Menschen in der Revolte: Burn, Warehouse burn!

Söhnlein, Ensslin, Baader, Proll: Subversion und Protest

„Das Warenhaus ist der letzte Strich des Flaneurs.“
(Walter Benjamin, Paris, die Hauptstadt des XIX. Jahrhunderts)

„Illusionär ist, Schreiben als etwas anderes anzusehen als den Versuch zur extremen Individualisierung. Das gilt unabhängig vom Thema, es gilt also auch für das politische Thema, an dem sich der Autor – scheinbar über sich hinausgehend – ‚engagiert‘.“
(Karl Heinz Bohrer, Die gefährdete Phantasie, oder Surrealismus und Terror)

Bohrer schrieb diesen Part im März 1968 unter dem Titel „Revolution als Metapher“. Was also von der Überschrift her ganz unmittelbar bereits auf einen Akt der Sprache wie auch der Kunst deutete und zugleich eine Provokation für die Engagierten bedeutete, denn die Revolutionäre verstanden ihre Aktionen keineswegs als Metaphern, sondern ganz real sollte der Kampf in die Metropolen des Westens getragen werden.

Allerdings kommen nicht nur in der Kunst Metaphern zum Einsatz, diese Gewißheit zumindest werden all jene in sich tragen, die ein wenig sich mit politischer Ikonographie befassen. Carl Schmitts Seeschäumer und Landtreter im Kampf um Räume sind da ein Beispiel. Metaphern können insofern genauso politisch sich gestalten, sogar bis in die Bildtheorie hinein. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. 1972 – das Mädchen aus dem vietnamesischen Dorf, das auf der Illustrierten-Seite nackt vor einem Napalm-Angriff floh, keiner wußte ihren Namen: Phan Thi Kim Phuc, alle aber kannten dieses eine Bild, das exemplarisch für den Krieg in Vietnam und seine Unbarmherzigkeit stand, mit der ihn die USA führte. Nackt, weinend, rennend, die Furcht ihr ins Gesicht geschrieben und mit nichts als ihrer Haut bedeckt, der Blick auf die Scheide des Kindes. Unschuldig, unbehaust, voller Angst. Trostloser kann eine Nation keinen Krieg verlieren. Die einstigen Befreier von Nazideutschland erwiesen sich als doch irgendwie auch problematisch. Ein Bild, pars pro toto.

Auch ein Warenhaus ist eine solche Metapher. Oder genauer gesagt ein Gebäude, eine Möglichkeit, ein Ort, der Dinge versammelt, die nicht einfach nur gemachte, schöne oder nützliche Dinge sind, sondern Dinge, die wir uns kaufen. Und damit auch ihre Nützlichkeit, ihre Schönheit, ihr Gemachtsein durch andere. Objekte, die sich durch Geld erwerben lassen. Ich will an dieser Stelle nicht Marxens Wert- und Warentheorie wiederholen. Es geht mir vielmehr um die Bilder und Ideen, die sich ans Warenhaus knüpfen – so wie schon Walter Benjamin die Vorläufer der Warenhäuser, die Pariser Passagen, ins Philosophieren versetzten.

Der Weg von der Warenwelt bis zu ihrem Inferno ist so vertrackt wie steinig. Der Weg von der Imago der Ware insbesondere im 20. Jahrhundert, ihrem Fetischcharakter, den Phantasmagorien der Warenwelt, die Walter Benjamin fürs 19. Jahrhundert nicht nur in seinem Fragment gebliebenen Passagenwerk illuminierte, den Revolutionstheorien, den Traumtänzen und den subversiven Aktionen, die mit dem Kaufhausbrand im April 1968 als eine Art gesteigerter Kunst begannen und im Terror mit unzähligen Toten und in der Nacht in Stammheim endeten: waren das mit Notwendigkeit zu gehende Wege, den die vier beschritten? Hatte es in dieser Geschichte genau so kommen müssen oder wären auch andere Möglichkeiten denkbar? Horst Söhnlein und Thorwald Proll gingen andere Wege, das Liebespaar Ensslin und Baader entschied sich für den Kampf. Aus Zwang heraus, weil nichts anderes blieb, oder aus freien Stücken. Schwer zu sagen. Der Möglichkeitssinn ist in solchen Fragen eher ein ästhetisches Spiel mit der Revolte sowie der Politik. Mich hat diese Haltung damals mit 16 beeindruckt. Daß dieser Staat niemals durch Wahlen verschwinden würde, war mir früh klar. Nicht ganz klar war dem jungen Mann, daß sich gesellschaftliche Veränderungen eher evolutionär ergaben, sofern keine revolutionäre Klasse oder kein Subjekt der Revolution zur Verfügung stand. Und selbst da wurde es problematisch, wenn man an Länder wie Kuba, Vietnam, Nicaragua dachte: Revolutionen fressen bekanntlich ihre Kinder.

Die am Ende bewaffnete deutsche proletarische Revolution aus dem Geist der Studentenbewegung begann mit einem Happening, einem bisher so nicht dagewesenen Zeichen, kein Geschichtszeichen zwar, aber doch ein deutliches Statement zur politischen Lage. Eine Aktion, eine Reaktion – konkret eben. In Vietnam brannten die Kinder, die Frauen, die Dörfer, die Männer, die Palmen, den Dschungel entlaubten sie mit Agent Orange, wir erinnern uns ans Massaker von My Lai am 16. März 1968, knapp drei Wochen vor dem Kaufhausbrand. Hier in Frankfurt brannten nur die Waren, keine Menschen. Doch Aufregung wie Überraschung waren groß. Die Studentenunruhen schienen zu eskalieren. Um wieviel erträglicher und entspannter nahmen die Bundesbürger vor ihren frisch erworbenen Fernsehgeräten die Opfer in Vietnam. Das ist heute nicht anders als damals. Aber all das, diese Stufen der Gewalt und ihre Eskalation rechtfertigen nichts. Sie zeigen aber, wie Geschichte läuft und das manche Begebenheit und manches Leben, wie schon Kleist 1801 in einem Brief an Brief an Karoline von Schlieben wußte, am Schrei eines Esels hängt. In der Bundesrepublik wurde das Farbfernsehen am 25. August 1967 um 10:57 Uhr auf der 25. Großen Deutschen Funk-Ausstellung in West-Berlin eingeführt – vom damaligen Vizekanzler und ehemaligem Bürgermeister von Berlin Willy Brandt. Man konnte also die Haut wie auch die Tarnfarben der Jeeps, Uniformen und Hubschrauber und genauso das Jacket von Peter Frankenfeld nun auch in Farbe sehen.

Ja, ja, nein, nein – bei jener Aktion von Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Thorwald Proll und Horst Söhnlein ist einerseits nichts zu beschönigen. Profis jedoch waren sie ganz sicher nicht und geniale Dilettanten ebensowenig. Aber dennoch speiste sich – andererseits – diese revoltierende Tathandlung wesentlich auch aus jenem Kunstgeist von „Spur“ und „Subversiver Aktion“ in den frühen 60er Jahren in München; und ebenso im Sinne der Situationistischen Internationale. Überspitzt gesagt: Die Revolution begann als ein Kunsthappening, vielleicht ein wenig auch als Spiel aus Übermut und Wut: Etwas mußte nun geschehen. Nur das hier eine Grenze überschritten wurde, die keine Kunst bisher überschritt. Das Als-ob, der Illusions- und Spielcharakter der Kunst nämlich. Dennoch war auch diese Brandstiftung, zumindest für mich damals in den frühen 80er Jahren, als ich mich mit der RAF befaßte, ein Akt der Phantasie, ein Form der Kunst. Allein vom Dilettantismus, mit dem die Akteure das ausführten. Läppische Perücken und Verkleidungen, so daß die Täter einen Tag später schon festgenommen werden konnten. Nach einem anonymen Hinweis. Dieses Unbeholfene bei gleichzeitigem Aufruhr und Widerstand gegen dieses System hatte mich an diesem wilden und vollkommen unorganisierten, dilettantischen Anfang interessiert. Als sozusagen ästhetisches Projekt.

Allein die Bilder von Baader und Ensslin nach ihrer Flucht aus Paris: Sahen die nicht eher aus, wie ein französischer Film mit Jean-Paul Belmondo und Jean Seberg – nur daß die Seberg diesmal auf der Seite der Wilden stand? Das waren Gedanken, die ich Mitte der 80er Jahre hegte, lange bevor es modisch wurde, irgendwie einem Prada-Meinhof-Schick in Ausstellungen zu huldigen und diese Revolte der Wenigen als Photokunst zu sehen. Natürlich – Mythos RAF: er lebt von den Bildern und von den Geschichten. Das war mir schon damals Anfang der 80er klar, als die Lage in der BRD noch sehr viel ernster war. Mein Photographieren auf Demos war nicht nur ein politischer, sondern auch ein ästhetischer Akt.

Die vier Brandstifter bezogen sich auf ein konkretes Objekt, an dem sie ihre Theorie ausprobierten und praktisch werden ließen. Diesen Bezug zur Realität besaßen auch die Surrealisten. André Breton meinte es nicht bloß als Spaß, wenn er in Anlehnung an die russischen Anarcho-Nihilisten im zweiten Surrealistischen Manifest postulierte:

„Die einfachste surrealistische Handlung besteht darin, mit Revolvern in den Fäusten auf die Straße zu gehen und blindlings soviel wie möglich in die Menge zu schießen. Wer nicht wenigstens einmal im Leben Lust gehabt hat, auf diese Weise mit dem derzeit bestehenden elenden Prinzip der Erniedrigung und Verdummung aufzuräumen, der gehört eindeutig selbst in diese Menge und hat den Wanst ständig in Schußhöhe.“

Die RAF ging nie so weit, blind in die Menge zu feuern. Sie wollte keinen Krieg gegen das Volk. Anders als die islamischen Attentäter, die wahrscheinlich niemals dieses zweite Surrealistische Manifest aus dem Jahr 1930 gelesen hatten, aber doch insgeheim und ohne jedes Bewußtsein in dessen Geist des Aufruhrs handelten. Nur daß diese Antibürgerlichkeit, der Haß auf diese okzidentale Gesellschaft die Kunst inzwischen restlos verlassen hatte und an die Peripherie des Westens gewandert war, wo sie dann mit den Migrantenströmen aus ehemaligen Kolonialgebieten wieder ins Herz des Westens stieß, bis nach Paris, Nizza oder Marseille.

Der Abgesang der RAF war freilich ein anderer, eine Art (revolutions)metaphysische Ewigkeitserklärung, durch und durch, fast im Geist hegelscher Wesenslogik konzipiert, einerseits, und von der Sprecherposition Fichtes Tathandlung andererseits, denn wie es in der letzten Erklärung der RAF vom März 1998 hieß:

„Die Revolution sagt:
ich war
ich bin
ich werde sein“

Ein sich perpetuierendes Prinzip. Das kann man als (benjaminschen) „Traumkitsch“ nehmen oder aber als Möglichkeitssinn. Das ist, trotz des Charakters eines politischen Flugblattes eine durchaus poetische Sprache, eine Form des ästhetischen Ausdrucks, die sich zum Teil auch in der Härte der Gefängniskassiber und der RAF-Erklärungen findet. Die sprachpoetischen Parallelen zu dem Manifest „Der kommende Aufstand“ wären interessant zu untersuchen. Mich interessieren diese RAF-Schriften aus dem Geist der Kunst, dem Geist des Surrealismus heraus, der im Unterschied zum Dadaismus sehr viel politischer in einem ganz unmittelbar genommenen Sinne revolutionär gesonnen war, um eine bestehende Gesellschaft zu kippen. Ob solcher Aufruhr real allerdings zum Gewünschten führt: auch daran zweifelte der Ästhetiker im Grandhotel Abgrund schon damals und wußte sich eher auf der Seite Adornos und Horkheimers.

Vor 50 Jahren brannte als eine Art Fanal, als Zeichen, als Bild und Metapher ein Kaufhaus in Frankfurt. Eines von diesen inzwischen altmodischen Gebäuden, mit Rolltreppen und Aufzügen vermutlich, worin noch ein Fahrstuhlführer die Etagen und die Waren ansagte. Alles automatisch: Rollentreppen und Aufzüge die die Besucher, nein, Käufer anfangs staunend befuhren und irgendwann dann, nach dem verlorenen Krieg doch wieder wie selbstverständlich und als ob es nie anders gewesen wäre.

„Alle diese Produkte sind im Begriff, sich als Ware auf den Markt zu begeben. Aber sie zögern noch auf der Schwelle. Dieser Epoche entstammen die Passagen und Interieurs, die Ausstellungshallen und Panoramen. Sie sind Rückstände einer Traumwelt. Die Verwertung der Traumelemente beim Erwachen ist der Schulfall des dialektischen Denkens. Daher ist das dialektische Denken das Organ des geschichtlichen Aufwachens. Jede Epoche träumt ja nicht nur die nächste sondern träumend drängt sie auf das Erwachen hin. Sie trägt ihr Ende in sich und entfaltet es – wie schon Hegel erkannt hat – mit List. Mit der Erschütterung der Warenwirtschaft beginnen wir, die Monumente der Bourgeoisie als Ruinen zu erkennen noch ehe sie zerfallen sind.“ (Walter Benjamin: Paris, die Hauptstadt des XIX. Jahrhunderts, in: Passagen-Werk)

Warehouse – das kann man passend zum Krieg in Vietnam mit den verbrannten Menschen, mit Körpern, die im Napalm verglühten, eben auch als War-House, als das Schlachthaus lesen. Kurt Vonneguts Roman Schlachthof 5 oder Der Kinderkreuzzug kommt mir in den Kopf. Auch im Sinne des Fiktionsmodus einer surrealen Phantasie, die im Kontext RAF dann – also nicht der Dresden bombardierenden Royal Airforce diesmal, sondern der Roten Armee Fraktion – als Aufbruch und Ausbruch plötzlich losging. Das Verhängnis ging immer weiter, auch wenn die Ursachen und die Gründe ganz und gar unterschiedliche waren. US-Amerikaner oder Europäer, die so sehr auf die westlichen Wert pochen, wenn sie mit erhobenem Finger auf Diktatoren oder auf autoritäre Regierungen wie in China oder in Rußland zeigen, sollten sich ihrer eigenen Geschichte gut besinnen. [Und beim Tonkin-Zwischenfall denke ich auch ein wenig an Großbritannien und das britische oder russische oder das von sonstwo her stammende Gift. Aber das ist wieder ein anderes Thema.]

Das, was vor 50 Jahren in Frankfurt begann, endete zwar nicht in Stuttgart-Stammheim, aber dort hatten zwei der vier Protagonisten ihr Finale. Man fand sie am 18. Oktober tot in ihren Zellen. Man betrachte sich zu diesen Stammheim-Szenen im Knast – die RAF bezog übrigens ein wesentliches Potential und viele ihrer Mitstreiter aus dem Gefangenenmythos, aus Aktionen rund um die Gefangenen: von Hungerstreik bis Befreiung – man besehe sich also jene Stammheim-Bilder des Photographen Andreas Magdanz in dem Bildband Stuttgart Stammheim. Und sie weben am Mythos, allerdings mit dem Sezierbesteck des photographischen Blickes. Mit all den Spielen in Gedanken, die Bilder auslösen können, wenn ich die Kälte des Traktes mir anschaue, der genauso woanders sein könnte.

„Chaque epoque rêve la suivante.“
(Michelet: Avenir! Avenir!, zit nach: Walter Benjamin, Passagenwerk)

Die erste und die dritte Photographie stammen aus dem Bild Stuttgart Stammheim von Andreas Magdanz, erschienen bei Hatje Cantz.

106 Gedanken zu „Menschen in der Revolte: Burn, Warehouse burn!

  1. Das Foto von ensslin und Baader oben ist stark.

    „Mit der Erschütterung der Warenwirtschaft beginnen wir, die Monumente der Bourgeoisie als Ruinen zu erkennen noch ehe sie zerfallen sind.“

    Das ist der ewige marxistische Verliererpoker. Und er ist schon lange nur noch komisch.
    1862 sagte Marx, dass er sagen müsse, im „Business“ stecke mehr Hoffnung, als er für möglich gehalten habe. Leider, sagte er dann, sei es für ihn zu spät, um zum Kapitalisten zu werden – so ca. aus dem Kopf aus den Marx-Engels Briefen.

    Das war 1862!

    Manche kapieren es spät, manche nie. Benjamin rechnet unter die ewigen „Freunde der romantischen Verlierer“.

  2. Dieter Kief, Komik oder Nicht-Komik sind leider keine guten Kriterien, einen Text zu beurteilen. Texte sollte man aus ihrer Zeit heraus lesen und auch verstehen: Zu der von Benjamin gab es noch einige Hoffnungen auf eine solche proletarische Revolution. Und auch die Sowjetunion bot einigen Anlaß, die Bourgeoisie in Schach zu halten. Oder wie che immer so schön den Gremliza zitiert:

    „Ich schätzte die Sowjetunion nicht wegen ihrer Nachteile, wie Planwirtschaft, Arbeitsplatzgarantie und festgeschriebener Einkommen, sondern wegen ihrer Vorzüge, wie Atomraketen, Panzerarmeen und riesiger Raketenkreuzer, die das einzige Mittel waren, den überbordenden Kapitalismus im Zaum zu halten und zu zivilisiertem Verhalten zu zwingen, aus reiner Angst.“

    Ein wahrer Satz mit einer guten Intuiton. Diese Perspektivierung hat sich inzwischen geändert. Dennoch können wir und sollten wir die Texte Benjamins im Kontext ihrer Zeit lesen. Intellektuelle wie Adorno freilich wußten, daß das Spiel einer proletarischen Revolution ausgespielt war. Trotzdem hielten sie an Kritischer Theorie fest und kippten nicht ins Affirmative wie gut doch all die feinen Segnungen des Kapitalismus waren.

    Marx war natürlich ein Verfechter des Kapitalismus. Weil: Ohne diesen keine Entwicklung, keine proletarische Revolution. Insofern ist diese Epoche eine geschichtliche Notwendigkeit. Auch die Krisentheorien haben sich bewahrheitet. Nur kollabiert das System nicht, weil es keine Kraft mehr gibt, die sich hier gegenstemmt. Ohne eine opponierende gesellschaftliche Klasse wird es nur Reformationen oder Evolutionen geben. Es bleibt also nur, das Verhängnis zu konstatieren. Auch dies wußte Benjamin zum Teil schon, wenn man seine letzte Schrift „Über den Begriff der Geschichte“ liest. Revolutionen sind nicht mehr die Lokomotiven, sondern im rasenden Zug der Griff nach der Notbremse.

    Zu läppischen Triumpf über den Sieg des Kapitalismus gibt es übrigens wenig Anlaß. Dieser Sieg beschert den westlichen Ländern nämlich das, worüber sich nicht nur deren rechten Kräfte vielfach beklagen, sondern was ein Grundleid der Menschen ist: Unendliche Flüchtlingsströme. Und man kann all diese Leute im Sinne persönlicher Gewinnmaximierung, um es in Termini des Wirtschaftens zu sagen, oder aus vielen anderen Gründen, ein besseres Leben führen zu wollen, gut verstehen – von Syrien, Afghanistan bis hin nach Afrika. Jeden treibt es dahin, wo es besser ist. Insofern wäre im Sinne unverminderter Konkurrenz als Prinzip des neuen Kapitalismus der Gedanke einer Welt ohne jede Grenze und mit absoluter Reise- und Residenzfreiheit in der Tat eine interessante Überlegung.

  3. Merci für das tiefgreifende Benjamin-Zitat. In der Tat ist es aus seiner Zeit zu lesen. Legte er heute daran Hand an, ersetzte er lediglich „Warenwirtschaft“ gegen „Finanzwirtschaft“. Marx hingegen muss man den heftigen Vorwurf machen, dass er in 1862 die Entwicklungen seit den 1970ern bis zum großen Knall 2008 nicht vorhersah.

    Nein, Scherz beiseite. Der Kapitalismus hängt seit 2008 tot über dem Gartenzaun. Seither ist die paradoxe Entwicklung zu beobachten, dass gerade die Bourgeoisie sich gegen den Kapitalismus stemmt, um ihm den Anschein einer aufrechten Haltung zu geben – und das mit einer offen zur Schau getragenen Schamlosigkeit hinsichtlich der eigenen verursachenden Ignoranz. Das Ding erholt nicht mehr.

    Indessen das abgehängte Proletariat sich genüsslich zurücklehnen kann und die vielen Schweißperlen zählen, die den abstiegsbesorgten Moralfuchtlern auf deren enge Stirnen treten. Und sich mit einem Anflug von Schadenfreude über das eigene Versagen im Stemmbewerb hinwegtrösten.

  4. El Mocho, die Leute fliehen aus sehr unterschiedlichen Gründen. Eine Entweder-Oder-Logik ist auch in diesem Falle wenig sinnvoll. Einer der Gründe ist ein global agierender Kapitalismus, der sich, unter anderem, die korrupten Eliten von wenig entwickelten Ländern zunutze macht. Herrschte in diesen Ländern ein abgemilderter Kapitalismus, wie wir ihn im Zeichen der sogenannten sozialen Marktwirtschaft in den hoch entwickelten Ländern vorfinden, wären diese westlichen Länder lange nicht so hoch entwickelt. Würde man bspw. die EU-Subventionen für die Agrarwirtschaft komplett streichen, würde das vermutlich eine Massenarbeitslosigkeit zur Folge haben, und wenn nicht das, dann doch gravierende Umwälzungen innerhalb der EU. Das würde dann allerdings den Dumping-Export von Agrarprodukten nach Afrika eindämmen, so daß dort wieder lokale Märkte funktionieren könnten. Deshalb würde es vermutlich immer noch Flüchtlinge geben, aber wer halbwegs ein Auskommen hat, bleibt meist, und ich denke, niemand verläßt gerne freiwillig seine Heimat. Daß auch korrupte Eliten ihren Anteil am Elend haben, steht außer Frage. Aber wie gesagt: die Ursachen sind vielfältig: Sie reichen von den Nachwirkungen des Kolonialismus bis hin zur weiter anhaltenden wirtschaftlichen Ausbeutung Afrikas durch Konzerne. Man nehme nur Shell und das Nigerdelta. Man nehme den Kongo und die Erzmienen.

  5. @ h.z: Das Abgefeimte ist ja in der Tat, wie Sie es richtig sagen, gerade jene bürgerliche Kritik des Kapitalismus, die jahrzehntelang ihr Profiteur war. Besonders nach 2008 nach der globalen Krise zu beobachten. Dieselben Leute, die uns einen windigen und staatlich entfesselten Finanzmarkt andienten, machen plötzlich ein betretenes Gesicht und waschen ihre Hände in Unschuld.

  6. Hier: https://imco.org.mx/politica_buen_gobierno/mexico-anatomia-de-la-corrupcion/ gibt es eine Untersuchung einer mexikanischen Soziologin über die Korruption. Mexiko leidet stark darunter; ohne Korruption gäbe es 5% mehr Investitionen, das BIP wäre bis zu 10% höher. 14% der Ausgaben der Haushalte geht an Korrupte Empfänger, wäre also nicht nötig.

    Alle wissen das, es schadet sowohl der Volkswirtschaft als auch den einzelnen Menschen. Gleichzeitig bekennen 57% der Mexikaner, selber auch korrumpierbar zu sein. Wie kommt das? Antworten sind 1) Alle sind korrupt, also will niemand der Dumme sein, der ehrlich ist und sich ein Schnäppchen entgehen lässt. 2) Vor allem der Staat und die Politiker, deren Aufgabe es wäre, gegen die Korruption zu kämpfen, sind selber korrupt. Es gibt also keine Hilfe und man passt sich notgedrungen an. Mein Schwiegervater in Kolumbien ist völlig desillusioniert; ganz egal ob rechts oder links, sowie die Politiker im Amt sind, beginnen sie, Geld auf die Seite zu schaffen und ihre Freunde zu begünstigen auf Kosten der Allgemeinheit. Kürzlich ist übrigens der Chef der Antikorruptionsbehörde verhaftet worden, weil er gegen Geld Ermittlungen behindert hat.

    http://www.eltiempo.com/justicia/investigacion/capturan-al-director-anticorrupcion-de-la-fiscalia-103158

    Ist das nun Schuld des Kapitalismus oder nur des Fortbestehens einer vormodernen Mentalität? Es ist ja nun nicht so, dass wir Europäer dagegen immun wären, vor der Modernisierung der Gesellschaften nach der französischen Revolution herrschten bei uns die gleichen Verhältnisse.
    Ich glaube auch nicht, dass „der“ Kapitalismus oder die großen Firmen ein Interesse am Fortbestand der Korruption haben, im Gegenteil, wenn Afrika nicht nur als Empfänger von Entwicklungshilfe aufträte, sondern als Kunde für deutsche Autos oder Maschinen würde das der Wirtschaft nutzen.

  7. Was z.B. den Kongo betrifft gibt es ein Buch von einem englischen Journalisten: https://www.amazon.de/Blood-River-dunkle-Herz-Kongo/dp/3894058625

    Darin heißt es z.B. über Kobalt-Gewinnung in Lubumbashi:

    „„The cobalt-rich rock is simply bagged and driven out oft the country. That way ensures the smallest amount of benefit tot he local economy – just the few dollars a day paid to each miner. If the local authorities where interested in helping the local economy, then they would have a processing plant here in Lubumbashi that converts the cobalt-rich rock into concentrated cobalt salts. It is not a complex procedure, but it multiplies the value of the cobalt product by fifty times, may be a hundred times. It is much more efficient to transport the concentrate than the untreated rock and the profit margin is much higher. Under the system we have now, some plant in South Africa or China makes the profit on the treatment oft he rock, a profit that is lost to the Congo. But the reality is this. The authorities in the Congo are not interested in how cobalt mining benefits the local economy. They are only interested in what they can take in bribes. And it is easier to count sacks of rock at the border and work out how many dollars you can cream of per bag. Until that fundamental attitude changes, than the cobalt boom driven by China will not benefit more than a few members oft he Congo elite. “

    Dier sind selber daran Schuld wenn sich in ihren Ländern nichts ändert.

  8. „If the local authorities where interested in helping the local economy, then they would have a processing plant here in Lubumbashi that converts the cobalt-rich rock into concentrated cobalt salts.“ — Ahja. Das sind schon ziemlich schlichte Vorstellungen eines Journalisten. Allerdings muss die Schlussfolgerung des Lesers nicht zwingend ebenso schlicht ausfallen.

  9. El Mocho, es geht hier um komplexe Zusammenhänge und um komplexe wirtschaftliche Verflechtungen. Das erschöpft sich nicht einfach im Besitzer einer lokalen Mine und den Arbeitern dort. Sondern da stecken Großkonzerne mit darin, die am Ende kaufen. Oder eben in anderen Ländern produzieren lassen. Natürlich existiert in Ländern wie Mexiko auch Korruption. Die würde es unter anderen Bedingungen genauso bei uns oder sonstwo geben, wenn die Bedingungen in den Ländern so sind, daß sie kurz vorm Kollabieren stehen.

    „wenn Afrika nicht nur als Empfänger von Entwicklungshilfe aufträte, sondern als Kunde für deutsche Autos oder Maschinen würde das der Wirtschaft nutzen.“ Ja, wenn das Land keine gut auszubeutenden Rohstoffe und keine billigen Arbeitskräfte als sozusagen proletarische Reservearmee hätte, dann ganz sicherlich. Das Problem in diesen Fragen ist eine komplexe Verkettung von Ursachen und Motiven und da treffen sich individualegoistische Interessen, die Vormoderne, Kolonialismus und dessen Nachwirkungen und ebenso globale Konzerne, die dort agieren und ebenso die EU, die ihren Elektroschrott dort billig entsorgt bzw. bei den Ausfuhrverboten nicht so genau hinschaut. Für viele Afrikaner ist selbst dieser Schrott noch besser als nichts. Aber, wenn man die Bilder von solchen Müllkippen sieht und dann Leute wie diesen Junckers, die von den westlichen Werten salbadern, dann sticht diese Diskrepanz doch ins Auge. Richtig ist, daß eine Entwicklungshilfe, die bloß in den Taschen lokaler Eliten versickert, die korrupt sind, nicht viel bringt. Gelder sollten an Auflagen gebunden sein. Wie her effizient vorgegangen werden kann, müssen Experten sagen. Das, was gegenwärtig läuft, ist jedenfalls selbst beim ersten Augenschein falsch. Anstrengen freilich müssen sich beide Seiten.

    Was Latein- und Mittelamerika und die Außenpolitik der USA betrifft, die das als ihren Hinterhof betrachtet, da müßte man sich mal die Arbeit der Großkonzerne dort angucken. Ich habe immer noch die United Fruit Company in Erinnerung. Die Revolution in Kuba mag den Leuten vielleicht keine Freiheit im bürgerlichen Sinne gebracht haben. Aber immerhin doch medizinische Versorgung und eine recht hohe Alphabetisierung. Insofern kann man in diesen Ländern, sofern sich nichts ändert, nur auf eine soziale Revolution sowie auf drastische Maßnahmen hoffen, die das System der Korruption unterbinden. Dazu könnten übrigens genauso auch westliche Länder beitragen, indem sie auf bestimmte Standards und deren Einhaltung drängen. Statt im arabischen Großraum Regimewechsel zu betreiben und dort „Demokratie“ einführen zu wollen, wie im Irak.

  10. Bersarin, mach dir nichts vor. Niemand hindert diese Leute daran, vernünftige Politik im Interesse ihrer Völker zu machen. Aber sie wollen es nicht, weil ihnen die Völker scheißegal sind. Sie interessieren sich nur für ihre Familie, ihren Clan, ihre Glaubensbrüder. Und die, die da heute sich über die Korruption beklagen und nach Europa fliehen, wären genauso korrupt wenn sie es denn könnten.

    Wenn alles passieren würde, was Che und die europäischen Linken sich so verstellen, wenn die EU alle Ausfuhren in Länder der III. Welt stoppt und gleichzeitig den europäischen Markt öffnet, die Entwicklungshilfe verdoppelt und doppelt so viele Flüchtlinge aufnimmt, würde sich trotzdem nichts ändern, NICHTS!

    Die würden vielleicht mehr Geld aus Exporten einnehmen, aber das Geld würde in die Taschen der korrupten Politiker wandern und von da aus auf ausländische Konten. Niemand im Land hätte etwas davon. Ebenso die sog. Entwicklungshilfe, die auch nur in die Taschen der Korrupten wandert. Und über den mit der Massenflucht nach Europa verbundenen Brain-Drain haben wir ja schon diskutiert. Als wenn die da keine Ärzte oder Ingenieure brauchten, aber is ja egal, solange wir Moralweltmeister sind.

    Migration ist ein sich beschleunigender Prozess, wer einmal da ist, will seine Familie holen. Und wenn die da sind, kommen die Leute aus dem Dorf auch noch nach, warum sollten sie denn nicht?
    Und wenn es erstmal eine Diaspora gibt, kommen noch mehr Flüchtlinge, denn es sind ja schon so viele von ihnen da.

    Paul Collier saht irgendwo, die Alternative ist protestieren oder emigrieren. Ans Protestieren gegen die Verhältnisse denkt in Afrika niemand mehr, alle denken nur darüber nach, wie sie so schnell wie möglich nach Europa bzw Deutschland kommen, wo die Bedingungen am besten für sie sind.

    Es wird alles den Bach runter gehen, in Afrika und in Europa, wenn wir der Migartion nicht bald den Riegel vorschieben.

  11. Solche Korruption und andere Verwerfungen wäre in der BRD unter anderen Bedingungen genauso. Und wozu Völker fähig sind, hat uns ganz gut die deutsche Geschichte gezeigt. Es geht auch nicht darum, sinnlos Geld in diese Länder zu stopfen, sondern Bedingungen zu schaffen, unter denen Korruption nicht mehr gedeihen kann und unter denen wenige Menschen flüchten. Allerdings kommt dabei noch der Klimawandel hinzu und ökologische Verwerfungen. Auch hier steht der Westen in einer gewissen Verantwortung. Die Gründe muß ich wohl nicht nennen. Und insofern können die am meisten betroffenen Länder, etwa vom Anstieg des Meeresspiegels durchaus auch Forderungen an den Westen stellen.

    Insofern ist all dieses Beschwören der „westlichen Werte“ ein einziger Hohn. Es dient der politischen Selbstrepräsentation, um sich ein nettes Mäntelchen umzuhängen in der Hoffnung, daß die meisten es auch glauben, wenn man oft genug „westliche Werte, westliche Werte“ salbadert.

    Ja, natürlich sind die Flüchtlingsströme ein Problem. Vor allem, wenn damit einher noch von vielen Flüchtlingen, meist männlichen, ein religiöses Bewußtsein eingeschleppt wird, das weit hinter den Grundbedingungen der Moderne zurückliegt – ein politisch instrumentalisierter Islam, dem die Leute in den Ausreiseländern auch noch Glauben schenken. Von dem dort antrainierten Antisemitismus ganz zu schweigen. Daß es durchaus auch moderate Auslegungen des Islam gibt, muß man leider immer mit dazu sagen, weil sich inzwischen ein politisch reakionärer Islam restlos durchgesetzt hat und eine Reformation dieser Religion in weite Ferne gerückt ist. Um so wichtiger übrigens wäre es gewesen, daß sich die führenden Länder Europas und insbesondere die Bundeskanzlerin der von der US-Außenpolitik betriebenen Destabilisierung des arabischen Großraums entgegensetzen. Aber nach der Bush-Invasion im Irak hatte Frau Merkel nichts Besseres zu tun, als sich im Hintern von Herrn Bush breitzumachen.

    Was Du ansonsten zur Korruption schreibst, ist eine Pauschalisierung und hat mit der komplexen Realität nur am Rande etwas zu tun. Solche All-Aussagen sind zudem schlicht sinnlos. Ebenso die Entweder-Oder-Logik. Daß es in vielen dieser Länder Korruption gibt, steht außer Frage. Aber andererseits ist diese Korruption eben eine Parallelwirtschaft, die sich etabliert, wenn die „normale“ Wirtschaft nicht anschlägt.

    Wenn der Westen Flüchtlinge vermeiden will, wird er sich politische und wirtschaftliche Lösungen einfallen lassen müssen. Denn die Flüchtlinge kommen auf die eine oder auf die andere Weise. Und es ist ja nicht so, daß kein Geld da ist. Etwa um gerechte Löhne zu zahlen und um Leute nicht am Existenzminimum verschimmeln zu lassen. Man schaue sich Großkonzerne an. Ein Blick auf den Fuhrpark des Unternehmens, die Gehälter des Führungspersonals und die Gebäude reichen meistens aus, um zu sehen, welche Macht hinter einem Unternehmen steckt. Wenn hier die Devise ist: Profit um jeden Preis, so werden die Völker und Länder in Europa und ebenso in Afrika die Folgen zu tragen haben. Insofern kann nur die Politik gefragt sein, diese Dinge anzugehen. Denn das System Wirtschaft hat aus verständlichen Gründen wenig Interesse, Geld freiwillig abzugeben. Allenfalls Tropfen auf heiße Steine.

    Andererseits wäre ein gutes Mittel zur Bevölkerungsdezimierung in Afrika ein auf Dauer gestellter Krieg. Im Kongo gibt es den bereit. Daß also die Leute, sofern sie können, weiterhin nach Europa strömen: das alles wird in den nächsten Jahrzehnten nicht aufhören. Wir befinden uns in einem Zeitalter der neuen Völkerwanderung. Und es gilt, von unserem bequemen 70er Jahre-Denken Abschied zu nehmen. Die Flüchtlinge werden weiter kommen. Und dagegen helfen auch keine geschlossenen Grenzen. Sie werden da ihr Glück suchen, wo es am leichtesten möglich ist. Und das bleibt Europa. Insofern ist es im Sinne einer europäischen Politik, in Afrika vor Ort tätig zu werden. Manchmal muß man dabei Korruption in Kauf nehmen und manchmal auch mit Despoten verhandeln. Veränderunge werden allenfalls graduell geschehen. Immer ein Stückchen. Die Korruption zu senken, ist ein Projekt, daß wohl ein Jahrhundert dauern wird. Man muß mal sehen, wie es in Ländern wie Ruanda läuft, die auf einem guten Weg zu sein scheinen.

    Ansonsten: Solche Pauschalaussagen, wie Du sie hier bringst, El Mocho, sagen gar nichts aus. Sie zeugen nur von verhageltem Denken. Und wenn man es so wie Du siehst, müßte man , wenn man dieses Denken dann in Konsequenz durchführt, die Flüchtlinge im Mittelmeer erschießen und mit Kanonenbooten jagen – sozusagen eine umgedrehte DDR.

  12. „Und die, die da heute sich über die Korruption beklagen und nach Europa fliehen, wären genauso korrupt wenn sie es denn könnten.“ — Solchen Schwachsinn nenne ich offenen Rassismus. Das geht mir deshalb so nahe, weil mein Schwager von jenem Kontinent stammt und hier seit mehr als zehn Jahren ein rechtschaffenes und im besten Sinne kleinbürgerliches Leben führt. Moslem ist er obendrein. Seine Eltern kommen alle paar Jahre hierher, um ihren Enkelsohn zu besuchen.

    Das Problem sind zunächst nicht die Flüchtlinge, Asylsuchenden oder Migranten. Das Problem sind ansässige Wirrköpfe, die sich einen feuchten Kehricht um geopolitische und makroökonomische Zusammenhänge scheren. Stattdessen ergehen sie sich in mittelalterlichen Unheilsbeschwörungen. Dann muss die deutsche Verwaltung als Hauptproblem identifiziert und angesprochen werden. Sie hat sich als unfähig erwiesen, die mit dem Flüchtlingsstrom 2015 einhergehenden Notwendigkeiten angemessen zu administrieren. Das begann bereits am Münchener Hauptbahnhof mit einer nicht zustande gebrachten lückenlosen Registrierung der Ankommenden. Organisationsversagen par excellence.

    „Niemand hindert diese Leute daran, vernünftige Politik im Interesse ihrer Völker zu machen.“ — Ach? Schon vergessen, dass der IWF auch in Afrika zugange war? Wer so daherredet, sieht vermutlich auch das Elend in Griechenland als selbstverschuldet und gerechtfertigt an.

    „Ebenso die sog. Entwicklungshilfe, die auch nur in die Taschen der Korrupten wandert.“ — Das Thema hatten wir hier ebenfalls schon einmal. Deutsche Entwicklungshilfe wandert vornehmlich direkt in die Taschen deutscher Unternehmen, deren Ausfuhren damit bezahlt werden.

    „Ist das nun Schuld des Kapitalismus oder nur des Fortbestehens einer vormodernen Mentalität?“ — Davon abgesehen, dass es in solchen Fragen kein exklusives Oder geben kann, muss die Möglichkeit einer vormodernen Mentalität nicht nur in Betracht gezogen werden. Sie ist evident und wird mit „Neomerkantilismus“ bezeichnet. Eine Wirtschaftsform, die intellektuell hinter die Zeit der Aufklärung zurücktritt. Das liest sich zwar polemisch, ist es aber nicht. Ja, ich rede von Deutschland. Das Attribut „sozial“ ging der Marktwirtschaft verloren zu Beginn der 00-er Jahre, als der volkswirtschaftliche Unternehmenssektor sich anschickte, dauerhaft Nettosparer zu werden. Seit 2012 gibt es, Schäuble mit seiner schwarzen Null sei Dank, auch keine funktionierende Marktwirtschaft mehr in Deutschland. Sämtliche volkswirtschaftliche Sektoren haben positive Finanzierungssalden zu Lasten des Restes der Welt. D A S ist der Grund, weshalb in Europa alles den Bach runter gehen wird.

    El_Mocho, Sie wären besser beraten, sich den Kopf über Trumps angedrohten Handelskrieg zu zerbrechen. Wenn der nämlich eskaliert, wird der stolze Exportweltmeister unausweichlich und sprichwörtlich über Nacht an die zehn Millionen hochdotierte Arbeitsplätze verlieren. Dann ist Ende der Fahnenstange nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen EU-Ländern, die sich z.B. der Zulieferung an die deutsche Automobilindustrie verschrieben haben. Gnade Göttin den dann noch in Deutschland aufhältigen fremdländisch aussehenden Menschen.

  13. Oh, Bersarin: Eben lese ich Ihre jüngste Antwort an El_Mocho. Ich zolle Ihnen allen Respekt für die gemessenen Worte und die umsichtige Argumentation.

  14. Ihre Ausführungen, h.z., treffen es auf den Punkt. Insbesondere der Hinweis auf Trump und Ihr Hinweis auf Griechenland. Und wie auch Sie sehe ich ebenso, daß einfache Lösungen und simple Slogans in diesen Fragen wenig hilfreich sind.

  15. „Wenn der Westen Flüchtlinge vermeiden will, wird er sich politische und wirtschaftliche Lösungen einfallen lassen müssen.“

    Als wenn er es denn könnte, ohne dass die Menschen dort es selber wollen und in die Hand nehmen. Solche Forderungen verbleiben im moralisierenden Allgemeinen. Ich habe es doch schon gesagt: Die Forderungen der Linken, von Exportstop von EU-Agrarprodukten bis hin zur „neuen Weltwirtschaftsordnung“ (von der niemand weiß, wie sie denn konkret aussehen soll, geschweige denn wie man sie herbeiführen sollte), führen nicht zu Veränderungen in den Herkunftsländern, nur dazu, dass die dortigen Eliten sich noch besser bereichern können. Ich vermisse konkrete Vorschläge zu Änderung der „Machtverhältnisse“, mit denen es die Linken doch sonst immer so haben.

    „Es geht auch nicht darum, sinnlos Geld in diese Länder zu stopfen, sondern Bedingungen zu schaffen, unter denen Korruption nicht mehr gedeihen kann und unter denen wenige Menschen flüchten.“

    Ja natürlich, fragt sich nur wie? Es ist ja nicht so, dass es nicht in Europa oder den USA Gesetze gäbe gegen unethisches Verhalten eigener Unternehmen im Ausland, aber deren Anwendung scheitert meistens daran, dass die Behörden in den Entwicklungsländern nicht kooperieren und keine Informationen zur Verfügung stellen. Warum denn auch, schließlich gehören sie ja selber zu den Nutznießern der Korruption.

    „Etwa um gerechte Löhne zu zahlen und um Leute nicht am Existenzminimum verschimmeln zu lassen. Man schaue sich Großkonzerne an.“

    Man schaue sich vor allem auch mal die Politiker in der III. Welt an, die mit den Großkonzernen kooperieren (und die i.d.R. wesentlich mehr verdienen als unsere Politiker). Zur Korruption gehören immer zwei, aber es wird immer nur die eine Seite in den Blick genommen.

    „Und wenn man es so wie Du siehst, müßte man , wenn man dieses Denken dann in Konsequenz durchführt, die Flüchtlinge im Mittelmeer erschießen und mit Kanonenbooten jagen – sozusagen eine umgedrehte DDR.“

    Vor allem müsste man mal die Information verbreiten, dass Afrikaner und Muslime nicht nach Deutschland kommen, ihre Familien nachholen und dort von der Sozialhilfe leben können; unsere Politiker tun beharrlich das Gegenteil. Solange weiterhin jedes Jahr 200.000 Flüchtlinge aufgenommen werden, sagen sich weiter etliche Millionen: Einer davon bin ich. Es ist doch höchst naiv, anzunehmen, es gäbe nur Fluchtmotive in den Heimatländern und keine Einreisemotive nach Deutschland, wo die Bedingungen halt wesentlich besser sind. Wenn Afrikaner und Araber wissen, dass Deutschland nur Leute aufnimmt, die dort auch eine Zukunftsperspektive haben in Form von Arbeit haben und von denen erwartet wird, sich an die herrschenden Sitten und Gebräuche anzupassen, werden sie evtl. anfangen darüber nachzudenken, was sie vor Ort in ihren Heimatländern tun können.

  16. h.z. du bist ein Dummschwätzer. Rassistisch ist vor allem eine Haltung, die davon ausgeht, dass es Menschen gibt, die ewig Kinder sein und Hilfe benötigen werden und nicht in der Lage sind, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen.

    In Kolumbien habe ich mal einen Spot im Fernsehen gesehen, in dem die Staatsanwaltschaft die Bürger aufforderte, Fälle von Korruption anzuzeigen. Als ich mein Wohlgefallen äußerte, sagte mein kolumbianischer Schwager: Die Staatsanwaltschaft ist genauso korrupt wie alle anderen. Wenn du da jemand anzeigst, weiß er es wahrscheinlich eher als die Polizei und schickt dir seine Jungs vorbei.

    Ja was machen wir da? Die einzige Möglichkeit wären Politiker, die wirklich entschlossen wären, durchzugreifen und es mit reichen und mächtigen Gegnern anzulegen, Ist ja nicht so, dass es nicht solche Fälle gäbe, z.B. https://de.wikipedia.org/wiki/Luis_Carlos_Gal%C3%A1n , aber sie riskieren eben ihr Leben. Ein eigener Parteifreund kooperierte mit seinen Gegnern, typisch.
    Wie wäre es denn wenn Deutschland solche Politiker gezielt unterstützen würde, anstatt die Opfer ihrer Gegner massenhaft aufzunehmen?

    „Schon vergessen, dass der IWF auch in Afrika zugange war?“

    Schon vergessen, warum der IWF da zugange war? Weil die Regierungen etliche Milliarden an Krediten bei westlichen Banken aufgenommen hatten. Baken pflegen i.d.R auf der Rückzahlung von Krediten zu bestehen, sonst sind sie bald pleite. Was ist mit diesem Geld geschehen? Offenbar ist es nicht in Infrastruktur und Bildung investiert worden, sondern die Politiker haben es sich in die Taschen gesteckt. Niemand hat sie gezwungen, Kredite aufzunehmen.

    In Argentinien hat die Militärregierung vor ihrem Rücktritt 1983 sogar noch die Schulden der Großunternehmen verstaatlicht, damit konnte sich dann ihre demokratische Nachfolgerregierung beschäftigen.

  17. Noch einmal: Solche Pauschalaussagen sind sinnlos:

    „Als wenn er es denn könnte, ohne dass die Menschen dort es selber wollen und in die Hand nehmen. Solche Forderungen verbleiben im moralisierenden Allgemeinen.“

    Zum einen gibt es in diesem Ländern Menschen, die etwas ändern wollen. Über die müßte hier viel mehr berichtet werden und das muß gefördert werden. Zum anderen geht es hier nicht um Moral, sondern schlicht um Ökonomie und bei einigen eben auch um den kurzfristigen Profit. Auf beiden Seiten. Und es wird ein Weg der vielen und der kleinen Schritte bleiben. Hier ein interessanter Zeit-Artikel dazu, der es von beiden Seiten her betrachtet.

    http://www.zeit.de/wirtschaft/2017-11/eu-afrika-gipfel-entwicklungshilfe/komplettansicht

    „führen nicht zu Veränderungen in den Herkunftsländern, nur dazu, dass die dortigen Eliten sich noch besser bereichern können.“

    Zum einen kann niemand im voraus sagen, zu was für Folgen leichte Veränderungen bei den wirtschaftlichen Parametern führen werden. Außer man besitzt eine Glaskugel. Zum anderen geht es hier nicht um die Forderungen der Linken nach einer globalen veränderten Wirtschaftsordnung – das wäre eine ganz andere Frage, nämlich die nach den sozialen Revolutionen -, sondern um eher schrittweise sozialökonomische Veränderungen, und zwar aus rein pragmatischen Gründen. Die Frage nach den Machtverhältnissen ist dann eine daraus folgende. Und das muß natürlich auch die Bevölkerung mitendscheiden. Daß soziale Proteste ein ganzes Kolonialreich wie England zu Boden zwangen, zeigten die kolonialen Kämpfe in Indien. Ob das Ergebnis wirklich befriedigend war, darüber kann man streiten.

    Daß zur Korruption immer zwei gehören, schrieb ich ja: Wer Großkonzerne sagt, muß auch die entsprechenden Landeseliten nennen. Und wer die korrupten Landeseliten nennt, muß eben auch die benennen, mit denen diese Eliten kooperieren. Sie kooperieren ja nicht mit sich selbst. Und ihre Konten sind nochmal in welchem Land? Na, wer hat’s erfunden? Also auch hier unheilvolle Verquickungen, die es zu benennen und zu bekämpfen gilt. Das Benennen ist schon einmal ein guter Anfang, denn insbesondere im Westen ist es manchen Unternehmen unangenehm, negative Publicity zu haben. Und in diesem Sinne schrieb ich es ja: Der Kampf gegen Korruption geht langsam und muß von vielen Seiten her angegangen werden.

    In der Tat benötigen wir neben dem Asylrecht auch ein neues und gutes Einwanderungsrecht, das keine unsinnigen Hoffnungen weckt. All das sind allerdings Fragen und Aspekte, die konkret in den jeweiligen Debatten zur Diskussion stehen müssen. Daß dazu auch klare Ansagen und Forderungen an die Einreisenden gehören – da stimme ich Dir zu. Keinem Land ist es möglich, unbegrenzt Menschen aufzunehmen. Eben deshalb meine Hinweise darauf, in den Herkunftsländern selbst die Möglichkeiten zum Leben zu verbessern. Das alles aber geschieht nicht mittels einfacher Lösungen und Parolen, wenn es konkret werden soll und nicht nur abstrakt in den Losungen bleibt – egal von welcher Seite. Weder „No Border, no nation“ oder die Forderung nach sozialer Revolution weltweit, wie che sie stellt, werden das Problem lösen, zumal eben solche Revolutionen in naher Sicht nicht in Aussicht stehen, weil dazu ein vereinigt agierendes (kämpfendes?) historisches Subjekt, eine gemeinsame soziale Bewegung, wie immer man es nennen will, bisher nicht besteht, sondern nur die Partikularität von Interessen. Da bleibt dann, und das wußte auch Marx gut, zunächst nur die Theorie übrig, um die Gesellschaft zu beschreiben. Ebenso wenig aber hilft, von der anderen Seite her, jene Mauer-hoch-Mentalität, die vor allem übrigen, insobesondere vor den ökonomischen Verquickungen ihren Blick verschließt. Hauptsache, es bleibt schön bequem zu Hause.

    Um also zu sehen, was möglich wäre, bleiben Überlegungen und Theorien ganz unterschiedlicher Prägung. In der eher sozialdemokratischen Variante sei in diesem Sinne nochmal meine pragmatische Empfehlung des Buches von wie Julian Nida-Rümelin „Ethik der Migration“ gegeben. Man kann daran manches kritisieren, sicherlich auch die Abstraktion von Werten, Normen und Humanität, das Fehlen einer politischen Ökonomie und die Analyse der tiefen wirtschaftlichen Verflechtungen, aber solche Debatten sind ja gerade dazu da, Lösungen zu finden und sich tastend voranzubewegen. Manches dient dann eben als Heuristik. Diese Lösungen kommen nicht aus der Pistole geschossen oder einfach vom Himmel geflogen, sondern es sind Prozesse, die durch die Kämpfe und Debatten in der Geschichte sich einstellen. Aber wie es immer so ist, wird wohl erst der Druck im eigenen Kessel steigen müssen, weil rechtsextreme Parteien in Europa immer mehr Zulauf finden. Nur fürchte ich, wird dann noch viel weniger Platz für eine kluge EU-Außenpolitik sein. Und am Ende werden es, wenn es schlecht läuft, die Kanonenboote auf dem Mittelmeer sein, die die soziale Frage bestimmen.

  18. El_Mocho, danke für den Link zurück ins Jahr 2015. Er zeigt mir eindrücklich, wie sehr ich mich mittlerweile durch Nachdenken und persönliche Erfahrung an ches Standpunkte angenähert habe.

  19. Mit hoffentlich ausreichend zeitlichem Abstand und mit ebenso gehöriger Höflichkeit retourniere ich den „Dummschwätzer“ originalverpackt und mit zusätzlicher Schmuckschleife versehen, El_Mocho.

    „Niemand hat sie gezwungen, Kredite aufzunehmen.“ — Mit dieser Aussage geben Sie bekannt, dass Sie auch in diesen Belangen keine realistischen Vorstellungen pflegen. Ich werde mich hüten, Ihnen Erläuterungen aufzudrängen. Sie können sich schließlich jederzeit über den IWF z.B. in mehreren leicht zu verstehenden Wikipedia-Artikeln informieren. Gleiches gilt für den Begriff Rassismus. Ihre Ignoranz ist gewillkürt und Ihre Ressentiments sind daraus resultierend. Mit einer unterkomplexen Weltsicht kann man sich durchaus einige Zeit über Wasser halten. Nur erleben wir aber, dass diese Zeit gerade abläuft. Da hilft noch so lautstarkes kindliches Aufbäumen nicht weiter.

    An der Aussage Bersarins, der Westen müsse sich politische und wirtschaftliche Lösungen zur Vermeidung von Flüchtlingen einfallen lassen, kritisieren Sie, dass solche Forderungen im moralisierenden Allgemeinen verblieben. Nun, Sie passen nicht auf. Die Lösungen werden bereits diskutiert. Auf politischer Ebene ist dies die Entscheidung, Wohlstand geordnet abzugeben, eher er in chaotischer Weise einer Neuverteilung unterzogen wird. Auf wirtschaftlicher Ebene („neue Weltwirtschaftsordnung“) gibt es nichts neu zu erfinden, sondern lediglich der Logik zu entsprechen. Wohlstand mehrender Freihandel kann nur funktionieren bei langfristig ausgeglichenen Leistungsbilanzen. Wenn das nicht der Fall ist, kann der Freihandel in Summe verlustfrei entfallen. Daher spricht in der aktuellen weltwirtschaftlichen Lage alles für Protektionismus in Form der von Trump verhängten Schutzzölle. Notwendige Kapitalverkehrskontrollen sind auch nicht neu.

    Demgegenüber wird gerade in Deutschland die Haltung vertreten, dass man nichts dafür könne, so gut und begehrt zu sein und daher für die makroökonomischen Ungleichgewichte nicht verantwortlich zu sein. Etwa nach dem Motto: „Niemand wird gezwungen, deutsche Autos zu kaufen“. Was natürlich nicht korrekt ist. Auch das hat Bersarin zutreffend angesprochen, indem er auf die vorhandene Möglichkeit hinwies, gerechte Löhne zu zahlen. Denn die makroökonomischen Ungleichgewichte entstehen nicht nur dadurch, dass Volkswirtschaften über ihre Verhältnisse (Lohnniveau im Verhältnis zu gesamtwirtschaftlichen Produktivität) leben, sondern auch dadurch, dass sie dauerhaft unter ihren Verhältnissen leben, wie eben in gewaltigem Ausmaß in Deutschland der Fall. Der wirtschaftlichen Korruption steht auf der anderen Seite moralischer und intellektueller Bankrott gegenüber. Während Sie sich auf die korrupten Eliten der dritten Welt eingeschossen haben, kommen bei Ihnen nach meiner Beobachtung die hiesigen Eliten völlig ungeschoren davon. Weshalb?

  20. Ach, und noch ein Bezug, indirekt auch in Sachen Griechenland: Wir wollen festhalten, daß unser ach so begehrtes Deutschland nach dem verlorenen Krieg und Millionen von Toten, die Deutschland über die Welt brachte – einschließlich der Tatsache eingedenkend, Millionen von Juden, Sinti und Roma ausgerottet zu haben – ziemlich am Boden lag. Wortwörtlich: in Trümmern. Und wenn die USA nicht mit ungeheuren Krediten und Wiederaufbauhilfen wie dem Marshallplan Deutschland gestützt hätte und wenn Deutschland all das in Europa Zerstörte hätte wieder aufbauen und bezahlen müssen, dann sähe es jetzt hier nicht so aus, wie es aussieht, sondern Deutschland wäre in Europa ein armes Land. Für Griechenland etwa stehen ja auch noch Forderungen aus, was allerdings eine Frage des Völkerrechts ist. Der Mythos vom Wiederaufbau und vom fleißigen Deutschen stimmt also so nicht ganz. Zwar wurde viel geleistet, aber es wurde auch unendlich viel geholfen und wieder angekurbelt durch eingepumpte Gelder. Aus strategischen Gründen versteht sich, im aufziehenden Ost-West-Konflikt.

  21. Genau so ist es, Bersarin.
    Nicht nur, dass Deutschland Wiederaufbauhilfe in Form von Krediten erhielt, es wurden auch große Teile der Auslandsschulden erlassen (vgl. Londoner Schuldenabkommen). Alles natürlich, wie Sie auch hervorheben, um die BRD an der West-Ost-Grenze wirtschaftlich zu stabilisieren. Griechenland dagegen hatte keinen Krieg gegen Europa geführt. Doch gerade Deutschland legte sich gegen einen Schuldenerlass für Griechenland quer. Das moralische Nachtreten vor fünfsechs Jahren tat sein Übriges.

    (Faktum am Rande: Die griechische Wirtschaftsleistung stürzte relativ betrachtet unter dem Schäuble-Regime tiefer ab, als es Nazi-Deutschland während der vierjährigen Besatzungszeit mit all den damit verbundenen Verbrechen bewirken konnte. Es gibt neben dem Holocaust eben noch andere historische Gründe, weshalb von Deutschland – im eigenen Interesse – Besonnenheit im Umgang mit dem Rest der Welt erwartet werden kann.)

    Deutschland hat sich mit seinem durch Schröder/Fischer eingeleiteten Neomerkantilismus auf ein Pulverfass gesetzt, von dem es so schnell nicht herunter kommt. Sobald Trump nämlich neben den bereits verordneten Schutzzöllen eine erhebliche Abwertung des Dollar betreibt, brennt die Lunte und die lässt sich nicht mehr austreten. Gleiches gilt für den Fall, dass über Nacht wieder nationale Währungen im bisherigen Euro-Raum eingeführt werden. Die damit verbundene gigantische Aufwertung einer neuen DM hat denselben explosiven Effekt. Der beläuft sich auf rd. 25-30% (realer effektiver Wechselkurs), um die sich deutsche Exporte verteuern würden – ganz ohne Strafzölle. In dieser Größenordnung bewegt sich also aktuell der „Wettbewerbsvorteil“ Deutschlands allein wegen der Tatsache, dass es sich in einer Währungsunion befindet. Deutsche Eliten sind wohl vieles, blöd aber sind sie gewiss nicht.

    Eine Lösung für die auf Deutschland fokussierten Flüchtlings- und Migrationsbewegungen ist also bereits vorhanden und muss nur noch gezündet werden. Sobald zu den vorhandenen 5-6 Millionen Arbeitslosen (bei nicht schön gerechneter Betrachtung) nochmal an die zehn Millionen dazu kommen – binnen weniger Monate, wohlgemerkt – wird die Attraktivität Deutschlands als Zielland schlagartig nachlassen. Darauf gehe ich jede Wette ein.

  22. Eine kleine Assoziationskette, passt nicht ganz zum bisherigen Verlauf des Kommentarstrangs, aber vielleicht zu Deinem Blogtext:

    Durch Zufall erfuhr ich letzthin, dass Frank Witzel in seinem 2015 erscheinenen Roman „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ erzählt, dass er als Junge seine Ritterburg mit RAF-Figuren bevölkert habe. Andreas Baader sei dabei der Schwarze Ritter in glänzender Rüstung gewesen, das teuerste Stück. Gudrun Ensslin dagegen war eine Indianersquaw, die einzige Frau bei den Figuren, die der Junge in einer Wundertüte gefunden hatte.
    Mit dieser „Fiktion“ im Hinterkopf betrachte man das von Dir eingestellte Foto aus dem Kaufhausbrand-Prozess von 1968: Man könnte einen dunkelbebrillten Ritter bei der Übergabe einer zweideutigen Minnegabe an seine „Dame“ erkennen, wohlgemerkt im Wahrnehmungs-Medium einer literarischen Phantasie, die noch befeuert wird, wenn man bemerkt, dass es sich bei dem Text um de Sades „Justine“ dreht, in dem der Literatur-Libertin konsequent Verbrecher für ihre Schandtaten belohnt und die Tugendhaften erniedrigt und auslöscht. Wer will, mag nun das Prozess-Foto nochmals betrachten und seine Schlüsse ziehen, etwa unter dem Stichwort „Justine“, die Gerechte.

    Bei mir ergab sich jedenfalls durch Witzels Hinweis auf seine RAF-Ritterburg eine merkwürdig retroaktive Koinzidenz, denn durch Dein Interesse, lieber Bersarin, an den ästhetisch-künstlerisch-literarischen Implikationen der Kaufhausaktion von Baader & Co. kam mir eine andere Lektüre in den Sinn, die erst wenige Wochen zurücklag: Michael Rutschkys „Lebensromane“. Dort geht es, kurz gesagt, darum, mit welchen literarisch-mythischen Phantasiemustern die Menschen ihr Leben an- und auslegen, und an das Kapitel „Der Ritterroman“ musste ich zurückdenken, als ich Deine Interpretation der Brandstiftung als eine Art Kunsthappening, mithin als einen „Akt der Phantasie“ las. Rutschky macht in diesem Kapitel klar, in welcher ikonographischen Reihe der Jungmensch und seine Heldentaten bewusst oder unbewusst steht. Der junge „Ritter“ nimmt sie im Namen einer Idee oder einer Liebe auf sich und ist bereit, dafür mit Schmerzen, Blut, womöglich seinem Leben zu bezahlen: „So installiert der Ritterroman einen eigentümlichen Wahrheitsbegriff: Wahr ist, wofür einer zu sterben bereit ist.“
    Damit sind die Gewalttaten von und nach ’68 natürlich nicht zu rechtfertigen, auch sollen sie nicht verharmlost oder beschönigt werden. Mir ging es lediglich um eine mögliche Innenperspektive der Akteure selbst, um ein „Framing“, das zum „Mythos RAF“ gehört, zu den Bildern und Geschichten, die ihn nähren, was Du ja mit Deinem Bezug zu den Surrealisten und Situationisten auch versucht hast. Während es sich bei der von mir fabrizierten Auslegungskette nach Witzel-Rutschky eher um „Vorgänge auf halbdunkler Bühne“ handelt, „Phantasieleben“ eben, hast Du konkret auf den ästhetisch-künstlerischen Input der Brandstiftung hingewiesen und mich damit zu diesen Spekulationen angeregt, von denen ich hoffe, dass sie einigermaßen nachvollziehbar sind.

    Ein schönes Frühlingswochenende,
    Uwe

  23. Das sind hinsichtlich der Erwähung von Rutschky und Witzel sehr interessante Assoziationen, gerde dieser Bezug zur Kindheit noch einmal. Denn auch wir damals, wenngleich zehn Jahre jünger als Witzel haben diese Zeit, die Nachrichten und vor allem die Bilder gut mitbekommen. Die Polizeikontrollen in der BRD waren ja zudem allgegenwärtig.

  24. @ Brsarin – vielleicht hängt mein Kommentar von vor fünf Minuten noch irgendwo im System – er ist ein in Sachen Buch u Aust ein wenig ausführlicher als der hier

    @ Uwe u. Bersarin

    Der „Lebensroman“ – diese schöne, existential-ästhetiche Untersuchung Rutschkys ist die Brücke zwischen der fluiden und vollkommen privaten Phantasie und einem Sprachkunstwerk.
    Der Roman ist nicht mehr völlig individuelle Fantasie (wie z. B. in der Psychoanalyse), sondern öffentlich.
    Die Art wie Fantasien öffentlich werden, ist genauso wichtig wie die Grenze zwischen Fantasie und Tat.

    Deshalb ist Peter Rühmkorfs Abrechnung mit der RAF trefflicher Weise eine auch ästhetische Analyse der RAF: In „Die Jahre, die ihr kennt“. Da steht dann nicht der Ritteroman im Vorddergrund (den Rühmkorf durchaus kannte), sondern der Italo Western, die Mantel- und Degenflme, die existentialistischen französischen Räuberballaden sind die Hauptbezugspunkte.

    Es gibt übrigens eine filmische Verarbeitung dieser o. a. Spannungszustände von dem hartgesottenen Sam Packinpah: „Pat Garrett jagt BillyThe Kid“. – Hier wird der Mythos des Outlaws vorgeführt und in all‘ seiner verführerischen (=selbstbezogenen (=kindlichen (=cf. Freud, Kindliche Allmacht -cf.Rutschy: Phantasieproduktion und „Lebensroman“)) – also: Die Grandiosität des Outlaws (Baaders…Meinhofs) sagt Packinpah, ist ansteckend, ist attraktiv, hat sexuelle Untertöne, aber sie ist in gar allzuwenig Aspekten erwachsen.

    Dylan – der in dem o. a. Film von Packinpah einen Messerwerfer spielt, wußte das alles. Seine Hinwendung zum Christentum war eine der vielen Antworten, die er darauf gab. Eine andere war, dass er sehr früh schon – noch als Twen – darauf bestand, die Sphäre der Kunst mit der wirklichen Welt nicht einfach kurzzuschließen, sondern im Sinne Schillers: – – … – – darauf bestand, dass der Mensch nur da g a n z frei sei, wo er spiele (= keine Politik mache) und die Welt nur das ganz gerecht, wo sie als gerechte gedacht (= nicht da, wo man sie vollkommen gerecht einzurichten versucht habe – Kuba, Venezuela…Kambodscha…).

    To live outside the law, heißt es einmal bei Dylan, you must be honest. – Das ist wieder der Ritterroman. (Ich verweise noch auf Rühmkorfs : „Walter von der Vogelweide, Klopstock und Ich“ – – – da ist Dylan und da ist die RAF, da sind Rutschky (der Ritterroman und – jetzt gerade aktuell – der Liebesroman – – ), da sind Jesus, Bloch, Böhme, Marx und die Roten Khmer alle auch vorhanden…).

    (Matthias Claudius nicht zu vergessen).

    Heute in der Welt am Sonntag: Aust über Dutschke und die RAF – und Hans Christoph Buch über Haiti und Ruanda usw. (liest sich wie eine Antwort oder ein Echo zu El Mocho weiter oben).

  25. @hz“„Ist das nun Schuld des Kapitalismus oder nur des Fortbestehens einer vormodernen Mentalität?“ — Davon abgesehen, dass es in solchen Fragen kein exklusives Oder geben kann, muss die Möglichkeit einer vormodernen Mentalität nicht nur in Betracht gezogen werden. Sie ist evident und wird mit „Neomerkantilismus“ bezeichnet. Eine Wirtschaftsform, die intellektuell hinter die Zeit der Aufklärung zurücktritt. Das liest sich zwar polemisch, ist es aber nicht. Ja, ich rede von Deutschland. Das Attribut „sozial“ ging der Marktwirtschaft verloren zu Beginn der 00-er Jahre, als der volkswirtschaftliche Unternehmenssektor sich anschickte, dauerhaft Nettosparer zu werden. Seit 2012 gibt es, Schäuble mit seiner schwarzen Null sei Dank, auch keine funktionierende Marktwirtschaft mehr in Deutschland. Sämtliche volkswirtschaftliche Sektoren haben positive Finanzierungssalden zu Lasten des Restes der Welt. D A S ist der Grund, weshalb in Europa alles den Bach runter gehen wird.“ —– Nagel auf den Kopf, die Außenwirtschaftspolitik Deutschlands könnte direkt vom Schreibtisch Colberts stammen.

  26. @ Dieter Kief: „Die Art wie Fantasien öffentlich werden, ist genauso wichtig wie die Grenze zwischen Fantasie und Tat.“ Dem stimme ich sehr zu, und diese Sache der (öffentlichen) Darstellung ist vor allem eine Frage der ästhetischen Form. Insofern wäre hier auch noch, um den Abdrift in andere Regionen in einen umfassenden Kontext zu bringen, Bernward Vespers grandios-exzessives Buch „Die Reise zu nennen.

    @ che: was man übrigens für die BRD mit dazusagen muß: Unter der Ära Helmut Kohl befand sich die BRD nicht in jener sozialen Schieflage, die dann von Schröder bzw. der SPD-GRÜNEN-Koalition für die BRD erzeugt wurde und für die die Stichworte Neoliberalismus und Entfesselung der Finanzmärkte stehen. Unter dem Schafspelz einer grünen Linken und dem Schutzmäntelchen von solchen wie Ströbele, zog der neoliberale Geist in die BRD ein. Besser hätte man es nicht tarnen können. Und um der Perfidie noch eins draufzusetzen wurde der Aufstand der Anständigen erfunden. Aus läppischen Gründen. Denn die BRD stand und steht nicht vor einer Machtergreifung durch Rechtsradikale. Damals wie heute. Wolfgang Pohrt beschreibt diese Mechanismen von Camouflage ganz gut. In meinen Augen, rückblickend, ist es das größte Verhängnis gewesen, daß 1998 der Regierungswechsel stattfand. Kohl hätte eine fünfte Amtszeit regieren müssen. Ich habe zum Glück mit meiner Wahl nichts zu dieser gräßlichsten aller Regierungen, die die BRD je hatte, dazu beigetragen. Darauf halte ich mir noch heute einiges zugute. Was wir bei solchen wie Kohl ausmachen konnten, war das Bewußtsein für Sozialpolitik und ein handfester Konservatismus. Ich mag daran vieles nicht teilen, aber dieser Helmut Kohl ist mir im Rückblick wesentlich lieber als die Jammergestalt Schröder. Clement, Müntefering, Fischer und Trittin und wie sie alle heißen.

  27. @Gräßlichste aller Regierungen die die BRD je hatte: Da war Adenauer, unter dem Philipp Müller von der Polizei erschossen, Gewerkschafter eingeknastet, die KPD verboten und sozialdemokratische Bürgermeister unter fadenscheinigen Indizien Verschwörungen bezichtigt und amtsenthoben, Schwule ins Gefängnis gesteckt oder zwangspsychiatrisiert wurden um ein Vielfaches schlimmer. Die Agenda-Politik Schröders, so neoliberal fehlgeleitet sie war, ging immerhin überhaupt noch von einem konsistenten Konzept aus. Das Konzept der aktuellen GroKo heißt einfach nur weiterwursteln. Und das ist noch viel schlimmer. Nicht umsonst habe ich den Vergleich mit Colbert bemüht. Auf das Weiterwursteln seiner Nachfolger und das Ausbremsen von Turgot und Necker folgte die totale Intransigenz, und dann: 1789.

  28. Mir ging es hier um den Kontext der Wirtschaft um die soziale Frage und eine ausgewogenen sozialen Marktwirtschaft, wo Arbeitslosigkeit nicht dazu herhalten mußte, unter Hartz IV jeden beliebigen Job annehmen zu müssen – eine ausgewogene Soziallage, für die einmal die SPD insbesondere stand (zumindest auf dem Papier). Und da leistete die SPD-GRÜNE-Koalition im Sinne des Neoliberalismus den entscheidenden Einschnitt zum Pauperismus und erzeugte eine Schieflage, die es so bisher in der BRD nicht gab, schon gar nicht unter Kohl. Recht gebe ich Dir, daß Merkels Politik verhängnisvoll ist. Sie setzt das fort, was unter einer „linken“ Regierung beschlossen wurde.

    Was Adenauer betrifft, so sind das Verwerfungen, die nicht den gesamten Arbeitsmarkt und die Wirtschaft betrafen, sondern kleine Teile der Gesellschaft. Und sie geschahen aus einem bestimmten Klima der gerade neuen BRD heraus, die nun nicht gerade für eine revolutionäre Situation stand. (Ebensowenig wie die noch repressivere DDR, in der man bei Aufstand auch gerne mal Panzer einsetzte. Insofern war die Adenauer-BRD da noch die gemütlichere Variante für Oppositionelle.) Und soweit ich mich erinnere, konnte das KPD-Verbot – unschön sicherlich, aber vielleicht hat man damit ja auch die Kommunisten ein wenig vor sich selbst und der DDR bewahrt – das Erstarken einer außerparlamentarischen Linken nicht aufhalten. Ganz im Gegenteil. Was die Psychiatrisierung von Schwulen anbelangt – übrigens auch die Heimerziehung sollte man mit dazu nennen – muß man sich allerdings die Zahlen ansehen: Waren es 10, 200, 20.000? Nicht ganz unwichtig. Das gesellschaftliche Klima war sicherlich anders und deutlich konservativer. In den Köpfen steckte noch der Untertan, der Nazi, der autoritäre Charakter. Für die intellektuelle Gründung der Bundesrepublik und für ein liberaleres Klima trat ja insbesondere die Kritische Theorie an. Für Lebensweisen, die von der Norm abwichen, sicherlich nicht angenehm, sondern repressiv. (Und insofern ist das dann immer eine Frage der Perspektive, von wo aus einer die Lage beurteilt.) Aber analytisch ist es hier ganz gut, zwischen einer (verhängnisvollen und repressiven) Minderheitenpolitik und einer Politik, die aufs wirtschaftliche Gesamt geht, zu unterscheiden. Ein fehlendes Differenzierungsvermögen, an der die heutige Linke, die sich vehement auf Minderheitenpolitik kapriziert, insbesondere krankt: beides nicht zusammendenken zu können. Was bei den 68ern immerhin noch gegeben war. In bezug auf andere Lebensformen: Hier brachten die 60er Jahre in der Tat den Einschnitt. Was die Repressionen betrifft, muß man konkret schauen, ob das Einzelfälle waren oder wieviele SPD-Bürgermeister der Republik sofort geschaßt wurden. Hier sind Zahlen und Fakten hilfreich, die auch die Größendimension nennen. Daß es Polizeigewalt gegen Einzelne gibt, ist nichts Neues. Die Frage ist, ob sie systemisch ist und in welchen Zahlendimensionen sich das abspielt. 5 pro Jahr, 100, 1000? Auch das ist ein qualitativer Unterschied.

    Den Verweis auf 1789 verstehe ich nicht. Wird hier in der BRD gerade die Bastille gestürmt? Ich denke, die gesellschaftlichen und sozialen Umbrüche der Gegenwart sind andere.

  29. @che2001 und Bersarin

    Was gerne übersehen wird: Hartz IV brachte eine Erhöhung der Transferzahlungen für die Unterschicht. An den Kragen ging es mit der Selbstbehaltsgrenze von anfänglich 5000 Mark, wenn ich recht erinnere, der unteren Mittelschicht, sofern sie redlich war. Wer trickste, kam ungeschoren davon. Das – diese ganze Behandlung der unteren Mittelschicht, war der große handwerkliche Fehler.

    Tendenziell (= nicht unbedingt, im konkreten Verwaltunghsandeln schon gar nicht) jede Stelle annehmen zu müssen, wenn es keine andere freie Stelle gab, war nicht neu im Hartz IV Gesetz.

    Fördern u n d f ordern – also die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialbürokratie, also der verwaltungstechnische Bereich der Refom, war zweifellos gut und wird in vielenfunktionieren Sozialstaaten mittlerweile so gemacht oder soll bald (in France) so gemacht werden.

    Viele Sozialdemokraten, mit denen ich damals sprach, gingen wie selbstverständlich davon aus, dass sowieso jeder bescheißen würde, was den Selbstbehalt anging. Ich kannte auch etliche Genossen, die sich wie selbstverständlich ein halbes Jahr krank meldeten und in Nordafrika ihrem Bully Auslauf genehmigten – die Transferzahlungen liefen bei der örtlicehn Genossenschaftsbank auf und wurden von den lieben Verwandten in travellerschecks umgetauscht und per eingeschriebener Eilpost – post réstante – nach Tanger oder wohin geschickt.

    Kohl war für Hartz IV.

    Die Unterschicht einfach abzukoppeln vom Beschäftigungssystem und sie besser mit Waffen und Drogen auszustatten ist übrigens der amerikanische Weg – Ergebnisse sind in Baltimore, Chicago, Detroit und im Süden gar flächendeckend zu sehen.

  30. „Hartz IV brachte eine Erhöhung der Transferzahlungen für die Unterschicht.“ Das ist genau wieder diese eindimensionale Sicht. Hartz IV brachte vielmehr eine neue Armut und einen aufgeblähten Verwaltungsapparat, mit teils widersinnigen Kontrollen, Unterhosenschnüfflern, die in den Schränken wühlen. Sachbearbeiter ohne Kompetenz, die zudem rechtswidrige Bescheide ausstellen. Rechtbeugungen, wenn auf Anordnung von Gerichte, die Sanktionen zurückzunehmen, trotzdem weiter sanktioniert wird. Angeblich verloren gegangene Akten, so daß Hartz-IV-Opfer immer wieder dieselben Anträge ausfüllen müssen. Insgesamt also ein System der Demütigung.

    „Fördern u n d f ordern“ Ja, der ist gut: Schreibmaschinenkurse oder Computerkurse für Leute, die seit 10 Jahren am PC arbeiteten. Wie bediene ich eine Maus? Guter Witz. Lustig, Dieter Kief. Das hat Henscheid-Qualität. Wie auch der übrige Rest: „Die Unterschicht einfach abzukoppeln vom Beschäftigungssystem und sie besser mit Waffen und Drogen auszustatten ist übrigens der amerikanische Weg …“ Das ist hier keine Entweder-Oder-Veranstaltung oder Wünsch-dir-was. Weil Hartz IV ein Unsinn ist, besteht die Alternative doch nicht in einer Situation wie in den USA. Was bitte ist das für eine Logik? Weil ich A verneine, muß ich doch nicht deshalb für B votieren.

    Ob Kohl für Hartz IV war, spielt keine Rolle. Die Frage ist, ob er es durchgesetzt hätte. So sicherlich nicht. Und es hätte dann massiven Protest von den Gewerkschaften und von sämtlichen linken Organisationen gegeben. So aber ließ sich die Sache von Seiten der „Linken“ nur gut durchfechten, unter der Tarnkappe auch noch des Aufstands der Anständigen gegen Nazis und der Nichtteilnahme am Irakkrieg (als ob Bush diese desolate Bundeswehr je gebraucht hätte, ihm reichten die weiterhin stattfindende Arbeit des BND in Bagdad schließlich auch aus). Und auch Leute wie Ströbele haben den Gesetzen zugestimmt. (Oder sich zumindest ihrer Stimme enhalten.)

    Hartz IV war ein Projekt, um die herkömmlichen sozialen Sicherungssysteme zu sprengen. Und im gleichen Zeitraum stellten sich diejenigen, die in Unternehmen saßen, die private Rentenfonds verscherbelten, wie Dealer das Heroin, hin und erzählten mit gewichtiger Miene: Oh, unsere Renten sind nicht sicher. Nein, das konnten sie auch nicht sein, wenn das Geld von denselben Leuten, die da salbaderten, zugleich veruntreut wurde. Und dieselben Leute in der Politik wie Herr Riester priesen den Leuten dann die faulen Maschmeyer-Papiere oder ähnlichen Privatdreck an. Dagegen war Helmut Kohl ein seriöser Politiker, trotz Schwarzgeld und Spendenaffäre.

    Ein weiteres ist die Deregulierung des Arbeitsmarktes und die Schaffung immer neuer Ich-AGs, um heikle Abhängigkeitsverhältnisse zu produzieren: Das ist der Sinn von Hartz IV gewesen und nicht „Fördern und Fordern“. Da wird gerne ein Slogan kritiklos nachgeplappert. Sondern es ging darum, daß die Leute auch sehr viel schlechter bezahlte Jobs annähmen müßten. Ein Angst- und Druckmittel sollte politisch erzeugt werden. Daß der CDU und der FDP diese Maßnahmen noch nicht weit genug gingen, steht auf einem anderen Blatt. Wer auf Hartz IV ist, wußte sehr schnell, was Demütigung vor Ämtern bedeutet.

    Und ich verstehe bis heute nicht, daß nicht massenhaft die Betroffenen die Ämter stürmen und mit Magneten über Festplatten gehen und die Bearbeiter zum Fenster hinauswerfen oder es ihnen zumindest androhen. Der massenhafte soziale Protest blieb aus, der kommt nur, wenn ein paar Ausländer mehr ins Land reisen. Ansonsten aber fügt man sich eben.

  31. @“Was Adenauer betrifft, so sind das Verwerfungen, die nicht den gesamten Arbeitsmarkt und die Wirtschaft betrafen, sondern kleine Teile der Gesellschaft. Und sie geschahen aus einem bestimmten Klima der gerade neuen BRD heraus, die nun nicht gerade für eine revolutionäre Situation stand. (Ebensowenig wie die noch repressivere DDR, in der man bei Aufstand auch gerne mal Panzer einsetzte. Insofern war die Adenauer-BRD da noch die gemütlichere Variante für Oppositionelle.)…..Aber analytisch ist es hier ganz gut, zwischen einer (verhängnisvollen und repressiven) Minderheitenpolitik und einer Politik, die aufs wirtschaftliche Gesamt geht, zu unterscheiden. Ein fehlendes Differenzierungsvermögen, an der die heutige Linke, die sich vehement auf Minderheitenpolitik kapriziert, insbesondere krankt: beides nicht zusammendenken zu können. Was bei den 68ern immerhin noch gegeben war. ……Den Verweis auf 1789 verstehe ich nicht. Wird hier in der BRD gerade die Bastille gestürmt? Ich denke, die gesellschaftlichen und sozialen Umbrüche der Gegenwart sind andere.“ ——– In der Ära Adenauer gab es noch eine andere diskriminierte „Minderheit“: Die Frauen. Es bringt überhaupt nichts, die aktuelle Kritik von Lilla an Clintons Wahlkampf und der kulturalistischen Linken auf eine völlig andere Zeit und historische Situation zu übertragen. Entscheidend ist, welche politischen Prozesse unter Adenauer auf den Weg gebracht und welche Perspektiven verhindert wurden – u. a. ein wirklich demokratischer Sozialismus. Ich denke da an ein atomwaffenfreies Europa und ein blockfrei wiedervereinigtes Deutschland, vgl. Rapacki-Plan. Noch Ende der 1940er hatte die CDU im Ahlener Programm die Vergesellschaftung der Schlüsselindustrien gefordert und pazifistische Positionen vertreten. Adenauer hat diese pazifistisch-christsozialistische CDU in ein deutsches Abbild der US-Republikaner umgeformt. Den Verweis auf 1789 hingegen finde ich ziemlich eindeutig, um nicht zu sagen striking: Seit Colbert hatte der Merkantilismus der französischen Wirtschaft einen beispiellosen Aufschwung beschert und Frankreich neben Großbritannien zur größten Wirtschaftsnation Europas gemacht. In der Folge legten sich alle weiteren europäischen Staaten (bis auf die Niederlande) ebenfalls merkantilistische Ordnungen zu, was das französische System zum Kollaps brachte. Die Versuche Turgots und Neckers, diese Krise durch eine Kombination aus Steuerreform und Freihandel zu lösen scheiterten am Widerstand des Adels. Die Französische Revolution war die zwangsläufige Folge des dann einsetzenden dramatischen Einbruchs der Handelsbilanz. Sehr ähnlich verhielt es sich später mit den ebenfalls merkantilistischen Wirtschaftssystemen des Warschauer Paktes in der Konkurrenz zum westlichen Kapitalismus. Die absolute Exportorientierung der deutschen Wirtschaft und das etablierte Billiglohnsystem seit HartzIV laufen ebenfalls auf einen Merkantilismus hinaus, und aufholende „Lösungen“ der Krise im Sinne einer Übernahme des deutschen Systems stellen dann eine deutliche Parallele zur Entwicklung des 18. Jahrhunderts dar.

  32. Ja, nur sprachlich gestaltete Parallelen sind eben keine historischen und tatsächlichen Gleichheiten. Ob das, was Du beschreibst, auf der Faktenebene wirklich Parallelen sind, würde ich zudem in Zweifel ziehen, da die historischen und gesellschaftlichen Bedingungen völlig andere sind. Von dem Möglichkeiten der Technik ganz zu schweigen. Und selbst wenn es qua sprachlicher Äquivalenzierung eine metaphorische Annäherung gibt oder diese Ähnlichkeit der Zeiten tatsächlich bestehen sollte: Geschichte läuft nicht nach Gesetzen ab, wie in den Naturwissenschaften, so daß sich aus ähnlichen oder gleichen Bedingungen auf ähnliche oder gleiche Folgen schließen ließe. Zumal wir gegenwärtig einen Kapitalismus haben, der ganz anders die globalen Märkten und mit Finanzderivaten bestimmt.

    Ich habe Lillas Kritik übrigens nicht auf Adenauer übertragen, sondern ich schrieb von der Gegenwart. Den Bezug zu Adenauer brachtest Du ins Spiel. Adenauer ist Vergangenheit. Mir ging es um den gegenwärtigen Wandel in der Wirtschaft. Und da war die Hartz-IV-Gesetzgebung und die SPD-GRÜNEN-Regierung ein entscheidender Einschnitt. Adenauer ist da ein anders Kaliber und in anderer Hinsicht für die BRD problematisch. Ob übrigens ein blockfreies Deutschland im Kampf der Mächte tatsächlich Bestand gehabt hätte, bleibt freilich Spekulation.

    Was die Repressionen zur Adenauerzeit betrifft, so findet sich hier kein Bruch in der deutschen Geschichte, sondern es knüpft die Rolle der Frau, die von Schwulen etc. pp. an bestehende Denkmuster an. Wenngleich sich der Aufbrauch schon abzeichnete. Deshalb eben ist für die „intellektuelle Gründung der BRD“ ja gerade die Kritische Theorie, aber auch die unterschiedlichen Proteste der Jugend so wichtig gewesen. Da erst setzte der Bruch ein. Zum Um dem auf dem absterbenden Ast sitzenden Überkommenen den letzten Stoß zu geben. Denn auch in den 50ern lag bereits ein Aufbruch und vielfältiger Verstoß gegen die Konventionen in der Luft. Nur war dieser Protest eben noch nicht gebündelt.

    Das Ahlener Programm der CDU war in der Tat interessant. Aber ohne die historischen Kräfte, die das hätten realisieren können, weit weit entfernt. In diesem Sinne ist Stefan Heyms Roman „Schwarzenberg“ interessant, wo eine sozialistisch-sozialdemokratische Utopie nach dem WWII in nuce durchgespielt wurde, auf einem Flecken im Erzgebierge, wo weder die Sowjets noch die US-Army eindrangen, weil jeder der beiden dachte, daß dieses Gebiet zur anderen Seite gehörte. Aber auch in dieser sich entwickelnden Utopie lauerte bereits die Gefahr, in Gestalt des Parteikommunisten Reinsiepe, der Stalin vor der Tür. Und auf der anderen Seite die Jeeps und Panzer der US-Army, die ebenfalls wenig Interesse an einer solchen Republik hatten.

  33. Dieser ganze Themenkomplex ist einen eigen Thread wert, schreibe ich vielleicht demnächst. Nur so viel: Die Rolle der Geschlechterverhältnisse unter Adenauer gegenüber den 1920ern bedeutete schon einen Backlash, es war glaube ich Klaus Meschkat der von einem „motorisierten Biedermeier“ sprach. Zu Hartz IV noch ein Splitter, der zeigt wie perfide die Entwicklung vom Diskurs zur Umsetzung war: Die Verfassungsgebende Kommission, die es nach dem Zusammenbruch der DDR gegeben hatte und die eine gesamtdeutsche Verfassung ausarbeiten sollte die nie in Kraft tat hatte die Schaffung eines Niedriglohnsektors empfohlen um schwächelnden Branchen wie Werften und Bergbau direkter auf die Beine helfen zu können als durch Subventionen. Das sollte über eine „negative Einkommenssteuer“ geregelt werden, d.h. die Leute sollten Niedriglöhne bekommen und die Differenz zum Nettotariflohn als Zuschuss vom Staat, so dass sie real dasselbe verdient hätten als nach Tarif. Aus diesen Reformüberlegungen wurden im Zuge längerer technokratischer Debatten die Hartz-Gesetze.

  34. Ich war zwar nie ein Freund des Frauenwahlrechts: Aber was die Frage der Frau betrifft, so waren die zwanziger aber schon die zehner Jahre um einiges weiter. Das ist wahr. Man denke nur an die Verlobte von Franz Kafka, Felice Bauer, eine hochemanzipierte Frau, selbständig, sie arbeitete, brachte es sogar auf eine Chefposition. Ohne Ehemann, höchstens mit einem lebensuntauglichen Autor an ihrer Seite. Der allerdings, muß man hinzusagen, einer der genialsten war.

    In der Tat ist die Adenauer eine eigene Betrachtung wert, ebenso das Wirken der Treuhand im Osten, auch das soll nicht vergessen werden. Allerdings bezweifele ich, daß Kohl es geschafft und gewagt hätte, die Hartz IV-Gesetze durchzubekommen. Dazu brauchte es die Sozialdemokraten und die Grünen, die da als willige Büttel mitmachten. Und es hatte diesen Gesetze für die Neoliberalen noch den bequemen Nebeneffekt, daß sich die SPD auf Jahre selbst erledigt hatte. Wenn man an den Seeheimer Kreis denkt, ist man geneigt Verschwörungstheorien entwickeln.

  35. In der Tat. @Verschwörungstheorien: Wäre interessant zu wissen wie die Geschichte verlaufen wäre wenn Nixon Präsident geblieben wäre.

    „It was thought that US airborne troops would seize the oil installations in Saudi Arabia and Kuwait and might even ask the British to do the same in Abu Dhabi.“

  36. „Hartz IV brachte eine Erhöhung der Transferzahlungen für die Unterschicht.“ — Der Wahrheitsgehalt dieser Aussage ist schlicht „falsch“.

  37. Verwaltungen sollen die Gesetze umsetzen, Bersarin. Wo ist der Aufreger?
    Ist es nicht überaus merkwürdig, dass für diese Selbstverständlichkeit im klammen (!) Berlin Prämien ausgelobt werden?

    – Angesichts des mickrigen Verdienstes der Berliner Jobcenter-Vorsteher vielleicht verständlich… Wenn ich das mal hier einstreuen darf: Eine Schulpräsidentin im ländlichen Sankt Galler Rheintal z. B. verdient deutlich besser, hat aber erheblich weniger Untergebene (deshalb arbeitet sie für ihre ca. 9000 Franken monatlich auch nicht Vollzeit)… Und alles läuft aber wie am Schnürchen…
    (Andere Länder, andere Sitten.)

  38. Thema ein wenig verfehlt: Natürlich sollen Verwaltungen Gesetze umsetzen. Aber sie sollen keinen Rechtsbruch begehen und schon gar nicht Prämien ansetzen, um andere zu schickanieren. Und es gibt zudem einen Ermessensspielraum. Interessant in der Tat aber, darauf weisen Sie sehr gut und richtig hin, woher das klamme Berlin das Geld hat. Aber das sagt andererseits auch wieder viel über den Zustand der SPD aus. Heiko Maas und Olaf Scholz sind da auf Bundeebene genau das richtige Personal. Mich ärgert es immer mehr, daß sich die Leute nicht organisieren. Und so einen Amtsleiter mal fünf MInuten an den Beinen kopfunten aus dem Fenster baumeln lassen. Vielleicht wird ihm dann bewußt, wie es ist, wenn die eigene Scheiße dann quasi von unten nach oben ins Maul läuft. Was herauskam, muß eben auch wieder hinein.

  39. Protest kann gut sein. Daß allerdings die Auszahlungen für Asylanten in anderer Höhe ausfallen als für deutsche Staatsbürger, ist eine sinnvolle Lösung. Auch für die Außenwirkung nicht ganz unwichtig. Geldauszahlungen sind allerdings besser. Da kann jeder dann selbst sehen, was er mit dem Geld tut. Soviel Autonomie sollten man Menschen zutrauen.

  40. Wenn Sozialhilfe das absolute Lebensminimum darstellen soll ist es in keiner Weise legitimierbar dass irgendeine Gruppe von Menschen weniger bekommt. Es sei denn es wird ganz offiziell gesagt „den Rest können sie sich dazubetteln/klauen“. Das gilt analog auch für Kürzungen bei Hartz IV.

  41. Na ja, es gibt schon einen Unterschied zwischen einer Basissicherung, die natürlich nicht unterschritten werden kann, die aber auch nicht üppig ausfallen muß, und den Sicherungsansprüchen einer seit Geburt in einem Staat lebenden Bevölkerung. Das sollte wissen, wer in die BRD einreist.

  42. Warum? Qua definitionem ist der Sozialhilfesatz das lebensnotwendige Minimum das nicht unterschritten werden kann. Dass Geflüchtete weniger bekommen lässt sich entweder überhaupt nicht begründen oder nur unter Verzicht auf die Universalität der Menschenwürde. Da sind wir dann schon bei rassisch minderwertig und Untermenschen. Und in genau der Tradition steht auch das deutsche Asylbewerberleistungsgesetzt, das bis 1995, als es vom Bundesverfassungsgericht kassiert wurde Ausländerleistungsgesetz hieß.

  43. Die Berliner Ämter kapitulieren angesichts des massenhaften Hartz IV Betrugs im Rahmen der Vielehen. Sagt – bisher unwidersprochen, RTL und Stern TV. Man könne nichts machen, so Jobcenter-Mitarbeiter live vor der Kamera.
    Die Prämien nützen nichts. Die Gesetze werden nicht umgesetzt.

    Dass das Umsetzen von Gesetzen automatisch Schikane zur Folge habe, scheint mir nicht plausibel.

    „Nach den aktuellen Zahlen der Bundesanstalt für Arbeit vom September 2017“, sagt heute Michael Klonovsky, „haben von den 4,3 Millionen erwerbsfähigen Hartz-IV-Empfängern 55,2 Prozent einen Migrationshintergrund. 2013 waren es noch 43 Prozent.“ Und er weist auf nochwas hin: Dass durch diesen Verwaltungsakt die Zuzüger zu offiziellen Einwanderen werden.

  44. Nicht immer alles miteinander vermengen – die Rede war hier gerade von Asylbewerbern, und die bekommen nicht Leistungen nach HartzIV sondern nach Asylbewerberleistungsgesetz, und das sind statt 416 Euro im Monat 356.

  45. @ che: Doch, das läßt sich sehr gut begründen. Zum einen erhalten Asylanten in den Unterkünften Nahrungsmittel. Die müssen sie sich nicht kaufen. Zum anderen ist es einem Staat freigestellt, unterschiedliche Gruppen unterschiedlich zu behandeln. Du wirst mir sicherlich zustimmten, daß Asylanten zunächst einmal keine Staatsbürger sind. Leute die lange in Sozialsysteme eingezahlt haben oder qua ihrer mal mehr, mal weniger vorhandenen Kaufkraft Steuern zahlen, haben einen anderen Anspruch als Menschen, die für wenige Monate in einem Land weilen. Diese unterschiedliche Behandlung ist jenen Menschen, die aus großer Not geflohen sind, auch zumutbar, da es zunächst einmal darum geht, ihnen ganz basal Schutz zu gewähren. Nicht mehr, nicht weniger.
    Die Menschenwürde wäre dann tangiert, wenn man Flüchtlinge verhungern ließe oder sie unterernährt. Das tut man aber nicht. Eine rigide Politik bedeutet zudem, die Hürden höher zu setzen. Wer aus Not flieht und Asyl sucht, muß nach dem GG und nach dem geltenden Asylrecht aufgenommen werden und das ist auch gut so. Er muß aber, solange er kein deutscher Staatsbürger ist, nicht gleich behandelt werden wie ein Staatsbürger, was die materielle Versorgung betrifft. Außer eine gewählte Regierung entscheidet das und legt dies qua Gesetz fest.

    @ Dieter Kief: Daß es bei Migranten Sozialmißbrauch gibt, steht außer Frage – wobei ich auch hier jeden Fall einzeln geprüft wissen will und keine Pauschalaussagen mag. In diesem Fall aber und in den mir bekannten Fällen geht es um ganz normale Menschen, die seit Geburt Staatsbürger sind und qua unterschiedlicher Steuern seit Jahren die Sozialsysteme mitfinanzieren und von diesen Ämtern nicht nur schikaniert werden, sondern wo geltendes Recht gebeugt wird. Bei irgendwelchen kriminellen arabischen Clans hier bin ich relativ mitleidlos. Abschiebegewahrsam, bis sich ein Land findet, daß sie aufnimmt. Findet sich keines, bleiben sie im Gewahrsam. Was Flüchtlinge und Transferzahlungen betrifft: hier ist dringend ein neues Einwanderungsgesetz erforderlich, das die Leute ins Land holt und es ihnen leicht macht, die gebraucht werden, und nicht solche, die auf Sozialleistungen spekulieren. Ich weiß nicht, wie weit hier die gesetzlichen Regelungen sind.

  46. @“Leute die lange in Sozialsysteme eingezahlt haben oder qua ihrer mal mehr, mal weniger vorhandenen Kaufkraft Steuern zahlen, haben einen anderen Anspruch als Menschen, die für wenige Monate in einem Land weilen.“ —- Nein, das ist nicht der Fall, darin liegt ja gerade der Skandal von Hartz IV. Vor den Hartz-Gesetzen war es so dass auf das Arbeitslosengeld die Arbeitslosenhilfe folgte, d.h. eine gegenüber dem vollen Arbeitslosengeld geminderte monatliche Zahlung die sich am letzten Nettoentgelt orientierte. Seit den Hartz-Gesetzen fällt das weg: Hartz IV orientiert sich am Sozialhilfesatz, es ist völlig egal wie lange und wie viel die Menschen vorher in die Sozialkassen eingezahlt haben, ihre eingezahlten Beiträge sind für sie verloren. Aus diesem Grunde bezeichne ich ja HartzIV als den größten Versicherungsbetrug der Geschichte. Sozialhilfe ist qua definitionem die minimalste Grundversorgung die gerade so zum Leben ausreichen soll.

    Asylbewerber, die dezentral in Privatwohnungen untergebracht sind erhalten im Gegensatz zu Sammelunterkünften dort keine Nahrungsmittel, trotzdem bekommen sie deutlich weniger Geld ausgezahlt als Sozialhilfe. Sie sind amtlich definierte Menschen zweiter Klasse.

  47. Nein, che: es ist ein Unterschied, ob ich unterschiedliche Menschen unterschiedlich behandele oder ob ich sie deklassiere. Eine Flucht ist eine Notsituation. Da müssen, um zu helfen, auch Abstriche hingenommen werden. Und damit meine ich jetzt keine medizinischen, sondern finanzielle. Wogegen auch ich mich ausspreche, das ist die bewußte Demütigung von Asylsuchenden auf Ämtern und eine Behandlung, als wären da Menschen zweiter Klasse. Wo solches publik wird, da ist genauso der Staat oder die Behörde gefragt, solche Amtschimmel zu sanktionieren.

    Was Du zu Hartz schreibst, da stimme ich Dir zu.

  48. Na, dann lies Dir mal die juristischen Kommentare durch mit denen seinerzeit das Ausländerleistungsgesetz begründet wurde. Die rekurrieren direkt auf das wilhelminische Fremdenrecht, das wiederum im Zeitalter sozialdarwinistischer Rassentheorien entwickelt wurde. Es ist grauslich was für Kontinuitäten da zu Tage treten und da ist die Demütigung der Leute auf Ämtern auch kein Zufall.

  49. Ja, denn es gibt sachlich und juristisch nun einmal eine Differenz zwischen Staatbürgern und Asylanten. Zu Zeiten des wilhelminischen Fremdenrechts gab es diese Differenzierung aus dem einfachen Grund nicht, da wir in dieser Phase keine Wirtschaftsflüchtlinge aus dem arabischen oder afrikanischen Großraum hatten, keine Asylsuchenden, denn wer wollte schon Asyl bei Kaisers oder Hitlers? Wir hatten keine Massenzustrom von Muslimen, Arabern und Afrikanern. Diese heutige juristische Unterscheidung hat also nichts mit der Keule Rassentheorie zu tun, sondern ist in der Sache gegründet, daß Sozialsysteme nur bedingt belastbar sind. Und wenn Du oder wenn andere das juristisch ändern wollen, dann müßt Ihr dafür politische Mehrheiten finden. Das steht euch frei. Der ewiggestrige Nazisalms hilft da wenig. Zumal es in den gegenwärtigen juristischen Differenzierungen eben nicht um Rassen geht. Die Linke wird einfach den Hitler nicht los. Geschichte ist keine Wiederholungsschleife, sondern geschieht jedesmal auf neue und anders. Schema F funktioniert in dieser neuen Phase nicht. Wir haben historisch eine völlig andere Situation und darauf muß auch ein Rechtsstaat reagieren.

  50. @ Bersarin und che2001
    Die Entkoppelung der Dauer der Einzahlung und der Zeit des Bezuges ist nicht vollständig, aber nach spätestens ca. fünf Jahren (Umschulungsmaßnahmen, Übergangsgelder, usw.) findet die irgendwann einmal statt. Jedoch: Viele derer, die aus Hartz IV ausscheiden beziehen dann Frührente oder Erwerbslosenrente. Und das u. U. jahrzehntelang – auch wenn sie nur vergleichsweise kurz eingezahlt haben.

    Aber es gibt den von Dir, Che, angesprochenen Punkt der Diskrepanz zwischen Dauer der Einzahlung und Höhe des Leistungsbezugs.
    Ich könnte das aus dem Stand nicht quantifizieren. Aber es würde mich interessieren.

    Und nochmal: Prämie ist nicht gleich Schikane und Schikane ist etwas anders als ein Gesetz umzusetzen und sollte (=würde, in einer idealen Welt) nicht vorkommen.

    Dort gäbe es auch die persönlichen Bedrohungen, Einschüchterungsversuche, Beleidigungen usw. der Mitarbeiterinnen der Jobcenter nicht. Und den massenhaften Sozialbetrug. So soll es derzeit in Duisburg ein (!) Haus geben, in dem sechstausend (!) Leistungbezüger gemeldet sind. Die Jobcenter und die übrigen beteiligten Behörden räumen das ein, erklären aber, sie könnten nichts machen…bzw. täten alles erdenkliche, aber die Zustände seien für das Verwaltungshandeln nicht operationalisierbar, und dergleichen karierten Zeugs mehr.

    Offenbar spricht sich das rum… Auch (aber nicht allein) in Osteuropa.

  51. @Dieter Kief: Worum es geht, ist eine Umstruktur des Systems Hartz IV. Und zwar wesentlich für deutsche Staatsbürger. Natürlich ist Sozialbetrug wie in Duisburg zu ahnden. Die Meldung über Duisburg las ich auch. Hier wäre in der Tat, sofern die Nachricht so stimmt, Maßnahmen gefragt. Aber dieselben Verwaltungsangestellten, die sonst bei der Schikane locker sind, geht vermutlich in diesem Fall der Kötel in die Hose.

    Bei Asyl müssen andere Regeln der Versorgung greifen. Bei Flüchtlingen ebenfalls: hier brauchen wir ein Einwanderungsrecht.

    Wenn ich mir jedoch ausrechne, was jemand wie Florida-Rolf in seinem gesamten Dasein gekostet hat, wenn man großzügig 700 EUR pro Monat ansetzt, und was der Sozialbetrug von Steuerhinterziehern oder sich bereichernden Managern kostet, die pro Tag 3000 Euro Gehalt, Abfindung oder Rente bekommen, dann dürfte die Diskrepanz recht deutlich sein. Hinzu kommen die unsinnigen Kosten für einen Schikaneapparat in den Ämtern, der sich bei den kleinen Leuten traut.

  52. El Mocho, es geht hier nicht um ein Menschenrecht in Deutschland zu leben, sondern um das laut GG Art. 16 garantierte Recht auf Asyl. Alles andere sollte über ein Einwanderungsgesetz geregelt werden.

  53. @“Der ewiggestrige Nazisalms hilft da wenig. Zumal es in den gegenwärtigen juristischen Differenzierungen eben nicht um Rassen geht. Die Linke wird einfach den Hitler nicht los.“ —–Ich hatte mich auf das deutsche Ausländerrecht bezogen, das bis heute in der Rechtstradition des Kaiserreichs steht und wiederum damals rassenbiologisch begründet wurde. Das ist ein empirisch bweisbarer Zusammenhang. Den Hitler hast Du dazuerfunden. Ich empfehle in dem Kontext mal die Lektüre des Readers „Das Ausländerleistungsgesetz. Rassismus um Sozialstaat“ vom Flüchtlingsrat Niedersachsen. Und ohne den gelesen zu haben macht eine Fortführung dieser Diskussion m.E. wenig Sinn.

  54. Noch einmal: Die Situation, für die diese Regelungen des Asyls geschaffen sind, ist historisch eine ganz andere als die Situation der Vergangenheit im Kaiserreich. Das wird sicherlich auch Dir einleuchten. Zu Kaisers Zeiten gab es keine Migrationsströme. Die immergleiche Rassismuskeule zielt also am Problem völlig vorbei. Ob das ein empirisch beweisbarer Zusammenhang ist, den Du hier zunächst nur postulierst, ist zudem ohne jeden Belang, weil es sich beim GG Art. 16 und den damit zusammenhängenden Aufenthaltsgesetz wie auch dem Ausländerrecht der BRD um eine völlig andere Konstellation handelt. HIer werden keine Rassen ausgeschlossen oder ungleich behandelt, weil ein Araber ein Araber oder ein Chinese ein Chinese ist, sondern das Kriterium zur Differenzierung ist ein völlig anderes. Siehe unten.

    Im übrigen macht es ebenso wenig Sinn, festzulegen, wann eine Diskussion Sinn macht oder nicht und die Parameter dafür legst nicht Du anhand einer willkürlich herausgegriffene Schrift fest, die zudem hochgradig ideologisch aufgeladen ist. Genausogut ließe sich dem entgegenhalten, ohne die Lektüre der Gesetze macht diese Diskussion keinen Sinn und ohne die basalen Kenntnisse, wie ein Rechtsstaat funktioniert, macht eine Diskussion noch viel weniger Sinn. Es ist nämlich die Aufgabe eines Staates zwischen dessen Bewohnern und dessen Nichtbewohnern zu unterscheiden. Und genau das motiviert die Ungleichbehandlung. Und nicht Rassismus. Im übrigen wird umgekehrt ein Schuh draus: Wenn diese Behandlung Rassismus ist, dann scheint es also einen doch notwendigen Rassismus zu geben, indem weltweit aus funktionalen und differenztheoretischen Gründen die meisten Staaten zwischen Bürgern und Nichtbürgern, zwischen Staatsangehörigen und Nichtstaatsangehörigen unterscheiden. (Hier sei übrigens als Basislektüre Niklas Luhmann empfohlen.) Und in diesem Sinne müssen wir dann also Rassisten sein. Aber Scherz beiseite: Rassismus wäre es erst dann, wenn bestimmte Leute wegen ihrer Herkunft, bspw. aus Arabien, ausgeschlossen werden. Das aber ist beim Asylrecht laut Art GG und auch bei Ausländeraufenthaltsgesetz nicht gegeben. Diese Gesetzt gelten unterschiedslos für jeden, der hier Schutz sucht. Unterschieden wird dort lediglich zwischen Staatsbürgern und Nichtstaatsbürgern. Und solange solche basalen Unterscheidungen in bezug auf einen Rechtsstaat nicht geläufig sind, hat eine Diskussion in der Tat keinen Sinn.

  55. Und noch ein Hinweis: es mag Dir oder den Leuten vom Flüchtlinsrat diese Ungleichbehandlung mißfallen. Um das zu ändern, nützt es aber wenig, mit dem Begriff Rassismus leichtfertig zu operieren, sondern ihr müßt Mehrheiten finden, daß diese Gesetze geändert werden. Durch die Spielmarke Rassismus, die hier taktisch eingesetzt wird, funktioniert das in der Regel nicht. Viele Leute haben diese moralischen Erpressungen inzwischen nämlich satt.

  56. Hochfragig ideologisch ist das was Du hier die ganze Zeit vorführst allemal: Die Ideologie vom demokratischen Rechtsstaat, die, wer es mit Marx und der Kritischen Theorie ernst meint, eigentlich nicht aufrechterhalten kann. Aber in der Tat führt es nichts das an dieser Stelle weiterzudiskutieren. Da werden wir keinen Konsens etrzielen, anderswo schon.

  57. Nein, hier erzielen wir keine Übereinstimmung. Wie Marx das Institut dieses Rechsstaates von heute her sieht, ist schwierig zu sagen, da es ein historisches, gesellschaftliches, geschichtliches revolutionäres Subjekt nicht mehr gibt. Adorno und Horkheimer in der BRD zumindest waren keine Verächter desselben, wohl aber Kritiker. Womit ich mich – mal wieder – mit Adorno treffe.

  58. Das Asylrecht ist ein wichtiges Thema.
    Ich hab mir grad von Books on Demand für erstaunliche 9 Euro den super gedruckten Band „Die Herrschaft des Unrechts – Die Asylkrise, die Krise des Verfassungsstaates und die Rolle der Massenmedien“ – geschrieben vom vortrefflich gut schreibenden und konzis argumentierenden Ulrich Vosgerau kommen lassen (nebenbei gesagt: Bücher wie seines sind eine ganz schlechte Nachricht für die Torsteher bei den Verlagen – Vosgerau und ich und viele andere gehen an denen einfach vorbei – Tschüss Mädels – macht’s gut – wir brauchen euch nicht mehr. – Und leider auch die Leute in den Buchhandlungen… In KN hat jetzt die erste Buchhandlung der Stadt schon ein ganzes ihrer fünf Schaufenster dem Schampus und dem Schnaps gewidmet…Das wird so weiter gehen. Ende der Abschweifung.

    Das Kaiserreich kann man in diesem Rechts-Zusammenhang weitgehend außen vor lassen. – Ja, historisch, heißt es in dem Bändchen „Die Furie des Verschwindens“ – einem der besten Gedichtsammlungen nach dem Kaiserreich überhaupt, nun, da heißt es: Historisch – sag mir doch etwas, das nicht historisch wäre.

    Bersarin – Sie haben oben aber nicht von dem ex-Star-Luden alias Wolli Indienfahrer von Hubert Fichtes Gnaden gesprochen, wegen Hartz IV, oder haben Sie?

  59. Vielen Dank für den Buchtip, Vosgeraus Artikel im Cicero hatte ich schon gelesen.

    Wolli ist ein anderes Kaliber, der wüßte sich zu wehren.

  60. Und eigentlich ist die Ebene auf der wir hier vordergründig miteinander diskutieren nicht die um die es eigentlich geht. Ganz gut zeigt das der áktuelle SPIEGEL auf, insbesondere das Interview mit Frau Koppetsch.

  61. Nur: was ist die Ebene? Frau Koppetsch spricht da auf alle Fälle einige richtige Aspekte an, wie die komplexen Fragen möglicherweise angegangen werden könnten. Ich bin da in vielem bei ihr, was die Analyse betrifft.

    In diesem Zusammenhang ist übrigens von der Online-Seite der Sezession her ein interessanter Text von Martin Sellner zu finden. Nicht alles darin ist lesenswert, Sellner ist ein Quatschkopf und wie Lichtmesz auch ohne jedes intellektuelles Potential (Ernst Jünger hätte beide umgehend von der Marmorklippe gestoßen: denn was fällt, das soll man …. doch das wußte schon Nietzsche besser. Diese Leute scheitern an sich selbst. Anderes Thema jedoch). Die Zustände aber, die Sellner auf der dritten Seite beschreibt, wie sie in London herrschen – das fand ich schon interessant, sofern das so in der Beobachtung stimmt. Und ehrlich gesagt: ich finde schon Kreuzberg und Saint-Denis (von Sellner wohl als Witz falsch geschrieben hat) nicht besonders erquicklich. Und ich frage mich auch da: ist das eine organisierte oder eine unorganisierte Gleichgültigkeit, ist es so gewollt, ist etwas aus dem Ruder gelaufen, weil es niemanden interessierte? Multi-kulti zumindest sind diese Zustände nicht. Eher das Gegenteil und das Verhängnis des Melting Pots, das Adorno so trefflich in den „Minima Moralia“ beschreibt. Das alles sind Fragen, die viele Leute bewegen und da müssen wir irgendwie einen Diskurs und kluge Debatten darüber hinbekommen.

    https://sezession.de/58456/ist-england-verloren-in-haft-mit-douglas-murray-teil-1/3

  62. Und eigentlich ist die Ebene auf der wir hier vordergründig diskutieren nicht die um die es eigentlich geht. Da ist der aktuelle SPIEGEL lesenswert, insbesondere das Interview mit Frau Koppetsch.

  63. Lohnt sich in diesem Fall aber zu kaufen. Es geht darum dass eine kosmopolitische Bildungselite und eine sozial abgehängte Normalbevölkerung im Widerspruch zueinander stehen und dass erstere in sehr starkem Maß liberale Freiheiten und Minderheitenrechte vertritt während die Abstiegsängste der Modernisierungsverlierer mehr und mehr mit Anti-PC-Haltung und Hass auf die Minderheiten und zugleich Patriotismus verknüpft werden. Also jetzt grob vereinfacht.

    Mein Senf: Kosmopolitismus und Internationalismus sind eben verschiedene Dinge, und der Liberalismus von Bildungs- und Leistungseliten ist nicht links.

  64. Warum nicht Sezession? Man muß doch wissen, was die andere Seite denkt und wie sie tickt. Es ist wie bei allen Zeitschriften oder Magazinen: Es gibt Gutes, Dummes, Mittelmäßiges an Artikeln. Insofern lese ich auch dort. Da ich mich weder rechts noch links verorte, gehe ich an Texte relativ entspannt heran. Ich lese übrigens auch Alain de Benoist. Und ich lese Bücher von Antaios wie auch aus dem Laika Verlag oder eben konkret.

    Außerdem muß man ja auch wissen, was die andere Seite tut.

    Koppetsch liefert eine einerseits interessante Linie, nämlich kritisiert sie das Verabsolutieren der eigenen Perspektive zur Wahrheit. Das kann man besonders gut in der Flüchtlingspolitik beobachten, und zwar von rechts wie von links. Was sie zum Islam schreibt, ist problematisch:

    „Dass man erst noch herausfinden müsse, welche Anteile islamischen Glaubens und Denkens sich auf Dauer mit unserer Gesellschaft vertragen. Wir wissen ja noch nicht, welche Aspekte der Islam in all seinen Facetten mit sich bringt.“

    Leider wissen wir, wenn man sich etwa die Berichte von Constantin Schreiber aus den Moscheen durchliest, zum Teil einiges, was der BRD blühen kann. Und wenn man diese Dinge nicht problematisiert und offen bespricht, wird das keine gute Sache werden. Diese Passagen freilich über die intellektuellen, meist linksliberalen Eliten, auf die che verwies, ist interessant:

    „Diese kosmopolitische Elite verhält sich doppelbödig und wirkt dadurch verlogen. Sie propagiert Weltoffenheit und fordert eine durchlässige Gesellschaft, in der jeder dieselben Chancen hat, sie spricht von Gleichheit und Gleichberechtigung. Aber wenn jemand ihr Weltbild nicht teilt, wendet sie sich verständnislos ab und erhebt sich im Namen einer höheren Moral. Das lässt sich nach jeder Wahl in den Talkshows beobachten. Wenn dort von Protestwählern der AfD die Rede ist, klingt es oft, als handelte es sich dabei um schwer erziehbare Kinder oder Psychopathen.“

    „Aber im Kern ist das Weltbild der vermeintlich weltoffenen Elite eben häufig genauso starr wie das der Kleinbürger, auf die sie herabsieht: Sie ist davon überzeugt, dass allein ihre Werte und ihr Lebensstil allgemeingültig sein müssten. Auch ihr Bedürfnis nach einer Geborgenheit stiftenden Heimat ist oft ähnlich ausgeprägt. Und da ist diese Elite im Vorteil, weil sie sich ihre Heimat selbst erschaffen kann.“

    „Sie gründet auf Bildung, Hochkultur und auf einem bestimmten Lebensstil – und der ist zumindest in den Großstädten fast überall auf der Welt zu finden. Trotzdem ist es eine exklusive Heimat: Man bleibt in den schönen Stadtvierteln wegen der hohen Preise unter sich. Man sorgt dafür, dass zumindest in den Schulen der eigenen Kinder der Lernerfolg gut, das Mittagessen gesund und die Pädagogik wertvoll ist. Und mit alldem sendet man jenen, die um ihren Platz in der Gesellschaft fürchten, ein Signal: Hier bei uns, bei den weltoffenen Weltbürgern, finden Leute wie ihr auch keinen Platz. Verloren, Pech gehabt!“

    In diesem Sinne verhalten sich Patriotismus-Mensch und (Links)Liberale spiegelbildlich, nur eben von verschiedenen Positionen aus. Wichtig für solche Debatten wäre übrigens auch noch die Heimatbegriff von dem der Nation zu differenzieren. Eine Nation, ein Staat kann nur sehr bedingt Heimat sein. Eine Region aber sehr wohl.

    http://www.spiegel.de/spiegel/deutschland-warum-fuehlen-sich-viele-menschen-nicht-mehr-zu-hause-a-1202880.html

  65. Also ich lehne die Masseneinwanderung ab, und ich fühle mich keineswegs „abgehängt“, ich bin mit meinem Einkommen und meiner Lebenssituation halbwegs zufrieden und habe auch keine Angst vor den Einwanderern, sondern bin eher wütend. Nicht auf die Einwanderer (die nutzen einfach die Chance, die sich ihnen bietet), sondern auf unsere Politiker, die den Interessen ihrer Wähler entgegen handeln. Und ich komme immer mehr zu der Einsicht, dass das nicht aus humanitären Motiven oder aus schlichter Naivität geschieht, sondern planvoll, weil das Großkapital es so will, und Linke, die sich einwickeln lassen, es ideologisch absichern.

    Che, kennst du dieses Video?

    Ich finde das höchst bemerkenswert. Da sagt ein Politologe der Harvard-Universität (also sicher kein Niemand), dass es überhaupt nicht um Humanität geht (habe ich eh nicht einen Augenblick geglaubt), sondern um ein Experiment, um den Umbau einer monokulturellen in eine multikulturelle Gesellschaft. Wir wären demnach als gewissermaßen Versuchskaninchen in einem gewaltigen Menschenversuch. Damit bin ich ganz entscheiden nicht einverstanden.

  66. @ El-Mocho u che2001 u Bersarin

    „Da sagt ein Politologe der Harvard-Universität (also sicher kein Niemand), dass es überhaupt nicht um Humanität geht (habe ich eh nicht einen Augenblick geglaubt), sondern um ein Experiment, um den Umbau einer monokulturellen in eine multikulturelle Gesellschaft.“

    Die multikulturelle Gesellschaft i s t aus der Sicht Mounks und seiner „Nowheres“ (mobile obere Mittelschicht – genau wie Mounk selber auch) die neue Form der universalen Humanität.

    Drollig: Der Perlentaucher hat neuerdings eine identitär gefärbte Bayerische Heimat-Reklame als Aufmacher! – „Pögunia ölt nich“, wie die Sogsn sogn, wennse mal in Denemaag sinn‘, newwahh.

    Jonathan Haidt hat den Knoten zwischen den Nowheres und den Somewheres am besten durchgehauen bisher, wie ich finde, den sich ja auch die Soziologin Cornelia Koppetsch in Spiegel vorknöpft: – –

    – – Hier spricht der bekanntermaßen liberale Sozialpsychologe Jonathan Haidt:
    „…warum insbesondere die jüngste Welle islamischer Einwanderung aus Syrien − so viele europäische Länder spaltet. Sogar in den Vereinigten Staaten, wo die Zahl der islamischen Einwanderer niedrig ist, sorgt sie für Polarisierung. Natürlich betrachten Nationalisten Einwanderer aus islamischen Nahostländern als Terrorgefahr. Doch Stenner lädt uns ein, über die Sicherheitsbedrohung hinauszuschauen und die „normative Bedrohung“ zu betrachten. Der Islam verlangt von seinen Anhängern, auf eine Art und Weise zu leben, die ihnen die Anpassung an säkulare, egalitäre westliche Gesellschaften erschwert (…).“ – Sagt Jonathan Haidt mit Bezug auf Karen Stemmer, „The Authoritarian Dynamic“- über die Gefahren des Autoritarismus, 2005

    Der ganze Aufsatz von Haidt zum Verhätnis von Nationalismus und Globalismus steht hier:
    https://www.the-american-interest.com/2016/07/10/when-and-why-nationalism-beats-globalism/
    Jonathan Haidt ist Sozialpsychologe in Chicago

    Auf Deutsch ist der Aufsatz zur Zeit ebenfalls gratis online in vier Teilen auf der Achse des Guten

    Hier noch ein Zitat:
    „Nationalisten fühlen sich mit ihrem Land verbunden, und sie glauben, dass diese Verbindung eine doppelte moralische Verpflichtung beinhaltet: Bürger haben die Pflicht, ihr Land zu lieben und ihm zu dienen, und Regierungen unterliegen der Pflicht, ihr Volk zu beschützen. Regierungen sollten die Interessen ihrer Bürger über die Interessen von Bürgern anderer Länder stellen.
    An dieser Vereinbarung oder diesem Sozialvertrag gibt es nichts, was zwingend rassistisch oder falsch ist.“

    Haidt sagt übrigens mit John Stewart Mill auch, dass die entscheidende Weichenstellung in der öffentlichen Auseinandersetzung nicht darin besteht, für das Gute einzutreten – selbst dann nicht, wenn es sich dabei um das hehre Ziel der sozialen Gerechtigkeit handelt: Die entscheidende Weichenstellung bestehe vielmehr darin, dass man akzeptiert, dass es öffentliche Debatten über das Wahre (und, so füge ich hinzu: Über das Richtige) geben soll – auch im Falle der Erörterung, wie soziale Gerechtigkeit und Toleranz und Weltoffenheit usw. jeweils verstanden und gestaltet werden sollen.

    Diese Debatten aber, das ist Mills wertvollster Gedanke, so Haidt, brauchen den zivilisiert ausgetragenen Dissens: Die Nichtübereinstimmung ist das Medium, das paradoxer Weise Wahrheit und Richtigkeit für das „nach nachmetaphysische Denken“ (Habermas) überhaupt erst möglich macht.

  67. Der Beitrag von Yasha Mounk ist für mich kein Aufreger, und der Umbau der monokulturellen Gesellschaft in eine multikulturelle hat insofern mein Placet, es ist mir aber zu wenig. Das multikulturelle Konzept ist ja kein wirklicher Wandel, sondern Verkehrsberuhigung.

  68. Tja che, und das sehe auch ich ganz anders. Das multikulturell Konzept ist übrigens vollständig gescheitert, deshalb auch mein Hinweis auf Sellners Beobachtungen aus London. Muß man nochmal von einer seriösen Quellen gegenprüfen. Ich möchte hier keine Zustände wie in Saint-Denis oder in Moolenbeck. Und ich denke und hoffe, daß das einer Mehrheit so geht. Wir haben ein Asylrecht. Das muß reichen. Ansonsten bin ich da eher bei El Mocho, was ja nicht so oft passiert. Den einzigen Aspekt, den ich an den zugewanderten Muslimen schätze ist, daß bei jenem importierten Islam vielleicht irgendwann die Frauen wieder ihre angestammten Platz zurückbekommen. Damit könnte man mich locken. (Nein, das war nur ein Scherz.)

    Und ich vermute sehr stark, che, daß da nicht die Einwanderer und Wirtschaftsmigranten kommen, die Du Dir gerne wünscht. Das sieht man ja bereits an den Leuten, die aus Syrien und dem arabischen Großraum hierherreisten. Wenn es nach mir geht: Send them back! Die syrische Armee sucht wehrfähige Männer.

    Monokulturell ist diese Gesellschaft schon deshalb nicht, weil wir in Deutschland Vielfalt haben. Das reicht von Antaios bis Laika Verlag. Diese plurale Gesellschaft möchte ich gerne bewahrt wissen.

    Das mag holzschnitzartig klingen, aber das bringt es in etwa auf den Punkt, was ich denke, und ich denke, daß ich für diese Sicht auch philosophische und politische Gründe anführen kann, die mit der politischen Philosophie der Kritischen Theorie eines Adorno gut kompatibel sind. Der Herr Adorno würde sich über solche Syrer wie hier just wieder im Prenzlauer Berg oder aber üner die Araber auf den Al Quds-Demos sehr freuen. Aber am Ende hängen diese Dinge natürlich auch an rechtlichen Fragen. Eine bedingungslose Einwanderung ist nicht nur politisch naiv, sondern sie ist für einen demokratischen Staat ein Todesstoß. Spätestens bei den nächsten Wahlen.

  69. Multikulturalismus funktioniert nur in Diktaturen, nicht in Demokratien. London ist Musterbeispiel einer multikulturellen Stadt, es leben dort nur noch 40% ethnische Briten und der Bürgermeister ist Sohn pakistanischer Einwanderer. Sehr gut geschildert in diesem Buch:

    Der Autor hat sich vor Ort über das Leben der Migranten informiert. Er hat mit Roma-Bettlern in irgendwelchen Tunnels übernachtet, er hat mit den Afrikanern gesprochen, die die Klos in der U-Bahn reinigen,mit dem Chef einer Drogengang, mit polnischen Bauarbeitern, die zu 15 umschichtig in einer Wohnung schlafen, mit einer Lehrerin, der Schülerinnen zwei Sätze Kleidung mitbringen und vor dem Unterricht den Niqab gegen einen Minirock austauschen, deren Schüler, gefragt was sie später mal machen wollen, antworten: Viele Ungläubige töten.

    Alle leben nebeneinander her, aber sie misstrauen sich zutiefst. Die Romas sagen: Vorsicht vor den Schwarzen, die haben Messer dabei. Die Schwarzen sagen: Vorsicht vor den Romas, die klauen dir das Essen vom Teller. Alle sind verwirrt ob der Vielheit von Lebensstilen und Wertvorstellungen und ziehen sich auf ihre eigene Identität zurück. Solidarität empfindet man nur mit den Angehörigen der eigenen Gruppe, die anderen sind bestenfalls gleichgültig und schlimmstenfalls Feinde.

    Manchmal verlibet sich jemand aus einer Gruppe in jemand aus der anderen, dann kann der Identitätspanzer aufbrechen. Oder es bleiben Tote zurück; Judah erzählt die Geschichte eines Pakistaners, der sich in eine rumänische Prostituierte verliebt und sie schließlich umbringt, weil er nicht erträgt, dass sie Sex mit anderen Männern hat.

    Solange die Wirtschaft gut läuft kommt man einigermaßen miteinander zurecht, aber man mag sich nicht vorstellen, was im Falle einer Krise mit wachsender Arbeitslosigkeit geschehen würde.

    Für mich ist sowas eine Horrorvorstellung, keine Gesellschaft, sondern eine Art Menschenbrei aus Individuen, die einander fremd sind.

    Sowas will ich in meinem Land nicht, und wir sind auf dem besten Weg dahin. Die Familienzusammenführung wird genau dazu führen, zu Migrantengetthos und Bürgerkrieg

  70. Das ist ein Problem, das ich unter der gegenwärtigen Konstellation und insbesondere unter der englischen Politik ebenfalls vermute. Und es zeigt, daß eine vermeintliche Toleranz allem und jedem gegenüber zu großen Problemen führt. Der Witz an der Sache: diejenigen, die das verkrustete Identitätsdenken einer (vermeintlich) homogenen Gesellschaft aufbrechen wollen, erzeugen in dieser Form nur noch viel drastischere Identitäten und Verhärtungen. Aufgrund solcher Digression im schlechten Sinne und bei einer gleichzeitigen Verschließung stellt sich die die Frage nach dem verbindenden Moment innerhalb einer Gesellschaft. Man kann sich hier, wie Habermas auf eine Art von Verfassungspatriotismus berufen. Da ist einiges dran, einerseits. Andererseits sei in diesem Kontext zugleich auf das Böckenförde-Diktum erinnert. Immer wieder interessant, über diesen Satz nachzudenken:

    „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Das ist das große Wagnis, das er, um der Freiheit willen, eingegangen ist. Als freiheitlicher Staat kann er einerseits nur bestehen, wenn sich die Freiheit, die er seinen Bürgern gewährt, von innen her, aus der moralischen Substanz des einzelnen und der Homogenität der Gesellschaft, reguliert. Anderseits kann er diese inneren Regulierungskräfte nicht von sich aus, das heißt mit den Mitteln des Rechtszwanges und autoritativen Gebots zu garantieren suchen, ohne seine Freiheitlichkeit aufzugeben und – auf säkularisierter Ebene – in jenen Totalitätsanspruch zurückzufallen, aus dem er in den konfessionellen Bürgerkriegen herausgeführt hat.“

    Natürlich hat er dann wenig Sinn, wenn man eine radikale Staatskritik betreibt und eigentlich das Ziel ist, diesen Staat abzuschaffen. Allerdinges sehe ich gegenwärtig kaum Alternativen zu dem was gerade ist. Was nicht heiß, daß es nicht auch anders ginge. Aber wenn ich mir die gegenwärtige Linke von Mädchenmannschaft über die kulturalistische Linke und solche wie Georg Diez, Kreischkowski oder auch in der Linkspartei Kipping etc. pp, ansehe, dann möchte ich keine andere Gesellschaft haben, die im Sinne dieser Leute ausfällt.

  71. Dass das multikulturelle Orojekt gescheitert ist sage ich seit 1990, aber mit einer vlllig anderen Zielrichtung. Der Antirassismus den ich vertrete steht links von Multikulti. Multikulturalismus bedeutet das Nebeneinanderleben von Teilgesellschaften, die kulturalistisch als in sich ruhende erratische Blöcke begriffen werden. Eigentlich eine Art Apartheid, man könnte auch Multirassismus dazu sagen. Emanzipatorisch wäre hingegen wenn die Eingewanderten die Möglichkeit haben sich das anzueignen was in der Aufnahmegesellschaft selbst bereichert und weiterbringt, z.B. Säkularität und Frauenrechte, und umgekehrt der Aufnahmegesellschaft Dinge vermitteln die dieser nützen kann, z.B. budhistische Gelassenheit oder südländische Lebensfreude. In der Hinsicht hat sich die BRD-Gesellschaft durch die Einwanderungswellen der 50er-70er Jahre ja schon sehr liberalisiert und verjüngt. Ohne die italienischen, spanischen, portugiesischen, jugoslawischen, griechischen, türkischen und nordafrikanischen Migranten keine Pizza, kein Rioja, keine Cevapcici, kein Döner, kein Couscous, keine Restaurants wo draußen, gar auf der Straße gegessen wird, keine Tanzparties unter freiem Himmel, kein Haschisch, weniger Flohmärkte und Gemüseläden, eine andere Popmusik, kaum Gebrauchtwagen- und Antiquitäten- und Teppichhandel, eine andere Umgangssprache, keine interkulturellen Ehen und Partnerschaften.

    Insofern heißt für mich die wünschenswerte Perspektive wechselseitige Durchdringung und partielle Auflösung der bestehenden Kulturen, Inter- und Transkulturalität statt Multikulti.

    Die Propagandisten des Multikulti wie Daniel Cohn-Bendit und Dan Diner hatten übrigens damals, um 1990 herum Multikulti ganz offen damit propagiert dass da Leute kommen die benötigt werden um Dreck- und Sweatjobs zu machen die kein Deutscher freiwillig macht. Soviel zum Thema „Sozialromantik“ und „Gutmenschentum“ grüner Multikulturalisten.

  72. @“gegenwärtige Linke“ — Da würde ich einige der Angesprochenen nicht dazuzählen, und die Linken auf die ich mich so beziehe sind dann überwiegend links der Partei die Linke, um Namen zu nennen Leute wie Karl Heinz Roth, Detlef Hartmann, Setharaman Sivanandan, Ingrid Strobl, Vassilis Tsianos, Marja Vukovic, Slavoj Zizek. Ich stimme nun nicht allem zu was von denen kommt, aber zumindest gibt es da einen Grundkonsens.

  73. Klar, in diesem Sinne bin ich, wie man so schön sagt, ganz bei Dir, che. Es kann das auf alle Fälle eine Bereicherung sein, wenn sich unterschiedliche Kulturen begegnen und sich durchdringen. (Siehe Preußen und die Hugenotten, und vor allem die von Dir beschriebenen Phänomene.) Wie das freilich zu bewerkstelligen ist, steht auf einem anderen Blatt – da sind viel Ideen gefragt. Viel läuft darüber, daß man einandern kennenlernt, daß keine Parallelgesellschaften entstehen, wie Du es ganz richtig beschreibst. Und da heraus resultieren ja eine Menge der Probleme, die ich oben ansprach.

    Nein, im emphatischen Sinne sind die von mir genannten Leute nicht links. Sie geben sich lediglich so, weshalb ich sie kulturalistische oder identitäre Linke nenne.

    Wesentlich ist: Kultur ist kein statisches Gebilde.

  74. @ che2001
    Zizek kreist um einen Planeten mit dem Inhalt Zizek und der Aufschrift Zizek. Er war laut Schirrmacher der wichtigste europäische Philosoph. Herr Schirrmacher hielt zuzeiten Vorträge vor Industrie- und Handelskammern usw. – Betriebskrankenkassen-Jahresversammlungen usw. und war dicke mit einem intelllektuell eher schwach orientierten aber extrem einflussreichen New Yorker namens John Brockmann, einem Freund von David Bowie und Brian Eno, von denen Schirrmacher aber wieder sehr wenig verstand.

    Angelika Klüssendorf hat so ca. dasselbe über diesen Schirrmacher gesagt, wie Eckhard Henscheid einst und Martin Walser später: Dass er ein zuzeiten schwer erträglicher „Macher“ war und je länger je mehr und desto schneller um sich selbst kreiste. Kein sehr gesundes Programm. Frau Klüssendorf äußerte sich so ca. so über ihren Ex kürzlich in der Taz anlässlich des Erscheinens eines Prosa-Textes, der offenbar ihre gemeinsame Zeit mit eben diesem Schirrmacher reflektiert.

    Martin Walser gab seine Ansichten über Schirrmacher in seinem Nachruf preis und Eckhard Henscheid in der fulminanten Erzählung 10:9 für Stroh, zu der es eine sehr eindrückliche Dechiffrierung von Musil-Biograph Karl Corino gibt, wenn ich mich jetzt nicht täusche: Sie steht jedenfalls im „Literatur und Kritik“-Heft zu Eckhard Henscheid.
    Strobl – Ingrid Strobl? Aua, che – .

  75. Ich weiß nicht Schirrmacher in diesem Kontext zu suchen hat, bei Zizek denke ich eher an seine Zusammenarbeit mit Hartmann und an die Auseinandersetzung mit „Imperium“ von Negri und Hardt. Ich habe halt auch mit Literatur nichts am Hut, sondern beschäftige mich primär mit politisch-theoretischen Texten zu Themen wie Ökonomie, Klassenkampf und Geostrategie.

  76. zizek gehört natürlich zu den lesenswerten und auch wichtigen linken Theoretikern. Zumindest bietet Zizek Aspekte, über die es lohnt nachzudenken. Und das ist ja nicht nur seine Kritik an der linken Identitätspolitik, an identitären Linken also. Sein Buch zum Materialismus und zu Hegel wären da ganz interessant. Lektüremäßig allerdings Klötze, an die man erstmal heranmuß.

  77. @Che: Ich sehe nicht, dass irgend jemand hier die Migranten daran hindert, sich hiesigen Vorstellungen von Säkularismus und Frauenrechten anzupassen.

    Die allermeisten Migranten eignen sich aber nichts an, im Gegenteil, es ist eine gewisse Feindseligkeit wahrzunehmen, insbesondere natürlich von Muslimen, deren Religion sowas auch von vornherein unterbindet.

    Es ist genau so wie Gene Simmons es gesagt hat: „They want to come and live right where you live and they think that you’re evil.“

    https://www.ynetnews.com/articles/0,7340,L-4380365,00.html

    Das ist das grundsätzliche Problem der Massenmigration, dass eben keine Vermischung der Kulturen stattfindet, sondern ein feindseliges nebeneinander herleben. Ich wüsste auch nicht, wie man ds ändern könnte, und deshalb bin ich für möglichst wenig Migration und Entfernung von Anpassungsunwilligen.

  78. Na ja, El Mocho, DER Islam ist schlicht pauschal. So wie es auch nicht DAS Christentum gibt. Mäße man es an seiner herrschenden Ausprägung im Mittelalter (oder heute noch in Polen in seiner orthodoxen Variante dort) und nähme diese als dessen Wesensbestimmung, dann kommt das Christentum ebenfalls schlecht weg. Religionen verhalten sich jedoch sehr viel komplexer. Beim Islam habe wir auch in der BRD ganz unterschiedliche Ausprägungen. Leider sind solche Strömungen wie von Seyran Ates hier in der Minderheit. Und die Probleme, wie wir hier mit bestimmten Ausprägungen des Islam haben, sind nicht zu leugnen. Das hat auch etwas mit der politischen und religiösen Situation in den Heimatländern der Flüchtlinge zu tun und einem politischem Islam, der sich etablierte – sei es im Iran, in der Türkei oder in Saudi-Arabien. Allerdings sind diese jahrzehntelangen Prägungen durch Ideologie aus den Köpfen vieler Menschen aus den Maghreb-Staaten oder dem Nahen und Mittleren Osten schwer herauszubekommen. Auch was den nicht nur latenten Antisemitismus betrifft.

  79. Einen sehr aufschlußreichen und guten Satz schrieben Daniel Cohn-Bendit und Thomas Schmid in der „Zeit“ von 1991. Auch wenn ich ansonsten die meisten Aspekte des Artikels fragwürdig finde. (Allerdings eher von der konservativen Position her und nicht von progressiv-links.) Aber in diesem Satz werden zumindest einige Probleme angesprochen, über die nachzudenken ist:

    „Nicht minder unverantwortlich wäre es, die multikulturelle Gesellschaft als einen modernen Garten Eden harmonischer Vielfalt zu verklären und – in einem Akt seitenverkehrter Fremdenfeindlichkeit – das ungeliebte Deutsche mit dem Fremden vertreiben zu wollen. Die Entrüstung über den Fremdenhaß, die als Gegenmittel eine Politik der schrankenlos offenen Grenzen empfiehlt, hat etwas Scheinheiliges und Gefährliches. Denn wenn die Geschichte irgend etwas lehrt, dann dies: Keiner Gesellschaft war je der zivile Umgang mit dem Fremden angeboren. Vieles spricht dafür, daß die Reserve ihm gegenüber zu den anthropologischen Konstanten der Gattung gehört; und die Moderne hat mit ihrer steigenden Mobilität dieses Problem allgegenwärtiger gemacht als zuvor. Wer dies leugnet, arbeitet der Angst vor dem Fremden und den aggressiven Potentialen, die in ihr schlummern, nicht entgegen.“

    Das bloße Propagieren eines Multikulturalismus bleibt eben abstrakt. Und Grenzen bedingungslos zu öffnen, ist recht naiv. Das spricht nicht gegen das Gebot der Humanität. Aber diese kann nur von einem intakten Staat geleistet werden, dem die Bevölkerung nicht zu radikalen Parteien wegläuft.

    http://www.zeit.de/1991/48/wenn-der-westen-unwiderstehlich-wird/komplettansicht

  80. Es gibt einige große Fehler die die deutsche Politik gemacht hat, die sich hätten vermeiden lassen und die noch immer korrigierbar sind. Und ich spreche da nicht vom Zeitraum seit 2015, sondern seit den späten 1970ern als nach der Iranischen Revolution die erste große Flüchtlingswelle kam.

    1) Die Unterbringung der Flüchtlinge in Sammellagern über die Erstaufnahme hinaus schafft Ghettoisierungsprobleme, die bei Einzelunterbringung gar nicht auftreten würden. Die Sammellager sind Brutstätten der Kriminalität und Anlaufpunkte aller Arten von Banden, Da rannte ich ja als ausgewiesener Autonomer selbst bei Beamten des niedersächsischen LKA offene Türen ein mit der Forderung nach dezentraler Unterbringung.

    2) Ebenso macht es keinen Sinn die Leute bevorzugt in Vierteln einzuquartieren die schon soziale Brennpunkte sind. In Göttingen hatten wir sehr gute Erfahrungen gemacht mit zwei Sammelunterkünften im Ostviertel, wo die Professorenvillen stehen. Mit dem Resultat dass die akademische Elite ihre Fosterchildren zum Betutteln hatte. Tolle Integrationsmaßnahmen, die dran ansetzten.

    3) Geht es um Integration verhandelt die deutsche Politik nicht mit den Selbstorganisationen der Flüchtlinge und Migrantenund noch zu selten mit den Flüchtlingsräten, sondern mit Organisationen wie DITIB, die dann als stellvertetend für „die Muslime“ angesehen werden, Da wird dann das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Dass es sehr wohl eine ausdifferenzierte migrantische Zivilgesellschaft jenseits der Parallelgesellschaftsstrukturen gibt wird gar nicht zur Kenntnis genommen, erst recht nicht nutzbar gemacht.

  81. @Bersarin, die überwiegende Mehrheit der in Deutschland lebenden Muslime, etwa die typischen türkischen Arbeiterkinder, sind gleichgültige Muslime, so wie die meisten Nord- und Mitteldeutschen gleichgültige Christen sind. Ein Großteil der in Deutschland lebenden Iraner und Afghanen sind Atheisten von denen manche Marx zitieren können, ähnliches gilt für Kurden, die ansonsten Aleviten oder Yeziden sind. Und was die Hinwendung arabischsstämmiger Ghettokids zum Islamismus angeht – da wird es brandgefährlich, das spielt sich aber schon weitgehend außerhalb der regulären Moscheegemeinden ab.

  82. Beim deutschen Gangstarap hat die Öffentlichkeit lange alles nur für Provo und Stilmittel gehalten und übersehen, dass einige von denen, z.B. Bushido, tatsächlich Gangster SIND.

  83. @ che2001 u Bersarin u El Mocho
    RAP läuft unter Kunstfreiheit und trifft in den Redaktionen häufig auf einen offensiv liberalen Geist. Das ist aber ein Liberalismus, der sich über die Konsequenzen einer Dauerbeschallung von eher randständigen Figuren mit Grobianismen keine Vorstellung macht. Beiobachtet von einem mir persönlich bekannten deutschen Sozpäd: Rap-Parties enden im Chaos, – – – heavy metal parties sind sozial durchaus hochstehend (=zivilisiert). – – Wer hätte das gedacht?!

    DITIB wird auch von Hamed Abdel-Samad thematisiert – und von Seyran Ates usw. Für den Weichensteller Schäuble stellte sich die Sache glaub‘ ich so dar: Mit Ates und Özdemir haben wir keine Probleme – aber mit DITIB-Mitgliedern schon, also müssen wir an die ran – Stichwort: Einbinden (andere Ansicht über diese Vorgänge: Ködern).
    Was unbedingt anzustreben wäre: Dass in der deutschen Landessprache gepredigt wird in Deutschen Moscheen! – Das haben die Schweizer bereits umgesetzt mit gleich zwei wichtigen positiven Begleiterscheinungen: Die Geheimdienst und die Polizei können ihrer Aufgabe besser nachgehen, und der nötige Anpassungsdruck der Muslime wird in nützlicher Weise erhöht.

    – Die Sozialdaten der Muslime in CH sind immer noch weit unterdurchschnittlich verglichen mit fast allen anderen Gruppen, aber – – wichtig: Sie sind nicht katastrophal – und sie sind deutlich besser als in Deutschland – und sowieso als in France.

    CH ist ein gutes Beispiel.

  84. @che: Sehe ich ähnlich, was die Unterbringungen betrifft. Wozu solche Ghettoisierung führt, hat man bei der ersten Generation der „Gast“-Arbeiter gesehen. Was für ein Wahnsinn war das, diese Sache sich selbst zu überlassen.

    @Dieter Kief: Der Rap ist nochmal eine Sache für sich. Ich bin da kein Szene-Kenner, aber Provokation gehört halt auch mit zur Jugendkultur. Das muß man immer mit in Rechnung stellen. Insofern würde ich, obwohl diese Zeilen steindumm und diese beiden „Rapper“ hocharriviert sind und ihre Sub-Status lediglich vortäuschen, Marktmechanismen eben, diese ganze Sache gar nicht so hoch hängen. Dieser Echo-Diskurs, im wahrsten Sinne des Wortes, hat nur zur Verstärkung dieser Angelegenheit geführt. Hätte man das auslaufen lassen, wäre das morgen bereits vergessen. Was allemal besser wäre.

    Und wenn ich mir auf Flicks angucke, was in Ostritz für ein Dreck durch die BRD läuft, dann ist das allemal schlimmer als diese Textzeilen. (Bitte aufs Bild klicken und dann die Bildstrecke durchsehen.)

    2018.04.21 Ostritz Schild und Schwert Festival NPD  (88)
  85. Ich dachte an Clemens Setz, als ich die Fotos sah. Bzw. an Dennis Johnson. – Wer noch, der da zu ackern wüsste?

    Der Mossad wird sicher nix machen, dito PKK.

    Dieter Moor hat mal über solche Ostler was ganz Interessantes verfasst.

  86. Ja, harte Photos. Aber wie kommen Sie auf Setz? Ansonsten: Na, ich glaube nicht, daß das alles nur Ostler sind. Mal einfach die Nazi-Szene Dortmund recherchieren.

  87. Nach dem Anschlag von Hünxe bekamen Neonazis mal Hausbesuch von Genossen der PKK und der DFLP unter Vorzeigen der abgesägten Schrotflinte. Dieses gute Zureden half damals.

    Die Mossad-Nummer haben kurdische Freunde von mir mal durchgezogen indem sie ebenfalls Nazis an der Wohnungstür besorgten und sich als Shlomo und Moshe vorstellten und den Glatzen sagten der Mossad habe ein Auge auf sie geworfen. Hier ist der Erfolg nicht messbar, aber zumindest unmittelbar danach gab es keine Nazi-Übergriffe in der betreffenden Stadt.

  88. @ Bersarin wg. Warum Setz?

    Clemens J. Setz hat den Reality Checkpoint in cAMBRIDGE THEMATISIERT.
    Wikipedia erklärt kurz und bündig:

    There are four main theories as to the meaning of the name.

    It may mark the boundary between the central university area of Cambridge (referred to as the „reality bubble“) and the „real world“ of non-academic locals living beyond. One is warned to check one’s notions of reality before passing.[4] For students at Cambridge, who walk out to Mill Road across Parker’s piece for an evening in the „real world“, usually including a visit to one of Mill Road’s selection of pubs, the lamppost marks the end of the „reality holiday“ as they walk back to central Cambridge – back into „the bubble“.

    Also ich fände es interessant, wenn diese Szene jenseits des Reality Checkpoints einer heute so erforschte, wie Käfer-Jünger einst WWI. Oder wie der geniale Tom Wolfe, als er noch nicht ganz genial war, aber immerhin im weißen Anzug uterwegs richtung Genialität bei den Kalifornischen Hells Angels.

    Aber der andere Clemens wäre auch gut: Meyer: „Ein schwarzer Holländer aus Rotterdam mit einem zerschlagenen Gesicht in einer kleinen Bar in einer Stadt im Osten Deutschlands.“ Der „sah wie die Frau hinter der Bar in sein lädiertes Gesicht blickte, und lachte leise.“
    „Die Nacht, die Lichter“, S. 97

  89. Ja, das sind große, großartige Stellen bei Clemens Meyer. Lakonisch, knapp und es sagen diese Details alles. Oder zumindest vieles. (Bin ja, wie Sie sicherlich wissen,ein großer Clemens-Meyer, nun ja, in darf es hier wohl sagen: Fan.

  90. Das sind jedenfalls Stoffe, die für allzuviele jenseits ihres jeweiligen Reality-checkpoints liegen. – Irgendeiner packt’s vielleicht. Vielleicht auch nicht. (Ob Clemens Meyer das sein wird, darüber zu spekulieren bin ich zu wenig vertraut mit ihm und seinen Büchern, aber freuen würde mich das natürlich sehr).

  91. Clemens Meyer hat dazu, so schätze ich es ein, durchaus die poetische Kraft. Das Thema Prostitution hatte er bereits in seinem Roman „Im Stein“ literarisch verarbeitet. Von der literarischen Form, vom Stil und dem Erzählen her ganz anders als sein erster Roman „Als wir träumten“. Ein gelungener Wenderoman, der gut die Stimmung und jene Zeit in Leipzig beschrieb, als alles offen schine und doch bereits vorherbestimmt.

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