Wittenberg

 
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Im Gras des Elbeufers, Englandjacke im Gepäck. Über die Straße, weit von der Stadt, schlendern über die Wiese. Immer näher der Elbe zu. Über uns schwebt die Brücke. Bundesstraße nach anderswo. Am kleinen Sandplatz mit dem Namen Strand, dicht am Wasser. Deine Küsse im Kopf, die ich mir gerne geraubt hätte. Am Strand, auf der Jacke sitzend. Wir reichen uns die Wasserflasche. Drei Stunden zuvor: Am Brunnen vor dem Rathaus, auf dem Platz. Es war kein Brunnen dort, so sagtest Du, sondern nur eine Bank aus Stein, auf der Du saßt. Dein blondes Haar, Dein betrachtender Blick von weitem her, während ich suchend die Treppen zum Rathaus hinaufsprinte: Der Mann mit der schwarzen Englandjacke und der weißen Jeans. Und im Café vor Nervosität ein erstes Glas Sekt am Mittag. Jeder eins versteht sich, nicht geteilt, wie ein Jahr später im Schloß Wackerbarth: „Wir hätten gerne ein Glas Rieslingsekt!“ „Also zwei, eins für jeden“, murrte der Kellner mit Besserwissermimik des Schloßbediensteten. „Nein, eins – ein Glas für uns beide!“, schnarre ich, hanseatisch nasal. Das Glas Rieslingsekt vom Schloßgut Wackerbarth enthielt 0,1 l Getränk.

Die Bedienung schaute indigniert, wie man einen jener geizigen Wessies ansieht, die aus dem protestantischen Norden oder aus dem Schwäbischen stammen und die es nicht verstehen, zu trinken, zu leben. Lutheraner, Calvinisten, Bilderstürmer. Der Barock ging an ihnen vorüber. Die Frau blickte spöttisch zu mir hin und rühmte fürdahin meine großzügige Art. Da wir jedoch vom Weingut Wackerbarth noch weiter an unser Ziel fahren mußten und wir beide naturalistisch in genetischer Disposition einen extremen Hang zu Verkehrsdelikten haben und diesen Hang zudem gerne pflegen und kultivieren, gab ich mal den Part der Vernunft und dachte mir, daß es besser sei vom Alkohol nur wenig zu sich zu nehmen. [Erst vor zwei Monaten wieder: Rotlichtverstoß. Schöne Photographie von mir aus Leipzig. 1 Punkt, 118,50 Euro Buße, inklusive Bearbeitungsgebühr und Auslagen. (Was für Auslagen wohl? Die Handcreme für die Sachbearbeiterin, weil sie auf der Photographie einen Mann sah, der ausnahmsweise mal nicht dämlich in die Verkehrskamera schaute?) Die 118,50 Euro wären – ganz reicht es nicht – ein schönes Essen zu zweit in jenem hervorragenden Restaurant gewesen. Aber dahin gingen wir ja sowieso. Ob mit oder ohne Buße.] Im Ratskeller zu Wittenberg habe ich auf Dein Dekolleté geschielt und war schwer beeindruckt. Mehr aber noch von Deinen Worten und Deiner Art zu sprechen. Keines der Bilder ist verblaßt. Draußen fällt Regen, wie vor zwei Jahren, als wir in das seltsame, aber so gemütliche Café flüchteten. Keine Minute dieses Tages war langweilig oder belangloses Schweigen.

Wittenberg – mon amour. Jede Minute. Für jeden, jeden, jeden Tag mit Dir. Ich weiß, daß das Blogkitsch ist, den ich abgrundtief verachte, von der ästhetischen Konstruktionsleistung her hasse und der in die Tonne gehört, wie alle diese läppischen, im Internet ins Nichts erzählten Geschichten, die nicht einmal zur literarischen Erzählung taugen. Aber hier geht die Ausnahme. Denn wir können genauso den ironischen Ton. Den bösen sowieso. Dies freilich wissen wir beide, Liebste.

Das Fräulein stand am Meere
Und seufzte lang und bang,
Es rührte sie so sehre
Der Sonnenuntergang.

Mein Fräulein! seyn Sie munter,
Das ist ein altes Stück;
Hier vorne geht sie unter
Und kehrt von hinten zurück.
(Heinrich Heine)

Diese Sätze haben wir uns allerdings so nicht gesagt, als wir am Ufer der träge fließenden Elbe lagen. Aber über die Meere treiben wir. Und immer den Fluß hoch. Dieser eine Tag, in einer mir fremden Stadt an der Elbe, als zwei Menschen sich trafen, die sich vorher niemals sahen, sich nicht kannten. Acht Stunden vor Nordsee. Dein Lachen, Deine schöne Stimme. Und auf der Rückfahrt im Auto klingt laut Tocotronic aus dem CD-Player. Und damit komme ich dann zur Tonspur zum Sonntag, diesmal von „Element of Crime“, die mir bis Anfang der 00er Jahre noch gut gefielen, weil sie einen bestimmten Ton brachten, der dann aber in den unendlichen Wiederholungsschleifen nur noch zelebriert wurde. Eine einstmals  gute Band, die sich leider an die Filmmusik des neuen deutschen Spaßfilms wegwarf. Schade drum.
 
 

 

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Schwarzheftig Heidegger, Jazz und Kommunismus: „Glotzt nicht so romantisch!“

Das zumindest stand auf den Plakaten, die im September 1922 in den Münchener Kammerspielen zur Uraufführung von Brechts „Trommeln in der Nacht“ im Zuschauerraum des Theaters hingen. Sowieso, es naht der Herbst. Die ersten Blätter und so weiter. Im Prater blühn nicht mehr die Bäume. Na ja, noch tun sie’s. Rosen rot, Sommer tot. Die Tage werden länger, wer jetzt kein Buch hat, liest lange keines mehr. Und deutsch ruft der Wald: ’S ist Herbst, ’s ist Herbst, auf Wegen und Stegen, den Stege des Anfangs. Bereits vor einigen Tagen sah ich das erste angegilbte Blatt in einem unserer Bäume auf der Waldwiese. Und die ersten Blätter des Weins gehen ins Rot über, oder ist es der Efeu? Vielleicht scheint es im Schimmern der Sonne bloß so. Die Sonne steht flacher, Licht gegen Ende des August. Keine staubigen, stickigen Seitenstraßen. Ich liebe die Zeit, wenn der Sommer vorbei zieht und nachts die Kühle aus den Gräsern und Gräben steigt. Und die weißen Nebel wunderbar… Eine schöne Textzeile aus einem berührenden Lied. [Aber alles, alles ist so hundertmal totzitiert, jedes Schöne wird vernutzt, weil es von Arschlöchern und Dumpfbatzen wiederkaue[r]nd (nicht käuend! Aber das vielleicht auch) im Munde gedreht wird.] Ich mag den Herbst, den Winter, und ich mag es nicht, wenn Menschen in Blogs ständig bekunden, was sie mögen oder nicht mögen. Es langweilt so unermeßlich. Kriminell gutes Schreiben ist selten. Aber es blüht immerhin noch das gute alte Kunstgewerbe und das reichlich. Der traute Ton. Am liebsten wieder das zu beleben: 100 Zeilen Haß – jene zuweilen lustige Kolumne von Maxim Biller im „Tempo“. Nichts darf gerinnen und nichts sich verfestigen. „Bücher der Unruhe“. Alles in den Malstrom ziehen, in den Spott. Ich sitze gemächlich im Café, könnte eine Geschichte anfangen. Könnte, könnte, könnte. Humorloser Lebensranz. Einige dieser Tage.

In der Kuhwärme der Blogwelt (samt Stallgeruch) grenzt die Sucht nach dem schönen Wort dicht an die Produktion des Kitschs:

Mir ist so warm und wunderlich
Doch all die Reime? Mag ich nicht!

Die dornichten Pfade der Kritik: Lieber Immanuel, laß mich niemals den Text vergessen. Diese Theorie der Erkenntnis. Die Arbeit der Urteilskraft und die Einbildungskraft als produktives Vermögen. Aber wer denkt, betet nicht.
 
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Der Riesling schmeckt muffig. „Dasein ist Pflicht, und wär’s ein Augenblick“ läßt Goethe seinen Faust sprechen. Ich lese Heideggers „Schwarze Hefte“ und frage mich immer mehr, was das alles soll und wohin das geht. Teilweise in den schlimmen Kitsch gerinnende Afterpoesie: „Uns fügend in die Fuge des Seyns//stehen wir zur Verfügung den Göttern. Die Besinnung auf die Wahrheit//des Seyns ist das erste Beziehen/des Postens der Wächterschaft//für die Stille des Vorbeigangs//des letzten Gottes.“ Das ist lange schon kein Dichten und Denken mehr oder der Versuch in Sprache das einzubringen, was sich schwierig aussprechen läßt. („Sagt es niemand, nur den Weisen …“ kennen wir von Goethen) Gut: es sind das Notizen aus Heften, mag man verteidigend sagen. Der Versuch der Philosophie, von einer anderen Sprache her einem Gebiet sich zu nähern – ohne Karte und Kompaß: Fahrt aufs Meer und vom brandenden Ozean geschrieben. Wir kennen diese Seefahrer-Metapher insbesondere aus Kants „Kritik der reinen Vernunft“. Können Notizen und Skizzen eine ganze Philosophie desavouieren, sofern man nicht bereits vorher mit einer großen Portion Skepsis sich Heidegger näherte? Dazu lese ich im Beipack Peter Trawnys „Heidegger und der Mythos der jüdischen Weltverschwörung“. Eine ausgewogene Kritik, was Heideggers „antisemitische Ideen“ betrifft, die „die ‚Geschichte des Seins‘ belagern“.

Das Ontologische befleckt sich am Ende sehr ontisch, und das vorgeblich reine Seyn: Kontaminiert von der kruden Empirie. Mit dieser Kritik kennzeichnete Adorno im „Jargon der Eigentlichkeit“ und in den entsprechenden Passagen in der „Negativen Dialektik“ Heideggers Denken bündig und bringt triftig den Geist der Zeit auf den Begriff, der zu dieser Zeit in bestimmten Kreisen des Anti-Modernen „Die Juden sind an allem Schuld!“ hieß: rechnende Machenschaften. Nichts Besonderes im Grunde – nur der Antisemitismus des durchschnittlichen deutschen Konservativen, der denkend dümpelt. Fast Wagnersch alliteriert. [Ich mag’s ja doch, wenn‘s funkelt. Und sei’s nur aus dem Arschloch der Geschichte.]

Heidegger ist in diesen Notizen kaum der Denker des Seins. Eher sein ontischer Schamane. Man kann, sofern man ihn liest, Heidegger einzig gegen Heidegger lesen, wer seine Werke studiert, muß einen Strang des Textes herausdestillieren, der nicht mehr der Ton Heideggers ist, sondern in einer dekonstruktiven Lektüre das Andere der abendländischen Ratio ans Licht bringen: einen Subtext, ein Ungedachtes, Unbewußtes: Heidegger, mit Freud und Lacan gelesen. Aufs Sofa gestreckt assoziierend, was freilich dann wieder in Bahnen des Begriffs kommen muß, denn schließlich sollte mit der Kur irgendwann Schluß sein, um, wenn nicht als geheilt, dann wenigstens als entlassen betrachtet zu werden. Eine Sprache, die ausgreift. Aber nicht im Nebelton gedichteter Philosophie, die keine mehr ist, sondern das Verstummen jeglicher Kritik bedeutet. Dann mag sich daraus so etwas wie ein Funke schlagen lassen. Heideggers Texte sind nicht antimodern, sondern in ihrem Ton vielfach schlicht regressiv.

Ich würde durchaus zur Lektüre der Heideggerschen Texte raten. Und ich frage mich, weshalb mich dieser Ton, dieses Denken in bestimmten Konstellationen fesselt und in den Bann schlägt. Vielleicht ist es der Funke des Geheimnisses, der schimmert. Daß im Extrem ein Moment von Wahrheit steckt. Vom Text, vom Fall Heideggers läßt sich lernen, wie man sich auf akademisch ungewöhnliche Weise in der Philosophiegeschichte bewegen kann; ebenso wie auch die Leipziger Vorlesungen zur Philosophie von Bloch oder die Frankfurter von Adorno – wenngleich von Gehalt und Struktur her ganz anders – bleibt Heidegger ein anregender Lehrer, der vorführt, auf welche Weise man sich der Philosophie nähern kann. Zugleich jedoch zeigt der Text Heideggers, wie man unter Absehen von jeglicher Geschichte auf keinen Fall philosophieren sollte. Mag die abendländische 2000-jährige Moderne durch die Seinsvergessenheit gekennzeichnet sein, so ist es die Heideggersche Philosophie durch die Geschichtsvergessenheit.

Gerade dort, wo im Denken ganz und gar gegensätzliche Strömungen sich einstellen und zusammenfließen, wie die dialektisch-kritische Philosophie von Hegel, Marx, Adorno sowie Benjamin und andererseits die dis-kontinuierliche von Nietzsche, Heidegger, Lacan, Foucault und Derrida, die beide in gewisser Weise ihren Reiz ausüben – die eine sicherlich stärker als die andere – frage ich mich, weshalb das so ist und woher das rührt. Die Gegensätze zusammen und in eins zu bringen, ohne sie unterschiedslos zu vermischen, sondern sie in ihrer Differenz zu bewahren, so riet Jacques Derrida einem seiner Schüler, um sich über diese eigenwillige Wahl ganz und gar gegensätzlicher Themen, die zueinander passen wie Fuchs zu Igel, ohne jegliche Wertung Rechenschaft abzugeben und zu befragen, weshalb und was das ist. Am Ende laufen diese Bewegungen immer auf die Frage hinaus, was die Philosophie sei: eine akademische Veranstaltung, welche die Positionen des Faches sichtbar macht, die Fähigkeit zur Kritik oder das Denken eines anderen Zustandes? In jedem Falle aber ist die Philosophie die Arbeit und nicht das Gären des Begriffes. Solche Absage ans Geschwätz heißt nicht, daß Philosophie sich der Schlichtheit verschreibt und einfache Wahrheiten postuliert, die dem gesunden Menschenverstand genehm sind oder daß sie (die Philosophie ist in der Tat ein Weib!) ein Programm hat, das gerne wahre Sätze und fromme Worte findet.

I‘m Coming Virginia.
 
 
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Im Sog der verschichteten Realitäten – Julio Cortázar zum 100. Geburtstag

„Nie wird man wissen,wie das erzählt werden muß, ob in der ersten Person oder in der zweiten, indem man sich der dritten Person des Plurals bedient oder fortwährend Formen erfindet, die sich dann als nicht brauchbar erweisen.“ (Julio Cortázar)

 
 
julio_11232Der Literatur Südamerikas, sofern eine solche Generalisierung überhaupt sinnvoll sein kann, wird gerne eine besondere Form des Realismus nachgesagt, und es wird ihm das Adjektiv „magisch“ vorangestellt. Die Dinge sind. Immer. Doch sie sind nie genau das, als was sie uns zunächst erscheinen. Das Bild der Wirklichkeit konstituiert sich bekanntlich in der Erzählung und zugleich verschiebt die Erzählung die Bilder, schafft eine Wirklichkeit ganz eigener Ordnung. Aber nicht nur das: Die Literatur vermag es zugleich, auch diese literarische Wirklichkeit noch in Frage zu stellen. Mit dieser wiederum fiktionalisierten fiktiven literarischen Realität, die sie als irgendwie echtere oder wahrere ausgibt als die bloß literarische, gerät ebenso die Instanz des Erzählers, des Autors und überhaupt die der erzählten und der erzählbaren Zeit ins Schwimmen. Im besten Falle bricht solche Literatur den Realismus auf und läßt eine Ebene in den Text ein, der mehr verrätselt, als daß das Erzählen Klarheit verschafft. Jedoch ohne in dieser Konstruktion nun wirr und durcheinander zu geraten. Diese Tendenz läßt sich bei so unterschiedlichen Autoren wie Alejo Carpentier, der den Begriff des „magischen  Realismus“ prägte, Carlos Fuentes, García Márquez oder Borges beobachten. Es entstand eine spezifische Weise des Erzählens, teils sehr geschichtsträchtig wie bei Fuentes.

Bei Julio Cortázar, der heute vor 100 Jahren als Sohn eines argentinischen Diplomaten in Brüssel geboren wurde, verbinden sich in diesem magische Erzählen die Phantastik, aber ebenso das Groteske der Erzählungen Edgar Allen Poes, der französische Surrealismus, die Kameraperspektive des nouveau roman, der die Dinge als Dinge, die Situationen als Situationen vorführt – sofern das denn in der Sprache funktioniert. Ebenso gibt es bei Cortázar freilich diesen Hang zum überschwenglichen Erzählen.

Genauso jedoch – und das ist die andere Bewegung innerhalb seiner Literatur, die womöglich mit dem nouveau roman zusammenhängt – möchten manche seiner Texte ein exaktes Protokoll vom Geschehen liefern. Als sei’s die Wirklichkeit: so fließt zu Beginn seiner Erzählung „Apokalypse in Solentiname“ die Realität des Schriftstellers Cortázar mit ein, wenn er von einer Pressekonferenz berichtet, bei der er nach seinen Reaktionen auf den Film „Blow up“ gefragt wird, der – allerdings in sehr vagen Zügen und ausgesprochen frei bearbeitet – unter Verwendung einer seiner Erzählungen konzipiert wurde. (Dazu weiter unten mehr.) Insbesondere in dem von mir hier und insbesondere an dieser Stelle emphatisch besprochenen, großartigen Buch „Die Autonauten auf der Kosmobahn“ ist dies der Fall: Cortázar und Dunlop beschreiben eine durchaus reale Reise, die beide von Paris nach Marseille machten, sie führten dabei ethnologische Studien durch, und zugleich bringt das Buch die Poesie des Alltäglichen in den Text: ein gewöhnlicher, kaum beachteter Aspekt wie das Fahren, genauer gesagt eine einmonatige Reise auf einer Autobahn, mit der Regel, an jeder zweiten Raststätte eine Nacht zu verbringen, gerät einerseits in den Strom der Poetisierung und wird andererseits mit einem gehörigen Sinn für Surreales und Komik wissenschaftlich exakt betrachtet: Parodie der Ethnologie zwar, aber der Wunsch das Alltägliche zu beobachten und als Text zu beschreiben, löst sich eben nicht nur im Klamauk auf.

Bereits früher tauchte in Cortázars Werk die Autobahn auf – aber von der Geschichte her ganz anders strukturiert und erzählt: „Südliche Autobahn“ beschreibt einen verheerenden Stau von unendlichem Ausmaß, der hunderte Kilometer bis vor Paris reicht und der sich über mehrere Monate hinzieht. Lebensnormalität für die Insassen der Autos scheint mittlerweile der Stau selber und nicht mehr das Fahren zu sein. Als sich der Stau auflöst, fehlt dem Protagonisten der Erzählung ein Lebensmoment. Es ergab sich im Stau eine Form von Gemeinschaft, wie sie in Krisen- und Katastrophenszenarios entsteht, und immerhin zeugte der Protagonist während des Staus mit einer jungen Frau ein Kind. Aber diese Frau hat der Protagonist im Fluß des Verkehrs, nachdem sich die Gemeinschaft wieder in fahrende Individuen auflöste, aus dem Blick verloren. Den Einschlag des Surrealen, des Phantastischen und auch Grotesken finden wir in vielen seiner Erzählungen. Cortázar mischt darin und in seinen Romanen diese Formen des Schreibens und trifft dabei im Erzählen einen eigenwilligen Ton, der zwischen verschiedene literarischen Texttypen und Stilen sich bewegt.

Vielleicht ist Cortázar einer jener südamerikanischen Literaten, die am stärksten durch die Moderne Europas geprägt wurde – durch und durch frankophil, dennoch einen ganz eigenen Sound und Stil des Schreibens findend: beeinflußt sicherlich auch durch seine Vorliebe für den Jazz. Leider gehört Cortázar ebenso zu den eher in Vergessenheit geratenen Schriftstellern, was ausgesprochen zu bedauern ist. Im Jahre 1951 emigrierte er aus Protest gegen das Perón-Regime von Argentinien nach Frankreich und lebte seither in Paris. 1981 erhielt er die französische Staatsbürgerschaft. Daß seine Literatur auch politisch geprägt ist, bemerkt man lediglich am Rande. Cortázar war im öffentlichen Leben ein engagierter Schriftsteller, der sich für die Revolutionen in Süd- und Mittelamerika einsetzte, aber er bezog in seinen literarischen Texten nur selten politisch Position, wie z.B. in „Album für Manuel“. Schon gar nicht verschrieb er sich innerhalb seiner Literatur der direkten Parteinahme und pumpte die Politik in den literarischen Text, um daraus ein ästhetisches Programm zu machen: Literatur ist keine moralische Lehranstalt, sie will nicht belehren, sondern erzählen. Daß Gesellschaftliches freilich vermittelt den Text trägt, schließt dieses Verfahren immanenter Konstruktion nicht aus. Der (sozialistische) Realismus war Cortázars Sache nicht. Im Gegenteil: er transformierte jene uns hinlänglich bekannte Realität ins literarische Bild.

Was Cortázars Schreiben auszeichnet, ist einerseits jenes Spiel mit der Realität. Das kann man in seinen Romanen lesen, insbesondere in „Die Gewinner“, wo sich Reales und Fiktives verschachteln und in gewissem Sinne sind die „Autonauten auf der Kosmobahn“ (1984 erschienen und damit eines seiner letzten zu Lebzeiten publizierten Bücher, er starb 1984) ebenfalls eine solche Literarisierung dessen, was wir Wirklichkeit nennen. Anders als in seinem wohl bekanntesten Roman „Rayuela“ (1963), der durch seine formale Struktur und eine Leserichtung besticht, die von der üblichen Konvention abweicht. Mag man zwar den ersten und zweiten Teil noch wie eine herkömmliche Geschichte lesen, die den fiktiven Charakter nicht leugnet und dabei dennoch immer tiefer in die Zonen gleitet, in denen Welt und Wahrnehmung sich verschleifen und verschlieren, splittet sich im dritten Part das Geschehen auf und Leserin und Leser müssen zwischen den Kapiteln hin und her springen: Himmel und Hölle eben, wie jenes Kinderspiel heißt.

Aber neben diesem formalen Trick, der zwar Spiel ist, gleichzeitig jedoch den Begriff vom Text wesentlich erweiterte und für die Spätmoderne neue Akzente setzte (was wir – pauschalisiert geschrieben – heute als postmodernes Schreiben bezeichnen), besticht das Buch ebenso durch seinen Humor und eine absurde Szenerie bohemiènhafter Jugend. In ihrem Treiben und in den halb gebildeten halb pseudophilosophischen Diskussionen und Gesprächen samt der Partys erinnert die Paris-Szenerie vielfach an Boris Vians wilden Roman „Drehwurm Swing und Plankton“ und andere Erzählungen, die das Leben im Paris der 40er und 50er Jahre beschreiben: zwischen Künstlertum, Jazz, Partys, Mittellosigkeit, ästhetischen und philosophischen Diskussionen bewegt sich das Leben des Protagonisten Horacio Oliveira. Cortázars ungebändigter Humor, sein Sinn fürs Skurrile und Groteske steht sicherlich in der guten Tradition der Surrealisten sowie in der von Boris Vian und Raymond Queneau – man denke nur an die herrliche Göre Zazie oder an Vians absurd-brutalen Szenerien.

Aber es geht das Paris-Erlebnis Horacio Oliveiras durchaus nicht lustig aus, und es nehmen die Rätsel überhand. Natürlich ist auch ein Schriftsteller namens Morelli im Roman-Spiel. Samt seiner Ästhetik. Viel könnten sich insbesondere die meisten deutschsprachige Schriftstellerinnen und Schriftsteller von einem solchen Schreiben abschauen. Im Verlauf des Erzählens beginnt „Rayuela“ immer mehr Fahrt aufzunehmen, alles gerät ins Trudeln und Schweben. Wie auch die Kulturräume Paris und Südamerika/Argentinien durchdringen sich die Ebenen und Realitäten in diesem teils grausamen, teils absurd-humorvollen Textspiel. Sicherlich leistet Cortázar in seiner Drastik und Radikalität literarisch sehr viel mehr als der eher verspielte Boris Vian in seinem märchenhaft-traurigen Roman „Der Schaum der Tage“, sofern man denn diese unterschiedlichen Werke vergleichen möchte. Sie ähneln sich jedoch ausgesprochen im Ton der Zeit, den beide einfangen – insbesondere, was die Paris-Szenerien anbelangt. (Zu „Rayuela“ ein andermal mehr.)

Wie sich die Realität bei einem Blick, der nur intensiv genug sein muß, verzerrt – man könnte freilich ebenso schreiben: verzehrt –, läßt sich in seiner kleinen Erzählung „Der Teufelsgeifer“ nachlesen, die von Michelangelo Antonioni unter dem Titel „Blow up“ in einer freien Übertragung und indem Antonioni den Gehalt erweiterte, kongenial und stimmig verfilmt wurde. „Unter den vielen Möglichkeiten, das Nichts zu bekämpfen, ist eine der besten, Photographien zu machen, eine Tätigkeit, in der die Kinder frühzeitig unerwiesen werden sollten …“ Behauptet zumindest apodiktisch der Protagonist jener Erzählung. Aber generiert eine Photographie tatsächlich jene Objektivität? Das bleibt die Frage. Der Blick auf die Welt, auf Dinge und Situationen, Szenen wie jene zärtliche Liebesumarmung zwischen dem Jungen und jener Frau auf der Île Saint-Louis nahe des Parks, die die Kamera oder aber die schnöde Prosa der Welt in der Erzählung einzufangen versuchen, lösen sich auf.

Nachdem der Erzähler dieser seltsamen Episode auf der schönen Île Saint-Louis die Photographie von dieser Szene in seiner Dunkelkammer immer weiter herausvergrößerte – daher dann Antonionis Titel „Blow up“, der eben dieses Verfahren bezeichnet – und sich dann das Bild an die Wand hängt, setzt die Reflexion ein: „er pinnte die Vergrößerung an eine Wand seines Zimmers, und am ersten Tag betrachtete er sie sich eine Weile und erinnerte sich, verweilte bei dieser vergleichenden melancholischen Tätigkeit des Sich-Erinnerns angesichts einer verlorenen Wirklichkeit; eine versteinerte Erinnerung, wie jedes Photo, auf dem nichts fehlt, nicht einmal und vor allem nicht das Nichts, das wahre Fixativ der Szene.“ Es beginnt die an das Bild geknüpfte Geschichte sich herauszukristallisieren: die Photographie selber erzählt eine Geschichte, mobilisiert Erinnerung, und es werden die Bilder beweglich, beginnen die Starre zu lösen, legen eine Welt frei. Eine andere Welt. Einen Imaginationsraum. Der Sprung zwischen Anwesenheit und Abwesenheit der Szenerie, jene Zeit, die die Dinge abtauchen und im Strom eines Textes wieder auftauchen läßt – all diese Dinge, die Augenblicke und Szenen, diesen einen Menschen, den die Zeit bannte, der Moment, der sich verflüchtigt „und wie ein Marienfaden in der Morgenluft entschwand. Aber die Marienfäden nennt man in Chile auch Teufelsgeifer, …“

Der Leser gerät in Cortázars Geschichten hinein wie in einen Sog, je mehr er davon liest. „Geschichten, die ich mir erzähle“, so heißt einer seiner Erzählungsbände: Ein Mann, der sich nachts im Bett in Geschichten imaginiert, die er sich selber erzählt und mit einem Male ragt eine dieser sich selber im Kopf, in der Phantasie erzählten Geschichten, in der es vornehmlich  um Begehren und Lust geht, ins Leben des sich Geschichten erzählenden Mannes herein: das ist surreal, das sind Poes Schreckensszenarien und dennoch findet Cortázar einen ganz und gar eigenen Ton über die kurze Distanz der Erzählung, die Wirklichkeiten aufzufechern, anzufechten und Leserin und Leser in das Spiel des Phantasmas einzubinden.

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„Every you Every me“: Stadt als Standort – Facetten des Populären (2)

„Das jemand in Berlin ‚lebt und arbeitet‘, kam
hier einem Bedeutung generierenden Faktor gleich. So als
wäre die Ortsangabe per se dazu in der Lage, etwas über
künstlerische Arbeiten selbst auszusagen, Sinn zu stiften und dadurch
die Sehnsucht nach Orientierung und ‚Bedeutung‘ zu befriedigen.“
(Isabelle Graw, in: Texte zur Kunst, Heft 94)

 
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Aisthetische Verhältnisse: Die Stadt als eine Lebensweise und Lebensform, als Möglichkeitsraum, um günstig zu wohnen, seinen Träumen, Ideen oder Idealen nachzugehen, sexuelle Präferenzen ohne Grenzen, die Stadt als Metapher und ihr Name eine Verlockung, als Leben, zweckfrei und frei von Zeit: eine Verheißung. Generierung des Mehrwerts. Unendliche Feste. Das freilich zog die Menschen von überall her an. Nicht anders wird es demnächst leider Leipzig ergehen. Nicht im großen Stil, aber es kommen mehr Menschen. Doch dem romantischen Spiel der inszenierten Bohème folgt in der Regel das Maklerbüro Engel & Völkers – was freilich nicht immer ein Nachteil sein muß. Es kommt auf die Bezüge an, unter denen Makler arbeiten und inwiefern eine Stadtverwaltung bzw. deren Regierende sich das Heft nicht oder eben doch von wirtschaftlichen Interessen aus der Hand nehmen lassen. [Andererseits sind solche Sätze absurd - hegen sie doch irgendwie die Illusion, daß es innerhalb des Systems ein gutes Gegen gäbe oder irgendwo in den Tiefen des Politischen oder Privaten ein richtiges Leben im falschen existierte, sei es auch bloß als Feierabend- und Freizeitkommunismus beim lauschigen Bierchen am Lagerfeuer.]

Berlin als Lebensform: vom Berghain bis zur Kaschemme. In anderer Weise geschieht der Berlin-Hype auf der Ebene der Kunst. Insbesondere die bildenden Künste zog es seit den 00er Jahren nach Berlin. Die erste Berlin Biennale, kuratiert von Klaus Biesenbach, Hans-Ulrich Obrist und Nancy Spector, fand 1998 statt. Schauen wie „Based in Berlin“ und Kunstmessen wie ABC brachten auf verschiedenen Ebenen, von kultureller Distinktion, ästhetischer Reflexion bis zur Ökonomisierung des Raumes,  in Berlin einen massiven Wandel. Waren früher München und insbesondere das Rheinland mit Köln und Düsseldorf solche Hochburgen, so mausert sich inzwischen auch Berlin. Wenngleich das zahlungskräftige Publikum immer noch in der Rheinregion sitzt.

Berlin ist noch nicht saturiert genug, insofern lassen sich hinreichend viele Nischen finden, in denen mal zu recht, mal outriert der Subversion gefrönt wird. Nicht dem Kommerz dient – zumindest vorgeblich – das kulturelle Engagement, sondern dem symbolischen Wert der hehren Sache Kunst. Dabei geschieht freilich eine eigentümliche Dialektik der Subversion. Je marktferner sich in Berlin die Kunst gibt, desto größer der Standortvorteil. Das führt, was die Aufwertung von Vierteln betrifft, zu einer vertrackten Situation. Dem Gebiet um die Potsdamer Straße herum (kurz Potse genannt, was in meinem puritanisch-gegenderten Ohr einen obszönen Anstrich hat, aber da die Kurfürstenstraße nicht weit liegt, mag das Wort passen) tat ein Wandel gut. Inzwischen siedeln Galerien dort und massiv werden Wohnungen entmietet. Das ist nicht die Schuld der Galeristen und Künstler, sei dazu gesagt, sondern (konsequente) Folge einer Politik, die weder fähig noch willens ist, zu handeln. Aber es handeln andere im Hintergrund. Berlin ist eben arm. Armut ist nicht sexy. Macht und Geld sind es sehr wohl.
 
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Inwiefern in diesem Prozessen Kunst als Standortvorteil wirkt – ganz gleich, ob sie sich nun subversiv gibt oder nicht, ob sie marktkonform oder sperrig sich verhält, das spielt keine Rolle – und das „symbolische Kapital“ durchaus geldwerten Vorteil generiert, haben seit einem Jahrzehnt zahlreiche Künstler und Galerien begriffen. Kunst und Neoliberalismus stehen (gewollt oder ungewollt) in einem Verhältnis, Kunst borgt von diesem ihr Begriffsrepertoire, und Begriffe der Ideologie des ungehemmten Marktes, wenn nur der Staat verschwindet und jeder seines Glückes Schmied sei und authentisch, individuell und flexibel sich verhält, zogen in die Kunstwelt ein. Daß der Künstler ein autonomes Individuum sei, das sich in keine Vorgaben pressen läßt, können wir seit der Renaissance den großen Künstlerportraits entnehmen – sei’s Albrecht Dürer oder im Barock dann Rembrandt van Rijn.
 
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Diesem andauernden, sich in immer neue Windungen steigernden Trend, Individualität und Kreativität als Zauberwort für die neue Arbeitswelt zu preisen, widmet sich – um nun wieder zum Thema zu kommen – in den „Texten zur Kunst“ Isabelle Graws Beitrag „Der Mythos der Marktferne. Anmerkungen zum Aufstieg Berlins zu einer Kunstmetropole“. Kreativität ist das Zauberwort, das als „Heilswort der Gegenwart“ Tore öffnet und noch die simpelste Arbeit zum genialen Tun aufwertet. Insbesondere da, wo alle das gleiche betreiben, hält man sich für besonders kreativ. Einer muß es den Menschen nur lange genug vorbeten, daß sie einzig und authentisch seien.

Die Reize werden aufgesteigert, Betriebsweihnachtsfeiern zu Events stilisiert und noch in der Freizeit dienen die für Leistung, die sich wieder lohnen muß, ausgezahlten Sachprämien dem Ethos der Arbeit. Ein Betriebsmarathon oder ein nach der Arbeit einzulösender abendlicher Wochenkursus für ein US-Marine-artiges Trainingsprogramm sehen aus wie feine Geschenke oder Boni, sind aber nichts weiter als die Verlängerung der Arbeitswelt. Das Recht auf Faulheit kommt in diesen Zonen nicht vor. Keiner dieser Arbeitnehmer, die sich als solche kaum noch verstehen – „Einen Betriebsrat? Wozu brauchen wir den denn?“ – verfiele auf die Idee, daß seine Arbeit tatsächlich Arbeit ist, von der weder er selbst oder die Gesellschaft, sondern wer anders profitiert. Der Kunst die Schuld für diese Szenarien aufzubürden ist naturgemäß zu simpel. Aber im universellen Verblendungszusammenhang greift eins ins andere. Es existieren keine unschuldigen Orte. Wer das annimmt, ist mit gehöriger Naivität geschlagen, gestraft, vielleicht aber auch: gesegnet. Das Heilsame der Anästhesie.
 
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 „Auch von Arbeitern und Angestellten wird inzwischen ein gewisses Maß an Kreativität verlangt, wobei sich die Vorstellung, die man sich vom ‚kreativen Arbeiter‘ macht, am Modell des selbstbestimmt arbeitenden Künstlers orientiert. Entsprechend dem traditionellen Künstlerbild hat auch der kreative Arbeiter möglichst flexibel, mobil und kreativ zu sein. Er soll zudem eigenverantwortlich arbeiten und sich dabei auch noch selber verwirklichen. Je deregulierter und prekärer die Arbeitsverhältnisse, desto gefragter ist dieser Typus des kreativen Arbeiters, der prototypisch in Berlin-Mitte der späten 1990er Jahre anzutreffen war. … Jedes Abendessen war zugleich eine Teamsitzung, jedem Gespräch wohnte ein instrumenteller Zug inne, da es mit Brainstorming einherging.“ (I. Graw)

Als dann in den 00er Jahren die schönen Blasen platzten und den ersten Internetbuden der Arsch auf Grundeis ging, war es plötzlich vorbei mit dem schönen Schein und dem Hohn auf den Betriebsrat. Die nachfolgenden Unternehmen lernten freilich schnell, und eine absurde Melange aus Kunst, Medienphilosophie samt Blahsprech, Zen und Asien (von Kopf bis Bauch: Nahrung aus Vietnam hält schlank), Illusion von Freiheit, wie sie vorher in den 80ern nur Camel oder Marlboro produzierten, bestimmte die Arbeit des Betriebes, der seine Tätigkeit freilich nur am Rande als Arbeit verstanden wissen wollte. Der kasual in den Abend hinein verlängerte Freitag war fast schon Freizeit. Dieser Umstand trifft sicherlich auf diverse Software-Firmen zu, die ihre Produkte für Kunst, für E-Commerce, fürs Internet oder fürs Smartphone entwickeln und an den angesagten Orten (nicht nur in Berlin) fleißig programmieren.

„Der flexibel Mensch. Die Kultur des neuen Kapitalismus“ hieß Ende der 90er Jahre ein Buch des amerikanischen Soziologen Richard Sennett, der bereits früh diese Phänomene beschrieb. (Wobei ich hoffe, daß er den Begriff der Kultur ironisch gebrauchte, denn ansonsten wäre der Titel ein einziger Schrott: diese Phänomene nämlich sind genau das Gegenteil von Kultur, sofern man diesem Begriff noch einen emphatischen Gehalt zubilligen möchte, was ich mittlerweile für verfehlt halte.) Diese Flexibilität hängt nicht nur mit der Bereitschaft zusammen, Orte der Arbeit relativ schnell bereitwillig wechseln zu können und zu wollen, sondern sie disponiert das Subjekt selber zu einem Bündel heteronomer Verhaltensweisen, die es freilich als die ihr authentisch eigenen zu instrumentalisieren hat. Insbesondere die bildende Kunst ist in diesem Zusammenhängen das Surrogat, das die Betriebstemperatur kuschelig hält. Abends eine Vernissage, bei der die aufs Stichwort einschnappende und vorhersehbar geschulte Wahrnehmung zum weiteren Einsatz abkommandiert wurde. Foster Wallace oder Bolaño eignen sich zu solchem Prozedere nur bedingt, weil ihre Lektüre ein Unmaß an Zeit erfordert, die sich am Ende des Vorgangs nur selten amortisiert. Der kulturelle Mehrwert liegt lediglich darin, einen Namen nennen zu können, der mit einer hinreichenden Komplexität gezeichnet ist.
 
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Sicherlich kann man als Kritik anmerken, daß die „Texte zur Kunst“ diesen Phänomenen der Stadt samt einer Kunst als Kompensationskomplement spät erst sich widmeten. Ausprägungen, die bereits vor zehn oder fünfzehn Jahren abzusehen waren, als Berlin noch hyper-hypester Hype war. Aber besser zu spät als nie, und bekanntlich beginnt die Eule der Minerva … Aber ob daraus nun so etwas wie Philosophie zu pressen ist, bezweifle ich. Wir verbleiben im Modus der bestimmten Negation. Das ist für viele nicht sehr gemütlich. Aber der Blick des Ironikers gleitet bekanntlich von distanzierter Warte über den Görlitzer Park und andere Brachen und Umstände, geht in die neutralen oder auch in die schwer bedeutsamen Zonen der Stadt, in denen gewerkt, gewichtelt und kulturell getan wird. Erfreut sich am Tand und am Spiel der Zeiten.

Es geht wie es geht. Immer näher rücken mir die Figur und der Habitus des Ernst Jüngers (freilich nicht dessen politische Haltung, wobei man sich natürlich fragen muß, wie beides am Ende doch zusammenhängt), der bei der Kanonade von Paris, auf einem Dach dinierend, in die Nacht blickte und dazu eine Champagnerbowle zu sich nahm, darin Erdbeeren schwammen, Feuer und Strahlkraft der Gewalten beschauend. Der eigentümliche, erhabene, erschaudernde Glanz, den das Ungeheure mit einem Male auslöst. Aber insbesondere im Wirken solcher ästhetischer Augenblicke, in dieser eigenwilligen Inszenierung des Schreckens tritt dieser sehr viel deutlicher zutage als in den halbpathetisch-verkitschten Antikriegsbeschwörungen des „Nie wieder!“, die in die ästhetische Form nur die politische Intention hineinpressen. Wer die Form zugunsten der Politik preisgibt, liefert nicht nur die ästhetische Form aus und banalisiert sie, sondern entleert im selben Moment ebenso das Politische zugunsten eines engagierten Statements aus dem geblähten Bauch. Aber wenigstens die Fürze sind in dieser Haltung echt und authentisch. Anderes Thema aber. Wir jedoch, wir betrachten weiter diese Stadt in ihren Facetten. Nicht im Ton des Unmittelbaren schwingen wir  mit oder anders. Sondern als böser Stachel und als häßliche Unke. Der Rosa Luxemburg die Hand zu reichen, bleibt vergeblich, weil sie noch immer im Landwehrkanal treidelt.

Der kalte Blick Nietzsches und Jüngers auf diese Stadt. Ich möchte deren Bewohnerinnen und Bewohner als Käfer fixieren und in die entomologische Sammlung bringen. Wir werden dann im Herbst wieder diese Perspektiven in Photoserien begleiten, wie bereits hier oder auch da und an verschiedenen anderen Stellen und Städten.
 
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Berlin, Berlin [Bashing for Bohème]. Facetten des Populären (1)

Marktferne, aber dafür Kunstnähe? Dies war einmal! Heute geht in Berlin beides recht gut zusammen: Stadt als Kunst als Standortfaktor. Vom Wilden und Ungezähmten der Kunst blieben allenfalls die Brachen der Stadt, die sanft ruhen und den Schlaf schlummern. Bis sie erweckt werden. Sie liegen solange brach, bis sich ein für Investoren geeignetes Projekt findet, das sich wirklich lohnt. So wird es – meine Prognose – in 10 Jahren ebenso dem Tempelhofer Feld ergehen. Insofern hatten die Bebauungsgegner – obwohl dem Schein nach die Abstimmung gewonnen – bereits im Mai verloren; denn anstatt heute, im Hier und Jetzt, für eine sinnvolle Bebauung zu votierten, sperrten sie sich komplett. Auch das ist Berlin.

94_TZK_Cover_02_t_w470Die Juni-Ausgabe der „Texte zur Kunst“ widmet dieser Stadt in all seinen Facetten von Kunst, Kommunikation und Kommerz – rtl-alliteriert, freilich von mir, wie Biker, Busen, Büchsenbier – unter dem Titel „Berlin Update“ ein Heft: Vom radikalen Wandel Berlins innerhalb der letzten zwei Jahrzehnte, der wesentlich durch ökonomische Faktoren bedingt ist, bis zum Kunsthype samt der Kommerzialisierung, vom „Theorie-Design“, das mit dieser Stadt durch drei Universitäten samt ihren Sonderforschungsbereichen verbunden ist sowie dem kulturellen Crossover verschiedener Institutionen wie Theatern, Museen und Kunst-Events (Berlinale, Theatertreffen, Berlin Biennale, Gallery Weekend, Monat der Fotografie, Kunst- und Modemessen usw.), bis hin zu einer Stadt der neuen Medien, für die symbolisch Orte wie das Café Sankt Oberholz oder andere Trendbars, -Restaurants und-Clubs stehen, die genauso schnell wechseln wie sie kamen, samt perfider Arbeitswelten, die den Schein des Authentischen malen, wo Arbeit und Freizeit keinen Unterschied mehr machen, weil Freizeit den Charakter von Arbeit annimmt und Arbeit sich als Freizeit geriert – vom Fitnessprogramm bis zu den Plänen gesunder Ernährung, irgendwelchen Kursen im Creativ Writing und Schreibseminaren.

Berlin bietet für die Kreativ- und Kunstszene in relativ günstiger Weise zwei ökonomisch hoch wertvolle Ressource: Raum und Zeit. Immer noch läßt es sich in dieser Stadt für wenig Geld und gut leben, wenn man seine Essens- und Lebensansprüche gering ansetzt, sich von Nudeln ernährt und dieses Minimale als neue Zünftigkeit propagiert. Insofern ist billiger Wohnraum in guter Lage gewünscht und wird als Anspruch angemeldet. Gerne wird dabei in schäbiger Bude die Aura der Bohème gepflegt. In einer Weise freilich, die mich in diesem Klischee an Aki Kaurismäkis absurd-komischen Film „Das Leben der Bohème“ denken läßt. Ein Schuß Tragik und schönes Scheitern ist naturgemäß ebenso beigemischt, denn was wäre das Leben samt seinen Inszenierungen ohne jene Tragik und sei diese auch nur eine Posse und Simulationseffekt. In einem post-dramatischen, post-aristotelischen Zeitalter, in dem Ort, Zeit und Handlung sprunghaft divergieren können, bleibt das Dividuum.

Das „transgressive Potential von Underground-Parallelwelten“ diente immer schon – seit dem Phänomen des Pop und den läppischen Exzessen der Beat-Generation, allen voran J. Kerouac: keiner wußte das besser als Adorno – der radikalen Ökonomisierung von Gesellschaft. „Mit Danone kriegen wir euch alle!“, drohte die Werbung der 80er Jahre. Oder mit Kunst. Oder mit Pop oder indem sich die Bezirke mischen. Neoliberalismus und Kunst sind zu einem gewissen Teil Komplizen derselben Sache. Selbst da noch, wo letztere sehnend an ihre Autonomie glaubte. In den letzten Zügen der Dialektik rettet sich Kunst in den Pop: in den Bezirk der identitätsstiftenden Erfahrungswelten im turnschuhmiefenden Teenager-Zimmer, wo sich mit diesem oder jenem Musikstück ein besonderer Raum von Existenz und Dasein verband. Das kroch ins Musikstück wie in Prousts Madeleine und im Tee die Erinnerungen sich aufbewahrten, so daß eine Situation inmitten der neuen Unübersichtlichkeiten qua Musik als Gestus und Haltung doch noch als allgemein kommunizierbare zu konnotieren war. So konnte sich das Phänomen Pop zumindest auf der Ebene der Referenzierungen am Leben halten. (D.  Diederichsen beschreibt diese Wirkungen des Pop – ich drücke es mal in meinen Worten aus, man muß das ja bei solch feinen Wortwendungen dazu sagen, sonst denkt jeder, das sei von Diederichsen – als aisthetische Erfahrung auf eine geniale Weise in seinem gleichnamigen Buch. Inwiefern er dieses Phänomen Pop dialektisiert und fruchtbar macht, ist durchaus tricky zu nennen. Aber so kennen wir ihn, dafür lieben wir ihn. Das ist eines dieser interessanten Interferenzphänomene. Affirmativsein ohne Affirmation)

Allerdings gibt es zu jedem Berlin-Trend genauso den Gegenzug. Daß immer mehr Menschen von Berlin genug haben und ihnen das Gewese um diese Stadt zum Halse heraushängt, haben manche bereits zum Beginn der Blase erkannt. Lange bevor ein New Yorker Magazin namens „Gawker“ Anfang des Jahres verkündete, „Berlin is over“, es ginge mit Berlins Habitus als irgendwie coole Stadt nun zu Ende. Sehr viel früher schon teilte zum Beispiel der großartig bissige Don Alphonso regelmäßig gegen Berlin und insbesondere die sogenannte Berliner Medien-Bohème mit ihrem Jammerton und ihrer Anspruchshaltung aus. Ein Habitus des Digitalen als Flow und Funding, ohne dabei irgend etwas an Kraft und Denk-Arbeit investieren zu wollen oder genauer geschrieben: zu können. Und ebenso früh polemisierte der Don gegen den widerlichen Ranz und das Unansehnliche dieser Stadt, die sich keine schönen Gebäude leisten mag, sondern das Verwildern von Flächen als Stadtplanung ausgibt oder aber Dokumente der Zeit, wie den Palast der Republik, abreißt. [Andererseits ist mir das Verwildern dann auch wieder lieber als eine Stadtpolitik, die nur für ein bestimmtes Klientel Geld in die Hand nimmt – zumal sich die Ödnis und der Dreck ungemein als Kulisse zur Photographie eignen: Die Welt ist bekanntlich seit Nietzsches Satz nur noch als ästhetisches Phänomen gerechtfertigt – zumindest solange ich in einer solchen Umgebung nicht wohnen muß. Ergänzt sei fürs Heute und für jene, die bei Nietzsche vorauseilend zucken und sich wegducken: als eine Ästhetik des Häßlichen oder als anästhetische Angelegenheit. Andererseits mochte ich in den 90er Jahren ebenso wenig im Rollbergviertel oder im Weserkiez wohnen. Und wer es sich leisten konnte, der zog naturgemäß weg. Organisierte Verwahrlosung von Stadtteilen, so könnte man das gemeinsame Programm aller Berliner Parteien nennen, die den Senat stellten. Dieses Herunterranzen hat sicherlich Gründe. Seit Nietzsche wissen wir freilich, daß die Wahrheit durchaus gute Gründe hat, ihre Gründe nicht sehen zu lassen.]

Bei aller berechtigter Kritik an Berlin, sehe ich vieles entspannter als der Don, denke mir daß München doch zu gediegen ist, allenfalls für die Besuche in den einschlägigen Museen geeignet, sicherlich eine Stadt mit schönen Vierteln und hervorragender Küche, viel Mode, gutem Weine sowieso, aber doch zu glatt. München ist wie ein Mann oder eine Frau in den 60ern. Nahe genug an Italien – immerhin. Wenn ich irgendwo leben möchte, dann in Leipzig, vielleicht noch in Essen, Köln oder Duisburg. Gerne in Hamburg wegen des breiten Stroms. Nur eine Stadt mit einem richtigen Fluß als Ader ist eine lebenswerte Stadt. Wir sehen dies an New York und Lissabon. Was ich an Berlin schätze, sind nicht die ungentrifizierten oder mittlerweile aufgewerteten Stadtviertel, die so oder so in ihrem Ranz daliegen, sondern die Weite der Stadt. Alles verläuft sich. Anders als in Hamburg oder Essen. Mein Mitleid mit den Gentrizifizierungsjammerlappen allerdings, für die Lankwitz oder Wilmersdorf Zumutungen sind, hält sich arg in Grenzen. Die Profiteure von gestern sind nun einmal die Verlierer von heute. So geht die Geschichte übers Subjekt hinweg. So funktioniert nun einmal eine über den Markt organisierte Gesellschaft. Seid nicht böse darüber. Es kommen andere Zeiten!

Recht hat der Don freilich, wenn er in witzig-böser Weise gegen die Berliner Medien-Bohème austeilt: Menschen, die irgendwie und irgendwo einmal einen Text geschrieben haben, sei es auf einem (Zeitungs-)Blog oder anderswo, bezeichnen sich ernsthaft als „Journalisten“. Es ist doch eher lachhaft. Menschen, die keine drei Zeilen Foucault, Adorno, Hegel, Marx oder Zizek gelesen haben, führen diese Namen im Munde, als hätten sie zehn Jahre deren Texte beackert. Nichtlesen, aber trotzdem vollmundig darüber sprechen oder in Kurz-Zeichenzahl die Namen als Referenz- und Distinktionsmerkmal fallenlassen, weil’s den kulturellen Mehrwert erzeugt. Trends, trendy. Auf der Ebene der Textfakten nachprüfen können es sowieso nur wenige, weil niemand diese Texte zusammenhängend studierte. Schlagwortsound wird abgesondert.

Gleiche gilt für die Internetphänomene. Es werden Banalitäten zu riesigen Wolken und Gebirgen gebauscht, und dabei plustert man sich selber gleich mit auf wie’s Vögelchen im Walde. Und immer mal wieder geschieht im Schwung der Tage ein Paradigmenwechsel, Post-Privacy und Meme treten auf den Plan, werden wieder abbestellt, vielleicht springt morgen ein digitaler Platonismus aus dem Schächtelchen. Pseudo-Kenntnis der Philosophie und Medienwissen aus dem Kindergarten als Halbbildung spielen sich als Wissensformen auf: sozusagen als intrinsische Qualität des zugereisten Berlin-Bewohners. Insbesondere hier sehen wir, welchen Schaden das Studium der Kulturwissenschaften auf breiter Flur anrichtete. [Ende vom ersten Teil des kulturellen Narrativs]
 
 
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Vom Vergehen der Zeit – assoziativ inszeniert. Über Literatur und Photographie

Auf dem Blog „Mützenfalterin“ erschien gestern von gleichnamiger Bloggerin ein knapper Eintrag zum Begriff der Zeit, der von einem durchaus angenehmen melancholischen Ton und von Zweifel getragen wird. Ich fand’s ganz interessant, zumal ich nicht nur die Phänomenologie des Alltags in kritischer Absicht, sondern auch die des inneren Sinnes mit Leidenschaft betreibe. Es bleibt keiner der Momente unseres Lebens übrig. Ist dies das Wesen der Zeit? Oder verzeitlichen wir nicht viel mehr in diesem Blick den Wesensbegriff? Ich will diese Aspekte der Zeit gar nicht so sehr von Heidegger her schreiben, der die Zeit in ein unhistorisches Konzept von Wesentlichkeit einfror, sondern es zeigt sich Zeit in den ästhetischen Phänomenen. (Wenngleich das nur einen ihrer Aspekt darstellt. Ebenso zeigt sich die Zeit in einer ganz anderen, nämlich zyklischen Weise in der Natur und wenn man so will ebenso im Naturschönen.)

Das Vergehen der Zeit erzeugt Lust und Schmerz in einem. Unsere Tage sind gezählt. Ebenso die Dauer des Moments. Den Schmerz des Es-war-einmal und die Lust der Reflexion, für die wir den Begriff „Erinnerung“ bereitstellen, tarieren wir in unserem Denken immer wieder neu aus. Unsere gängige bzw. alltägliche Auffassungsweise der Zeit hat etwas mit deren (physikalischer) Struktur und mit ihrer Meßbarkeit tun. Erst indem wir die Zeit einteilen, kann Erinnerung als Geschichte geschrieben und können Erinnerungen als Geschichten erst poetisiert und damit überhaupt möglich werden. Erinnerungen haben wir nur dann, wenn wir die Zeit im Modus „Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft“ konzipieren. Ein durchgehender nunc stans, eine unendliche durée, ein gelebtes Jetzt, in dem sich Jetzt an Jetzt schließt, ineinander vertröpfelt und als reine Gegenwart erlebt wird, kann keine Erinnerungen erzeugen. Peter Licht brachte zum Beginn der Nuller-Jahre in seinem kleinen, feinen, lakonischen Musik-Stück „Sonnendeck“ eine kleine unscheinbarer Wahrheit unter, indem er textete: „Und alles was ist dauert drei Sekunden//Eine Sekunde für vorher//Eine für nachher, eine für mittendrin.“ Das ist der Moment. Der verfließende. Gelebt, kurz gedacht, vergessen. Und aufs neue inszeniert. Dasein als Schiffspassage: Wenn ich nicht hier bin, bin ich auf dem Sonnendeck. Oder im Solarium. (Zur Flüchtigkeit des Hier und Jetzt schrieb Hegel in seiner „Phänomenologie des Geistes“ poetische und philosophisch inspirierende Passagen, die jedoch den Rahmen eines solchen Textes sprengen.)

Die Welt sei einzig als ästhetisches Phänomen gerechtfertigt, formulierte Nietzsche in seinem frühen Text „Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik“. Jeder Zeit-Punkt vergeht. Wie damit umgehen? Das ist das Wesen der linearen, physikalischen Zeit. Aber es gibt eine andere Zeit: die der Erinnerung, die der ästhetischen Erfahrung, des ästhetischen Zustands. Ohne dieses Vergehen und die Reflexion darauf, gäbe es keine Literatur, keine Kunst. Proust widmet sich diesem Phänomen des Vergehens auf mehreren tausend Seiten und läßt auf diese Weise ein Leben, eine Epoche an den Leserinnen und Lesern vorbeigleiten. Und an einem Gebäckstück samt Tee entzünden sich Szenen von Liebe zu bestimmten Menschen, strömt ein Ton des Lebens, der sich nicht mehr linear bemißt, sondern als Eindruck und Text sich treibt. Gilles Deleuze schreibt in „Proust und die Zeichen“: Jede Wahrheit sei eine Wahrheit der Zeit und darin insbesondere rivalisiere Prousts Werk mit der Philosophie.

Zeit ist Erzählung. Thomas Mann nannte im „Zauberberg“ den Erzähler den raunenden Beschwörer des Imperfekts. Erzählen in seinen vielfältigen Formen (vom Mythos über Thukydides‘ Geschichtsschreibung, von der Fabel bis zu Novelle oder Roman) hat etwas mit Zeit zu tun, über deren Vergehen wir manchen Gedanken verschwenden. Davon kann man sich in Paul Ricœurs gelehrigem, dreibändigen Werk „Zeit und Erzählung“ ein Bild machen. Mich interessieren die Weisen des Poetisierens. Wie wir einen Moment in die Gestalt bringen, ohne ihn dinghaft zu fixieren, verdinglichend brechen, ohne ihn instrumentell handhabbar zu machen. Wie wir Bilder erzeugen, die eine Geschichte erzählen, wie wir Geschichten erzählen, wie so bisher nie dagewesen sind. Jede gute Literatur kommt wie eine Novelle daher.

Die Schönheit des Moments läßt sich nicht festhalten. Was passiert, wenn einer zum Augenblicke sagt, „Verweile doch, du bist so schön!“, wissen wir vom Faust. Die Zeit, die wir festzuhalten bestrebt sind: ein Teufelspakt. Denn sie schwindet umso schneller, je mehr wir ihr im gelebten Augenblick die Intensität verleihen und sie fixieren wollen. Sie schwindet so oder so. Und auch die Photographie ist nur eine Form der geronnenen Zeit, die den Augenblick nicht mehr lebendig macht. Sie bannt ein Bild, erzeugt manchmal Melancholie oder gibt den Anlaß für eine Geschichte, die sie aus dem gefrorenen Ausschnitt hervortreibt. Familienalben sind sowohl Schreine der Erinnerung als auch Kenotaphen. Extrem Lebendiges und Totes.

All diese ästhetischen und aisthetischen Überlegungen mögen in den unmittelbar biographischen Bezügen nichts nützen, wenn eine/r auf die Zeit in ihrer Flüchtigkeit sinniert und an ihr (ver)zweifelt. Genauso aber gibt es auch solche trüben Tage und Monate, da ist einer froh, wenn sie vorbei sind. Winter und Frühling 2014 waren eine graußliche Zeit, in der ich mich lediglich in der Erinnerung aufhielt. Sexualisierungen als blinder Zeitvertreib. Im März besuchte ich ein Bordell. Im Stein. Nicht schlecht. Massageöle und saubere Lacken. „Darf ich etwas von Ihrer Testflüssigkeit probieren?“ Ansonsten war in diesen Monaten wenig, was in irgendeiner Weise Freude bereitete. Zeiten wechseln, heben und steigen wie Stimmungen. Sind nicht handhabbar zu machen.

Leipzig, im Juni: Wenn beim Spazieren durch die Hitze der Stadt trotz Abwesenheit jeder Pflasterstein und jeder Weg in Plagwitz mit Erinnerungen sich füllt. Keine Zeit, die aufzuschreiben. Wir schickten uns SMSe hin und her. Der Zauber eines Mediums. Die Zeit, die sich sedimentierte und bis in den Körper eindrang. Proust setzte jene Zeichen der Zeit im literarischen Text. Skizzen zu Proust wären fällig.

Es gibt ein Zeitkonzept, das diese physikalische Zeit übersteigt bzw. aussetzen läßt und in einer Ästhetik der Intensität mündet. Nietzsche umschrieb im „Zarathustra“ in verschiedenen Passagen diesen Moment als Wiederkehr des Immergleichen, als erfüllten Augenblick, als nunc stans [und zugleich als dessen Negation, denn noch dieser scholastische Begriff ist durchdrungen von einer abendländischen Metaphysik, die Nietzsche nicht müde wurde, in die Kritik zu nehmen], als Aussetzen der Zeit, als ihre Umpolung, bis ins Gedicht hinein, dessen Titel zu einem geflügelten Wort wurde:

ALLE LUST WILL EWIGKEIT
O Mensch! Gib acht!
Was spricht die tiefe Mitternacht?
‚Ich schlief, ich schlief –,
Aus tiefem Traum bin ich erwacht: –
Die Welt ist tief,
Und tiefer als der Tag gedacht.
Tief ist ihr Weh –,
Lust – tiefer noch als Herzeleid:
Weh spricht: Vergeh!
Doch alle Lust will Ewigkeit –,
– will tiefe, tiefe Ewigkeit!‘

So zumindest spricht die Nacht, die manche in oder mit ihren Hymnen besangen. (Inwiefern Hymnen und Hymen etymologisch zusammenhängen und ob diese Assonanz bloß dem Zufall geschuldet ist, steht auf einem anderen Blatt.)

Die Photographie bannt den Moment, so heißt es. Dabei wird jedoch leicht übersehen, daß dieses Bannen an die photographische Apparatur bzw. deren Technik gebunden ist. Eine Kamera im 19. Jahrhundert hatte erhebliche Schwierigkeiten, mittels jener Zeit, in der Licht auf die Filmplatte fiel, auch nur die kleinste Bewegung im Bild festzuhalten, ohne daß es im Bild unscharf und verschwommen wurde. Starr und steif, manchmal mit Stangen und Gerüsten fixiert, standen die Portraitierten vor dem Apparat des Photographen. Mindestens drei Sekunden dauerte es bis in die 1880er Jahre, daß ein Mensch vor der Kamera sich bewegungslos verhalten mußte. Anders die Kompaktkameras in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts, die mit einer Verschlußzeit von 1/125 oder 1/250 Sekunde und weniger die Bewegungen einfrieren konnten. Eine der großen technischen Ausnahmen jener Zeit, in Bewegungsstudien den Moment, die Sekunde zu zeigen, stellen Edward Muybride Photographien dar; nämlich mittels einer relativ neuen Technik das einzufangen und im Bild festzuhalten, was nicht wahrnehmbar ist und sich dem natürlichen Blick des Auges entzieht.
 
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Marcel Duchamps Gemälde aus dem Jahre 1912 „Akt, eine Treppe herabsteigend“ dürfte wohl, was die Studien zur Bewegung betrifft und inwiefern sich Zeit und Raum in diesem Gemälde verquicken, von Edward Muybrides Bewegungsstudie wesentlich beeinflußt sein.

Vielleicht schätze ich aus diesem Grunde Cy Twomblys Photographien von Blumen so außerordentlich, und halte sie trotz ihrer Schlichtheit für ästhetisch gelungen, weil diese Bilder etwas vom Fluß der Zeit anzeigen und sie zugleich festzuhalten versuchen. Wie vergeblich solche Fixierung sind, manifestiert sich in Twomblys Blumen-Photographien. Er präsentiert eine eigenwillige Art von Stilleben (nature morte), rekurriert einerseits auf eine malerische Tradition (er selbst malte und zeichnete Blumen), vergewisserte sich jedoch zugleich im Modus der Photographie der Ordnung des Sichtbaren und flüchtigen Lebens abgezirkelter Flora. Von ihrem metaphorischen Gehalt einmal abgesehen – die Blume steht als Metapher für den Text der Lyrik, aber es sind ebenso die erotischen oder sexualisierten Varianten denkbar – sind Schnittblumen, in eine Vase plaziert, Objekte von ausgesprochen begrenzter Haltbarkeit. Sie welken, lassen auf eine faszinierende Weise irgendwann den Kopf hängen, nachdem sie noch Stunden vorher in ihrer ganzen Pracht im Raum standen, Blütenblätter vertrocknen, werden hart und bereits beim Kauf ist ihnen ihr Todesdatum eingeschrieben. Die Photographien Twomblys zeigen, als Bild festgehalten, Objekte, die sehr kurz nur ihre Form behalten. Sie frieren ein, deuten aufs Vergängliche, ästhetisieren, portraitieren das, was in wenigen Tagen in dieser Weise nicht mehr sein wird.
 
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Unscharf verschwimmen die Blumen im Vorder- und Hintergrund, nur wenige Stellen im Bild, die scharf und konturiert die Blütenblätter zeigen; wie vergilbte legt sich eine Schicht über die Photographie.

99394m~2Anders als Robert Mapplethorpes ebenso faszinierenden Blumenphotographien, die Blüte und Stengel in ihrer Kraft und der konturierten Schönheit zeigen: im Spiel von Licht und Schatten entsteht die Formen und es schält sich geschärft die Struktur der Blütenblätter hervor. Photographie als ästhetische Form und als Potenzierung des Gegenstandes. Ganz anders Twombly. Es sind Photographien von Blumen, wie wir sie im Traum oder in den Kammern des Todes wahrnehmen. Hinter den Schleiern. Verblühend. Wie Polaroids, die sich augenblicklich vor unseren Augen entwickeln und deren Chemie radikal dem Licht ausgesetzt ist, so daß diese Bilder nach wenigen Monaten verblichen daliegen.

In auseinandergezerrter Weise wird die Zeit bei Douglas Gordon ins Bild gesetzt, wenn er in „24 Hour Psycho“ den gleichnamigen Hitchcock-Film auf eine Spiellänge von 24 Stunden dehnt. 24 Stunden sind bekanntlich ein Tag. Der Duschvorhang und das in den Körper eindringende Messer, der zunächst die Treppe hinaufsteigende und dann hinunterfallende Arbogast dehnt sich in der Zeit als Detail.

Es sei mit Toshiki Okadas anregender Erzählung „Die Zeit, die uns bleibt“ als harter hedonistischer Reigen der Lust, aber ebenso – spielerisch in den Predigerton verfallend: die Nacht des Jägers – mit jenem Satz aus dem 1. Korinther-Brief 7,29 „Die Zeit ist kurz“ geschlossen. Daran führt kein Weg vorbei.

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Daily Diary (111) – Tatorte

 
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Bis zum Pamukkale-Brunnen kamen wir nicht. Gentrifiziert endlich Kreuzberg! Restlos. Und Neukölln!

OK, der Titel des Beitrags ist drastisch. Aber das zieht immerhin Leserschaft. Vielleicht noch was mit Suff rein: ich war eine Woche lang saufen, vielleicht ein paar Penis-Vagina-Schamanen, die durchs geschriebene Bild streifen, vielleicht ein paar Fotografien, die mit Filterkleistertand zugesoßt sind, vielleicht sollte ich über den Blogtitel einfach abstimmen lassen, so wie eine Bloggerin über den Titel ihres zukünftigen Romans (es gibt nichts, das nicht zu blöd ist, und der Blödeste macht es dann irgendwann tatsächlich; wer den Titel seines Romans aus der Hand gibt, sollte gleichzeitig auch sein Schreibwerkzeug unter die Leute verteilen, damit kein weiteres Unheil entsteht), vielleicht schreibe ich ein Rilke-Gedicht, das geht auch:

Herr, es ist an der Zeit.
Die Koffer zu packen, denn die Sonne steht hoch
Und der Mietenspiegel steigt. Ungemindert.
Denn dornig dünken die Wege.
Modrig zieht ein Duft über Stege.
Stege und Stiegen – in den Armen wir wiegen,
Als wir auf der Schönhauser um die Ecken uns biegen.

Doch es steigt ein Baum, oh reine Übersteigung!
Und neigt der Tag auch, reine Überneigung!
Ein Engel verspricht
Auf der Straße erbricht
Ein Hund seine Überzeugung

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr
Damals mit BHW war‘s freilich nicht schwer.
Wer jetzt an der Leine liegt, wird es wohl bleiben
Und in Kreuzberg des nachts schwanzlang im Kit Kat sich reiben
und morgens in der Köpenicker hin und her
Trunken schlendern, wenn die Schwalben es treiben

Soviel Rilkesound für Aus- und Eingelassene.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAIch stehe dem Phänomen, das mit dem Begriff „Gentrifizierung“ überschrieben wird, gespalten gegenüber: Es gibt Veränderungen, die ich nicht für völlig falsch halte. Stadtviertel schöner, angenehmer, lebenswerter zu gestalten, ist die eine Seite; die andere ist es, drastisch die Mieten zu verteuern und Menschen aus ihren Vierteln zu vertreiben. Bekanntlich jedoch ist, ganz poetisch von Rilke gestimmt, wie ich es noch bin, das Schöne der Anfang des Schrecklichen. Aber auch die, die heute gegen die Gentrifizierung klagen, sind deren Profiteure. Denn wer hat wohl damals in den 80ern in den schönen Kreuzberger oder Friedrichshainer Altbauten gewohnt? Die, die heute darin ihr Leben führen, sicherlich nicht. Stadtviertel unterliegen Wandlungen. Das ist nicht immer gut. Hätte man bereits nach der Wende dagegen etwas getan, wohnten ab den späten 90ern die, die heute in ihren Wohnungen leben, nicht dort, sondern die Bewohner der Viertel. Türken, Kurden, Arbeiter, Alte und Arme. Das war mal so, in Berlin, Ecke Boxhagener oder in der Wrangelstraße. Ich weiß mir da keinen großen Rat. Kann nur kunstgewerblich mit Rilke rufen: Armut ist ein großer Glanz aus Innen. Auch wenn eine/r in Marzahn oder Lankwitz lebt, es glänzt der Mensch.

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Wir haben es an einem Sonntag getan: Nach einem Spaziergang durchs herrlichste Berlin-Mitte, meinen Lieblingsorten dort: dem feinen Zionskirchplatz mit der schönen Kirche, die dem Platz ihren Namen gab, dem Arkonaplatz mit seinem kleinen beschaulichen Flohmarkt, ging es in den Prenzlauer Berg, und dann mit dem Auto weiter: nach Kreuzberg. Zunächst aber zog es uns in die Stille des herrlichen Zionskirchplatzes, hinein in die Kirche. Wir waren fast allein dort. Die Mauern verfallen, von den Säulen und Wänden bröckelt der Putz. (Das rilket schon wieder so mächtig im Gebälk.) Alles ist in einer ansprechenden Weise schlicht gehalten. Man könnte meinen, daß solche Kirchen zum Gottesdienst leer sind, aber gegen zehn Uhr am Sonntag ist die Kirche rappelvoll. Es strömen die Menschen wie zu Fausts Osterspaziergang. Wir kamen später, wir schlendern durch die Swinemünder Straße direkt auf den Arkonaplatz zu, besuchen den kleinen Flohmarkt, entdecken, schauen. Dann weiter Schwedter Straße, vorbei an dem eigenartigen Gebäudekomplex Marthashof, der wie ein abzirkelter Bereich zwischen den übrigen Häusern sich zwängt. Manche sagen Gated Community dazu. Wir streifen den Mauerpark, auf zwölf Uhr vor uns. Kurz durch die Oderberger Straße, hinein in ein oder zwei Modegeschäfte, in die Auslagen schauen und dann die Kastanienallee entlang. Touristenströme mag mancher denken. Mag sein. Trotzdem ist der Prenzlauer Berg ein angenehmes Viertel. Anders als Kreuzberg strukturiert. Kreuzberg ist gut zum Ausgehen, zum Flanieren, Photographieren; interessante Clubs und Kneipen dort, zum Wohnen jedoch ist es für jeden Menschen mit Sinn für die ruhigen Dinge schwierig auszuhalten. Nebenstraßen ohne Bäume ziehen sich durchs Viertel. Kennzeichen der armen Gebiete. Was brauchen die auch Bäume?
 
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Wer in angenehmer Atmosphäre in Kreuzberg etwas zu sich nehmen will, der begebe sich ins „3 Schwestern“ am Mariannenplatz. So taten wir es. Im lauschigen Garten läßt es sich gut speisen, wenn die Augustwespen nicht wären. Ich muß allerdings gestehen, daß ich die hausgemachten Kuchen langweilig finde. Sie schmecken nicht schlecht, wirken aber auch nicht wirklich pfiffig zubereitet. Anders als die Speisen der Abendkarte. Wer also abends kommt, ist besser bedient. Wer gerne die Österreichische Küche mag und das zu ausgesprochen günstigen Preisen, der gehe ins „No Kangaroo“, Muskauer Straße, und wer Cocktails trinken will, der treidle nach kurzem Vorglühen zu Hause oder anderswo in die „Schwarze Traube“ in der Wrangelstraße. Es ist dies eine Bar der besonderen Art, wo die Cocktails nicht von der Stange und à la carte bestellt werden, sondern der Barkeeper fragt, wonach einem gelüstet und in welche Trinkrichtung es gehen soll. Eher Gin? Lieber Whisky? Oder Rum? Aroma eher Lakritze oder Thymian? Dann schlägt die Servicekraft eine Mischung vor, die nach einiger Zeit prompt und von freundlichem Personal serviert wird. (Ja, ich mag es, wenn Barkeeper und Personal freundlich, aber bestimmt sind und ich verabscheue von Kellnern rotznäsiges Cooltun.) In der „Schwarzen Traube“ werden Getränke gereicht, wie sie Freude bereiten. Es zeigt also die Aufwertung eines Viertels gastronomisch angenehme Wirkung, ohne daß sich sogleich von einer Yuppisierung sprechen läßt.

Nachdem wir im „3 Schwestern“ unseren Kaffee getrunken und bezahlt hatten, beschlossen wir, durchs Viertel zu spazieren. Gewandelt hatte sich zum Glück viel, wenngleich das Kottbusser Tor immer noch so grauenvoll ausschaut wie vor zehn Jahren. Insofern wäre der Name Kotbusser Tor passend. Don Alphonsos Polemiken gegen Berlin sind nicht von der Hand zu weisen, andererseits gehört das alles mit dazu, und als Bewohner eines anderen Kiezes oder als Tourist ist ein Besuch spaßig und hat Vergnügungsfaktor, wenn ich nur weiß: ich gelange nach ein oder zwei Stunden wieder in mein beschauliches, ruhiges, manche sagen auch langweiliges Viertel zurück. Punkrock ist vorbei, when the music is over, Endspiel, letztes Lied, dann gibt die Jukebox Ruhe. „Versuch über die Jukebox“: Original Wurlitzer, Retro-Sound im Vierteltakt. „Aber hier leben? Nein danke!“ Sicherlich ist das heutige Kreuzberg nicht mehr das von früher, und vom Satz aus „Ideals“ Berlinhymne blieb nicht mehr viel übrig: „Oranienstraße, hier lebt der Koran, da hinten fängt die Mauer an, Mariannenplatz rot verschrien …“.

Nach einem Zug durch die Straßen gingen wir in den Görlitzer Park: grün dachte wir. Ich mag das ja im Grunde, wenn sich etwas anstaut. Ich sehe die Einsatzwagen, sehe die Bullen in Zivil. Einige kenne ich. Ich bin ein Teil des Teils vom Teil. Wenn auf einer Demo eine Situation eskaliert, wenn es kurz davor steht: daß es kracht, platzt, ausbricht, dann steigt mein Adrenalin. „Helm auf, Helm auf!“ gehen die Rufe, „Der ganze Zug nach vorne und die Straße dicht machen!“ Funkgeräte knistern, Blaulicht, Martinshorn: „Ganz Berlin haßt die Polizei!“ Knallen von Feuerwerk. Arschloch. Auch ich jetzt. Helm auf. Kreuzbergsound? Nein. Das ist überall. Adrenalin. Erinnerungsfetzen von früher her geweht. Wir passieren den Eingang zum Görlitzer Park von der Skalitzer Straße her. Brachland, das den Namen Park kaum verdient. (Ich kommentierte das hier und weiter oben.) In der Nähe dieser kargen Flächen befindet sich die Muskauer Straße. Der Dandy und Parkgestalter Fürst Hermann Ludwig Heinrich von Pückler-Muskau fiele entsetzt vom herrscherlichen Fürstenstuhl oder stürbe vor Scham noch einmal den Tod des Ästhetikers, wenn er erführe, daß in der Nähe dieses Geländes eine Straße nach ihm benannt wurde. Wer je im Park Babelsberg sich aufhielt, kann eine Idee davon bekommen, wie Natur und Kunst in einer Parklandschaft verschmelzen können, wie Blickachsen gesetzt werden, wie Wege verschlängelt durch einen Raum aus gestalteter Natur sich ziehen, wie Gebäude und Natur einander im Wechselspiel der Blicke begegnen. (Jetzt rilkets wieder, klingts im Ohr, ein hohler Ton: Mach den Ofen heiß! Aber recht hab ich doch!)

Das Miteinander von Menschen im öffentlichen Raum gestaltet sich nicht immer einfach und mitunter schwierig. Die einen wollen grillen, die anderen chillen und dritte wieder in einer angenehmen Atmosphäre verweilen. Dieses Beieinander der Verschiedenen hat zugleich etwas mit Rücksicht zu tun. Diese vermisse ich in diesem Park, ansonsten kann ich mir den hingeworfenen Müll und die verhackstückten Wiesen mit ihren Grasgrabnarben nicht erklären. Dafür mag es gute Gründe geben, Verwahrlosung mag in bestimmten gesellschaftlichen Aspekten seine Ursache haben. Wie ein geselliges und doch von bestimmten Konventionen getragenes Miteinander des Verschiedenen sich gestalten kann, dafür findet sich in Goethes Novelle „Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten“ ein interessantes Beispiel. Daß solche Formen gelingender Kommunikation und dessen, was bei Adorno Takt heißt, heute nicht mehr in dieser Weise möglich sind, liegt auf der Hand. Daß in solchen Gefilden ein Charakter sich naturgemäß nicht entfalten kann, ebenfalls.

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Daily Diary (110)

 
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Die Logiken der Sammlung – All das köstliche Krebsfleisch!

Ich betrete das Museum für Völkerkunde in Dahlem, schlendere zunächst wie ein Spaziergänger zwischen den Objekten, um mich auf die Kontemplation einzustimmen. Museum ist Zen-Buddhismus für den Bewohner des Okzidents. Der Okzidentale wandelt sich im guten alten Museum zum beruhigten Bewohner der Innenwelt. Ich setze mich, bringe die Sinne zusammen. Vergeblich. Kinder turnen herum, sie machen Lärm, halten den Ort für einen besonderen Spielplatz. Solche Kinder-Besuche mögen museumspädagogisch wertvoll sein, dennoch bin ich der Meinung, daß quakende, quengelnde, unerzogene Kinder nicht ins Museum gehören. „Was wollen die hier?“, frage ich mich, aus der Ruhe gebracht und mit Zorn im Blick: auf die Kinder, die ja eigentlich nichts dafür können, und mehr noch auf die unerzogenen Eltern, und wenn ich mir das halbgebildete Gequatsche der Eltern anhöre, bestärkt es mich in der Ansicht Rousseaus, daß den meisten Eltern grundsätzlich die Kinder weggenommen gehören, weil: So kann man an den Kindern noch etwas Gutes tun. Aber ich habe keine Kinder, insofern ist es mir egal. Andererseits kenne ich Mütter, die wissen, wie man mit Kindern in einem Museum sich bewegt. (Nein, ich delegierte die Erziehung nicht an Frauen, jedoch kenne ich nun einmal mehr Frauen als Männer.) Aber der Halbbildungsbürger aus dem fernen Pankow (zugereiste Pankower, naturgemäß, keine einheimischen) schleppt seine Kinder ins Museum im fernen Dahlem. „Sophie-Charlotte, magst Du nicht ein wenig leiser sein? Ich meine natürlich, nur wenn du Lust hast.“ Natürlich mag Sophie-Charlotte keineswegs leiser sein. Und Philip-Anton ebensowenig. Nun hat sich Philip-Anton den Kopf an einer Vitrine gestoßen und schreit wie am Spieß. Hämisches Lachen klingt im Gang. Aber darüber wollte ich eigentlich gar nicht schreiben, doch wenn ich schon einmal dabei bin, kann ich’s ja erzählen.

Im Blick auf das ethnologische Museum in Dahlem ergibt sich die Frage nach dem Ordnungsprinzip einer solchen Sammlung. Wie werden die Exponate zusammengestellt, was erfahren wir über den Hintergrund der ausgestellten Dinge, auf welche Weise kamen sie ins Museum? Weshalb betrachten wir eine afrikanische Fetischfigur als Kunstwerk, während die, welche diese Figur in einem Ritual oder in einem andern Zusammenhang verwendeten, nie auf die Idee kämen, in diesem Objekt einen kontemplativen oder aber einen für die ästhetische Erfahrung geöffneten Gegenstand zu sehen? Es übt zwar einen großen Reiz aus, durch die Gänge dieses Museums zu schlendern, die zusammengetragenen Objekte zu betrachten. Aber das Wissen um die Hintergründe oder zumindest die Ahnung davon, verleiht der Betrachtung ein beklemmendes Gefühl. Die Objekte sind nach der Logik der Taxinomie geordnet (wenngleich dies eher ein Begriff der Naturwissenschaften und speziell der Biologie ist, um im Tierreich zu klassifizieren.) Michel Foucault zitiert in seinem Buch „Die Ordnung der Dinge. Eine Archäologie der Humanwissenschaften“ einen Text von Jorge Luis Borges, um das Fremde eines Ordnungsschemas aufzuzeigen, wenn wir es einmal von außen betrachten. Dieser Text von Borges zitiert eine „eine gewisse chinesische Enzyklopädie“:

„Die Tiere lassen sich wie folgt gruppieren:

a) Tiere, die dem Kaiser gehören, b) einbalsamierte Tiere, c) gezähmte, d) Milchschweine, e) Sirenen, f) Fabeltiere, g) herrenlose Hunde, h) in diese Gruppe gehörige, i) die sich wie Tolle gebärden, j) unzählbare, k) die mit einem ganz feinen Pinsel aus Kamelhaar gezeichnet sind, i) und so weiter, m) die den Wasserkrug zerbrochen haben, n) die von Weitem wie Fliegen aussehen.“ (J.L. Borges, Die analytische Sprache des John Wilkins, in: Gesammelte Werke, Essays 1952-1979)

 Genauso absurd wie diese Einteilung der Tiere mutet die Staffierung der ethnologischen Sammlungen an. Es läuft auf „unsere tausendjährige Handhabung des Gleichen und des Anderen“ hinaus, solche aus der Ferne betrachtete Taxinomie, wie sie Borges vorführt, ruft bei uns ein gewisses Erstaunen oder ein Schmunzeln hervor. Aber Fremde von einem anderen Kontinent würden die Ordnung der ethnologischen Sammlungen in Europa womöglich mit ebensolcher Verwunderung, und vielleicht auch mit ein wenig Ärger wahrnehmen, wenn sie an die Herkunft der Gegenstände und die Art ihrer „Besorgung“ denken.

Doch es gibt ebenfalls andere Arten zu sammeln, die in gewissem Sinne mit einer privaten Marotte zu tun haben. Es ist die Vielfältigkeit des Sammelns: Sammelleidenschaften, sich nach einem Schock sammeln (das gehört in einer bestimmten Weise ebenfalls zur Logik der Sammlung, einer introspektiven Sammlung allerdings), Dinge sammeln, in Alben, Kästen oder Vitrinen stellen, sie dort versiegeln. Der Sammler ist, je ausgefallener seine obskuren Objekte der Begierde sich darbieten, nach Walter Benjamin eine eigentümlich verschrobene, aus der Zeit geschleuderte Figur. Schrullig, wie es heute mache der Theaterfiguren von Marthaler in ihrer Versponnenheit und in ihrer verzögerten Wahrnehmung sind. Aber es zeigt sich in seiner Tätigkeit ein Moment von geschichtlicher Wahrheit. Denn der Sammler unterhält ein rätselhaftes Verhältnis zum Besitz, so Benjamin in seinem Text „Ich packe meine Bibliothek aus. Eine Rede über das Sammeln“. Er bemißt die Dinge nicht nach ihrem Funktionswert oder ihrem Nutzen, sondern er inszeniert sie in einer eigenen Weise als Schauplatz und Theater des subjektiven Blicks wie auch als Schicksal der Dinge.

„Es ist die tiefste Bezauberung eines Sammlers, das Einzelne in einen Bannkreis einzuschließen, in dem es, während der letzte Schauer – der Schauer des Erworbenwerdens – darüber hinausläuft, erstarrt. Alles Erinnerte, Gedachte, Bewußte wird Sockel, Rahmen, Postament, Verschluß seines Besitztums. Zeitalter, Landschaft, Handwerk, Besitzer, von denen es stammt – sie alle rücken für den wahren Sammler in jedem einzelnen seiner Besitztümer zu einer magischen Enzyklopädie zusammen, deren Inbegriff das Schicksal seines Gegenstandes ist. Hier also, auf diesem engen Felde läßt sich mutmaßen, wie die großen Physiognomiker – und Sammler sind Physiognomiker der Dingwelt – zu Schicksalsdeutern werden. [Hinweis Bersarin: Wogegen allerdings der Naturwissenschaftler und Aphoristiker G.Ch. Lichtenberg in bezug auf den Physiognomiker Lavater und seine Schrift „Physiognomischen Fragmente zur Beförderung der Menschenkenntnis und Menschenliebe“ in seiner Satire „Fragment von Schwänzen“ sich belustigte.] Man hat nur einen Sammler zu beobachten, wie er die Gegenstände seiner Vitrine handhabt. Kaum hält er sie in Händen, so scheint er inspiriert durch sie hindurch, in ihre Ferne zu schauen.“ (Walter Benjamin)

Daß diese Ferne das Auratische bezeichnet – die „einmalige Erscheinung einer Ferne, so nahe sie sein mag“ – wissen wir seit Benjamins Kunstwerkaufsatz. Mit dieser Ferne können, im Sinne Benjamins, sowohl Objekte der Kunst als auch Phänomene der Natur gemeint sein. Hier, inmitten der Sammlung, liegt das Auratische in einer Art Reise in die Ferne, nämlich dahin, wo einstmals diese Dinge ihren Ort hatten. Die gesammelten Objekte unterliegen insofern einer mehrfachen Betrachtung. Sie sind bevorzugte Gegenstände der Imagination (insbesondere beim Briefmarkensammeln gut zu beobachten), sie sind in der Welt diesseits der Sammlung Gebrauchsgegenstände gewesen, sie fungieren nun – gemäß einer Logik des Ausstellungswertes – einerseits als funktionslose Objekte, aber auch als Fetische, mit einem Blick belegt, der diese Objekte aus ihrem Zusammenhang entrückt. Die Gegenstände zeugen von etwas, von dem der Betrachter ohne Kontextwissen oft nichts ahnt. Das unterscheidet solche gesammelten und dann aus dem Kontext gerissenen Gegenstände nicht von den Objekten der ethnologischen Sammlung – wenngleich hinter letzterer ein bestimmtes Dispositiv der Macht und ein gesellschaftliches Schema der Ordnung steht.

Daß solchen Objekten ein gewisser Kultwert anklebt, zeigen diverse Sammlungen. Bibliotheken, wie Benjamin sie beschreibt, Münz- oder Käfersammlungen oder zusammengetragene Fan-Objekte einer Pop-Band, wie in Berlin im Ramones-Museum gezeigt; oder überhaupt Schallplattensammlungen, wenn unter Freunden die Trophäen präsentiert werden: hier eine Erstpressung in gelbem Vinyl, da eine Ausgabe, die nur in Japan auf den Markt kam usw.

Der Blick in die Ferne scheint mir am schönsten in den Regionen des Meeres möglich: Als Kinder sammelten wir am Meer Muscheln, meine Schwester fing Taschenkrebse, mit denen sie zur Freude der übrigen Kinder ein Wettrennen auf der Strandpromenade veranstalte, sie ließ von den übrigen Kindern auf die Krebse wetten und sammelte dafür allerlei Kindertand oder kleine Münzen ein. Ich hielt mich von der Vielzahl der Kinder und Menschen fern, sammelte Seesterne, Muscheln, Steine und Geäst im Wasser. Ich trocknete diese Seesterne am Strand oder in den Dünen, wo es hitzig und windstill war, in der Sonne. Doch diese getrockneten Seesterne stanken nach einiger Zeit in der „Pension Jansen“ erbärmlich und erweckten nicht nur den Argwohn der Pensionswirtin, sondern auch den der Eltern. Nicht die Verheißung des Meeres blieb in getrockneter Gestalt, als Form bewahrt, zurück, sondern ein widerlicher Geruch, so daß die Eltern umstandslos das getrocknete Zeug in einer Mülltonne entsorgten. Es überstand nicht einmal die Fahrt mit der Fähre zurück nach Hause. Anders die Muscheln und die mitgebrachten kleinen Steine. Die im Eimer in die Pension mitgeschleppten Krebse kippte der Vater auf den roten Backsteingehsteig. Er zertrat sie mit seinem seinen Sandalen und einem klaren Lachen; dann blickte er uns an und sagte: „Das ist euch eine Lektion, damit ihr nie wieder Lebendes aus seinem Element hervorholt!“ Als Biologielehrer wußte der Vater wahrscheinlich, wovon er sprach. Die Schwester weinte noch ein wenig. Aber bald schon hatte sie in der Leichtigkeit ihres kindlichen Daseins die im Eimer gesammelten und nun zertretenen Krebse wieder vergessen.

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