Walsers Novellen und Romane habe ich zuletzt in Intensität in den 1980er Jahren gelesen, gerne gelesen, wie ich zugebe, als ich mich mit der Litertur der Bundesrepublik Deutschland und auch mit ihrer Geschichte befaßte und in welcher Weise sich das in der Dichtung bei so unterschiedlichen Autoren wie dem Wolfgang Koeppen und ebenso bei Arno Schmidt, bei Alfred Andersch, Böll und Grass und vor allem auch in der Dichtung Celans zutrug. Und so auch in Walsers frühem Roman „Ehen in Philippsburg“, den ich insofern, wie ich hier aus der Erinnerung heraus nur schreiben kann, gerne las, weil darin ein, wie man so schön sagt, Sittenbild der noch jungen BRD geschrieben wurde – zumindest von einer bestimmten, diese Republik prägenden Klientel her: der des Kleinbürgers. Eine treffende Beschreibung solcher Verhaltensauffälligkeiten aus der nivellierten Mittelstandsgesellschaft und derer, die es sich von der Zeit her leisten können, eine Geliebte zu haben, liefert Walser in dieser Passage:
„Obwohl jede Geliebte sich von der vorhergehenden unterscheidet, die Rechtfertigungen bleiben die gleichen. Erstaunlich aber ist, daß die Geliebten, die ja immer schon Geliebte auch anderer Ehemänner gewesen sind, daß sie die Klagen jedesmal wieder zum ersten Mal zu hören glauben, obwohl auch sie sie schon längst auswendig können müßten, da ja nicht nur jeder einzelne dabei immer wieder das gleiche erzählt, sondern alle Ehemänner der Welt nur eine einzige Klagemelodie haben, die sie in immer die gleichen Ohren auf die gleiche Weise singen. Es wird also nicht bloß die Ehefrau betrogen. Diese Männchen sind anständig genug, auch sich selbst zu betrügen, und die, mit denen sie betrügen, dazu.“
So war das damals und so ist es vermutlich auch heute.
Eine schöne Figurenrede und eine Persiflage auf den akademischen Betrieb findet sich in Walsers „Brandung“ von 1985, darin es um jenen bereits aus dem „Fliehenden Pferd“ bekannten Helmut Halm geht, der eine Gastdozentur in Kalifornien annimmt:
„Er sein gerade dabei, die Fahnen seines Aufsatzes Erst Nietzsche und dann Kafka zu korrigieren […], er werde Halm eine Kopie davon machen lassen; in diesem Aufsatz habe er sich in einem abgefeimten understatement als Nichtnietzschefachmann bezeichnet; leider könne er Nietzsche hier kaum anbieten, hier sei man noch auf dem Soziologietrip. Vokabular statt Sprache. In Europa werde Nietzsche jetzt zuviel zitiert, weil er in den zwanzig Jahren davor zuwenig zitiert worden sei. Mehr ist ja nicht, das Geistesleben, als Zuviel- und Zuwenigzitieren und Zitiertwerden. In Berlin sei neulich ein Kollege, wärehnd er Nietzsche zitierte, tot umgefallen. Unsgefährlich sei es zum Glück nicht, das Geistesleben.“
Eine feine, nein zugleich auch eine derbe, aber gute Parodie jenes Nietzscheianischen „Lebe gefährlich!“ Und immerhin stürzte der Held sich in Kalifornien in die Brandung und entging nur knapp dem Tod, und auch unglückliche Liebe kann zuweilen für das Leben gefährlich sein.
Aber es findet sich in dieser Prosa ebenso die Selbstbespiegelung jener Zeiten: das was man für die Literatur der 1970re Jahre die Neue Subjektivität nannte, darin das Ich zum Gegenstand des Erählens wurde, oftmals aus der Perspektive des Autors. Walser zelebrierte sie jedoch in der Figurendistanz und erfand sich sein Ich-Personal anstatt bloß distanzlos aus sich selbst heraus zu schrieben und „Ich“ mit dem Ich zu verwechseln. Jene Neue Subjektivität, sozusagen eine frühe Form jener I bimms-Literatur der 2010er und 2020er Jahr, unterlief Walser. In der Figurenrede und der Perspektive von Halm gesprochen:
„Man weiß nie, ob man sich wirklich durchschaut, wenn man sich gnaz zu durchschauen glaubt. Vielleicht fällt man nur auf eine weitere Kulisse herein, die man vor den wirklichen Befund schiebt, weil der für das sogenannte Selbstgefühl unerträglich wäre.“
Nah ist dies zugleich an all den Selbstzerknirschungsdiskursen jener Jahre. Ichproben. Mein Name sei Halm.
„Ich kann nur aus Liebe schreiben. Liebe ist mein Hauptbeweggrund“, so zitiert Andreas Platthaus in seinem Nachruf diesen Walser-Satz aus dem Jahre 2015. Daß ihm das Schreiben aus Wut mißlang, zeigt vielleicht besonders deutlich sein Roman „Tod eines Kritikers“ – wobei ich eben zugleich auch denke, daß Literatur so etwas darf. Und dennoch ist Rache ein Gericht, das kalt gegessen werden will. Ein Autor, ein Mann der Sprache sollte vor allem aufpassen, daß er in seiner Prosa keine Klisches bedient, aus der deutschen Geschichte heraus muß es selbstverständlich sein, daß sich gewisse Stereotypen in Schrift und Bild verbieten. Wut kann, wie man an Thomas Bernhards Schreibfuror sehen kann, ein wunderbares literarisches Mittel sein, nachzulesen in „Holzfällen“, und sie sollte auf eine ästhetisch gelungene Weise kalkuliert werden, wenn man etwa einen Literaturkritiker treffen will. Man denke nur an Peter Handkes großartige Kritikerbeschimpfung in „Die Lehre der Sainte-Victoire“, darin sich Marcel Reich-Ranicki anscheinend wiederkannt fühlte bzw., ich weiß die Umstände nicht mehr genau, wiederkannt wurde. [Und auch Neo Rauchs witzige und pointierte Antwort an Wolfgang Ullrich, in dem Bild „Der Anbräuner“ ist ein genialer Zug.] Aber das Thema Antisemitismus und die Instrumentalisierung eines Vorwurfs will ich hier gar nicht so sehr zum Thema machen, das soll morgen in einem zweiten Teil geschehen, wenn ich auf Walsers vermeintlich skandallöse Friedenspreis-Rede von 1998 eingehe.
Daß jeder Autor seine Zeit und seine Epoche hat, mag man – zumindest als Tendenz – daran ersehen, wie er für die Gegenwart noch in den Buchhandlungen vertreten ist. Hier bei mir bei Hugendubel, wo ich heute morgen, bevor ich auf den Markt ging, schaute, war kein Walser-Buch zu entdecken. Aber vielleicht sagt solches mehr über die Buchhandlungen aus als darüber, was bleibt und was vergeht, und womöglich wird sich bei Dussmann eine bessere Auswahl von Walserbüchern finden. Festzuhalten ist, daß Walser bis zuletzt schrieb und publizierte. „Das dreizehnte Kapitel“ (2012), ein theologisch inspirierter Briefroman, habe ich damals gerne gelesen und ich würde auch heute noch sagen, daß sich die Lektüre lohnt: zusammen mit „Ein fliehendes Pferd“ und „Ehen in Philippsburg“.
In seinem Essay „Wozu Kunst“ (DIE ZEIT, Dezember 2018) schrieb Walser einige treffende Zeilen über das Schöne und über den Tod:
„Mehr als schön ist nichts, habe ich einmal geschrieben. Tatsächlich hatte ich erlebt, dass die einzige Art, das zum Tod verurteilte Leben erträglich zu machen, das Schöne ist. Also die Kunst. Also zum Beispiel das Theater.
(…)
Jetzt aber das Geständnis, dass es lang her ist, dass ich den ersten Satz schreiben konnte, mehr als schön sei nichts. Heute heißt der Satz: Mehr als schön ist NICHTS. Großgeschrieben. Als Hauptwort. Dass NICHTS mehr ist als schön. Das Einzige, was mehr als schön ist, ist NICHTS. Das NICHTS. Es ist ein temperaturloses, farbloses Wort. Für den gläubigen Christen ist es ein Unwort. Seine Zukunft ist der Himmel oder die Hölle. Wir, die weder in den Himmel noch in die Hölle kommen, vertreiben uns die Zeit mit allem Möglichen, eben auch mit Kunst. Oder positiv: Weil man nicht andauernd an das NICHTS denken kann, macht man etwas Schönes – Gedichte, Symphonien, Theaterstücke. Zum Beispiel Klopstocks Ode an den Zürcher See: „Schön ist, Mutter Natur, deiner Erfindung Pracht, auf die Fluren verstreut“.
(…)
Es wurde längst formuliert, dass wir zu viel zu wissen kriegen und zu wenig damit anfangen können. Es war Kierkegaard, der merkte: Durch direkte Mitteilung ließ es sich nicht machen, da sich diese immer nur zu einem Empfänger, in Richtung auf sein Wissen und nicht wesentlich zu einem Existierenden verhält. Er erfand die „Gegensätzlichkeitsform“, um das „Inkommensurable“ auszudrücken. Und es ist das Schöne, das dann dem Unausdrückbaren der menschlichen Existenz zu Hilfe kommen sollte.
Mein Helfer und Ermutiger war lebenslänglich Nietzsche. Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik, und es war dann diese Stelle: „Hier wird es nöthig, uns mit einem kühnen Anlauf in eine Metaphysik der Kunst hinein zu schwingen, indem ich den früheren Satz wiederhole, dass nur als ein ästhetisches Phänomen das Dasein und die Welt gerechtfertigt erscheint.“
Nietzsche erlebt unsere Fähigkeit, die musikalische Dissonanz schön zu finden, und schließt daraus: „… wie überhaupt die Musik, neben die Welt hin gestellt, allein einen Begriff davon geben kann, was unter der Rechtfertigung der Welt als eines ästhetischen Phänomens zu verstehen ist.“
Komisch genug, dass es mir heute vorkommt, man könne den Titel seiner Arbeit auch umdrehen: die Geburt der Musik aus dem Geist der Tragödie. Auf jeden Fall war es von Nietzsche aus nicht weit zu meinem Satz: Mehr als schön ist nichts. Und jetzt eben das Erlebnis, die Erfahrung: dass das Nichts mehr ist als das Schöne. Und dass die ganze wunderbare Kultur nichts ist als ein Zeitvertreib. Eine wunderbare Ablenkung von dem, was uns (allen) bevorsteht.“
Ein schöner Gedanke. Ob er auch tröstlich ist, weiß ich nicht. Martin Walser zumindest hinterließ ein umfangreiches Werk, und mit ihm ist wohl der letzte Großschriftsteller der alten Bundesrepublik gestorben. Wer wissen will, wie es im Westen damals war, der wird um die Lektüre von Martin Walser nicht herumkommen.

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