Geschichten in den Rauhnächten

Nicht immer mag der Hausherr des Grandhotel Abgrund eine eigene Geschichte erzählen. Für die schöne, seltsame, besinnliche Zeit zwischen den Jahren oder wie man sie auch nennt, bis zum 6. Januar, die Tage, die Rauhnächte, da wo es einen Tick stiller wird und wo die Geschichten, die wir nachts träumen bedeutungsvoll geraten, weil diese Träume einen Blick ins neue Jahr tun – für diese Tage also gibt es feine Erzählungen. Solche über Hybris, Wunsch und Begehren etwa und was geschieht, wenn Wünsche zur Realität gelangen. Diesmal ein schönes Märchen, keine Flaneurgeschichten aus dreckigen Großstädten mit ihren verwilderten Parks, am Rande der unbewohnten, toten Zonen. In der Ein-Mann-Kaserne des Ästhetischen gibt es eine Vielzahl an Fabel und Geschichten aus anderen Zeiten. Traumzeiten, Traumpfade. Waldwege. Und vom Verlust des Schönen.

Der Tannenbaum

Von Hans Christian Andersen

Draußen im Walde stand ein niedlicher, kleiner Tannenbaum; er hatte einen guten Platz, Sonne konnte er bekommen, Luft war genug da, und ringsumher wuchsen viel größere Kameraden, sowohl Tannen als Fichten.

Aber dem kleinen Tannenbaum schien nichts so wichtig wie das Wachsen; er achtete nicht der warmen Sonne und der frischen Luft, er kümmerte sich nicht um die Bauernkinder, die da gingen und plauderten, wenn sie herausgekommen waren, um Erdbeeren und Himbeeren zu sammeln. Oft kamen sie mit einem ganzen Topf voll oder hatten Erdbeeren auf einen Strohhalm gezogen, dann setzten sie sich neben den kleinen Tannenbaum und sagten: „Wie niedlich klein ist der!“ Das mochte der Baum gar nicht hören.

Im folgenden Jahre war er ein langes Glied größer, und das Jahr darauf war er um noch eins länger, denn bei den Tannenbäumen kann man immer an den vielen Gliedern, die sie haben, sehen, wie viele Jahre sie gewachsen sind. „Oh, wäre ich doch so ein großer Baum wie die andern!“ seufzte das kleine Bäumchen. „Dann könnte ich meine Zweige so weit umher ausbreiten und mit der Krone in die Welt hinausblicken! Die Vögel würden dann Nester zwischen meinen Zweigen bauen, und wenn der Wind weht, könnte ich so vornehm nicken, gerade wie die andern dort!“

Er hatte gar keine Freude am Sonnenschein, an den Vögeln und den roten Wolken, die morgens und abends über ihn hinsegelten. War es nun Winter und der Schnee lag ringsumher funkelnd weiß, so kam häufig ein Hase angesprungen und setzte gerade über den kleinen Baum weg. Oh, das war ärgerlich! Aber zwei Winter vergingen, und im dritten war das Bäumchen so groß, daß der Hase um es herumlaufen mußte. „Oh, wachsen, wachsen, groß und alt werden, das ist doch das einzige Schöne in dieser Welt!“ dachte der Baum.

Im Herbst kamen immer Holzhauer und fällten einige der größten Bäume; das geschah jedes Jahr, und dem jungen Tannenbaum, der nun ganz gut gewachsen war, schauderte dabei; denn die großen, prächtigen Bäume fielen mit Knacken und Krachen zur Erde, die Zweige wurden abgehauen, die Bäume sahen ganz nackt, lang und schmal aus; sie waren fast nicht zu erkennen. Aber dann wurden sie auf Wagen gelegt, und Pferde zogen sie davon, aus dem Walde hinaus. Wohin sollten sie? Was stand ihnen bevor?

Im Frühjahr, als die Schwalben und Störche kamen, fragte sie der Baum: „Wißt ihr nicht, wohin sie geführt wurden? Seid ihr ihnen begegnet?“ Die Schwalben wußten nichts, aber der Storch sah nachdenkend aus, nickte mit dem Kopfe und sagte: „Ja, ich glaube wohl; mir begegneten viele neue Schiffe, als ich aus Ägypten flog; auf den Schiffen waren prächtige Mastbäume; ich darf annehmen, daß sie es waren, sie hatten Tannengeruch; ich kann vielmals von ihnen grüßen, sie sind schön und stolz!“

„Oh, wäre ich doch auch groß genug, um über das Meer hinfahren zu können! Was ist das eigentlich, dieses Meer, und wie sieht es aus?“ „Ja, das ist viel zu weitläufig zu erklären!“ sagte der Storch, und damit ging er. „Freue dich deiner Jugend!“ sagten die Sonnenstrahlen; „freue dich deines frischen Wachstums, des jungen Lebens, das in dir ist!“ Und der Wind küßte den Baum, und der Tau weinte Tränen über ihn, aber das verstand der Tannenbaum nicht.

Wenn es gegen die Weihnachtszeit war, wurden ganz junge Bäume gefällt, Bäume, die oft nicht einmal so groß oder gleichen Alters mit diesem Tannenbäume waren, der weder Rast noch Ruhe hatte, sondern immer davon wollte; diese jungen Bäume, und es waren gerade die allerschönsten, behielten immer alle ihre Zweige; sie wurden auf Wagen gelegt, und Pferde zogen sie zum Walde hinaus. „Wohin sollen diese?“ fragte der Tannenbaum. „Sie sind nicht größer als ich, einer ist sogar viel kleiner; weswegen behalten sie alle ihre Zweige? Wohin fahren sie?“

„Das wissen wir! Das wissen wir!“ zwitscherten die Meisen. „Unten in der Stadt haben wir in die Fenster gesehen! Wir wissen, wohin sie fahren! Oh, sie gelangen zur größten Pracht und Herrlichkeit, die man sich denken kann! Wir haben in die Fenster gesehen und erblickt, daß sie mitten in der warmen Stube aufgepflanzt und mit den schönsten Sachen, vergoldeten Äpfeln, Honigkuchen, Spielzeug, und vielen hundert Lichtern geschmückt werden.“

„Und dann?“ fragte der Tannenbaum und bebte in allen Zweigen. „Und dann? Was geschieht dann?“ „Ja, mehr haben wir nicht gesehen! Das war unvergleichlich schön!“ „Ob ich wohl bestimmt bin, diesen strahlenden Weg zu betreten?“ jubelte der Tannenbaum. Das ist noch besser als über das Meer zu ziehen! Wie leide ich an Sehnsucht! Wäre es doch Weihnachten! Nun bin ich hoch und entfaltet wie die andern, die im vorigen Jahre davongeführt wurden! Oh, wäre ich erst auf dem Wagen, wäre ich doch in der warmen Stube mit all der Pracht und Herrlichkeit!

Und dann? ja, dann kommt noch etwas Besseres, noch Schöneres, warum würden sie mich sonst so schmücken? Es muß noch etwas Größeres, Herrlicheres kommen! Aber was? Oh, ich leide, ich sehne mich, ich weiß selbst nicht, wie mir ist!“

„Freue dich unser!“ sagten die Luft und das Sonnenlicht; „freue dich deiner frischen Jugend im Freien!“ Aber er freute sich durchaus nicht; er wuchs und wuchs, Winter und Sommer stand er grün; dunkelgrün stand er da, die Leute, die ihn sahen, sagten: „Das ist ein schöner Baum!“ und zur Weihnachtszeit wurde er von allen zuerst gefällt. Die Axt hieb tief durch das Mark; der Baum fiel mit einem Seufzer zu Boden, er fühlte einen Schmerz, eine Ohnmacht, er konnte gar nicht an irgendein Glück denken, er war betrübt, von der Heimat scheiden zu müssen, von dem Flecke, auf dem er emporgeschossen war; er wußte ja, daß er die lieben, alten Kameraden, die kleinen Büsche und Blumen ringsumher nie mehr sehen werde, ja vielleicht nicht einmal die Vögel.

Die Abreise hatte durchaus nichts Behagliches. Der Baum kam erst wieder zu sich selbst, als er im Hofe mit andern Bäumen abgeladen wurde und einen Mann sagen hörte: „Dieser hier ist prächtig! Wir wollen nur den!“ Nun kamen zwei Diener im vollen Staat und trugen den Tannenbaum in einen großen, schönen Saal. Ringsherum an den Wänden hingen Bilder, und bei dem großen Kachelofen standen große chinesische Vasen mit Löwen auf den Deckeln; da waren Wiegestühle, seidene Sofas, große Tische voll von Bilderbüchern und Spielzeug für hundertmal hundert Taler; wenigstens sagten das die Kinder. Der Tannenbaum wurde in ein großes, mit Sand gefälltes Faß gestellt, aber niemand konnte sehen, daß es ein Faß war, denn es wurde rundherum mit grünem Zeug behängt und stand auf einem großen, bunten Teppich. oh, wie der Baum bebte! Was würde da wohl vorgehen?

Sowohl die Diener als die Fräulein schmückten ihn. An einen Zweig hängten sie kleine, aus farbigem Papier ausgeschnittene Netze, und jedes Netz war mit Zuckerwerk gefüllt. Vergoldete Apfel und Walnüsse hingen herab, als wären sie festgewachsen, und über hundert rote, blaue und weiße kleine Lichter wurden in den Zweigen festgesteckt. Puppen, die leibhaft wie die Menschen aussahen – der Baum hatte früher nie solche gesehen -, schwebten im Grünen, und hoch oben in der Spitze wurde ein Stern von Flittergold befestigt. Das war prächtig, ganz außerordentlich prächtig! „Heute abend“, sagten alle, „heute abend wird er strahlen!“ und sie waren außer sich vor Freude. „Oh“ dachte der Baum, „wäre es doch Abend! Würden nur die Lichter bald angezündet! Und was dann wohl geschieht? Ob da wohl Bäume aus dem Walde kommen, mich zu sehen? Ob die Meisen gegen die Fensterscheiben fliegen? Ob ich hier festwachse und Winter und Sommer geschmückt stehen werde?“ Ja, er wußte gut Bescheid; aber er hatte ordentlich Borkenschmerzen vor lauter Sehnsucht, und Borkenschmerzen sind für einen Baum ebenso schlimm wie Kopfschmerzen für uns andere.

Nun wurden die Lichter angezündet. Welcher Glanz, welche Pracht! Der Baum bebte in allen Zweigen dabei, so daß eins der Lichter das Grüne anbrannte; es sengte ordentlich. „Gott bewahre uns!“ schrien die Fräulein und löschten es hastig aus. Nun durfte der Baum nicht einmal beben. Oh, das war ein Grauen! Ihm war bange, etwas von seinem Staate zu verlieren; er war ganz betäubt von all dem Glanze. Da gingen beide Flügeltüren auf, und eine Menge Kinder stürzte herein, als wollten sie den ganzen Baum umwerfen, die älteren Leute kamen bedächtig nach; die Kleinen standen ganz stumm, aber nur einen Augenblick, dann jubelten sie wieder, daß es laut schallte; sie tanzten um den Baum herum, und ein Geschenk nach dem andern wurde abgepflückt und verteilt. „Was machen sie?“ dachte der Baum. Was soll geschehen?“

Die Lichter brannten gerade bis auf die Zweige herunter, und je nachdem sie niederbrannten, wurden sie ausgelöscht, und dann erhielten die Kinder die Erlaubnis, den Baum zu plündern. Sie stürzten auf ihn zu, daß es in allen Zweigen knackte; wäre er nicht mit der Spitze und mit dem Goldstern an der Decke festgemacht gewesen, so wäre er umgefallen. Die Kinder tanzten mit ihrem prächtigen Spielzeug herum, niemand sah nach dem Baume, ausgenommen das alte Kindermädchen, das zwischen die Zweige blickte; aber es geschah nur, um zu sehen, ob nicht noch eine Feige oder ein Apfel vergessen sei.

„Eine Geschichte, eine Geschichte!“ riefen die Kinder und zogen einen kleinen, dicken Mann gegen den Baum hin, und er setzte sich gerade unter ihn, „denn so sind wir im Grünen“, sagte er, „und der Baum kann besonders Nutzen davon haben, zuzuhören! Aber ich erzähle nur eine Geschichte. Wollt ihr die von Ivede- Avede oder die von Klumpe-Dumpe hören, der die Treppen hinunterfiel und doch erhöht wurde und die Prinzessin bekam?“ „lvede-Avede!“ schrien einige, „Klumpe-Dumpe!“ schrien andere. Das war ein Rufen! Nur der Tannenbaum schwieg ganz still und dachte: Komme ich gar nicht mit, werde ich nichts dabei zu tun haben?“ Er hatte ja geleistet, was er sollte. Der Mann erzählte von Klumpe-Dumpe, der die Treppen hinunterfiel und doch erhöht wurde und die Prinzessin bekam. Und die Kinder klatschten in die Hände und riefen: „Erzähle, erzähle!“ Sie wollten auch die Geschichte von Ivede-Avede hören, aber sie bekamen nur die von Klumpe-Dumpe. Der Tannenbaum stand ganz stumm und gedankenvoll, nie hatten die Vögel im Walde dergleichen erzählt.

Klumpe-Dumpe fiel die Treppen hinunter und bekam doch die Prinzessin! Ja, ja, so geht es in der Welt zu!“ dachte der Tannenbaum und glaubte, daß es wahr sei, weil ein so netter Mann es erzählt hatte. „Ja, ja! Vielleicht falle ich auch die Treppe hinunter und bekomme eine Prinzessin!“ Und er freute sich, den nächsten Tag wieder mit Lichtern und Spielzeug, Gold und Früchten und dem Stern von Flittergold aufgeputzt zu werden. „Morgen werde ich nicht zittern!“ dachte er. ich will mich recht aller meiner Herrlichkeit freuen. Morgen werde ich wieder die Geschichte von Klumpe-Dumpe und vielleicht auch die von Ivede-Avede hören.“ Und der Baum stand die ganze Nacht still und gedankenvoll.

Am Morgen kamen die Diener und das Mädchen herein. „Nun beginnt der Staat aufs neue!“ dachte der Baum; aber sie schleppten ihn zum Zimmer hinaus, die Treppe hinauf, auf den Boden und stellten ihn in einen dunklen Winkel, wohin kein Tageslicht schien. „Was soll das bedeuten?“ dachte der Baum. „Was soll ich hier wohl machen? Was mag ich hier wohl hören sollen?“ Er lehnte sich gegen die Mauer und dachte und dachte. Und er hatte Zeit genug, denn es vergingen Tage und Nächte; niemand kam herauf, und als endlich jemand kam, so geschah es, um einige große Kasten in den Winkel zu stellen; der Baum stand ganz versteckt, man mußte glauben, daß er ganz vergessen war.

„Nun ist es Winter draußen!“ dachte der Baum. Die Erde ist hart und mit Schnee bedeckt, die Menschen können mich nicht pflanzen; deshalb soll ich wohl bis zum Frühjahr hier im Schutz stehen! Wie wohlbedacht ist das! Wie die Menschen doch so gut sind! Wäre es hier nur nicht so dunkel und schrecklich einsam! Nicht einmal ein kleiner Hase! Das war doch niedlich da draußen im Walde, wenn der Schnee lag und der Hase vorbeisprang, ja selbst als er über mich hinwegsprang; aber damals mochte ich es nicht leiden. Hier oben ist es doch schrecklich einsam!“

„Piep, piep!“ sagte da eine kleine Maus und huschte hervor; und dann kam noch eine kleine. Sie beschnüffelten den Tannenbaum, und dann schlüpften sie zwischen seine Zweige. „Es ist eine greuliche Kälte!“ sagten die kleinen Mäuse. „Sonst ist hier gut sein; nicht wahr, du alter Tannenbaum?“ „Ich bin gar nicht alt!“ sagte der Tannenbaum; „es gibt viele, die weit älter sind denn ich!“ „Woher kommst du?“ fragten die Mäuse, „und was weißt du?“ Sie waren gewaltig neugierig. „Erzähle uns doch von den schönsten Orten auf Erden! Bist du dort gewesen? Bist du in der Speisekammer gewesen, wo Käse auf den Brettern liegen und Schinken unter der Decke hängen, wo man auf Talglicht tanzt, mager hineingeht und fett herauskommt?“

„Das kenne ich nicht“, sagte der Baum; „aber den Wald kenne ich, wo die Sonne scheint und die Vögel singen!“ Und dann erzählte er alles aus seiner Jugend. Die kleinen Mäuse hatten früher nie dergleichen gehört, sie horchten auf und sagten: „Wieviel du gesehen hast! Wie glücklich du gewesen bist!“

„Ich?“ sagte der Tannenbaum und dachte über das, was er selbst erzählte, nach. „Ja, es waren im Grunde ganz fröhliche Zeiten!“ Aber dann erzählte er vom Weihnachtsabend, wo er mit Zuckerwerk und Lichtern geschmückt war. „Oh“, sagten die kleinen Mäuse, „wie glücklich du gewesen bist, du alter Tannenbaum!“ „Ich bin gar nicht alt!“ sagte der Baum; „erst in diesem Winter bin ich aus dem Walde gekommen! Ich bin in meinem allerbesten Alter, ich bin nur so aufgeschossen.“ „Wie schön du erzählst!“ sagten die kleinen Mäuse, und in der nächsten Nacht kamen sie mit vier anderen kleinen Mäusen, die den Baum erzählen hören sollten, und je mehr er erzählte, desto deutlicher erinnerte er sich selbst an alles und dachte: Es waren doch ganz fröhliche Zeiten! Aber sie können wiederkommen, können wiederkommen! Klumpe-Dumpe fiel die Treppe hinunter und bekam doch die Prinzessin; vielleicht kann ich auch eine Prinzessin bekommen.“ Und dann dachte der Tannenbaum an eine kleine, niedliche Birke, die draußen im Walde wuchs; das war für den Tannenbaum eine wirkliche, schöne Prinzessin. „Wer ist Klumpe-Dumpe?“ fragten die kleinen Mäuse. Da erzählte der Tannenbaum das ganze Märchen, er konnte sich jedes einzelnen Wortes entsinnen; die kleinen Mäuse sprangen aus reiner Freude bis an die Spitze des Baumes. In der folgenden Nacht kamen weit mehr Mäuse und am Sonntage sogar zwei Ratten, aber die meinten, die Geschichte sei nicht hübsch, und das betrübte die kleinen Mäuse, denn nun hielten sie auch weniger davon.

„Wissen Sie nur die eine Geschichte?“ fragten die Ratten. „Nur die eine“, antwortete der Baum; „die hörte ich an meinem glücklichsten Abend, aber damals dachte ich nicht daran, wie glücklich ich war.“ „Das ist eine höchst jämmerliche Geschichte! Kennen Sie keine von Speck und Talglicht? Keine Speisekammergeschichte?“

„Nein!“ sagte der Baum.“ „Ja, dann danken wir dafür!“ erwiderten die Ratten und gingen zu den Ihrigen zurück. Die kleinen Mäuse blieben zuletzt auch weg, und da seufzte der Baum: „Es war doch ganz hübsch, als sie um mich herumsaßen, die beweglichen kleinen Mäuse, und zuhörten, wie ich erzählte! Nun ist auch das vorbei! Aber ich werde gerne daran denken, wenn ich wieder hervorgenommen werde.“Aber wann geschah das? Ja, es war eines Morgens, da kamen Leute und wirtschafteten auf dem Boden; die Kasten wurden weggesetzt, der Baum wurde hervorgezogen; sie warfen ihn freilich ziemlich hart gegen den Fußboden, aber ein Diener schleppte ihn gleich nach der Treppe hin, wo der Tag leuchtete. „Nun beginnt das Leben wieder!“ dachte der Baum; er fühlte die frische Luft, die ersten Sonnenstrahlen, und nun war er draußen im Hofe. Alles ging geschwind, der Baum vergaß völlig, sich selbst zu betrachten, da war so vieles ringsumher zu sehen. Der Hof stieß an einen Garten, und alles blühte darin; die Rosen hingen frisch und duftend über das kleine Gitter hinaus, die Lindenbäume blühten, und die Schwalben flogen umher und sagten: „Quirrevirrevit, mein Mann ist kommen!“ Aber es war nicht der Tannenbaum, den sie meinten. „Nun werde ich leben!“ jubelte der und breitete seine Zweige weit aus; aber ach, die waren alle vertrocknet und gelb; und er lag da zwischen Unkraut und Nesseln. Der Stern von Goldpapier saß noch oben in der Spitze und glänzte im hellen Sonnenschein. Im Hofe selbst spielten ein paar der munteren Kinder, die zur Weihnachtszeit den Baum umtanzt hatten und so froh über ihn gewesen waren. Eins der kleinsten lief hin und riß den Goldstern ab.

„Sieh, was da noch an dem häßlichen, alten Tannenbaum sitzt!“ sagte es und trat auf die Zweige, so daß sie unter seinen Stiefeln knackten. Der Baum sah auf all die Blumenpracht und Frische im Garten, er betrachtete sich selbst und wünschte, daß er in seinem dunklen Winkel auf dem Boden geblieben wäre; er gedachte seiner frischen Jugend im Walde, des lustigen Weihnachtsabends und der kleinen Mäuse, die so munter die Geschichte von Klumpe- Dumpe angehört hatten.

„Vorbei, vorbei!“ sagte der arme Baum. „Hätte ich mich doch gefreut, als ich es noch konnte! Vorbei, vorbei!“ Der Diener kam und hieb den Baum in kleine Stücke, ein ganzes Bund lag da; hell flackerte es auf unter dem großen Braukessel. Der Baum seufzte tief, und jeder Seufzer war einem kleinen Schusse gleich; deshalb liefen die Kinder, die da spielten, herbei und setzten sich vor das Feuer, blickten hinein und riefen: „Piff, paff!“ Aber bei jedem Knalle, der ein tiefer Seufzer war, dachte der Baum an einen Sommerabend im Walde oder an eine Winternacht da draußen, wenn die Sterne funkelten; er dachte an den Weihnachtsabend und an Klumpe-Dumpe, das einzige Märchen, das er gehört hatte und zu erzählen wußte – und dann war der Baum verbrannt.

Die Knaben spielten im Garten, und der kleinste hatte den Goldstern auf der Brust, den der Baum an seinem glücklichsten Abend getragen hatte. Nun war der vorbei, und mit dem Baum war es vorbei und mit der Geschichte auch; vorbei, vorbei. Und so geht es mit allen Geschichten

Ratio et oratio: „Verschwör Dich gegen Dich …“ – Tocotronics neue (Sc)Hallplatte „Wie wir leben wollen“

Und dieses Prinzip der Sich-gegen-sich-selbst-Verschwörung, so meine ich, um auf die reine Subjektivität des Meinens und Dafürhaltens sich zu kaprizieren [ein immer wieder beliebtes Procedere], ist nicht die schlechteste Weise der Auseinandersetzung und der Diskurserzeugung. Denken entsteht erst in der Alienation, in der Negation (manchmal auch der doppelten) und nicht im om-om der Innenruhe. Die reine Identität als das Sich-selbst-gleich-sein des Subjekts mit sich selbst bleibt reine Leere. „Von zwei Dingen zu sagen, sie seien identisch, ist Unsinn, und von Einem zu sagen, es sei identisch mit sich selbst, sagt gar nichts.“ (Wittgenstein, Tractatus 5.5303) Was ist das Ich? Läßt es sich überhaupt als Objekt unter Objekten behandeln? „Fragen der Philosophie“, um hier einen Musiktitel der Band F.S.K. zu zitieren. Nach Schopenhauers Willensmetaphysik geht die Erkenntnis des Selbst, das sich eben nicht als bloßes Objekt unter Objekten fassen kann, lediglich über den Leib – Individuum ist das Subjekt einzig durch seine besondere Beziehung auf den Leib. Allerdings pausiert in Schopenhauers Konzept des sich selbst anschauenden Willens der vorstellende Verstand zugunsten eines kontemplativen Zusammenfließens von Subjekt und Objekt . Die kalte Ratio setzt aus, schaltet sich ab.

„Des Schlosses Wände waren gebildet vom treibenden Schnee und Fenster und Türen von den schneidenden Winden, da waren über hundert Säle, alle wie der Schnee sie zusammentrieb, der größte erstreckte sich mehrere Meilen lang, alle beleuchtet von dem starken Nordlicht, und sie waren leer, eisig, kalt und glänzend. […] leer, groß und kalt war es in den Sälen der Schneekönigin. Die Nordlichter flammten so deutlich, daß man zählen konnte, wann sie am höchsten und wann sie am niedrigsten standen. Mitten in diesem leeren unendlichen Schneesaale war ein zugefrorener See, der war in tausend Stücke gesprungen, aber jedes Stück glich dem andern so, daß es ein ganzes Kunstwerk war; und mitten auf dem See saß die Schneekönigin, wenn sie zu Hause war, und dann sagte sie, daß sie im Spiegel des Verstandes sitze, und daß dieser der einzige und der beste in der Welt sei.
Der kleine Kay war ganz blau vor Kälte, ja fast schwarz, aber er merkte es nicht, denn sie hatte ihm das Frösteln weggeküßt, …“
Hans Christian Andersen, Die Schneekönigin

Ratio et oratio: Insofern man eine Hierarchie der Künste aufstellen möchte, ist es nach Schopenhauer die Musik, welche auf der Skala ganz oben steht; sie ist metaphernloses Ausdrucksmedium und in der Konstruktion durchgebildet in einem: „Sie steht ganz abgesondert von allen anderen. Wir erkennen in ihr nicht die Nachbildung, Wiederholung irgendeiner Idee der Wesen und der Welt …“ Sie wirkt und webt „als eine ganz allgemeine Sprache, deren Deutlichkeit sogar die der anschaulichen Welt selbst übertrifft; …“ (Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung, Drittes Buch)

Gestern erschien die neue Tocotronic-Platte. Das mag im trüben, kalten Januar, jenem Monat der Schneekönigin samt ihres eisigen Spiegels des Verstandes, der ein jedes Ding und jede Regung in einer Weise der Kälte und der Klarheit widerspiegelt, einen Bruchteil von Wärme erzeugen. Es handelt sich dabei freilich um die Wärme der Reflexion. „Wie wir leben wollen“ ist ein programmatischer Titel und die Sprache der Platte mannigfaltig philosophisch angereichert:

„Man sagt
Die Revolution
Werde zuletzt den Tod
Abschaffen
Abschaffen
Abschaffen“

Das nomadische Denken trägt diese Platte: die Aporie des endlichen Subjekts, aber auch die Unendlichkeit einer Utopie, welche bereits die Romantik in den unendliche Text brachte, freilich dort im frühen 19. Jhd. nicht mit dem Pathos des Revolutionären als Modus angereichert. Tocotronic spielt diese Zeilen musikalisch in einer Weise, die man sphärisch nennen kann; sanft-symphonisch entfaltend, nicht hart gerockt mit Gitarrenriffs, die klare Kante und unverzerrt sind, wie auf den früheren Platten. Mir fiel bei dieser Passage sofort „Ton Steine Scherben“ ein, und ich überlegte mir, wie diese Band diesen Text instrumentiert hätte. Wahrscheinlich härter, fordernder; nicht wie ein (indirektes) Zitat von Adorno, sondern es käme bei „Ton Steine Scherben“ eher ein Politrock-Sound in Brechtscher Direktheit heraus, (der – in die Klammer gesprochen – ja nicht nur zu verachten ist). Sanft spielen „Ton Steine Scherben“ nur dort, wo auch der Text zunächst auf Samtpfötchen daherkommt: „Ich hab geträumt, der Winter wär vorbei,/du warst hier und wir war’n frei/ und die Morgensonne schien.“

Plattenkritiken merkten diese Text/Ton-Schere insbesondere bei dieser neuen Tocotronic-Platte an: die Melodie konterkariert das Geschriebene, das Gesungene. Wo die Musik gefällig, fast einlullend strömt, da tritt der Text lakonisch oder hart-sachlich auf, konstatierend wie eine Sentenz von Foucault oder Adorno, die ubiquitäre Verdinglichung umschreibend, von der die Subjekte nicht einmal mehr etwas bemerken, weil sie, in den Kreativbranchen arbeitend, work-hard-play-hard-marktoptimiert und als Subjekte der Kreativarbeitswelt hinreichend konditioniert sind. Wo die Platte ihren kritischen Befund anbringt, da trifft sie die Situation recht genau. Da wo sie, in Deleuzeianischer Manier die Vereinigung von Wespe und Orchidee feiert oder die Utopie des Disparaten preist, dort gerät es heikel. Das funktioniert (als Text) nur bedingt. Wobei andererseits jene 99 Thesen „Wie wir leben wollen“ jegliche Bestimmung zugleich wieder durchstreichen, denn diese Thesen instrumentieren die Disparität des Paritätischen. Diese Thesen arbeiten ähnlich wie die Begegnung von Nähmaschine und Regenschirm auf dem Operationstisch. Individuum est ineffabile läßt sich als Konsequenz festhalten. Zum großen Fest eines nichtdialektisch konzipierten Nichtidentitären und zum Pathos, wie im Rhizom-Text von Deleuze/Guattari, transformiert es sich nicht mehr. Kritik, Denken sowie die Ästhetik in ihrer musikalisch-textuellen Ausprägung bleiben als Weise von Widerstand gegen Welt übrig. Diese Kritik tritt im neuen Album anders auf als bisher, und das hat wesentlich mit der Musik selbst zu tun.

Sehr viel Hall steckt in diesem Album; der trockenen, harte Gitarrensound, den Rick McPhil spielt, wurde weitgehend herausgefiltert und wattig überlagert, so heißt es. „Entkörperlichte Musik und körperliche Texte“ kommentierte Dirk von Lowtzow dieses Verfahren in einem Interview in der Berliner Zeitung.

Zugegeben eher intuitiv gedacht, scheint mir dies neue Platte nach einem ersten Hören – unter anderem – eine (gelungene) Aufsteigerung von „Let there be rock“ zu sein, rockig entfaltete Motive der späten 90er wandeln sich zur wuchtigen Soundcloud postabgeklärter Twilight-Jünglinge und -Mädchen, deren Ambitionen durchaus auch philosophisch zu nennen sind. Zugleich entwickelt diese Musik das, was bereits auf „Schall und Wahn“ im Vordergrund stand, weiter. Texte, Text-Körper eben, in einer kaum noch hart-gitarrenrock auftretenden Musik eingeschrieben, laden sich zunehmend mit gesellschaftskritischer Bedeutung auf, und die Paarung von Musik und Text erinnert, wie in dem Stück „Vulgäre Verse“ teils sogar ans Chanson oder an das, was sich heute statt Liedermacher singer-songwriter nennt.

Diese Systemkritik bei Tocotronic gab es zwar von Beginn an in ihrer Musik, aber als Kritik an Verhältnissen und Subjektdiskursen wird sie nun subtiler, metaphernreicher, musikalisch seichter oder besser: verschlungener, aber eben auch: textlich böser. Wenngleich ich nicht jede sprachliche Wendung teile und man mit böser Zunge ebenso behaupten kann, daß hier Gesellschaftskritik und Philosophie gleichermaßen in den Text hineingepreßt werden, entwickelt sich die Musik dieser Ausnahmeband immer weiter und weiter; aus dem sowieso Guten wird ein immer Besseres. Und ich drehe das Musikabspielgerät laut auf, stülpe mir die Kopfhörer über den Ohren, lasse mich inmitten des Eispalastes in dieser Wolke von Musik treiben.

„Vulgäre Verse
Aus dem
Vulgären Leben
Um Kopf und Kragen
Muss ich mich reden
In Vulgären Versen
Aus dem
Vulgären Leben“

Eine feine, mehrbödige Referenz, die eben nicht bloß lamentiert, sondern das Unvereinbare zusammenstellt. Die Synthesis des Unverbundenen, ohne in den Formen der Einheit zu arbeiten. Mit Witz, Ironie und doppeltem Boden gepaart.

Tocotronic ist eine der besten deutschsprachigen Bands.

Hans Christian Andersen zum 205. Geburtstag

Der Vorschein, das Moment der Utopie im Märchen, um mit Bloch zu sprechen. Adorno nannte Bloch, wohl etwas philosophisch-abfällig gemeint, den Märchenonkel, den Märchenerzähler. Nun steht hier, den Leser wundert‘s nicht, kein raunender Märchenblog, der sich Gärungen und Gefühlen hingibt, Gefühlslagen, wie es auf gut dummdeutsch heißt, um die Sache mit einer Koppelung gewichtig zu machen. Aber für jene süße Melancholie, für diese abgründige Traurigkeit der Andersenschen Märchen war ich schon als Kind anfällig. Insofern möchte ich diesem als Schriftsteller und Dramatiker in Vergessenheit geratenen, als Märchenerzähler zu viel Ruhm gekommenen Hans Christian Andersen meine Aufwartung machen.

Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern, das im Abglanz der Illumination im kalten Häuserwinkel zum letzten Abend des Jahres verreckt, noch einmal das Bild der geliebten Großmutter freisetzend. „Der Neujahrsmorgen ging über dem toten Kind auf,das dort mit den Schwefelhölzchen saß, von denen ein Bund fast abgebrannt war. ‚Es hat sich wärmen wollen!‘ sagte man. Niemand wußte, was es Schönes gesehen hatte, in welchem Glanz es mit der Großmutter zur Neujahrsfreude eingegangen war.“ Eine Geschichte, die ein Vielfaches an Imagination in sich trägt, die kurz ist und einen Zeitraum von nicht einmal einer Stunde umfaßt, von einem Mädchen, das im Schnee ihre Pantoffeln verlor. „Der eine Pantoffel war nicht wiederzufinden, mit dem anderen lief eine Junge fort; er sagte, er könne ihn als Wiege gebrauchen, wenn er selbst Kinder hätte.“ Ein Satz wie ein Hieb. Solange es Bettler gibt, solange gibt es auch Mythos schrieb Benjamin.

Auch dem fliegenden Koffer war ich nicht abgeneigt: ein ähnlich eskapistisches Motiv wie beim sehr geschätzten fliegenden Robert. Nur wegzukommen von da, wo man gerade war, das begehrte ich immer. Mit der Schneekönigin wäre ich gerne gereist, ich beneidete Kai unendlich um diesen Splitter im Auge, und ich liebte den Eispalast.

„Die Nordlichter flammten so deutlich, daß man zählen konnte, wann sie am höchsten und wann sie am niedrigsten standen. Mitten in diesem leeren, unendlichen Schneesaal war ein zugefrorener See, der war in tausend Stücke zersprungen, aber jedes Stück glich dem anderen so genau, daß es ein ganzes Kunstwerk war; und mitten auf dem See saß die Schneekönigin, wenn sie zu Hause war, und dann sagte sie, daß sie im Spiegel des Verstandes sitzte und daß er der einzige und beste in dieser Welt sei.“

Ich selber habe mir auch einen Eispalast geschaffen, etwa so wie Flaubert es in seinem eher unbekannten Roman „Jules und Henry“ schilderte, der als eine erste „Éducation sentimentale“ durchgehen kann. Aber: gerne hätte ich mich gleichzeitig aufgespalten in die Welt der Gerda und in die Welt des Kai. (Ich meine es vom Prinzip nicht vom Sexus her. Ein Mädchen wollte ich schon als Junge nicht sein. Das macht doch einen guten Romantitel, wenn ich so darüber nachdenke.)

Aber nicht nur Trauer und Melancholie stecken in den Märchen: des Kaisers neue Kleider lassen sich immer wieder und immer in anderer Variation mit verschiedenen Protagonisten erzählen, denn das ist eine alte Geschichte, doch wird sie immer neu.

Ach, er schrieb so viele, so schöne Märchen, daß ich gar nicht dazu komme, jeden einzelnen Moment zu würdigen und noch einmal auszukosten, was ich damals beim Lesen empfand. So möchte ich zum Schluß nur auf diese wunderbare Weihnachtsgeschichte „Der Tannenbaum“ verweisen, die ich erst spät gelesen habe. Sie ist traurig-schön und sie zeigt ein Begehren; eine Parallele ergibt sich zu jenem Lied von Alexandra, das ich als Kind über alles liebte, liebte und liebte. Eigenartig, warum solches geschieht und einer dann später zum kritischen Theoretiker wird.Wie empfänglich man als junger Mensch noch für den Kitsch und für eigentlich mißlungene Musik sein konnte. Aber auch Adorno betont ja durchaus diesen Aufschein in den Produkten der Kulturindustrie. Gleichzeitig aber betrügen sie den Menschen am Ende um das Beste.

X

Nachtrag:  Da ich meine Kinder zum Markttag in St. Petersburg um des Geldes willen verkaufte, ist es mir nicht mehr möglich, ihnen Märchen zu erzählen. Allen anderen aber, die ihre Kinder bei sich behalten haben, möchte ich raten, diesen die Märchen und Geschichten von Hans Christian Andersen vorzulesen oder gar selber lesen zu lassen. Es ist Sozialphilosophie in nuce und bereitet, zumindest was die Ebene der Empathie betrifft, die Kinder früh schon auf die spätere Lektüre von Adorno  und Benjamin vor.