Von linken Lebenslügen, die wir lebten, und den darin enthaltenen Wahrheiten. „Daß das bloß solche Geschichten bleiben, die man den Enkeln erzählen kann …“

Es ist eine feine Sache, sich auf eine Rezension vorzubereiten, darin es um die Vita eines Alt68ers geht, die zugleich auch – nachwirkend – den Zeit- und Polithorizont des eigenen Lebens umfaßt. Jene Jahre, die prägten, zwischen 15 und vielleicht 25, zwischen 1979 und 1989. Nämlich sich die Tage mit Texten, Musik, Photographien und Impressionen auf die im Klostermann Verlag vor einigen Monaten erschienene KD Wolff-Biographie vorzubereiten: linker, roter Verleger, Aktivist, Vorsitzender des SDS in Freiburg – oder war es Frankfurt? Neue undogmatische Linke. Ein anderer Wind, der da plötzlich im Vermufften wehte und der zugleich doch auch neue Verwerfungen und Probleme brachte. Eine andere Zeit, die auf die eigene Vita noch zehn, fünfzehn Jahre später abfärbte und den Sound der Jugend brachte: der letzte Boomer oder der erste der Generation X, die von diesem Zeitgeist bestimmt wurden. Wer zieht schon Linien? Außer beim Koks und der Schiedsrichter beim Freistoß.

Jene 68er, die uns Ende der 1970er, Anfang der 80er als Lehrer auf dem Gymnasium prägen sollten: der linke Lehrer, die linke Lehrerin, in der Mittel- und Oberstufe, mein Weg ins harte Denken und damit also in die Philosophie, wegen eines klugen Philosophielehrers. Und in der Oberstufe die schöne Tanja mit dem langen, glatten, blonden Haar, ihrer lila Latzhose und den weitgeschnittenen Sweatshirts, die beim Vorbeugen beste Einblicke gaben – was sie gut wußte. Das gefiel mir: kleine, feste, aber doch gut sich bewegende, ja in richtiger Position gar auch schaukelnde Brüste. Musik von Neil Young von der LP „Rust never sleeps“: „Hey Hey, My My (Into the Black)“.

Bob Dylan mit „All along the Watchtower“ in der Version des „Live at Budoka“-Albums: eine der besten Versionen, wie ich finde. Vor allem aber Pink Floyd und der Song „Wish You Were Here“, Erinnerungen heraufzubeschwören.

Sehr sinnlos. Die große Friedensdemo in Hamburg, wo unsere gesamte Schule teilnahm. Mit Lehrern. Tanjas weiß geschminktes Gesicht: Schüler als Atomtod verkleidet. Rückblickend seltsam. Aber jede Jugend hat das Recht auf ihr eigenes Drama. Photographien aus jenen Jahren und von jenen Demos sichten. (Aus Gründen der Persönlichkeitsrechte zeige ich sie nicht.)

Zusammen den ersten Joint bei ihr in der Etagenwohnung in HH-Horn, als die Eltern im Ferienhaus in Fallingbostel das Wochenende verbrachten. Anders als vorgestellt aber lief der Abend: kein „Petting statt Pershing“, kein Fummeln zu Pink Floyd, jenseits des Frotteeschlüpferrandes, keine Finger, kein sonstiges hinein in die feuchte Innenwelt, wo das Politische privat wurde, sondern eine leider kotzende Tanja und ein junger Mann, der die Kotze wegmachte und für die Nacht an ihrem Bett saß, daß sie nicht erstickt oder daß sonstwas passiert.

Und es fügt sich in der Erinnerung manches aus der Schulzeit. 1982/83: die vielen Demos für den Frieden, der natürlich genau deshalb nur erhalten blieb, weil die NATO-Staaten – genauer geschrieben die USA und Großbritannien – gut gerüstet waren und weil es einen harten Kerl namens Ronald Reagan gab, der vor den Sowjets keineswegs einknickte. Junge Menschen hegen Illusionen. Und das ist auch gut so und muß so sein. Illusionsmaschinen. Mit Politkram Mädchen herumkriegen. Immer das alte Spiel: „Wenn es wahr wäre, dass man Mädchen mit der Schrift binden kann!“, schrieb Franz Kafka im Juli 1912 an seinen Freund Max Brod.

Schulfreundschaften, die für ewig schienen und die am Ende nur für eine Zeitspanne gemacht waren, denn das Abitur brachte uns auf sehr verschiedene Wege. „Alles hat seine Zeit“, Prediger, Kapitel 3, Vers 1. Aber solches Wissen mußte man sich bei der bereits in den 1980er Jahren grassierenden Bildungsmisere schon selber beibringen. Lesen, lesen, lesen. Tagelang. Das an Lektüre aufholen, was in der Schule niemals gelehrt wurde. Angespornt durch den so klugen Philosophie- und Deutschlehrer. Und das Wissen um die Endlichkeit aller Dinge lehrt den Schüler irgendwann das Leben. So wie die DDR-Band Karussell es in ihrem Lied „Als ich fortging“ sang, das im Laufe der Zeit auch als Abgesang auf die DDR gedeutet wurde: „Nichts ist unendlich, so sieh das doch ein / Ich weiß, du willst unendlich sein – schwach und klein / Feuer brennt nieder, wennʼs keiner mehr nährt / Kenn ja selber, was dir heut widerfährt“. Damals im Westen kannte kaum einer dieses Stück ud ich hörte inzwischen auch ganz andere Musik.

Zwischen Hippiezeit, Punk, Protest und bevorstehendem Arbeits- nein, Studentenleben. Wir waren Nachgeborene jener damals jungen Wilden, die dieser Gesellschaft nun auf ihre Weise prägten. Manches Gute, manches erwies sich im Lauf der Geschichte als nicht so gelungen und es entsprang eine hochnaive Linke, wie sie es in Teilen bereits in den ausklingenden 1960er Jahren der Fall war. Ich trug schon in Schülerjahren immer beides in mir: Hanseatische streng samt Disziplin: Preußens bzw. Beethovens Gloria (und heute eine tiefe Reue, nicht zur Bundeswehr oder aber doch zur Hamburger Polizei gegangen zu sein, wie ich es kurz einmal andachte), aber auch jene Spontanität und jenes Undogmatische, die es bei einer bestimmten Linken gab. Sich keinem Dogma hingeben. Da war in Hamburg am Grindelhof – in der Nähe der alten Synagoge, die nicht mehr existiert, weil angezündet – die linke, nein linksradikale Buchhandlung „Gegenwind“, wo ich mir die politischen Bücher, von Marx bis Sartre, aber auch Habermas‘ „Der philosophische Diskurs der Moderne“ als Schüler kaufte. Kritische Theorie dazu, Adorno wesentlich, Judaica, Freud, Anti-Atom, Politinfos für die nächsten Demos: Eine Fundgrube, die zu meiner politischen Sozialisation beitrug. Zeitweise hat sich der Verfassungsschutz in einer Wohnung gegenüber eingemietet, um zu beobachten, wer in der Buchhandlung alles zu Besuch kam.

Später dann die wunderbare Heinrich-Heine Buchhandlung, die hatte damals im Universitätsviertel zwischen Schlüterstraße und Grindelallee noch vier Filialen: ein Kollektiv führte all die Buchläden. (Heute nur noch ein Schatten ihrer selbst.) Eine Fundgrube und ein Großteil meiner Bücher damals stammt von dort.

Und natürlich, um den Bogen zu KD Wolff wieder hinzubekommen, jener Verlag Stroemfeld/Roter Stern, der uns in der Germanistik beim Hölderlinlesen eine irre Ausgabe schenkte, vor allem auch Klaus Theweleit nicht zu vergessen, dem ich allerdings nur bedingt etwas abgewinnen konnte, ich fand ihn zwar im Blick auf die literarischen Assoziationen anregend, aber dennoch – damals während des Studiums, im Blick auf Kafka und Benn, „Das Buch der Könige“, welches uns der Germanist Harro Segeberg empfahl – eindimensional angelegt. Ich aber war vielleicht eher doch der Jüngersche Körperpanzer, der sich freilich nicht an die Männerbünde, sondern an das Weibsvolk ranmachte. Manchmal klappte es.

So ließe sich auf den Pfaden der Erinnerungen noch lange wandeln und es mäanderte sich durchs gut Verzweigte – auch in jenen musikalischen Bestandsaufnahmen.

Egal wie aber: Beim Querfeldeindenken im Blick auf Ideen und schöne Assoziationen, um eine Rezension über KD Wolff anzureichern, fiel mir inmitten der Politträumereien jene Zeile aus einem dieser Lieder von Franz Josef Degenhardt ein, darin KD Wolff und Gaston Salvatore vorkamen und das würde ich, so dachte ich mir, unbedingt als Rezensionsauftakt nutzen wollen. Nur mußte ich dazu wissen, um welchen Song es sich handelt. Den genauen Titel hatte ich nicht mehr im Kopf, nur noch diese eine Zitatzeile schwang da vage mit.

ChatGPT zu befragen, erwies sich als sinnlos. Vielleicht habe ich falsch gefragt, aber die KI brachte in diesem Fall nur Blödsinn. Also machte ich mich auf die Suche nach dem verlorenen Degenhardt. Und fand nach viel Stöbern und nach Assoziationen von Textstücken etwas in den Archiven – nämlich den Song „Daß das bloß solche Geschichten bleiben“. Von 1969, auf der Platte „Im Jahr der Schweine“:

Ich machte ihn mir auf Spotify an und ich muß sagen, auch wenn ich die politischen Inhalte seit ich 25 war, lange schon nicht mehr teile und heute wohl eher eine vage vorgestellte Konservative Revolution anstrebe, Waldgänger im Entzug, Grandhotel Abseits: Aber wie geil ist dieser Sound und auch dieser Text! (Song auf Youtube siehe unten)

Solches Liedgut müssen wir bewahren, allein aus geschichtlichen Gründen, um die Verfehlungen lesen und verstehen zu können. [Koestler, ach Koestler. Und auch „Dantons Tod“ (siehe unten und krönender Abschluß)] Solche Musik muß bleiben, egal, was man von Degenhardt politisch halten mag: sein Sound, sein Stil und seine Songtexte sind oftmals der ungeschönte Blick ins bundesrepublikanische Leben der 1960er-Saturierten: gerade dort, wo sie nicht unmittelbar politisch sind und er sich von seinem „Zwischentöne sind nur Krampf, im Klassenkampf, im Klassenkampf“ verabschiedet. Es sind nämlich gerade diese Zwischentöne, auf die es zuweilen ankommt. Ja, wenn der Senator erzählt.

Diesmal jedoch ein musikalisches Plädoyer für Revolution, nicht nur für die Revolte und auch nicht im Blick auf die Geschichte. Joß Fritz eben. Bei politischen Liedern bin ich jedoch (bis auf wenige Ausnahmen und die betreffen den deutschen Nationalsozialismus) offen. Ich singe „Giovinezza“ genauso gerne wie „Auf, auf zum Kampf!“ oder das „Entchen von Tharau“, wie ich als Kind immer verstand und weshalb ich das Lied besonders niedlich fand.

Aus diesem Grunde, um nämlich ein Bewußtsein von Geschichte und Alltag zu entwickeln, halte ich auch jene 1999 erschienene und sogleich gekaufte CD „Uns gefällt diese Welt. Lieder der jungen DDR“, herausgegeben und gesungen von dem damaligen FAZ-Herausgeber Johann Georg Reißmüller, samt Klavierbegleitung, für wichtig. Ein Stück Geschichte, ein Pflicht- und Lustprogramm, um zu verstehen, wie linke Propaganda funktioniert und wie man mit der Weltverbesserungsmasche die Jugend in den Griff bekommt. Reißmüller hat es klar gesagt: Diese Art von Liedgut muß bewahrt werden. Nur wer seine eigene Geschichte kennt, gerade auch die der noch jungen DDR, kann über sie sprechen und schreiben. Unsere Geschichte, sei es biographisch, aber auch in den historischen Mustern, hat viel mit Musik zu tun. Nicht nur im Pop-Bereich, sondern auch beim politischen Lied und seit es die Reproduktionsmedien und die Verstärker gibt, mit denen man auf Veranstaltungen solche Lieder bringt unters Volk bringt. Kommunismus, das ist Propaganda plus Elektrizität. (Und das gilt für jeglichen Totalitarismus des 20. Jahrhunderts.)

Nun also Degenhardt! Ich legte, wie man früher sagte, die Platte auf bzw. drückte bei Spotify auf „Play“. Was für ein treibender, geiler, geschlagener und gezupfter Gitarrensound!

Ein Song mit bösem und galligem Text und dieser scharfen, wie schmeichelnden, schneidenden Stimme des revolutionären Rumpelstilzchens. (Gut, daß solche nur singen, denke ich heute!) Pressend, scharf, hart, lakonisch und bestimmt. Auch das war Ende 1979 und in den frühen 80ern mein Sound der Zeit. Irrsinnsfugen. Aber so war es und das sollte auch im Heute nicht verleugnet werden: diese naiven Träumereien, scharf und bestechend das gesungene „Venceremos!“. Als ob morgen schon die Rote Garde vor der Tür stünde. (Dabei war es doch nur die Lieferung von Neckermann.) Das war damals gegen das System im ganzen gerichtet. Privileg der Jugend, die Gesellschaft umdrehen zu wollen. Aber es war genau dies auch meine Zeit – wir die Spätgeborenen, diese „1968er“, die uns noch zwölf oder dreizehn Jahre später fürs Politische und fürs Denken von Gesellschaft prägte, weil sie nun in den Schulen und anderswo wirkten. Mitzudenken dabei aber bis heute bleibt auch der linke Antisemitismus: mit toten Juden solidarisierte man sich gerne, mit lebenden Juden, die die Notwendigkeit sahen, sich in einem eigenen Staat zu schützen, schon deutlich weniger.

Die verlorenen Revolutionsträume, die schon in den 1960ern eine Kinderrevolte waren, ersetzten wir durch Punk und New Wave und eine neue „Verhaltenslehre der Kälte“: Coolsein, cool Killer und der Aufstand der Zeichen! Ästhetik und Kommunikation, samt verschobener Revolution (und das war vielleicht auch gut so). Das Venceremos! wurde zur Melancholie der Revolution als ästhetischer Reminiszenz im Phänomen Pop. Aber auch diese Haltung der linken Melancholie wird irgendwann langweilig, und vor allem provoziert sie niemanden mehr. Sie ist im Mainstream angekommen. Degenhardt aber nicht. Eher schon ist er eine Legende und eben zum Glück auch irgendwie Geschichte:

„Daß das bloß solche Geschichten bleiben,
Die man den Enkeln erzählen kann –
Es gibt ’ne Menge Leute, die hätten
Großes Interesse daran!
Streiche von Kindern besserer Leute –
Die letzten Streiche vor dem großen Abspeisen!
Ja, so hätten sie’s gern, die Abgespeisten
Und die, die die Speisen verteilen!

Jetzt kommen schon die kälteren Tage –
Mancher bleibt da in seinem Haus
Denkt an die heißere Zeit, erzählt
Paar Geschichten daraus!
Und das läßt sich leider auch gut erzählen!
Zum Beispiel so: „Das war beim Vietnam-Kongress
Als ich zu Rudi sagte – nee wart mal, das war doch später –
In der Kommune II beim Weihnachtsfest!“

Oder wie Dany nach Frankreich sollte
Im Cello-Kasten und mit schwarzem Haar –
Im Hauptbahnhof München steht heut‘ noch ein Cello,
Weil der Geheimcode so schwierig war!
Und dabei kann man auch Dias zeigen:
Auf einer Brücke über dem Rhein,
Im Gegenlicht zehntausend rote Fahnen –
Das muss beim Sternmarsch gewesen sein!

Wenn das bloß solche Geschichten bleiben,
Die man den Enkeln erzählen kann,
Hockt in der Nähe der Wodkaflasche
Ein APO-Großväterchen und hebt an:
„Also damals, als wir mit Dany nach Forbach zogen
Da hatten wir Blumen im Haar –
Und Gaston war da, und KD
Und wir sangen die Internationale, und das war wunderbar!“

Daß das bloß solche Geschichten bleiben,
Die man den Enkeln erzählen kann –
Es gibt ’ne Menge Leute, die hätten
Großes Interesse daran!
Streiche von Kindern besserer Leute –
Die letzten Streiche vor dem großen Abspeisen!
Ja, so hätten sie’s gern, die Abgespeisten
Und die, die die Speisen verteilen!

Aber wir werden sie enttäuschen – denn:
Venceremos!
Venceremos!

„Die Gleichheit schwingt ihre Sichel über allen Häuptern, die Lava der Revolution fließt, die Guillotine republikanisirt! Da klatschen die Galerien und die Römer reiben sich die Hände; aber sie hören das Röcheln der Opfer nicht. Geht einmal Euern Phrasen nach, bis zu dem Punkt, wo sie verkörpert werden. Blickt um Euch, das Alles habt Ihr gesprochen, es ist eine mimische Übersetzung Eurer Worte. Diese Elenden, ihre Henker und die Guillotine sind Eure lebendig gewordenen Reden. Ihr bautet Euer System, wie Bajazet seine Pyramiden, aus Menschenköpfen“ (Georg Büchner, Dantons Tod)

Hark Bohm ist tot

Hark Bohm ist tot und das stimmt traurig. Jeder Hamburger kennt seinen Film „Nordsee ist Mordsee“. Genau so sah es in den Hochhaussiedlungen des Ostens aus, ob Wilhelmsburg, Mümmelmannsberg, Steilshop oder im Westen der Osdorfer Born. Und genau so ging es da auch zu, so wie es der Film zeigte. Hart oftmals.

Ein absolut großartiger Film bis heute und ein wunderbares Zeitdokument meiner geliebten Heimatstadt. (Und natürlich mit dem Udel in ihren Peterwagen und den weißen Vistrammützen. Liebte ich als Kind, wollte ich auch haben.)

Und weil ich es nicht besser sagen kann, hier eine kleine, wunderbare und anrührend-schöne Würdigung eines Facebookfreundes. Und dazu noch dieses sehr großartige Lied von Udo Lindenberg, nämlich der Abspann von „Nordsee ist Mordsee“.

„Ich habe mich mit Hark länger sehr angenehm nach einem Spaziergang zu den Drehorten von “Nordsee ist Mordsee” in Wilhelmsburg vor etwa zehn Jahren unterhalten, wir haben über Amrum und Nordsee(inseln) geredet, und viel über seine Pflege-/Adoptivkinder Dschingis und Uwe, und ihren Werdegang, die beiden Rabauken, die hier wunderbar besetzt die Hauptrollen spielen. Sein Bruder Marquard (“der deutsche Belmondo”) natürlich auch großartig. Der Uwe, den ich auch sehr gern hatte als erwachsenen Schauspieler in seiner trockenen Art (z.B. in Arslans Noir “Im Schatten” aus den 10ern) ist tragischerweise vor ihm gestorben vor drei Jahren, viel zu früh, und natürlich mit das bitterste, das ein Vater/ eine Mutter erleben kann – ich finde man sah dieses Schicksal in seinem Gesicht im Film Amrum, bei dem er im Abspann gezeigt wird – ins Meer blickend. Ich mochte Akins Verfilmung sehr, Bohms sicherlich interessanten Roman möchte ich mit etwas Abstand auch noch lesen nächstes Jahr. Das Gespräch über seine Kinder hat mich auch in einer persönlichen Entscheidung beeinflusst. Übrigens “Moritz, lieber Moritz”* ist auch ein sehr schöner, skuriller Film, den kennen gar nicht so viele trotz des schönen Titels. Fare well, Hark Bohm!“

In Halle/Saale die neurechte Buchmesse „Seitenwechsel“: „And deranged for Rock & Roll“

Kleines Polizeiaufgebot gleich am Bahnhof Halle-Messe. Mein Auto parke ich, da ich mit der Sicherheitslage vor Ort nicht gut vertraut bin, im Stadtbezirk Kanena, hinterm Altglascontainer, keine Hundert Meter bis zur S-Bahn-Station Messe, vielleicht fünfhundert Meter bis zum Einlaß, die Bahnunterführung hindurch und hoch dann in Richtung der Hallen. Die Messeparkplätze sind mir zu unsicher, falls bei der linken Demonstration gegen die rechte Buchmesse Riots ausbrechen, was ich aber angesichts der Polizeipräsenz nicht vermute. Dennoch. Wir sind in Deutschland und wer will bei der Rückfahrt schon auf die Deutsche Bahn angewiesen sein, falls das Auto demoliert wurde? Niemand.

Das Publikum, das von der S-Bahn in Schüben zur Messe wandert, ist zahlreich, im Altersdurchschnitt leicht über 50 bis 70, selten älter, in Begleitung ihrer Frauen, auch einige Männer zwischen 30 und 50 sind dabei. Wenige Frauen in dieser Alterskohorte und noch weniger jüngere Frauen, einige junge Männer auch – manchmal mit schmissigem Kurzhaarschnitt, an den Seiten ausrasiert. Manche schauen aus, wie bei uns in den 1980er und 1990er Jahren die Jura- und Medizinstudenten aussahen. Ein paar schnicke Konservative in Tracht. Das Gros der Besucher aber ganz normale Bürger, praktische Kleidung. Jacke oder Sakko. Ein neuer Aufmischer ist diese Messe sicherlich nicht, aber eben doch ein deutliches Zeichen.

Vor dem Einlaß bildet sich kurz nach zehn eine Schlange von mehreren hundert Metern. Von Linken abphotographiert, die auf ihren eigenen Demos aggressiv reagieren, wenn man genau dasselbe mit ihnen macht und sie ins Internet stellt. Diese Art des Photographierens ist allerdings erlaubt, wie mir die Polizei mitteilte. Was nicht erlaubt ist: diese Photographien ins Internet einzustellen.

Einschüchterungen, die am Ende bei den Messe-Besuchern dazu führen, sich wieder ein Stück weiter in der eigenen Haltung bestärkt zu sehen und zugleich auch eine berechtigte Empörung. Auf dem eingezäunten Messeparkplatz für spezielle Besucher schießt ein Photograph mit einem Extremtele Bilder von Autokennzeichen und von denen, die aussteigen.

Einmal wieder das alte Spiel: Eine gewisse Sympathie für jenes in der Schlange stehende Konglomerat aus Rechten, Konservativen, Rechtskonservativen und Menschen aus der gesellschaftlichen Mitte entwickele ich nicht wegen ihrer Thesen und Denkweisen, sondern genau wegen solcher Gestalten von links. Und mir fällt einmal wieder der schöne Satz von Nicolás Gómez Davila ein: „Rechts wird man nicht, wenn man Rechten zuhört, sondern wenn man Linken zuhört.“

Hinein also ins Getümmel. Es ist voll in den Hallen. Was ist die Buchmesse Seitenwechsel? Schon der Titel ist programmatisch, im Blick auch auf die Abkehr von den beiden Messen in Frankfurt und Leipzig. Sie findet am 8. und am 9. November – jenem Schicksalstag der Deutschen – im sachsen-anhaltinischen Halle statt. Es ist eine Messe von rechten, rechtskonservativen und auch rechtsextremen Verlagen unterschiedlichster Couleur, organisiert von Susanne Dagens Buchhaus Loschwitz aus Dresden. „Unsere neue Messe feiert die Vielfalt und Kreativität des Verlagswesens und den einzigartigen Beitrag kleiner, unabhängiger Buchverlage zur literarischen Landschaft“, so heißt es in der Ankündigung. (In der Stadt Halle wurde zudem eine Gegenveranstaltung mit dem Namen „Wir“ organisiert.)

Man kann die Messe „Seitenwechsel“ wohl als eine Art Vernetzung der verschiedenen Szenen interpretieren, zugleich aber sind die Ziele und Positionen innerrechts so unterschiedlich, daß ich kaum einen gemeinsamen Nenner sehe – außer eben den der AfD als Partei und Sammelbecken für das heterogene politische Vorfeld. Das Konzept „Mosaik-Rechte“, so wie es Benedikt Kaiser als möglichen Weg einer neuen Rechten ins Spiel brachte, trifft es vielleicht ganz gut. Um hier aber die Konzepte und Strategien zu kennen, muß man freilich deren Bücher lesen und deren Positionen sichten. Und genau deshalb bin ich auf einer solchen Messe. Vor allem auch, um Eindrücke und Stimmungen einzufangen. Die Atmosphäre in einem Fußballstadion bekommt man nicht mit, indem man die Bundesliga-Tabelle im Kicker und die Spielberichte nur liest.

In der Tat stellen auf dieser Messe ganz unterschiedliche Verlage ihre Bücher und Bilder aus: teils Narrensaum und Verschwörungsrauner, teils Seriöses, mit dem man sich auseinandersetzen muß. Bei manchem Aussteller kann man das Speien bekommen, so beim rechtsextremistischen Compact Verlag, bei anderen wiederum gerate ich ins Lachen, weil das eine Rechte ist, die wir für ausgestorben hielten: die Fraktion „In der Lederhose wird gejodelt und gekeitelt“ – alles in Fraktur versteht sich. An irgend einem Stand hängt ein Reconquista-Plakat, rechte Esoterik ist dort ebenso vertreten wie das Alternativradio Kontrafunk und gleichfalls die mediale Spinnkram- und Ufo-Fraktion von NuoViso. Insofern: viele Aussteller auf dieser Messe, mit denen man lieber nicht in Berührung kommen mag – außer vielleicht zu soziologischen Studien oder um einen Text zu schreiben. (Wie sehr Skurriles dennoch literarisch faszinieren kann, zeigte Clemens J. Setz in seinem Roman „Monde vor der Landung“.) Dieser Irrsinnswildwuchs, der eher lachhaft scheint, läßt dann einige wenige Aussteller umso mehr glänzen. Da wirken die Stände des Jungeuropa Verlages, der von Manuscriptum, wo auch die Sieferle-Ausgabe erhältlich ist, und der Stand des Antaios Verlages in der Tat wie ein intellektueller Lichtblick. Gleich vorne aufgebaut und Blickfang.

Auch „Tumult. Zeitschrift für Konsensstörung“ ist vor Ort. Da sitzt der alte Frank Böckelmann. Sein Essay zum Jahresauftakt 2024 „Die neue bodenlose Rechte“, zusammen mit Carsten Germis geschrieben, gehört mit zum besten, was ich von rechtskonservativer Seite im Blick auf Europa, die Ukraine und Israel gelesen habe. Weiterhin vertreten sind Medien wie „Tichys Einblick“, die „Junge Freiheit“ und „Achse des Guten“. Michael Klonovsky und Matthias Matussek wieseln über die Messe. Viele Kleinstverlage, aber auch größere Player wie Langenmüller.

Sophie-Marie Schulz schreibt es in der Berliner Zeitung unter der Überschrift „‚Gegenentwurf zur Einseitigkeit‘?treffend:

„Wer sich durch die prallgefühlten Gänge in der ersten und Halle schiebt, erkennt schnell, dass es hier nicht nur um Literatur, sondern vor allem um Weltbilder geht. Auf einem Banner prangt der Schriftzug: „Tatort Kita: Der woke Angriff auf unsere Kinder“. Daneben wird eine App beworben, die „verdrängtes Wissen“ verspricht – Blitzwissen, ein digitales Kompendium verschwiegenen Wissens.“

Und auch ihr Fazit teile ich:

„Die Szene draußen wirkt wie ein Gegenbild zur Stimmung drinnen. Während in der Halle Bücher signiert, Witze gemacht und Selfies geschossen werden, herrscht vor den Toren Misstrauen. Die Rollen sind verteilt: hier die Wachsamen, dort die „Tabubrecher“. Und doch verbindet beide Seiten mehr, als sie ahnen – die Überzeugung, dass sie das Richtige tun, und der Glaube, für eine größere Wahrheit einzustehen.“

Erheblicher Widerstreit mithin. Warum aber eine solchen Veranstaltung besuchen? Ich halte zwar nicht viel von solchen Rechtfertigungsdiskursen, die einem immer wieder aufgezwungen werden, so wie ich mich auch nicht dafür rechtfertige, daß ich als Beobachter Revolutionäre 1. Mai-Demonstrationen mir anschaute. Um eine Messe oder eine Veranstaltung zu besuchen, muß man nicht deren Inhalte teilen. So einfach ist es im Grunde. Es gibt vielfältige Gründe, sich die Verlage und die Menschen dort anzusehen. Einer davon ist Neugier.

Was auf dieser Messe und überhaupt bei der Neuen Rechten immer wieder auffällt, ist der geringe Anteil an Frauen. Ellen Kositza ist eine der wenigen Ausnahmen. Ein wenig schlendern und umsehen, das meiste interessiert mich nicht. Teils absurde Auslagen. Aber es gibt eben auch Antaios, heimlicher Magnet, muß ich gestehen.

Dort ließ ich mir von Erik Lehnert sein Buch aus der Kaplakenreihe signieren. Ein freundlicher, witziger und kluger Mann, ich frage ihn nach der leider nicht mehr erhältlichen Antaios-Stofftasche mit der Aufschrift „Meyn Geduld hat Ursach“ und ob dieser Beutel noch einmal in Umlauf käme. „Kann schon sein, das machen wir immer mal wieder. Kann aber dauern.“ Weiter links plaudert Götz Kubitschek vergnügt mit Gästen, Ellen Kositza, deren Literatursendung auf dem Kanal Schnellroda bzw. bei Youtube ich sehr empfehle, ist ebenfalls ins Gespräch vertieft. (Ja, es gibt kluge neurechte Buchkritik, eine Kritik, die Bücher nicht per se nach ihrer ideologischen Funktion und nach politischer Parteinahme abklopft, sondern ästhetische Kriterien in Anschlag bringt.)

Shlomo signiert Bücher und diskutiert. Reges Treiben bei Antaios. Es wird am Mittag bereits Bier getrunken, was mir gut gefällt. Bei der heutigen Linken gäbe es Latte-Soja-Hafermilch-Mix mit Möhre. Wo ist die Rotweinlinke hin? Ach, weh! Verweht vorbei, die schönen 1980er. Ich betrachte die Szenen mit einer gewissen distanzierten Ironie und zugleich doch auch mit einer Bewunderung, aus dem Nichts einen solchen Verlag aufgebaut und ins Gespräch gebracht zu haben. „Meyn Geduld hat Ursach“ ist programmatisch zu nehmen, wobei Kubitschek zugleich ein Feuerkopf ist, der für den Überschwang etwa der Identitären einiges übrig hat. Es gibt insofern zahlreiche Felder, wo Widerspruch anzumelden wäre. Aber in diesem Reisebericht soll es eben doch primär um eine phänomenologische Beschreibung gehen, wenn auch assoziativ, da ich nur wenige Stunden auf der Messe war.

Für manche Leser mag das nach Begeisterung klingen und beim Umgang mit der Neuen Rechten muß sich ein Autor zumeist rechtfertigen, anders als bei bestimmten radikalen linken Positionen, die irgendwie ungefragt und unbefragt hingenommen werden. Sei es drum. Daß ich all dem keineswegs unkritisch gegenüberstehe, mag man an meiner Rezension etwa von Lichtmeszʼ/Sommerfelds Buch „Mit Linken leben“ ersehen. Dennoch: die Bücher von Lehnert, Krah, Kaiser, Lichtmesz, Sellner und Kubitschek sind politische Positionen, die man kennen und mit denen man sich auseinandersetzen sollte. Vermessen ist es, in einer Zeit da die AfD in einigen Bundesländern bald 40 Prozent einfährt, dieses Metapolitische strikt zu ignorieren. Und das eben motiviert auch meinen Besuch bei dieser Buchmesse, und natürlich auch eine gewisse journalistische Neugier. So schlendere ich weiter, die Stände entlang. Beobachtend, schauend.

Weniger sind es die Bücher und Produkte, die mich interessieren, denn das kann ich alles auch im Internet nachsehen, sondern vielmehr ist es das Beobachten der Menschen dort: es gehört zum interessantesten auf dieser Messe. Und da dort das Photographieren verboten ist, muß man also genau hinschauen und aufmerksam sein.  Was für Typen von Besuchern kommen? Homogen ist das Publikum zwar nicht, aber im ganzen doch durchschnittlich, wenige nur, denen ich rechtsextreme Riots zutrauen würde, sondern eher Unzufriedene – Reflektierte wie Unreflektierte. Lautes und herzhaftes Lachen, wenn am Samstag um zwölf auf der Bühne die Fürstin Gloria von Thurn und Taxis ihre Sätze sagt, im Gespräch mit Alexander Kissler. Ich konnte mit ihr freilich in den 1980er Jahren nichts anfangen, als sie sich als wilde Punk-Fürstin inszenierte, und ich kann es bis heute nicht. Es ist das Lachen und Applaudieren derer, die einverstanden sind. Aber auch das ist im Grunde eine triviale Einsicht, denn das kann man bei fast jeder politischen Veranstaltung sagen.

Wenig Extremes bei den Besuchern: Ein paar Russen-Stusser, einer mit einem Badge von den Jungen Nationalen, einer mit Frakturschrift-Shirt „Das schönste Kopftuch hatte meine deutsche Oma“. Das ist nicht ganz falsch denke ich, obwohl meine Oma gar kein Kopftuch trug, sondern vielmehr war das meine geliebte polnischstämmige Urgroßmutter aus ihrer „verdammten Polenwirtschaft“, wie es noch bis in die 1970er Jahre hieß, mit Kopftuch und ihrem schwarz verschmierten Gesicht nach dem Kohleschleppen. Ich armes Polenkind treibe hier also durch die Gänge, besuche die Veranstaltung von Aron Pielka aka Shlomo, der aus seinem Buch „Bauzeit. Shlomo, der Knast und die freie Welt“ liest, moderiert von Götz Kubitschek.

Shlomo tritt grundsätzlich mit einer Wollmaske auf, um nicht erkannt zu werden. Photographieren ist dort und auch in den Ausstellerhallen strikt verboten. Der Saal ist zum Bersten voll, Menschen stehen oder hocken in den Gängen. Auch hier wieder gemischtes Publikum, vom Lachen und vom Klatschen her eine hohe AfD-Affinität. Aber auch neutral Interessierte wie ich.

Mehr Andrang als erwartet. Mancher kommt nicht mehr hinein. Kubitschek sagt ein paar einleitende Wort, auch zur Messe und der Vielzahl an Leuten im Saal. Der Vergleich mit einer neuen 68er Bewegung von rechts, als etwa Dutschke und Rabehl Säle füllten, scheint mir allerdings überstrapaziert. Hier ist der Wunsch der Vater des Gedankens. Die Leute gehen am Ende wieder nach Hause und sind still. Ihren Ärger tun sie an den Wahlurnen kund. Im Versteck, da wo keiner hinsieht und keiner nachfragen kann.

Interessanter schon die Ausführungen Kubitscheks zum Thema AfD. Er unterstreicht, interessanter- und konsequenterweise von rechts her, die Notwendigkeit der Brandmauer: Es wäre viel zu früh und auch völlig falsch, jetzt mit der CDU in eine Koalition oder in eine Abstimmungsgemeinschaft sich zu bewegen. Eine solche Koalition spült die AfD weich, hin zum bürgerlichen Lager und das entschärft die radikalen Kräfte in der AfD, so Kubitschek. Vom Geschacher um Posten ganz abgesehen. Es geht dieser Neuen Rechten also durchaus um mehr als nur einen Regierungswechsel, wie das in einer Demokratie üblich ist, sondern um eine programmatische Neuausrichtung dieses Landes, auch im Blick auf die Frage nach Ethos und Demos, so steht zu vermuten. Es wird hier die Systemfrage von rechts her gestellt, so mein Fazit von dieser Lesung.

Und hinaus geht es aus dem vollen Saal, dann wieder ins Freie und zum Parkplatz, weit entfernt, beim Altglascontainer und kurz hinter der Freiwilligen Feuerwehr. Vom Gegenprotest, der dort draußen stattfand, war auf der Messe selbst wenig zu hören. Am frühen Nachmittag waren die Blockierer abgezogen, es standen lediglich einige linke Stasiphotograpen am Wegesrand, die meinten, Besucher ablichten zu müssen. Ich verstehe bis heute nicht, was solche Aktionen bewirken sollen, außer sich in seiner eigenen Rechtschaffenheit selber auszustellen.

Es gibt freilich von der Messe auch Trauriges zu berichten: Der Castrum Verlag ist nicht anwesend. Gerne hätte ich Ledio Albani geschaut, in George-Pose, vielleicht gar mit Jagdgewehr, auf Rivalen anlegend. Ein wenig Fragment-Lenzer-Heide-Nihilismus ragt durchs Nietzsche-Bild in die Szenerie. Buch und orthodoxes Kirchenkreuz. Feuer im Kamin und Baseballschläger. Lila als liturgische Farbe. Herrlich aufgeladen.

Und bei Hendrikje Margaretha Machate, die ebenfalls Verlagsautorin ist, oh holde Germania, ginge ich vor lauter Schönheit in die Knie und hätte angebetet. Nur ein Traum. Dafür aber zog mich eine schöne Sirene vom Hydra Verlag in den Bann. In den Verkaufsbann genauer gesagt, und noch genauer gesagt nicht bloß diese schöne Gestalt der blonden Standdienstfrau, sondern jene Bilder aus einer Graphic Novel mit dem Titel „Yukio Mishima – Der letzte Samurai“, die da sofort in mein Auge stachen. (Geschrieben wurde das Buch von Federico Goglio und von Massimilano Longo gezeichnet. Ich kenne beide nicht, ich kenne auch den Inhalt des Buches nicht, bin aber vom Thema her angetan und auch von der Art der Zeichnungen.)

Das Buch handelt vom Leben und Sterben dieses unbedingt lesenswerten japanischen Schriftstellers. 100er Geburtstag und 55er Todestag immerhin. Der Zeichenstil gefiel mir und ich griff zu.

Nun überlege ich, wo diese drei Zeichnungen am besten hängen könnten. Vielleicht bringe ich sie in schwarzen Rahmen an der Wand an, wenn Hendrikje Machate zu Besuch kommen sollte. (Ich verweise hier auch nochmal auf meinen kleinen Essay „Literatur im Grenzgang: The kids are alright. Neuer Punk, neue Wege“ zur Kooperation von rechten und linken Autoren bei Literaturlesungen. Ich habe für solches Crossover und solche Melange durchaus einen politischen wie auch ästhetischen Faible.)

Daß freilich gerade solche Comic-Verlage nicht ungefährlich sind, weil sie mit Werken oder auch Machwerken eine Ideologie den Jugendlichen unterbuttern, sei dazu geschrieben. Man sollte hier also immer auch die Hintergründe mit im Blick haben. Gleichzeitig denke ich jedoch, daß bei allzu einseitiger Propaganda die Resilienz sich durchsetzt. Trivialer Bluff wird schnell durchschaut.

In all diesen Kontexten und Beobachtungen auf der Messe muß ich insofern zugleich doch aufpassen, das Ästhetische nicht mit dem Politischen zu verwechseln.

Man kann freilich all das, was da auf der Messe geboten wird, auch weniger belustigt sich betrachten, nicht mit dem Blick des Spötters oder des politisch Distanzierten. Man kann es auch auf die Weise sehen, daß auf dieser Messe Menschen zusammenkommen, die sich in ihrem eigenen Weltbild gegenseitig bestätigen. Nur ist all das bei linken Veranstaltungen oftmals nicht viel anders. Alete, Alete, Antifafete, der Mann hat Latte Soja, die Frau riecht muffig wie Troja. Mir ist beides gleichermaßen zuwider.