Das Kunstwerk in Zeiten seiner zeichentheoretischen Vielfältigkeit? – Die BERLIN BIENNALE 8 (Partie I)

 
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Gut! Es ist, das gebe ich zu, nur mäßig originell, die eintausendachte Variation des zwar hinreichend bekannten, leider oft unzureichend gelesenen Aufsatzes von Walter Benjamin zu liefern. Ganz gleich, ich tue es, nachdem mir gestern abend die mühsam geschälten Kartoffeln auf dem Gasherd verbrannten, so daß es nichts mit dem schmackhaften, muskatgewürzten und mit Fleur de Sel (vulgo Meersalz) bestreuten Kartoffelpüree an Fisch und Butterbohnen wurde, weil das Wasser einschließlich der Neige und das heißt dann: ohne Rest verdampfte, während ich diese Zeilen schrieb und im Prozeß von Treiben und Schreiben ins Analysieren, Träumen und Phantasieren kam, in all diese schönen Bilder gleitend, so daß ich die köchelnden Kartoffeln vergaß und nur noch im Kunst- und Denkstrom meinen Ort hatte. Insofern möchte ich wenigstens diesen Beitragstitel, der mir in der Zeit des großen Herdbrandes einfiel, beibehalten. Geneigte Leserin möge es mir nachsehen. Es blieb ein verbrannter Topf aus Edelstahl. Objekt des Seins.

Die achte Biennale geht ihrem Ende entgegen. Der kolumbianisch-kanadische Künstler Juan A. Gaitán kuratierte sie. Die Kritiken fielen gemischt aus, häufig schlecht, wie die in der FAZ. Seichter und auch belangloser als ihre Vorgänger, so die Meinung einiger. Durchaus: Manches ist anders als bei vorherigen Berliner Biennalen, die sich bisher aufs Zentrum des hippen Kunst-Berlins verschworen hatten. Nicht nur, daß die Berlin-Kreuzberg-, Mitte- oder Prenzlauer Berg-Kunstgängergemeinde sich mühsam und zu ihrem großen Erschrecken in die Peripherie nach Zehlendorf bzw. Dahlem bewegen mußte – Stadteile, die es tatsächlich gibt, deren ontologischer Status, deren Existenz, wie auch die Bielefelds, erst durch einen Besuch sich werden verifizieren lassen –, sondern auch Deleuzes Diktum „Deterritorialisiert euch“ erhält kunst- und wegetechnisch eine neue Bedeutung, die dem Eigensinn des Ästhetischen gerecht wird. Kunstsfroh Gestimmte müssen für einige Stunden ihre angestammten, bequemen, widerständigen Quartiere verlassen und ins Unwegsame, Ungewisse, weit draußen in den Westen aufbrechen.

Zudem weist diese Biennale durch die Wahl des Ortes darauf, daß die Tage des Museums für Völkerkunde in Dahlem gezählt sind, denn die in Vitrinen oder freifeld als Skulptur und Objekt ausgestellten und aus allen Erdteilen der Welt wie und in welcher Weise auch immer nach Forscher- oder Politikmaßgabe zusammengetragenen Exponate werden demnächst ins Humboldt-Forum in Mitte verschifft, verschoben, versetzt. Auch eine Form von Deterritorialisierung. Das Koloniale wandert. Allerdings in der umgekehrten Weise: nämlich von einem alten, abgelebten auf ein neues, hippes Zentrum zusteuernd. Berlin-Mitte, wo sich die Ströme des Geldes und der Touristen, der Kunstsinnigen und derer, die gerne dabei sein möchten, lokalisieren. Insofern passend. Nicht anders als in den übrigen westlichen Großstädten. (Solange sie nicht in die Situation von Detroit geraten.) Über die koloniale Perspektive und den Sinn sowie die Arbeitsweise ethnologischer Sammlungen, früher eben: Museum für Völkerkunde, wäre ebenfalls zu schreiben. Das mache ich im nächsten Teil.

OLYMPUS DIGITAL CAMERADer zweite Ort ist das Haus am Waldsee – der Name klingt beschaulich, verträumt, verweht wie eine Erzählung von Judith Hermann. Oder von der Schriftstellerin Utta Danella: Das Haus am Waldsee. Der Ort und das Gebäude sind durchaus beschaulich und laden zum kontemplativen Verweilen ein. Der Ton schwingt bürgerlich. Abgelegen ist die Villa ebenso – in der Argentinischen Allee 30, mit Blick auf einen See, von dem das Haus dann vermutlich seinen Namen erhielt: die Besitzer dachten sich: „Haus am Waldsee, klar, so nennen wir das!“ Wenn ich ehrlich bin: ich würde dort gerne wohnen. Es wäre der ideale Ort für den deterritorialisieren Poststrukturalisten sowie den negativen Dialektiker im Grandhotel Abgrund. (Nein, das ist jetzt keine Ironie.) Abends ein Glas Weißwein auf der Terrasse, ich blicke auf den See. Eine Frau mit kurzem blondem, stufig geschnittem Haar liest mir Geschichten vor. Ich erzähle ihr unerhörte Dinge und Begebenheiten. Wir sprechen über Breughel und Nauman, über Abramović und El Greco oder die wunderbare Brigitte Reimann. A propos Kunst: „Kunst du noch eine Flasche Weißwein aufmachen, Liebster?“ Ästhetik der Existenz. Leider wohne ich woanders.

Doch auch diese Weisen der bürgerlichen Kunst sind nicht mehr das, was sie waren. Zentral für deren Sichtung, deren Lichtung, deren Dichtung und Wichtung ist im Kontext der Gegenwart der Begriff der ästhetischen Erfahrung. (Dazu mehr in einem Beitrag über ästhetische Erfahrung und Wahrheitsästhetik der Kunst, den ich die nächsten Tage schreibe.) Rätselhaft mag im ersten Moment des Betrachtens ihr materiales Erscheinen im Raume sein. Manches an dieser Biennale läßt die Betrachter ratlos – wie bei jeder Kunstschau eigentlich, wo Werke zusammengetragen werden, ob Venedig oder Kassel. Was ist die verbindende Klammer? Wir müssen dann an den Orten und auf die Werke genau hinschauen und uns unseren eigenen Reim aufs ästhetische Objekt machen. Aber wie, ohne ins bloß Subjektiv-Beliebige des Geschmacksurteils oder der zuweilen zwar kreativen, aber in letzter Instanz doch blinden Assoziation zu verfallen? Beginnen wir im „Haus am Waldsee“, eingerichtet mit Objekten der Kunst wie die Villa eines Privatsammlers.
 
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Christodoulos Panayiotou, der auch auf der documenta 13 ausstellte, weist auf den Warencharakter des Kunstwerkes. Schuhkartons, auf denen – nicht anders als im Schuhgeschäft – die ausgepackten Schuhe zur Ansicht lagern. Der Geruch des Leders, selbst wenn er nicht mehr wahrnehmbar ist, dringt in die Nase, so wie es – zumindest früher – in den Schuhgeschäften der Kindheit roch. Insofern geht es in dieser Installation sicherlich noch um mehr als den ausgestellten Warenwert von Kunst, und inwiefern ein paar Schuhkartons samt Schuhen in einem Schuhgeschäft von ihrem Status her (gerne wird der Zusatz ontologisch verwendet, ich mache das mal nicht, weil es keinen Seinsstatus des Kunstwerkes gibt) etwas anderes sind als ein paar Schuhkartons in einem Museum oder einer Galerie. Nicht anders als die Flaschentrockner von Duchamp oder die Brillo-Boxen von Warhol, an denen der Philosoph Arthur C. Danto die Frage aufspannte, was ein Kunstwerk zu einem Kunstwerk macht, wenn es zwei äußerlich völlig identische Gegenstände gibt, von denen der einen eben Kunst und der andere ein Gebrauchsobjekt ist. (Die Details hier auszuführen, sprengt den Rahmen.): „Die Verklärung des Gewöhnlichen“. Solche Frage, was ein Objekt zu einem Kunstwerk oder bloß einem anschaulichen Exponat in einem Museum macht, berührt übrigens ebenso die Frage nach dem Status einer ethnologischen Sammlung oder überhaupt der nach den Kunstkammern, die in ihrer Weise (teils skurrile) Schätze zusammenbringen.

Aber es ist bei diesen Schuhen nicht bloß der zu Schau gestellte Warenwert. Panayiotous Schuhe sind keine gekauften Exemplare, sondern sie wurden extra gefertigt, und zwar aus Leder und Kunstleder von Frauenhandtaschen, die Freundinnen von Panayiotou gehörten. Insofern ist auch das zunächst warenmäßig aufgeladene Kunstwerk mit einem einerseits materialen, sinnlichen Aspekt (Leder, Handtasche, Schuhmaterial) verknüpft; und durch die Konnotation mit diesem Wissen ergibt sich zugleich in der Wahrnehmung noch einmal ein anderer, sehr viel persönlicherer Effekt, der sich vom Subjekt her konstruiert (und zugleich eben dekonstruiert). Ob hierbei zudem die Assoziation mit van Goghs Bauernschuhen sowie daran anknüpfend Heideggers Kunstwerkaufsatz und Meyer Schapiro genial-lakonische Entgegnung darauf einen weiteren Referenzrahmen bilden, sei dahingestellt.

Aufgrund dieser Bezüge, die untergründig im Strom oder aber durchaus in der Sache gegründet, mitgemeint sind, läßt sich zu recht behaupten, daß die Betrachter auf eine falsche Fährte geführt werden, wenn sie lediglich auf den Warenwert blicken. Auch das Exzeptionelle stellt sich in diesem Werk als sinnlich-übersinnliches Ding aus: Die Transformation des Gegenstandes. Vom Gebrauchsding, das Geld kostete und in seiner Eleganz den Warenwert ostentativ zur Schau stellt, hin zum Kunstding, das aus Persönlichem gewoben wurde, bis hin zu den Assoziationsketten. Kein Bauernschuh mehr, der von der Mühe der Arbeit zeugt, sondern – und da sind wir wieder am Anfang – eine Waren, deren Wert sich beziffern läßt. Auch als Kunstwerk. Christodoulos Panayiotou entzündet anhand eines Repräsentationsobjektes einen genialen Kreislauf.
 
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Auch Matts Leiderstams (Reproduktions)-Bilder aus der Serie „Unkown unkown“ befassen sich mit dem Status von Kunst, genauer, mit dem von Bildlichkeit und Repräsentation im Portrait. Betritt man den Raum, so sind zunächst die (abphotographierten) düster-schmutzigen Rückseiten von Gemälden als Drucke zu sehen, auf denen sich Herkunftsetiketten befinden, bewegt man sich dann auf die Rückseite, die in Museen ansonsten die Vorderseite darstellt, findet man dort Portraits von unbekannten Menschen, die im Stile der alten Meister gemalt sind. Versehen sind diese „Gemälde“ mit Titeln wie „Nach Venezianisch ‚Bildnis eines Herren‘“. Portraits, die uns einerseits bekannt vorkommen und uns andererseits doch, wie aus einer fremden Welt, entrückt sind. Originale, deren Originalität lange abhanden kam und deren Auratisches sich durch den Kunstkonsumenten im Schauwert verdünnte. Das Spiel mit der Reproduktion. Wie nehmen wir wahr, was sehen wir, wenn wir Bilder sehen, reichen Reproduktionen, die in Museen hängen nicht vollständig aus? Was ist eigentlich der Sinn und auf was deutet die Reproduktion eines Portraits, das einen uns ansonsten unbekannten Menschen zeigt? Das vom Kunstkonsumenten oder aber auch vom Kenner hundertfach Gesehene rückt im Spiel der Kunst vermittels dieser Bilder in einen anonymisierten Kontext.

Was bei dieser Biennale auffällt, ist der Umstand, daß sie mit unseren Blicken und unseren Erwartungen spielt. Der Ausstellung vorzuhalten, sie sei nicht aus einem Guß oder beliebig, verfehlt sicherlich das Konzept dieser Biennale. Sie ist vielleicht nicht sonders laut und schrill, was sicherlich auch an den gewählten Orten liegt, die als Location naturgemäß nicht kunstpartytauglich sind. Ebenso klug ist es, daß diese Biennale nicht unter einem Motto steht, wie die bisherigen, wo dann den Betrachtern ein banales Occupy-Camp aufgetischt wurde: „Forget Fear“ mag als Titel subtil erweiterbar sein, doch dieses Camp als Ausstellungsort von Politik hatte etwas Läppisches. Ein besseres Motto ist eigentlich jene eigenwillig geschriebene 8, die als Motto ohne Motto und anonym titelgenerierend für sich steht, die sowohl geschwungene eine Klammer, aber zusammengeschoben ebensogut das Zeichen für die Unendlichkeit sein kann. Genauso aber auch das Glied einer Kette, was im Zusammenhang mit dem Volkskundemuseum einen durchaus kritischen Beigeschmack auf die westlichen Bild- und Kunstgebungsverfahren liefert. Diese Zeichenverweise passen insbesondere im Hinblick auf eine Kritik des westlichen Blickes (Ethnozentrismus) sowie eine Ästhetik der Repräsentation, die die Weisen von Bildlichkeit kritisiert und damit sozusagen einen anti-repräsentationistischen Effekt anstößt. (Davon mehr im zweiten Teil.)
 
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OLYMPUS DIGITAL CAMERAAuf seine Art überraschend-spritzig fand ich Jimmi Durhams Garderobenansicht „In a Cabin in the Woods“. Tiere sehen Dich an, so könnte man in Abwandlung eines Rilkes-Wortes schreiben. Gespenstisch gewandelt, witzig gemacht. Die Assoziation zu dem das eigene Genre kolportierenden Horrorfilm „The Cabin in the Woods“ liegt nahe. Und irgendwie bekomme ich, überlasse ich mich den kunstsinnigen Assoziationen, nach diesem Ständer Hunger auf ein gutes Stück Fleisch. Vielleicht mit Kartoffelpüree. Denn der Mensch, der Mensch, der hat nun mal ein Raubtiergebiß und lebt nicht von der Kunst allein. Auch wenn wir es gerne verschweigen. Lieber als Vegetarier sind mir da Menschen, die sich im Umgang mit anderen ansonsten angemessen verhalten, als daß sie das Leid der Tiere monstranztös und mit Brimborium vor sich hertragen. Die Moral der Kunst freilich ist es, keine Moral zu haben. Witz und Selbstironie zumindest sind keine ihrer schlechten Eigenschaften. [Was wir am großartigen Martin Kippenberger sehen konnten.] Andererseits ist die Kunst des Kochens –zumindest wer nichts anbrennen läßt – etwas anderes als die Kunst der Kunst. Aber angesichts der transzendentalen Obdachlosigkeit bleiben die Bedingungen schwierig. Nach wie vor.

Ästhetisch anspruchslos und lieblos gemacht, ist der „Katalog“ bzw. das eher auf die schnelle produzierte Handout, das im Verlag Hatje Cantz erschien, der es ansonsten versteht, hervorragende Kunstbücher zu fertigen. Vom Kauf des Buchs sei dringend abgeraten! Andererseits kann niemand für 12 Euro mehr erwarten. Gute Bücher haben ihren Preis. Der Umkehrschluß – leider – ist nicht immer richtig. Und für die monetär aufgepimpte bildende Kunst gilt er schon gar nicht. Gott hab sie selig!
 
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Zwischen Al Quds-Tag und Überlegungen zur Photographie von Ereignissen

Zwischendurch einmal wieder etwas Palästina, Gaza, Israel. Zum Al Quds-Tag zog ich gestern hinaus, um zu photographieren. Es sind dabei einige Bilder entstanden, die ich auf Proteus Image zeige. Da es sich um zahlreiche Photographien handelt und vermutlich niemand sich 120 Bilder ansehen mag, teile ich die Aufnahmen in mehrere Serien auf, so daß geneigte Betrachterin, geneigter Betrachter sich die Photographien in verdaulich-leichten Happen und Stücken, Tag für Tag ansehen kann, wie man ein paar feine Petit Four verspeist, die wir zwischendurch verabreichen.

So angenehm und interessant es auch sein mag, sich mit den Menschen auf der Demonstration zu unterhalten, sei es mit dem klerikal-schiitisch gestimmten Iraner, für den es nur einen einzigen Gott gibt, die Allheit (die vermutlich auf den Namen Allah hört), wie er sie nannte, weil er mich wohl für einen Christen hielt und neutral sprechen wollte oder der kritischen Jüdin, die nicht weiß, auf welcher Kundgebung sie mitgehen soll und die in der Nähe des Kudamms wohnt, so schwierig ist ein solches Gespräch zugleich. Entweder du hast den photographischen Blick drauf, springst in den Bildmodus, der auf die Situationen geeicht ist, oder du bist in der Analyse drinnen, sichtest Situationen als Schreibanlässe. Fürs Notizbuch im Kopf. Photographie funktioniert jedoch anders. Ich wittere brenzlige Situationen. Wo geht noch was, wo ist die Gefahr unverhältnismäßig zum Ertrag der Photographien, welche Szenen ablichten, welches Gesicht? Was passiert als nächstes, wo bahnt sich Konflikt an? Wie fällt das Licht? Brauche ich einen Blitz, Blende hoch, Blende runter, Bewegungsunschärfe, die sich vorbeidrängende schubsende Polizeikette.

In dieser Wahrnehmungsweise arbeite ich nicht mehr als Schriftsteller, Essayist oder Journalist, ich kann das, was geschieht, nicht verbalisieren – will es auch gar nicht. Reflexion auf einen Gegenstand oder eine Situation setzt die betrachtende Distanz voraus, kluges Denken und Urteilen erfordert Abstand und nicht die Unmittelbarkeit. (Das gilt für viele Aspekte.) Es schiebt sich etwas zwischen die Wahrnehmung und das Geschehen: die Sprache. So wie sich beim Photographieren, in anderer Weise freilich, zwischen Wirklichkeit und Blick die Kamera drängt. Weil ich mit einer Kamera in der Hand immer photographisch fixiert bin, muß ich insofern diese häufig interessanten Gespräche meist wieder abbrechen, insbesondere, wenn ich an der Reaktion der Menge bemerke, daß irgendwo Tumult ausbricht. Geht noch ein gutes Bild? Leider ist es in den Menschmassen meist schwierig, nahe dran zu sein. Wie also sich durchzwängen, ohne die Menschen zu sehr zu verärgern?

Die Logik der Produktion von Photographien ist eine andere als die des Schreibens.

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Nachtragend zum Gestern: den zweiten Teil der Bilderserie gibt es hier zu sehen.

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Kafkas untergründige Schreibströme. Der Gerichtshof zu Berlin – jener „andere Prozeß“

So nannte Elias Canetti sein Buch über den Briefwechsel zwischen Franz Kafka und Felice Bauer. War es eine vertane Zeit? Vermutlich. Für beide. Was Kafka an diese Frau und diese Frau an Kafka band, bleibt wohl für immer ein Rätsel – unterschiedlicher hätten Menschen kaum sein können. Felice Bauer: Lebenspraktisch, mitten in Beruf und Leben stehend, an Literatur und Kunst kaum interessiert. Kafka: ein Mensch, der in Zwänge gepfropft, nur für die Literatur lebte. Erst zehn Jahre später sollte er seinen einzigen und wunderbaren Lebensmenschen finden, nämlich Dora Diamant. Lange sollte das Glück freilich nicht währen, weil Kafka 1924 in der Nähe von Wien, in Klosterneuburg unter Qualen und sprachlos verstarb.

Vor 100 Jahren fand am 12. Juli im Hotel „Askanischer Hof“ nahe dem Anhalter Bahnhof in Berlin jenes für Kafka hochnotpeinliche Ereignis statt, das er als einen Gerichtshof über ihn bezeichnetet: die immer wieder von Kafka unter mehr oder weniger fadenscheinigen Gründen aufgeschobene Verlobung zwischen ihm und Bauer erfolgte am 1 Juni 1914. Nun wurde sie als Gerichtstag, der unvermittelt über Kafka hereinbrach, wieder aufgelöst. „Askanischer Hof“, 12. Juli, 11 Uhr vormittags. Kafka betritt einen Raum, in dem bereits drei Frauen sitzen: Felice Bauer, ihre Schwester Erna, sowie Bauers Freundin Grete Bloch, die in dieser Angelegenheit ein zwiespältige Rolle spielte. Aber auch die von Kafka dürfte nicht sonders rühmlich sein. Felice Bauer meldete Ansprüche an, die Kafka wohl niemals – zumindest nicht mit F.B. – würde erfüllen können und wollen. Es geht nicht gut aus. Felice Bauer läßt alle Zurückhaltung fallen und nennt vor den beiden Zeuginnen intimste Details aus ihrem Leben, liest Briefe vor. Am Ende dieses Prozesses stand die Auflösung der Verlobung. Kafka reiste, seltsam unbeteiligt, von Berlin weiter an die Ostsee.

„23. Juli. Der Gerichtshof im Hotel. Die Fahrt in der Droschke. Das Gesicht F.ʼs. Sie fährt mit den Händen in die Haare, wischt die Nase mit der Hand, gähnt. Rafft sich plötzlich auf und sagt gut Durchdachtes, lange Bewahrtes, Feindseliges. Der Rückweg mit Frl. Bl. Das Zimmer im Hotel, die von der gegenüberliegenden Mauer reflektierte Hitze. Auch von den sich wölbenden Seitenmauern, die das tiefliegende Zimmerfenster einschließen, kommt Hitze. Überdies Nachmittagssonne. Der bewegliche Diener, fast ostjüdisch. Lärm im Hof, wie in einer Maschinenfabrik. Schlechte Gerüche. Die Wanze. Schwerer Entschluß sie zu zerdrücken. Stubenmädchen staunt: es sind nirgends Wanzen, nur einmal hat ein Gast auf dem Korridor eine gefunden.

Bei den Eltern. Vereinzelte Tränen der Mutter. Ich sage die Lektion auf. Der Vater erfaßt es richtig von allen Seiten. Kam eigens meinetwegen von Malmö, Nachtreise, sitzt in Hemdärmeln. Sie geben mir recht, es läßt sich nichts oder nicht viel gegen mich sagen. Teuflisch in aller Unschuld. Scheinbare Schuld des Frl. Bloch.

Abend allein auf einem Sessel unter den Linden. Leibschmerzen. Trauriger Kontrolleur. Stellt sich vor die Leute, dreht die Zettel in der Hand und läßt sich nur durch Bezahlung fortschaffen. Verwaltet sein Amt trotz aller scheinbaren Schwerfälligkeit sehr richtig, man kann bei solcher Dauerarbeit nicht hin- und herfliegen, auch muß er sich die Leute zu merken versuchen. Beim Anblick solcher Leute immer diese Überlegungen: Wie kam er zu dem Amt, wie wird er gezahlt, wo wird er morgen sein, was erwartet ihn im Alter, wo wohnt er, in welchem Winkel streckt er vor dem Schlaf die Arme, könnte ich es auch leisten, wie wäre mir zumute. Alles unter Leibschmerzen. Schreckliche, schwer durchlittene Nacht. Und doch fast keine Erinnerung an sie.

Im Restaurant Belvedere, an der Stralauer Brücke mit Erna. Sie hofft noch auf einen guten Ausgang oder tut so. Wein getrunken. Tränen in ihren Augen. Schiffe gehn nach Grünau, nach Schwertau ab. Viele Menschen. Musik. Erna tröstet mich, ohne dass ich traurig bin, d. h. ich bin bloß über mich traurig und darin trostlos. Schenkt mir ‚Gotische Zimmer‘. Erzählt viel (ich weiß nichts). Besonders wie sie sich im Geschäft durchsetzt gegenüber einer alten giftigen weißhaarigen Kollegin. Sie wollte am liebsten von Berlin weg, selbst ein Unternehmen haben. Sie liebt die Ruhe. Als sie in Sebnitz war, hat sie öfters den Sonntag durchgeschlafen. Kann auch lustig sein. – Auf dem andern Ufer Marinehaus. Dort hatte schon der Bruder eine Wohnung gemietet.

Warum haben mir die Eltern und die Tante so nachgewinkt? Warum saß F. im Hotel und rührte sich nicht, trotzdem alles schon klar war? Warum telegraphierte sie mir: ‚Erwarte Dich, muß aber Dienstag geschäftlich verreisen.‘ Wurden von mir Leistungen erwartet? Nichts wäre natürlicher gewesen. Von nichts (unterbrochen von Dr. Weiß, der ans Fenster tritt) [bricht ab]“

Was für ein Strom an Beobachtungen von nebenbei, der sich um das eigentliche rankt bzw. es fast verdeckt. Leben, das im nachhinein (nicht im Akt des Vollzuges: das ist nicht zu verwechseln!) zu einem Stück Literatur gerinnt. So wie überhaupt die Briefe und das Tagebuch Kafkas immer wieder diese eigentümliche Ambivalenz aufweisen. Der Eintrag schließt mit Frageszenen, wie sie dann auch am Schluß seines Romans „Der Proceß“ vorkommen. Verhängnisvolles Final. Zwei Wochen nach diesem Verhängnis von Berlin machte Kafka sich an die Niederschrift dieses Romans. Erste Notizen dazu finden sich schon in seinem Tagebucheintrag vom 29. Juli: „Josef K., der Sohn eines reichen Kaufmanns, ging eines Abends nach einem großen Streit, den er mit seinem Vater gehabt hatte – …“ Auch tritt in dieser Skizze ein Türhüter auf: Schuld- und Strafphantasien knüpfen sich in diesen Schreibübungen lose zu einem Assoziationsteppich: Ein Angestellter, der von seinem Chef des Diebstahls in der Ladenkasse überführt wird. Schuld und Sühne, Urteil und Strafe nehmen als Motive Raum ein. Am Ende dieses Schreib-Prozesses wird einer der bemerkenswertesten Text Gestalt annehmen und doch Fragment bleiben: eine rätselhafte, zu einer Vielzahl an Deutungen animierende Prosa um eine Strafe ohne Verbrechen.

Wie im Falle des Gerichts am „Askanischen Hof“ Biographie und Literatur eins zu eins zusammenzuschließen, bleibt in der Regel banal. Allenfalls geben Ereignisse des Lebens den Anlaß für einen Text, können Anstoß sein. Goethes „Marienbader Elegien“ sind ein solcher Text: die Liebe eines Greises zu einer 19 Jährigen Frau. Banal und traurig, dennoch entstand ein Text von ungeheurer Art. Und nur von solchen Texten handelt Literatur samt der ästheischen Kritik. Insofern geht Canettis Text dann auch an zentralen Aspekten der Prosa Kafkas vorbei, unterläuft sie und verfehlt damit den Roman im ganzen. Wieweit Biographisches einen Text am Ende tatsächlich strukturiert, liegt meist im dunkeln, wenngleich sich im Sinne positivistischer Literarturtheorie in Kafkas „Proceß“ sicherlich Stellen finden lassen, die mit Realem korrespondieren oder doch zumindest als Erlebniswelt Kafkas durchsichtig sind. Hartmut Binder unternahm immer wieder diese Versuche. Doch für die Struktur eines Textes sind solche Details am Ende des Lektüreprozesses marginal, denn sie liefern keinerlei Grund für die literarische Form und weshalb ein Text, so und nicht anders konstruiert wurde. Bekanntlich ist nach Abschluß der Produktion jeder Text mehr als sein Schöpfer, wächst über ihn hinaus, gelangt zu einem Sein ganz eigener Art.

Mit dem „Proceß“ ist Kafka wohl eines der bedeutendsten Bücher des 20. Jahrhunderts gelungen: in der Sprache selber nicht mehr expressionistisch übersteigert und im Ton des „Oh Mensch …“ gehalten, sondern vielmehr kühl, spannt das Buch Fragmente an Szenen aus, mit einem Bild Kleists gesprochen, könnte man an jenen freistehenden Torbogen denken, in dem die einzelnen Teile einander tragen: Von den Advokaten- und Gerichtsszenen, der Angestelltenexistenz, dem Prügler, der in einer Hinterkammer der Büros – wie in einer wilden Traumsequenz der BDSM-Szene – seine Tätigkeit ausübt, über jene Leni mit den Schwimmhäuten zwischen den Fingern, Gerichte, die auf Dachböden tagen und spielende Kinder: das Domkapitel dann mit jenem Pfaffen auf der Kanzel sowie dem Gespräch über die Dimensionen der Wahrheit bildet einen weitern der Höhepunkte dieses Romans.  „Warum,“ so schreibt Kleist 1800 an seine Verlobte Wilhelmine von Zenge, „dachte ich, stürzt wohl das Gewölbe nicht ein, da es doch keine Stütze hat? Es steht, antwortete ich, weil alle Steine auf einmal einstürzen wollen.“ Dieses Bild mag auch für Kafkas „Proceß“ taugen. Wie wir wissen, lieferte Kafka die Prosa Kleists einige Anregungen und gab ihm zu denken. Aber diese Teile und Szenen des Buches entstanden bei Kafka in loser Folge – lediglich der Anfang also die Verhaftungsszene morgens im Bett – und das Ende – jene Hinrichtung durch Männer, die wie Tenöre aussahen – standen von Anbeginn an fest.

Insbesondere gilt es, in Kafkas Prosa den Blick auf das Gestische zu lenken. Die Handbewegungen der Menschen, wie sie ihre Gliedmaßen strecken, wie sie sich bewegen oder wie sich ihre Körper im Raum anordnen und auf welche Weise Kafka Szenen zu beschreiben vermag: So die vor dem Gericht oder wenn K. mit seinem Onkel und dem Advokaten Huld spricht, der ihm helfen soll, den Prozeß zu „gewinnen“, das Urteil abzuwenden. Eine Filmszene, vom Spiel des Lichts getragen, das den Spannungsbogen aufbaut (zum Filmischen bei Kafka, lese man Peter-André Alt, Kafka und der Film. Über kinemathographisches Erzählen):

„Im Licht der Kerze, die der Onkel jetzt hochhielt, sah man dort, bei einem kleinen Tischchen, einen älteren Herrn sitzen. Er hatte wohl gar nicht geatmet, daß er so lange unbemerkt geblieben war. Jetzt stand er umständlich auf, offenbar unzufrieden damit, daß man auf ihn aufmerksam gemacht hatte. Es war, als wolle er mit den Händen, die er wie kurze Flügel bewegte, alle Vorstellungen und Begrüßungen abwehren, als wolle er auf keinen Fall die anderen durch seine Anwesenheit stören und als bitte er dringend wieder um die Versetzung ins Dunkel und um das Vergessen seiner Anwesenheit. Das konnte man ihm nun aber nicht mehr zugestehen.“

 Mehr zum „Proceß“ folgt. Im Laufe dieses Jahres. Verstreut, eingeschoben, assoziativ. In loser Folge. Selten nur ist es Menschen vergönnt, solche Texte  zu schreiben, wie Kafka es tat. Viel an Literatur gibt es, doch wenig nur, was auf diese Weise einschlägt und bis ins Detail hinein gelungen ist.

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Es blühen wie immer die Bäume im Prater und das Blätterfegen hört nimmer auf …

Wenn man Robert Stolz folgen mag, blühen bekanntlich, weil’s Frühling ist, im Prater wieder die Bäume. Was der Prater ist, muß nicht groß erläutert werden. Es gibt in Wien übrigens noch einen zweiten, lange nicht so bekannten Prater. Der liegt im südlichen Wien, ist sehr viel proletarischer und wird der Böhmische Prater genannt. Photographien gibt es allerdings nur vom ersten, gleichsam touristisch bekannten Prater auf „Proteus Image“. Denn ich schaffte es bei all den Begehungen nicht mehr ins Böhmische.

Wenn ich an den Prater denke, kommt mir sofort Ödön von Horváths Stück „Kasimir und Karoline“ in den Sinn. Zwar spielt es nicht im Prater, sondern auf dem Münchener Oktoberfest („in unserer Zeit“, wie Horváth schreibt), doch ist die Atmosphäre dieses Rummels und die Szenerie derart gebaut, daß sie genausogut dort im Prater stattfinden könnte. (Und Horváth ging es durchaus um Wien.) Wien – Weltwirtschaftskrise, Austrofaschismus. Verfremdungseffekte. Es beginnt das Stück als Jahrmarkttaumel. All die Attraktionen, all das Treiben, die Illusionen. Und die Liebe, die Liebe: drum prüfe, wer sich ewig bindet, ob sich nicht noch was Bessres sich findet. So das Motto der Karoline. Betrogene Betrüger sind sie am Ende alle – all die, die ihr Stück vom Lebenskuchen möchten. Was für ein Stück: Es ist sinnlich-trauriges, voll von Sehnen, ein beklemmendes Drama in den postdramatischen Zeiten, wo das Pathos der Griechen ausbleibt (zum Glück oder leider, wer vermag das zu entscheiden?), eine Anordnung von Liebe und Verrat, von den großen und den kleinen Hoffnungen. Das Pathos der Existenz ist mittlerweile ein anderes, so ganz und gar anti-antik, und „Schicksal und Charakter“ konkretisieren sich über die jeweiligen sozialen Umstände, grob könnte man sagen: die Klassenlage, die aber nur noch im Ansatz wahrgenommen wird. Und so erfährt sich das Leben bloß noch als Spiel oder als eine höhere Gewalt, als ein Etwas, das von außen angetan wird. Und doch – oder gerade vermittels dieser profanen Fügungen – bleibt es ein Drama, in all seinen Facetten. (Das Traumtänzerische, das Illusionäre, das Harte, das Zarte, das feine Gespinst der Zeit samt ihrem sinnlosen Vergehen und all diese Brüche in ihrer Poetik, in ihrer unendlichen Traurigkeit und Liebe brachte 1995 Christoph Marthaler 1997 in seiner genialen Inszenierung in Hamburg auf die Bühne.)

Horváth spricht, wie bei fast allen seinen Theaterstücken von einem Volksstück. Ist der Rummelplatz nun ein Narkotikum für all die Träume und Schäume? Ist er das Illusionstheater, damit alles bleibt, wie es ist, oder doch in irgendeiner Weise der Vorschein von Verheißung und einer anderen Welt? Von etwas, das ganz anders und nicht nur an Zweck und Zwang gebunden ist? Bezahlen freilich muß man trotzdem, wenn eine/r auf dem großen Rummel dabeisein will. Das wissen auf die eine oder andere Weise sämtliche der Protagonisten. All die Verheißungen. Die kosten. Der Einsatz von Zeit, von Geld von Elan, von Gefühl und Spiel und Wagemut -nicht immer wird einem dies gelohnt, wenn wir denn in der Kategorie der Entlohnung denken und sichten wollen. Und so sagt Erna, am Ende, als Kasimir lakonisch konstatiert, daß so das Leben sei: „Kaum fängt man an, schon ist es vorbei.“ Existenzendlichkeit. Er legt seine Arme um sie, sie ihren Kopf auf die Brust und die Karoline kommt heran, die nach anderem strebte und deren Streben nicht so recht von Erfolg gekrönt war. Abgewiesen und dem Ende zu.

KAROLINE vor sich hin: Man hat halt oft so eine Sehnsucht in sich – aber dann kehrt man zurück mit gebrochenen Flügeln und das Leben geht weiter, als war man nie dabei gewesen – –

(…)

KASIMIR Träume sind Schäume.
ERNA Solange wir uns nicht aufhängen, werden wir nicht verhungern.
Stille.
KASIMIR Du Erna –
ERNA Was?

KASIMIR Nichts.
Stille.
Erna singt leise – und auch Kasimir singt allmählich mit:
Und blühen einmal die Rosen
Wird das Herz nicht mehr trüb
Denn die Rosenzeit ist ja
Die Zeit für die Lieb

Jedes Jahr kommt der Frühling
Ist der Winter vorbei
Nur der Mensch hat alleinig
Einen einzigen Mai.

Kleines Glück in stiller Kammer, anthropologische Konstanten ins Drama gewendet? Aber nicht doch!

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Real Art Project – die reine Sinnlichkeit

Im Rahmen unserer Serien zur Kunst, zu Hegel für Anfänger:innen, zum Meinen und für all die Sinnesfreunde des Herzens, die sich gerne blogkuschelnd oder aisthetisch von so viel Gefühl und Leidenschaft überwältigen lassen möchten, vom Weiblichsein und Männlichschein, will der Blogbetreiber als Kunstprojekt folgende – gerne um andere Körperinnen- oder -außenteile zu erweiternde Serie – vorstellen.

Das Taktile als ästhetisches Mehr und der lebendige Körper sind durch wenig zu ersetzen. Denn nur die Liebe zählt, das wußte in den guten alten Zeiten schon Kai Pflaume. Fassen Sie zu, bevor es andere tun! Was bei VALIE EXPORT noch bitterböse und als Schlag ins Gesicht gedacht war, ist mittlerweile in der Mitte der Gesellschaft, wie der Slogan so schön heißt, als Real-Life-Show angekommen. Tast-Kino in seiner besten Variante.

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Nachtrag:

Um die Leserinnen und Leser zum Abend, zur Nacht hin dennoch erfreulich zu stimmen, sei dieses Video von Zola Jesus gegeben. Wir mögen: Die verhüllten und schwarzen Zonen dieser Erde.

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Wiener Moderne um 1900 – Traumbilder und das Repertoire des Zeichensatzes

Man muß absolut modern sein („Il faut être absolument moderne“), lautete einst das Diktum, welches Arthur Rimbaud in seiner lyrischen Prosasammlung „Une Saison en Enfer“ schrieb (holpernd übersetzt als „Eine Zeit in der Hölle“). Neben der Moderne in Paris, Mitte des 19. Jahrhunderts, mit Baudelaire und Flaubert in der Literatur und mit Eugène Delacroix sowie Gustave Courbet in der Malerei (Namen sind Zeichen für Texte), gab es jene Berliner Moderne zum Ende der 1880er Jahre, die ihren Grund im Naturalismus besaß, und es gab während der Wende vom 19. ins 20. Jahrhundert die aus Wien. Die Seelenstände der Psychoanalyse, das Ich als Knotenpunkt, samt verlorenem Faden der Ariadne, das Nervöse und Neurotische, das Hysterische, die Morphinisten, Epochenabglanz, die Sucht nach Ornament als Versprechen, bei gleichzeitiger Verfluchung desselben als Verbrechen durch Adolf Loos. Deutlich sticht das Loos-Haus am Michaelerplatz heraus: inmitten des Prunks, wo Gründerzeit-Häuser träumerisch verschnörkeln und im Glanz eines Abgelebten sich sonnen, bricht der klare Stil das Ensemble der Gebäude auf diesem Platz, sticht aus der Zuckerigkeit kraß hervor. Moderne – das ist bereits in Wien das Miteinander des Verschiedenen: Die Secession, der Werkbund, (von der Musik Mahlers und Schönbergs ganz zu schweigen), natürlich die Gemälde Klimts, die man meist nur als goldstaubüberzogene kennt – doch die sind eben nicht alles, es existieren ja auch die ohne Goldrand oder Goldbesatz sowie ausdrucksstarke Zeichnungen, die in ihrem Duktus und in ihrer klaren Linie ausgesprochen modern anmuten. Seelenstände des Portraits.

Dazu ein Jahrzehnt später Egon Schieles Drastik der Selbst-Inszenierung, der diese Seelenstände expressiv, aber doch voll von morphinem Feinsinn aufsteigerte – von seiner obsessiven eigenen Nacktheit bis zu den von innerem Nachmahr und Epochendruck getragen Selbstportraits, wie auch seine Bilder von Frauen – fast somnambul. Die weiblichen Rundungen und die übrigen Öffnungen geben sich ganz und gar delikat dem Blick hin, so wie das Innenleben von „Fräulein Else“ und „Leutnant Gustl“ die Abgründe und die Verwirrungen des Seeleninnenraums offenbaren. Traumbilder, wenn sie in die Sprache überführt werden, liefern in der Deutung einen Schlüssel an die Hand. Dieses Moment des Irrens und Strömens reicht noch bis in die Prosa Thomas Manns hinein, der durch seinen Aufenthalt in München und Italien sicherlich einiges vom Norddeutsch-Steifen abstreifte: Tonio Kröger und Hans Hansen als Bilder fürs Streben und die Differenz zwischen Künstler und Bürger, die am Ende aber so weit nicht voneinander entfernt liegen, wie die Figur des Kröger und all der anderen genialen Dilettanten in Thomas Manns Werk zeugen. (Diese Erzählung entstand ebenfalls um die Jahrhundertwende und erschien 1903, und wer ein Bild von Gruppendruck, Hierarche, Schauspielerei und Meisterwahn in der Dichterszene erhalten möchte, der lese „Beim Propheten“ – eine Erzählung, die wohl zu recht als eine Parodie auf den George-Kreis und die Bohème-Attitüde gedacht ist. Eine Fortsetzung wäre zu schreiben, hinein in unsere Tage. Über die berliner Tagediebe und die Kreativitätsapostel, die Künstler- und Dichterdarsteller, im kleine, im großen.)

Die Moderne in Wien vereinte, wie eigentlich jede Moderne, Disparates. Nicht zu vergessen auch der Antisemitismus des populären Bürgermeisters von Wien, Karl Lueger. Und das Kaffeehaus als ein Ort, in dem sich die Literaten (meist wohl Männer) zeigten, sich positionierten, Aphorismen, Ideen, Sarkasmen austauschend, einander bezichtigten und eifersüchtig über den Ruhm oder über den kommenden (oder auch bloß kommoden) Nachruhm wachten. Heute sind das Café Griensteidl und das Café Central Schatten ihrer selbst, teuer, lediglich Orte für den Sacher-Torte verspeisenden und einen kleinen Braunen schlürfenden Touristen oder den stillen Gast, der das Schreiben simuliert. Bei all diesen Akten und Aspekten der Moderne ist jedoch nicht zu vergessen, daß sich die Wiener Moderne vehement vom Naturalismus jener Moderne aus Berlin (um 1890 herum) absetzte.

„Was von Periode zu Periode in diesem geistigen Sinn ‚modern‘ ist, läßt sich leichter fühlen als definieren; erst aus der Perspektive des Nachlebenden ergibt sich das Grundmotiv der verworrenen Bestrebungen. So war es zu Anfang des Jahrhunderts ‚modern‘, in der Malerei einen falsch verstandenen Nazarenismus zu vergöttern, in der Poesie, Musik nachzuahmen, und im allgemeinen, sich nach dem ‚Naiven‘ zu sehnen: Brandes hat diesen Symptomen den Begriff der Romantik abdestilliert. Heute scheinen zwei Dinge modern zu sein: die Analyse des Lebens und die Flucht aus dem Leben. Gering ist die Freude an Handlung, am Zusammenspiel der äußeren und inneren Lebensmächte, am Wilhelm-Meisterlichen Lebenlernen und am Shakespearischen Weltlauf. Man treibt Anatomie des eigenen Seelenlebens, oder man träumt. Reflexion oder Phantasie, Spiegelbild oder Traumbild. Modern sind alte Möbel und junge Nervositäten. Modern ist das psychologische Graswachsenhören und das Plätschern in der reinphantastischen Wunderwelt.“
(H. v. Hofmannsthal, Gabriele D‘Annunzio)

Nun ist freilich das Fühlen einer der schlechtesten Ratgeber, wenn es um den Blick auf die Epoche geht. Das Fühlen sollten wir dem Tastsinn und der Haut oder den Liebenden überlassen, dem spielenden Kind, das in dieser Zeit die Unendlichkeit spürt, oder den ihre Kinder oder ihre Hauskatzen liebenden Eltern. Das Fühlen sollte dort seinen Platz haben, wo es angebracht ist, schließlich wollen wir die rationale Analyse ja auch nicht mitten beim Liebesakt und bei all der wunderbaren Zärtlichkeit dabeihaben: „Du, Süßer, die Codierung von Intimität nach Luhmann fällt in einem funktional differenzierten System sehr viel diffiziler aus als in einem solchen, das sich stratifikatorisch organisiert! Wußtest du das?“, so sprach die Frau, während ihre Finger und hernach grifffest ihre feine Hand an der versteiften Auswölbung entlangglitten, sämige Schaumspritzer gebärend.

Allerdings erfordert der Blick auf die Epoche ein gewisses Gespür und einen Sinn fürs Phänomen, der sich nicht allein aus reflektorischer Tätigkeit oder aus reiner Rationalität gewinnen läßt. Doch wissen wir zugleich, daß die legendäre Eule der Minverva ihren Flug erst bei der einbrechenden Dämmerung und wenn eine Gestalt des Lebens alt und grau geworden ist, beginnt. Herauszustellen bleiben diese beiden Aspekte: Analyse des Lebens und die Flucht vor dem Leben: der Weltenraum der Außenwelt als gigantischer Weltinnenraum, in dem sich Symbolisches, Metaphern und vor allem Metonymien ablagern, zu Bildern und verrätselten Zeichensätzen oder gar zu den Symptomen formen. Das, was Adorno den „Rätselcharakter der Kunst“ nennt, findet in dieser Moderne seinen Ausgang, drängt ins Werk und prägt es fortan. Die luzide Sublimierung der Idee im Werk und der klassische Bildungsroman zumindest haben von nun an ausgedient, oder der Autor versieht ihn mit negativen Vorzeichen.

In einem zweiten Teil meiner Wien-Serie zeige ich einen kleinen Gang durch die Leopoldstadt im zweiten Bezirk, hinüber über den Donaukanal in die Innere Stadt (vulgo: erster Gemeindebezirk), ausgehend vom dritten Bezirk zum Praterstern, wo eine reizende Berlinerin, die, am Fahrkartenautomaten lagernd, sich gerade anschickte, zunächst ihre Wochenkarte loszuwerden, um dann mit dem Zug zurück nach Berlin zu reisen, mir eben jene Wochenkarte verkaufte. Der langsame (oder auch der behutsame) Weg sei das Ziel, man spüre die Zeit des Reisens anders, wenn die Reisende die Strecke mit der Bahn fahrend statt mit einem Flugzeug zurücklege, so sagte sie. [Ich vermute allerdings, sie hatte schlicht Flugangst.] Wir unterhielten uns kurz über die verschiedenen Arten des Reisens, über den Modus der Distanz und des Ankommens sowie über die damit verbundenen Verhaltens- und Denkweisen. Dann mußte sie weiter, mußte ich weiter. Ach, Fräulein, sein sie munter, es ist ein altes Stück, mit der Bahn fahrn se runter, mit der Bahn geht’s auch wieder zurück. Sofern man eine Fahrkarte besitzt.

Im Laufe des Rückfluges am Montag erinnerte ich mich ein Stück weit an die Frau, doch ihr Gesicht habe ich bereits wieder vergessen. All die Gesichter. Bei den Damenbeauty-Salons in Wien, auch das ist modern, weiß ich nie genau: Handelt es sich hier nun um die Innung der Friseure oder doch um ein Bordell?
 
 
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Grinzinger Gaumenseligkeit

„Es muß ein Stück vom Himmel sein“ sangen Lee Harvey, nein, falsch, ich verwechselte: Lilian Harvey und Willy Fritsch 1931 in dem Film „Der Kongreß tanzt“: Wiener Seligkeit und Gemüt unterm gemeinen Volk, unerkannt jaust und singt der russische Zar in einer Heurigenwirtschaft in Grinzing oder Nußdorf bei Wien. Ein Jahrhundert und einige Jahrzehnte später verstand der in den Medien als Kannibale von Rothenburg bezeichnete Mann diese Textzeile ein wenig anders und er begehrte nach delikateren Teilen: Es muß ein Stück vom Pimmel sein. Der Phallogozentrismus in dekonstruktionspraktisch-kulinarischer Absicht. Aber durch so etwas, die Wiener Schrammel-Musi, durch Fußball und Gaucho-Tänze läßt sich der immer weltabgewandter agierende Substanz-Metaphysiker und der Existenz-Kritiker nicht aufhalten und aus der Fassung bringen. Der Stoiker des Blickes photographiert die Szenen der Stadt. Unsere Kälte, euer Ruin.

Von solchen eigentümlichen Eß- und Filmkitschgedanken weg, hin zu den Photographien: einen Eindruck von meinem ersten Wien-Spaziergang gibt es auf Proteus Image zu sehen. Leider sind eine Vielzahl an Photographien verschüttet gegangen bzw. beschädigt, weil ich das tat, wovon ich jeder Photographin, jedem Photographen immer abgeraten habe; nämlich Bilder der vollen Speicherkarte auf ein anderes Medium zu ziehen und dann diese Karte in der Kamera zu formatieren und darauf neue Bilder zu speichern. Mit Speicherkarten muß man wie mit Filmen umgehen. Ist die Karte voll, wird eine neue verwendet. Am besten man besitzt mehrere Sätze von 8 oder besser noch 4 GB Kapazität. Sie werden erst auf dem heimischen Rechner gezogen und dann, wenn alles importiert und zweifach datengesichert ist, kann die Karte gelöscht werden. Klingt zwangsneurotisch, hat sich aber als Sicherheit bewährt. So geht kein Bild verloren.

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Edit/Nachtrag:

Ich habe vergessen, das wunderbare Video einzubetten, mit den Untertiteln in einer mir nicht bekannten, vermutlich asiatischen Sprache, die dann wieder ins Deutsche übersetzt wird.

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Vienna Calling – Rückkopplungen und Rückreise

Gut erholt trifft der Blogbetreiber aus einer der Filialen des Grandhotels Abgrund – nämlich: Wien, Loge der Dekadenz samt des verblaßten Glanzes – wieder in Berlin ein. Vom vorgestrigen Tage bekam ich in Wien wenig mit. Etwas Geschrei und Gejohle und das war es dann. Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. In vier Jahren werden dieselben Debatten aufkeimen.

Wie ich lese, starb das letzte der „Ramones“-Mitglieder – Tommy Ramone nämlich. Nun ist es vorbei. Wie alles. Ebenso starben der Künstler On Kawara, der die Zeit in Zeichen, Reflexion und Imagination verwandelte, sowie der Schauspieler Gert Voss, exakt während ich in Wien mich aufhielt. Einen Tag zuvor fragte mich eine Freundin: „Was macht eigentlich Gert Voss?“ Gute Frage. Thomas Bernhard schrieb ein ganzes Theaterstück über jene drei Schauspieler: „Ritter, Dene, Voss:

 VOSS: Wir können nicht denken, wenn wir an Menschen und ihre Bedürfnisse gebunden sind.
(Th. Bernhard, Ritter, Dene, Voss)

Nie mehr zum Doktor Frege zu gehen. „Ich gehe zu keinem Doktor Frege mehr hin.“ Krankheit zum Tode. Denken, Gehen, sich in den Büchern bewegen, sie wie die Nahrung in einem Wirtshaus aufnehmen. Nahe am Wahnsinn. Die Ekstase der Existenz als Text. Der Geistesmensch als jene tragikomische Gestalt, eine Art kranker Don Quichotte, der sich im Bewußtseinsinnenraum verrennt, an den Projekten immer wieder scheiternd, lustvoll und in Qual zugleich, immer nahe am Steinhof wohnend, hausend, denkend– jener Irrenanstalt bei Wien.

Heimgekehrt: Um mehrere Kilo schwerer von Wein und Wurst, Schnitzel und Gemischtem Satz oder Grünem Veltliner komme ich nach Hause. (Ich wüßte es genauer, wenn ich mich wöge.) Und naturgemäß auch das da: Frittatensuppe.

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WIRT
Frittatensuppe sagten Sie
BRUSCON
Selbstverständlich
Das einzige
das hier gegessen werden kann
ist Frittatensuppe
Aber nicht zu fett
immer diese Riesenfettaugen in der Suppe
selbst in der Frittatensuppe
feiert die Provinz ihre Triumphe
(Th. Bernhard, Der Theatermacher)

Der Transitraum, Wartesäle und Aufenthaltsbereich des Menschen der (Post-)Moderne. Hektisch die Finger am Handy, am Smartphone, auf dem Tablett-PC oder am Laptop. Manchmal auch schlafend und ruhend. Wie in einem Marthaler-Stück. Eine eigentümliche Bewegungslosigkeit herrscht manchmal an den Nicht-Orten, die lediglich Durchgangsstationen bilden.

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Wien – Berlin: die aufkommende Moderne zum Beginn des 20. Jahrhunderts. Jahrhundertwende. Berggasse: die dritte narzißstische Kränkung fürs Subjekt: daß das Ich im eigenen Hause nicht mehr der Herr sei. Ich besah das Wartezimmer von Freuds Praxis, das Behandlungszimmer, Freuds Arbeitszimmer, in dem eines der bedeutendsten Werke der Jahrhundertwende entstand: „Die Traumdeutung“. Aber es lassen mich diese Dinge, die Stuhl-Objekte, die Bilder, die Sofas kalt. Nichts besitzt eine Aura. Es ist alles simuliert. Ein Museum eben. Das einzige, was mich bewegte, waren die Gemälde im „Kunsthistorischen Museum“. Die Kaffeehäuser: Karl Kraus und Peter Altenberg. Aber ich bin aus dem Alter heraus, stundenlang im Kaffeehaus zu sitzen: ich kann mich dort nicht konzentrieren, mag weder schreiben noch lesen, weil ich von den Menschen, von ihrem Treiben, von der Unruhe abgelenkt bin, und wir sind in einer fremden Stadt sowieso nur Touristen; da hat es etwas Albernes, den Wiener Schmäh und die Wiener Kaffeehaus-Tradition nachzuahmen oder irgendwie schriftstellerisch-philosophisch zu simulieren. Neun Tage sind zudem eine viel zu kurze Zeit, um in irgend einer Weise in einer Stadt als Bewohner und Lebewesen anzukommen. Der Mensch bleibt Tourist, solange er reist und sich von seinem Zuhause, seinem Wohnort fortbewegt. Die meisten tun so, als gehörten sie dazu, wenn sie einen oder zwei Monate irgendwo leben.

Allenfalls könnte ich in einem der vielen, meist in altmodischem Interieur gehaltenen oder gediegen auf alt gemachten Kaffeehäusern die Menschen beobachten – vielleicht in der Weise, wie Thomas Bernhard es über seinem Freund Paul Wittgenstein in dem Text „Wittgensteins Neffe“ beschreibt:

„Im Sommer hatten wir unseren Stammplatz auf der Terrasse des Sacher und existierten die meiste Zeit aus nichts anderem als aus unseren Bezichtigungen. Gleich was vor uns auftauchte, es wurde bezichtigt. Stundenlang saßen wir auf der Sacherterrasse und bezichtigten. Wir saßen bei einer Schale Kaffee und bezichtigten die ganze Welt und bezichtigten sie in Grund und Boden. Wir setzten uns auf die Sacherterrasse und setzten unseren eingespielten Bezichtigungsmechanismus in Bewegung hinter dem Arsch der Oper, wie Paul sich ausdrückte, denn sitzt man vor dem Sacher auf der Terrasse und schaut geradeaus, schaut man genau auf die Hinterseite der Oper. Er hatte seine Freude an solchen Definitionen wie dem Arsch der Oper, wohl wissend, daß er damit nichts anderes als das Hinterteil seines wie nichts auf der Welt geliebten Hauses am Ring bezeichnete, aus welchem er so viele Jahrzehnte mehr oder weniger alles, das er zum Existieren brauchte, bezog.“
(Th. Bernhard, Wittgensteins Neffe).

 Demnächst mehr zu Wien, in Wort und Bild – auf diesem Blog.

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Reise in die andere Epoche – Tage in Wien

„In Österreich mußt Du entweder katholisch
oder nationalsozialistisch sein
alles andere wird nicht geduldet
alles andere wird vernichtet
und zwar hundertprozentig katholisch
und hundertprozentig nationalsozialistisch“
(Thomas Bernhard, Heldenplatz)

 Die Stadt ist mit dichten Lagen Geschichte bedeckt, überzogen von der Patina, und abgestrahlter Glanz legt sich wie Pollenstaub auf den Monumenten und Gebäuden nieder. Kirchenkuppeln, Kirchturmspitzen und Paläste in hellem Stein. Strahlwerk und Triebkraft. Barock wirkt als gesellschaftlicher Kitt, und zugleich spiegelt sich darin die Strahlkraft der Vanitasmotive, die ich so sehr liebe: die Spiegel, die Hunde, die Schädel, die Meßwerkzeuge. Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Unter dem Stephansdom, Unterleib: die Gräber: Knochen, Särge Fetzen von Gewändern. In der Kapuzinergruft: die Särge: Staub und Knochen, das, was vom Hause Habsburg blieb: der Modergeruch, zwischen Stein und Gebälk. Salbungsvolle Reden der Übriggebliebenen und die Überreste der Geschichte. Es wispern die untergründigen Geister, es höhnt die Stimme von Karl Kraus den ewigen Lügnern hart ins Ohr. Die letzten Tage der Menschheit. Der heilige Trinker Roth: verstorben im Exil in Paris. Überhaupt ist diese Stadt mit Geschichte, mit Geschichten, mit Leben und Tod durchzogen, durchsetzt, durchseucht. Berggasse: Das alle freizulegen, was sich im Subjekt an Verdrehtem und Sperrigem, an Kultur und Gesellschaft sedimentiert und wie Muschelkalk als Kokon sich ums Metall und um den Stein der Begräbnisstätten schichtete. Jenes kollektive Unterbewußte sowie die andere Struktur, die unser Streben unbewußt bestimmt oder manchmal auch konterkariert. Thanatos und Eros in Verschränkung. Geschichtsträchtige Pfade, wie man so sagt, und insbesondere im Angesicht eines schalen Jubiläums vor 100 Jahren. Aber es ist dies die Geschichte der Mächtigen, derer, die oben und im Licht stehen. Wir freilich wissen es im stummen Sinne des Ästhetizismus, nach der Sprache ringend und haspelnd in den Gossen, aus den Goschen gespien, seewärts fahrend und die nervösen Sinne, die erhabensten aller Hysteriker sprechen schnell und gewiß:

Manche freilich müssen drunten sterben
wo die schweren Ruder der Schiffe streifen,
andere wohnen bei dem Steuer droben,
kennen Vogelflug und die Länder der Sterne.

Manche liegen mit immer schweren Gliedern
bei den Wurzeln des verworrenen Lebens,
anderen sind die Stühle gerichtet
bei den Sibyllen, den Königinnen,
und da sitzen sie wie zu Hause,
leichten Hauptes und leichter Hände.

Doch ein Schatten fällt von jenen Leben
in die anderen Leben hinüber,
und die leichten sind an die schweren
wie an Luft und Erde gebunden.

 Ganz vergessener Völker Müdigkeiten
kann ich nicht abtun von meinen Lidern,
noch weghalten von der erschrockenen Seele
stummes Niederfallen ferner Sterne.

 Viele Geschicke weben neben dem meinen,
durcheinander spielt sie all das Dasein,
und mein Teil ist mehr als dieses Lebens
schlanke Flamme oder schmale Leier.

(Hugo von Hofmannsthal, Manche freilich …)

 Die Fragen eines lesenden Arbeiters, erstickt im Ruderschlag, Adornos Lektüre der Sirenen-Episode aus der Odyssee bleibt nach wie vor aktuell. Die ästhetizistische Verstrickung wandelt sich später, einige Jahre nachdem Hofmannsthal dieses Gedicht schrieb, zur Armut, die bekanntlich ein großer Glanz aus Innen ist, wie Rilke in Hohlpathos und kunstgewerblich insinuierte. Die freudlose Gasse. Wiener Kreis. Wien webt in unseren süßen Träumen todestrunken die Schleier, Reiseschleier, Reisefieber, Wien ist die Stadt der Melancholie, des Schimpft, der Literatur (vor hundertundzehn Jahren), die Stadt der Mehlspeisen und Weine, des Zitterspiels, natürlich!, der Schrammelmusik, Loos und Wittgenstein, Ornament und Verbrechen und in der Nacht der Schrei: Harriiieee. Donauwärts, die Wellen, slawisch verspült. Ostwärts verweht, Galizien und die Bukowina. Eine untergegangene Welt, wo Bücher und Menschen wohnten, wie der Dichter Paul Celan in seiner Bremer Rede sprach. Der Vielvölkerstaat. Alles das aber gibt es nicht mehr. Oder vielmehr: das existiert nun in anderer Weise. Wien ist eine Stadt wie jede andere. Und genau dahin reise ich für über eine Woche. Ich war noch nie dort.

Wien: das ist der Zuckerguß, von den Torten bis zu den überzuckerten Gebäuden. Das protestantische Wien: es ist verschüttet, denn Wien wurde im Zuge der Gegenreformation mit dem „Blendwerk des Barock“ überzogen und rekatholisiert, wie Gerhard Roth es schreibt.

Ich weiß nicht, was mich in dieser Stadt erwartet, und dennoch schwirren im Kopfe Vorerwartungen, weil Wien durch bestimmte Bilder und Szenen geprägt ist. Man müßte den Inhalt des Bewußtseins, gleichsam phänomenologisch im Sinne einer Epoché oder der Tabula rasa, leerfegen und in die Stadt reisen, als hätte man keine einzige Geschichte mehr im Kopf, kein Bild und kein Klischee, denn so wie das ewige Paris-Gefasel oder Berlin-Gefasel uns den Sinn verstellt, beschädigt auch der Wien-Text das Denken. Ich betriebe die phänomenologische Reduktion. Den Kopf freizubekommen, um für die Photographie Platz zu schaffen, wäre sicherlich ebenfalls ein spannendes Projekt. Doch es geht nicht ohne den Text. Wenn wir freilich bedenken, daß auch Bilder eine Form des Textes sind, dann ist es gut wie es ist. Schreiben, flanieren, sehen. Wahrnehmen. Aber diese Diktionen gehen mir bereits gegen den Strich: wenn die ästhetischen Imperative des Immergleichen formuliert werden. Denn sofern alle offen in der Wahrnehmung und für die Dinge sein wollen oder es zumindest im Phrasensound vorgeben, dann möchte ich das lieber nicht und die Zerlegung einer Stadt ist schließlich kein Creativ-writing-Kursus mit Wohlfühlfaktor, sondern harte Arbeit.

Dennoch beträufeln diese Bilder beständig das Denken: Das Kunsthistorische Museum vor allem, und wer erinnerte sich nicht an seine Lektüre von Bernhards „Alte Meister“: Grandios die Heidegger-Beschimpfung und Bezichtigung darin sowie die Intensität der Kunst als Reflexionsraum, und dennoch vermag, so die Erkenntnis des Protagonisten Reger, kein Kunstwerk den einzig geliebten Menschen zu ersetzen. Was für eine Suada und was für ein Textstrom über Kunst und Leben, den Reger da entfesselt. Im Text Bernhards.

Wien bietet Potential und wenn ich bei „Wien“ einen Buchstabendreher setze, habe ich zudem „Wein“. Ich werde vielleicht doch hier und demnächst die „Chronik meines Alkoholismus“ aufschreiben: Der Blogtrinker. Doch dies ist ein anderes Thema, dazu komme ich ein andermal. [Wunderbarer Götz Widmann! Aber alles steht, wie jegliches im Leben, hart auf der Grenze.]

3-596-11407-1Was zur Einführung in diese Stadt lesen? Es kam mir sofort Gerhard Roth in den Sinn (nicht der Hirnforscher, sondern der österreichische Schriftsteller). Aus dem Zyklus „Archive des Schweigens“ las ich „Eine Reise in das Innere von Wien“: sehr genau beobachtet Roth das, was abseits der ausgetretenen Pfade läuft: im Stephansdom oder im Narrenturm, in der „Hitlervilla“, vulgo, dem Männerwohnheim Meldemannstraße, in welchem Hitler von 1910 bis 1913 wohnte. Die österreichische Geschichte mit ihren Verstrickungen und dem Hang jeglicher Geschichte, aus der Perspektive der Herrschenden und der Mächtigen zu schreiben, liest Roth aus dem Heeresgeschichtlichen Museum heraus. Wie auch beim Stephansdom und an anderen Orten buchstabiert er einen anderen Blick auf die Geschichte Wiens aus. Das, was nicht im Baedeker oder in DuMonts Kunstreiseführer geschrieben steht, die lediglich in satten Farben schönmalen und die Kunstgeschichte zum Glanz der Herrschaften illuminieren lassen. Weiterhin sei „Die Stadt. Entdeckungen im Inneren von Wien“ empfohlen. Roth schreibt Geschichte und Geschichten, aus denen die Leser um ein Stück gebildeter, wissender, wahrnehmender heraustreten, nachdem sie diese Texte gelesen haben. Roth beschreibt und beobachtet essayistisch, er ist zudem einer jener klassischen Flaneure, der mit dem Photoapparat durch die Stadt streift, um das Abgelegene ins Bild zu bringen.

In diesem Sinne möchte ich mich für einige Tage von meinen Leserinnen und Lesern verabschieden. Ich weiß nicht, ob ich in Wien zum Schreiben kommen werde oder einige Photographien hier im Blog einstellen kann. Das wird sich zeigen. Ihnen bis dahin eine gute Zeit. Spätestens am 14. Juli, quatorze juillet, geht es weiter. On verra. [Und heute? Heute ist ein ganz besonderer Tag. Es wird ein Picknickkorb gepackt und eine Flasche Riesling-Sekt lagert im Kühlschrank.]

Ich kann nicht anders, noch einmal der geliebte Georg Kreisler: „Wie schön wäre mein Wien ohne Wiener“: „Und wer durch dies Paradies muß//Findet später als Legat//Statt des Antisemitismus//Nur ein Antiquariat!“ Was für ein rattenscharfer Text! „In Grinzig endlich Ruh und’s Burgtheater zu!“
 

 

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Die Tonspur zu Gefahrengebiet und volkspolizeilicher Abriegelung der Ohlauer Straße

Anzustimmen ein Loblied auf unsere gute alte Berliner Volkspolizei, die es dieser Tage, wenn man den Verlautbarungen der GdP zuhört, schwer hat. Acht Tage lang einen Kiez abzuriegeln wie das Zonenrandgebiet wie weiland in der DDR ist sicherlich eine harte Arbeit. „Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand bestimmt“, so sagte es die kompetente grüne Bezirksbürgermeisterin von Friedrichshain/Kreuzberg Monika Herrmann sehr richtig. Wer übrigens glaubt, Gefahrengebiet und Komplettabriegelungen seien nur Petitesse, der irrt: Das ist ein Vorspiel, um zu sehen, was künftig geht.

Unvergessen, großartig und Dank wie immer an: Georg Kreisler!

Wer jetzt nicht bei den GRÜNEN austritt, kann nur noch korrumpiert genannt werden.

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