Nachteinsatz

Als ich losfahre, das Omen: ein Streifenwagen nach dem anderen, Blaulicht, sie halten vor der Shopping-Mall, die sich „Das Schloß“ nennt. Die Beamten springen aus den Wagen, hektisch, ich stehe an der Ampel, Grunewaldstraße, schaue neugierig, muß dann aber rechts abbiegen, vom Hindenburgdamm her kommt mir ein weiterer Polizeiwagen (Peterwagen sagt man dazu in Hamburg) im Höllentempo mit Blaulicht entgegen. Ich bin unterwegs zum Benjamin Franklin-Klinikum. Es ist kurz vor halb acht.

Ein Besuch nachts in der Notaufnahme erdet und macht demütig. Die kahlen Gänge, die Einlaßhalle Nord mit dem Interieur original aus den 70er oder 80er Jahren. Es ist die Kulisse eines Marthaler-Stückes, in die ich geraten bin, das einzig Moderne dort sind die Getränkeautomaten und der Automat mit den Süßsachen. Auch die wartenden, leidenden Menschen: eine Marthaler-Szene, nur reales Leiden diesmal und ohne die betörende Musik, die uns als Lebewesen beschlummert wegtaumeln läßt, um sodann irgendwann aus dem süßen Rausch des Summens und Säuselns wieder zu erwachen, wie das bei Marthaler üblich ist, und wieder stehen die Protagonisten mit dem leicht wirren Blick in der Welt, aus der sie für den Augenblick herausgetragen. Im Gesang, in der Musik.

Als meine Begleitung von einer schnarrenden Stimme aus einem Lautsprecher, der seine besten Tage rund 40 Jahre schon hinter sich hat, zum zweiten Mal aufgerufen wird, nun zum Röntgen, ich muß draußen warten, öffnen sich die Türen, hektisches Treiben, an mir vorbei, blicke ich, neben mir, auf halbtote Menschen, die an Geräten angeschlossen liegen. Piepen, fiepen, röcheln, Schläuche und offene Türen. Ich stehe da im Gang, wartend, und weiß nicht, wo genau ich hinsehen soll, aus Scham nicht, anderen beim Sterben, beim Leiden oder bei sonst etwas Intimem zusehen zu müssen oder aus Grauen vor dem, was ich da sehe, was sich da tut. Ich bin kein Freund solcher Szenen. Medizinisches Interieur, Kräfte mit lindgrünen und mit dunkelblauer Oberbekleidung aus leichtem Leinen, ein schwarzer Pfleger, groß, riesig, kräftig, in schneeweißem Kittel, ein Jungarzt mit französisch-charmantem Akzent, eine mürrische Röntgenärztin, an mich gewandt, mehr geschnauzt als gebeten: „Sie bleiben draußen!“ Was hatte sie gedacht? Daß ich mich den Strahlen freiwillig mitaussetze? Unwillkürlich abgelenkt von so viel Medizin und Notversorgung, und es öffnet sich die Glas-Schiebetür, hektisches Pressen und laute Stimmen, die Eindrücke fließen mir ineinander, ich im Gang wartend, keiner beachtet mich, ich schaue, höre die Geräusche, die nun lauter werden, sie stammen von der Szenerie mit Polizei, Rettungsleuten und Klinikpersonal, das vollgeblutete Krankenbett, ein Haufen weißer Blut-Lacken, darin ein junger Mann, „Sind Sie 18, sind Sie 18?“ hektische Stimmen, dunkle Haare schauen unterm Laken hervor, ich sehe nicht in die Augen, blicke vom Seitenwinkel nur, „Wo ist ihr Ausweis?“, dazu die Notärzte, Rettungssanitäter, Patient ab in den Schockraum, Messerstecherei. Dahinter ein zweiter junger Mann, aber deutlich entspannter im Gesicht und noch bei Bewußtsein. Technisches Gerät, Ärzte, die herbeieilen, andere die mit stoischer Miene zum nächsten Patienten eilen, die meisten Retter aber im Erstkontakt freundlich, ruhig, besonnen. Lange Zeit des Wartens. Im Gang, im Windzug der kreisenden Drehtür, seit Stunden dieselben Gesichter, die das, anders als ich, mit Ruhe ertragen – was bleibt ihnen auch anderes übrig? Die Frau im Rollstuhl mit dem Blasenkatheder, Wartezeit bisher: 4 Stunden, in Marzahn wurde sie zur Einweisung ins Krankenhaus abgewiesen, nun versucht sie im Benjamin Franklin ihr Glück, um auf Station medizinisch versorgt zu werden. „Libanesische Großfamilie, da können wir nichts machen.“ (O-Ton Polizei, raten Sie in welcher Stadt der BRD!) Ich bin zum Glück nur der Begleiter einer Freundin, die mit Asthma-Anfall zur Notaufnahme wollte. Wartezeit: 6 Stunden.

Ich lerne Demut. Und ich weiß nun, daß ich mir fürs Alter, wenn es mir einmal nicht mehr so gut geht, ein Ticket nach Zürich kaufen werde. Ich überfliege, wieder zu Hause, gegen Mitternacht, noch einmal die letzten Aufzeichnungen im Tagebuch von Fritz J. Raddatz. Als ich es damals, 2014, las, wußte ich, vom Ton dieser Texte her, daß dieser Mann sein Leben beizeiten beenden würde, und ich wußte auch, daß dieses Beizeiten recht bald käme. So geschah es. Die Lust an Kunst und am Schönen war diesem Schöngeist vergangen. Ausgebrannt, wie jede Flamme ausbrennt, die viel Sauerstoff frißt und Luft säuft. Für eine Kerze freilich, die man von zwei Seiten her anzündet, brannte diese Flamme lange. Vor knapp drei Jahren, am 25.2. nahm sich Fritz J. Raddatz sein Leben.

Krankenhäuser machen demütig. Und ich bin dankbar, dort nicht der Patient sein zu müssen, bin dankbar, daß ich an meinem Schreibtisch sitze, den Kaffee trinke und über den Büchern zur literarischen Romantik und zu Hegel hocke. Es ist ein angenehmes Leben. Ich tschecke meine Privilegien nicht, sondern ich freue mich über sie. Ich werde abends einen Riesling aus dem Elsaß trinken.

Abgebrochen. Eine knappe Skizze zu Michael Rutschkys „Mitgeschrieben. Die Sensationen des Gewöhnlichen“

zoom_berenberg_book_b15421740188„Erfahrungshunger“ auf alte Zeiten oder doch eher, wie Walter Benjamin einen Aufsatz betitelte, „Erfahrung und Armut“? Als ich in den Zeitungen die ersten Besprechungen von „Mitgeschrieben“ las, dachte ich mir, das Buch sei bestimmt wichtig und interessant, weil es mir auf geistreiche und unterhaltsame Art das Leben der anderen wie auch die Zeit der frühen 80er Jahre näherbrächte – meine Jugend schließlich. Nichts ist spannender, als über die eigene Adoleszenz zu lesen und was sich da zutrug. Immerhin war es eine bewegende wie auch bewegte Zeit – eine Zeitreise also erwartete mich, dachte ich mir, Blicke zurück, als die gute alte Bundesrepublik noch die gute alte BRD war und die DDR die DDR, diese letzten Jahre der BRD: Nato-Doppelbeschluß, Anti-AKW, F.-J. Strauß, Kanzler Kohl, die Russen in Afghanistan, Polens Solidarność, Reagan, Thatcher, Papst, Titanic, die RAF in Agonie, Absterben des Punk, coole Bands wie die Einstürzenden Neubauten oder die Neonbabies, eine merkwürdig leblose BRD-Literatur der Befindlichkeiten, die neue alte Subjektivität, in die plötzlich ein besserer Ton, eine andere Art zu schreiben einfiel. Die jungen Wilden gab es eben nicht nur in der Malerei. Klar, die ansonsten existierten immer schon: vom stürmenden, drängenden Goethe, dem räuberisch-verwegenen Schiller, dem wilden Kleist, dem revolutionären Büchner, dem frechen Heine und dem pöbelnden, ätzenden R.-D. Brinkmann, der den Pop ins Gedicht warf. Auf eine angemessene Weise. Dies zumindest konstatiert ein Mensch wie ich, der kein Freund der Pop-Musik ist, sondern diese Unterhaltungsweise eigentlich zutiefst verabscheut. Aber ich will nicht abschweifen. Ich hoffte beim Lesen des Mitgeschriebenen auf ein Gemisch von Dichtung und Wahrheit. Oder meinetwegen auch: Nur Wahrheit im Auge des Betrachters.

Rutschky also und seine Frau Kathrin, wie er (also R.) sie im Buch nennt. In München. Auf Reisen. Die Nackten an der Isar. Der mit Rutschky, also mit R., wie er sich in der dritten Person beschreibend nennt, befeundete Rainald Goetz, Szenen hier, Szenen da, Petitessen und Anekdötchen, die in einer Art bernhard-goetzschem Stil aufgetischt werden. Sloterdijk bei den Rutschkys zu Hause. Heftige Dispute am Ende über Freud und die Psychoanalyse. „Der kommt mir nicht mehr ins Haus!“, empört sich Kathrin. So gleitet die Lektüre in detailversessener, aber leider auch ermüdender Tonlage von Bruchstück zu Bruchstück. Rutschky notiert Beobachtungen und schreibt diese wie beiläufig auf. Die Zeit beim Kulturmag „TransAtlantik“, das Enzensberger und Gaston Salvatore gründeten, Redaktionsalltag, Redaktionssitzungen, Bürobefindlichkeiten wie man sie von tausend Arbeitsstellen kennt; auch der Gang zum Klo wird nicht ausgespart. Schön für Rutschky, langweilig und vor allem ohne jede Relevanz und ohne jeden Reiz für die Leser. Aha, so war das also in München, denke ich mir. Na fein.

Leider bin ich nur bis zur Seite 90 gekommen, und habe dann noch ein wenig geblättert, kursorisches Sichten, Textstellenhopping betreibend, weil ich mich bei dieser Lektüre unsterblich gemopst habe. Ein öder Schreibstil, teils prätentiöser Ton, dann wieder als schriebe ein Faultier, das eigentlich gar keine Lust zum Schreiben hat. Betont gelangweilt oder distanziert wird Text aufs Papier gebracht, eine Geste und ein Stil, der mich regelmäßig gegen Schreiber und Buch aufbringt. Lauter Anmutungen, vor allem aber viel Belangloses. Jedes Tagebuch von Thomas Mann ist erheiternder, ergiebiger, besser, lehrreicher. Wenn einer lesen möchte, wie man den Geist der Zeiten einfängt, der zwar nur der Herren eigener Geist ist, in dem die Zeiten sich bespiegeln, wo aber doch irgendwie ein Hauch von Zeitgeist und Epoche mitschwingt, der lese unbedingt Fritz J. Raddatz‘ köstliche „Tagebücher“ über die 80er und 90er. Hier finden wir einen Journalisten, der zugleich Schriftsteller ist, der mit Witz, mit Esprit und Lust zu formulieren versteht. Jemand, der fragt, sucht, um Liebe flennt, schimpft, über die Größen seiner Zeit lästert und Begegnungen mit tatsächlich bedeutsamen Schriftstellern elegant skizziert. Raddatz lebt seinen Narzißmus fast größenwahnsinnig aus, aber zugleich versinkt er in Selbstzweifeln. Den Leser kotzt diese Eitelkeit des Kulturmackers zwar an und er stöhnt auf „Oh, nein, jetzt nicht noch das! Und nicht dieses Selbstmitleid!“ Aber als wilder Voyeur liest der Leser dann doch wißbegierig weiter, weil er einen Homme de Lettre vor sich hat, der auf eine irgendwie doch zupackende Art sein Tagebuch zu führen versteht wie der Edelmann den Degen. Französische Eleganz und Parfümiertes. Wohlriechend aber, wie es besondere Frauen an bestimmten Stellen tun und wo man nicht mehr fort will.

Bei Rutschky ist es aber alles so lala. Ja doch, es gibt auch bei ihm die eine oder die andere kluge und geistreiche Beobachtung, so daß manchmal aus dem Gewöhnlichen tatsächlich die Sensation hervorsticht oder ich schmunzele zumindest beim Lesen, wenn etwa Goetz nachts nach einem Kneipenbesuch und trunken eine Polizeiwache mit Graffiti besprühen will. Aber der Lauf des Banalen erdrückt leider allzuoft die wenigen hellen Momente des Buches. Weshalb sollten mich die Juttamutter oder das Ehepaar Doppler interessieren? All diese Figuren bleiben seltsam leblos. Selbst Enzensberger. Allenfalls lebt das Buch von dem immer wieder wie Kai aus der Kiste auftauchenden Goetz und den typischen Goetz-Bemerkungen, wie wir sie im typischen Goetz-Ton seit nunmehr über 30 Jahren kennen.

Kehrt nun ins Schreiben die neue Subjektivität wieder ein, das Ding mit dem Knausgård-Fetisch, wahrhaftig vom Leben und wie es so im besonderen und allgemeinen sich zuträgt, zu plaudern? Statt zu erzählen und trickreich Phantasmen zu streuen, doppelte Böden zu zimmern, finden wir in der Literatur immer mehr: Berichten und schreiben, was ist. Meine Tagebuchnotiz von heute, Berlin, den 14.1.2016 wird von Folgendem berichtet haben: Rutschky gelangweilt weggelegt.

Michael Rutschky, Mitgeschrieben. Die Sensationen des Gewöhnlichen, 432 Seiten, EUR 25,00
Immerhin ist das Buch aus dem Berenberg Verlag schön ausgestattet und bildet einen Schmuck im Bücherregal. Ist ja auch was. Schade aber ansonsten, denn ich hatte mich auf die Lektüre sehr gefreut. Lese ich vielleicht doch weiter und hoffe, es würde besser?

„Unruhestifter“ und innig Liebender. Zum Tod des Essayisten, des Schriftstellers und Literaturkritikers Fritz J. Raddatz

Im September 2014 verabschiedete sich Fritz J. Raddatz vom Feuilleton und vom Literaturbetrieb der BRD mit jenen eindringlichen und nachgerade bekenntnishaften Sätzen:

 „Ich habe mich überlebt. Was heißt das für einen Autor, einen Literaturkritiker zumal? Es bedeutet: Meine ästhetischen Kriterien sind veraltet, das Besteck des Diagnostikers rostet, meine Gierfreude am Schönen der Kunst ist zu Asche geworden, der gefiederte Pegasus, mit dem ich durch Bild und Text galoppierte, lahmt. Diese Welt – in der ich mich durchaus noch kundig machen möchte – weicht von mir, gibt mir keine Kunde mehr; ich bin aus der Welt gefallen. Ihre Zeichen werden mehr und mehr zu Rätseln – unlösbar oft, abstoßend nicht selten, sind meiner Lebensart, meinem Habitus, meinem – Pardon für das harte Wort – Geschmack ungemäß.“

„Diese ‚Welt von gestern‘ kommt nicht wieder“ trug Raddatz fünf Jahre zuvor, am 11. Februar 2011 in sein Tagebuch ein.

Nach diesen Interview-Passagen in der „Welt“ und nach meiner Lektüre der „Tagebücher. Jahre 2002 – 2012“ wußte ich, daß Raddatz dieses Jahr 2015 nicht überleben und er sich zu gegebener Zeit das Leben nehmen würde. Glasklar die Andeutungen und Sätze. Den Tod umkreisend im Tagebuch-Schreiben, in immer neuen Wendungen, ein Tagebuch als Stundenbuch, todesreflektiert, in hora mortis, oder kurz davor, denn philosophieren und auch die Literatur betreiben heißt, sterben lernen; todessüchtig fast fielen diese privaten Eintragungen aus. Gelungene Projekte, aber ebensoviele gescheiterte. Im Rückblick. Diese Ambivalenz des Kulturbetriebs, der einen so schnell fallen läßt wie aufsteigen, bekannte Raddatz freimütig ein. Vom streitbaren Großkritiker zum Has-been verläuft die Linie schneller als gedacht und erwartet.

Die Freude am Glück und am Glanz des Lebens, den Raddatz so sehr schätzte, sogar die Lust an der Literatur ging ihm in den letzten Jahren verloren, wenn man diese Zeilen in seinem Tagebuch nicht für Koketterie nimmt. Die Lektüre einst geachteter Texte wie der Prousts oder Thomas Manns, gar Goethe selbst, geriet ihm, während er diese Schriftsteller wieder las oder vorgelesen hörte, schal. Die „Wahlverwandtschaften“ nannte er konstruiert, den „Felix Krull“ fand er „bei aller Vergnüglichkeit doch allzu Rokoko-verzuckert“. „Es spricht deutlich immer der sprachlich hochgezüchtete Autor, nicht seine Figur.“ Thomas Bernhard samt seinen Auslassungen, während er sich in seinem Mallorca-Interview spreizte, „böses Zeugs“ redend, bezeichnete Raddatz als einen „Nihilismuseitelkeitskasper“. Als haltbar erweisen sich von Thomas Mann „Der Zauberberg“ und die „Buddenbrooks“. Raddatz mokierte, klagte, wußte um das Ende. So hauchten Welt, Leben, Lust und Literatur dahin. Ungeheuer bewegend geschrieben, weil dies die Reflexionen eines Menschen sind, der sich dem Tod, seinem eigenen Tod stellt und ihm ins Angesicht blickt. Ohne Eitelkeiten und Kokettieren abgefaßt, die Raddatz ansonsten in anderen Tagebuch- und Biographietexten nicht fremd sind. Mochte man sein Tagebuch der Jahre 1982 bis 2001 wie auch seine wundervolle Autobiographie „Unruhestifter“ noch als den großen Gesellschaftsroman der untergehenden alten BRD lesen, prickelnd und angereichert um manche Anekdote aus dem, was Kulturbetrieb heißt, so waren seine 2014 veröffentlichten Tagebücher der Jahre 2002 – 2012 nicht mehr nur Abgesang, sondern bereits die Chronik eines angekündigten Todes.

Heute aber geht der Essayist, der Schriftsteller Fritz J. Raddatz endgültig. Einer jener großen Literaturkritiker der BRD, die den Betrieb wesentlich prägten, ist heute gestorben. Er nahm sich selbstbewußt und selbstbestimmt in Zürich das Leben, weil die BRD ein solches Sterben verbietet.

Raddatz war als Essayist und Kritiker teils verhaßt, oft angefeindet. Im Stil seines Schreibens hoch elegant, ätzend, sprudelnd wie Champagner, fein und schneidend zugleich, dort wo es ihm nötig schien. Treffend im Ton, hochfahrend mit der Freude am besonderen Wort, manchmal vielleicht zu fein ziseliert und gedrechselt die Formulierungen. Dennoch – eine Freude war es, seine Besprechungen und Essays zu lesen. Oft irrte er, war vorschnell im Urteil. Er platzte und plautzte heraus, wo es doch Zeit wäre, genauer zu arbeiten und zu recherchieren. Karl Kraus’ Satz „Mir fällt zu Hitler nichts ein“, mit dem dieser die „Dritte Walpurgisnacht“ begann, deutete Raddatz als Sprachlosigkeit und als Kapitulation vor Hitler. Nur war leider das Gegenteil der Fall. Weder kapitulierte Kraus in der Sprache, noch frönte er seiner ihm häufig zum unsinnigen Vorwurf gemachten Ich-Sucht, wie Raddatz insinuierte. Vielmehr entwickelte sich bei Kraus aus den Idiosynkrasien und dem Blick unter der Perspektive des Besonderen eine unverstellte, kalte, klare Analyse des Allgemeinen, die dieses Gesellschaftliche zuweilen in einem einzigen Satz pointiert verdichtete. Absurde Fehllektüre von Raddatz, wo doch ansonsten – auch im feuilletonistischen Essay – jenes dekonstruktive Misreading den einen oder den anderen Spalt eines Textes auftun konnte und eine Kritik produktiv wendete. Bei Kraus verrannte sich Raddatz. Und nicht nur da. Der satirische, der lyrische Ton Robert Gernhardts blieb ihm fremd. Spinnefeind einander. Aber vielleicht macht gerade der Irrtum und das immer wieder erneute Aufstehen und Gegenanschreiben die Größe dieses Kritikers aus. Aber wie leicht verrennt man sich und ästhetisches Urteilen gerät zum Ressentiment? Offenheit zu bewahren und aufgeschlossen zu bleiben, sollte die Aufgabe des Kritikers sein.

Man kann, muß und darf inhaltlich nicht alles teilen, was Raddatz schrieb. Seine Besprechungen waren streitbar, und wenn man gewillt war, konnte man sie zerlegen. Ich erinnere mich, als Raddatz 1993 in der „Zeit“ Rainald Goetzʼ 5-bändigen Textkonvolut „Festung“ geradezu vernichtend rezensierte, und das Scheitern insbesondere der drei Materialienbände „1989“ auf den Punkt brachte:

„… die drei (!) Bände „1989“, die nichts sind als ein mächtiger – elektronischer – Papierkorb; Pardon: Müllcontainer. Noch einmal wird das vergessen geglaubte Un-Wort von der „automatischen Textgestalt, die Stimme des reinen Materials“ aus der Fünfziger-Jahre-Kiste geholt, um uns Hunderte von Seiten mit Fernsehhäckseln zu quälen. Das Feine an der Organisation dieses Materials soll sein, daß es un-organisiert ist. Die Fernbedienung als Dramaturgie eines Textes – das ergibt natürlich nichts als Hirnflimmern.“

Damals teilte ich die Sicht von Raddatz nicht, widersprach dieser Kritik, rauchselig im Kreis der postmodernisierten postdramatischen Akademiker, die das Erlebnisdrama des Rausches vorzogen, lebhaft, ahnte aber zugleich, daß Raddatz am Ende recht behalten könnte, wenn ich den Kult der Goetz-Jünger im Sound der Textbeliebigkeit mir betrachtete, den diese um die von Goetzʼ zusammengeklaubten Texte der 90er Jahre veranstalteten als seiʼs Religion: Assoziieren als Methode – bereits hier. Ohne das Material in eine ästhetische Form zu versetzen. Diese Kulthandlungen hatte mehr etwas von Drogenerlebnissen als von Literatur. Raddatz sah diesen Aspekt des Beliebigen, der sich in der Literatur der 90er Jahre zunehmend zu etablieren begann, teils unter dem Titel Pop firmierend. Was bedeutet diese Moderne? In seinem letzten Interview im Samstags-Magazin der „Berliner Zeitung“ im Januar 2015 mit Arno Widmann, pointiere es Raddatz. Das mag nach alter Schule klingen, so schrecklich unmodern und antiquiert, aber am Ende wird es sich bewahrheiten; mal sehen, wann all die Seemannschwätzer und die Schrammfaselerinnen in Ton und Ideologie wie die Fahne im Wind umschwenken werden:

„Ich glaube nicht, dass die zwanghafte Kürze etwa beim Twittern eine neue Ästhetik hervorbringen wird. Das fördert nur Oberflächlichkeit, die vorgebliche Informationsfülle, der wir heute ausgesetzt sind – dabei wissen wir nicht einmal genau, was zum Beispiel in der Ukraine los ist, oder, um bei der Kultur zu bleiben, wer heute in den USA malt. Wer sind dort die jungen Autoren von heute? Wissen nur wir das nicht? Oder weiß man das nicht, weil sie untergehen in der Überfülle von angeblicher Information?“

Sein Stil, dieser Ton des Schreibens blieb unverwechselbar. Raddatz besaß den besonderen Blick für Literatur in den frühen und mittleren Jahren der BRD, in den Jahren des Aufruhrs, nachdem er 1958 die DDR verließ und nach einem Intermezzo beim Kindler Verlag; er entwickelte das untrügliche Gespür für die neue Literatur der BRD, der er 1960 als Cheflektor und stellvertretender Verlagsleiter des Rowohlt Verlags eine Plattform bot, und nicht nur für die Literatur der BRD und der DDR, sondern ganz international nach Frankreich und in die USA ausgreifend. Anders als sein großer Kritiker-Antipode Marcel Reich Ranicki ging es ihm um eine Literatur, die den abbildhaften Realismus zu übersteigen hatte, eine Literatur, die nicht bloß konservierend und konservativ erzählend verfuhr. Raddatz Blick auf Literatur war facettenreich, Unterschiedliches nahm er wahr, die Revolten, selbst im Konservativen wie bei Céline: genauso aber Jouhandeau, James Baldwin, Jean Genet, Elfriede Jelinek, Uwe Johnson, Hubert Fichte, der den meisten Literaturbloggern heute kaum noch bekannt sein dürfte, Faulkner und Gabriel García Márquez, bis hin zu Walter Kempowski, mit dem er befreundet war, wie auch mit Günther Grass, Siegfried Lenz, Peter Rühmkorf, Thomas Brasch, dem Graphiker und Zeichner Paul Wunderlich. Eine schwierige Freundschaft verband ihn mit Uwe Johnson, die im Bruch und mit dem Tod Johnsons endete. Zeugnis davon legt der eigenwillig-eigentümliche Briefwechsel „‚Liebes Fritzchen ‚Lieber Groß Uwe‘“ ab. Wer keine Literaturgeschichte der BRD und der DDR jener Jahre lesen mag, weil diese zu trocken verfaßt, wer gerne hautnah dabei sein will und aus erster Hand erfahren möchte, der nehme sich seine Autobiographe „Unruhestifter“ sowie jene Tagebücher „1982–2001“ samt dem Briefwechsel Johnson – Raddatz.

Über seinen Sturz als Feuilletonchef der „Zeit“, 1985, als er über ein nicht ausgewiesenes Goethe-Zitat stolperte, das er ungeprüft aus der NZZ übernahm und was sich dann als eine Satire entpuppte – Goethes legendärer Bahnhof eben – schrieb er in seiner grandiosen Autobiographie „Unruhestifter“: Zwischen Hektik und der Frankfurter Buchmesse noch einen Artikel auf die Seite 1 der „Zeit“ eingestreut, hineingehauen, weil auf jener Seite der zweite Leitartikel ausgefallen war; kurz vor Sprung auf dem Weg zum Flughafen. „Fritz, nur Sie können helfen, Sie sind so schnell.“, zitierte Raddatz in seiner Biographie. Gegengelesen und geprüft haben diesen Text die Korrekturen der „Zeit“ anscheinend nicht. Raddatz brannte, so sagte es der Verleger Ledig-Rowohlt und so geht die Legende, wie eine Kerze von den zwei Enden her. Lebenswild, Literatur und Kunst als Leidenschaft und so wurde ein Leben zu Berufung und Beruf. Der Idealfall eigentlich.

Lebenstragödie und harte Szenen in seiner Kindheit und Jugend beschreibt Raddatz im „Unruhestifter“. Unbedingt lesenswert. Trotz all seiner Eitelkeiten und kapriziösen Züge. Zugleich ersteht darin eine Welt voll Glanz, Glamour und Intrigen. Literatur fast schon als Adelsball mit Henkel und allem, was in der BRD und der DDR Rang und Namen besaß. Enzensberger, Grass, Rühmkorf. Legendär Raddatz‘ Anekdote über Hans Mayers Egomanie: „Und nun erzählen Sie doch mal etwas über sich“, so Mayer zu Raddatz, „wie fanden Sie mein neues Buch?“ Dennoch verneigt sich Raddatz vor Mayers Leistung. Traurig das Verenden von Thomas Brasch in Alkohol und Drogen. Die Einsamkeiten inmitten des Betriebs und all die Verluste.

Das Private ist insofern politisch als es sich vom Gesellschaftlichen her konstituiert und nicht als Singularität abseits zu haben ist. Ansonsten und ohne diesen Zusatz gerät der Satz, das Private sei politisch zur Gesinnungsschnüffelei. Zwar schätze ich es nicht, in jenem Privaten von Schriftstellern herumzustochern, um irgend einen Rand des literarischen Textes, der sich bei genauer Betrachtung meist als schaler Ranz erweist, hervorzupopeln, weil ansonsten die Kraft der Lendenschwachen zur Lektüre nicht ausreicht. Im Falle von Raddatz muß man jedoch dieses Private nennen, das er selber niemals verschämt kaschierte: nämlich sollte seine Homosexualität bzw. seine Bisexualität nicht unerwähnt bleiben – in der BRD der 70er Jahre und noch hinein bis in die 80er nicht selbstverständlich. Über diese Präferenzen und Affären gab er, nicht nur in seinen Tagebüchern und in seiner Autobiographie, freimütig Auskunft. Vor allem aber lebte er diese Sexualität offensiv, was seinerzeit nicht selbstverständlich war. Das mag im vermeintlich toleranten Literaturbetrieb leichter vonstatten gehen als in anderen Gebieten des Lebens. Doch wie oft hinter Raddatz‘ Rücken ganz und gar unironisch getuschelt wurde „die Tucke!“ wäre sicherlich aufschlußreich. Und selbst die inszenierte Ironie solcher Anwürfe zeugt zuweilen durchaus auch in den sogenannten liberaleren Kreisen noch vom sich perpetuierenden Vorurteil und der Ranküne. Raddatz lebte auch in der Sexualität offensiv. Unerwähnt sollte dieser Umstand nicht bleiben, denn er ist durch und durch nicht nur Literatur, sondern auch politisch.

Für die meisten Menschen ist diese Art des Feuilletons, wie Raddatz es prägte, lebte und schrieb, nicht mehr zeitgemäß. Weder für heutige Leser:innen, noch für die Redakteure unserer Feuilletons, deren „Stil“ häufig grob und an der Literatur vorbeschreibt. Aus der Zeit gefallen. Mochte Raddatz manches Mal oberflächlich und vorschnell urteilen, weil er zu hitzig arbeitete, so blieben viele seiner Beobachtungen dennoch einem besonderen Blick fürs literarische Detail und einer speziellen Ästhetik verhaftet. Fritz J. Raddatz war ein Literaturkritiker, dem der Stil und die Ausdruckskraft der Sprache keine Nebensache waren. Französisch eher als Deutsch im Denken und in der Kraft des Ausdrucks. Dieses Französisches seiner Existenz hob Raddatz in seinen Tagebüchern und in seiner Autobiographie hervorhob: eher in Frankreich für seine belletristischen Werke geschätzt als in der BRD. Insbesondere verzieh man in dieser BRD einem Kritiker niemals, daß er sowohl Literaturkritiken wie auch Romane schreiben konnte. Für diese Art zu formulieren und einen bestimmten Ton in einer bestimmten Diktion zu treffen, liebte ich seine Texte, las ihn gerne, selbst dort, wo er übers Ziel hinausschoß. (Vielleicht sogar gerade wegen dieses Extrovertierten.) Der große Stil eines Homme de lettres. Das Zeit-Feuilleton der 80er Jahre unter seinen Händen war eine einzigartige Freude, wenn wir es lasen; großartige Redakteure wie der wunderbare und feine Theaterkritiker Benjamin Henrichs etwa liefen zur Hochform auf – vertrieben dann vom Grobklotz Siegrid Löffler.

Fritz J. Raddatz weckte in den frühen 80er Jahren unsere Lust auf Literatur. Mein einzig bester Freund Volli, seinerzeit, und ich lasen in jenen wunderbaren Jahren zu unserer Punkrockschulphase seine Kritiken in der „Zeit“ gerne und ausgiebig – er hörte und lebte die Musik, an die er mich heranführte, ich die halbgare vorlaute Theorie der Literatur mit arroganter und ironischer Geste. Wir lachten über das Geschniegelte und Eitle dieses Kritikers und waren doch tief beeindruckt und voll der Achtung von seinem Willen zum Stil und wie es ihn zur Literatur drängte und trieb. Wir veranstalteten aus Spaß einen völlig absurden Fritz J. Raddatz-Ähnlichkeitswettbewerb. Obwohl wir weder Bärte noch Anzüge trugen. Allenfalls mal Trachtenjacken oder ein zerschlissenes Jackett, an das ich mir einen Tampon heftete, den ich rot bemalten mußte, weil mir jenes Mädchen, das ich liebte, zu meinem Bedauern keinen ihrer benutzten Tampons abtrat. So lasen wir die Texte Raddatzʼ und all diese wunderbaren Literaturen, wenn junge Männer das Lesen entdecken, im wilden Modus, mit dem Gespür für den Bewohner einer Welt, der mehr als nur Bürger sein wollte, sogen seine Kritiken in uns auf, verschlangen „Eros und Tod. Literarische Portraits“, „Revolte und Melancholie. Essays zur Literaturtheorie“, kamen über Raddatz zu Johnson und Fichte, zu Benjamin und Lukács, zu Max Raphaels materialistischer Kunsttheorie, zu Jelinek, zu Genet, zu Faulkner, schätzen das Abwegige – auch auf unsere ganz eigene und besondere Weise. Das, was Raddatz sicherlich als Klamauk verworfen hätte: Boris Vian und Raymond Queneau, das Kino der Surrealisten, die Filme Alejandro Jodorowskys. Die Buchbesprechungen von Fritz J. Raddatz in der „Zeit“ und seine Bücher zu lesen, war für mich Gewinn und Genuß in einem. Es wird im Feuilleton nur wenige Kritiker geben, deren Wille zum Stil und zum pointierten geistreichen Satz derart ausgeprägt war, wie bei ihm.

Mögen an dem Ort, wo Sie, lieber Fritz J. Raddatz, nun weilen, die besten Bücher, schön gestaltet, vom Papier her handschmeichlerisch sich fügend, die erlesensten Weine und Champagner der Marke Bollinger, ein fein drapierter Tisch mit Damastdecken und Messerbänkchen sich befinden. Vielleicht endet an solchen Orten auch die Unruhe, wenngleich ich an dieses andere Reich nicht glauben mag. Endspiele sind Endspiele und nach dem Schlußpfiff ist Schluß. Alle Kostbarkeiten versinken. „Geben Sie Luxus! Auf das Notwendigste kann ich verzichten!“ entgegnete Oscar Wilde mit feinem Lächeln. Denn wer den Gebrauchswert niedriger als den Tauschwert schätzt, der möge in der Hölle verschmoren. Es mag kitschig klingen, aber ich verneige mich vor dem Lebenswerk, der Arbeit, dem Text mit all seinen Fehlern, auch dem Text dieses Lebens von Fritz J. Raddatz. Er würde sich, so steht zu vermuten, über viele der folgenden Nachrufe amüsieren oder echauffieren, so wie er es bereits in seinen letzten Tagebuchaufzeichnungen tat, wenn er darüber klagte, daß man ihm dereinst wunderbare Nachrufe schriebe und Epitaphe meißelte, aber zu Lebzeiten er wenig gegolten und die Anerkennung nur spärlich ausfiel. Das freilich stimmt nicht. Dennoch geht hier eine Epoche und eine Zeit unwiederbringlich ihrem Ende entgegen. Vorbei, verweht.

 

01_Raddatz

 Copyright: Julian Baumann SZ Magazin
http://www.julianbaumann.com/pages/sz_raddatz.html