Engelseis. Im Trakt, 18. Oktober

Hier nun die im letzten Blogbeitrag angekündigte Lovestory.

Vorbemerkung: Die folgende Geschichte vom Liebespaar Gudrun Ensslin und Bernward Vespers geht auf ein Schreibprojekt zurück, das Gunnar Kaiser 2018 ins Leben rief, und zwar eine Kurzgeschichte über bekannte Liebespaare der Literatur zu schreiben. Leider zerschlug sich das Projekt und so wurde dieser Text nie gedruckt. Gunnar Kaiser ist im Oktober 2023 an einem Krebsleiden verstorben. Ich habe über eines der interessantesten Liebespaare der bundesrepublikanischen Geschichte eine kleine Skizze gefertigt.

Engelseis. Im Trakt, 18. Oktober

Das Leben spult im Augenblick des Todes noch einmal in Bildern ab, so sagt man, und das ist kein Gerücht oder die Legende von Mystikern, die es den Wissenschaftlern und den Theologen zeigen wollen, und das ist auch kein idealistisches oder materialistisches Manifest vom Vorrang des Geistes vorm Hirn oder umgekehrt, daß da im Augenblick des Todes nur noch Hirn nachlebt und Neuronenzauber veranstaltet. Denn ich muß das wissen. Ich weiß das jetzt. Das Sein bestimmt das Bewußtsein. Es passiert der Reigen an Bildern, wenn man an diesem Punkt steht, wo nichts mehr geht, weil ein Leben endet: daß es sich fügt. Beim Paniktod in der Zelle auf dem engen Raum. In der Angst, vor dem, was nun kommt, wenn du weißt, was geschieht, laufen diese Bilder kurz davor an. Alles sprang noch ein einziges letztes Mal zurück, bevor wie hier aufhören. Rückblenden und all der Furor meiner Zeit und Epoche, was wir taten und waren, unsere Kämpfe und unser Lieben, mein Bernward, wie das Private politisch wurde. Sie schießen auf uns! Wie damals. Wir drehten die dicken Dinger, so dachten wir, und am Rad der Geschichte. Wir trugen den Kampf in die Städte. Wir fuhren ein. Manches von der Zeit mit dir liegt inzwischen im Nebel. Manches von den Tagen in Tübingen mit dir in den frühen 1960er Jahren. Geh endlich fort, Bernward! Aber du bist es ja längst. Hier im Trakt. Eppendorfer Schlaf mit Tabletten. Bücherpläne, Projekte, Anthologien, die wir in Tübingen planten, das weiß ich noch. Diese Literatur, von deinem Ich her geschrieben und die des Nazi-Vaters. „Letzte Ernte“. Gehetzt, gewütet, gedichtet. Bernward Irrsinnsreise, wie ich dich nannte. Ich habe in Paris im Hotelbett gelegen und dein Buch gelesen, deine Reise, unser gemeinsames Kind. Nein, es stimmt nicht, da war ich bereits weg und ein paar Monate später tot, als Jörg das Buch auftat. Ich habe all das gelebt, ich habe es nicht gelesen. Ich habe in Paris gelegen und ein neues Leben angefangen. Mit ihm, mit Andreas, mit diesem Schalk im Nacken. Grete und Hans, der fürchterliche Ahab und sein schmalgliedriger Smutje mit den kleinen und schön festen Brüsten. Nun geht das Zeichen, es ist weit nach zwölf und Mitternacht vorüber, aus der Wüste heraus im afrikanischen Staub, Mogadischu klingt wie ein Traumland, weit weg, das Radio, im Versteck, im Plattenspieler, Feuerzauber los; die Nachricht, die Nachrichten bloß. Es ist Nulluhrvierzig, gleich dreiviertel nach Mitternacht. Ich nehme den Stuhl, ich knote und knote es fest, wir knoten es haltbar, sie knoten, sie knoten ein Tuch, da hängt man gut und eng, sie werden gleich knoten kommen. Ich höre die Schritte im Gang, im siebten Stock. Sie sehen mich. Die ganze Zeit, sie hören uns. Nur wir. Reglos bleiben ist besser und weil sich nun die Tür öffnet. Und lose baumelnde Beine am Strick, am Zellenfenster. Ein weißes Auge gleich.

Dieses Arrogante in deinem Auftritt und doch ganz verdruckster Junge, das paßte ganz und gar nicht zueinander. Ich mochte das aber, deine Widersprüche, deine Verklemmtheit und deine Aggressivität, mit der du die Thesen zur Literatur vortrugst oder Literatur in Thesen hämmertest – ach was, deklamiertest, im Weinsuff, der Poser aus Tübingen, der um die Frauen buhlte, nicht nur um mich, um Ricke auch. Im Dreierpack. Dein Schwadronieren im Park, am Necker, die Häuser spiegeln im Fluß und Frost an den Schuhen von der Wiese im Abend, wie du täppisch den Arm um mich legtest und die Überlegenheit zu spielen versuchtest. Hölderlintage, die deutsche Misere, die sich durchzieht, und bleierne Zeit nun, durchzechte Nacht, Liebster, du konntest schön davon sprechen, als wir so endlos im Park gingen und uns in unsere Worte und in unser Sehnen verloren. Ein unendliches Gespräch wie wir glaubten. Männerding, das Frauending war zuhören und lauschen. Ich tat es nicht, ich sprach. Deine Haltung, deine Schüchternheit und deine Anmaßungen zogen mich. Intellektuelle Überheblichkeit stelltest du zu Schau. Ein lächerliches Anzugjackett trugst du beim ersten Mal, als wir uns beim Brunnen trafen, der nur in deiner Erinnerung ein Brunnen war und in Wahrheit doch nur eine Bank auf dem Marktplatz, Eitelkeit, in der du dich spreiztest, dein so unvorteilhaft dir stehender Nadelstreifenanzug mit Weste, Uhrkette samt einer Uhr, die sich als schäbig erwies. In der Hose staksten verbeulte Cordhosenbeine und dazu ein weißes Nyltest-Hemd. Abends das Hemd auswaschen und auf den Bügel hängen, morgens wieder das gleiche Hemd anziehen. Darüber ein Pullunder manchmal. Eine ausgeleierte Baumwollunterhose, wenn ich Dir den Cord abstreifte. Deine Zimmer-Buchte in den Tübinger Tagen, die wir heimlich aufsuchten, Damenbesuch verboten, eng im Roigelhaus, nichtschlagende Verbindung. Nicht ganz so links, wie wir das später anklingen ließen. Aber Leben sind veränderbar. Was liegt zwischen diesen 15 Jahren? Ein beschauliches Tübingen, die neue Bibliothek im Hegelbau, wo wir lasen und studierten, Walter Jens‘ Kolloquium am Donnerstag, wo alles, was Namen hatte, zuhörte, Berlin, das Kind und der Computer von Horst Herold – ein Name wie von Nabokov. Oder von Disney. Ein Leben im Stift. Deine Schreibübungen, dein Übervater, dessen Vermächtnis du vollstrecken wolltest, aber das kam alles anders, als du es dachtest. Wie viel Wut und Gewalt ist für einen Ausbruch aus dem Käfig nötig, wie viel Stemmkraft, wie viel Denkkraft? Die Ideen müßten ästhetisch werden, die Revolution sinnlich spürbar machen. Vielleicht. Anschaulich zumindest haben Andreas und ich diese Ideen gemacht, die im Vorfrühling in Köpfen keimten, tickten und anschlugen – das fing in Tübingen an, 62, 63, daß da ein Geist wehte. „Praxis, du sagst es, Baby!“ Frei, ungebändigt tobten wir los. Optimismus der Tathandlungen war die Parole, die wir riefen, was wir auch lebten in dieser Keimzeit, die am Ende, Hölderlinturm, so bleiern wurde und nichts Offenes mehr hatte. Ungastlich. Und auch die gestundete Zeit, was wir da lasen. Das schießt jetzt alles zusammen in diesen Sekunden im Trakt, die lyrischen Verdichtungen der braven Germanistikstudentin von einst, die ich mal war. Studienstiftungswesen im dritten Anlauf immerhin. Anders als ich das damals dachte, geht das jetzt in der Praxis hier. Big raushole. Aber anders als geglaubt. Eine Art metaphysischer Flug. Ohne Funken. Ein Abgang. Ohne dich.

Aber es mußte sein. Ich bin die Aktive, ich habe einen Sprung getan. Du nicht. Los, sag es mir jetzt und gib es zu, kneif mich, beiß mich in die Brustwarze, in meine kleinen Brüste, fasse sie, umfasse die Hüfte! Saug sie und beiß mich, sag es einfach, das Wort, sag es mir! Küsse. Ich bin dabei gelähmt. Nimm mich. Aber das ist lange her. Als du dich nicht trautest und als du in der Besucherritze des Pensionsbettes verschwandst, weil das dumme Bett auseinanderglitt, als du endlich zur Sache kommen wolltest. Du warst sturzbetrunken. Wie so oft. Und lagst auf dem Boden. Ich glaube, du wolltest nicht. Nein, du konntest nicht. Physisch. Geistig. Worte.

Wir wollten das offenhalten, was sich Beziehung nennt, im Bürgerlichen, dieses Tübinger Nest und Pfarrerskram bei mir, darauf rotzten wir schließlich, und unter dem Kuppelparagraphen war es nie leicht, für die Nacht gemeinsam eine Unterkunft zu ergattern, uns miteinander zu paaren. Ich mochte es, wenn du mir deine Finger reinschobst. Oder die Zunge und später dein pralles Glied. Da gab es alle diese Buchprojekte, die er im Kopf hatte. Mein du. Mein unbeholfenes, freches, selbstgefälliges du. Er hat russische Lippen, dachte ich mir. Wußte er das? Die Deutsche Geschichte punkt Null ist gerade sechzehn Jahre her und wir fangen jetzt an, ein neues Kapitel aufzuschlagen. Auch mit Gewalt. Wem die Fragen nicht brennen, bei dem zünden vielleicht die Antworten. So geht das, nicht anders. Heidelberg, Frankfurt, Kommando Petra Schelm. Zieht den Trennungsstrich, jede Minute!

Fast ein Medeaspiel dann. Das Felixkind ist fort und ich bin auf meiner eigenen Reise. Für ein Kind ist kein Platz, nicht hier und nicht anderswo. Primat der Praxis. Ich blicke mit Haß und Verachtung auf jene Zeit zurück, ich reise nun in dieser Zeit, nichts anderes mehr. Wir lösten unser Verhältnis, ich löste mein Verhältnis zu Welt. Ich bin nun Schauspielerin, war Schauspielerin bereits im Schultheater in Cannstadt, damals, und später in Frankfurt haben wir uns verkleidet, haben uns Perücken aufgesetzt, auf Andreas‘ Kopf, auf meinen Kopf, und auch auf den von Thorwald, im Frankfurter Kaufhaus nachts. Das Warenfetischding. Die ganze alte Scheiße. Es geschahen die unerwarteten Dinge, doch das Erwartete blieb aus. Knapp war die Zeit, knapp war unsere Zeit. Sie schießen wieder auf uns. Auf Ohnesorg damals, auf Dutschke. Osterunruhen. Wir hätten nichts von Bedeutung falsch gemacht, schriebst du mir in den Arrest. Und dabei haben wir uns geändert, schriebst du, und dabei ginge unsere Geschichte zuende, schriebst du. Wie du dich nun nach meinem Geschlecht sehnst, jetzt wo ich nicht mehr bei dir bin. Wie du wartetest, wie du mir die Briefe nach Preungesheim in den Knast schriebst und die Bücherpakete dazu und die Kosmetik, die ich wollte, weil es im Knast häßlich ist, wie du mit Felix in Berlin mit Liebe umgingst, unser Kind, und wie du hofftest.

Ich habe dich geliebt. Über jedes Maß, und das erinnere ich noch. Bis zum letzten Zug, jetzt am Knoten, Reisende, wir im Herbst 1962, Spanien, Europa, in die Estramadura, Cervantesspuren. „Er lebt in Texten“, sagte ich mir – sogar auf den Reisen. Großer Walfang dann später. In Chiffren schreiben, big raushole und Kassiber. Zweite Feuerbachthese, die bürgerlichen Fotzen wollten von ihrem Leben nicht lassen. Das geht durch den klaren Kopf, das Leben mit dir, jetzt hier, letzte Sekunden ohne Kairos. Dreiviertel nach Mitternacht nun. Feuerzauber vorbei. Mühlhausen. Aber da war ich schon nicht mehr dabei. Man sagt, der Mensch könne etwa zwei Minuten ohne Luft aushalten. Das kommt in etwa hin. In weniger als drei Minuten werde ich fort sein. So wie du es lange schon bist, mein Bernward, mein Andreas, nach Tübingen, nach Berlin, nach Eppendorf, 1971 nach den Tabletten. Wir bringen unsere Reise zu ihrem Ende, mein Geliebter, wir haben ein Kind. Call me!

„immer finde ich die altdeutsche Weisheit bestätigt, daß alle schwüre der liebe falsch werden, sobald sich etwas besseres findet, in unserm fall ist das weib der skruppellosere teil, aber das ist auch egal.“ (Bernward Vesper im Februar/März 1968 in einem Brief ins Gefängnis nach Frankfurt-Preungesheim an Gudrun Ensslin)

„‚Unsere‘ Geschichte mag zehnmal zuende sein, die Geschichte ist es nicht.“ (Gudrun Ensslin am 19. April 1968 in einem Brief aus dem Gefängnis Frankfurt-Preungesheim an Bernward Vesper)

Rezipierte Hintergrundliteratur:

Gudrun Ensslin/Bernward Vesper: „Notstandsgesetze aus Deiner Hand“. Briefe 1968/1969

Ingeborg Gleichauf: Poesie und Gewalt. Das Leben der Gudrun Ensslin

Michael Kapellen. Doppelt leben. Bernward Vesper und Gudrun Ensslin. Die Tübinger Jahre

Das RAF-Ding oder wie die Kindheit dieses in ein Miniaturwunderland brachte

Nun ist durch die Festnahme von Daniela Klette die RAF also wieder einmal im Gespräch. Ich weiß bis heute nicht, was ich von diesem RAF-Ding halten soll – gerade auch im Blick auf einen Facebook-Beitrag von Birgit Kelle anläßlich des nun in einer Neuauflage wieder erschienen Buches der Meinhof-Tochter Bettina Röhl: „Die RAF hat euch lieb“. Die Bundesrepublik im Rausch von 68 – Eine Familie im Zentrum der Bewegung. Ich kann die Apodiktik gegen Meinhof ganz nicht teilen, weil ich diese entsetzliche Entwicklung aus der Zeit heraus verstehe. (Den journalistischen und auch politischen Fanatismus von Meinhof teile ich nicht, sehr wohl aber manche ihrer Anliegen in den frühen Jahren als konkret-Autorin.) Ich halte es am Ende mit Rudi Dutschke – sanft war er, sanft wie alle echten Radikalen, wie Wolf Biermann 1979 in einem Nachruf damals sang. Und ich kann zugleich diese Aussagen von Meinhof zum Olympia-Massaker 1972 nicht im Ansatz goutieren. Das ist nicht nur Haß auf Israel, das ist dezidiert antisemitisch.

Zum Phänomen RAF etwas zu schreiben, ergäbe ein Buch – auch in biographischer Hinsicht als einer, der die 1980er Jahre mit einigen Sympathien für eine zutiefst radikale Linke der Autonomen erlebte und als Zaungast verfolgte. Ich kann die Kritik an der RAF und an Meinhof verstehen, was deren widerlichen Antisemitismus betrifft (und auch Meinhofs Umgang mit ihren Kindern) – das ging mir schon in den 1980er Jahren so, nachdem „Der Baader-Meinhof-Komplex“ von Stefan Aust erschien, und doch sehe ich zugleich die Verzweiflung dieser Leute nach dem 2. Juni 1967 und nach den Schüssen auf Rudi Dutschke dann knapp ein Jahr später.

Ich habe in den 1980er Jahren die frühe RAF teils mit Sympathie gesehen, was 1972 die Anschläge in Heidelberg und aufs Hauptquartier des V. US-Korps in Frankfurt/M betrifft: das hielt ich noch lange Zeit für richtig: Den entsetzlichen Krieg der USA in Vietnam gegen die Zivilbevölkerung in die USA tragen! Das war zumindest eine sinnvolle Reaktion, glaubte ich. Und zugleich doch auch naiv, ohne dabei auf die Sowjets zu sehen und jenen totalitären Kommunismus damit implizit zu tolerieren, von dem steindummen Vergleich der US-Bombardierungen mit Auschwitz und Endlösung in der RAF-Verlautbarung von 1972 zum Anschlag in Frankfurt ganz zu schweigen. Schleyers Entführung war bestialisch, zumal dabei Menschen erschossen wurden, die nichts mit seinen Verbrechen zu schaffen hatten. Allenfalls ohne Tote hätte diese Aktion einen Sinn ergeben, indem man Schleyer in seinem „Volksgefängnis“ derart verhört hätte, wie es die RAF tat, um ihn dann mit diesem an die Medien und die Bevölkerung weitergegebenen Wissen wieder freizulassen. Es möge die Öffentlichkeit über jenen Mann richten, der sich an Juden bereicherte.

Wenn von der RAF und den Toten aus ihren eigenen Reihen gesprochen wird und wurde, habe ich niemals „unsere Toten“ gedacht, schon damals in den 1980ern nicht. Es waren nicht „meine Leute“ und Rufe wie „Wir sind nicht alle, es fehlen die Gefangenen“ fand ich schon damals lächerlich, irgendwie saßen sie ja doch zu recht dort im Knast – was erwarteten sie? daß Helmut Kohl die Genossen zu einem Saumagen einlüde? Das ganze Genossentum, bis in die linken Bewegungen hinein, war mir immer suspekt. Aber ich hatte ein politische Interesse an diesem RAF-Ding einerseits. Und es war für mich die RAF zugleich ein Faszinosum.

Als Kinder der frühen 1970er Jahre spielten wir diese Fahndungen und diese Bilder, die wir im Fernsehen sahen, nach. Polizeisperren, Kontrollen, Schüsse. Mit den Matchbox- und Siku-Polizeiautos und sogar einen BMW gab es für die Terroristen, obgleich ich damals nicht wußte, daß BMW im Volksmund eben auch Baader-Meinhof-Wagen hieß. Polizei und Terroristen wurden mit Airfix-Figuren, Maßstab 1:72 nachgestellt. Besonders gut eigneten sich für die Polizei die Airfix-Soldaten der Briten und teils auch der Deutschen aus dem ersten Weltkrieg, weil sie Schirmmützen trugen. Für die Polizei in Demo-Ausrüstung mit Helm kamen die deutschen Soldaten der Wehrmacht und auch des ersten Weltkrieges und für den Bundesgrenzschutz die des Afrikacorps mit dem Mützen in Betracht. Die Panzerwagen der Polizei wurden durch Roco-Modelle der Schützenpanzer abgebildet und auch ein Schützenpanzerfahrzeug von Matchbox, das den BGS-Fahrzeugen, die auf den Flughäfen fuhren, im kindlichen Blick verblüffend ähnlich sah, kam zum Einsatz, wenn es darum ging, ein von Terroristen bewohntes Haus zu umstellen. (Das nur nebenbei für jene, die auch in diesen Zeiten aufgewachsen sind und solches wunderbares Spielzeug von Airfix, Matchbox und Roco gut kennen.)

Vermutlich habe ich die RAF vor allem und bis in die späten Jahre als ein ästhetisches Phänomen immer wahrgenommen und muß aus diesem Grunde nun bald einmal auch Frank Witzels Roman „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ endlich lesen.

Und weil mich dieses Thema RAF seit Jahrzehnten im Bann hat, gibt es morgen oder übermorgen auch eine Liebesgeschichte dazu. Ich verspreche aber, daß diese nicht glücklich ausgeht – frei nach einem Lied von Georges Brassens: „Il n’y a pas d’amour heureux“.

Die Buchphotographie wurde der Facebookseite von Birgit Kelle entnommen

Was, nebenbei, die frühen Jahre der Studentenbewegung betrifft und auch den Weg von der Subversiven Aktion bis hin zu den Kaufhausbrandstiftungen, da sei unbedingt auf das im Hinblick auf die Ästhik instruktive Büchlein von Karl Heinz Bohrer verwiesen: „Die gefährdete Phantasie, oder Surrealismus und Terror“. Nämlich im Sinne einer Ästhetik des Schocks, der Überwätigung und eben auch, was dann später Bohrers Thema werden sollte, der Plötzlichkeit. Und auch auf diesen Blogbeitrag von mir::

Christopher Nolans „Oppenheimer“: in dunklen Zonen

Ich habe Christopher Nolans Spielfilm „Oppenheimer“ im Sommer letzten Jahres gesehen. Es ist ein spannender Film über die Entwicklung und den Einsatz der Atombombe im Rahmen des Manhattan-Projekts wie auch über Oppenheimers Leben. Als Film in seiner Machart nicht überwältigend, daß ich es als ein cineastisches Meisterwerk wahrnähme, aber doch eine in großen Teilen solide Arbeit. Der Oscar ist vermutlich teils auch der gegenwärtigen politischen Lage geschuldet, darin ein faschistischer Diktator samt seinen Gehilfen immer wieder einmal mit dem Einsatz von Atomwaffen droht.

Die Erzählweise von „Oppenheimer“ ist verschachtelt, die Zeitebenen greifen ineinander – auf eine freilich gut nachvollziehbare Weise. Die rund drei Stunden werden dem Zuschauer nicht langweilig, was fürs Kino ein wichtiger Aspekt ist, zumal es bei diesem Plot schwierig sein dürfte, ihn zu verhunzen, und bei Sommerhitze ist es in Berlin im Kino angenehm kühl, so daß eine gewisse Milde vorwaltete. Die Zuschauer gleiten in die für die meisten Menschen abstrakte und schwer fassbare Welt der Atom- und Quantenphysik. Aber es gibt auch Negatives zu sagen: der Soundtrack ist ungemein nervig: schwirrende, schrille, überdramatisisierende Geigenmusik, Streicherorchester, die im Rahmen der Jagd nach Kommunisten in der Nachkriegs-USA unter McCarthy die Vernehmung Oppenheimers durch einen Ausschuß untermalen und auch vielen andere Szenen suggestiv begleiten, zuweilen pathetisch ins Wagnerisch-Orchestrale sich steigernd – was kein Manko sein muß, wenn es denn passen würde. Vor allem aber geschieht diese Beschallung in einer enervierenden Lautstärke, von der ich nicht weiß, welche filmische, narrative Funktion solches Getöse haben soll – außer vielleicht, um auf mimetische Weise die Unerträglichkeit dieses Ausschußverhörs der McCarthy-Ära zu zeigen oder den Schrecken der Bombe als schrillen Laut zu illustrieren.

Die Bildeinblendungen von Sternenhaufen, Galaxien und den unendlichen Weiten des Weltenraums beim Thema Atom, wirkten zuweilen aufgesetzt: viel Pathos, wenn nicht Kitsch. Es gibt Szenen, wo diese Kombination, diese Sternenwelteneinblendungen gut funktionieren, gerade wenn es um den möglichen Weltenbrand geht und das Feuer alle Welt überzieht und zu zerstören droht. Das Promethische, was solchen Ausgriff plausibel macht: Prometheus, der den Göttern das Feuer raubte und es den Menschen brachte, wofür er zu Strafe zu unendlicher Qual von Hephaistos an den Kaukasus geschmiedet wurde. Mit dieser Beschreibung taktete der Film auf, dazu die kalten Bilder des Filmes, blaulastig und also in hoher Farbtemperatur. Das Feuer kann zugleich auch der Weltenbrand sein, eine Art Ragnarök, das nur in diesem Falle nicht das vermeintlich germanisch-nordische Deutschland, sondern eben Japan mit voller Wucht traf. Man kann über solche Art der Darstellung vermutlich lange streiten, warum sie gelungen oder eben mißlungen ist. Ich fand sie im großen und ganzen zumindest nicht mißlungen.

Schön auch jene Sexszene mit der hübschen, freilich psychisch derangierten Geliebten Oppenheimers, darin er nach dem Koitus und auf Bitten der Geliebten aus dem Bhagavad Gita vorlas: „Jetzt bin ich der Tod geworden, der Zerstörer der Welten.“ Großer und kleiner Tod: La petite mort wie auch Weltenfeuer. Vielleicht ein bißchen zu offensichtlich, aber dieses Göttliche und der Feuerschein als Vernichtungsschlag sind ja nun einmal ein Thema, das in Wort und Bild und Erzählweise irgendwie abgebildet werden muß. In dieser Form und in dieser Art des Filmstils paßt es zusammen und auf diese ästhetische Stimmigkeit kommt es am Ende an: ob der Film seine eigenen Anspüche hält. Und das tut er in den meisten Fällen. (Wenngleich man aus den über drei Stunden gut und gerne auch zwei hätte machen können.)

Dummerweise ist jene Geliebte, die sich später dann umbringen wird, Kommunistin und es bewegt sich Oppenheimer auch privat in solchen kommunistischen bzw. im Grunde sozialdemokratischen Kreisen, etwa über seinen Bruder Frank. Das wird sich fürs spätere als verhängnisvoll erweisen, und dabei verquicken sich in dem Film zwei Ebenen: Einmal jener Wettlauf zur Bombe und deren Einsatz. Und zweitens die private Ebene und die Ära McCarthy, die Kommunistenhatz und der Kalte Krieg sowie die Vorladung Oppenheimers vor einen Ausschuß, darin er einem üblen Verhör unterzogen wird, bei dem das Ergebnis bereits feststeht: daß Oppenheimer die nötige Sicherheitsfreigabe, um weiterhin für die Regierung zu arbeiten, nicht erhalten wird. Gelungen auch jene Szene relativ zum Beginn des Films, wo Oppenheimer mit Einstein in einem Garten parliert. Wir hören nicht, was die beiden sprechen und nehmen diese Szene nur aus der Sicht von Lewis Strauss, dem Leiter der Atomenergiekommission, wahr. Strauss glaubt, daß Oppenheimer bei Einstein gegen ihn intrigiert. Die Auflösung des Gespräches sehen wir zum Ende des Films, und es zeigt sich einmal wieder, wie sehr die eigenen Gedankenkonstrukte und Vorannahmen sowie Geglaubtes in die Irre führen können. Der Film verbindet in solchen Szenen und in solchen Elementen der Narration auf ästhetisch gelungene Weise Privates und Politisches.

Der Blick ins Katastrophische jedoch, zumindest was ihre empirisch-faktischen Auswirkungen auf die Japaner betrifft, wird bei Nolan ausgespart bzw. lediglich angedeutet. Zuweilen hatte ich den Eindruck, die Ära McCarthy sei eigentlich schlimmer als jene Japaner, die da von einer Bombe verbrannt und verstrahlt wurden. Aber genau dieser Eindruck ist eben das, was Nolan als Effekt erzeugen will. Die seltsame Leerstelle des Filmes sind die japanischen Opfer. Und daran können auch die grellweißen Lichtblitzüberblendungen nichts ändern, die Oppenheimer zuweilen überfallen und die wohl an jene Atomstrahlung gemahnen sollen. Der bestirnte Himmel über uns samt einem Höllenfeuer deuten ins Allgemeine. Trinity-Test hieß die erste Zündung einer Atombombe am 16. Juli 1945, wenige Wochen vor dem ersten Abwurf. Diesen zeigt uns der Film bis ins Detail. In diesem Sinne hat Nolan das Problem der Darstellbarkeit gut gelöst. Zumal bei solchem Katastrophischen immer diese ästhetische Frage bleibt, wie ein nur schwer darstellbares Grauen im Kino und überhaupt in der Kunst in Bilder gebracht werden kann – und das gilt seit Adornos bekanntem Satz fürs Gedicht nach Auschwitz wohl ganz allgemein für eine solche Kunst, womit wir implizit auch bei „The Zone of Interesst“ wären – jenem Film über das Todeslager Auschwitz-Birkenau und seinen Lagerkommandanten Rudolf Höß.

Und es liegt diese Leerstelle auch darin gegründet, daß zum Zeitpunkt der Entwicklung niemand ahnte, welche Auswirkungen solche Bombe haben könnte und weil ein solches Szenario dessen, was sich dabei in Japan dann am 6. August abspielte, die Geschichte von Oppenheimer und der Atombombe in eine andere Richtung gedreht hätte. Das Ausgesparte und Unsichtbare ist das Zentrum dieses Films. Der Film spielt insofern mit dem Wissen der Zuschauer, setzt dieses voraus. Vielleicht müßte man sich parallel dazu Alain Resnaisʼ „Hiroshima, mon amour“ aus dem Jahr 1959 ansehen.

Wer eine gut erzählte wie auch spannende Geschichte schätzt, samt einem Blick in die USA der 1940er Jahre wie auch der Ära McCarthy, dem sei dieser Film empfohlen. Dennoch: beim ersten Drittel war ich noch beeindruckt, so könnte man es als Fazit sagen, aber dieses Affiziertsein ließ im Laufe der Zeit nach. Man kann all das, was in „Oppenheimer“ gezeigt wird, im Interpretieren bedeutungsreich aufladen – mir selbst war es im Film teils zu überambitioniert und dann dafür doch zu wenig subtil. Vom Bildbombast der Sternenwelten – Makrokosmos und Mikrokosmos – fühlte ich mich an den späteren Terence Malick und solche Tree-of-Life-Schauder erinnert. Doch das kann man sicherlich auch anders bewerten. Oder man nimmt diesen Film einfach als gelungene Unterhaltung über eine wenig unterhaltsame Angelegenheit. Ich muß mir den Film irgendwann nochmal anschauen – vielleicht auf DVD, wenn Nachbarn eine zu laute Party machen und ich den Lärm der Feier mit der Filmsmusik und dem Sound of Fire übertöne.