bin froh darüber, dass er nicht höflich-zurückhaltend schweigt. „If you see fraud and don’t shout fraud, you are a fraud“ hat er sich schließlich zum Motto gemacht.

  35. Dieter Kief schreibt:

    @ h. z.

    Pinker verteidigt in „Angels“ z. B. den gewaltfreien Protest (Gandhi), aber auch die vielen Initiativen auf internationaler Ebene (Uno, EU, EuGH), gegen den Krieg als legitime Auseinandersetzung zwischen Staaten.
    Das war eine Überlegung, die der Hippie-Flügel von ’68 ebenfalls gut hieß, aber nicht – naja: Die militante Linke von Büttikofer über Kretschmann, Schmierer, Koenen, ja sogar solchen nachgeordneten Kadern wie dem Frontmann von – mene, mene tekel upharsim – „Element of Crime“ und nachmaligen Romancier Sven Regener oder dem leider häufig nach „Militanz“ rufenden Rudi Dutschke usw.

    Pinker hat auch noch einen interessanten Kommunikations-Aspekt in seiner Argumentation: Misslingende Befriedungen sind medial viel (!) ergiebiger als gelingende. Die Nachrichtenmaschine läuft besser, solange geschossen wird.

    Wenn man der Ansicht ist, dass jemand methodische Fehler macht, soll man diese Einwände vortragen. Dass Taleb das tut, stört mich nicht, aber die Art, in der er das tut, finde ich nicht richtig, nämlich „fraud“ zu rufen und Pinker Absicht zu unterstellen. – Die Stimme der Vernunft, das ist mein fester Glaube, spricht leise; sie schreit nicht.
    Ich finde, dass Pinker sich sehr gut verteidigt gegen Talebs Einwände.

    Und ich meine nach wie vor, dass Gray in dem von Ihnen zitierten Guardian-Artikel keine vernichtende Kritik an Pinker vorträgt, und dass Gray das fairerweise auch selbst nicht als vernichtende Kritik bewertet. Kritik schon. Das stelle ich nicht in Abrede.

  36. Dieter Kief schreibt:

    Heute ist Steven Pinker bei der NZZ online mit einem Ausschnitt aus dem o. a. neuen Buch über die Vorzüge der Aufklärung – gerade heute:

    https://www.nzz.ch/feuilleton/die-aufklaerung-funktioniert-ld.1358560

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