Oder auch: von Theorie und Praxis, das rote und irgendwie dann doch sehr sozialdemokratische Jahrzehnt, jene Jahre des Aufbruchs der BRD, die 1969 mit der sozialliberalen Koalition aus SPD und FDP begannen, und damit einhergehend eines grundsätzlichen Struktur- und Mentalitätswandels, der dieses geteilte Land in seiner Westhälfte in den Grundfesten und vor allem in seinen Lebensmodellen aufwühlte und umkrempelte – ein Zeitgeist, der sich vermutlich ebenso in der DDR auf bestimmte Weise niederschlug. Das Resultat dieser politischen Prozesse und was bis heute nachwirkt, ist die Gründung der Grünen – die 1980 freilich noch eine ganz andere Partei und eine völlig andere Linke waren als vierzig Jahre später.
Dieser gesellschaftliche Wandel der 1970er Jahre reichte von einer gelockerten Sexualmoral, in der neue Lebensformen wie die „wilde Ehe“ und die obligatorischen WGs ihren Ort hatten und als die Lesben- und Schwulenbewegung zu wachsen begann und für ihre Rechte stritt, eine Ölkrise samt sonntäglichem Fahrverbot, einer anderen Art von Kindererziehung, die nicht mehr nur durch die schwarze Pädagogik geprägt war, daß Eltern, Lehrer und Erzieher ihren Kindern ein paar schallerten, wenn es nicht rund lief, bis hin zu einer neuen Bildungspolitik, mit der die Öffnung der Schulen und Universitäten für ein Milieu einherging, das früher großenteils nicht studieren konnte, was zugleich wiederum jene Massenuniversitäten und in gewissem Sinne auch die Nivellierung der Bildung zur Folge hatte. Und mit solchen Massenuniversitäten ging zugleich der Betonburgenbrutalismus einher, wie man ihn an der Universität Bochum und auch in Hamburg beim sogenannten WiWi-Bunker sehen kann, aber auch in Stadtteilen wie Hamburg-Steilshoop, Mümmelmannsberg, Osdorfer Born und in Berlin in der Gropiusstadt in Neukölln sowie im Märkische Viertel in Reinickendorf manifestierte sich diese Spätmoderne in kaltsachlichen Beton- und Fertigteilbauten. Fickzellen mit Fernheizungn, wie Heiner Müller es leicht despektierlich für die DDR nannte, aber die meisten Menschen in diesen frühen 1970er Jahren waren froh, eine derartige Wohnung zu haben.
Doch zu jenem Jahrzehnt des sozialen Wandels gehörte auch die sogenannten „Berufsverbote“, die RAF samt dem Fahndungsapparat, der uns Kindern einen wohligen Grusel versetzte, wenn da die Polizeiwagen im Fernsehen zu sehen waren oder jene Fahndungsplakate an Litfaßsäulen. Und genauso fürs Gesamtpolitsche waren die Ostverträge samt dem Verzicht auf ein Deutschland in den Grenzen von 1937 zentrale Aspekte dieser Jahre. Ebenso die Bilder aus Vietnam, und genauso in der BRD eine neue Frauenbewegung und die Kämpfe gegen den § 218, der Studentenprotest gegen Fahrpreiserhöhungen für den öffentlichen Nahverkehr – bis heute erinnere ich mich an jene Bilder aus der Tagesschau, irgendwann Mitte der 1970er Jahre, als in Heidelberg Studenten und Aktivisten sowie die Polizei ananeindergerieten und die Polizei mit Räumfahrzeugen auffuhr, die vorne große Gitter befestigt hatten, um die Demonstranten zur Seite und wegzuschieben.
Vor allem aber gerieten zum ersten Mal in umfassender Weise auch ökologische Fragen in den Blick, symptomatisch dafür der Anti-AKW-Protest etwa in Whyl, grenzüberschreitend auch mit französischen Aktivsten, und es verbanden sich mit der Kritik des Kapitalismus zugleich Fragen nach den „Grenzen des Wachstums“; wie eine Studie des Club of Rome aus dem Jahr 1972 hieß. Gerd Koenen prägte 2001 mit seinem Buch „Das rote Jahrzehnt. Unsere kleine deutsche Kulturrevolution. 1967-1977“ einen Titel, der die Tendenzen jener Jahre des Umbruchs auf den Begriff brachte. Und er schrieb in biographischer Weise auf, wie es vielen in diesen Jahren ging, wie eine Zeit sich änderte und sich damit auch die Menschen veränderten.
Gleichzeitig mit diesem gesellschaftlichen Wandel dankten die ersten Vertreter der frühen kritischen Theorie der 1930er Jahre ab, beziehungsweise: sie starben. Adorno beim Gang ins Gebirg 1969, Friedrich Pollock 1970, Horkheimer 1973, Herbert Marcuse 1979, Ernst Bloch, der im weiten Umfeld dazugehörte, 1977. Eine grundsätzliche, an die Substanz gehende Veränderung der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft war in diesem sozialdemokratischen Jahrzehnt – zumindest in der BRD und auch in den USA und in Großbritannien – nicht mehr abzusehen. Kritische Theorie blieb zwar nach wie vor ein Versprechen, geriet aber zugleich zur Geschichte, da eine Gestalt des Lebens alt geworden war. Man fand sich ab. Und zugleich breitete sich 1979 ein Zeitschnitt vor, der gerade für eine soziale Marktwirtschaft schwerwiegende Folgen haben sollte – als Stichworte seien Margaret Thatcher und Ronald Reagan genannt, die das einleiteten, wofür dann ein Begriff wie Neoliberalismus stehen sollte. Für Kritische Theorie blieben als Orte der Resistenz das Grandhotel Abgrund, eine hermetische Kunst, die sich politischer Eingemeindung verschloß und an ihrer Autonomie festhält (ein Aspekt, der gerade für unsere Gegenwart und einer angeblich postautonomen Kunst wieder bedeutsam wird, nebenbei). Und es blieb im Rahmen von Kritik und Theorie das rückhaltlose Philosophieren, gleichsam ein, frei nach Schopenhauer, schwarzes und schwindelfreies Denken oder aber, wenn der Artist denn ein Statthalter sein soll, wie es der Titel von Adornos Valery-Essay nahelegte, eine Art von Artistenmetaphysik. Aber dieses Grandhotel Abseits als Nichtmitmachen im Mitmachenmüssen und als politisches Lebensmodell einer „großen Verweigerung“ ist wiederum ein anderes Thema. Rückzugsorte oder wie Christa Wolf es kongenial in einen Buchtitel brachte: „Kein Ort. Nirgends“ (1979). Und genau das ist eine gelungene Übersetzung für Utopie, bei Wolf erzählt anhand der beiden Selbstmörder Heinrich von Kleist und Karoline von Günderode.
Nachdem vom Pariser Mai 1968 und all den anderen revolutionären Träumen nicht mehr viel übrig blieb, weil manchem aufging, daß Kuba und Nordvietnam womöglich doch nicht die richtigen revolutionären Role-Models und schon gar keine Paradiese freier Welt waren und auch RAF und 2. Juni manchem nicht behagten und nachdem auch SDS und APO sich 1969/70 auflösten, führte der Weg mancher einerseits durch die Institutionen, um dort dann am Ende statt Revolution die Reform zu beginnen. Aber es entstand nach dieser Auflösung zugleich, wie Koenen schreibt, aus „der antiautoritären Jugendrevolte eine echte, generationell geprägte Massenbewegung. Allein die Zahl der organisierten Mitglieder der diversen linksrevolutionären und kommunistischen Gruppen und Parteien lag die ganzen siebziger Jahre hindurch bei circa 80-100.000. Und dieses brodelnde Sektenwesen war nur die sichtbare Spitze eines viel weitläufigeren politisch-kulturellen Phänomens, das sich keineswegs auf Randzonen beschränkte, sondern bis tief in die Mitte von Staat und Gesellschaft hineinreichte.“ (Koenen, Das rote Jahrzehnt)
Insbesondere zeichneten sich die 1970er Jahre durchs Aufsplittern in diverse K-Gruppen und -Grüppchen aus, darin man sich darum stritt, wer nun den roten Stein der Weisen gefunden habe: Kommunistischer Bund (KB), Kommunistische Partei Deutschlands (Aufbauorganisation) (KPD/AO), die dann 1970 wieder als KPD fungierte, Kommunistische Partei Deutschlands/Marxisten-Leninisten (KPD/ML) und als zentrale Instanz vor allem der Kommunistischer Bund Westdeutschland (KBW), der sich im Juni 1973 gründete und Anfang 1985 sich auflöste.
Anläßlich dieses Jahrestages der Gründung und weil der KBW in der damaligen dogmatischen Linken eine zentrale Rolle spielte und manches Mitglied dort (und auch beim KB) später dann zu den Grünmen wechselte, gab es am 6. Juni auf Deutschlandfunk Kultur in der Sendereihe „Zeitfragen“ ein Feature mit dem Titel „In fester Feindschaft vereint – 50 Jahre Kommunistischer Bund Westdeutschland“. Ein spannender und interessanter Beitrag und ein Blick in eine Zeit, die uns jungen Menschen, damals 1980, skurril anmutete, wenn wir da auf den Demos gegen Strauß, gegen AKWs, gegen die NATO oder zum 1. Mai die Zeitungs- und Flugblattverteiler des KBW stehen sahen. Für uns waren sie Relikte aus einer anderen Welt und zugleich doch Teil einer sehr heterogenen Linken. Befremdlicher Dogmatismus.
In all diesen wilden und teils auch dogmatischen Zeiten dürfen aber auch jene undogmatische Linke in der BRD, jene Spontis, die Anarchos und die ersten Gruppen der sogenannten Autonomen nicht vergessen werden, und ebenso, bei einem Teil der Linken der Bezug zum italienischen Operaismus. All diese Strömungen bildeten ein Korrektiv zu einer starren Marx-Auslegung. Und dazu gesellte sich eine neue Linke, die ganz wesentlich durch Autoren wie Michel Foucault, Jacques Lacan, Jean-François Lyotard und Gilles Deleuze beeinflußt wurde und dies mit der Kritischen Theorie Adornos, Horkheimers und Benjamins in Verbindung brachte – nachzulesen insbesondere in Philip Felschs wunderbarem Buch „Der lange Sommer der Theorie„. Es hegelte also nicht bloß und marxte, sondern ebenso verbanden sich hier Strömungen des Neomarxismus mit poststrukturalistischer Philosophie, wenn man denn diese Abbreviatur für sehr heterogene Denker in Anschlag bringen möchte.
Wer zu diesen wilden Jahren der Marxologie und des dogmatischen Marxismus, aber auch eines Denkens der Befreiung von einem allzustarren Korsett an Regeln etwas nachlesen will und wer recherchieren will, wie die 1960er Jahre, von Maos Kulturrevolution bis hin zu Vietnam und Kamputchea nachwirkten, der greife zu jenem Buch: „Klamm, Heimlich und Freunde. Die siebziger Jahre. BildLeseBuch“ – es liefert einen mehr als brauchbaren Überblick, was die politischen Tendenzen jener 1970er Jahre betrifft, und dies nicht bloß auf Deutschland bezogen, sondern zugleich international. (Das Buch ist antiquarisch gut erhältlich.) Und ebenfalls anregend von Hellmut O. Brunn und Thomas Kirn: „Rechtsanwälte – Linksanwälte. 1971 bis 1981 – Das Rote Jahrzehnt vor Gericht“ sowie was Theorie-Zeitschriften betriff von Moritz Neuffer „Die journalistische Form der Theorie. Die Zeitschrift »alternative«, 1958-1982“, 2021 im Wallstein Verlag erschienen; und was dieses Jahrzehnt als eine Zeit des Lesens und der Theorie betrifft, das oben genannte Buch von Felsch und vor allem von Ulrich Raulff „Wiedersehen mit den Siebzigern. Die wilden Jahre des Lesens“. Und im Februar 2023 bei Spector Books Leipzig erschienen von Morten Paul: „Suhrkamp Theorie. Eine Buchreihe im philosophischen Nachkrieg“. Eben jene Suhrkamp-Theorie und die gleichnamige Theorie-Reihe dort, darin 1971 die Luhmann-Habermas-Kontroverse „Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie“ wie auch 1971 „Hermeneutik und Ideologiekritik“ und insbesondere die Theorie-Werkausgabe der Schriften Hegels erschienen sind. Wilde Jahre fürwahr. Und vor allem eine Zeit des wilden wie auch des dogmatischen Denkens.
Zum Verhältnis von Theorie und gelingender bzw. mißlingender Praxis, gerade im Blick auf die Studentenbewegung, hat sich Adorno in vielen seiner Essays befaßt, und noch der Beginn seiner „Negativen Dialektik“ ist ein Rekurs auf die 11. Feuerbachthese von Marx – so wie überhaupt ein Großteil dieses Buches um genau diese Konstellation von Theorie, Praxis, Freiheit, Zwang und Erfahrung kreist. Insofern sei im Blick auf die Möglichkeiten und die Unmöglichkeiten jener zwei roten Jahrzehnte zuletzt Adorno ausführlich zitiert:
„Ich glaube, daß eine Theorie viel eher fähig ist, kraft ihrer eigenen Objektivität praktisch zu wirken, als wenn sie sich von vornherein der Praxis unterwirft. Das Unglück im Verhältnis von Theorie und Praxis besteht heute gerade darin, daß die Theorie einer praktischen Vorzensur unterworfen wird.“(Th. W. Adorno, „Keine Angst vor dem Elfenbeinturm“. Ein „Spiegel“-Gespräch)
„Meine steigende Zurückhaltung der Praxis gegenüber hängt wohl weniger mit meiner individuellen Entwicklung als mit dem steigend illusionären Charakter solcher Praxis unter den gegenwärtigen Bedingungen zusammen. Daß die Studenten verzweifelt guten Glaubens einen Ausweg suchen, ist fraglos, aber ich halte diesen Ausweg für versperrt. Die Konsequenzen des Aktionismus deuten in eben die Richtung, welche die Studenten ihrem Bewußtsein nach am wenigsten wollen. Vor Widersprüchen habe ich im übrigen keine Angst. Sie können in der Sache liegen, nicht notwendig in der Person. Die Stärke eines Ichs bewährt sich darin, daß es fähig ist, objektive Widersprüche in sein Denken aufzunehmen und nicht gewaltsam wegzuschaffen.“ (Th. W. Adorno, Kritische Theorie und Protestbewegung)
„Praxis ohne Theorie, unterhalb des fortgeschrittensten Standes von Erkenntnis, muß mißlingen, und ihrem Begriff nach möchte Praxis es realisieren. Falsche Praxis ist keine. Verzweiflung, die, weil sie die Auswege versperrt findet, blindlings sich hineinstürzt, verbindet noch bei reinstem Willen sich dem Unheil. Feindschaft gegen Theorie im Geist der Zeit, ihr keineswegs zufälliges Absterben, ihre Ächtung durch die Ungeduld, welche die Welt verändern will, ohne sie zu interpretieren, während es doch an Ort und Stelle geheißen hatte, die Philosophen hätten bislang bloß interpretiert – solche Theoriefeindschaft wird zur Schwäche der Praxis.“ (Th.W. Adorno, Marginalien zu Theorie und Praxis)
