Wolf Biermann zum 80. Geburtstag

Es kreischt leise, dann geht es lauter, spielt ins Schrille hinüber, man könnte meinen, es sei eine sanfte Variante des Industrial Sounds. Doch für die 60er Jahre ist diese Musik zu früh dran. Um die Ecke kurvt eine Straßenbahn. Automotoren rasseln im Hintergrund. Auch den Wind meinte ich zu hören, und es dringen da die Geräusche der Stadt ins Zimmer. Was für ein Auftakt bei einer Langspielplatte, denke ich mir, als ich diese Klangcollage zum ersten Mal höre. Von der Idee ist es von Biermann genial gewesen, das Auftritts- und Produktionsverbot in der DDR, das seit Mitte der 60er Jahre herrschte, einfach zur Waffe zu machen und die Lieder in der eigenen Wohnung aufzunehmen. So konnte es jeder hören: Kein Studio, Improvisiertes, denn der Lärm von der Straße, von der Chausseestraße, war nicht draußenzuhalten. Alles Dämmen half nichts, so berichtet Biermann in seiner Autobiographie „Warte nicht auf bessere Zeiten“. Also der Straßenlärm, genialer Trick und genauso genial die Idee, diese LP einfach nach seinem Wohnort zu benennen: Chausseestraße 131. Offenheit kann in diesem Falle schützen, um nicht im Stasi-Knast gebrochen zu werden. Und dann diese laute, schreiende Stimme, der wilde Sound dieser Gitarre, als das Spiel anhob. Hingerissen, als ich diesen Song aus Protest, Lautstärke und Leidenschaft hörte. Vor allem aber jene Kritik an den Zuständen im realexistierenden Sozialismus und an denen, die da bauten:

ZUEIGNUNG
Die Ballade ist gewidmet
jenen sogenannten guten
Wirklich tief besorgten Freunden:Revolutionäre Zittrer
Die mich quälen, mürben, öden
Wenn sie mir mit leichenbittrer
Müder Klassenkämpferpose
Unsern Feind im Westen zeigen
Mit gestrichen voller Hose
Aber hier im Osten schweigen

Meine erste Begegnung mit Wolf Biermann hatte ich 1979, mit 14 Jahren. In der Bücherhalle meiner Stadt lag eine Kassette aus: „Warte nicht auf beßre Zeiten“. Der Titel sprach mich an, junger Butsche der ich war und der politisch links und Kommunismus für sich zu entdecken begann. In Deutsch lasen wir eine Zeit vorher ein Gedicht von Biermann, das von der Dialektik zwischen Natur und von Gesellschaft handelte. Das, was uns als Natur erscheint, ist eigentlich Produkt der Gesellschaft und was wir als Natur sehen, ist mit Gesellschaft besetzt. Diese Dialektik und die Verschleierungen hatte ich in der Interpretation schnell verstanden und schrieb es. Der Lehrer gab die für mich übliche Note. So griff ich mir in der Stadtbücherei diese Kassette und hörte zu. Ich mochte das Spiel der Gitarre, diese Stimme, die sich überschlug, die schrie, die sanft und dann wieder grob anhob. Und zu meiner großen Freude konnte ich pubertierender Junge damit meine Mutter ärgern, die bestürzt die Tür zum Kinderzimmer aufriß und rief, daß ich diesen Krach sofort leiser machen solle, was sei das überhaupt für ein entsetzlich schreiender Mann? Mit Chuck Berry, mit Rocken und Rollen sowie Johnny Cash konnte ich sie kaum ärgern, denn das war immer ihre Musik gewesen. Mit Biermann schon. Und nun wird der Junge auch noch ein Kommunist, so mag sich Muttern gedacht haben. Denn Kommunist mit feurigrotem Herzen war Biermann damals noch – auch nach seiner Ausbürgerung in die BRD. Glaubte ans „Paradies uff Erden“ und spottete über die „verdorbenen Greise“ in Wandlitz:

Die Finsterlinge – na grade die!
reden vom Morgenrot
vom lichten Morgenrot
Die Generäle – na grade die!
reden vom Heldentod
vom schönen Heldentod.
Aah ja…!

„So oder so, die Erde wird rot“, das behagte mir und es kam der Satz von Rosa Luxemburg dazu: „entweder Übergang zum Sozialismus oder Rückfall in die Barbarei.“ So dachte ich und wie alle Linken glaubten wir ans Prinzip Hoffnung.

Eigentlich gehöre ich nicht zu jenen, die auf simple Botschaften von Liedermachern hereinfallen. Songs, die dem Protest die Richtung vorschreiben, waren mit von Jugend an nicht geheuer, ich wollte nie wissen, wo die Blumen sind und wo sie geblieben waren. Vermutlich beim Schnitter, dachte ich mir. Deshalb heißt es ja Schnittblumen. Und schon gar nicht mag ich kollektive Veranstaltungen, wenn Menschen im Konzertsaal zu „We shall overcome“ selbstgefällig schunkeln – ausgerechnet bei diesem Lied, das davon lebt, bei einer Demo von Schwarzen auf der Straße gesungen zu werden. Bei Biermanns Liedern war es anders. Diese mit Brechtscher Volte geschlagenen Texte, diese Frechheit und natürlich der Umstand, daß sie in der DDR schlicht verboten waren, trugen dazu bei, daß ich mehr davon begehrte. Auch lieh ich mir das erste Biermann Quarthefe von Wagenbach „Die Drahtharfe“.

Zwar kann man diese Texte als Gedichte lesen, aber sie funktionieren eigentlich nur über die Musik – anders als die Lyrik Brechts, die auch für sich haltbar ist. Doch haben die Texte Biermanns mit den Brechtschen Gedichten oft den Ton und auch die Dialektik sowie die Tücke des Politischen gemeinsam. Hören aber muß man sie von Biermann auf der Gitarre geschlagen. Obwohl Biermann den legendären Ernst Busch kannte, verfiel er nie auf die Idee, den Barrikadentauber in irgendeiner Weise zu imitieren. Und selbst da, wo mancher eine Ähnlichkeit feststellen mag, schlägt es bei Biermanns Musik in den genialen Eigensinn um. Schreien, Kreischen, Spott für jene Greise, die sich in Wandlitz selbst einmauern, Spott für die Stasi, obwohl Biermann genau wußte, wozu das Pack fähig war. Dennoch höhnte er in der Stasi-Ballade. Dazu der harte Schlag der Gitarre. In der „Zeit“ beschreibt der Schriftsteller Andreas Maier dieses sagenhafte Gitarrenspiel, zwischen Flamenco-Anschlag, Arbeiterfaust und klassischer Gitarre. Eine lesenswerte Begegnung mit dem Liedermacher über das Spielen dieses Instruments.

Biermanns Musik unterstreicht die Texte nicht, sondern sie wirkt als Kontrapart, spielt sich gegen den Text. Sie hatte im Klang etwas Rohes, aber da waren genauso diese Zwischentöne, die mich als Jugendlicher faszinierten. Ausuferndes Spiel. Und wenn dann ein Akkordeon-Sound „Acht Argumente für die Beibehaltung des Namens Stalinallee für die Stalinallee“ spielte und den Spott über die Wendehälse der 50er Jahre herausschrie, war diese Kritik richtig. Diese Kritik am System: es galt ja bis zum Fall der Mauer, und insbesondere galt sie danach jenem grinsenden Pferdegebiß. „Es steht in Berlin eine Straße …“ „Und die Häuser stehen ewig. In Baureparatur.“ So geht maroder Sozialismus. Aber wo nichts ist, muß man mit wenig vorlieb nehmen. Biermann tat das, in seinem Land, der DDR, die seine Heimat war. Trotz Stalinismus. Gegen Faschismus. (Was freilich dort ein Lippenbekenntnis blieb, aber wengistens stand Antifaschismus, anders als in der BRD, dort auf der Agenda. Leider auch der Personenkult und Stalinismus.)

Und Henselmann kriegte Haue,
damit er die Straße baut
Und weil er sie dann gebaut hat,
hat man ihn wieder verhaut
Auch darum heißt das Ding Stalinallee,
Mensch, Junge, versteh und die Zeit ist passe!

Ist sie? Nein, bei den „verdorbenen Greisen“ wie Biermann die Normenklatura der DDR nannte, ist sie es nicht. Nie gewesen. Auch diese Lektion lernte ich als junger Linker schnell. Die DDR – das ist kein Sozialismus. Das, was dort geschah, konnte man allenfalls mit den DDR-Oppositionellen kritisch begleiten und hoffen, daß es da hinter dem Stacheldraht und eingemauert in Ost mehr solcher linker Stimmen gab. Am Ende aber brach 1990 jenes Experiment am lebenden Menschen ab. Es war gut so. Während der friedensbewegten Zeiten der 80er und beim AKW-Protest in Brokdorf zumindest wußte ich: Sowjetraketen sind keine Friedensraketen, während Nato-Raketen Kriegshetze bedeuten, wie es die DKP weißmachte, die die Friedensbewegung mit schlechtem DDR-Geld unterwandert hatte. Ebenso sind AKWs in Ost und in West die gleiche Pest. Diesen kritischen Blick lernte ich schnell. Die Lektüre von Marx tat ein übriges, um zu verstehen, daß jene Sache, die dort „in China, hinter der Mauer“ geschah, nicht der Sozialismus war, von dem die jungen Menschen träumten. Das zumindest habe ich von den Biermannplatten schnell gelernt. Trotz Traum von der Pariser Commune.

In den 80er Jahren änderte sich Biermanns Blick. Das „Paradies uff Erden“ – eine Illusion. Und auch beim zweiten Golfkrieg 1991 bezog er deutlich Stellung, viele Friedensbewegte waren irritiert, doch zu Sadam Husseins Raketen auf Israel schwiegen sie oder relativierten, wie etwa der widerliche „grüngetünchte Tartuffe“ Hans-Christian Ströbele, der meinte, „die irakischen Raketenangriffe sind die logische, fast zwingende Konsequenz der Politik Israels.“ So trennten sich bei der neudeutschen Linken, Anfang der 90er Jahre, noch einmal die Wege. Auch aus solchen Disputen um den Golfkrieg ging die Bewegung der Antideutschen hervor. Biermann votierte für die militärische Intervention:

„‚Kein Blut für Öl!‘ – heilige Einfalt! Natürlich ging es den Amerikanern auch ums Öl. Und ich sage: zum Glück! Wenn in Kuwait nicht Öl gefördert worden wäre, sondern nur die Kunst des Kamelreitens, dann hätte die Weltgemeinschaft den Dieb aus Bagdad die wertlose Beute gelassen.“

Ich nachhinein muß ich sagen: Biermann hatte recht. Wer das Völkerrecht bricht, muß mit Sanktionen rechnen. Diese aus der Hitlerzeit resultierende Logik hatte Biermann begriffen.

Von Herzen alle Gute, Wolf Biermann, zum 80. Geburtstag. Zum Schluß der Eloge aber mein Lieblingssong, es ist neben dem Barlach-Lied eines der schönsten Biermann-Stücke. Bis heute haben sich bei mir im Kopf einige dieser Songs gehalten. Wenn ich über den Hugenottenfriedhof, der eigentlich Dorotheenstädtischer Friedhof heißt – was genauso schön klingt – zu Marcuse, Brecht, Hegel, Müller und Thomas Brasch pilgere, dann summe ich diese Melodie für mich hin, manchmal schießen Textzeilen in den Kopf, ich bin glücklich, denke an die Spatzen, an meine große und unendliche Liebe im Großraum Leipzig, und die Chausseestraße 131 ist gleich um die Ecke. Doch sehen diese Straßen in der Nähe des Bundesnachrichtendienstes heute anders aus als zu DDR-Zeit mit Kohlegeruch. Der Friedhof aber bleibt:

Der Hugenottenfriedhof

Wir gehn manchmal zwanzig Minuten
Die Mittagszeit nicht zu verliern
Zum Friedhof der Hugenotten
Gleich hier ums Eck spaziern
Da duftet und zwitschert es mitten
Im Häusermeer blüht es. Und nach
Paar wohlvertrauten Schritten
Hörst du keinen Straßenkrach

Wir hakeln uns Hand in Hand ein
Und schlendern zu Brecht seinem Grab
Aus grauem Granit da, sein Grabstein
Paßt grade für Brecht nicht schlecht
Und neben ihm liegt Helene
Die große Weigel ruht aus
Von all dem Theaterspielen
Und Kochen und Waschen zu Haus

Dann freun wir uns und gehen weiter
Und denken noch beim Küssegeben:
Wie nah sind uns manche Tote, doch
Wie tot sind uns manche, die leben

Stalinallee – „Es steht in Berlin eine Straße …“

20 Jahre keine DDR (Teil 1)

 „die weißen Kacheln fallen
Uns auf den Kopf ja nur
Die Häuser stehen ewig!
(In Baureparatur!)“

in der Stalinallee (heute Karl-Marx- Allee). So dichtete und sang es einst Wolf Biermann 1973 in seinem lauten Song „Acht Argumente für die Beibehaltung des Namens „Stalinallee“ für die Stalinallee“. Und das ist nicht nur in den sechziger/siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts so gewesen, sondern auch heute noch im Jahre 2009, 20 Jahre nach dem Mauerfall zu besichtigen. Spätestens wenn man hinter das Frankfurter Tor auf die Frankfurter Allee kommt, wo jene beiden Bilder aufgenommen wurden, springt es einem ins Auge: die abgefallenen Kacheln, die ruinierte Außenfassade. Wenn man dann die Hauptstraße verläßt und sich hinter eines der Gebäude bewegt, so ist die Zuckerbäckerstilpracht verschwunden. Doch Verfall (und Leerstand) sind auch Richtung Strausberger Platz hin zu beobachten.

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 Es ist schade um diese Straße möchte man an vielen Stellen ausrufen, doch es fällt einem zugleich keine städteplanerische Lösung ein, um den Leerstand und Verfall dieser Straße aufzuhalten. Traditionsreiche Läden sind verschwunden (so etwa die alteingesessene Karl-Marx-Buchhandlung), unspektakuläre Gastronomie hat sich in bescheidenem Maße breitgemacht. Das Problem dieser Straße ist ihre Monströsität, ihre Überdimensioniertheit; die beiden Straßenseiten verbindet nicht viel miteinander. Und da es keine Arbeiter und keine Militärparaden mehr gibt, besteht die Funkion dieser Straße nur noch darin, Transport- bzw. Verkehrsweg und Besichtigungsort sowie Baudenkmal zu sein. Schlendertourismus, um eine eigentlich gar nicht so ferne Zeit zu betrachten: Jenen typischen (Ostberlin-)Ostblock„charme“.

 Wie soll und kann man so eine Straße nutzen und urban machen? Einmal im Jahr eine Biermeile veranstalten? Wofür ist diese Straße geeignet?: Für sozialistische Paraden und Aufmärsche war sie es einstmals.

 Und so möchte ich, von dieser geschichtsträchtigen Straße ausgehend, in der Wohnungen von Arbeitern für Arbeiter gebaut wurden (so der Sound der damaligen SED), in der der Aufstand vom 17. Juni begann, und die 1961, fünf Jahre nach dem 20. Parteitag der KPdSU, umbenannt wurde in Karl-Marx-Allee, eine kleine photographische Sightseeingtour durch den Osten (nicht nur Berlins) starten, auch anläßlich des Jubeljahres „20 Jahren Mauerfall“. Diese Jubiläumstour im Jahre 2009 wird in unregelmäßigen Abständen stattfinden. (Und sie hat ja bereits ein Mal eingesetzt mit jenem „Palast der Republik“ vom 3. März.)

 Es sollen Bilder abseits der blühenden Landschaften gezeigt werden. Wobei es nicht darum gehen soll, diesen Begriff der „blühenden Landschaften“ zu denunzieren und vorzuführen, daß dieser Begriff nicht immer stimmt bzw. nicht mit dem unter ihm Befaßten übereinstimmt. (An vielen Stelle ist er ja richtig; vieles hat sich geändert, und ein Narr ist, wer dies leugnet.)

 Mir ist es aber vollkommen egal, ob hier Landschaften blühen oder nicht. Im Gegenteil. Ich freue mich unerhört darüber, daß es so viele und schöne „Öde Orte“ gibt. Diese sollen festgehalten werden. (Vielleicht ein wenig analog zu jenem Sammelband „Öde Orte. Ausgesuchte Stadtkritiken von Aachen bis Zwickau“ bei Reclam Leipzig erschienen.)

Eine photographische Reise  in die ehemalige DDR, mal mit Text, mal ohne Text.

Insofern also: Alles Gute zu 20 Jahre Mauerfall. Die alte Zeit ist passé! Die alte Zeit war
passé …