Ästhetizismus – Es liegen die Kindlein so weich im Strand

„Einmal wurde in meiner Gegenwart die Frage gestellt, worin der höchste Genuß der Liebe bestände. Jemand antwortete natürlich: im Empfangen – und ein anderer: in der Hingabe. – Jener sagte: Lust des Stolzes, – und dieser: Wollust der Erniedrigung! All diese Schmutzfinken sprachen wie die Nachfolge Christi. – Schließlich fand sich ein schamloser Utopist, der behauptete, die größte Lust der Liebe sei: dem Vaterland Bürger zu schenken.

Ich aber sage: die einzige und höchste Wollust der Liebe liegt in der Gewißheit, das Böse zu tun. Und Mann und Weib wissen von Geburt an, daß das Böse alle Wollust enthält.“
(Charles Baudelaire, Raketen)

„Jede Interpretation der politischen Bedeutung des Wortes ‚Volk‘ muß von der bemerkenswerten Tatsache ausgehen, daß es in den modernen europäischen Sprachen immer auch die Armen, Enterbeten und Ausgeschlossenen bezeichnet. Dasselbe Wort benennt mithin sowohl das konstitutive politische Subjekt als auch die Klasse, die, wenn nicht rechtlich, so doch faktisch, von der Politik ausgeschlossen ist.“
(G. Agamben, Homo sacer. Aus dem Kapitel: Das Lager als nómos der Moderne)

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Gleichsam: Die Schlafenden im Tal. Retardierdendes Moment, Rimbaud

Die Dialektik des Teufels

„Dicitur imago diaboli pulchra, quando bene representat foeditatem diaboli, et tunc foeda est.“
(Bonaventura, Sentenzen)
[Man nennt das Bild des Teufels schön, wenn es die Häßlichkeit des Teufels gut wiedergibt.]

Das Schöne lebt; selbst in einem Kunstwerk, das das Häßliche oder gar das schlechthin Böse zu seinem Inhalt hat, und selbst innerhalb einer Ästhetik des Häßlichen – sozusagen „Unter der Sonne Satans“. Die Bedeutung des Häßlichen und insbesondere der Gestalt des Luzifer bzw. der Satans besaß für den Dichter und ästhetischen Theoretiker Baudelaire eine hohe Bedeutung. Es ist der gefallene Lichtengel, der sich als Struktur einer aufkommenden Moderne erweist, zumindest dann, wenn man mit Baudelaire bzw. mit der Romantik die beginnende ästhetische Moderne (als Epochenbegriff) ansetzt. Licht, Enthüllung und Verhüllung in einem, Erscheinung im Modus der Vergänglichkeit. Es ist für Baudelaire nicht mehr die Natur das Paradies, sondern es sind die künstlichen Paradiese des Rausches, der Großstadt, die seinen Text konstituieren. Zufall, Flüchtigkeit, die Verwesung des Aases, eine Frau, die vorüberging und die der flüchtige Flaneur im Strömen der Masse niemals mehr wiedersehen wird. Das Erhabene, so schrieb es Benjamin, hätte bei einem Großstadtbewohner wie Baudelaire, der kaum noch die Sterne des Himmels wahrnahm, wohl niemals Antrieb für seinen Text geben können. Dieser Kategorie konnte nur von jenem Weisen aus Königsberg als zentraler Aspekt einer (Natur-)Ästhetik gesetzt werden. Trotzdem: auch Kants Theorie bleibt zentraler Bestandteil der ästhetischen Moderne

Der Moderne ist die Ästhetik des Häßlichen eingeschrieben. Der Postmoderne die vom gänzlichen Scheitern und vom Verschwinden der Kunst, so wie wir sie bisher kennen. Wie benötigen keine Kunstwerke mehr, ihre Zeit ist abgelaufen, sie gehören der bürgerlichen Epoche an. Wir brauchen keine neuen Bilder, keine neuen Romane, keine neuen Filme. Was wir benötigen, ist der Diskurs des ästhetischen Theoretikers, der die Bestände sichtet, dekonstruiert und anti-hermeneutisch neu zusammensetzt. Der Ästhetiker ist der neue Künstler, für das 21. Jahrhundert sind Schriftstellerinnen und Schriftsteller, Malerinnen und Maler überflüssig.

[Aber es ist ja nur das Bild des Teufels, das wir schön zu nennen pflegen, wenn es nach den Regeln der Kunst und das heißt comme il faut gemalt und präsentiert wird.]

Ein Aas. Und ein Blick auf den Sturm: Lauluftzone, Schirrmacher, Steinfeld

Zu meinem gestrigen Blog-Beitrag muß ich – fast unter Zwang – jenes Gedicht von Baudelaire nachreichen, denn es gehört unweigerlich zu meinem Spaziergang. Es paßt so gut, und das in vielfacher Hinsicht, in all den bewußten und unbewußten Konnotationen und Aufladungen. Mit Baudelaire beginnt die Klassische Moderne, der lyrische Gesang trifft nicht mehr die Götter Griechenlands, den Ister, die erhabenen, die kleinen, die feinen Gegenstände oder fertigt die Gestimmtheiten im stillen Winkel, sondern am Kadaver, am Abgelebten, an der toten Natur entzündet sich die Betrachtung und steigert sich verzückt auf zu den Assonanzen, den Allusionen und zu den Parallelen: Nature morte. Der Begriff der Natur bei Baudelaire ist einer der vollendeten Künstlichkeit. Baudelaire haßte die Natur. Es galten ihm lediglich die „künstlichen Paradise“ etwas. Und zugleich ist dieses Gedicht – Wesen der Klassischen Moderne – autoreferentiell, weil es ein Gedicht über die Dichtung selbst und ihre Verfahrensweise ist. „Die Formen ausgelöscht wie Träume und Legenden“ – das deutet auf mehr als nur das tote Tier –, ist Signum der Moderne, jener hektischen, wirren wilden Stadt, das Paris des 19. Jahrhunderts, in dem sich die Waren selbst in Passagen und Ladenfenstern zur Schau stellen. (Fetisch) Der Blick des Dichters fällt auf den Stoff, auf die Frau, auf das Tote, auf die abgelebte Natur. Die Liebe paart sich mit dem Geruch der Verwesung. Der Blick, unter dem alles zum Kadaver gerät. Zur (lebenden) Leiche. Die brennende Sonne, die das Tier versengt. „Die Sonne Satans“, wie der katholische Schriftsteller Georges Bernanos fast 70 Jahre nach den „Fleurs du Mal“ seinen ersten Roman nannte

Ein Aas

Denkst du daran, mein Lieb, was jenen Sommermorgen
Wir sahn im Sonnenschein?
Es war ein schändlich Aas, am Wegrand kaum geborgen
Auf Sand und Kieselstein.

Die Beine hochgestreckt nach Art lüsterner Frauen,
Von heißen Giften voll
Ließ es ganz ohne Scham und frech den Leib uns schauen,
Dem ekler Dunst entquoll.

Die Sonne brannte so auf dies verfaulte Leben,
Als koche sie es gar
Und wolle der Natur in hundert Teilen geben,
Was sie als eins gebar.

Der Himmel blickte still auf dies Gefaule nieder,
Wie er auf Blumen schaut.
So furchtbar war der Dunst, dir schauderten die Glieder
Von Ekel wild durchgraut.

Die Fliegen hörten wir summend das Aas umstreichen
Und sahn das schwarze Heer
Der Larven dichtgedrängt den faulen Leib beschleichen,
Wie ein dickflüssig Meer.

Und alles stieg und fiel aufsprudelnd, vorwärtsquellend
Nach Meereswogen Art,
Fast schien’s, als ob dem Leib, von fremdem Leben schwellend,
Tausendfach Leben ward.

Und seltsame Musik drang uns von da entgegen,
Wie Wind und Wasser singt,
Wie Korn, das in dem Sieb mit rhythmischem Bewegen
Die Hand des Landmanns schwingt.

Die Formen ausgelöscht wie Träume und Legenden,
Entwürfe stümperhaft,
Die halbverwischt die Hand des Künstlers muss vollenden
Aus der Erinnrung Kraft.

Und eine Hündin lief unruhig dort hinterm Steine,
Uns traf ihr böser Blick,
Erspähend den Moment, zu reissen vom Gebeine
Das aufgegebne Stück. –

Und doch wirst einstmals du dem grausen Schmutz hier gleichen,
Dem Kehricht ekelhaft,
Du meiner Augen Licht, du Sonne ohnegleichen,
Stern meiner Leidenschaft.

Ja, so wirst du dereinst, o Königin der Güte,
Nach letzter Ölung sein,
Wenn du verwesend liegst tief unter Gras und Blüte
Bei schimmelndem Gebein.

Dann, Schönheit, sag‘ dem Wurm, der dich zerfleischt mit Küssen,
Wie treu ich sie gewahrt
Die Göttlichkeit des Wesens, das zersetzt, zerrissen
Von meiner Liebe ward.

So geht’s mit der Liebe, die zu heftig züngelt, lodert oder brennt. Wesentlich ist aber die Form, die Sprache: eben der Text, der als Unhintergehbares besteht.

Friedhelm Kemp übersetzt die letzte Strophe so: „Dann, oh meine Schönste! Sag dem Gewürm, das küssend dich verspeisen wird, daß ich die Form, den göttlichen Gehalt bewahrte meiner Liebe, die in Dir zerfällt.“

Was aber bleibt, stiftet nicht die Liebe, sondern die Dichter. So sagt man.

Doch Moderne hin, Moderne her. Zugleich bin ich ein Quotenfixierter, ich schiele auf die Zugriffsrate wie der Junkie nach seinem Dealer mit dem Stoff. Die läßt sich mit Lyrik nicht machen. Vor einer Woche zweifelte ich, ob ich noch mag, nun schreibe ich weiter, fertige die Texte und Essays, von meiner Eitelkeit getrieben. Und deshalb muß ich heute, hier und passend auch zu dieser Überschrift – den Schwenk habe ich über das Aas, die verwesende Leiche, sozusagen skandinavisch gut hinbekommen –, die Namen Thomas Steinfeld, Frank Schirrmacher, FAZ, Der Sturm, Süddeutsche Zeitung, Fischer Verlag, Per Johansson in einem Zuge nennen. Die Hintergründe sind bekannt. Ein „Skandal“, der im Grunde keiner ist. Die einen erregt’s, die anderen läßt’s kalt und wieder andere empören sich. Kaprizierten sich Leserin und Leser mehr auf den Text als solchen und vergäßen diese Spielchen und Kindereien des „Wer hat’s geschrieben?“, könnten solche Mißverständnisse und Selbstbezüglichkeiten des deutschen Feuilletonbetriebes kaum geschehen. Entweder der Krimi ist gut oder er ist es nicht. Ob der zerfetzte Tote nun Ähnlichkeiten mit Schirrmacher, Bersarin oder sonstwem hat, scheint mir eher drittrangig. Warum in aller Welt muß immerfort dieser nervige Textpositivismus betrieben werden? Wer diesen Krimi geschrieben hat, ist für die Lektüre des Krimis ohne jede Bedeutung. Schlimmer als dieses Who is who freilich ist diese Erregungshocherhitzung, in der das Feuilleton sich schwanzreiberisch mit sich selber beschäftigt. Als ob dieser Tratsch und Klatsch, die Intrige nicht schon genug auf den diversen Partys, den rauschenden Festen der Branche, auf den Vernissagen, bei den Premiereabenden der Staatstheater und -opern oder bei der Buchmesse gepflegt würden. Georg Seeßlen unterbreitete in der taz diesen Vorschlag: „Schafft das Feuilleton ab!“ Keine schlechte Idee.

Fashion Week in Berlin

Der Titel sei auf Englisch zu lesen, oder besser noch: Auf Amerikanisch! Angesichts dessen, daß wir uns in der tollen Stadt Berlin befinden, wo es Musik und Trends hinzieht, und wo die Modewoche mit „Fashion Week Berlin“ sowie „Bread and Butter“ (Flughafen Tempelhof) ihren Höhepunkt erreicht, ich allerdings zu dünne Models, aber auch schlecht gekleidete Menschen häufig nicht leiden mag, und vor allem deshalb, weil dieser Blog stilbildend unter den Menschen wirken möchte, zeige ich heute Modetrends aus den USA. Wie immer sind dieses Land und seine Menschen ihrer Zeit weit voraus und zu Erstaunlichem fähig. So wie hier zum Beispiel:

Seien Sie stark und tapfer, nehmen Sie sich die Zeit und hören Sie bis zum Ende. Schauen Sie auf das Publikum und auf die Protagonisten! Wichtig ist es dabei, sich beim Betrachten des Videos von den Bildern inspirieren zu lassen. Keine Band der Welt wirkte derart auf die Welt der Mode. Danach ab in die Schönhauser, nach Mitte oder Kreuzberg in die einschlägigen Geschäfte. Lebst Du noch oder kleidest Du dich schon?

Aber lassen wir zum Schluß ein wenig Baudelaire sprechen, damit durch das Video kein Unbehagen oder schaler Nachgeschmack verbleibt:

„Das Schöne besteht aus einem ewigen, unveränderlichen Element, dessen Anteil außerordentlich schwierig zu bestimmten ist, und einem relativen, von den Umständen abhängigen Element, das, wenn man so will, eins ums andere oder insgesamt, die Epoche, die Mode, die Moral, der Leidenschaft sein wird. Ohne dieses zweite Element, das wie der unterhaltende, den Gaumen kitzelnde und die Speiselust reizende Überzug des göttlichen Kuchens ist, wäre das erste Element unverdaulich, unbestimmbar, der menschlichen Natur unangepaßt und unangemessen. Ich bezweifle, daß sich irgendein Probestück des Schönen auffinden läßt, das nicht diese beiden Elemente enthält.“ (Baudelaire, Der Maler des modernen Lebens, in: Sämtliche Werke, Bd. 5, S. 215)

Die Mode muß deshalb als ein Zeichen für das Streben nach dem Ideal gelten, das im menschlichen Gehirn alles überdauert, was das natürliche Leben dort an Grobem, Irdischem und Schmutzi­gem anhäuft, als eine erhabene Deformation der Natur, oder viel­mehr als ein dauernder und wiederholter Versuch, die Natur zu­rechtzubringen. So hat man denn auch verständlicherweise darauf hingewiesen (ohne den Grund dafür zu entdecken), daß alle Mo­den reizvoll sind, das heißt relativ reizvoll, jede als eine mehr oder minder gelungene erneute Anstrengung auf das Schöne hin, eine jeweilige Annäherung an ein Ideal, dem nachzutrachten den unbe­friedigten menschlichen Geist ein unaufhörlicher Kitzel treibt. Doch man soll die Moden, wenn man sie recht genießen will, nicht wie abgestorbene Dinge betrachten; ebensogut könnte man den Kleiderplunder bewundern, der schlaff und reglos wie die Haut des heiligen Bartholomäus beim Trödler im Schrank hängt. Man muß sie sich verlebendigt vorstellen, zum Leben erweckt durch die schönen Frauen, die sie einmal trugen. Nur dann wird man begrei­fen, wozu sie dienten und was sie bedeuteten. Sollte demnach der Aphorismus: Alle Moden sind reizvoll, in seiner Unbedingtheit Widerspruch erregen, so sage man, und man wird sicher sein dür­fen, sich nicht zu täuschen: Alle Moden waren berechtigterweise einmal bezaubernd. (dgl. S. 249)

„Die besondere Schönheit des Dandy liegt vor allem in dem Ausdruck der Kälte, der dem unerschütterlichen Entschluß entstammt, sich nicht rühren zu lassen; als glimme da ein Feuer, das sich höchstens andeutet, das zwar auflodern könnte, sich dessen jedoch enthält.“ (dgl. S. 245)

In einem etwas anderen Zusammenhang als dem der Mode, nämlich in bezug auf einen Begriff von „zeitloser Wahrheit“ und dessen Kritik schreibt Walter Benjamin in seinem „Passagenwerk“:

„… daß das Ewige jedenfalls eher eine Rüsche am Kleid ist als eine Idee.“ (GS V, S. 578)