Daily Diary (71) – Zeitraum, Poetik des Datums als Einschrift und Text in Licht

„Und gleichwohl, Herr, nehmen wir Zeiträume wahr und vergleichen sie miteinander und sprechen von längeren und kürzeren. Wir messen auch, um wieviel diese Zeitspanne länger oder kürzer ist als jene, und sagen, sie sei doppelt so lang oder dreimal so lang im Vergleich zu dieser einfachen, oder sie sei ebenso lang wie diese. Aber wir messen die Zeiten nur in ihrem Vorübergehen, wenn wir eben wahrnehmend sie messen; dagegen die Vergangenheit, die nicht mehr ‚ist‘ oder oder die Zukunft, die noch nicht ‚ist‘, wer kann die messen? Keiner, er wagte denn zu sagen, er könne messen, was gar nicht ist. Dann also, wenn die Zeit vorüberzieht, ist es möglich, sie wahrzunehmen und zu messen; ist sie schon vorüber, so kann man das nicht, weil sie nicht, weil sie dann nicht mehr ist.“
(Augustinus von Hippo, Confessiones)

Inwiefern, inwieweit und in welcher Weise Zeit vergeht, läßt auch in der Photographie bis hinein in die (digitalen) Metadaten eines Bildes sich ablesen, in denen die exakte Uhrzeit der Aufnahme eincodiert ist; und es zeigt Zeit sich noch in der Numerierung der Bilder, in den Ziffern, die in der numerierten Bildserie aufeinanderfolgen, sie vergegenwärtigt sich in den Photographien, die nicht gezeigt werden, die verborgen und ausgespart bleiben, die abwesend sind und gelöscht wurden, deren Ziffern nicht mehr vorhanden sind. Allerdings fixiert Zeit sich in solcher Sicht lediglich in einer Weise kruder Faktizität. Der Überschuß einer Photographie, ihr Subjektives, ihr Gebrauchswert, ihre uneingestandenen Konnotationen samt ihrer Kontingenz bleiben verborgen. Das, was sich hinter dem empirischen Datum als einem Hier und Jetzt der Sekunde, die im Digitalen oder in einer Art von Lichttext festgehalten wurde, verbirgt, das entzieht sich zugleich mit Notwendigkeit – auch in der Logik der Photographie selbst, wie wir unten anhand eines Zitates von Roland Barthes sehen werden. Es entsteht (vermittels der Reflexion über Photographien) ein Art von Date Painting, wie bei On Kawara, wo in einer Black Box sich der Inhalt eines Datums entzieht, verbirgt und zugleich über das kontemplative Moment bewahrt.

Während aber diese Kontemplative bei On Kawara eher konzeptuell bleibt, geschieht in der Photographie zugleich etwas ganz anderes: das Datum knüpft sich an das Bild und verschwindet zugleich darin. Beide Verfahren heften sich zwar – einerseits – an die Subjektivität des Künstlers bzw. des Photographen, der einen Augenblick (und bei Kawara zugleich die Dauer der Zeit, auch im Ortswechsel) festhielt, weil er sich zu einem bestimmten Datum an einem bestimmten Ort befand. (On Kawara sammelt in diesen Datums-Boxen die Titelseite einer Zeitung, die an genau diesem in Ziffern und Buchstaben festgehaltenen Tag erschienen ist.) Andererseits löst sich jedes Bild – triviale Erkenntnis – von seinem Anlaß. Die Subjektivität einer Photographie vermittelt sich (für die anderen, für die Betrachter ohne das Kontextwissen) nirgends. Es bleibt ihr jene Spur, jenes Nichtidentische. Das weist einerseits auf die Fragilität der Subjektivität und zeigt zugleich, daß sie im Diskurs und in der Ästhetik eben nur ein flüchtiges Moment und doch in Resistenz bleiben muß. Hier sind wir Ästhetiker des Antisubjektivismus ganz und gar bei Hegel. Das Subjekt ist nicht durchzustreichen oder unwesentlich, aber es bleibt in dieser Diktion nicht das Erste, und es terminiert der Gang nicht und regrediert in die Subjektivität der Empfindungstexte. Wenngleich diese – sofern sie tricky und klug gemacht sind – durchaus ihr Recht besitzen, was sich z. B. an der Lektüre von Roland Barthes „Die helle Kammer“ zeigt.

Einmaligkeit und Wiederholung in eine Spur bringen, das Sichtbare und das Unsichtbare vermitteln, ohne daß es am Ende jedoch aufgeht: wir folgen in diesem Text einem Diskurs um das Wesen von Subjektivität, die zugleich in ihrem Nichtidentischen nie vollständig sich vermitteln oder in einer Präsenz sich repräsentieren läßt. Die Subjektivität verweist immer auf das Abwesende, aufs Andere:

„Zunächst fand ich folgendes: was die PHOTOGRAPHIE endlos reproduziert, hat nur einmal stattgefunden: sie wiederholt mechanisch, was sich existentiell nie mehr wird wiederholen können. In ihr weist das Ergebnis niemals über sich selbst hinaus auf etwas anderes: sie führt immer wieder den Korpus, dessen ich bedarf, auf den Körper zurück, den ich sehe; sie ist das absolute BESONDERE, die unbeschränkte, blinde und gleichsam unbedarfte KONTINGENZ, sie ist das BESTIMMTE (eine bestimmte Photographie, nicht die Photographie), kurz, die TYCHE, der ZUFALL, das ZUSAMMENTREFFEN, das WIRKLICHE in seinem unerschöpflichen Ausdruck.“
(Roland Barthes, Die helle Kammer)

 

13_06_21_LX_7_8803

 
13_06_21_LX_7_8855
 
13_06_21_LX_7_8865

 
13_06_21_LX_7_8892
 

13_06_21_LX_7_8902

 
13_06_21_LX_7_8908

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
Dieser Beitrag wurde unter Ästhetische Theorie, Daily Diary, Datumsgrenzen abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Daily Diary (71) – Zeitraum, Poetik des Datums als Einschrift und Text in Licht

  1. apocalypse 2012 moon god schreibt:

    Reinhart Koselleck wies schon 1971 („Wozu noch Geschichte?“) nach, dass „die Geschichte“ ein totalitäres Konstrukt („Weltgeschichte“) im Zuge der Aufklärung war, an die bis heute alle abendländische verschulte Menschen glauben. Stattdessen gab es vor dem 18. Jh. nur „Geschichten“ (so wie heute noch bei den Jäger-und-Sammlern, den einzigen intelligenten Menschen auf diesem agrarischen Planeten).
    Heute ist „Geschichte“ (auch als Unterrichtsfach) praktisch nur noch ein Terrorinstrument, um all jene Leute fertig zu machen, die (angeblich!) keine — oder aber die „falschen“ — Geschichten haben…
    Dies ist „unsere“ Geschichte in 10 Sekunden: Sesshaftigkeit => Kain ermordet Abel (Jäger-und-Sammler) => Juden (Mörder wie Moses, David, etc.) => Christen => Muslime (inkl. Talibans) => Protestanten => Kapitalisten & Banker => Kommunisten-Marxisten => Nationalsozialisten => Hollywood => Atombomben (Teller, Oppenheimer, Kim Jong Un) => Neonazis etc.
    Wann hört endlich dieser wahnsinnige beschnitten-traumatisierte Blödsinn überall auf???

    Das Komplexeste, was die Natur je hervorgebracht hat, sind jagende Schamanen…

    Und diese sind schon längst unterwegs (auch in der Türkei als altanatolischer Mondgott…): youtube.com/watch?v=XlbCP92XMEM

  2. Bersarin schreibt:

    Das Unterkomplexeste im Denken und Analysieren, was die Natur je hervorbrachte, ist apocalypse 2012 moon god.

    Gibt es eigentlich die Irren gerade wegen oder trotz des Internet?, so frage ich mich immer wieder. Danke aber für die jagenden Schamanen, das trug sehr zu meiner Erheiterung bei. Was kommt als nächstes? Joggende Yogis, brummende Brahmanen? Oder einfach nur Apocalypse 2013: der trottelige Thalamus?

    Ansonsten wünsche ich Dir viel Spaß bei Deinen Regressionen. Aber lebe die bitte in einem anderen Blog aus. Nicht hier. In diesem Sinne: Auf nimmer Wiedersehen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s