Auf Facebook hat Boris Palmer im Blick auf das Treffen unterschiedlicher Rechter und Rechtsextremer (nein, es ist kein „Geheimtreffen“) und vor allem im Blick auf die AfD sehr richtige Worte gesprochen:
„@Reaktanz und Remigration
Den Aufstieg der AfD verfolgt die Mehrheit der Beobachter mit Wut oder Ratlosigkeit. Beides trägt zur Lösung des Problems nichts bei. Warum verliert die AfD in Umfragen nicht ein Prozent, wo doch das Potsdamer Geheimtreffen in die Nähe der Wannseekonferenz gerückt wurde? Und auch ohne Übertreibung steht ja fest: In der AfD gibt es Leute, die Nazifantasien hegen.
Die Antwort ist dieselbe wie bei Aiwanger und der Bayernwahl: Die Skandalisierung verfängt bei den Menschen, die man eigentlich erreichen müsste, überhaupt nicht mehr. Und dafür gibt es gute Erklärungen.
Erstens sind „Rasissmus“, „Fasischmus“, „Nazi“ und „Menschenfeindlichkeit“ als Kampfbegriffe so inflationär benutzt worden, dass sie gar nicht mehr wirken. Wer Polizeikontrollen von Schwarzen, die sich als begründet erweisen, mit dem gleichen Begriff belegt, wie Deportationspläne von Millionen Menschen, der hat die Herrschaft über die Begriffe verloren und eine Abstumpfung erzeugt, die eine sinnvolle inhaltliche Diskussion unmöglich gemacht hat.
Zweitens haben die Medien durch eine einseitige Parteinahme ihre Glaubwürdigkeit in den Milieus, die man mit den relevanten Informationen erreichen müsste, weitgehend verloren. Schon die Durchschnittswerte sind ja schlecht, aber in der Zielgruppe AfD-Wählerschaft ist die Glaubwürdigkeit nahe bei Null angekommen. Und das ist vor allem fehlender Objektivität geschuldet. Mit mehr Information und weniger „Haltung“ wäre das besser gelaufen.
Drittens und vermutlich am wichtigsten: So lange die These vertreten wird, man dürfe den inhaltlichen Forderungen der AfD-Sympathisanten nicht entgegenkommen und auch alle Begriffe tilgen will, die sie benutzen, erzeugt man nur Reaktanz. Wer nicht bereit ist, Missstände zu beseitigen, weil sie von den Falschen angesprochen werden oder sich ideologisch so einmauert, dass jeder Kompromiss mit den inhaltlichen Anliegen dieser Wählerschaft, eine Menschenrechtsverletzung und Verrat an der Demokratie bedeutet, kann gar nichts anderes erzeugen als Reaktanz, also Trotz. „Dann erst Recht!“
Eigentlich wäre es nämlich ganz einfach: Würde man einsehen, dass die Migrationspolitik ihre Ziele nicht erreicht, weder am Arbeitsmarkt noch in der Fluchthilfe, dann könnte man sich auch wieder auf steuernde Maßnahmen einigen. So lange aber selbst die geplanten Asylprüfungen an den Außengrenzen als Haftlager diffamiert und jeder Steuerungsversuch bekämpft und diffamiert wird, geht das eben nicht. Würde man einsehen, dass eine Gesellschaft materielle Zumutungen nur erträgt, wenn dabei der Eindruck von Leistungsgerechtigkeit und Fairness einigermaßen gewahrt bleibt, dann könnte man nicht darüber hinweggehen, dass die Sozialtransfers für bestimmte Gruppen so üppig ausfallen, dass Arbeit sich nicht mehr lohnt. Man würde sich auch eingestehen, dass fast 50 Milliarden Euro für fluchtbezogene Kosten nicht durchzuhalten sind, wenn das Land wirtschaftlich absteigt.
Kurz gesagt: Wenn man Politik gegen Mehrheiten der Bevölkerung durchzieht, weil man ideologisch unbeweglich geworden ist und Konflikte mit der Realität aussitzt, dann darf man sich nicht wundern, wenn eine relevante Minderheit eine Rechtsprotestpartei wählt. Wir brauchen bei den liberalen und progressiven Kräften im Land mehr Selbstkritik. Bevor unser Land da endet, wo Donald Trump Amerika gerade hinsteuert, muss man auf diejenigen Menschen inhaltlich eingehen, die wir zu verlieren drohen. Wer stattdessen weiter daran festhält, man müsse mit einer Eskalation des Kampfes gegen Rechts, also der Methode, die seit Jahren versagt, ein Drittel der Wählerschaft endgültig bekehren, der spaltet die Gesellschaft und riskiert selbst die Demokratie.
Und schließlich sollte man keine Gefahren heraufbeschwören, die es gar nicht gibt. Ein Treffen von zwei Dutzend mehr oder weniger Irren so aufzuladen, als stünden Massendeportationen bevor, wenn die AfD eine Landtagswahl gewinnen sollte, erzeugt bei den Betroffenen Ängste, die man nicht vertreten kann. Wir sollten selbstbewusst sagen, dass die Pläne von Teilen der AfD mit legalen Mitteln gar nicht erreicht werden könnten. Die Voraussetzung dafür wäre eine Umsturz, mindestens mit den Mitteln, die Adolf Hitler zur Überwindung der Verfassung von Weimar eingesetzt hat. Das wird in Deutschland in den 20er Jahren unseres Jahrhunderts niemals passieren. Wir haben starke Institutionen, wir haben verfassungstreue Richter und Polizisten, wir haben eine Verfassung mit Widerstandsrecht, wir haben verfassungsverteidigende Medien, wir haben starke Gewerkschaften , wir haben eine Bundeswehr aus Bürgern in Uniform und eine überwältigende Mehrheit der Bürger, die unsere Demokratie verteidigen würde, wenn es ernst würde. Sollte die AfD wirklich versuchen, Deportationspläne unter dem Label „Remigration“ umzusetzen, würde das ihr Ende bedeuten.“
Poe war einer jener Autoren, die ich schon in der Jugend las, vieles von seinen Texten habe ich damals überhaupt nicht verstanden, aber der analytisch-scharfe Verstand des französischen Detektivs Auguste Dupins gefiel mir, diese Art zu kombinieren und induktiv abzuleiten. Poe, der Begründer des klassischen Detektivromans und jener Autor, der das Grauen im Inneren eines Menschen auslotete. Das verräterische Herz des Gemordeten, das unter den Dielen im Fußboden pochte und pochte und doch nur das eigene Gewissen des Mörders war, Klaustrophobisches, diese Angst davor, lebendig begraben zu werden und eine Reise in den Malstrom. Der schwarze Tod mit der Maske. Fallbeil und Pendel, Alpträume, die nicht nur Schüler gerne lesen, weil es sich aus dem Abstand und vom Sofa oder Lesesessel aus herrlich erschaudern läßt und in diesem Beschriebenen zugeich so etwas wie die Conditio humana aufblitzt.
Während des Studiums begegnete mir Poe dann im Kontext mit Walter Benjamin und vor allem in Jacques Lacans Seminar von 1956 zu Poes entwendetem Brief, das wir in Germanistik lasen. Im Französischen heißt der Titel von Poes Geschichte fein doppelsinnig LaLettre volée. Lacan liefert eine an der strukturalistischen Psychoanalyse orientierte Deutung dieser Prosa. Eine Analyse der drei verschiedenen Blicke findet sich dort, ähnlich wie Foucault sie dann zehn Jahre später in Die Ordnung der Dinge vornahm und die Blickachsen sowie die Subjektpositionen anhand von Diego Velázquez‘ Las Meninas untersuchte. Bei Lacan ist es anhand von Poes Detektivgeschichte ein Spiel von Sehen und Nicht-Sehen(-können) anhand eines eigentlich offen daliegenden Briefes. Denn das Offene ist das beste Versteck – woran sich auch die Frage anknüpft, inwiefern man in der Wahrheit lügen kann.
„Dieser Ort ist nichts anderes als der Ort der signifikanten Konvention, wie offenbar wird in jener bitteren Klage eines Juden an seinen Bruder: ‚Wenn du sagst, du fahrst nach Krakau, willst du doch, daß ich glauben soll, du fährst nach Lemberg. Nun weiß ich aber, daß du in Wirklichkeit fahren willst nach Krakau. Also warum lügst du?‘“ (Jacques Lacan, Das Seminar über E.A. Poes ‚Der entwendete Brief‘, in: Schriften I)
Solche Form von Wahrheit als Oberflächenphänomen hatte Poe bereits in seiner Detektivgeschichte Die Morde in der Rue Morgue formuliert. Der Erzähler dieser Geschichte berichtet:
„Die Wahrheit liegt nicht immer tief auf dem Grunde des Brunnens. Im Betracht der weit wichtigeren Kenntnis glaube ich vielmehr, daß sie sich tatsächlich schlechthin an der Oberfläche befindet.“
Das ganze Wahrheits-, Verbergungs- und Entbergungsgeschehen, von Heidegger und Freud her aufs Subjekt gemünzt, das nicht mehr ganz Herr oder Frau im eignene Hause ist, mündet bei Lacan am Schluß des Seminartextes in eine Spiegelsituation:
„und zwar nach der Formel der intersubjektiven Kommunikation, mit der wir Sie schon seit langem vertraut gemacht haben: Ihr zufolge, sagen wir, empfängt der Sender seine Botschaft vom Empfänger in umgekehrter Form wieder. Somit will ‚entwendeter‘, eben ‚unzustellbarer Brief‘ besagen, ein Brief (eine Letter) erreicht immer seinen (ihren) Bestimmungsort.“
Für jemanden wie Jacques Derrida ein willkommener Anlaß zur Intervention. Er widersprach diesem Satz scharf und heftig. In seiner Postkarte, sowohl in der ersten Sendung eher literarisch und in der zweiten Sendung auf eine theoretische Weise, und insbesondere in seinem Aufsatz Der Facteur der Wahrheit zeigte Derrida, daß ein Brief (une lettre, eine Letter, auch in der Logik des Signifikanten) seinen Bestimmungsort verfehlen kann und daß dieses Verfehlen sogar konstitutiv ist. Sozusagen im Kontext von Derridas Denkansatz eine Theorie des Verschwindens, der Einschreibung und Schrift als Spur, die genausogut wieder verlöschen kann, so daß nichts als ein Rest und weniger als das bleibt – was ästhetisch genommen ein spannender, weil durchdenkenswerter Ansatz ist. Womit wir zugleich, wenn es um solches Vergegenwärtigen bei den Medien der Erinnerung und der Aufzeichnung sind, nämlich der Photographie, aber genauso der Schrift. Wie können wir aufbewahren, welche Behältnisse haben wir dafür? Und ist jenes Aufbewahren, Aufheben (Derrida ist in diesen Begrifflichkeiten immer auch der Hegelianer der Aufhebung) nicht immer auch ein Aufbaren des bereits Verlorenen? Es gibt Asche, wie Derrida schrieb.
Aber wir kommen von Poe weg und bewegen uns über die Psychoanalyse hinein ins Postgeheimnis und in die Tiefen poststrukturalistischer Literaturtheorie. Dennoch sind die beide Texte von Lacan und Derrida im Blick auf Poes Story lesenswert und zeigen, in welch ungewohnter Weise sich Literatur lesen und interpretieren läßt. Was – nebenbei – die Photographien betrifft, so gibt es nur wenige Bilder von Poe, genauer gesagt: es gibt Daguerreotypien. Charles Baudelaire, für den Poe die Zentralgestalt einer neuen und anderen Kunst war, schreibt über Poe:
„Über Poes Leben, seinem sittlichen Betragen, seinen Umgangsformen, seiner leiblichen Erscheinung, über allem, was seine Gesamtpersönlichkeit ausmacht, liegt für uns etwas zugleich Düsteres und Strahlendes. Seine Person war seltsam, verführerisch und, wie seine Werke, von einer unbestimmten Schwermut geprägt.“
Das trifft wohl auch auf jenen seltsamen Blick auf den Daguerreotypien zu, den wir von Poe kennen und der unser Bild über ihn (mit)prägt, wenn wir nicht nur die Texte als Texte nehmen. Ein Blick, den Poe nicht etwa uns, also den so fernen Betrachtern entgegenwirft, sondern der als Blick ins Nirgendwo zu gleiten scheint, sich versenkt, verdüstert und sich verschluckt, jenseits des Bildes, des Lebens und aus diesem hinaus. Als sähe einer dort hinten die Gespenster. Aber das mag eine Interpretation sein. Die Menschen auf den meisten Daguerreotypien schauten deshalb so ernst, weil sie aufgrund der langen Belichtungszeiten keine Miene verziehen durfen. Insofern sind Photographien ein trügerisches Medium. Aus ihnen läßt sich oft nur das herauslesen, was wir in sie hineininterpretieren. Der gravitätische Ernst ist ein von uns vorgestellter und dem Zwang des Mediums geschuldet. Deutlich konnte man das seinerzeit vor einigen Jahren in einer Photoausstellung sehen, wo eine Familie sich in klassischer Gruppenpose, gravitätisch streng, ablichten ließ. Und dann gibt es eine Photographie vom Hinterher, nach der Photosession, weil inzwischen auch bessere Kameras auf dem Markt waren, die mit kürzeren Verschlußzeiten arbeiteten: da lachte und scherzte die so gravitätische und bürgerliche Familie auf eine anmutige Weise miteinander.
In der zehnbändigen Werksaussage zu Edgar Allan Poe, die 1979 im Pawlik Verlag erschien, mit den Übersetzungen von Hans Wollschläger und Arno Schmidt, finden sich neben seinen kosmologischen und eschatologischen Essays auch Texte zur Literatur. Poe war nicht nur Dichter, sondern ebenfalls Literaturkritiker, berühmt-bekannt wohl der Longfellow-Krieg um den damals bedeutenden, heute in Vergessenheit geratenen Dichter Henry Wadsworth Longfellow, den Poe scharf attackierte – Streit kann man diesen harschen Angriff kaum noch nennen. Poe konnte in seinen Urteilen ausnehmend heftig und apodiktisch sein. Und Poe votierte in seinem Essay Das poetische Prinzip bei der Lyrik für (relativ) kurze und knappe Gedichte:
„Ich brauche wohl kaum zu bemerken, daß ein Gedicht seinen Namen nur insofern verdient, als es duch die Erhebung die Seele erregt. Der Wert eines Gedichtes steht im Verhältnis zu dieser erhebenden Erregung. Aber alle Erregungen sind, einer psychischen Notwendigkeit zufolge, kurzfristig. Jener Grad von Erregung, der es überhaupt gestattet, etwas ein Gedicht zu nennen, läßt sich nicht über eine Komposition von großer Länge hin aufrechterhalten. Spätestens nach Ablauf einer halben Stunde klingt sie ab – versiegt – eine Ablenkung erfolgt – und dann ist das Gedicht in seiner Wirkung effektiv keines mehr.“
Wesentliches Prinzip von lyrischer Dichtung ist also der Reiz des Rezipienten, sozusagen ein Gefühl der Lust und Unlust mit Kant gesprochen, dessen Ästhetik das moderne Muster für die Rezeptionsästhetik bzw. für die subjektive Wirkweise von Kunst liefert. Wobei dies auch für Poes Dichtung im ganzen gilt, also auch seine Erzählungen und Romane, die uns immer wieder in solche Zonen von Lust und vor allem aber der Unlust bringen – wer mag schon lebendig begraben werden? Im Modus ästhetischer Erfahrung gelangen wir zu Welt und auch zu uns selbst. Im Ausschweifen jedoch verliert sich diese Bewegung. (Wieweit solcher Sicht, wie Poe sie formuliert, auch kritisch zu begegnen ist, lasse ich beiseite. Über die Qualität eines Gedichtes zumindest sagt die Fähigkeit, sich von ihm die Seele erheben und erregen zu lassen, wenig aus. Wobei man hier zugleich nach dem Begriff der Seele fragen muß.)
Mit Poe beginnt die literarische Moderne, so schrieb es Baudelaire, der dafür sorgte, daß Poe in Europa bekannt wurde, während er in den USA – auch aufgrund seines Lebenswandels – zunächst in Vergessenheit geriet. Poes Ende gestaltete sich trostlos. Literatur und Leben gehen manchmal seltsame Korrespondenzen ein:
„Da er sich bei seiner Ankunft in Baltimore, am 6. abends, immer noch unwohl fühlte, ließ er sein Gepäck an den Hafenplatz bringen, von dem aus er sich nach Philadelphia begeben wollte, und betrat eine Schenke, um etwas Anregendes zu sich zu nehmen. Unglücklicherweise traf der dort alte Bekannte und blieb länger dort. Anderntags, im fahlen Grau der ersten Frühe fand man auf der Straße einen Leichnam, – ob dies das rechte Wort ist? – nein, einen noch lebenden Körper, dem doch der Tod schon sein königliches Siegel aufgeprägt hatte. Auf diesem Körper, dessen Namen niemand kannte, fand man weder Papiere noch Geld, und so brachte man ihn in ein Krankenhaus. Dort starb Edgar Poe, noch am Abend dieses Sonntags, des 7. Oktobers 1849, im Alter von siebenunddreißig Jahren, vom delirium tremens besiegt, jenem Schreckensgast, der sein Gehirn schon ein- oder zweimal heimgesucht hatte. So ging einer der größten Helden der Literatur aus der Welt, der geniale Mensch, der seinem Schwarzen Kater die schicksalshaften Worte geschrieben hatte: Welche Krankheit ist dem Alkohol vergleichbar!
Dieser Tods ist beinahe ein Selbstmord, – ein seit langem vorbereiteter Selbstmord. Zumindest verursachte er einen dementsprechenden Skandal. Es gab einen Sturm der Entrüstung, und die Tugend genoß es, ihren hochtrabenden cant freien Lauf zu lassen. Selbst die nachsichtigsten Leichenprediger konnten nicht umhin, der unvermeidlichen bürgerlichen Moral Raum zu geben, die sich eine so wunderbare Gelegenheit wohlweislich nicht entgehen ließ.“ (Ch. Baudelaire, Edgar Poe, sein Leben und seine Werke)
„Trüb ists heut, es schlummern die Gäng’ und die Gassen und fast will Mir es scheinen, es sei, als in der bleiernen Zeit.“ (Hölderlin, Der Gang aufs Land)
Gleichsam eine Art Neujahrsspaziergang zum 1. Jänner, bei Hölderlin aber ist es der Gang ins Offene und „schön ist der Ort, wenn in Feiertagen des Frühlings“ Natur blüht. Davon sind wir weit noch entfernt. Doch nun ist das Jahr seit ein paar Wochen wieder im Gange und damit debattenmäßig auch bereits wieder auf Betriebstemperatur. Aber es bleibt, wenn auch mit leichter Verspätung diese Frage: Was erwartet uns? Wobei ich diese nicht theologisch oder eschatologisch genommen und auch nicht bloß im lebenspraktischen oder im politischen Sinne gedacht haben möchte, sondern ich frage dieses „Was kommt?“ fürs Jahr 2024 nur von den Daten fürs Feuilleton her.
Aber warum überhaupt solche Jahrestage und Jubiläen? Mancher mokiert sich, daß es am Ende nichtssagende Daten seien. Der Vorteil von Jahrestagen ist aber, daß sie Anlaß zu einem gemeinsamen Nachdenken und damit auch zu Debatten geben – oftmals in unterschiedliche Richtungen, prominent zu sehen vermutlich an Ulrike Meinhof, die dieses Jahr neunzig geworden wäre. Runde Jahrestage haben in diesem Sinne immer auch eine gesellschaftliche Funktion. Und in ihrer Analyse zeigen sie an, wem gedacht wird und was zuweilen am Rand liegt oder vergessen wird.
Zunächst aber mal der Schweif ins klassische gehobene Feuilleton: Da ist sicherlich prominent zu erwähnen der 100. Todestag von Kafka, und es erschien, schöne Koinzidenz, vor 100 Jahren Thomas Manns „Der Zauberberg“, der von eben jener Lungenkrankheit Tuberkulose handelt, an der Kafka am 3. Juni 1924 in Klosterneuburg starb und der man eine gewisse ästhetizistische Wirkung zuschrieb: Empfindsamkeit, aus der Zeit zu fallen, zu wissen, daß das Leben – möglicherweise – bei dieser Krankheit nicht mehr unendlich lang sein wird, sieben Jahre im Gebirg beim Protagonisten Hans Castorp (und sieben Jahre waren es auch bei Kafka, seit er 1917 von seiner Krankheit wußte) und dann bei Kafka in den Tod und beim Castorp hinaus nicht in die Welt, sondern in den Krieg. Ein bitterböser Bildungsroman und Krankheit als Weg – gerade letzteres ein Thema, das auch für die Gegenwart sicherlich nicht ganz unbedeutend ist. Aber natürlich bietet diese „Bildungsroman“ mehr als das und mehr auch als nur ein Zeitpanorama, zumal wenn man sich gerne von jenen ästhetischen Zügen des Romans treiben lassen will, von den oftmals skurrilen, manchmal auch witzigen Figuren mit ihren Brechungen in Mannscher Ironie gehalten, die zuweilen aberwitzigen Dialogszenen, jenen Ausflügen in die Philosophie zwischen Aufklärung und jesuitischer Spitzfindigkeit, zwischen Freiheit oder einem Totalitarismus, wie er in kommunistischer wie auch faschistischer Manier das noch junge Jahrhundert dann erschreckend prägen sollte, in Gestalt eines böse-dialektischen Jesuiten, der manchen Leser sehr an Georg Lukács erinnerte. Vor allem verstand es Thomas Mann die Naturszenen metaphysisch aufzuladen: jener Strandspaziergang und das Verirren im Schneegestöber sowie die Reflexion über die Zeit darin. Solches epochemachende Werk, zusammen mit Kafkas „Der Process“ ein Jahrhundertroman, muß sicherlich gefeiert werden.
Dafür ist es ratsam, dieses Buch noch einmal zu lesen. Dreimal las ich es bisher. Einmal in jungen Jahren, dann zum Beginn des Studiums und noch einmal in der Mitte und nun kommt also meine Alterslektüre. Und wieder werde ich beim Lesen neue Aspekte entdecken, anderes bemerken, was mir bei den nun 30 und 40 Jahre zurückliegenden Lektüren entging. Vielleicht in der Großen kommentierten Frankfurter Ausgabe diesmal, die neu anzuschaffen wäre, da ich nur die kleine handliche, aber doch wunderschöne in Leinen gehaltene und mit einem hellbraunen Schutzumschlag versehene, leider aber auch zerlesene Frankfurter Ausgabe besitze, mit einem klugen Nachwort von Peter de Mendelssohn sovie vielen Notizen und Unterstreichungen darin, wie man es nur bei seinen Lieblings- und Lebensbüchern hat. (So auch Kafkas „Der Process“) . Wie aber schreibend mit solch einem Roman von dieser Spannweite sich auseinandersetzen? Eine Art Lektüretagebuch, ein Rezensionsessay oder doch am besten eine lose Folge von Eindrücken und Reflexionssentenzen?
Weiterhin gibt es im April den 150. Geburtstag von Karl Kraus: da mag es zwar verlockend sein, einen Reigen an Aphorismen zu bringen, so wie Kraus ein herausragender Autor solcher Textform war, und daran anschließend zugleich die Frage, ob ein Karl Kraus heute solche sozialen Medien wie X oder Instagram bespielte oder ob er sie nicht vielmehr für den Grund eines weiteren großen Übels hielte, nämlich die Ausbreitung des unendlichen und dummen Geschwätzes, welches ein unendliches Gespräch als philosophisch-literarische Gattung nachgerade tötete, und insofern verabscheute er solche Formen, so wie Kraus auch die Phrasen in der Sprache und damit eben das Populäre und die bloße Kommunikation als Anpassung des Gedankens an den common sense verachtete. Journalisten wollen – bis heute hin – was bringen, Karl Kraus wollte solches Denken des Banalen und des Loslaberns um jeden Preis zermalmen. Oder wie er es in der ersten Ausgabe der Fackel aufschrieb: „Das politische Programm dieser Zeitung scheint somit dürftig; kein tönendes ‚Was wir bringen‘, aber ein ehrliches ‚Was wir umbringen‘ hat sie sich als Leitwort gewählt.“ Besser, Zeitungen schwiegen, als daß sie sich in dieser von Kraus kritisierten Schreibform ergehen, darin Phrasen und Meinungsmache das Bild prägten. Deshalb also dieses wahnwitzige und irgendwie geniale Ein-Mann-Projekt „Fackel“. Kraus zündete die Tempel an. Aber er war eben doch kein Herostrat.
Doch scheint es mir an Krausʼ Schreiben vorbeizugehen, ihn auf eben diese Textform Aphorismus zu reduzieren, wie es gerne getan wird – bereits sein Buch „Sittlichkeit und Kriminalität“ weist darauf, daß es nicht nur um Sentenzen und um Kultur- sondern immer und zugleich um Gesellschaftskritik ihm ging. Was dann aber wieder die Frage einschließt, ob ein solches denkerisch-schreibendes Original und solche Obsession, wie Kraus sie hegte, heute überhaupt noch möglich und angemessen zu verstehen ist und ob, damit verbunden, diese Art von – bei Kraus zuweilen auch beckmesserischer – Sprachkritik, nicht zugleich etwas Antiquiertes hat, weil Sprache und Stil heute anderen Regeln folgen. Die heutigen Krausnachahmer, die sich besonders im Lager der linken Ideologiekritik tummeln, laden nicht unbedingt ein, es Kraus nachzutun. Kraus lesen: ja. Kraus wiederholen? Schwierig bis nein, und ich kenne gegenwärtig keinen, dem dies vergönnt ist, ohne entweder in schlechte Imitatio zu verfallen oder aber in einen maulenden Ton. Und leider ist Sprachkritik bei solcher Linken allzu häufig nur der Ausweis dafür, daß in der Sache die Argumente ausgegangen sind. Und so verlegt der vermeintlich kritische Kritiker sich auf einzelne Wörter und popelt diese auseinander. Als rhetorischer Trick manchmal witzig, aber eben auch durchschaubar, wenn es nicht gut gemacht und das heißt auch, von viel Esprit und von Ästhetischem befeuert ist, so wie man es bei Wiglaf Droste lesen kann. Sowas fehlt.
Daß Kraus in dieser Situation einer ins Leere laufenden Kritik problematisch geworden ist, wie auch die allzu starren und dogmatisch gewendeten Kategorien der Psychoanalyse, die ins Soziale gewendet werden, zeigt der Niedergang der verschiedenen Lager der Linken an. Kritik will nicht recht mehr glücken. Aber auch das uneingeschränkte Loben fällt schwer. Während aber bei der linksidentitären, postkolonialen, antisemitischen und von Butler geschwängerten Woko Haram nicht einmal mehr basales Wissen der eigenen (linken) Geschichte existent ist, scheint mir dieses am ehesten noch bei einer an Kraus und Adorno geschulten Linken vorhanden – wenngleich allzu oft dogmatisch verblendet. Nur bleibt es auch dort ein Pfeifen im Wald: ihr letztes Gefecht ist der verlorene Posten, was den Befreiungskampf der Menschen angelangt. Immerhin aber wird genau dieser Gedanke bei manchen von ihnen und über Adornos Philosophie immer noch in Anschlag gebracht, wenn gelingende Praxis vertagt und nicht nur das, sondern auch versagt ist. Was aber bleibt, stiftet der Stifter: eine ästhetische Flucht in eine Ding-Ästhetik, in eine kristalline Natur, ins Kalte, ins Kafka-Kakanien-Reich zu Odradek hin ist manchmal der bessere Stil. Das revolutionäre Subjekt ist irgendwie ausgeblieben. Und im globalen Süden weiland antisemitisch geprägt, wie seinerzeit die SA in Deutschland. So bleibt nur melancholische Theorie:
„Philosophie, die einmal überholt schien, erhält sich am Leben, weil der Augenblick ihrer Verwirklichung versäumt ward. Das summarische Urteil, sie habe die Welt bloß interpretiert, sei durch Resignation vor der Realität verkrüppelt auch in sich, wird zum Defaitismus der Vernunft, nachdem die Veränderung der Welt mißlang. Sie gewährt keinen Ort, von dem aus Theorie als solche des Anachronistischen, dessen sie nach wie vor verdächtig ist, konkret zu überführen wäre. Vielleicht langte die Interpretation nicht zu, die den praktischen Übergang verhieß. Der Augenblick, an dem die Kritik der Theorie hing, läßt nicht theoretisch sich prolongieren. Praxis, auf unabsehbare Zeit vertagt, ist nicht mehr die Einspruchsinstanz gegen selbstzufriedene Spekulation, sondern meist der Vorwand, unter dem Exekutiven den kritischen Gedanken als eitel abzuwürgen, dessen verändernde Praxis bedürfte. Nachdem Philosophie das Versprechen, sie sei eins mit der Wirklichkeit oder stünde unmittelbar vor deren Herstellung, brach, ist sie genötigt, sich selber rücksichtslos zu kritisieren.“ (Adorno, Negative Dialektik, S. 15)
Womit wir, da allein der dornichte Pfad der Kritik noch offen ist, beim 300. Geburtstag von Immanuel Kant angelangt sind: Dieses Jahr also als Kantjahr mit Veranstaltungen, Kongressen, Tagungen und Büchern. Bereits 2023 schon erschienen von Marcus Willaschek „Kant. Die Revolution des Denkens“. Soll man es zur Einführung lesen? 430 Seiten wollen bewältigt sein, und bevor ein Schüler oder Student zur Sekundärliteratur greift: Am besten ist es, Kant selbst zu lesen, sich Satz für Satz in seine Kritiken und auch seine vorkritischen Schriften einzuarbeiten und dabei den Problemhorizont zu sehen, unter dem Kant, dieser Alleszermalmer, insbesondere seine „Kritik der reinen Vernunft“ schrieb. Vor der Sekundärliteratur und dem unendlichen Kommentar kommt der Primärtext. Allenfalls ein wenig Blick in den zeit- und philosophiegeschichtlichen Horizont. Reiner Text ist zwar Sex, aber nur Kant-Text macht Kant eben leider auch nicht unbedingt verständlicher, wenn der Leser nicht wenigstensein Minimalverständnis von dem hat, voran Kant in seiner ersten Kritik anknüpft. Gute Lehrer sind da leider oftmals Mangelware. Also vielleicht doch den Willaschek? Ich werde es demnächst einmal prüfen. Besser aber vielleicht mit Manfred Kühns „Kant. Eine Biographie“ einsteigen, weil darin der Zeithorizont vermittelt wird, in dem sich Kants Denken entwickelte. Und von dieser Position her kann man sich dann gut Kant erwandern und hat ein stabiles Basislager.
Wenn wir aber im Blick von Kraus und Adorno her von (teils linker) Kritik ausgehen, wollen wir auch jenen Autor nicht unerwähnt lassen, der am 29. Juli seinen 50. Todestag haben wird: uns kommt er wie aus einer anderen Zeit vor, aber seine Bücher und vor allem sein neusachliches Gedichte bleibt immer noch beklemmend schön und aktuell wie es nur Liebesgedichte sein können, nämlich Erich Kästner:
Sachliche Romanze
Als sie einander acht Jahre kannten (und man darf sagen: sie kannten sich gut), kam ihre Liebe plötzlich abhanden. Wie andern Leuten ein Stock oder Hut.
Sie waren traurig, betrugen sich heiter, versuchten Küsse, als ob nichts sei, und sahen sich an und wußten nicht weiter. Da weinte sie schließlich. Und er stand dabei.
Vom Fenster aus konnte man Schiffen winken. Er sagte, es wäre schon Viertel nach Vier und Zeit, irgendwo Kaffee zu trinken. Nebenan übte ein Mensch Klavier.
Sie gingen ins kleinste Cafe am Ort und rührten in ihren Tassen. Am Abend saßen sie immer noch dort. Sie saßen allein, und sie sprachen kein Wort und konnten es einfach nicht fassen.
Walter Benjamins teils scharfe Kritik über Kästners „linke Melancholie“ zielt bei solchen Gedichten an ihm vorbei. Jener Kästner, der mit seiner Skepsis gegen linken wie rechten Dogmatismus und in seinem ironischen Witz mehr als recht behalten sollte. Vielleicht sind diese – zuweilen kommoden – Skizzen in Kästners Gedichtband „Ein Mann gibt Auskunft“ (1930), denen Benjamins Kritik gilt, im Rückblick allemal humaner als der revolutionäre Ton der Arbeitereinheitsfrontemphase oder der Politisierung der Ästhetik. Manchmal gltoze ich eben doch lieber romantisch und verweigere mich der Arbeit der Kritik. Solche Gedichte bleiben zeitlos, weil es Skizzen des Alltäglichen sind, und Buchklassiker wie „Emil und die Detektive“, „Pünktchen und Anton“, „Das fliegende Klassenzimmer“ bestehen durch ihre Erzählkraft: das was wir Stil oder auch den Drive einer Prosa nennen. Ja, freilich, das Moralische wie im „Fabian“ kann manchmal nerven. It’s not the birth of the cool. Aber doch ein lesenswerter Großstadtroman. Kästner, dit is immer och Berlin. Aber genauso Dresden und Kästners Liebe zu seiner Mutter.
Weiterhin bemerken wir, sofern wir heute noch in der Lage sind, das zu verstehen, den 750. Todestag von Thomas von Aquin samt seiner Theologie, seiner Philosophie. Das Verhältnis von Liebe und Erkennen, von Gottesliebe und Sünde. Das ergäbe, wollte man dieses Datum voll ausfahren, eine ganz eigene Philosophie-Reihe, wird aber allenfalls einige Mediävisten und solche Gelehrte interessieren, die Experten für mittelalterliche Philosophie sind. Schade eigentlich, daß manche Todestage im klassischen Feuilleton wenig Platz haben werden.
Ob zu solchem Vergessen auch der Dichter Friedrich Gottlieb Klopstock zählt, bleibt abzuwarten. Wir feiern, wie auch bei Kant, einen 300. Geburtstag. Aber anders als bei Kant sind Klopstocks Ruhm und sein Nachleben in unserer Gegenwart wenig ausgeprägt, und anders als Kant ist er ein inzwischen weitgehend vergessener Revolutionär, was sicherlich mit dem Ton seiner Texte zu tun hat, die uns heutigen sperrig erscheinen. Man kann es wohl mit Lessing sagen: „Wer wird nicht einen Klopstock loben?/Doch wird ihn jeder lesen? – Nein./Wir wollen weniger erhoben/Und fleißiger gelesen sein.“ Heute gibt es nicht einmal mehr das Lob und die Lektüre in Schule und Studium schon gar nicht oder allenfalls bei ambitionierten Lehrern. Doch es verhält sich eben so: Es steht gerade Klopstock im Sonnenaufgang der ästhetischen Moderne. Nicht nur als Autor der Empfindsamkeit und der Innerlichkeit, die heute leider im Blick auf die Literatur entsetzliche Blüten feiert, sondern auch hinsichtlich der poetischen Autonomie beim Versmaß war Klopstock prägend: sich von einer allzu starren Regelpoetik zu emanzipieren. In der „Querelle des Ancien et des Moderne“ gehörte Klopstock zu den Modernen. Was Klopstock im Feuerwerk jenes Sturm und Drang und der Stunde intensivsten Empfindens – „Mein Fräulein! sein Sie munter, Das ist ein altes Stück; …“ möchte man da mit Heine manchmal gegenhalten – für Goethes „Werther“ bedeutet, ist bekannt. Hoch empfindsam und zugleich irgendwie auch eine hoch- und saukomische Szene:
„Wir traten an’s Fenster, es donnerte abseitwärts und der herrliche Regen säuselte auf das Land, und der erquickendste Wohlgeruch stieg in aller Fülle einer warmen Luft zu uns auf. Sie stand auf ihrem Ellenbogen gestützt und ihr Blick durchdrang die Gegend, sie sah gen Himmel und auf mich, ich sah ihr Auge tränenvoll, sie legte ihre Hand auf die meinige und sagte – Klopstock! Ich versank in dem Strome von Empfindungen, den sie in dieser Losung über mich ausgoß. Ich ertrugs nicht, neigte mich auf ihre Hand und küßte sie unter den wonnevollesten Tränen. Und sah nach ihrem Auge wieder – Edler! hättest du deine Vergötterung in diesem Blicke gesehn, und ich möcht nun deinen so oft entweihten Namen nie wieder nennen hören.“
Aber auch hinsichtlich des Politischen, der Französischen Revolution insbesondere und ihre Konsequenzen für ganz Europa und sogar die Welt mag es lohnen, sich mit Klopstock zu befassen. Er lobte und pries die Revolution und verschwieg zugleich doch nicht ihren Schrecken und den Terror.
Doch nicht nur das: Klopstock veränderte mit seiner Art zu leben auch die Bedeutung des Dichterberufs: nämlich die bis ins 18. Jahrhundert hinein herrschende Auffassung, daß die Dichtung eine Sache fürs Nebenbei sei und der Dichter hauptberuflich, wie Opitz, Gryphius, Gottsched und noch Goethe, einem ehrbaren Beruf im Hauptwerk nachgingen: sei es, daß sie in einer Kanzlei für einen Fürsten arbeiteten, daß sie Universitätsprofessoren waren oder als Pastoren und Lehrer wirkten. Klopstock hingegen wollte nichts anderes von Beruf sein als Dichter – und damit einer Berufung nachgehen. Dank einer kontinuierlichen Geldgabe durch den dänischen König war es ihm möglich, als freier Schriftsteller zu leben. Mäzenatentum ohne vom freien Markt abhängig zu sein – keine schlechte Form des Gelderwerbs, um sich einem zunehmend aufkommenden kapitalistischen Betrieb zu entziehen und sich dem Dichten und Denken zu widmen. Klopstock zumindest war für Goethe wie Hölderlin ein Leitstern.
Von Arno Schmidt gibt es zu Klopstock eines seiner unbedingt hörenswerten Radiofeatures, nämlich jenen legendären Schmidtschen Literaturdialog „Klopstock oder verkenne dich selbst!“.
Weiterhin auf dem Zettel haben wir den 75. Geburtstag von Slavoj Žižek (1949), den 180. Geburtstag von Friedrich Nietzsche (1844), den wir sicherlich irgendwie begehen und beschreiten werden, denn Nietzsches Denken ist bis heute hin Dynamit geblieben. Dann weiter den 150. Geburtstag von Robert Frost (1874) und seinen seltsamen und für diese 1910er und 1920er Jahre aus der Zeit gefallenen Gedichte, wenn ich an einen kalten Gegenpart wie Gottfried Benn und seine Morgue denke, aber schön doch Frosts „The Road Not Taken“. Immer ist es die Existenzialdimension solcher Dichtung, die Leser reizt. Zwar lesen wir solches, um zu interpretieren und zu deuten und in die nun gedeutete Welt zu schauen, manchmal gar allzu romantisch zu glotzen – aber eben nicht nur. Dichtung, ja Kunst überhaupt hat – triviale Erkenntnis eigentlich – immer auch etwas mit ästhetischer Intensität zu tun, die der Interpretation vorgängig ist. Und manchmal können selbst solche Sinnspruchgedichte schön sein:
Two roads diverged in a yellow wood, And sorry I could not travel both And be one traveler, long I stood And looked down one as far as I could To where it bent in the undergrowth;
Then took the other, as just as fair, And having perhaps the better claim, Because it was grassy and wanted wear; Though as for that the passing there Had worn them really about the same,
And both that morning equally lay In leaves no step had trodden black. Oh, I kept the first for another day! Yet knowing how way leads on to way, I doubted if I should ever come back.
I shall be telling this with a sigh Somewhere ages and ages hence: Two roads diverged in a wood, and I— I took the one less traveled by, And that has made all the difference.
Im Blick auf die Dichtung haben wir zudem, für alle Romantiker, den 200. Todestag von Lord Byron (1824), den 225. Geburtstag von Honoré de Balzac (1799), den man als einen jener Autoren, die über ihre eigene Epoche und die gesellschaftlichen Verwerfungen schrieben, auch einmal wieder verstärkt in den Fokus rücken sollte. Wolfgang Pohrt schätzte Balzac, und in der Edition Tiamat erschien 2018 im Rahmen der Pohrt-Gesamtausgabe sein Balzacbuch. In die andere Richtung schlüge dabei vielleicht der 100. Geburtstag von Rosamunde Pilcher (1924). Literatur als bloße Empfindungsprosa – nein ich meine jetzt nicht Annie Ernaux. Pilcher hat immerhin gegenüber Ernaux den unschätzbaren Vorteil, daß sie nicht jammert und mingelt.
Weiterhin sei für die Freunde der Musik auf Arnold Schönbergs 150. Geburtstag (1874) verwiesen, wogegen wiederum als gleichsam größtmöglicher oder zumindest doch scharfer Widerpart der 75. Geburtstag des Stehgeigers André Rieu (1949) steht. Ganz im Sinne Adornos müßte man hier einmal die E- und U-Musik in eine Korrespondenz treten lassen. Für eine Theorie der Heuristik der Extreme wäre ein solcher Langessay gewiß ein spannendes Projekt. Wie auch im Blick auf Pilcher/Ernaux und Balzac.
Aber auch das Entsetzen, jene deutsche Tragödie, die mit der deutschen Misere zu tun hat und zugleich eine Variante des linken Antisemitismus abgibt, hat ihren Jahrestag, und der personifiziert sich in Ulrike Meinhof und ihrem 90. Geburtstag (1934). Was für ein Weg – als Irrweg am Ende. Mit einem Selbstmord in der eigenen Knastzelle. Die Härte des Staates sowie ihre Ausgrenzung durch die eigenen, nun ja, Genossen. Was hätte aus einer Autorin werden können, die in den 1960er Jahren bis zu jener Gefangenenbefreiung am 14. Mai 1970 zu den klugen Köpfen eines kritischen, linken Journalismus der aufstrebenden BRD zählte, und wie mit diesem Datum und dieser Entscheidung Meinhofs sich die Geschichte der BRD durch die RAF radikal änderte – bis hin zu der bleiernen Zeit. Diese Frage: was wäre, wenn Ulrike Meinhof auf einem bestimmten Stück des Lebensweges anders abgebogen wäre. Oder war solcher Fanatismus bereits früh schon vorgezeichnet? Es dürfte dies wohl einer der spannendsten Jubiläen in diesem Jahr 2024 werden. Eben genau deshalb sind solche Jahrestage gut. Im besten Fall schlägt der Feuilletonist daraus ein paar neue Sichtweisen.
In einem ganz anderen Kontext deutscher Geschichte aber und vor allem hinsichtlich des Deutschen Schlagers, nein nicht nur und einzig, sondern auch im Kontext des deutschen Chansons, wofür es im Deutschen leider gar kein geeignetes Wort gibt – Liedermacher ist hier ebenfalls nicht passend –, begehen wir Udo Jürgensʼ 10. Todestag im Dezember und zugleich feiern wir seinen 90. Geburtstag im September. Ich habe mir 2018 auf dem Wiener Zentralfriedhof sein Grab angeschaut, darauf ein Klavier in Stein steht und darauf liegen die Blumen, die Gaben, die Briefe. Auch dieser Sänger hat etwas mit der Deutschen Geschichte zu tun – es sei nur an „Griechischer Wein“ erinnert oder an das „Ehrenwerte Haus“. Auch hier eine Korrespondenz in Sachen Geschichte.
Zentral aber, zum guten Schluß und nicht zu vergessen eine der erotischsten Frauen des 20. und 21. Jahrhunderts, nämlich, so sehen ich und Pete Doherty das, Kate Moss, die morgen ihren 50. Geburtstag feiert. Das Wort „Ikone“ trifft wohl in diesem Fall einen Nerv, zumal, was die 1990er und die frühen 2000er Jahre anbelangt und wenn wir an ihre Omnipräsenz in den Medien denken. Aus diesem Grunde findet sich in der Berliner Galerie „Camera Work“ bis zum 17. Februar eine Photoausstellung.
Ganz vergessen haben wir den wunderbaren Maler Caspar David Friedrich. Davon wäre ein andermal zu reden. Und ebenso demnächst – hoffentlich – eine begeisterte Besprechung von Karl Schlögels wunderbarem und unbedingt lesenswerten Buch „American Matrix“.
Ich bereite mich gerade ein wenig, auch musikalisch, auf eine Buchkritik zu Karl Schlögels großartigem Werk „American Matrix“ vor. [Wie geil und gelungen dieses Buch ist, darin will ich mich hier und noch gar nicht ergehen.] Und beim Hören des Song „When Johnny Comes Marching Home“ fällt mir ein, daß es eine sehr sehr seltene Version dieses Stücks gibt, das in den 1980er Jahren Wolf Biermann in Deutsch gesungen hat – in einer NDR-Radiosendung zusammen mit der wunderbaren Eva-Maria Hagen hörte ich dies damals. Vermutlich verschlummern diese Schätze irgendwo im NDR-Schallarchiv, darin ich Ende der 1980er Jahre jobbte und wo die sexyjunge Sekretärin mir beim Frühstücks- und Kaffeeplausch erzählte, daß ihr Boyfriend auf dem Fischmarkt arbeitete und seine Hände immer penetrant nach Fisch röchen, auch abends noch, worauf ich nichts recht zu entgegnen wußte, außer dem Hinweis, daß Salzlake mit Zitrone wohl helfen würden, und schnell an meine Sortierarbeit ging, auch um dem bezaubernden Lächeln dieser NDR-Sekretärin nicht zu verfallen. „Hurrah, Hurrah“.
Leider habe ich mir diese Biermann-Aufnahme nicht herausgezogen, geklaut und kopiert. Aber vielleicht kann mir irgendwer schreiben oder zeigen, wo ich dieses Stück Musikgeschichte heute noch finde oder wie ich an diese Musik gelangen kann. Denn aus diesem Schatz und diesen Volksmusikstücken hat Biermann leider niemals eine Platte gemacht. Das ist schade – sehr schade. Zusammen mit Eva-Maria Hagen gesungen waren das Perlen. (Ein englisches Seemannslied war auch dabei, so erinnere ich mich.)
In eighteen hundred and sixty-four, Hurrah! Hurrah! Abe called for five hundred thousand more, Hurrah! Hurrah! In eighteen hundred and sixty-five, They talked rebellion–strife; And we′ll all drink stone wine When Johnny comes marching home. And we’ll all drink stone wine When Johnny comes marching home.
Kaiserwetter in Berlin – sozusagen Thomas-Müntzer-Tag und da kommen, wie schon in Michel Houellebecq Roman „Serotonin“ die Traktoren und wütende Bauern. Doch Deutschland ist nicht Frankreich. Es gibt Songs von Traktoristen, die weit in die Vergangenheit Deutschlands hineinreichen: Zunächst mal mit Wolf Biermann in den 1960er Jahren: „Ballade vom Traktoristen Kalle“. Ein witziger Song und ein witziger Text in Brecht-Eisler-Manier und doch darüber weit hinaus und eine dieser typischen und zugleich schönen Biermann-Balladen.
Er war auch Aktivist, wie oft Das weiß ich nich‘ genau Noch öfter als er Aktivist war War er furchtbar blau Kalle nannten ihn die Bauern Und er hatte rotes Haar Doch geseh’n hat’s nur die Schwarze Weil er bei ihr drinnen war
Und ein Klassiker des deutschen Schlagers darf dabei nicht fehlen, ein Song aus den netten 1980er Jahren, meine ich mich zu erinnern. Können aber auch die 1990er gewesen sein. Lange ist es her:
Ja, man kann sich bei solchen Demos über Galgen mokkieren, wer aber mal auf einer „Revolutionären 1. Mai-Demo“ war, der wird stärkeren Tobak gewohnt sein und aus den 1980er Jahren sind noch gut die „RAF-dich-auf!-Graffitis bekannt oder aber „Buback, Ponto, Schleyer, der nächste ist ein Bayer“-Slogans sowie bei bestimmten Politikern bis heute die dazugehörigen Rufe „Kofferraum“.