Liberalistische Vertragstheorie

Veröffentlicht in Gedichte mit Tags am 21. November 2009 von bersarin

Lütt matten, de Has´,
de maak sick een Spaß
he weer bi´t Studeern
dat Danzen to lehrn
un danz ganz alleen
op de achtersten Been

Keem Reinke de Voss
un dach: dat´s een Kost!
Un seggt: „Lüttje Matten,
so flink op de Padden?
Un danzst hier alleen
op dien achterste Been?

Kumm laat uns tosam!
Ik kann as de Daam!
De Kreih, de speelt Fidel,
denn geiht dat kandidel,
denn geiht dat man scheun
op de achtersten Been!“

Lütt Matten geev Poot,
de Voss beet em dood.
Un sett sick in´n Schatten,
verspies de lütt Matten.
De Kreih, de kreeg een
vun de achtersten Been

Berlin – Hohenschönhausen (3)

Veröffentlicht in 20 Jahre keine DDR, Fotografie, Photographie mit Tags , am 17. November 2009 von bersarin

20 Jahre keine DDR (Teil 12)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  Alle Photographien: © Bersarin 2009

Sloterdijk – und kein Ende

Veröffentlicht in Gesellschaft, Politik mit Tags am 14. November 2009 von bersarin

Eigentlich ist ja alles gesagt und geschrieben, und es ist müßig, weil‘s sich im Kreise dreht. Auch sind die Namen der Protagonisten am Ende und im Resultat egal, weil es sich um die reine Bewegung der Theorie bzw. der After-Theorie handelt, und so verhält es sich auch mit dem Autorennamen Franz Sommerfeld, welcher in der Ausgabe der Berliner Zeitung vom 12.11. einen Text schrieb mit dem Titel. „Die neuen Sozialliberalen. Peter Sloterdijks Fragen nach den ethischen Grundlagen des Sozialstaats sollte man nicht mit überlebten Antworten abwürgen.“

Es sei zur Erheiterung für diejenigen unter meinen Lesern, welche der „Berliner Zeitung“ nicht teilhaft werden können, daraus ein wenig zitiert:

„Sloterdijk geht es vielmehr darum, die ethischen Grundlagen des modernen Steuerstaates zu hinterfragen: Wie hoch darf der Staatsanteil sein? Woran wird er gemessen? Was ist sozial gerecht? Muss man sich guter Bezahlung für gute Leistung genieren, weil eine Reihe von Investmentbankern jedes Maß verloren hat?

Diese Fragen des ewigen SPD-Wählers Sloterdijk werden viele der 6,3 Millionen FDP-Wähler ähnlich stellen; 17 Prozent der unter Dreißigjährigen haben bei der Bundestagswahl liberal gewählt. Ein genauerer Blick in die Untersuchungen zur Wahl zeigt zudem, dass hier keine Generation kaltherziger Neoliberaler heranwächst, sondern junge, durchaus sozial eingestellte Pragmatiker, wenig ideologisch gesteuert und natürlich ökologisch verantwortungsbewusst. Vielleicht lassen sie sich als ‚neue Sozialliberale‘ charakterisieren, auch wenn der Begriff geschichtlich besetzt ist. Zwischen den App-verliebten I-Phone-Fans und den Fortschrittsgläubigen der 1970er-Jahre gibt es mehr Parallelen, als man auf den ersten Blick vermuten mag. Eine größere Nüchternheit ist allerdings in Fragen der Machbarkeit entstanden, nicht nur aus finanziellen Nöten.“

[...]

Mit dem Rückgang fester Arbeitsbeziehungen und der Entwicklung eines Marktes von freien Beschäftigten verändern sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und schließlich auch die Einstellungen. Wer unter schwierigen Verhältnissen auf seine Leistung stolz ist, hinterfragt den Sinn seiner Abgaben an den Staat naturgemäß eher.

[...]

Es gehe darum, schreibt Sloterdijk, den Leistungsträgern ‚als Gebern‘ Genugtuung zu verschaffen und den Bruch mit der staatlichen Mangelpflege einzuleiten.

[...]

Die Beschäftigung mit den tatsächlichen Verhältnissen ist der erste Schritt zu ihrer Veränderung. Dahinter gibt es kein Zurück. Wer versucht, mit alten Mustern Diskussionen abzuwürgen, der scheitert. Das haben Axel Honneth und Christoph Menke erfahren müssen, zwei der renommiertesten Kritiker Sloterdijks, als sie dessen Anstöße – wie der Literaturwissenschaftler und Merkur-Herausgeber Karl-Heinz Bohrer spitz bemerkte – als faschistoid brandmarkten. Doch die so bewährte und beliebte ‚Antifa-Keule‘ versagte den Dienst. Der Geist der Zeit, schreibt Sloterdijk, sendet neue Signale. Es wäre fatal, sie nicht empfangen zu wollen.“

Sloterdijk hält also ein solches Plädoyer für die Abschaffung des Steuerstaates, weil er eine Kritik formulieren möchte, die ein fiskalpolitisches Umdenken anregen will. Dies mutet doch seltsam an und erinnert ein wenig an jenen von Heinrich Heine in seinem Aufsatz „Religion und Philosophie in Deutschland“ im Hinblick auf Kant genannten Freund aus Westfalen, der auf der Grohnderstraße zu Göttingen alle Laternen zerschlug und dort im Dunkeln eine Rede über die praktische Notwendigkeit der Straßenlaternen hielt. Nur daß es bei Sloterdijk dann beim bloßen Zerschlagen der Laternen geblieben ist.

Wenn es Sloterdijk darum ginge, eine ernsthafte Kritik zu führen, so hätte diese woanders ansetzten müssen. Gerade die bestens versorgte (steuerzahlende) gehobene Mitte der Gesellschaft kann Gegenstand von Kritik nur sein, indem diese gehobene Mitte, welche einen Niedriglohnsektor erst möglich machte, samt ihren Praktiken selbst in den Blick genommen wird.

Interessant natürlich auch die Wendung von den „alten Denkmustern“. Da die Ewig-Gestrigen, die obligatorischen Frankfurter, hier die Neue Mitte. Diese aus der Klamottenkiste von PR-Agenturen hervorgekramte Allerweltsformel „alte Denkmuster“ zeigt deutlich, wohin die Reise tatsächlich geht: Begriffe wie Gerechtigkeit gehören in den Augen jener Umverteiler vielleicht nicht völlig abgeschafft, es müssen in ihrer philosophischen Feinmechanik aber einige Schrauben und Windungen neu justiert werden, so daß sich am Ende eine qualitative Veränderung ums ganze ergibt. Es geschieht die Neukonstruktion von Realität nicht nur mittels Sprache, sondern auch auf der Ebene der Fakten.

Daß in Sommerfelds Text – nebenbei bemerkt – Begriffe wie sozialliberal und Sozialdemokratie im Zusammenhang mit solchem Denken benutzt und umgepolt werden können, zeigt den tiefen, sehr tiefen Fall der Sozialdemokratie aufs trefflichste an. (Ich mag nicht einmal mehr darüber spotten, weil es in der Tat nur noch eine Tragödie ist, die sich momentan auf dem Parteitag als Farce wiederholt.)

Im übrigen aber erledigen sich diese ganzen Dinge sehr zügig, wenn man, gut an Hegel geschult, die gebrauchten Begriffe daran mißt, was sie unter sich befassen und ihre Stellung zur Wirklichkeit ausmacht sowie das darlegt, was sich in ihnen sedimentiert. Dies fängt bei einem so feinen Begriff wie dem des „Leistungsträgers“ an. Bereits hier zeigt sich, wie die gesellschaftlichen Wertschätzungen verteilt sind: die einen leisten und die anderen arbeiten eben oder bemühen sich, an Arbeit zu gelangen. Für den kargen Lohn haben sie Dankesbezeugungen zu erbringen: „Danke, für meine Arbeitsstelle, danke für jedes kleine Glück.“ Zum Dank fürs Danken empfangen sie dann die Geschenke, welche ihnen huldvoll dagereicht werden. (Ich will aber gar nicht so sehr das Lob dieses kleinen Mannes, des Malochers oder des Nicht-Malochers singen, denn dieser ist, in seiner Weise freilich, nicht einen Deut besser als sein Gegenstück. Im Grunde empfängt er also genau das, was er verdient.)

Friedrich Schiller – zum 250. Geburtstag

Veröffentlicht in Aufklärung, Geburtstage, Ästhetische Theorie mit Tags am 10. November 2009 von bersarin

Tja, was soll man zu Schillers Geburtstag schreiben? Vielleicht mit Wolfgang Neuss beginnen?: „In der Schule ham wir immer Schiller aufsagen gemußt: Schiller, Schiller, Schiller, Schiller, Schiller, Schiller …“

Aber für all die hohlen Phrasen, die als ästhetischen Mehrwert den Distinktionsgewinn zum Ergebnis haben, und für die hohen Töne, für den nationalen Pathos, da kann er nichts, der Lieblingsdichter der Deutschen, genauso wenig wie Hölderlin. Womit also bei Schiller beginnen? Gut, ein paar kurze Worte zur Ästhetik also, was ja durchaus naheliegt.

Vielfältig hat sich Schiller an der Ästhetik abgearbeitet, nicht nur auf die poetische Weise, sondern genauso im Rahmen der Theorie, setzte sich, wie so mancher seiner Zeitgenossen, mit der wie ein Meteor einschlagenden dritten Kantischen Kritik auseinander. Allerdings: im Gegensatz zu Kleist verzweifelte er an jenem Kantischen Dualismus, der mit den beiden ersten Kritiken gegeben war, nicht. Vielmehr formulierte er in verschiedenen philosophischen Texten, so in den Kalliasbriefen, in der Schrift „Anmut und Würde“ bis hin zur „Ästhetischen Erziehung“ eine Theorie des Schönen aus, das sich nicht rein am Subjekt orientierte, sondern ein objektives Moment in Stellung brachte. Insbesondere war jene „Ästhetische Erziehung“ in aufklärerischer Absicht geschrieben und durchaus als Reaktion auf die (blutige) Französische Revolution zu verstehen, die es am Ende, zumindest aus Schillers Sicht, nicht vermochte, die Gewalt zu mildern und das Humane zu befördern.

Zeitlich und auch thematisch angesiedelt zwischen Kant und Hegel, nicht mehr einer eher aufs Subjekt bezogenen Ästhetik zuneigend, aber zum Objektiven einer Hegelschen Bewegung im Rahmen der bestimmten Negation noch nicht hinreichend, inmitten der Romantik, die allerdings in den ästhetischen Positionen ihrer Zeit die wohl avancierteste Ausformulierung ästhetischer Fragen darstellte und sich am ehesten mit der Moderne kompatibel erweisen sollte. (Man vergleiche hierzu etwa die instruktiven Ausführungen Karl Heinz Bohrers in „Die Kritik der Romantik“ oder „Der romantische Brief. Die Entstehung ästhetischer Subjektivität“.)

Jedoch: in einem bestimmten Sinne kann man sagen, daß auch Schiller im Ansatz (zumindest mit einem verkürzten Bein) in die Moderne fällt, zeigt sich doch schon bei ihm jene grundlegende Erfahrung der Zerissenheit, die das Signum der Moderne abgeben sollte, wenngleich Schillers Ideal an einem Phantasma des Antiken orientiert war, für das man den Namen Weimarer Klassik erfand. Doch genauso sollte sich Schiller als modernitätskompatibel erweisen, was den Aspekt einer gesunden Skepsis gegen jede Form von Überbietungs- und Souveränitätsästhetik anbelangt; insbesondere was die Überästhetisierung und die Ästhetisierung der politischen Sphäre betrifft: das Reich des schönen Scheins, der ästhetische Staat fügt sich in Grenzen:

„In dem ästhetischen Staate ist alles – auch das dienende Werkzeug ein freier Bürger, der mit dem edelsten gleiche Rechte hat, und der Verstand, der die duldende Masse unter seine Zwecke gewalttätig beugt, muß sie hier um ihre Beistimmung fragen. Hier also, in dem Reiche des ästhetischen Scheins, wird das Ideal der Gleichheit erfüllt, welches der Schwärmer so gern auch dem Wesen nach realisiert sehen möchte; und wenn es wahr ist, daß der schöne Ton in der Nähe des Thrones am frühesten und am vollkommensten reift, so müßte man auch hier die gütige Schickung erkennen, die den Menschen oft nur deswegen in der Wirklichkeit einzuschränken scheint, um ihn in eine idealische Welt zu treiben.

Existiert aber auch ein solcher Staat des schönen Scheins, und wo ist er zu finden? Dem Bedürfnis nach existiert er in jeder feingestimmten Seele, der Tat nach möchte man ihn wohl nur, wie die reine Kirche und die reine Republik, in einigen wenigen auserlesenen Zirkeln finden, wo nicht die geistlose Nachahmung fremder Sitten, sondern eigne schöne Natur das Betragen lenkt, wo der Mensch durch die verwickeltsten Verhältnisse mit kühner Einfalt und ruhiger Unschuld geht und weder nötig hat, fremde Freiheit zu kränken, um die seinige zu behaupten, noch seine Würde wegzuwerfen, um Anmut zu zeigen.“

Den letzten Satz kann man, trotz seines Pathos, das bei Schiller zuweilen ein wenig aufdringlich mitschwingt, nur doppelt hervorheben.

Bereits in diesem Zitat tritt deutlich hervor, daß die Ausbildung ästhetischer Subjektivität, daß die Ausdifferenzierung der Ästhetik als eines eigenständigen Bereichs mit der Herstellung des bürgerlichen Selbstbewußtseins korrespondiert, wie ich dies schon in meinem Text zu Adornos Musikaufsatz vom letzten Samstag andeutete. Es ist genau jener kleine Kreis, wie ihn etwa Goethe in seiner Novelle „Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten“, schilderte, in dem solche Ausbildungen möglich sind und in dem sich ein Verhalten gegenseitiger Anerkennung einstellt, das gepaart ist mit verschiedenen Formen der Poetisierung von Welt, gipfelnd eben in jenem Märchen. Diese „Unterhaltungen …“ sind selber wiederum eine ästhetische Reaktion auf die Französische Revolution, und sie beginnen ja auch ganz konkret mit dieser. Und obwohl der Begriff der ästhetischen Erziehung hier nicht fällt, so mag diese Novelle sicherlich ein Muster für jene Erziehung abgeben. Hinzuweisen sei natürlich darauf, daß beide Werke etwa zeitgleich 1794 bzw. 1795 erschienen.

Gleichzeitig ist das ästhetische Reich aber nicht von dieser Welt. Ein wenig schwingt hier sicherlich jenes Motiv der Zwei-Welten-Lehre mit, eben das Gebot des Satzes „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist“. Es siedelt in diesem Text insofern schon ein gutes Stück (notwendiger) Idealismus. Und erst ein Heine konnte den Himmel dann den Tauben und den Spatzen überlassen, weil nun neue und bessere Lieder gesungen werden mußten.

Dennoch: das Konzept, welches Schiller in diesen Briefen entfaltet, ist sicherlich nicht zu den philosophischen Akten zu legen, sondern lohnt sich weitergedacht zu werden; vielleicht weniger in ästhetischer, aber doch in anthropologischer bzw. ethischer Hinsicht läßt sich aus diesem Text heraus manches Motiv und mancher Gedanke, wie etwa der des Spieltriebs und der Freiheit, fruchtbar machen.

9. November – 20 Jahre keine DDR (Teil 11)

Veröffentlicht in Uncategorized am 9. November 2009 von bersarin

Reise, Reise – Fahrvergnügen …“

Der 9. November ist ein für Deutschland historisch vielschichtiges Datum. Ich will das nicht weiter kommentieren. Es wird mit diesen Daten jeder sein eigenes Eingedenken machen oder auch nicht. Ich greife für diesen Tag einen Aspekt heraus. Die Photographien entstanden 1982. Ich habe damals mit einer sowjetischen Zenit-Spiegelreflexkamera photographiert.

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  Alle Photographien: © Bersarin 2009

Auftakt zum Mauerfall

Veröffentlicht in Musikalisches am 8. November 2009 von bersarin

Das Video zum Sonntag:

Nachtrag: Die Band, die das einst sang, hieß S.Y.P.H.

Adorno und die „Musik in der verwalteten Welt“

Veröffentlicht in Adorno, Gesellschaft, Kritische Theorie, Philosophie, Ästhetische Theorie mit Tags , am 7. November 2009 von bersarin

Zu Adornos Aufsatz „Über den Fetischcharakter der Musik
und die Regression des Hörens“ (1)
 

I. Vorbemerkungen 

Der erstmals 1938 in der „Zeitschrift für Sozialforschung“ veröffentliche Aufsatz Adornos (1) ist, wie bei vielen Texten Adornos, im Grunde gar nicht oder zumindest sehr schwer referierbar. Diese Schwierigkeit schuldet sich ganz wesentlich der Dichte des Textes und einem Bündel von Voraussetzungen, die in Adornos Text zwar implizit mitgedacht, kaum aber ausgesprochen werden. Daß eine dieser theoretischen Voraussetzungen Aspekte der Marxschen Theorie aus dem „Kapital“ beinhaltet, mag der Titel des Aufsatzes andeuten. (Insofern ist dieser Aufsatz deutlich postmarxistisch inspiriert und durchaus als Rekurs auch auf Georg Lukács‘ „Geschichte und Klassenbewußtsein“ zu begreifen, das Adorno, im Gegensatz zu den Schriften des späteren Lukács durchaus schätzte.)

Was – im Rahmen dieses Aufsatzes – die Konzeption von Ästhetik bei Adorno betrifft, so wird kaum auf bestimmte Positionen (klassischer und moderner) Ästhetik verwiesen, sondern vielmehr geht es sogleich ins Detail. Der Text beruft sich insofern nicht auf irgend eine Ästhetik, sondern er ist selber eine materiale, an der Gesellschaft und ihren Mechanismen der Zuschneidung ausgerichtete. (Daß in den Text auch psychoanalytische bzw sozialpsychologische Kategorien hineinspielen, ist sicherlich genauso dem Titel zu entnehmen.) Und natürlich läßt dieser Aufsatz sich als eine Vorstudie zur „Dialektik der Aufklärung“ lesen und steht damit im Zusammenhang einer umfassenden (nichtkonservativen) Kulturkritik.

Diese Auseinandersetzung des Textes mit der Gesellschaft sowie ihrer Funktionsweise ist vor allem dem Umstand geschuldet, daß sich Adornos Aufsatz auch als eine Kritik des Kunstwerkaufsatzes von Walter Benjamin („Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“, 1936) versteht. Insbesondere die Hoffnung auf eine massenkompatible, aufklärerisch gestimmte Kunst, die es vermag, das Bewußsein dieser Masse zu politisieren und in der veränderten Rezeptionshaltung vermittels der neuen Medien ein anderes Bewußtsein zu erzeugen, teilt Adorno keineswegs. Insbesondere die nichtauratische Kunst des Films und eine Rezeptionsweise, die das (bürgerlich) Kontemplative überschreitet, sind für Adorno mehr als problematisch. Auch läßt sich der von Benjamin beschriebenen faschistischen Ästhetisierung der Politik nicht die Politisierung der Ästhetik als Part des Guten entgegenstellen. Ein solche Neigung hin zu dieser einen Seiten des Dualismus ist für Adorno weder Alternative noch Gewähr für eine gelungene Aufklärung; schon gar nicht dafür, daß sich irgend etwas zum Besseren wendete. Das Bewußtsein des Arbeiters hat dem des Kapitalisten kaum mehr etwas voraus. Vielmehr sind einerseits die Mechanismen in den Blick zu bekommen und der Kritik zu unterziehen, die es ermöglichen, eine manipulierbare Masse zu erzeugen, und andererseits muß im Rahmen einer Ästhetik dargestellt werden, was dies für das Kunstwerk selber, hier für die Musik, bedeutet.

Problematisch ist eine Politisierung der Kunst, weil dieses Verfahren zu einer Instrumentalisierung der Kunst gerät, welches sich am Ende in der Wahl der Mittel und Zwecke gleichgültig verhält. Kunst verkommt zur Reklame für ein ideologisches Gut, wird zur ästhetischen Selbstgefälligkeit, die das Gute und – als Nebenaspekt der Sache – auch das Wahre sowie Schöne für sich gepachtet hat. Doch denke ich, daß die Aspekte, welche Benjamin in seinem Kunstwerkaufsatzes vorbringt, gerade auch im Hinblick auf die Massenmedien, so bedeutsam sind, daß man hier wohl ein wenig wird gegen Adorno lesen müssen. Auch wäre eine Auseinandersetzung mit dem Benjaminschen Politikbegriff sowie seine Konzeption von Materialismus nicht uninteressant. (2)

Im Vergleich zu den Thesen Benjamins ist Adornos Begriff von Kunst sicherlich einer eigentlich in Vergessenheit geratenen bürgerlichen Sichtweise geschuldet (3). Doch hat sich Adorno durch diese Zurückhaltung in politischen Dingen gleichzeitig vor manchem ästhetischen Fehlschlag und einer Instrumentalisierung der Kunst zugunsten des vorgeblich höheren Zweckes, der nie davor gefeit ist, umzuschlagen, bewahrt. Allerdings hat diese Aversion gegen eine Massenkunst die Schattenseite, daß es sich mit Adorno eben nur bedingt ins Kino gehen läßt. Es müßten hierzu schon einige Weichen in der Adornoschen Konzeption umgeschaltet werden. 

II. Kritik des Geschmacks 

Die Klage über den Verfall des musikalischen Geschmacks ist alt, so Adorno, „kaum jünger als die zwiespältigen Erfahrungen, welche die Menschheit auf der Schwelle zum historischen Zeitalter machte: daß Musik zugleich die unvermittelte Kundgabe des Triebes und die Instanz zu dessen Sänftigung darstellt.“ (GS 14, S. 14) Die Anleihe an Nietzsches Tragödienbuch läßt sich gut heraushören, wenngleich gewendet in eine sozialpsychologische bzw. anthropologische Richtung. Musik ist das Rauschhafte, die Ekstase und zugleich die (apollinische) Besänftigung der bacchantischen Regung. Die disziplinierende Funktion von Musik wird seit der griechischen Noetik als hohes Gut hingenommen, so Adorno, und es drängen sich, so spitzt Adorno zu, in jenem Massenzeitalter alle danach, musikalisch parieren zu dürfen.

Im Zustand jener 30er Jahre, angesiedelt zwischen Faschismus, Stalinismus und westlichem Kapitalismus, geht es jedoch nicht mehr darum, das Verhältnis von Rauschhaftem und Maß in de Musik zugunsten einer Seite hin aufzulösen, und diese als mißlungen und jene als irgendwie noch subversiv oder widerständisch auszuweisen. Eine womöglich auspendelnde oder versöhnende Dialektik und eine Bewegung der Sache ist kaum möglich und selber ein Stück des gesellschaftlichen Scheins, der sich im musikalischen Kunstwerk als auch in seinen herabgesunkenen Desideraten, dem Schlager oder dem Jazz, niederschlägt.

Vollends ist dabei im Rahmen der ästhetischen Beurteilung nach Adorno die Kategorie des Geschmacks ausgehöhlt. Ein „interesseloses Wohlgefallen“, ein Geschmacksurteil, wie es noch Kant in seiner „Kritik der Urteilskraft“ analysierte, ist hinfällig.„Die verantwortliche Kunst richtet sich an Kriterien aus, die der Erkenntnis nahekommen: des Stimmigen und Unstimmigen, des Richtigen und Falschen.“ (S. 14)

Diesen Passus Adornos, der sich radikal von der Kategorie des Geschmacks abkehrt, und zwar zugunsten einer wissenschaftlicher Bestimmung von wahr/falsch, kann man fast schon positivistisch nennen, und diese Lesart hat ihren Grund darin, daß eigentlich der Kategorie des Subjekts (weder als eines Lukácsschen kollektiven noch als bürgerlich-individualisiertes Subjekt) nicht mehr zu trauen ist in eben jener verwalteten und standardisierten Welt. Es findet eine Durchstreichung des (emphatisch gedachten) Subjekts statt, und dies tangiert naturgemäß auch die ästhetischen Kategorien. Solche Liquidierung reicht dann hin bis zur Rezeptionsästhetik, die dieser Aufsatz Adornos zu einem guten Teil ja auch ist: gewissermaßen eine Rezeptionsästhetik ohne Rezipienten, zumindest jedoch mit sichtlich deformierten, und zugerichteten:

„… die Existenz des Subjekts selbst, das solchen Geschmack bewähren könnte, ist so fragwürdig geworden wie am Gegenpol das Recht zur Freiheit einer Wahl, zu der es empirisch ohnehin nicht mehr kommt.“ (S. 14)

Die Voraussetzungen einer solchen zugegeben erst einmal generalthesenartig anmutenden Konstruktion sind in diesem Text nicht genannt, und man muß sie rekonstuieren, wenn man die weiteren Bewegungen des Aufsatzes mitgehen will. Ansonsten steht man ziemlich ratlos da. Und hier gelange ich wieder zu der prinzipiellen Nichtreferierbarkeit des Adornoschen Textes. Man kann ihn eigentlich gar nicht darstellen, sondern nur entfalten, indem man sich von Zitat zu Zitiat schreibt bzw. eine Kompositionsleistung erbringt und die Elemente seiner Texte in eine neue Konstellation fügt. Dies ist aber ein Verfahren, was in einem nicht berufsmäßig betriebenen Blog nicht zu leisten ist, weil ganz einfach die Zeit dazu fehlt. So kann ich nur auf eine reduzierte schwundstufenhafte Weise verfahren und zunächst lediglich festhalten, daß es keineswegs die überflugartige Adlerperspektive ist, welche der Text einnimmt. Denn im Grunde verhält sich der Text zu seinem Gegenstand vollständig mimetisch: er verdinglicht, in dem er die Thesen wie die Schüsse aus dem Gewehr nacheinander reiht.

Zunächst zum Geschmack: Dieser war in der Ästhetik seit dem frühen 18. Jahrhundert eine Kategorie, die der Emanzipation des Subjekts von den feudalen Strukturen und (damit korrespondierend) der Ausbildung der Ästhetik als einer eigenen Sphäre, mithin der ästhetischen Autonomie geschuldet ist. Nicht länger mehr steht das Kunstwerk im Dienst des Religiösen oder des Politischen, um in diesen Bezirken zu symbolisieren. Die Herausbildung der Kategorie des Geschmacks ist eng mit der Aufklärung und der Herausbildung von Subjektivität, die sich als Individualität denkt, verflochten. Für diese Prozesse steht die sich herausbildende Klasse des Bürgertums, die in der Epoche der entwickelten Warenwirtschaft ihren gesellschaftlichen Ausdruck fand.

Einige sehr interessante Aspekte zur Kategorie des Geschmacks entfaltet Christoph Menke in seinem Aufsatz in „Texte zur Kunst“, auf den ich demnächst in einem gesonderten Beitrag eingehen möchte. Im Zusammenhang zu diesem Text Adornos sei lediglich dieser Part zitiert:

„Zu dieser [sich im 18. Jhd. herausgebildeten, Hinzufügung Bersarin] Ästhetik des Geschmacks führt kein Weg zurück. Sie ist gebunden an die gleichzeitig entstehende bürgerliche Gesellschaft, der die Ästhetik (nicht: die Philosophie des Rationalismus) ihre ideologische Grundkategorie des ‚Subjekts‘ bereitstellte. Das bürgerliche Subjekt ist ein Individuum, das sich durch Übungen so geformt, so ‚gebildet‘ hat, dass es ohne fremde Leitung, daher auch ohne Leitung durch eine ihm vorgegebene Methode, durch eigene Reflexionsleistung selbst zu urteilen vermag.“ (Ch. Menke, Texte zur Kunst, Heft 75/2009, S. 41)

Die intensivste Bestimmung des Geschmacksurteils im Hinblick auf das Schöne lieferte Kant in seiner dritten Kritik. Im Rahmen des Geschmacksurteils muß das „Wohlgefallen am Schönen [...] von der Reflexion über einen Gegenstand, die zu irgend einem Begriffe (unbestimmt welchem) führt, abhängen, und unterscheidet sich dadurch auch vom Angenehmen, welches ganz auf der Empfindung beruht.“ (Kant, KdU, B 12) Es zeigt sich in der Kantischen Ästhetik eben nicht nur das Moment der Rezeption oder das des Subjektiven, sondern durchaus und deutlich ist die Nötigung zum Objekt mitgesetzt.

Die gesellschaftlichen Entwicklungen (und darauf reagiert Adornos Text ja) entzogen jedoch den einstmals wirkenden Kräften bürgerlicher und ästhetischer Subjektivität den Boden. Daß das Subjekt noch „durch eigene Reflexionsleistung selbst zu urteilen vermag“, gerät in der vollends entfalteten durchrationalisierten Warengesellschaft zum Trug. Dies motiviert Adornos Einsichten im Hinblick auf eine Rezeptionsästhetik, die als Gesellschaftskritik die Mechanismen der Zerstörung aufzuzeigen hat; darin liegt der Grund für seine Skepsis gegenüber der einstmals so bedeutsamen ästhetischen Kategorie des Geschmacks. Einige Jahre später wird Adorno für solche Prozesse den Ausdruck der „Kulturindustrie“ prägen, der wiederum 20 Jahre später von Hans Magnus Enzensberger zum Ausdruck „Bewußtseins-Industrie“ (4) umgeformt wird. Auszugehen ist vom deformierten Bewußtsein, das sich auf die Rezeption von Musik insgesamt auswirkt:

„Sucht man etwa auszufinden, wem ein marktgängiger Schlager »gefalle«, so kann man sich des Verdachtes nicht erwehren, daß Gefallen und Mißfallen dem Tatbestand unangemessen sind, mag immer der Befragte seine Reaktionen in jene Worte kleiden. Die Bekanntheit des Schlagers setzt sich an Stelle des ihm zugesprochenen Wertes: ihn mögen, ist fast geradeswegs dasselbe wie ihn wiedererkennen. Das wertende Verhalten ist für den zur Fiktion geworden, der sich von standardisierten Musikwaren umzingelt findet. Er kann sich weder der Übermacht entziehen noch zwischen dem Präsentierten entscheiden, wo alles einander so vollkommen gleicht, daß die Vorliebe in der Tat bloß am biographischen Detail haftet oder an der Situation, in der zugehört wird. Die Kategorien der autonom intendierten Kunst sind für die gegenwärtige Rezeption von Musik außer Geltung: weithin auch für die der ernsten, die man unter dem barbarischen Namen des Klassischen umgänglich gemacht hat, um sich ihr weiter bequem entziehen zu können.“ (S. 14-15)

Über solche Sätze wird sicherlich zu diskutieren sein.

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  (1) Später dann wurde er als einer von fünf weiteren Aufsätzen in dem Band „Dissonanzen. Musik in der verwalteten Welt“ aufgenommen. Dieser ist enthalten im Band 14 der Gesammelten Schriften. Es wird hier nach diesem Band zitiert, um dies der Ordnung halber auszuweisen.

(2) Gerade hinsichtlich der kritischen qualitativen Sozialforschung scheinen mir Benjamins Ausführungen (insbesondere zum Paris des 19. Jahrhunderts: so das Passagenwerk und seine Texte zu Baudelaire und zum Paris des Second Empire) methodologisch wenig fruchtbar gemacht. Es zeigt sich darin eine Dialektik, die, etwa durch die Konzeption des dialektischen Bildes, der kritischen Theorie noch einmal eine andere Wendung geben könnte. Die Kontroverse zwischen Adorno und Benjamin insbesondere was den dialektischen und historischen Materialismus angebelangt, ist gut in dem bei Suhrkamp herausgegebenen Briefwechsel zwischen Adorno und Benjamin nachzulesen.

(3) Als Hintergrundinformation: Dieses Bürgerliche bei Adorno ist in einem ganz emphatischen Sinne zu verstehen. Nichts hat es zu schaffen mit jener gerne von Politikern gebrauchten Phrase vom bürgerlichen Lager. Hier und in ähnlichen gedroschenen Wendungen zeigt sich das Bürgerliche lediglich als eine Schwundform, als das herabgesunkene Bildungsgut. Einziges Übrigbleibsel ist in solchen Phrasen vom Bürgerlichen nur noch die Begriffshülle, die eine Distinktion erzeugen möchte. Es weist der Begriff ansonsten aber eine solche Leere auf, daß es Hegel oder Adorno geschaudert hätte. Der Vorwurf an Adorno, er sei bürgerlich, ist insofern nur zutreffend, wenn er in diesem emphatischen Verständnis gebraucht wird. Eine Auseinandersetzung mit dem herabgesunkenen Bürgerlichen nimmt Adorno etwa in seinem Aufsatz „Theorie der Halbbildung“ vor.

(4) Enzensbergers Aufsatz hierzu befindet sich in dem Band „Einzelheiten I“ (bei Suhrkamp).

Berlin – Hohenschönhausen (2)

Veröffentlicht in 20 Jahre keine DDR, Fotografie, Photographie, Uncategorized mit Tags , , , am 5. November 2009 von bersarin

Am Fenster
[20 Jahre keine DDR (10)]

 

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Zum Tode von Claude Lévi-Strauss

Veröffentlicht in Todestage, Virtuelle Fundstücke mit Tags am 3. November 2009 von bersarin

Virtuelle Fundstücke (7)

Und noch eine Frage an die Stillmütter

Hat jemand Erfahrungen mit Stillpads aus Silikon?

Frollein Ährenwort’s Blog

Ich wollte eigentlich zwei Sätze zum Tode von Claude Lévi-Strauss schreiben, der ja immerhin den Poststrukturalismus, insbesondere Foucault und Derrida, beeinflußte und der einer der letzten verbleibenden Großen des strukturalistischen Denkens war.

Aber das hier oben ist einfach das beste und nicht zu übertreffen: bei „WordPress“ in der Rubrik „Angesagtester Beitrag“. Nein, ich kann nichts mehr zu Claude Lévi-Strauss‘ Tod schreiben, weil ich aus dem Lachen nicht mehr herauskommen. Ich habe mir erst einmal eine Flasche Bier geöffnet. Man macht sich eigentlich nicht über andere Blogs lustig, und ich möchte nicht der Stefan Raab der Blogwelt werden, obwohl eine Dokumentation des chronischen Schwachsinns für unsere Nachkommen durchaus seinen Reiz besitzt.

Und im Grunde sogar scheint mir dieses virtuelle Fundstück, wenn ich recht darüber nachdenke, als vollkommen angemessener Ausdruck zum Tode von Lévi-Strauss. Fast wie eine Geste, ein Bild. So etwas ist Ethnologie pur und rein. Man kann da gar nichts mehr sagen und schreiben. Wir haben heute also die Eingeborenen des Internet beobachtet und waren im tiefen Dschungel der virtuellen Welt.

(„Ich verabscheue Reisen und Forschungsreisende“, so beginnen „Traurige Tropen“.)

Sollten es also Frauen geben, die mit Silikonpads ihre Erfahrungen haben oder diese mit mir austauschen wollen, so können sich diese auch gerne bei mir melden. Die Sowjetische Kommandantur Karlshorst gründet ab heute eine Stil(l)gruppe. Nach dem gemeinsamen Stillen und dem Vorzeigen veritabler Brüste üben wir zusammen mit Karl Heinz Bohrer das stilvolle Schreiben von Polemiken gegen Frankfurter Professoren. Danach gehen wir zum lustigen Teil über.

Mein Gott, so fröhlich können Todestage sein.

Bekenntnisse eines Unpolitischen: Peter Sloterdijk in Berlin – ich war dabei

Veröffentlicht in Philosophie, Politik, Uncategorized mit Tags am 2. November 2009 von bersarin

 Nun gebe ich zu, mache coming-out, mache mich unbeliebt, mache confessio, folge dem Beichtzwang, verliere Leser, erhalte zukünftig keine Mailzuschriften mehr von (selbstredend gutaussehenden) blonden Frauen, die wilde Abende mit mir verbringen wollen, bleibe in der Einsamkeit des Gemiedenen: ja, ich habe es getan. Ich bin bei ihm gewesen, habe den Leibhaftigen gesucht und gesehen. Gestern, am Sonntag, einen Tag nach Halloween, zu Allerheiligen im Deutschen Theater zu Berlin: um 11 Uhr morgens, zusammen mit dem an der Humboldt Universität lehrenden Philosophen Thomas Macho:

Peter Sloterdijk

(Also nicht ich, zusammen mit Thomas Macho, sondern Sloterdijk mit Thomas Macho, der allerdings eher soufflierend wirkte bzw. die Rolle des Moderators übernahm. Ein kontroverses Gespräch kam leider nicht auf. Dies wäre an manchen Stellen mehr als nötig gewesen.)

Der Druck in der Magengegend ist fort, denn ich habe es ausgesprochen. Und nun mache ich mich hoffentlich nicht faschismuskompatibel und ausspuckenswert, aber ich fand, auch dies gebe ich nun zu, Sloterdijks Auftritt stellenweise nicht schlecht: Denn immerhin, er ist amüsant, er besitzt Esprit, weiß zu parlieren und zu parieren. Eigenschaften, die ich zunächst einmal schätze, und ich darf das ja als Ästhetiker auch, im Gegensatz zum Gesinnungsethiker. Der Stil, den Bohrer in der FAZ bei Sloterdijk heraushebt, der ist bei ihm durchaus vorhanden. (Wobei Bohrers Beitrag an Ridkülität nicht zu überbieten ist, der Frankfurter Philosophieprofessor Martin Seel hat hierzu in der „Zeit“-Ausgabe dieser Woche  eigentlich alles geschrieben und exakt auf den Punkt gebracht; manchmal ist es besser, wenn Menschen wie Bohrer, welche in Ästhetik machen und deren Ausführungen zu ästhetischen Fragen und Problemen teils sehr instruktiv sind, die Ausflüge in die Politik tunlichst unterlassen sollten, zumindest dann, wenn es derart unreflektiert und eines Philosophen unwürdig geschieht, so daß es blamabel und damit vollkommen stillos ist. Der perfekte Dandy läßt sich nicht hinreißen, schon gar nicht zu so etwas. Er schweigt, trinkt einen guten Rotwein, niemals jedoch Chablis.) Aber die Frage ist natürlich, ob solch ein metapherngesättigtes, rhetorisch ausgefeiltes Sprechen und Schreiben wie bei Sloterdijk ausreicht oder nicht vielmehr ein Oberflächenphänomen ist, das am Ende nur Nebel erzeugt und die Sache verdeckt.

Aber erst einmal der Reihe nach: Sloterdijk stellte im Deutschen Theater sein Buch „Du mußt Dein Leben ändern“ vor. Weniger ging es bei dieser Veranstaltung um die Diskussion in der FAZ und der „Zeit“ sowie Sloterdijks abenteuerliche Thesen im „Cicero“; diese Dinge wurden nicht einmal gestreift. Zumindest aber hat mich der Vortrag Sloterdijks doch ein wenig neugierig gemacht auf sein Buch, in dem es um die Anthropotechniken sowie die (Ein-)Übungen geht, die zu leisten sind. Im Grunde etwas, das sich auch mit Nietzsche und Foucault als Selbstprakitk lesen läßt, die Steigerung des Selbst, aber auch die Überschreitung der (Selbst-)Grenzen. Der Übermensch bei Nietzsche, so Sloterdijk, im Grunde ein Druckfehler, es ist der übende Mensch, der dann ja in der Tat auch in den Nachgelassenen Schriften Nietzsches häufig genannt wird.

Vieles wurde in dem Vortrag gestreift. Die Übungstechniken in den frühmittelalterlichen Klöstern, das Lesen im Buch der Welt, im Buch des Selbst und im Heiligen Buch, der Mensch als Lektor im Buch der Natur, im Buch des Selbst, der dort korrigierend heraus- oder hereinliest, der Mensch als das Wesen, welches in diesem Buch die Druckfehler beseitigt zwecks Optimierung. Dies reicht von der Antike über die besagten Klöstern bis hin zur pädagogischen Ausbildung etwa im Sinne Comenius und den Konzepten der Aufklärer, die bis heute reichen, dort zum Extrem werden und, in der Computersprache gesprochen, so Sloterdijk, als Formatierung des Menschen betrieben werden. Es sind Übungen, Arbeit, die nötig ist, um die unterschiedlichsten Fähigkeiten zu steigern: ob dies nun die antike Athletik ist, die Fingerfertigkeit des Handwerkers und des Pianisten oder das Extrembergsteigen, die Arbeit und Leistung des Denken, die Vervollkommnung der Handlungen: wir betreiben Einübungen und in unseren Lektüren im Buch des Selbst beständig Verbesserungen. Und dabei bemerken wir im Treiben der Selbstvervollkommnung: Wir sind umgeben von Druckfehlern, so Sloterdijk witzelnd.

Es wurde an dieser Stelle nicht so recht klar, was genau er damit meinte. Wie der geneigte Leser und auch die geneigte Leserin bemerkt haben wird: ich bin zunächst ein wohlwollender Lektor und Leser bzw. Zuhörer Sloterdijks, auch beuge ich mich keinem Zeitgeist oder lasse mir Lesarten vorgeben: In solchen Passagen wird es jedoch grenzwertig. Wie gesagt, ich will das Faschismusknüppelchen nicht ziehen, da ich es zunächst mit dem principle of charity halte und ein zuweilen sentimentaler Resthermeneutiker bin. Auch sollte man sich das Ganze des Textes anschauen. Ja, die Lacher waren bei diesem Aperçu auf Sloterdijks Seite, doch hier reichen Stil und Rhetorik nicht aus, und ohne eine weiterführende Erklärung, was eine Druckfehlerbeseitigung wohl bedeuten könnte, begibt sich Sloterdijk auf ein schlimmes Terrain. Erst recht dann, wenn in der Folge des Vortrags der Begriff der Viel-zu- vielen fällt.

Sicherlich: dieser Begriff ist motiviert durch ein Konzept von Biopolitik und Biomacht, jener Macht, die sterben macht und leben läßt: Macht, welche im aufkommenden Gefüge der europäischen Nationalstaaten einzig durch eine hohe Bevölkerungszahl zu erreichen ist. Insofern auch die Schwere der Strafe sowie die gesellschaftliche Ächtung bei Kindstötung, genauso unterlag die „Untertanenhinterziehung im Schlafzimmer“ der sozialen Ächtung. Insbesondere kaprizierte sich Sloterdijk hier auf das 17. Jahrhundert und stellte zugleich einen Bezug zu Foucault her, insbesondere zu „Überwachen und Strafen“ sowie „Wahnsinn und Gesellschaft“, um die Einschließungs- und Ausschließungssysteme einer Gesellschaft aufzuzeigen, die aufgestellt werden, um eben jener Zuvielen, die nicht bereit zum Üben sind, Herr zu werden.

Wie es hierbei um die Verbindungen zu Foucault und natürlich Agamben steht, wird sich wohl erst in der Lektüre von Sloterdijks Buch selbst erweisen. In seinem Vortrag hat er diese Dinge lediglich gestreift, so daß sich die Bezüge lediglich ahnen lassen.

Es mag aufs ganze gesehen eine Petitesse sein. Aber im Zusammenhang der „Entsorgung“ jener Zuvielen in die Kolonien, wobei diese Zuvielen, nach Sloterdijk, zu einer großen Zahl Kriminelle oder aber religiöse Abweichler waren, davon zu sprechen, daß man Amerikaner bloß nicht auf das Thema Kriminalität ansprechen soll, weil drei Generationen vorher immer irgendein Krimineller in der Familie war, das ist nicht nur ein billiger, europäischer Antiamerikanismus, der mit der Geste einer heuchlerischen Überlegenheit daherkommt, sondern es zeugt auch von einer Sichtweise, die auf den schnellen und billig erkauften Witz aus ist. Im Zusammenspiel mit der Rede von den Zuvielen zeigt sich hier eine gefährliche Sicht, die mit geistiger Überlegenheit und sprachlicher Gewandtheit daherkommt, um über die nicht so gut Weggekommenen mit herrischer Geste hinwegzuschreiten. Zudem wäre natürlich die Frage zu stellen, wer die Bestimmungen setzt, was nun zu viel oder zu wenig im Üben ist.

Immerhin hat Sloterdijk allerdings, eben im Anschluß an Foucault, die Ausschließungsmechanismen aufgezeigt, die es einer Gesellschaft ermöglicht, zu funktionieren und zu disziplinieren: eben durch die Abschiebung von Mißliebigen, die Ausgliederung von denen, die nicht genug geübt haben, in Kolonien, Irrenanstalten oder Gefängnisse. Wieweit bei Sloterdijk an solchen Stellen jedoch in kritischer Impuls steckt, der ja bei Foucault und Agamben deutlich vorhanden ist, läßt sich ohne die Lektüre des Buches schwer ausmachen. Im Vortrag zumindest war er nicht herauszuhören. Hier standen eigentlich mehr die Selbstpraktiken im Vordergrund, die das Subjekt steigern. Wieweit seine Rhetorik der Übungen und der Selbststeigerungen einem neoliberalen und damit eben unkritischen Weltbild geschuldet ist, kann man nach diesem Vortrag nur vermuten. Zumindest drängen sich ein wenig Stichworte wie Marktoptimierung des Subjekts und ähnlicher Unsinn auf. Selbststeigerungen für den Arbeitsplatz.

Dennoch werfen solche Dinge am Ende eine Sicht aufs Ganze der Sloterdijkschen Philosophie. Vielleicht mag es übertrieben erscheinen sich an der Druckfehlerbeseitigung, jenem antiamerikanischen Blödsinn oder der Rede von den Vielzuvielen festzubeißen. Denn Sloterdijk ist klug genug: er wird sich hütet, die Karten offen auf den Tisch zu legen oder irgendwelchen Eliminierungsphantasien ihren freien Lauf zu lassen: Im Rausch, Rauch und im Nebel der Metaphern und des Stils hält er sich bedeckt. Ob diese Methode der Metaphorisierung des Sozialen nun Camouflage ist oder einfach nur der unbändigen Lust am ästhetischen Spiel geschuldet ist, vermag ich nicht zu sagen, da meine Sloterdijk-Kenntnisse begrenzt sind. Dennoch: das Buch wird herbeigeschafft.