Kennedy in Berlin: Jene historische Rede

Heute vor 60 Jahren, am 26. Juni 1963, hielt John F. Kennedy jene bekannte Rede vor dem Schöneberger Rathaus. Sie ist bis heute aktuell, sie ist zugleich eine Referenz auf die brutale Blockade Berlins durch Stalin 1948 – auch sie hat dieses Jahr ihr trauriges Jubiläum. Gefeiert wird dabei vor allem diese großartige Unterstützung durch die USA durch die Luftbrücke, und aus genau diesem Grunde sind die Amerikaner in Berlin bis heute beliebt – zumindest bei vielen Berlinern (den echten) der älteren Jahrgänge. Auch aus diesem Grund und zur Pflege von Gemeinsamkeiten ist es traurig und politisch fahrlässig, daß es das „Deutsch-Amerikanische Volksfest“ im schönen Zehlendorf nahe des US-Hauptquartiers an der Clayallee nicht mehr gibt. Wirtschaft schlug 2010 die Politik.

Auf diese Blockade, auf das Eingemauertsein rekuriert jene Kennedy-Rede, und sie zeigt, daß Freiheit nicht zum Nulltarif zu haben ist, sondern unsere dauernde Anstrengung braucht – auch in dem, was wir manchmal abschätzig Sonntagsreden nennen. Vor allem aber ist diese Kennedy-Rede rhetorisch brillant:

„I am proud to come to this city as the guest of your distinguished Mayor, who has symbolized throughout the world the fighting spirit of West Berlin. And I am proud to visit the Federal Republic with your distinguished Chancellor who for so many years has committed Germany to democracy and freedom and progress, and to come here in the company of my fellow American, General Clay, who has been in this city during its great moments of crisis and will come again if ever needed. Two thousand years ago the proudest boast was „civis Romanus sum.“ Today, in the world of freedom, the proudest boast is “ Ich bin ein Berliner.“
[…]
Es gibt Leute, die sagen, dem Kommunismus gehöre die Zukunft. Sie sollen nach Berlin kommen.
Und es gibt wieder andere in Europa und in anderen Teilen der Welt, die behaupten, man könne mit dem Kommunismus zusammenarbeiten. Auch sie sollen nach Berlin kommen.
Und es gibt auch einige wenige, die sagen, es treffe zwar zu, daß der Kommunismus ein böses und ein schlechtes System sei, aber er gestatte es ihnen, wirtschaftlichen Fortschritt zu erreichen. Aber laßt auch sie nach Berlin kommen.

Ein Leben in Freiheit ist nicht leicht, und die Demokratie ist nicht vollkommen. Aber wir hatten es nie nötig, eine Mauer aufzubauen, um unsere Leute bei uns zu halten und sie daran zu hindern, woanders hinzugehen.
[…]
Die Mauer ist die abscheulichste und stärkste Demonstration für das Versagen des kommunistischen Systems. Die ganze Welt sieht dieses Eingeständnis des Versagens. Wir sind darüber keineswegs glücklich; denn, wie Ihr Regierender Bürgermeister gesagt hat, die Mauer schlägt nicht nur der Geschichte ins Gesicht, sie schlägt der Menschlichkeit ins Gesicht. Durch die Mauer werden Familien getrennt, der Mann von der Frau, der Bruder von der Schwester, und Menschen werden mit Gewalt auseinandergehalten, die zusammen leben wollen.“

In sehr einfachen Worten pointierte Kennedy das brutale System der Unterdrückung durch den Sowjetkommunismus der UdSSR. Und wir kennen alle das Ende dieser Rede:

„All free men, wherever they may live, are citizens of Berlin, and, therefore, as a free man, I take pride in the words ‚Ich bin ein Berliner!'“

Heute würde Kennedy etwas anderes sagen, nämlich „Ich bin ein Ukrainer!“ Die Freiheit des Westens, die Freiheit, scharfe Kritik am System zu üben, ohne morgen verboten, vergiftet oder eingesperrt zu sein, wird heute in der Ukraine verteidigt. Und dazu braucht es nicht nur Worte, sondern vor allem Waffen: von Flugzeugen bis hin zu Raketen, Schiffen und Panzern. Kennedys Rede ist auch im Hinblick auf Putin aktuell. Und es gibt nur eine Sprache, die solche Regime der Gewalt und des Terrors verstehen: die der Härte. Kennedy ist in der Kubakrise standhaft geblieben, und Chruschtschow war bereit zu verhandeln.

Maßstäbe setze, nebenbei, Kennedys Rede auch für weiteren Präsidentenbesuche aus den USA: für die Visite und die übliche Rede ein eingängiges, wenn nicht gar ein geflügeltes oder ein geistreiches Wort zu finden. Freilich ging das nicht immer gut. Der aus den 1920ern entlehnte oder dort zumindest prominent gewordene Satz „Berlin bleibt doch Berlin“ wirkt banal, erfreute aber damals in der geteilten Stadt sicherlich all jene Berliner, die da eingemauert waren. Kräftiger schon Reagans Worte im Jahr 1987: „Mister Gorbatschow, tear down this wall!” Und genau das geschah.

Bildquelle: bpb, und dort der Beitrag „Hoffnungsträger einer neuen Zeit“.

Prigoschin

Mutmaßungen hin, Mutmaßungen her, den treffendste Kommentar zu dieser Sache lieferte Filipp Piatov:

Ansonsten gilt: Mögen sich die Hunde gegenseitig zerfleischen! Wie bei allen faschistischen Diktatoren muß man bei solchen Szenen unwillkürlich doch an Brechts „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ denken. Nur sind diese grausamen Mörder keine Karfiolhändler – so auch nicht in Rußland. Prigoschin sollte in Belarus oder Nordkorea nur aufpassen, daß er nicht zu dicht an Hochhausfenstern steht und auch bei Teegetränken sollte er eine gewisse Vorsicht walten lassen. Der von Putin mit Plutonium vergiftete und getötete Alexander Walterowitsch Litwinenko dürften Warnung genug sein – auch für zukünftige Abweichler. Und in Putins Russenrock, da liegt ’ne Prise Novitschok. Immerhin aber hat Prigoschin eine Wahrheit ausgesprochen, die wir alle freilich, die wir nicht in Putins Rektum leckten, bereits lange schon wußten:

„Der Chef der russischen Söldnertruppe Wagner, Jewgeni Prigoschin, hat erneut heftig gegen die Militärführung in Moskau gewettert – und deren offizielle Kriegsgründe infrage gestellt. Entgegen der russischen Propaganda-Behauptung sagte Prigoschin in einem am Freitag von seinem Pressedienst auf Telegram veröffentlichten Video, Russland sei vor Kriegsbeginn im Februar 2022 überhaupt nicht durch die Ukraine gefährdet gewesen.

Die angeblich „wahnsinnige Aggression“ vonseiten Kyjiws und der Nato habe es so, wie die russischen Behörden regelmäßig behaupten, nie gegeben. Hingegen behauptet Prigoschin, dass Selenskyj, als er Präsident wurde, zu Verhandlungen mit Russland bereit gewesen sein soll. „Alles, was hätte getan werden müssen, war, vom Olymp abzusteigen und mit ihm zu verhandeln“, sagte Prigoschin.“ (Tagesspiegel v. 23.6.2023)

17. Juni 1953

Ostberlin, 1953, Straußberger Platz gegen 8 Uhr:

„Platz soll geräumt werden
Die VP [Volkspolizei] scheitert, ständig strömen weitere Menschen auf das Rund.“

„Jena in Aufruhr
Der Holzmarkt in der thüringischen Stadt Jena mit ihren über 80.000 Einwohnern füllt sich bereits seit einiger Zeit. Ein Nachlassen des Zulaufs ist nicht abzusehen. die ganze Stadt scheint sich gegen die SED aufzulehnen. Auffallend ist die soziale Breite des Protests, der Arbeiter und Akademiker ebenso vereint wir Handwerker und Hausfrauen. Dier Aufruhr nimmt im VEB Carl-Zeiss Jena seinen Anfang, ….“

Und so geschah es auch in vielen anderen Städten der DDR. Die umfangreichen Proteste beschränkten sich nicht bloß auf Ostberlin und es waren nicht mehr nur die Bauarbeiter an der Stalinallee, die gegen das totalitäre System und die Sowjets rebellierten.

„Ost-Berlin, 1953, Wilhelmstraße, gegen 9 Uhr
Einheiten der VP haben das ‚Haus der Ministerien abgerieget. Sowjetische Panzerspähwagen verstärken die Polizeieinheiten. Gleichzeitig strömen Demonstrierende auf das Gebäude zu und bilden eine kaum überschaubare Menge, die bis zum Potsdamer Platz reicht. Es kommt hzu ersten Auseinandersetzungen, bei denen sich die VP defensiv verhält, da es ihr an Stärke und klaren Befehlen mangelt. Die Demonstranten bestimmen das Geschehen weitgehend.“
(Aus „Berlin History 17. Juni“)

Man kann auch sagen: die erste Revolution in der DDR, die friedlich als Demonstration begann und dann in einen Aufstand mit Millionen Beteiligten umschlug, die nicht mehr nur andere Arbeitsbedingungen, sondern den Sturz des Regimes und vor allem freie Wahlen forderte. Mit den Bauarbeitern der Stalinallee, wo die neuen Gebäude erreichtet wurden, nahm der Aufstand seinen Ausgang: als Protest unter anderem gegen die neuen und höheren Arbeitsnormen. Aber das allein reichte nicht aus, sondern es gab eben auch eine generelle Unzufriedenheit mit dem Ostregime.

Aus gegebenem Anlaß auch diese Ballade „Acht Argumente für die Beibehaltung des Namens Stalinallee für die Stalinallee“ von Wolf Biermann , im Ton des Moritatensängers vorgetragen. Ich finde sie bis heute unvergleichglich gut und im Blick auf das DDR-Regime auch ziemlich amüsant. Mit der Biermann-Platte „Warte nicht auf bessere Zeiten“, auf der dieser Song erschien, kam ich mit 14 Jahren in Berührung, und das war auch die Zeit, als ich mich nach radikal-links entwickelte und als ich sofort wußte: Das Pfingsttreffen und die Ferienlager der SDAJ in der BRD waren keine Option, die ein denkender und fühlender Mensch einnehmen sollte. Und ich war früh von jeder DDR-Nostalgie als dem politisch besseren System geheilt. Aber zitieren wir eine der schönsten Zeilen aus diesem Song:

Die weißen Kacheln fallen
uns auf den Kopf ja nur
Die Häuser stehen ewig!
(in Baureparatur!)

Und auch das Ende dieses Songs ist für diese Jahre freilich unerhört: „Die alte Zeit ist passé. Nee, nee: die alte Zeit war passé!“ Nie war für die DDR ganz sicher, ob nicht das alte Regime des Stalinismus wieder einkehren konnte. Nicht in Gestalt eines neuen Stalin, aber als ähnliche Repression.

Heute vor 50 Jahren standen die Arbeiter nicht nur in Ostberlin, sondern in der ganzen DDR auf. Sie gingen auf die Straßen, stellten unter anderem Forderungen nach freien Wahlen: „Spitzbart, Bauch und Brille sind nicht des Volkes Wille“. Blutig niedergeschlagen wurde dieser Aufstand von den Sowjetpanzern.

Jene wilden 70er Jahre: Vom KBW zu den Grünen samt einem Ausflug in Kritische Theorie

Oder auch: von Theorie und Praxis, das rote und irgendwie dann doch sehr sozialdemokratische Jahrzehnt, jene Jahre des Aufbruchs der BRD, die 1969 mit der sozialliberalen Koalition aus SPD und FDP begannen, und damit einhergehend eines grundsätzlichen Struktur- und Mentalitätswandels, der dieses geteilte Land in seiner Westhälfte in den Grundfesten und vor allem in seinen Lebensmodellen aufwühlte und umkrempelte – ein Zeitgeist, der sich vermutlich ebenso in der DDR auf bestimmte Weise niederschlug. Das Resultat dieser politischen Prozesse und was bis heute nachwirkt, ist die Gründung der Grünen – die 1980 freilich noch eine ganz andere Partei und eine völlig andere Linke waren als vierzig Jahre später.

Dieser gesellschaftliche Wandel der 1970er Jahre reichte von einer gelockerten Sexualmoral, in der neue Lebensformen wie die „wilde Ehe“ und die obligatorischen WGs ihren Ort hatten und als die Lesben- und Schwulenbewegung zu wachsen begann und für ihre Rechte stritt, eine Ölkrise samt sonntäglichem Fahrverbot, einer anderen Art von Kindererziehung, die nicht mehr nur durch die schwarze Pädagogik geprägt war, daß Eltern, Lehrer und Erzieher ihren Kindern ein paar schallerten, wenn es nicht rund lief, bis hin zu einer neuen Bildungspolitik, mit der die Öffnung der Schulen und Universitäten für ein Milieu einherging, das früher großenteils nicht studieren konnte, was zugleich wiederum jene Massenuniversitäten und in gewissem Sinne auch die Nivellierung der Bildung zur Folge hatte. Und mit solchen Massenuniversitäten ging zugleich der Betonburgenbrutalismus einher, wie man ihn an der Universität Bochum und auch in Hamburg beim sogenannten WiWi-Bunker sehen kann, aber auch in Stadtteilen wie Hamburg-Steilshoop, Mümmelmannsberg, Osdorfer Born und in Berlin in der Gropiusstadt in Neukölln sowie im Märkische Viertel in Reinickendorf manifestierte sich diese Spätmoderne in kaltsachlichen Beton- und Fertigteilbauten. Fickzellen mit Fernheizungn, wie Heiner Müller es leicht despektierlich für die DDR nannte, aber die meisten Menschen in diesen frühen 1970er Jahren waren froh, eine derartige Wohnung zu haben.

Doch zu jenem Jahrzehnt des sozialen Wandels gehörte auch die sogenannten „Berufsverbote“, die RAF samt dem Fahndungsapparat, der uns Kindern einen wohligen Grusel versetzte, wenn da die Polizeiwagen im Fernsehen zu sehen waren oder jene Fahndungsplakate an Litfaßsäulen. Und genauso fürs Gesamtpolitsche waren die Ostverträge samt dem Verzicht auf ein Deutschland in den Grenzen von 1937 zentrale Aspekte dieser Jahre. Ebenso die Bilder aus Vietnam, und genauso in der BRD eine neue Frauenbewegung und die Kämpfe gegen den § 218, der Studentenprotest gegen Fahrpreiserhöhungen für den öffentlichen Nahverkehr – bis heute erinnere ich mich an jene Bilder aus der Tagesschau, irgendwann Mitte der 1970er Jahre, als in Heidelberg Studenten und Aktivisten sowie die Polizei ananeindergerieten und die Polizei mit Räumfahrzeugen auffuhr, die vorne große Gitter befestigt hatten, um die Demonstranten zur Seite und wegzuschieben.

Vor allem aber gerieten zum ersten Mal in umfassender Weise auch ökologische Fragen in den Blick, symptomatisch dafür der Anti-AKW-Protest etwa in Whyl, grenzüberschreitend auch mit französischen Aktivsten, und es verbanden sich mit der Kritik des Kapitalismus zugleich Fragen nach den „Grenzen des Wachstums“; wie eine Studie des Club of Rome aus dem Jahr 1972 hieß. Gerd Koenen prägte 2001 mit seinem Buch „Das rote Jahrzehnt. Unsere kleine deutsche Kulturrevolution. 1967-1977“ einen Titel, der die Tendenzen jener Jahre des Umbruchs auf den Begriff brachte. Und er schrieb in biographischer Weise auf, wie es vielen in diesen Jahren ging, wie eine Zeit sich änderte und sich damit auch die Menschen veränderten.

Gleichzeitig mit diesem gesellschaftlichen Wandel dankten die ersten Vertreter der frühen kritischen Theorie der 1930er Jahre ab, beziehungsweise: sie starben. Adorno beim Gang ins Gebirg 1969, Friedrich Pollock 1970, Horkheimer 1973, Herbert Marcuse 1979, Ernst Bloch, der im weiten Umfeld dazugehörte, 1977. Eine grundsätzliche, an die Substanz gehende Veränderung der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft war in diesem sozialdemokratischen Jahrzehnt – zumindest in der BRD und auch in den USA und in Großbritannien – nicht mehr abzusehen. Kritische Theorie blieb zwar nach wie vor ein Versprechen, geriet aber zugleich zur Geschichte, da eine Gestalt des Lebens alt geworden war. Man fand sich ab. Und zugleich breitete sich 1979 ein Zeitschnitt vor, der gerade für eine soziale Marktwirtschaft schwerwiegende Folgen haben sollte – als Stichworte seien Margaret Thatcher und Ronald Reagan genannt, die das einleiteten, wofür dann ein Begriff wie Neoliberalismus stehen sollte. Für Kritische Theorie blieben als Orte der Resistenz das Grandhotel Abgrund, eine hermetische Kunst, die sich politischer Eingemeindung verschloß und an ihrer Autonomie festhält (ein Aspekt, der gerade für unsere Gegenwart und einer angeblich postautonomen Kunst wieder bedeutsam wird, nebenbei). Und es blieb im Rahmen von Kritik und Theorie das rückhaltlose Philosophieren, gleichsam ein, frei nach Schopenhauer, schwarzes und schwindelfreies Denken oder aber, wenn der Artist denn ein Statthalter sein soll, wie es der Titel von Adornos Valery-Essay nahelegte, eine Art von Artistenmetaphysik. Aber dieses Grandhotel Abseits als Nichtmitmachen im Mitmachenmüssen und als politisches Lebensmodell einer „großen Verweigerung“ ist wiederum ein anderes Thema. Rückzugsorte oder wie Christa Wolf es kongenial in einen Buchtitel brachte: „Kein Ort. Nirgends“ (1979). Und genau das ist eine gelungene Übersetzung für Utopie, bei Wolf erzählt anhand der beiden Selbstmörder Heinrich von Kleist und Karoline von Günderode.

Nachdem vom Pariser Mai 1968 und all den anderen revolutionären Träumen nicht mehr viel übrig blieb, weil manchem aufging, daß Kuba und Nordvietnam womöglich doch nicht die richtigen revolutionären Role-Models und schon gar keine Paradiese freier Welt waren und auch RAF und 2. Juni manchem nicht behagten und nachdem auch SDS und APO sich 1969/70 auflösten, führte der Weg mancher einerseits durch die Institutionen, um dort dann am Ende statt Revolution die Reform zu beginnen. Aber es entstand nach dieser Auflösung zugleich, wie Koenen schreibt, aus „der antiautoritären Jugendrevolte eine echte, generationell geprägte Massenbewegung. Allein die Zahl der organisierten Mitglieder der diversen linksrevolutionären und kommunistischen Gruppen und Parteien lag die ganzen siebziger Jahre hindurch bei circa 80-100.000. Und dieses brodelnde Sektenwesen war nur die sichtbare Spitze eines viel weitläufigeren politisch-kulturellen Phänomens, das sich keineswegs auf Randzonen beschränkte, sondern bis tief in die Mitte von Staat und Gesellschaft hineinreichte.“ (Koenen, Das rote Jahrzehnt)

Insbesondere zeichneten sich die 1970er Jahre durchs Aufsplittern in diverse K-Gruppen und -Grüppchen aus, darin man sich darum stritt, wer nun den roten Stein der Weisen gefunden habe: Kommunistischer Bund (KB), Kommunistische Partei Deutschlands (Aufbauorganisation) (KPD/AO), die dann 1970 wieder als KPD fungierte, Kommunistische Partei Deutschlands/Marxisten-Leninisten (KPD/ML) und als zentrale Instanz vor allem der Kommunistischer Bund Westdeutschland (KBW), der sich im Juni 1973 gründete und Anfang 1985 sich auflöste.

Anläßlich dieses Jahrestages der Gründung und weil der KBW in der damaligen dogmatischen Linken eine zentrale Rolle spielte und manches Mitglied dort (und auch beim KB) später dann zu den Grünmen wechselte, gab es am 6. Juni auf Deutschlandfunk Kultur in der Sendereihe „Zeitfragen“ ein Feature mit dem Titel „In fester Feindschaft vereint – 50 Jahre Kommunistischer Bund Westdeutschland“. Ein spannender und interessanter Beitrag und ein Blick in eine Zeit, die uns jungen Menschen, damals 1980, skurril anmutete, wenn wir da auf den Demos gegen Strauß, gegen AKWs, gegen die NATO oder zum 1. Mai die Zeitungs- und Flugblattverteiler des KBW stehen sahen. Für uns waren sie Relikte aus einer anderen Welt und zugleich doch Teil einer sehr heterogenen Linken. Befremdlicher Dogmatismus.

https://www.deutschlandfunkkultur.de/in-fester-feindschaft-vereint-50-jahre-kommunistischer-bund-westdeutschland-dlf-kultur-14b13b1f-100.html

In all diesen wilden und teils auch dogmatischen Zeiten dürfen aber auch jene undogmatische Linke in der BRD, jene Spontis, die Anarchos und die ersten Gruppen der sogenannten Autonomen nicht vergessen werden, und ebenso, bei einem Teil der Linken der Bezug zum italienischen Operaismus. All diese Strömungen bildeten ein Korrektiv zu einer starren Marx-Auslegung. Und dazu gesellte sich eine neue Linke, die ganz wesentlich durch Autoren wie Michel Foucault, Jacques Lacan, Jean-François Lyotard und Gilles Deleuze beeinflußt wurde und dies mit der Kritischen Theorie Adornos, Horkheimers und Benjamins in Verbindung brachte – nachzulesen insbesondere in Philip Felschs wunderbarem Buch „Der lange Sommer der Theorie„. Es hegelte also nicht bloß und marxte, sondern ebenso verbanden sich hier Strömungen des Neomarxismus mit poststrukturalistischer Philosophie, wenn man denn diese Abbreviatur für sehr heterogene Denker in Anschlag bringen möchte.

Wer zu diesen wilden Jahren der Marxologie und des dogmatischen Marxismus, aber auch eines Denkens der Befreiung von einem allzustarren Korsett an Regeln etwas nachlesen will und wer recherchieren will, wie die 1960er Jahre, von Maos Kulturrevolution bis hin zu Vietnam und Kamputchea nachwirkten, der greife zu jenem Buch: „Klamm, Heimlich und Freunde. Die siebziger Jahre. BildLeseBuch“ – es liefert einen mehr als brauchbaren Überblick, was die politischen Tendenzen jener 1970er Jahre betrifft, und dies nicht bloß auf Deutschland bezogen, sondern zugleich international. (Das Buch ist antiquarisch gut erhältlich.) Und ebenfalls anregend von Hellmut O. Brunn und Thomas Kirn: „Rechtsanwälte – Linksanwälte. 1971 bis 1981 – Das Rote Jahrzehnt vor Gericht“ sowie was Theorie-Zeitschriften betriff von Moritz Neuffer „Die journalistische Form der Theorie. Die Zeitschrift »alternative«, 1958-1982“, 2021 im Wallstein Verlag erschienen; und was dieses Jahrzehnt als eine Zeit des Lesens und der Theorie betrifft, das oben genannte Buch von Felsch und vor allem von Ulrich Raulff „Wiedersehen mit den Siebzigern. Die wilden Jahre des Lesens“. Und im Februar 2023 bei Spector Books Leipzig erschienen von Morten Paul: „Suhrkamp Theorie. Eine Buchreihe im philosophischen Nachkrieg“. Eben jene Suhrkamp-Theorie und die gleichnamige Theorie-Reihe dort, darin 1971 die Luhmann-Habermas-Kontroverse „Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie“ wie auch 1971 „Hermeneutik und Ideologiekritik“ und insbesondere die Theorie-Werkausgabe der Schriften Hegels erschienen sind. Wilde Jahre fürwahr. Und vor allem eine Zeit des wilden wie auch des dogmatischen Denkens.

Zum Verhältnis von Theorie und gelingender bzw. mißlingender Praxis, gerade im Blick auf die Studentenbewegung, hat sich Adorno in vielen seiner Essays befaßt, und noch der Beginn seiner „Negativen Dialektik“ ist ein Rekurs auf die 11. Feuerbachthese von Marx – so wie überhaupt ein Großteil dieses Buches um genau diese Konstellation von Theorie, Praxis, Freiheit, Zwang und Erfahrung kreist. Insofern sei im Blick auf die Möglichkeiten und die Unmöglichkeiten jener zwei roten Jahrzehnte zuletzt Adorno ausführlich zitiert:

„Ich glaube, daß eine Theorie viel eher fähig ist, kraft ihrer eigenen Objektivität praktisch zu wirken, als wenn sie sich von vornherein der Praxis unterwirft. Das Unglück im Verhältnis von Theorie und Praxis besteht heute gerade darin, daß die Theorie einer praktischen Vorzensur unterworfen wird.“(Th. W. Adorno, „Keine Angst vor dem Elfenbeinturm“. Ein „Spiegel“-Gespräch)

„Meine steigende Zurückhaltung der Praxis gegenüber hängt wohl weniger mit meiner individuellen Entwicklung als mit dem steigend illusionären Charakter solcher Praxis unter den gegenwärtigen Bedingungen zusammen. Daß die Studenten verzweifelt guten Glaubens einen Ausweg suchen, ist fraglos, aber ich halte diesen Ausweg für versperrt. Die Konsequenzen des Aktionismus deuten in eben die Richtung, welche die Studenten ihrem Bewußtsein nach am wenigsten wollen. Vor Widersprüchen habe ich im übrigen keine Angst. Sie können in der Sache liegen, nicht notwendig in der Person. Die Stärke eines Ichs bewährt sich darin, daß es fähig ist, objektive Widersprüche in sein Denken aufzunehmen und nicht gewaltsam wegzuschaffen.“ (Th. W. Adorno, Kritische Theorie und Protestbewegung)

„Praxis ohne Theorie, unterhalb des fortgeschrittensten Standes von Erkenntnis, muß mißlingen, und ihrem Begriff nach möchte Praxis es realisieren. Falsche Praxis ist keine. Verzweiflung, die, weil sie die Auswege versperrt findet, blindlings sich hineinstürzt, verbindet noch bei reinstem Willen sich dem Unheil. Feindschaft gegen Theorie im Geist der Zeit, ihr keineswegs zufälliges Absterben, ihre Ächtung durch die Ungeduld, welche die Welt verändern will, ohne sie zu interpretieren, während es doch an Ort und Stelle geheißen hatte, die Philosophen hätten bislang bloß interpretiert – solche Theoriefeindschaft wird zur Schwäche der Praxis.“ (Th.W. Adorno, Marginalien zu Theorie und Praxis)