Berlinale 2024: Der neue Antisemitismus kommt aus dem Kulturmilieu. Er ist woke und migrantisch

Man kann es aber auch derart formulieren: Wer auf einem Filmfestival kritische Rassentheorie und Postkoloniales bestellt, bekommt kritische Rassentheorie und postkoloniale Minderware geliefert: die Ausschnitte aus dem prämierten Film über jene nach Europa geschafften, geraubten oder auch erworbenen Kunst-Werke aus Afrika sind mäßig und taugen allenfalls für einen Sendeplatz auf 3sat um 23:45 Uhr, aber sicherlich nicht für ein solches Filmfest. Bereits die Juryentscheidung für solche Filme spricht Bände. Und insbesondere dann die gestrige Preisverleihung. Gefälligkeitsurteile für die eigene identitäre Gemeinde. Bei Facebook wurde es treffend zusammengefaßt:

„Anstatt die Holocaust-Verharmlosung und den offenen Antisemitismus auf der Bühne zu verurteilen, spricht die Berlinale von „unterschiedlichen Meinungen“. Meinungen, die man übrigens niemals dulden würde, wenn es sich nicht um Judenhass, sondern Rassismus, Sexismus oder Homophobie handeln würde.
Was für eine Schande für Deutschland.
Man muss es so deutlich sagen: Auf den Bühnen der Berlinale wurden Reden geschwungen, die selbst auf einem AfD-Parteitag in Thüringen harter Tobak wären.
Beklatscht wurden sie von Kultur-Schaffenden, die sich rühmen, mutig gegen Diskriminierung aufzustehen. Aber bei Judenhass entweder sitzen bleiben oder mitklatschen.
Die Wahrheit ist: Antisemitismus hat einen Platz in Deutschland. Nicht nur irgendwo in den Rechtsaußen-Hochburgen Ostdeutschlands oder muslimisch geprägten Problemvierteln der Metropolen. Nein, der Antisemitismus sitzt in Deutschland in der ersten Reihe.“

Wenn eine Jurorin wie Véréna Paravel die Bühne für steindummen Aktivismus mißbraucht, um sich auf ihren Rücken den lächerlichen Slogan „Ceasefire now“ zu pappen, ohne daß dort steht „Free Gaza vom Hamas“ oder aber „Lasst die Geiseln frei!“, dann wird solche Forderung unglaubwürdig – und genau das sind jene „Elemente des Antisemitismus“. Und ein „Free Gaza from Hamas“ würde wohl auch empfindlich der Karriere von Véréna Paravel schaden.

Nein, wenn eine Terrororganisation wie die Hamas brutalste Verbrechen begeht, unter dem Jubel und unter Mitwirkung der Gaza-Araber, dann sind diese Leute keine Opfer, sondern zunächst einmal Täter. „Starting a war and losing it doesn´t make you a victim“, so läßt sich die Chose pointieren. Einen Waffenstillstand kann es nur geben, wenn die Hamas bedingungslos kapituliert. Gerne und schnell wurden die entsetzlichen Taten vom 7. Oktober verdrängt und vergessen. Und Sätze in der Art von „Das soll auf keinen Fall das Massaker vom 7. Oktober relativieren …“ wirken nicht glaubhaft, sondern vielmehr wie eine pflichtschuldige Übung, um den in der Kulturbranche grassierenden israelbezogenen Antisemitismus zu kaschieren. Die meisten seiern Unverbindlichkeiten ab und jene, die ansonsten um kein Wort und nie verlegen sind, noch beim kleinsten Gebrauch der falschen Pronomen und beim Mißgendern einen Scheißesturm zu entfachen, faseln plötzlich von Sprachlosigkeit. Warum sie sprachlos waren, möchte man lieber gar nicht erst eruieren. Vermutlich eher aus einer Freude heraus und nicht aus Solidarität mit Israel.

Die Statements dieser „Filmschaffenden“ sind klar und da läßt sich auch nichts an Entschuldigungen hinzudeuten – schon gar nicht, daß es unterschiedliche Meinungen gäbe, wie die entsetzlich einfältige und (auch heute auf Kulturzeit) sichtlich überforderte Mariette Rissenbeek mehrfach uns einzureden versuchte. Es gab auf der Bühne keinerlei Zeichen einer irgendwie gearteten Solidarität mit Israel und den immer noch gefangenen Geiseln. Am Rande nur: bei einer der befreiten weiblichen Geiseln wurden Spermaspuren von über 60 verschiedenen Männern gefunden. Hat irgendwer auf der Berlinale sich dazu geäußert? Nein. Ist von denen auf der Bühne jemand mit einer Kippa aufgetreten? Nein. Sondern mit diesem unästhetischen Terrorfeudel. Hat irgendjemand von diesen Lemuren gefordert, zunächst mal die Geiseln freizulassen und wurde dort die bedingungslose Kapitulation der Hamas als Voraussettzung gefordert? Nein. Hat irgendjemand von diesen Gestalten, die sich da mit öffentlichen Geldern gefördert auf der Bühne spreizen, sich zu blutig und totgefickten Frauen geäußert und zu Babys, die vor den Augen ihre Eltern mißhandelt, zerstückelt und umgebracht wurden? Nein. Wäre dies geschehen, hätte man über diesen Auftritt noch debattieren können. So aber nicht. Und wer Israel einen Apartheitsstaat nennt, da brauchen wir dann nicht weiter zu sprechen.

„27.000 zivile Tote“, so klagen manche. Von wem stammen diese Zahlen? Vom UNRWA, also dem verlängerten politischen Arm der Hamas? Sind in diesen Zahlen auch die Hamas-Terroristen eingerechnet, die nun einmal nicht an Militäruniformen zu erkennen sind, sondern die sich genau so wie Zivilisten kleiden und tarnen?

Wer wie die Hamas Zivilisten als Schutzschilde mißbraucht, so daß also durch die Hamas Zivilsten zu Tode kommen, und wer diesen Umstand nicht wenigstens mitnennt, der ist kaum in irgend einer Weise glaubwürdig zu nennen. Wer, wie die Hamas, aus der Menge der Zivilisten heraus israelische Soldaten tötet, die die Geiseln befreien und die Hamas ausschalten wollen und sich dann aber beschwert, daß da Menschen getötet werden, der ist ein Verbrecher und ein Lügner und Heuchler dazu. Und wer das beschweigt und beschönigt, der macht sich ebenfalls eines solchen Verbrechens mitschuldig, indem er es billigt. Wenn in weiß gekleidete und verschleierte „Frauen“, die wie Krankenschwestern aussehen, der IDF entgegenkommen und plötzlich ihre Verkleidung abwerfen und unter dem Gewand befinden sich Männer mit Waffen, die das Feuer auf die Soldaten der IDF eröffnen: Wie nennst man sowas? Verbrecher.

Fast noch schlimmer aber als diese entsetzlichen Wichte auf der Bühne sind jene Claquere im Publikum, die zu diesem Unsinn Beifall spenden, anstatt diesen Lemuren zu zeigen, wo der Hammer hängt. Es gibt die Kulturtechnik des Buhens, des Aufstehens und des Gehens. Im arabischen Raum wirft man mit Schuhen. Auch das würde dort gut verstanden werden.

Und ehrlich gesagt: wenn eine ganze Region am 7. Oktober gejubelt und auf den Straßen getanzt hat, dann hält sich mein Mitleid in Grenzen. Wer den totalen Krieg will, der bekommt ihn dann auch frei Haus geliefert. Das sollten wir Deutschen am besten wissen. Prägnant und kurz heißt es im Englischen: „Starting a war and losing it doesn´t make you a victim“.

Sehr treffen las ich heute auf Facebook: „Linke Parole heute: Idioten aller Länder, vereinigt euch!“ Es gibt leider nur wenige Ausnahmen in der Linken.

Der Mann dort auf der Photographie oben, Jay Jordan, zweiter von links, er würde bei den Gaza-Arabern ganz sicherlich ein wunderbares und friedliches Leben führen können. Und auch die Frau rechts, deren Namen wir getrost und besser vergessen können: Wäre sie mit einem solch freizügigen Oberteil durch Gaza-City spaziert, so hinge sie mit ihrem Kollegen Jay ziemlich schnell unter dem Jubel des Araber-Volkes an einem Laternenmast.

Und weil ich es nicht besser und treffender schreiben kann und damit ich mir zudem die Mühe der Schreibarbeit spare, zitiere ich hier gerne ein paar Stimmen. Chris Schinke etwa verweist bei Facebook auf jene leider inzwischen und oft in Vergessenheit geratene Kulturtechnik:

„Der gepflegte wie beherzte Buhruf zur rechten Zeit ist zu Unrecht zur geschmähten Kulturtechnik geworden. Dabei ist sein Ausbleiben an dringend angezeigter Stelle Ausdruck mangelnder Zivilcourage. Wer jedenfalls meinte, anlässlich der Gelegenheit gestern mitklatschen zu müssen, sollte wenigstens in Zukunft den Anstand haben, sich das allzu gerne besinnungslos vorgetragene »Nie wieder« zu verkneifen.“

Genau so ist es. Wer hier applaudiert und Akklamation spendet, ist mehr als nur ein Mitläufer. Jeder hat, wenn er schon nicht buhen mag, weil das seinem Wesen nicht liegt, immerhin die Möglichkeit aufzustehen und den Saal zu verlassen. Ist ja in letzter Zeit eh ein beliebter Slogan geworden: Aufstehen gegen rechts. Hier hat er dann mal im Blick auf Antisemitismus eine ganz konkrete Bedeutung.

Und auch im Blick auf die Filme und weshalb sie mit einem Preis ausgezeichnet wurden, läßt sich scharfe Kritik üben. Mein Verdacht geht dahin: es werden keine Werke, sondern es wird eine Gesinnung prämiert. Karl Kobs schrieb es wie folgt:

„Und dann kann sich bei der Berlinale auch die Gesinnungspreisträgerin Mati Diop den obligatorischen Schlusssatz zur Dankesrede „I stand with Palestine“ nicht verkneifen. Ihre brave Raubkunst-Doku war dann auch nach überwiegender Meinung von Kritikern und Fachpublikum künstlerisch eher ein Griff ins Klo, aber liegt voll auf der Linie der antiwestlich eingestellten Jury. Nichts gegen die Aufarbeitung von Raubkunst, sicher ein vielfach faszinierendes Thema, insbesondere wenn es um spirituell aufgeladene Objekte wie aus der Amazonasregion geht, wo beispielsweise die Ahnen eines Stamms in einem Kultobjekt wohnen, das in irgendeinem Archiv in Dahlem herumstaubt. Geschenkt, aber diese Preisverleihung folgt erneut der modisch-verzweifelten Linie einer bestimmten Kulturmafia, den Postkolonialismus zur beherrschenden Bewertungs-Instanz auch im Film zu etablieren. Wir sind also wieder mal bei documenta 15 und dem irren Versuch, die Welt in genau zwei Himmelsrichtungen zu unterteilen: einen unterdrückten postkolonialen Süden und einen ausbeuterischen sprachkolonialistischen Norden. Die Dummheit einer bestimmten Kultur-Linken ist grenzenlos wie das Weltall – und die Berlinale so was von im Arsch.“

Und er pointiert diese Berlinale und den dort zelebrierten Gaza-Kitsch wie folgt dann:

„Strunzdumme Filmemacher offenbaren ihr gefährliches Halbwissen über den Nahost-Konflikt, fühlen sich aber als „wichtige“ Künstler dazu berufen, ihre Meinung kundzutun – in pathetischen Botschaften und peinlichen Kufiya-Demonstrationen oder auf Zetteln am Rücken: Ceasefire now! Frenetisch beklatscht vom ebenso ahnungslosen Publikum. Leider wissen sie nicht, dass es ein Unterschied ist, ob man Künstler ist oder Kenner. Letzteres sind sie in der Regel nicht. Und so geht auch diese Berlinale an uns vorüber als peinliches Event der sentimental zur Schau gestellten Mitleids-Performance. Getreu der alten Hollywood-Regel: Seht her, wir sind zwar privilegierte Vertreter der Glamourbranche, aber das Elend der Welt lässt uns nicht unberührt – kurz bevor man dann zum Veuve Clicquot-Empfang mit Flying Buffets bei irgendeiner Produktionsfirma verschwindet.

Dabei darf man durchaus Mitleid mit den Menschen in Gaza haben. Der Fehler liegt nur darin, dass diese Protagonisten des falschen Mitgefühls sofort wissen, wer schuld ist: die Israelis – und nicht etwa die Hamas. Keiner von diesen Schmierlappen wie Ben Russell, Basel Adra, Guillaume Cailleau oder Véréna Paravel hat sich mt einer Israelflagge auf die Bühne gestellt, als Palästinenser in einem genozidalen Akt 1.200 Juden massakriert haben – und zwar nur aus einem Grund: weil sie Juden waren. Damals schwiegen sie und machten sich gemein mit der Drecks-Headline des Zeitmagazins: „Wir finden es nicht richtig, wenn man sich nur auf den 7. Oktober fokussiert.“ Fakt ist, dass es ihnen vollkommen egal ist, wer leidet. Hauptsache, sie können ihren pathologischen Judenhass als Teil ihrer edlen künstlerischen Gesinnung in die Feuilletons pressen.

Vor 20 Jahren war ich Chefredakteur des wohl wichtigsten Begleitmagazins der Berlinale, dem tip. Wir unterstützten das Festival mit Sonderheften, Vorabberichten, Rezensionen, Interviews mit Regisseuren und Schauspielern. Schon damals war es verwunderlich, dass das Publikum mit großen glänzenden Augen Schlange stand, um irgendeinen asiatischen Dokumentarfilm über das harte Leben kirgisischer Hirten mit usbekischen Untertiteln zu sehen. Filme, die ansonsten ignoriert wurden und den Rest des Jahres im Nischenprogramm der Off-Kinos verschwanden. Leider! Aber es ging nicht um die Filme, niemals und zu keiner Zeit. Es ging immer nur um die Show drum herum. Es war eben die Berlinale. Aber dieses Jahr ist es besonders schlimm. Schafft sie endlich ab!“

Die Berlinale 2024: Diesmal gratis mit Antisemitismus

Das rechte Bild erschien auf dem offiziellen Instagram-Account der Berlinale Panorama. Widerlich. Und widerlich auch die beiden Leiter der Berlinale, Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek, sofern da heute abend nicht ein klares und distanzierendes Statement kommt. Eigentlich müßte man diesen Leuten heute abend mit Spontandemos ihre Abschlußfeier crashen. Ich hoffe inzwischen, daß die angespannte wirtschaftliche Situation in Deutschland dazu führt, die Kulturförderung grundsätzlich zu überdenken und herunterzufahren. Documenta, Berlinale, die Hochschulen der Künste: All das und die antisemitischen Vorfälle sind kein Einzelfall. Und dieselbem Leute stellen sich hin und reißen bei der AfD gratismutig und wohlfeil ihren Mund auf – wobei ich andererseits von Anhängern der kritischen Rassentheorie auch nichts anderes erwarte.

Diese Berlinale als antisemitischen Dreck zu bezeichnen, ist noch eine sehr freundliche Formulierung. Was eine Parole wie „From the River to the sea …“ bedeutet, weiß jeder. Nämlich die Vernichtung des Staates Israel und die damit einhergehende Vertreibung und Ausrottung der dort lebenden Juden, wie wir es exemplarisch am 7. Oktober gesehen haben – unter dem Jubel der sogenannten „Zivilbevölkerung“ in Gaza und im Westjordanland. Nebenbei: Es gibt kein Land mit dem Namen Palästina und Israel ist, anders als sämtliche um Israel herum liegenden Staaten, eine Demokratie.

Claudia Roth als Staatsministerin für Kultur sollte überlegen, ob sie nicht freiwillig zurücktritt, da sie ihrer Aufgabe ersichtlich nicht im Ansatz gewachsen ist. Man kann es nur mit Jan Fleischhauer sagen:

„Sich super fühlen, weil man fünf AfD-Abgeordnete des Kinos verwiesen hat, aber Hardcore-Holocaust-Verharmlosern und -Israelhassern zujubeln: Deutschlands Filmschaffende sind in ihrer Mehrheit ein rührseliges, selbstzentriertes, ziemlich ungebildetes Pack.“

Zwei Jahre russischer Angriffskrieg gegen die Ukraine

Und das bedeutet zunächst einmal: zwei Jahre entsetzliches Leid für die ukrainische Bevölkerung. Viele tote Zivilisten. Frauen, die ihre toten Männer, Brüder und Söhne beweinen müssen, aber auch viele tote und verletzte Frauen, die in der Armee der Ukraine tapfer kämpfen und ihr Land gegen den blutigen, bleichen Lurch verteidigen. Schon deshalb möchte man den Zarenknechten hier im Land ins Gesicht schlagen für ihren menschenverachtenden Vorschlag, doch bitte zu verhandeln und keine Waffen zu liefern.

„Die Kirche der Scheinheiligen der letzten Tage“ .

Es ist kaum anzunehmen, daß sich die russische Armee aus dem gesamten Land zurückzieht, wenn die Ukraine ihre Verteidigung einstellt. Mit einem notorischen Lügner und Kriegsverbrecher wie Putin läßt sich zudem nichts verhandeln. Noch am 21. Februar 2022 log er frech, daß die hunderttausenden um die Ukraine zusammengezogenen Soldaten nur Manöverzwecken dienten.

Im Tagesspiegel (rechtes Bild) erschien heute diese Photographie, und sie bringt das ganze Leid dieses Krieges gut in eine Szenerie.

Es sind Menschen, die umeinander weinen. Und auch diese Bilder aus diesem Krieg werden wir nicht vergessen. Wer hier noch von Frieden faselt, ohne die Konsequenzen zu bedenken, daß die Ukraine dann unter dem Russenjoch liegen wird, ist politisch und auch moralisch nicht ernst zu nehmen:

Heute lese ich auf t-online: „Schlag gegen russische Luftwaffe. 350 Millionen Dollar wert: Ukraine schießt Spezialflugzeug ab„. Und doch: Solche Aktionen der Ukraine täuschen nicht darüber hinweg, daß der vereinzelte Abschuß von wichtigen Schiffen und Flugzeugen nicht ausreicht, um einen Krieg zu gewinnen und die russische Armee aus dem Land zu treiben. Kriege gewinnt man nur mit ausreichend Munition und ausreichend Waffen (von einer klugen Strategie und taktischen Operationen mal ganz abgesehen: wozu ebenfalls kluge Generäle, Generalstäbe und Offizere gehören.) Kriege gewinnt man, wenn wichtige Nachschubpunkte der russischen Orks vernichtet werden.

Das freie Europa hat zwei Jahre Zeit gehabt, seine Wirtschaft umzustellen und zumindest ausreichend Munition zu produzieren, um die Ukraine massiv zu unterstützen. Von Waffen wie Taurus einmal ganz abgesehen, mit denen sich die russischen Nachschublinien tief in Rußland, treffen lassen. Und es dürfte kaum einzusehen sein, weshalb Rußland ukrainisches Territorium und damit auch Zivilisten angreift und tötet, die Ukraine aber gleiches nicht darf. Wer Kiew beschießt, muß damit rechnen, daß irgendwann auch Moskau beschossen wird. Und nebenbei: Die Brücke von Kertsch hätte schon lange zerstört sein müssen.

Was steht zu vermuten? Wird der Krieg noch Jahre dauern? Wird er dieses Jahr vorüber sein? Wird die Ukraine kapitulieren müssen, sofern und wenn die USA unter Trump ihre Unterstützung zurückfahren wird? Was wird das für das freie Europa bedeuten? Was man auf Putins Worte geben kann, wissen wir. Putin wird Polen nicht angreifen, solange Polen nicht Rußland angreift. Was solche nebulösen Worte bei Putin bedeuten können, wissen wir. Europa muß gut vorbereitet sein.

Die Ukraine muß siegen, sie muß diesen Krieg gegen Rußland gewinnen. Tut sie es nicht, werden das Baltikum oder Polen die nächsten Länder sein, die Rußland angreifen wird. Putin ist ein Outlaw, der nichts mehr zu verlieren hat und der in der westlichen Weltgemeinschaft geächtet ist.

Eine gute politische Analyse zur Lage brachte vor einigen Wochen Frank Mertens:

„Wenn die Ukraine verliert, steht der Westen einem hochgerüsteten und kampferfahrenen Russland gegenüber. Das Zeitfenster für einen russischen Angriff ist dann auf einen kurzen Zeitraum beschränkt: Russland muss angreifen, solange der Westen sein desolates Militär noch nicht wieder aufgebaut hat.

Wenn die Ukraine zum Aufgeben gezwungen wäre, wird das den russischen Machthunger nicht stillen. Die gesamte russische Propaganda ist auf die große Auseinandersetzung mit dem Westen ausgerichtet. Die russische Wirtschaft ist auf einen langen großen Krieg umgestellt. Es besteht immer weniger Zweifel daran, dass Russland tatsächlich die große Auseinandersetzung mit dem Westen sucht.

Ob sich Putin dann auf das Baltikum oder andere frühere Sowjetrepubliken „als Testballon“ beschränkt, ist ungewiss. Wenn wir keine Wehrhaftigkeit zeigen, gibt es für Putin keinen Grund mehr, vor einem Angriff auf die Nato zurückzuschrecken.

Putin gehe es darum, die alte Macht und Herrlichkeit des Großrussentums wieder zu etablieren, warnt BND-Chef Kahl. Er sei der festen Überzeugung, „dass das Kriegsziel Russlands sich nicht in Territorialansprüchen gegenüber der Ukraine“ erschöpfe. Es gehe hier um etwas Größeres: Es geht um die Revision des Status quo. Der Chef des deutschen Auslandsgeheimdienstes warnte davor, dass sich eine solche Gewaltbereitschaft in der Außenpolitik durchsetze und Europa davor kapituliere.

Es gibt Befürchtungen innerhalb der Nato-Führung, dass Russland bereits Angriffe auf verschiedene europäische Ziele, einschließlich Deutschland, plane. Es wurde auch darauf hingewiesen, dass die Nato nur über einen Zeitraum von drei Jahren verfügt, um ihre Verteidigung gegen eine potenzielle russische Offensive auf das Bündnisgebiet zu stärken.
Generäle aus den Niederlanden, Deutschland und den USA äußern die Befürchtung, dass die Armee von Wladimir Putin hinter den Frontlinien zuschlagen könnte, um die zivile und militärische Infrastruktur, die für die Aufrechterhaltung der Kriegsanstrengungen unerlässlich ist, zu zerstören.

„Wir müssen davon ausgehen, dass ein Aggressor das gesamte Spektrum der Gewalt einsetzen wird, um Kommunikationslinien auch im rückwärtigen Bereich zu zerstören“, erklärte Nato-Generalleutnant Alexander Sollfrank in Ulm gegenüber der britischen Times. Das reiche von Sabotageakten über Cyberangriffe bis hin zu Raketen und Drohnen. Darauf sei man kaum vorbereitet.

Ein kürzlich aufgetauchtes Geheimdokument der Bundeswehr zeichnet ebenfalls ein beunruhigendes Bild des Ukraine-Krieges. Es beschreibt zunächst eine hybride Kriegsführung mit russischen Cyberangriffen auf die kritische Infrastruktur des Westens und die gesellschaftliche Destabilisierung der osteuropäischen Staaten durch Falschinformationen und Aufstachelung im Internet. Unter dem Deckmantel von Militärmanövern könnte Russland dann seine Exklave Kaliningrad aufrüsten. Schließlich könnte ein von Russland provozierter „Grenzkonflikt“ zu Kampfhandlungen mit Litauen und Polen führen.

Eines von vielen Hindernissen für Verteidigungspläne gegen Angriffe aus Russland sind die Bestimmungen, die den Austausch und Transport von militärischen Mitteln nicht nur zwischen den Ländern, sondern auch innerhalb Deutschlands einschränken. Der Transport von militärischem Personal und Material über Grenzen hinweg erfordert auch innerhalb der Europäischen Union und des Schengenraums ein Genehmigungsverfahren.

Auch hier ist uns Russland deutlich überlegen.
Wir haben keine Zeit zu verlieren! Wir müssen unsere Wehrhaftigkeit erhöhen, müssen unsere Gesellschaft befrieden und eng mit unseren Verbündeten zusammenarbeiten. Wenn wir diesen Dritten Weltkrieg verhindern wollen, müssen wir JETZT handeln!“

Dem ist nicht viel hinzuzufügen. Slava Ukraini!

Who’s that Boy? Wer ist Julian Assange?

Um es gleich vorweg zu sagen: Assanges Enthüllungen über Kriegsverbrechen der US-Army im Irak bleiben nach wie vor verdienstvoll und für diese Art von journalistischer Arbeit darf er nicht verurteilt werden. Aber es bleiben in anderen Fällen erhebliche Fragen. Assange hat massiv Menschenleben gefährdet, so lautet einer der Vorwürfe gegen ihn, auch von Journalisten, er hat 2016 im Wahlkampf Clinton gegen Trump dem Regime Putins und Trump zugearbeitet. Assange und Wikileaks brachten viel über die USA und wenig über das totalitäre Rußland seit Putins Machtübernahme seit seiner ersten Amtszeit 2000 und seinem verbrecherischen Regime, das von Anfang an mit seiner „Regierung“ verbunden war – Stichwort: Morde an Oppositionellen wie Anna Politkowskaja, den Anschlägen auf Wohnblöcke durch den russischen Geheimdienst, um den Tschetschenienkrieg in Gang zu bringen: oder auch die Gaserpressungen gegen die Ukraine im Jahr 2008: hier schwieg die Plattform, hier schwieg Assange. (Zumindest sind mir hier keine Dokumente bekannt, wenn es sie gibt, korrigiere ich mich hier gerne.) Zudem: Wer damals im US-Wahlkampf 2016 solche Details veröffentlicht, wie geleakte Mails von Clinton, der weiß, was er tut und er weiß auch, warum er es tut, so meine These. Einige interessante Überlegungen zum Fall Assange las ich auf der Facebook-Seite von Frank Merten bzw. von Grga Jelačić Gargamel:

„Wagenknecht versucht Assange zu einem westlichen Nawalny zu stilisieren. Dabei hat Assange mit seinen Leaks unermessliches Leid über belarussische Oppositionelle und afghanische Informanten gebracht und interessanterweise nie irgendetwas gegen Russland veröffentlicht.

Unter den Hunderttausenden geleakten und von Assange veröffentlichten Dokumenten gibt es kein einziges, das irgendjemanden der russischen Regierung gefährden würde, weder Einzelpersonen noch Unternehmen.

Im Jahr 2012 weigerte sich der „Held der modernen Welt“, geleakte Daten zu einer zwei Milliarden Euro schweren Transaktion zwischen Assad und einer russischen Regierungsbank zu veröffentlichen.

Im Jahr 2016 weigerte er sich, russische Geheimdienstunterlagen über die Beteiligung des russischen Militärs und der Geheimdienste in der Ukraine zu veröffentlichen, mit der Begründung, dass „die Quellen nicht glaubwürdig“ seien, während alle anderen Quellen völlig glaubwürdig seien.

Könnte es sein, dass sie mit Hilfe russischer Dienste gesammelt wurden?

Er weigerte sich, denjenigen Teil der „Panama-Papiere“ zu veröffentlichen, die die korrupten Aktivitäten russischer Oligarchen aufdecken.

Er veröffentlichte vertrauliche Informationen über afghanische
Nato-Informanten, die von den Taliban daraufhin hingerichtet und gefoltert wurden.

Er veröffentlichte vertrauliche Informationen über Regimegegner in Belarus, die ebenfalls inhaftiert oder getötet wurden.

Viele fragen sich noch heute: Für wen arbeitet er?“

Ähnliche Bedenken finden sich auch bei Michael Hanfeld in einem Kommentar in der FAZ vom 18. Juni 2022:

„Assange hat mit Wikileaks zur Aufklärung von Verbrechen der amerikanischen Armee beigetragen, er hat aber auch wahllos Daten über den Krieg in Afghanistan ins Internet gekippt, damit möglicherweise Menschen gefährdet und sich mit seinen Mitstreitern – Investigativredaktionen von Medien aus der ganzen westlichen Welt – überworfen, die erst prüfen und dann veröffentlichen wollten. 2016 hat Assange Material über die demokratische Partei und den Wahlkampf Hillary Clintons verbreitet, das aus russischen Quellen stammt – angeblich von Hackern, wahrscheinlicher vom russischen Geheimdienst. Assange gefiel Putin und Donald Trump, der plötzlich ausrief: „Ich liebe Wikileaks!“

Nichts Belastendes zu sehen war bei Wikileaks über Putins Regime und das, obwohl, wie eine anonyme Quelle der Zeitschrift „Foreign Policy“ sagte, Assange in der Zeit des amerikanischen Wahlkampfs 2016 reichlich Material über Korruption im Kreml zugespielt wurde. Wer auf geheimes Material über Kriegsverbrechen der russischen Armee in der Ukraine hofft, braucht auch nicht auf Wikileaks zu setzen. Das hat Wikileaks nicht auf dem Zettel. Die Agenda von Assange, der 2012 eine Talkshow bei Russia Today hatte, konzen­triert sich auf die USA. Wer ihn für einen Helden der Pressefreiheit hält, sollte einmal genau hinsehen.“

Hier wäre unbedingt zu prüfen, ob solche Vorwürfe zutreffen. Wenn das der Fall ist, dann spricht dieser Befund eine deutliche Sprache und die geht gegen Assange dann. Eine gewisse Einseitigkeit in der Durchführung und in der Darstellung läßt sich zumindest bei Assange nicht leugnen. Mich erinnert solches Vorgehen dann doch sehr an Verschwörungsunternehmer wie Daniele Ganser, Ken Jebsen oder Dirk Pohlmann. All das freilich, selbst wenn es zutrifft, ändert nichts daran, daß diese Art von Umgang mit Assange für einen Rechtsstaat unwürdig ist. Ein Hochsicherheitsgefängnis mit Isolationshaft, sofern diese Angaben stimmen, ist in einer Demokratie kein Ort für einen solchen Gefangenen. Daß sich Assange allerdings vor einem Gericht verantworten muß, halte ich ebenfalls für richtig. Wer derart Menschenleben gefährdet und auch in einen US-Wahlkampf eingreift, muß sich das auch juristisch und nicht nur politisch zurechnen lassen. Für die Details sind hier die Juristen zuständig. Uns als Laien entzieht sich solch ein komplexer Fall – zumal wir in Deutschland in der Regel kaum und besonders gut mit dem US-Rechtssystem vertraut sind.

Was nun den Menschen Assange anbelangt: Jemand kann Held und Übeltäter in einem sein. Das eben ist die Ambiguität von uns Menschen. Im Recht sein und doch Unrechtes tun – wir kennen dies prominent in der Literatur, wenn wir Heinrich von Kleists großartigen „Michael Kohlhaas“ lesen: ein Mann, der uns anfangs hoch sympathisch war und denn wir doch zunehmend auch mit einem Grauen betrachten.

Dennoch und trotz solcher Ambiguität: vielleicht kann ein Staat wie die USA in diesem Fall und wie bei Chelsea bzw. Bradley Manning am Ende Gnade vor Recht ergehen lassen. Assange hat lange genug in Gefängnissen gesessen. Ihm wurden, wie in Schweden die mutmaßliche, angebliche Vergewaltigung, Dinge angehängt, wo wir vermuten können, daß es sich hier weniger um eine Straftat, sondern eher doch um „Rattenficken“ handelt, um „Dirty Tricks“ von US-Geheimdiensten. Und es handelt sich bei Assange eben nicht nur um eine juristische, sondern auch um eine politische Dimension, wenn auch in großen Teilen eine höchst fragwürdige, was Assanges Einmischung in den US-Wahlkampf und die Einseitigkeit der Enthüllungen anbelangt, die Rußland und China weitgehend außen vor läßt. Zudem: Wer, wie sehr viele Assange-Freunde und -Unterstützer, dem freien Westen immer wieder vorwirft, daß er seine eigenen Standards nicht einhält, aber niemals wirklich darauf hinweist, daß solche Standards in Diktaturen wie Rußland und China niemals möglich waren – Rußland hatte allenfalls ein kleines Zeitfenster in den 1990er Jahren -, der muß es sich gefallen lassen, daß man ihm doppelte Standards und eben auch ein Spiel mit gezinkten Karten vorwerfen kann. Und in diesem Sinne ist die Causa Assange zudem eine völlig andere als die von Nawalny, als er noch lebte.

Auf Facebook kommentierte es Petra Seeger sehr treffend:

„Ich hielt Assage immer für einen Guten … bis er massiv mit Hilfe Putins in den US- Wahlkampf eingegriffen und dafür gesorgt hat, dass Trump kurz vor dem Rededuell (Amt-Emails auf privatem Server) Munition gegen Hillary Clinton in die Hände bekommt.
[…]
Egal, auf jeden Fall haben wir Assange Leaks (und Putin, der dafür mitsorgte, dass er sie bekam) zu diesem Zeitpunkt zu verdanken, dass Trump Präsident wurde. Assage ist hochintelligent. Er wusste, welche Folgen diese Veröffentlichung zu diesem Zeitpunkt haben würde.
Unverhältnismäßig und unverzeihlich! Was hat er sich dabei bloss gedacht und davon versprochen??? Was hat ihn geritten? Er wird es schon 1000x bereut haben.
Weder Putin noch die Amerikaner haben ein Interesse daran, dass er noch jemals dazu den Mund aufmacht. Letztendlich war er ein nützlicher Trottel, denn er badet es seitdem aus.

Er hat damit unfassbar viel Leid ausgelöst und bekommt dieser schwergestörte Trump eine zweite Amtszeit, dann ist das eine Spätfolge seines Handeln.
Aber was wäre eine Strafe? Ihn lebendig verrotten zu lassen, um ihn mundtot zu machen … Das ist die Gangart eines Putins, aber nicht einer Demokratie.“

Mein Fazit: ich bin mir in der Sache Assange lange nicht mehr so sicher wie noch vor ein paar Jahren, ob da nicht durchaus auch ein Mensch zu recht angeklagt wird. Denn kein Staat der Welt kann Geheimnisverrat durchgehen lassen – schon gar nicht, wenn dadurch Menschenleben gefährdet oder Wahlen manipuliert werden. Andererseits ist ein solches Strafmaß, wie es ihm in den USA droht, völlig absurd und unangemessen. Insofern ist es richtig, daß die Leute für die Freilassung von Assange protestieren. Und um es auf den Punkt zu bringen: der freie Westen sollte das Gebot der Gnade kennen. Dies eben unterscheidet uns von faschistischen Diktaturen wie Putins Rußland, die ihre Gegner einfach in KZs und in Straflager auf Jahrzehnte einsperren lassen oder sie dort ganz einfach umbringen und totschlagen, so wie bei Nawalny.

Quelle: Wikipedia: Copyright: David G. Silvers, Cancillería del Ecuador – https://www.flickr.com/photos/dgcomsoc/14933990406/
Julian Assange during a press conference attended by international media
CC BY-SA 2.0

Der Mord an Alexei Nawalny

Nun ja: es ist nicht der erste Dissident oder Oppositionspolitiker, den Putin umbringen ließ. Die Liste ist lang: Alexander Perepilichny (russischer Geschäftsmann und Whistleblower): 2012 Tod beim Joggen in Großbritannien, Alexander Litwinenko (ein russischer Geheimdienstmann, der später in britischen Diensten stand): 2006 gab es Polonium in den Tee und wenige Tage später war Litwinenko tot, vom russischen Geheimdienst exekutiert. Die Bilder des elend im Krankenbett liegenden Mannes gingen um die Welt. Die systemkritische Journalistin Anna Politkowskaja: 2004 „unbekannte Toxine“, dann im Oktober 2006 im Treppenhaus vor ihrer Wohnung in Moskau von Putins Schergen ermordet. Boris Nemzow (Politiker): 2015 in der Nähe des Kremls durch Schüsse in den Rücken ermordet. Pjotr Wersilow (Aktivisit um die Band Pussy Riot) wurde vom russischen Geheimdienst vergiftet, überlebte aber. (Später dann veröffentlichte Wersilow im Internet Beiträge über russischen Kriegsverbrechen in Butscha und landete dafür acht Jahre in einem russischen Gefängnis.) Sergej Skripa (russischer Militärnachrichtendienstes GRU, lief zu den Briten über) und seine Tochter Julia: Nowitschok-Attentat durch russische Geheimagenten 2018 in Großbritannien, beide überlebten, weil sie rechtzeitig gerettet werden konnten. Oppositionspolitiker Wladimir Kara-Mursa, der 2017 einem Giftanschlag durch den russischen Geheimdienst zum Opfer fiel, ihn überlebte und seit 2023 im Gefängnis sitzt. Putin geht mit seinen Gegnern derart um, wie es bei faschistischen und totalitären Regimen üblich ist. Man beseitigt sie. Und ehemalige Regimefreunde, die nicht mehr nützlich sind oder die eigene Wege gehen wollen, fallen wie urplötzlich aus dem Fenster. Windows 2023 sozusagen, auf russische Art. Die Botschaft an alle ist klar.

Mich wundert nicht, daß Nawalny tot ist, sondern mich wundert, daß er derart lange am Leben blieb. Den ersten Anschlag durch Putin und sein Regime überlebte Nawalny. Tapfer und aufrecht kehrte er nach Rußland zurück und zog es vor, dort das faschistische Regime Putins zu bekämpfen und nicht vom (vermeintlich) sicheren Ausland aus im Exil den Widerstand gegen den Diktator und sein Regime zu organisieren. Ich fürchte aber leider, daß Putins Regime auch an diesem Tod nicht kollabieren wird. Es werden keine Aufstände ausbrechen, es wird kein Protest ausbrechen, der irgendwie gefährlich werden könnte für das Regime. Putin ist nur mit Waffen oder durch einen Anschlag zu besiegen. Dazu muß zunächst mal die Ukraine deutlich besser bewaffnet und also ausgerüstet werden: z. B. mit Taurus-Fernlenkraketen, um russisches Staatsgebiet zu treffen und das zurückzuzahlen, was Rußland bereits seit nunmehr zwei Jahren macht.

Daß dieser Mord an Nawalny zu diesem Zeitpunkt geschah, nämlich einen Monat vor der „Wahl“, zum ersten Tag der Münchener Sicherheitskonferenz, kurz vor dem zehnten Jahrestag des russischen Überfalls auf die Ukraine am 18. Marz 2014, dürfte, wie fast alles bei Putin, kein Zufall sein. Die hinter diesem Mord stehende Botschaft sollte man ebenfalls mit auf dem Zettel haben: wer sich gegen mich stellt, ist tot. In diesem Sinne hat der Faschist aus Moskau, als der Abwesende in München, der freien Welt eine deutliche Nachricht hinterlassen: Wir können euch töten, wenn wir es wollen. Darauf muß Europa vor allem militärisch vorbereitet sein. Putins einzige Schwäche ist seine Feigheit: sobald er merkt, daß sich ihm jemand in den Weg stellt. Und insofern wartete Putin mit dem Überfall auf die Ukraine, bis Joe Biden an der Regierung war. Interventionen durch die USA waren nicht zu fürchten.

Europäern kann man nur raten, Rußland zu meiden. Das zeigt auch wieder der Fall des vor einigen Tagen in Moskau festgenommenen Deutschen, der nun vermutlich dazu eingesetzt wird, einen in Deutschland im Gefängnis sitzenden tschetschenischen Terroristen freizupressen, der wegen Mordes verurteilt wurde. Putin ist jedes Mittel recht.

Daß Putin auf der diplomatischen Ebene kein rationaler Akteur mehr ist, sondern diplomatisch und weltpolitisch ein Outlaw mit psychopathischen Zügen, dürfte spätestens nach dem Überfall auf die Ukraine und den zahlreichen von ihm immer wieder verbreiteten Lügen evident sein. Putin so: ein Überfall auf die Krim? Das machen wir nicht. Was geschah 2014?: Die Krim wurde okkupiert. Putin so: Wir sind nicht im Donbas und wir sind keine Konfliktpartei dort: wenige Wochen später: der ukrainische Donbas wurde von russischen Truppen infriltiert und besetzt und das geht so weit, daß sogar ein Verkehrsflugzeug mit einer Rakete abgeschossen wird. Das Resulat sind 298 tote Zivilisten, umgebracht durch russische Terroristen. Die russische Armee 2021 an der Grenze zur Ukraine: Sie mache nur Manöver, so labert Putin. Der Westen ist darauf hereingefallen und war nicht einmal bereit, rein symbolisch ein Truppenkontingent zur Verteidigung strategisch wichtiger Städte in die Ukraine zu schicken, und viel zu spät wurden Abwehrwaffen und Panzer geliefert. Die Sprache, die Putin versteht, ist die der Schulhofschläger: daß nämlich ein Stärkerer kommt und ihm die Faust unter die Nase hält oder den Würgegriff am Hals ansetzt.

Die Illusion, mit Putin verhandeln zu können, ist bereits seit 2014 zerstört. Putins Wort zählt nichts – das hat er wiederholt gezeigt. Vranyo eben. Was er heute zusagt, wird er morgen brechen und in Rußland weiß das auch jeder. Im Westen noch nicht. Oder man will es nicht wissen. Die Lüge, die sich als Wahrheit gibt, um einige Monate später das Gegenteil zu tun. Welchen Wert sollte ein Friedensvertrag mit einem habituellen Lügner haben? Putin muß insofern besiegt oder aber auf der weltpolitischen Bühne handfest isoliert werden.

Was ist für Deutschland und den freien Westen nun wichtig? Frank Merten analysierte die Lage bereits am 4. Februar sehr richtig:

„Wenn die Ukraine verliert, steht der Westen einem hochgerüsteten und kampferfahrenen Russland gegenüber. Das Zeitfenster für einen russischen Angriff ist dann auf einen kurzen Zeitraum beschränkt: Russland muss angreifen, solange der Westen sein desolates Militär noch nicht wieder aufgebaut hat.

Wenn die Ukraine zum Aufgeben gezwungen wäre, wird das den russischen Machthunger nicht stillen. Die gesamte russische Propaganda ist auf die große Auseinandersetzung mit dem Westen ausgerichtet. Die russische Wirtschaft ist auf einen langen großen Krieg umgestellt. Es besteht immer weniger Zweifel daran, dass Russland tatsächlich die große Auseinandersetzung mit dem Westen sucht.

Ob sich Putin dann auf das Baltikum oder andere frühere Sowjetrepubliken „als Testballon“ beschränkt, ist ungewiss. Wenn wir keine Wehrhaftigkeit zeigen, gibt es für Putin keinen Grund mehr, vor einem Angriff auf die Nato zurückzuschrecken.
[…]
Es gibt Befürchtungen innerhalb der Nato-Führung, dass Russland bereits Angriffe auf verschiedene europäische Ziele, einschließlich Deutschland, plane. Es wurde auch darauf hingewiesen, dass die Nato nur über einen Zeitraum von drei Jahren verfügt, um ihre Verteidigung gegen eine potenzielle russische Offensive auf das Bündnisgebiet zu stärken.
Generäle aus den Niederlanden, Deutschland und den USA äußern die Befürchtung, dass die Armee von Wladimir Putin hinter den Frontlinien zuschlagen könnte, um die zivile und militärische Infrastruktur, die für die Aufrechterhaltung der Kriegsanstrengungen unerlässlich ist, zu zerstören.

„Wir müssen davon ausgehen, dass ein Aggressor das gesamte Spektrum der Gewalt einsetzen wird, um Kommunikationslinien auch im rückwärtigen Bereich zu zerstören“, erklärte Nato-Generalleutnant Alexander Sollfrank in Ulm gegenüber der britischen Times. Das reiche von Sabotageakten über Cyberangriffe bis hin zu Raketen und Drohnen. Darauf sei man kaum vorbereitet.

Ein kürzlich aufgetauchtes Geheimdokument der Bundeswehr zeichnet ebenfalls ein beunruhigendes Bild des Ukraine-Krieges. Es beschreibt zunächst eine hybride Kriegsführung mit russischen Cyberangriffen auf die kritische Infrastruktur des Westens und die gesellschaftliche Destabilisierung der osteuropäischen Staaten durch Falschinformationen und Aufstachelung im Internet. Unter dem Deckmantel von Militärmanövern könnte Russland dann seine Exklave Kaliningrad aufrüsten. Schließlich könnte ein von Russland provozierter „Grenzkonflikt“ zu Kampfhandlungen mit Litauen und Polen führen.

Eines von vielen Hindernissen für Verteidigungspläne gegen Angriffe aus Russland sind die Bestimmungen, die den Austausch und Transport von militärischen Mitteln nicht nur zwischen den Ländern, sondern auch innerhalb Deutschlands einschränken. Der Transport von militärischem Personal und Material über Grenzen hinweg erfordert auch innerhalb der Europäischen Union und des Schengenraums ein Genehmigungsverfahren.
Auch hier ist uns Russland deutlich überlegen.

Wir haben keine Zeit zu verlieren! Wir müssen unsere Wehrhaftigkeit erhöhen, müssen unsere Gesellschaft befrieden und eng mit unseren Verbündeten zusammenarbeiten. Wenn wir diesen Dritten Weltkrieg verhindern wollen, müssen wir JETZT handeln!“

Dieser Analyse ist nichts hinzuzufügen, ich hätte es nicht besser und nicht anders schreiben können. Allerdings sind dies eben Erkenntnisse, die eigentlich bereits seit Ende 2021 hätten feststehen müssen, als klar war, daß Putin die Ukraine überfallen wird. Schon lange hätten in Europa die Rüstungsfabriken angeschmissen werden und die Wirtschaft in Teilen auf eine Kriegsproduktion umgestellt werden müssen. Zum Glück haben wir mit Finnland und Schweden nun zwei schlagkräftige und wehrfähige Länder im NATO-Bündnis.

PS: Wer meint, es sei eine Überdehung des Faschismusbegriffs, wenn man Rußland eine faschistische Diktatur nennt, den möchte man daran erinnern, daß Faschismus nicht Nationalsozialismus mitsamt seinen entsetzlichen Verbrechen meint, der eine Variante des Faschismus ist, sondern ebenfalls Diktaturen wie die von Franco in Spanien oder aber die Militärdiktaturen in Griechenland, der Türkei, Argentinien und Chile, eben das Regime Pinochets.

Und um es noch einmal zusammenzufassen: Uns bleibt nicht mehr viel Zeit. Deutschland muß lernen, kriegstüchtig zu werden und dieses Umdenken bedeutet, daß schnellstmöglich grundsätzliche Reformen eingeführt werden müssen und daß wieder eine Wehrpflicht erlassen wird, damit jeder junge Bundesbürger im Zweifelsfall eine Waffe benutzen und auch militärisch-technisches Gerät bedienen kann oder aber, sofern er den Zivildienst wählt, für den Sanitätsdienst oder logistische, militärische Infrastruktur verwendet werden kann. Wissen zählt. Und solches Wissen erwirbt man durch Training. Ich fürchte nur leider, daß die Regierung Scholz auch diesen Zeichen nicht zu deuten wissen wird. Und ich hoffe zugleich, daß hinter den verschlossenen Türen vielleicht am Ende doch mehr getan und geplant wird, als man nach außen hin zu kommunizieren gewillt ist. Vielleicht auch, um keine Panik zu verbreiten. Denn meine Befürchtung geht dahin: Wenn Putin mit der Ukraine fertig ist und die Ukraine es nicht schafft, Putin zu vertreiben, dann wird als nächstes das Baltikum oder Polen das nächste Ziel sein. In jenem Interview mit Tucker Carlson hat Putin es in seiner verklausulierten Art des Geheimdienstsprechs bereits angekündigt: Rußland würde Polen nur angreifen, wenn dieses Rußland angriffe. Die Sender-Gleiwitz-Botschaft ist deutlich herauszuhören und irgendwo in Polen und im Baltikum wird Putin ganz sicher Nazis finden, die angeblich russische Menschen bedrohen.

Das ist leider die traurige Wahrheit, auf die Europa sich wird einstellen müssen. Unsere Jahre des Friedens sind gezählt. Für die Ukraine, die im Herzen Europas liegt, war dieser Frieden bereits seit 2014 vorbei, und 2022 eskalierte es dann zu einem Krieg, der die ganze Ukraine überzog. Morgen wird es das freie Europa sein, wenn wir nicht vorbereitet sind und Putin die Grenzen aufzeigen.

Zum Auftakt der Berlinale 2024 oder: Das verlogene Scheißhaus

„ ‚Hass steht nicht auf unserer Gästeliste‘ hieß es gestern zur Eröffnung der Berlinale. Iphones blinkten als Lichterketten in den Berliner Himmel. Anti-AfD- Glam- und Glitzer, freudige Erregtheit im kunstpolitischen Kollektiv. Köstliche moralische Erhabenheit, wenn der Körper zum Billboard von Parteiparolen wird. Auf Glitzersteinchen verdammt die Unerwünschten. Ein Nachklang alter revolutionärer Sehnsüchte, das Echo der Jugend … […] Da stehen sie nun, funkeln und blitzen – und keiner erinnert an den 7. Oktober! Stattdessen sitzen sie auf trojanischen Pferden!“

So hat es sehr treffend und schön Ute Cohen auf Facebook formliert. Da stehen die Akteure Spalier und rufen im Chor der kulturindustriellen Gemeinschaft der Filmschaffenden auf dem roten Teppich „Defend Democracy“. Als ob morgen Führer Höcke den neuen Reichskanzler stellte und persönlich ein Ermächtigungsgesetz oktroyierte, so wird dramatisch-dramatisierend getan und schlecht gespielt. Aber vielleicht liegt das im Blut von Schauspielern, sich zu inszenieren. Widerstand aus der sicheren Position und aus der marktwerten Pose, frei nach Dieter Hallervorden aus den 1970er Jahre im Westfernsehen: Der gespielte Witz. Und jetzt rufen wir alle mal „Demokratie“: Das würzt das Vorspiel und macht die im Anschluß gereichten Häppchen und Getränke schmackhafter. Und es nützt natürlich insofern, solange man im Blick auf Antisemitismus in Deutschland nicht auch ein paar sehr unangenehme Wahrheiten aussprechen muß.

Vor allem aber ist solches Gepose ein entsetzlicher Gratismut im sicheren Berlin, auf dem roten Tepich, abgeschirmt, und im Kokon von Saturiertheit – wohlfeil und nichts kostend. Kulturindustrie im erbärmlichsten Sinne und der erbärmlichsten Sorte. Beim Betrachten der Ruf-Szenen auf dem roten Teppich überkommt mich Ekel und ich schalte die Kulturzeit-Sendung aus, darin dieser Quatsch präsentiert wird. Mich widern solche Aktionen an und ich finde sie fast genauso schlimm, wie das Dünnschißgelaber dieser AfD-Backen. All diesen „Kultur“-Leuten würde ich raten: Fahrt ein oder zwei Jahre nach Wurzen, nach Sonneberg oder nach Colditz und macht dort ein oder zwei Jahre lang Kultur- und Jugendarbeit: nicht Dresden, nicht Leipzig, sondern die sächsische oder thüringische Provinz. Spielt dort an Theatern, zeigt Filme, redet mit den Jugendlichen, redet mit den Menschen dort. Oder steckt euch eure Leucht-Handys zwischen eure Arschbacken. Frei nach Schnipo Schranke in ihrem lustigen Song „Pisse“:

„Auf dem „Platz der Republik“
Zu klassischer Musik.
Dein Handy mit den Arschbacken gehalten,
Nur um Dich zu unterhalten.
Dacht Du findest so was komisch,
Seitdem liebst Du mich platonisch.“

Ich liebe euch für diesen Müll nicht einmal platonisch.

Und zum 7. Oktober und dem gräßlichen Schweigen all der Prominenten, die nun wieder aus ihren Verstecken gekrochen kommen: Ich habe bei diesen Anti-AfD-Protesten leider immer häufiger den Verdacht, daß dieser ganze Antifa-Lärm dazu dient, von genau diesem 7. Oktober, dem islamischen Terror und einem eklatanten, hier seit Jahren schon nicht nur manifest, sondern latent auftretenden importierten migrantisch-muslimischen Antisemitismus in Deutschland abzulenken. Auch damit nur ja nicht über eine dringend notwendige Verschärfung der Migrations- und Integrationspolitik gesprochen wird. Und das genannte trojanische Pferd ist genau dieser politische Islam, der das Thema AfD sich zunutze macht. Was aber diese in der Tat unsägliche Partei betrifft: Ich sehe hier in Berlin keine einzige AfD-Demo, die dazu auffordert, Juden aus Israel zu vertreiben, was, damit verbunden, die Eliminierung von Juden zur Folge hat, wenn es keinen Staat Israel mehr gibt: Das nämlich meint jene Parole „From the river to the sea“ (davon einmal abgesehen, daß viele derer, die das rufen, nicht einmal mehr wissen, welcher „river“ gemeint ist.) Ich sehe in Deutschland keine AfDler oder Rechtsextremisten, die Juden bespucken und ihnen die Kippa vom Kopf schlagen – was nicht heißt, daß es dort keine Antisemiten gibt. Und ich erlebe in Berlin auch keine Rechten, die an Universitäten oder in Museen Veranstaltungen derart stören, daß sie abgebrochen werden müssen. Vom Zusammenschlagen und Bedrohen von Juden ganz zu schweigen: all das geschieht momtentan auf der Seite der Allianz von Linken, Islamisten und migrantischen Antisemiten.

Und dazu jene Lappen aus dem Kultur- und Universtitätsbetrieb wie Günter M. Ziegler (FU-Berlin), Martin Köttering (Hochschule für bildende Künste, Hamburg), Till Fellrath und Sam Bardaouil (Hamburger Bahnhof), Julia von Blumenthal (HU) und vor allem die erbärmliche SPD-Wissenschaftssenatorin Ina Czyborra (Berlin), die so wunderbar abwiegeln kann, wenn es gegen Juden geht: man dürfe ja die Meinungsfreiheit an Universitäten nicht beschränken, sagte sie, nachdem in Berlin ein jüdischer Student ins Krankenhaus geprügelt wurde. (Zu den Geschehnissen am Hamburger Bahnhof letztes Wochenende vielleicht ein andermal mehr. Nur soviel sei dazu gesagt: Schuld an diesem antisemitischen, dumm-totalitären Mob einer Gruppe wie Thawra, die dort randalierte, ist eben auch die Museumsleitung und also Till Fellrath und Sam Bardaouil, die nicht sofort die Polizei riefen und das Haus mit dem Sicherheitsdienst und mit Hilfe der Polizei räumen ließen, um die Veranstaltung fortzusetzen und die Gäste zu schützen. Und auch die Künstlerin Tania Bruguera trägt an diesem Übergriff erhebliche Mitschuld. Sie hat nämlich diesen Pöbel eingeladen.

Der lasche Umgang mit solchem Krawallmachern und daß solches Stören und Boykottieren von Kultur keinerlei Konsequenzen hat, angefangen bei einer Anzeige und beim Hausverbot, lädt eben leider dazu ein, daß solche Totalitären es immer wieder machen werden. Der Fisch stinkt vom Kopf her, wie das alte Sprichwort heißt. Es sind jene, die solche Übergriffe dulden und sie herunterspielen.

Und gleiches muß für Universitäten gelten: Wer Veranstaltungen stört und boykottiert, so daß diese abgebrochen werden müssen, muß exmatrikuliert werden. Two strike an you are out. Ich denke, diese Sprache wird gut verstanden.

Nach dem 7. Oktober zumindest war all diese Schauspieler- und Künstler-Prominenz auffallend still. Niemand, der irgendwie sich solidarisch zeigte, allenfalls eine spärliche Veranstaltung am Brandenburger Tor, wo all jene Gratismutigen leider fehlten, die jetzt viel uns über die AfD erzählen. Nur ganz wenige, wie die löblich zu nennende Iris Berben und Igor Levit, der sich über genau diesen Schweigen nach dem Terror und den in Deutschland stattfindenden Übergriffen gegen Juden tief enttäuscht und entsetzt zeigte. Und daran eben ist unbedingt zu erinnern. An genau dieses entsetzliche Schweigen.

Und natürlich ist auch wieder jemand mit dem entsetzlichen Arafat-Feudel vor Ort. Soviel zur Verteidigung der Demokratie.

Hugo von Hofmannsthal zum 150. Geburtstag

Wohl jeder junge Mensch, der was für Sprache übrig hat – samt dem jungmenschhaften Ahnen von der Vergeblichkeit, an jene schwer zu sagenden Dinge heranzuragen -, hat den Chandos-Brief begeistert gelesen. Und ebenso Hofmannsthals Gedichte. Was für ein großartiger Gedichtanfang, wo in den ersten beiden Zeilen bereits das gesamte Drama aufblitzt.

„Manche freilich müssen drunten sterben,
Wo die schweren Ruder der Schiffe streifen,
Andre wohnen bei dem Steuer droben,
Kennen Vogelflug und die Länder der Sterne.

Manche liegen immer mit schweren Gliedern
Bei den Wurzeln des verworrenen Lebens,
Andern sind die Stühle gerichtet
Bei den Sibyllen, den Königinnen,
Und da sitzen sie wie zu Hause,
Leichten Hauptes und leichter Hände.

Doch ein Schatten fällt von jenen Leben
In die anderen Leben hinüber,
Und die leichten sind an die schweren
Wie an Luft und Erde gebunden:

Ganz vergessener Völker Müdigkeiten
Kann ich nicht abtun von meinen Lidern,
Noch weghalten von der erschrockenen Seele
Stummes Niederfallen ferner Sterne.

Viele Geschicke weben neben dem meinen,
Durcheinander spielt sie alle das Dasein,
Und mein Teil ist mehr als dieses Lebens
Schlanke Flamme oder schmale Leier.“

Daseinsdichtung, so könnte man Hofmannsthals Schreiben wohl nennen. Wie bei Rilke ein Wurf ums Ganze – hin zu den Dingen, den Engeln, den Menschen und einem Gott, der manchmal Schnitter heißt. Und solches Sehen macht sich noch in Hofmannsthals Buchkritiken bemerkbar. Schön etwa seine Beobachtungen zu dem bekennenden Kaffeehaussitzer und Schriftsteller Peter Altenberg:

„Aber das macht wieder die Seltsamkeit des Buches aus, daß es das ganze Leben, aber wirklich das ganze, für den Lustgarten der Poesie ansieht und mit seiner allzu süßen, verliebten Musik in alle Klüfte des gewöhnlichen Lebens hineindringt. Denn die Menschen in den hundert Geschichtentun die gewöhnlichsten Dinge und reden die gewöhnlichsten Dinge, aber der Dichter sieht die Bruchstücke ihrer einfachen Schicksale mit solchen trunkenen Augen, wie man am Abend einen schönen Garten zusieht, wenn die Beete begossen werden.“ (Hofmannsthal, Ein neues Wiener Buch)

Das Ideal des Dichters aber bliebt dies:

„Es scheint sich hier ein Kreis anzukündigen, der die Kunst ausschließlich vom Standpunkt des Lebens ansieht, wobei ihm endlich das Leben völlig als Material der Kunst erscheint.“ (Hofmannsthal, Ein neues Wiener Buch)

Frei nach Friedrich Nietzsches Satz aus der „Geburt der Tragödie“, daß das Dasein und die Welt einzig als ästhetisches Phänomen zu rechtfertigen seien. Leben und Kunst verschwimmen in der Emphase des Dichters. L’art pour l’art und vor allem jener nicht zu brechende Wille zur Form.

Und auch hier die Frage von Sprache, Wahrnehmung, Darstellung, dem Affiziertwerden und den Dingen, die in der Dichtung ihre Gestalt gewinnen – jener besondere Blick, der zugleich immer dem Scheitern ausgesetzt ist, der versagen kann, weil die Sprache ausbleibt, wie wir es im Chandos-Brief lasen. Modrige Pilze im Mund.

„Nur Künstler und Kinder sehen das Leben, wie es ist. Sie wissen, was an den Dingen ist. Sie spüren im Fisch die Fischheit, im Gold das Wesen des Goldes, an den Reden die Wahrheit und die Lüge. (…) Sie sind die einzigen, die das Leben als Ganzes zu fassen vermögen. Sie sind die einzigen, die über den Tod, den Preis des Lebens etwas sagen dürfen. Sie geben den Dingen ihre Namen und den Worten ihren Inhalt.“ (Hofmannsthal, Ein neues Wiener Buch)

Die Frage jeder Dichtung bleibt, wie die Dinge erfüllt und belebt werden können, in immer neuer Weise, in einer immer neuen Sprache, sei es die des Steines und des Mineralischen, des Pflanzlichen und Hermetischen, des Geologischen, wie bei Paul Celan, oder im melancholischen Sound einer Straße irgendwo in Köln, wie es Rolf-Dieter Brinkmann tat, oder wenn er „Mondlicht in einem Baugerüst am Ende des 20. Jahrhunderts“ besang, in einem sich überschlagenden Reigen an Bildern, Assoziationen und Erinnerungen, die an den Strahl von Mondlicht geknüpft sind. Am Ende muß sich der Dichter für das, was er tut, vor einem Gott verantworten, wie Hofmannsthal es zum Ende seines Chandos-Briefes schreibt: „… eine Sprache, in welcher die stummen Dinge zu mir sprechen, und in welcher ich vielleicht einst im Grabe vor einem unbekannten Richter mich verantworten werde.“

Daß jener Tod und jene metaphisch-theologisches Figur des Endes bei Hofmannsthal eine besondere Bedeutung hat, kann man an zahlreichen seiner Werke sehen, so etwa in jener Erzählung „Das Mächen der 672. Nacht“:

„Doch er fühlte ebenso die Nichtigkeit all dieser Dinge wie ihre Schönheit; nie verließ ihn auf lang der Gedanke an den Tod, und oft befiel er ihn unter lachenden und lärmenden Menschen, oft in der Nacht, oft beim Essen.“

Barocke Vanitasmotive durchziehen Hofmannsthals Dichtung. Besonders betörend ist freilich jene Stelle in „Der Tor und der Tod“, als zu jenem Edelmann Claudio der Tod in den Raum tritt, um ihn abzuholen, und eben jene Sätze spricht:

„Steh auf! Wirf dies ererbte Grau’n von dir! / Ich bin nicht schauerlich, bin kein Gerippe! / Aus des Dionysos, der Venus Sippe, / Ein großer Gott der Seele steht vor dir.“
(Hofmannsthal, Der Tor und der Tod)*

Was für eine großartige Sentenz! Ob es sich bei dieser Rede freilich um Wahrheit oder Trug handelt: wer weiß das schon? Von jenem anderen Ort her vermag niemand mehr zu sprechen und darüber Auskunft zu geben. Die Natalität des Anthropos setzt eben genau jenes Wissen als Weisheit des Lebens wie des Dichters voraus – womit wir wiederum bei Nietzsche, beim Leben, aber auch bei jener so grausamen Wahrheit des Selen wären. Von Geburt an. („Manche freilich …“)

[Dem Ostpreußenblatt sei für die wohl schönste Hofmannsthal-Photographie zu danken.]

* Gefunden heute in einer Hofmannsthalwürdigung von Tilmann Krause in der WELT