

Und was für ein wunderbares Kinderlachen:

Goldene Tage in einem fremden Land. Wieder angekommen im krisengeschüttelten wie desolaten Deutschland, sei es wirtschaftlich, sei es militärisch, sei es in Sachen Migrationspolitik und immer neu auftauchenden Afghanen. Vermutlich wird sich demnächst herausstellen, daß die gesamte afghanische Bevölkerung im Grunde für Deutschland gearbeitet hat. Und der deutsche Michel glaubt es und Medien beflügeln diesen Glauben. Man nehme zu dieser Causa und der deutschen Naivität gerne jenen Leserbrief, den Dr. Thomas Sarholz, Oberst a. D, gedient in Afghanistan und also vor Ort, am 26. August 2021 an die FAZ schrieb https://archive.ph/8RKkS#selection-4195.0-4225.43
Aber darüber wollte ich mich nicht ärgern, sondern mit Melancholie zurückblicken auf jene schönen Tage in Polen, an der Ostsee im herrlichen Zoppot. Wobei aus der Melancholie bei der Autofahrt und beim Revue-passieren-lassen dieser wundervollen Zeit sich sogleich wieder die kalte Wut einstellte, als ich in Berlin eintraf und aus dem Auto stieg. Doch dazu einige Absätze später weiteres.
Polen ist in vielem deutlich anders als Deutschland und in vielen Dingen vor allem eines: Besser. Obwohl Polen eigentlich den Euro hätte einführen müssen und sollen, sind die Polen ganz einfach in polnischem Eigensinn beim Zloty geblieben und es würde keiner Partei in den Sinn kommen, hier eine Transformation durchzuführen. Das wäre nämlich das Ende dieser Partei. Es hat in Polen innerhalb der Jahre ein wahnsinniger Aufbau und ein Aufschwung stattgefunden – auch in der Provinz. Freilich mit erheblichen EU-Hilfen.
Das Land ist voll von jungen Menschen, ich habe nirgends so viele polnische (nicht syrische, nicht afghanische, nicht irakische) Familien mit Kindern gesehen. Das Land prosperiert. Die junge Generation weiß, daß sie dies auch der EU zu verdanken hat, aber deshalb bleibt die EU – sinnvollerweise – immer noch eine Gemeinschaft der Nationen, deren Souveränität, etwa in Sachen Migrationspolitik, gewahrt bleiben muß.
In der Gastronomie arbeiten ungeheuer viele junge Menschen, nichts zu hören von „Wir finden kein Personal, das bereit ist, hier zu arbeiten!“
Mitte der Woche gab es zu den Erfolgen polnischer Verwaltung und Politik einen Artikel im Tagesspiegel: „Straßen reinigen und Verwaltung digitalisieren: Was Berlin von seiner Partnerstadt Warschau lernen kann“:
„Tatsächlich gehört die Zwei-Millionen-Stadt laut internationalen Rankings zu den sichersten Metropolen Europas – und das, obwohl sie im Zuge des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine Hunderttausende Geflüchtete aufgenommen hat, ganz ohne Massenunterkünfte, ohne soziale Destabilisierung. Warschau hat stattdessen gehandelt – beherzt, schnell, unbürokratisch. Das Erfolgsrezept: kluge Planung und ein gemeinsames Verständnis für Verantwortung. Zivilgesellschaft, Verwaltung und politische Führung ziehen an einem Strang – mit sichtbarem Erfolg.
Auch in der Stadtentwicklung setzt Warschau Maßstäbe. Parks und Grünflächen werden gepflegt und erweitert, die Sauberkeit im Stadtbild ist augenfällig. Während Berlin mit vermüllten Plätzen und verwahrlosten Anlagen kämpft, investiert Warschau in Stadtgrün: Mit Programmen wie „Eine Million Bäume für Warschau“ setzt die Stadt ein ökologisches und bürgernahes Zeichen.“
Alle Menschen in den Orten der Ostseeküste, wo ich mich aufhielt, sind weitgehend freundlich, wenngleich es zuweilen eine gewisse Reserviertheit gibt. Der Pole ist kein Italiener. Mit Englisch jedoch kommt man inzwischen in Polen ganz gut durchs Land, wenngleich sich die Polen sehr freuen, wenn man ihre Landessprache ein wenig spricht – was ein nicht ganz einfaches Unterfangen in Sachen Aussprache ist. Doch Polen ist ein gastfreundliches Land. Nirgends habe ich Deutschenfeindlichkeit erlebt.
Was mir am besten gefiel: Der Islam ist in Polen nicht präsent. Als ich in Deutschland in meiner eigentlich schönen Straße im bürgerlichen Südwesten ankam, aus dem Auto stieg und die Koffer auslud: was war das erste, das ich sah? Zwei dieser Kopftuchfrauen – nicht einmal die bunten Teile mit Chique, sondern dieser scheißschwarze Hijab, und ich hätte am liebsten gleich kotzen können.
„Die verschiedenen Formen der islamischen Kopfbedeckung der Frau sind alle ein Zeichen der islamistischen Gesinnung. Der Trägerin ist es wichtig nicht nur nach außen zu demonstrieren, dass sie dem – alle Bereiche des Lebens geltenden – islamischen Gebot der „Sittsamkeit“ folgt, sondern auch den öffentlichen Raum mit Symbolen der islamischen Dominanz zu markieren. Die zunehmende Dominanz des Kopftuches im öffentlichen Raum ist jedoch nicht nur ein politisches Zeichen der Landnahme, sondern zugleich ein Mittel, die als unsittlich wahrgenommen Frauen unter Druck zu setzen. Das Kopftuch ist das Braunhemd des Islams.“ (Anonymos. Nicht von Bersarin. Ich schwör, Habibi!)
Ich habe bei meinem ganzen Aufenthalt in Polen in der Dreistädteregion Danzig, Zoppot und Gdeingen lediglich fünf Kopftuchfrauen gesehen und auch keine Bartmuselmanen – und das war eine mehr als angenehme Erfahrung. Geradezu eine Erholung vom Alltag in Berlin und auch in Hamburg. Wer waren diese fünf Frauen? Eine der Kopftuchfrauen sah ich in Danzig in der Langgasse, und es war dies ein zwölf- oder dreizehnjähriges Mädchen aus Deutschland, das in einer Schulgruppe auf einer Klassenfahrt war. Die andere Frau war eine katholische Nonne, die dritte eine junge arabische Touristin mit ihrem Gatten in Zoppot. Die beiden anderen waren ebenfalls in Zoppot zu Gast und sahen, vom Gesicht und der Kleidung her nach Pakistan oder Indien aus. In der immer gut gefüllten SKM etwa – der S-Bahn zwischen Danzig, Zoppot und Gdingen –, in der ich mich häufig bewegte, bemerkte ich keine einzige Kopftuchfrau, auch in Trams und Bussen nicht. Keine.
Und ab dieser ersten Septemberwoch werde ich in Berlin wieder meine Wut unterdrücken müssen. In Danzig und Gdingen, wo ich mich auch in Regionen bewegte, wo keine Touristen sind, sondern wo normale Bürger in ihrem Häuserblocks leben, sah ich nicht ein einziges Kopftuch, nicht einen einzigen Jungmusel, der auf Arabisch mit den Kumpels quatschte, nicht eine einzige arabische Familie, die mit fünf Kindern im Schlepptau durch die Straße sich bewegte.
Aber es gibt auch für die grünen Freunde Erfreuliches: Polen ist hinsichtlich des Autofahrens ein Land, wo ihnen das Herz aufgehen müßte. In Ortschaften darf vielfach nur 40 km/h gefahren werden. Auf den mautpflichtigen Autobahnen 140, auf vierspurigen Schnellstraßen, wo die Fahrbahnen getrennt sind, 120 km/h. Die Strafen sind streng. Es existiert zudem eine Vielzahl an Zebrastreifen. Und da der Staat seine Autofahrpappenheimer kennt, liegen viele dieser Zebrastreifen auf einer Erhebung. Wer hier also mit Karacho entlangbraust, riskiert ein kaputtes Auto. Zudem ist das Parken in fast jeder Ecke von Danzig, Zoppot oder Gdingen kostenpflichtig. Selbst in Regionen, wo sich kein einziger Tourist je hinein verirrt.
Trotzdem fahren allerdings die Polen viel mit dem Auto. Man kommt in Danzig nicht unbedingt schnell voran. Es ist ein zwar langsamer, aber doch kontinuierlich fließender Verkehr. Kreuzungen gibt es fast gar keine, sondern nur Kreisverkehr. Die Polen in der Dreistädteregion fahren zügig, aber sind dabei nicht aggressiv.
Anders habe ich es 2012 in Warschau erlebt, da war das Fahren kein Spaß und man mußte, um sich ein wenig zu behaupten, schon wie General Guderian mit einer Panzerspitze im Anmarsch sich fühlen.
Das Thema Polen und Deutschland ist nochmal ein weiteres, auch im Blick auf die ungeheuren Zerstörungen, die Deutsche in Polen anrichteten. Im übrigen werden genauso die Russen bzw. Sowjets mitgenannt, was den Hitler-Stalin-Pakt samt der Okkupation durch die Sowjets und die sowjetischen Massaker an Polen betrifft: Stichwort Katyn. Dieses Massaker an Politikern, Wissenschaftlern, Ingenieuren, Militärs und Soldaten haben die Polen bis heute nicht vergessen und auch unsere Taten haben sie dabei nicht vergessen.
Um diese polnische Geschichte ein wenig besser zu verstehen, rate ich unbedingt dazu, in Danzig das Muzeum II Wojny Światowe sich anzusehen, also das Museum des Zweiten Weltkrieges – tief beeindruckend und eine Vielzahl an Material, an zu studierenden Bildern, Texten, Objekten und Videos. Man braucht dafür wohl mindestens zwei oder drei Tage, um der Fülle überhaupt gerecht zu werden.
Polen ist zudem, was den öffentlichen Raum betrifft, ein sicheres Land, zumindest, was die gefühlte Sicherheit betrifft – anders als in Deutschland. Nirgends an Bahnhöfen oder öffentlichen Orten jugendliche Eckenstehergruppen – in Deutschland meist mit arabischem Hintergrund. Und das hat vor allem auch etwas mit einem politischen Willen zu tun. Keine Partei dort, auch die PO von Donald Tusk nicht, würde auf die Idee kommen, soche Zustände wie in Deutschland auch nur im Ansatz zuzulassen. Obdachlose existieren zumindest nicht sichtbar, und schon gar nicht ist es wie in Berlin und anderen deutschen Städten, wo Crack-Junkies und sehr arme bettelnde Menschen, die einem leid tun können, die Bahnen und Bahnhöfe bevölkern. Zyniker sagen: Die Polen haben diese bettelnden Menschen ganz einfach nach Berlin geschickt, wo man sie dann im Sinne der Reisefreiheit in der EU einfach machen ließ, anstatt sie zurückzuschicken. Auch solche Gleichgültigkeit in Deutschland führt am Ende dazu, daß der öffentliche Raum immer ein Stück weiter verwahrlost.
Nun kann man natürlich mit allen möglichen subtilen Annahmen und Dekonstruktionen solches infrage stellen. Aber den Bürgern kommt es eben nicht darauf an, was alles so oder anders abläuft, sondern sie wollen, sehr zu recht, in einem lebenswerten Land wohnen. Und das ist Polen inzwischen. Auch was die Armut betrifft. Zwar gibt es immer noch Häuser im schlechtem Zustand, aber es sieht eben auch nicht viel anders aus als in manchen Ecken Brandenburgs oder des Hunsrücks.
In den Städten Danzig und Gdingen habe ich niemals die Sorge gehabt, daß mir etwas passieren könnte. Ein weiteres ist, daß die polnischen Städte zum Teil videoüberwacht sind. Mich stört solche Videoüberwachung nicht, selbst dann nicht, wenn ich mich mit einer jungen polnischen Geliebten treffe, während die Ehefrau mich auf einer wichtigen Geschäftsreise in Warschau wähnt. Und es ist in Polen auch nicht die Verwahrlosung des öffentlichen Raumes zu beobachten, wie wir es aus vielen deutschen Städten kennen. Wer sich am Danziger Hauptbahhof oder an dem von Gdingen und Zoppot bewegt, muß sich nicht durch ein Heer von Junkies und Dealern zwängen, wie das etwa in Hamburg sein den 1980er Jahren der Fall ist – vom Frankfurter Bahnhofsviertel gar nicht zu sprechen, wo es wie in einem Ghetto irgendwo in den USA ausschaut. Nirgends und von niemandem wurde ich angequatscht oder angebettelt oder angegangen. Doch ein einziges Mal: Als ein junger Mann mich in Zoppot sehr freundlich und charmant ansprach, ob ich Lust auf einen eleganten Club mit Frauen hätte, wo es bis spät in die Nacht Cocktails gebe.
Vor allem aber sind die Polen teils sehr patriotisch und sie sind stolz auf ihr Land und das können sie auch zu recht sein. (Ich werde allerdings in weiteren Texten im Blick auf polnische Geschichte und Gegenwart auch auf kritische Aspekte zu sprechen kommen, wenn es um polnischen Antisemitismus und die reaktionären und nationalistischen Formen des Polentums und des dort ausgeprägten Katholizismus geht.)
Wenn Polen ihre Nationalhymne spielen, und das habe ich bei der Solidarność-Veranstaltung am 31. August erlebt, dann singen sie mit, sie fassen sich mit der rechten Hand ans Herz und mancher hatte Tränen in den Augen. Eine gute Form von Patriotismus. Den es in Deutschland nicht gibt, eine Sache, die Deutschland jahrzehntelang abtrainiert wurde – sicherlich auch aus den bekannten geschichtlichen Gründen. Aber wenn solch kritisches Reflektieren zum genauen Gegenteil führt, dann ist das, ganz geschichtsdialektisch genommen, der völlig falsche Weg. Mit den ersichtlichen Folgen. Ich habe noch nie gesehen, daß die gesamte „Straße des 17. Juni“ mit unserer Staatsfahne beflaggt war, wie es etwa der Champs-Élysées zu den großen Nationalfeiertagen mit der Tricolore. An eine Militärparade ist nicht zu denken. Signifikant dafür immer noch das Bild, wo Merkel nach dem Wahlsieg 2013 angewidert die ihr zugereichte Deutschlandfahne beiseite schob. Diese Geste war nur eine kleine. Aber sie sagt sehr viel über dieses Land, über das Denken in diesem Land und diese entsetzliche Kanzlerin aus, die Deutschland dahin brachte, wo es heute steht.
Gut ist vor allem: Polen hat viele junge Menschen. Die, mit denen ich sprach, verzogen bei dem Wort Islam nur das Gesicht, wenn ich über die Misere unseres Landes sprach und die meisten fanden auch die deutschen Grenzkontrollen richtig, denn sie wußten selber, daß die Migranten eher nicht von Deutschland nach Polen einreisten. Sie blieben im Blick auf Merkels irrsinnige und fatale Grenzöffnung freilich höflich, während ich recht markige Worte verlor. In einem jedoch waren sie sich mit mir einig: Der Islam gehört nicht zu Europa.
Westeuropa hat fertig, die einzige Chance liegt im Osten und vielleicht noch im ländlichen Raum, um gegen diese Entwicklung Widerstand zu leisten.
Westeuropa, dieser Nasenpopel aus einer Konfirmandennase. Wir wollen nach Polen (oder Dänemark) gehn. Um einen großen deutschen Dichter einmal abzuwandeln. Gerade auch im Blick auf Frankreich, Großbritannien und Deutschland. Tu felix Polonia!
Das mag zugespitzt klingen, aber es zeigt eben doch eine Tendenz, was alles in Polen vernünftig und gut läuft, angefangen bei der Digitalisierung, und noch in der kleinsten Eisbude kann man mit Debit-Karte bezahlen, WLAN ist häufig for free erhältlich. Und da zitiere ich gerne noch einmal aus dem Tagesspiegel:
Wo Berlin häufig noch im Analogen festhängt, ist Warschau längst digital. Bürgerinnen und Bürger können nahezu alle Behördengänge online erledigen – effizient und unkompliziert. Möglich macht das eine zentrale Identifikationsnummer („Pesel“), die Verwaltungsprozesse vereinfacht, Datensilos aufbricht und digitale Innovation fördert.
Während in deutschen Amtsstuben noch Drucker rattern und Anträge per Fax verschickt werden, zeigt Warschau, wie Digitalisierung im Dienst der Menschen funktionieren kann. Statt Papierkrieg: digitale Effizienz. Statt Warteschlangen: Nutzerorientierung und Service-Mentalität.
Besonders bemerkenswert ist die Bildungspolitik. Während in Deutschland oft noch darüber diskutiert wird, ob Integration überhaupt möglich sei, hat Warschau längst vorgemacht, wie sie gelingt: Geflüchtete Kinder werden zügig eingeschult, ukrainische Lehrkräfte integriert und anerkannt. Schulen öffnen sich pragmatisch und lösungsorientiert. Ein beeindruckendes Beispiel für einen Staat, der Herausforderungen nicht beklagt, sondern gestaltet.
Auch im Bereich Mobilität kann Berlin viel von Warschau lernen. Während hier jahrelang geplant, debattiert und verschoben wird, baut man dort. Neue U-Bahnlinien entstehen in Rekordzeit, ergänzt durch ein engmaschiges Netz aus Straßenbahnen, Elektrobussen und gut ausgebauter Fahrradinfrastruktur. Der öffentliche Nahverkehr ist pünktlich, sauber, klimatisiert – und damit ein echtes Rückgrat urbaner Lebensqualität.
Warschau beweist: Es ist möglich, komplexe Herausforderungen zu meistern – wenn man mutig handelt, Prozesse vereinfacht und den Menschen in den Mittelpunkt stellt. Es geht nicht um ideologische Grabenkämpfe oder das Festhalten an überkommenen Strukturen, sondern um die Bereitschaft, sich zu verändern – zum Wohle aller. Genau diese Haltung fehlt in vielen Teilen Deutschlands, wo häufig der Eindruck entsteht, dass Veränderung vor allem als Bedrohung wahrgenommen wird, nicht als Chance.
Wer nach vorne blicken will, muss sich lösen von alten Denkmustern. Deutschland wäre gut beraten, sich nicht länger allein auf seine westlichen Partner zu konzentrieren, sondern die strategische, kulturelle und wirtschaftliche Relevanz Osteuropas anzuerkennen – und zu nutzen. Der Osten Europas ist kein Hinterhof, kein „neuer Markt“ im Sinne alter Investorenlogik. Er ist Herz und Motor eines neuen europäischen Selbstverständnisses – und Polen dessen treibende Kraft.
Was mir aber am meisten fehlen wird, ist der Blick morgens aufs Meer hinaus, wenn ich vor dem Frühstück aus dem Hotel trete und einen kleinen Strandspaziergang mache, nicht im Modus der Literatur, mit Hans Castorp, um Zeit zu erfahren, sondern einfach nur im Modus der Intensität, dazu die Schreie der Möwen, die Fischerboote von Zoppot, und dann noch einmal abends die Sicht aufs Meer hinaus, wenn ich dort in der Strandbar sitze, das gute polnische Bier trinke und bevor ich in das am Strand liegende Hotel wieder zurückkehre. Ich kann sehr gut verstehen, daß all jene Menschen, die aus dieser Region 1945 flüchten mußten, ungeheure Sehnsucht nach ihrer Heimat hatten und diesen Abschied niemals verwunden haben. Was für eine Schönheit des Ortes und immer wieder dieses Meer und die Weite des Himmels, Mensch vorm Seestück. Als ob einem die Augenlider weggeschnitten würden: man möchte immerzu sehen.
Vor allem aber: jeden Tag ein anderes Licht, jeden Tag eine andere Meeresstimmung und besonders dieses Licht des Augustes, wenn die Sonne schon tiefer steht und die ersten milden Töne vom Herbst sichtbar sind. Und das ist ein spürbares Zeichen auch für den Abschied. Die schönen Tage von Zoppot sind nun vorbei.




























































Wieder zurück in diesem Deutschland. Ein so wunderbares und großartiges Land ist Polen! (Ich werde dazu demnächst einen kleinen Essay hier einstellen.) Und dazu hat Polen eine wunderschöne und bewegende Nationalhymne. Man kann sie hier in reiner Form hören:
Und hier mit einer kleinen Erklärung samt einem schönen Kinderchor. Die Kinder dort erzählen vorweg in kürze die Geschichte ihrer Nationalhymne.
Ich habe das Spielen der polnischen Nationalhymne am 31. August erlebt, als am Solidarność-Zentrum an jene Werftarbeiterstreiks in Danzig erinnert wurde: als nämlich am 31. August 1980, also vor genau 45 Jahren, die Geburt der ersten freien Arbeitergewerkschaft im Ostblock dort ihren Ort hatte: die Danziger Werften mit Lech Wałęsa, der nicht mit Hammer und Sichel und Roter Fahne antrat, denn davon hatten sie bereits genug, sondern mit einem Bild des Papstes Johannes Paul II. Der Widerstand der Polen gegen das Sowjetregime speiste sich vor allem aus ihrem tief verwurzelten Katholizismus, den ich noch von meiner Urgroßmutter her kannte. Wolf Biermann hat in den frühen 1980er Jahren über diesen Arbeiterwiderstand sehr treffend geschrieben: Lieber Gott im Herzen als Marx im Arsch!
Am meisten aber werde ich den Strand der polnischen Ostsee vermissen.
Bereits die Überfahrt nach Polen, ins alte preußische Küstrin, das heute Kostrzyn nad Odrą heißt, läßt an ein Abenteuer denken – auch von diesem fremden Namen her, der wie eine Beschwörungsformel klingt. Die Oderbrücke, einspurig und mit versetzten Betonsperren versehen, wie ein Kriegsposten anmutend, was den Zustand von Brücke und Beton betrifft, so daß sich nur behutsam und in Schlangenlinie fahren läßt. Und die sogleich folgende nächste Brücke über die Warthe in Polen ist ebenfalls nur einspurig befahrbar. Belegt mit einer Art Holzboden, der gefährlich knirscht, wenn das Auto darüber fährt. Es bleibt ein mulmiges Gefühl. Beide Brücken sind derart marode, daß mir inzwischen meine Sorge genommen ist, die Russen könnten irgendwann Berlin erreichen. Weshalb sich die polnische Regierung über Merz‘ neue Grenzkontrollen beschwert und dieses Maulen mit dem Argument der Reisezeit begründet, entzieht sich ebenfalls meiner Kenntnis. Denn auch ohne Grenzkontrollen dauert es an diesem Übergang an die zehn bis fünfzehn Minuten, um das jeweils andere Land zu erreichen.
Nach den Ampelphasen von zwei Brücken, einmal deutsch, einmal polnisch, ging es sogleich nach Kostrzyn nad Odrą, für mich freilich Küstrin und das bleibt auch so, wenngleich ohne Revanchismus, nach Küstrin also, das für mich immer noch nach Preußens Herrlichkeit klingt und wo ich vor einigen Jahren bereits die zerstörte Festung, darin der arme Katte und der junge und wohl auch liebende Fritz in Haft hockten, und auch die Stadt mir ansah. Alles zerstört, von alten Zeiten nichts geblieben. Traurig ist es. Aber wer den Wind sät, bekommt nichts Gutes zurück. So geht das Spiel nunmal und das sollten sich auch die Gazalappen hinter die Löffel schreiben.
Das neue und so andere, das so fremde Küstrin ist eine jener Städte im Osten, darin ich bis heute nicht entdeckt habe, wo das Zentrum liegen mag. Es ist – selbst in der Grenzregion – Polen eine andere und ganz eigene Welt und ich erfasse bereits beim Reisen in diese Grenzregionen gut, weshalb Olga Tokarczuk solche Romane wie „Ur und andere Zeiten“ schreiben kann. Kein Zentrum, sondern Geflecht. Wobei ich diese Suche nach einem Stadtzentrum, das, nach meinem Blick zumindest, nicht vorhanden ist, auch von Eisenhütten- bzw. Stalinstadt her kenne: dieser seltsam sozialistische Städtebau, darin das Zentrum und zuweilen auch das Herz sich verliert.
Ich fuhr durch Wohnstraßen, kreuzte und schaute, langsames Fahren, stieg diesmal aber nicht aus, um die draußen aufgehängte Wäsche im grellen Sonnenlicht zu photographieren – was durch die Überstrahlung und den Kontrast zum dunklen, braunen, erdigen, alten Hausputz herrliche Kontraste ergab –, sondern ich fuhr zurück zum Polenbasar, den ich bei meiner letzten Reise nicht besuchte. Ich war zuletzt vor über zehn Jahren in Küstrin und es hat sich viel verändert. Die Häuser sind schöner geworden. Der erdige Hausputz bekam einen Anstrich. Polen wird besser, Deutschland ärmer, ein Land, das Geld in Armutsmigration pumpt, die rein gar nichts bringt, außer allenfalls Straßen, die anmuten, als lebe man in Kairo oder Bagdad. Man schlendere über die Sonnealle oder die Hermannstraße in Berlin oder über den Steindamm in Hamburg, um den Austausch der Bevölkerung zu besichtigen. Tu felix Polonia!
Da in Polen am 3. Mai ein Feiertag ist, nämlich Verfassungstag – überall an den Straßen, selbst in dem öden und im Krieg völlig zerstörten Ort Küstrin, die weiß-rote Fahne gehisst, was in Deutschland kaum denkbar wäre – haben die meisten Geschäfte geschlossen. Nicht so der Polenmarkt: eine alte, weit gestreckte traurige Basarhalle, die im Bau wie improvisierrt ausschaut. Wellblechoptik, mit einigen wenigen, oftmals leeren Verkaufsständen. Der einsame Besucher wandelt durch endlos scheinende, wohl an die fünfhundert Meter lange Gänge, einer neben dem anderen. Die parallel verlaufenden Gänge sind von Plastikwänden oder durch Wellblech abgetrennt und von oben her vor Regen durch Wellplastik geschützt. Wobei geschützt ein falsches Wort ist, da dort, wenn ein Feuer ausbräche, alle Besucher erbärmlich verbrannt wären. An Fluchtwege nicht zu denken. Es sieht improvisiert aus und der Besucher wähnt sich im Jahre 1990. Da ist noch tiefer Osten.
Nur wenige dieser Endlosgänge waren mit Ständen bestückt und außer mir und einigen wenigen Verkäuferinnen und Verkäufern war niemand vor Ort war. Nicht ein einziger Kunde in den langgestreckten Gängen. So schlenderte ich. Ein wenig wie durch Feindesland oder wie in dem Film Eraserhead, mit einer Art Vorsicht mich bewegend, in der ich ansonsten einen Lost Place erkunde. Wenn dann, unvermutete und vorher nicht sichtbar, plötzlich eine dicke Marktfrau hinter Bergen von Kleidung und Wäsche auftaucht und ihre Waren mit einschmeichelnder Stimme feilbietet, dann hatte das etwas Surreales. Beim ersten Mal fuhr ich erschreckt herum und mußte die arme Frau wohl angestarrt haben, wie ein Mensch, der einen Geist plötzlich sieht. Und ich eben als einziger Kunde weit und breit. Unheimliche Fremdheit in der Welt der Billigwaren.
In anderen Gängen wiederum wurde mir Viagra angeboten, ein anderer Mann fragte: „Willst Du Medikamente kaufen?“ Da nirgends irgendwelche anderen Kunden zu sehen waren, mußten sie wohl mich meinen. Sah ich so alt aus? Schlendern und photographieren. Nazi-Landser-Shirt-Ware neben Weibsvolkunterwäsche und T-Shirts. Seltsame Garküchen boten Essen an, aber es war niemand da, der das Essen hätte kaufen können.
Von Polen nach Deutschland zurückzureisen, ist vom Optischen genommen schöner als umgekehrt, weil am polnischen Übergang junge polnische Grenzschützerinnen in schicken wie auch engen Uniformen steckten und ich mir also die Wartezeit mit dem Blick auf den hübschen Hintern einer attraktiven, wie auch blonden polnischen Grenzpolizisten vertreiben konnte. Mein freundliches Lächeln nützte mir nichts, polnische Frauen sind streng. Zumindest solche in Uniform.
Vom Polemmarkt bleibt dieses wunderbare Licht, an einem ausgewählt öden Ort, an dem es genauso passieren kann, Stunden später irgendwo in Ostpolen oder Rumänien, leicht benommen noch, auf einem Operationstisch aufzuwachen, angestrahlt von einem grellen weißen Licht, nachdem jenem neugierigen Flaneur eine Niere entnommen wurde, die bereits bestens auf einem der Schwarzmärkte für Medizinisches vertickert wurde, und da denkt der Blogbetreiber, daß es in manchen Regionen doch besser ist, zu zweit und bewaffnet unterwegs zu sein.
























Den Grenzübergang unbeschadet passiert, ging die Reise weiter und nach Küstrin-Kiez in Brandenburg, wo ich in Recherchearbeit eine Fabrik für NATO-Chemtrails entdeckte. Ein idealer Lesungsort für Daniele Ganser, dachte ich mir, der heute sehr um Mütterchen Rußland weint und um die vierzig zerstörten Russenbomber.

Ich sitze des abends in meinem Grandhotel Abgrund, süffele einen netten Grauburgunder vor mich hin, bin froh, daß mir Menschen am Sonnabend nicht auf die Nerven und damit auf den Sack gehen: daß ich also für mich bin, die polnische Zugehfee aus jenem Märchenreich trägt ein paar Decken auf, denn es wird abends bedenklich herbstlich in Berlin, so imaginiere ich, ich bin traurig, daß die Flasche Grauburgunder bald leer ist, doch ich bin zugleich ganz und gar beglückt, ja beschwingt und metaphysisch nachgerade angefaßt und entrückt: Ich lese, wie lange nicht mehr, in einem Roman, von dem ich restlos begeistert bin [wie lange nicht mehr ich mich durch Literatur begeisterte!] und freue mich, daß ich so viele Ichs schreiben kann, darin keine anderen vorkommen. Wenn ich an die klägliche wie phantasielose und literarische unbegabte Ichsagerin Annie Ernaux denke, die ich letztens las, und deren im Dauermodus herunterzogenen Mundwinkel linksfranzösischer Verbitterung, bin ich so tief und fast religiös dankbar für diesen weiblichen Ausgleich aus dem Osten Europas, nein, das ist falsch: aus Mitteleuropa.
Lesen, ohne aufhören zu wollen, lesen und diese Versinken in eine Dichtung, wie ich es als junger Mann nur kannte, wenn da mit Leidenschaft und jener Lust am Text ein Roman nicht bloß pflichtgemäß gelesen, sondern aufgesogen wurde wie Handauflegen und Wahrsagen überm Buchcover: diese Melange aus Märchen und Welt, daraus sich ein ganz eigenes Gedankenreich entspinnt, wie ich es damals nur bei Kafka und Thomas Mann kannte und wie vielleicht noch Michael Ende eine Zauberwelt erzeugte. Lange ist es her, daß ich eine derartige Dichtung las, wie ich es diesen herrlichen Abend tat. Es ist eine betörende und zugleich weltferne und doch so nahe Prosa, die unsere kleine Welt einfängt, die im Grunde überall sein kann, die aber in diesem Falle doch in Polen spielt, darüber ein mutmaßlicher Gott und einige Engel wachen. Eine verzauberte und doch auch grausame Dorflandschaft.
Demnächst werde ich – vielleicht – verraten, um welches Buch und um welche wunderbare Autorin es sich handelt, die ich an diesem sommerlich-herbstlichen Abend in Verzückung las. Den Literaturnobelpreis hat sie ganz und gar zu recht erhalten.



























Alle Bilder: © Bersarin, 2009