Von linken Lebenslügen, die wir lebten, und den darin enthaltenen Wahrheiten. „Daß das bloß solche Geschichten bleiben, die man den Enkeln erzählen kann …“

Es ist eine feine Sache, sich auf eine Rezension vorzubereiten, darin es um die Vita eines Alt68ers geht, die zugleich auch – nachwirkend – den Zeit- und Polithorizont des eigenen Lebens umfaßt. Jene Jahre, die prägten, zwischen 15 und vielleicht 25, zwischen 1979 und 1989. Nämlich sich die Tage mit Texten, Musik, Photographien und Impressionen auf die im Klostermann Verlag vor einigen Monaten erschienene KD Wolff-Biographie vorzubereiten: linker, roter Verleger, Aktivist, Vorsitzender des SDS in Freiburg – oder war es Frankfurt? Neue undogmatische Linke. Ein anderer Wind, der da plötzlich im Vermufften wehte und der zugleich doch auch neue Verwerfungen und Probleme brachte. Eine andere Zeit, die auf die eigene Vita noch zehn, fünfzehn Jahre später abfärbte und den Sound der Jugend brachte: der letzte Boomer oder der erste der Generation X, die von diesem Zeitgeist bestimmt wurden. Wer zieht schon Linien? Außer beim Koks und der Schiedsrichter beim Freistoß.

Jene 68er, die uns Ende der 1970er, Anfang der 80er als Lehrer auf dem Gymnasium prägen sollten: der linke Lehrer, die linke Lehrerin, in der Mittel- und Oberstufe, mein Weg ins harte Denken und damit also in die Philosophie, wegen eines klugen Philosophielehrers. Und in der Oberstufe die schöne Tanja mit dem langen, glatten, blonden Haar, ihrer lila Latzhose und den weitgeschnittenen Sweatshirts, die beim Vorbeugen beste Einblicke gaben – was sie gut wußte. Das gefiel mir: kleine, feste, aber doch gut sich bewegende, ja in richtiger Position gar auch schaukelnde Brüste. Musik von Neil Young von der LP „Rust never sleeps“: „Hey Hey, My My (Into the Black)“.

Bob Dylan mit „All along the Watchtower“ in der Version des „Live at Budoka“-Albums: eine der besten Versionen, wie ich finde. Vor allem aber Pink Floyd und der Song „Wish You Were Here“, Erinnerungen heraufzubeschwören.

Sehr sinnlos. Die große Friedensdemo in Hamburg, wo unsere gesamte Schule teilnahm. Mit Lehrern. Tanjas weiß geschminktes Gesicht: Schüler als Atomtod verkleidet. Rückblickend seltsam. Aber jede Jugend hat das Recht auf ihr eigenes Drama. Photographien aus jenen Jahren und von jenen Demos sichten. (Aus Gründen der Persönlichkeitsrechte zeige ich sie nicht.)

Zusammen den ersten Joint bei ihr in der Etagenwohnung in HH-Horn, als die Eltern im Ferienhaus in Fallingbostel das Wochenende verbrachten. Anders als vorgestellt aber lief der Abend: kein „Petting statt Pershing“, kein Fummeln zu Pink Floyd, jenseits des Frotteeschlüpferrandes, keine Finger, kein sonstiges hinein in die feuchte Innenwelt, wo das Politische privat wurde, sondern eine leider kotzende Tanja und ein junger Mann, der die Kotze wegmachte und für die Nacht an ihrem Bett saß, daß sie nicht erstickt oder daß sonstwas passiert.

Und es fügt sich in der Erinnerung manches aus der Schulzeit. 1982/83: die vielen Demos für den Frieden, der natürlich genau deshalb nur erhalten blieb, weil die NATO-Staaten – genauer geschrieben die USA und Großbritannien – gut gerüstet waren und weil es einen harten Kerl namens Ronald Reagan gab, der vor den Sowjets keineswegs einknickte. Junge Menschen hegen Illusionen. Und das ist auch gut so und muß so sein. Illusionsmaschinen. Mit Politkram Mädchen herumkriegen. Immer das alte Spiel: „Wenn es wahr wäre, dass man Mädchen mit der Schrift binden kann!“, schrieb Franz Kafka im Juli 1912 an seinen Freund Max Brod.

Schulfreundschaften, die für ewig schienen und die am Ende nur für eine Zeitspanne gemacht waren, denn das Abitur brachte uns auf sehr verschiedene Wege. „Alles hat seine Zeit“, Prediger, Kapitel 3, Vers 1. Aber solches Wissen mußte man sich bei der bereits in den 1980er Jahren grassierenden Bildungsmisere schon selber beibringen. Lesen, lesen, lesen. Tagelang. Das an Lektüre aufholen, was in der Schule niemals gelehrt wurde. Angespornt durch den so klugen Philosophie- und Deutschlehrer. Und das Wissen um die Endlichkeit aller Dinge lehrt den Schüler irgendwann das Leben. So wie die DDR-Band Karussell es in ihrem Lied „Als ich fortging“ sang, das im Laufe der Zeit auch als Abgesang auf die DDR gedeutet wurde: „Nichts ist unendlich, so sieh das doch ein / Ich weiß, du willst unendlich sein – schwach und klein / Feuer brennt nieder, wennʼs keiner mehr nährt / Kenn ja selber, was dir heut widerfährt“. Damals im Westen kannte kaum einer dieses Stück ud ich hörte inzwischen auch ganz andere Musik.

Zwischen Hippiezeit, Punk, Protest und bevorstehendem Arbeits- nein, Studentenleben. Wir waren Nachgeborene jener damals jungen Wilden, die dieser Gesellschaft nun auf ihre Weise prägten. Manches Gute, manches erwies sich im Lauf der Geschichte als nicht so gelungen und es entsprang eine hochnaive Linke, wie sie es in Teilen bereits in den ausklingenden 1960er Jahren der Fall war. Ich trug schon in Schülerjahren immer beides in mir: Hanseatische streng samt Disziplin: Preußens bzw. Beethovens Gloria (und heute eine tiefe Reue, nicht zur Bundeswehr oder aber doch zur Hamburger Polizei gegangen zu sein, wie ich es kurz einmal andachte), aber auch jene Spontanität und jenes Undogmatische, die es bei einer bestimmten Linken gab. Sich keinem Dogma hingeben. Da war in Hamburg am Grindelhof – in der Nähe der alten Synagoge, die nicht mehr existiert, weil angezündet – die linke, nein linksradikale Buchhandlung „Gegenwind“, wo ich mir die politischen Bücher, von Marx bis Sartre, aber auch Habermas‘ „Der philosophische Diskurs der Moderne“ als Schüler kaufte. Kritische Theorie dazu, Adorno wesentlich, Judaica, Freud, Anti-Atom, Politinfos für die nächsten Demos: Eine Fundgrube, die zu meiner politischen Sozialisation beitrug. Zeitweise hat sich der Verfassungsschutz in einer Wohnung gegenüber eingemietet, um zu beobachten, wer in der Buchhandlung alles zu Besuch kam.

Später dann die wunderbare Heinrich-Heine Buchhandlung, die hatte damals im Universitätsviertel zwischen Schlüterstraße und Grindelallee noch vier Filialen: ein Kollektiv führte all die Buchläden. (Heute nur noch ein Schatten ihrer selbst.) Eine Fundgrube und ein Großteil meiner Bücher damals stammt von dort.

Und natürlich, um den Bogen zu KD Wolff wieder hinzubekommen, jener Verlag Stroemfeld/Roter Stern, der uns in der Germanistik beim Hölderlinlesen eine irre Ausgabe schenkte, vor allem auch Klaus Theweleit nicht zu vergessen, dem ich allerdings nur bedingt etwas abgewinnen konnte, ich fand ihn zwar im Blick auf die literarischen Assoziationen anregend, aber dennoch – damals während des Studiums, im Blick auf Kafka und Benn, „Das Buch der Könige“, welches uns der Germanist Harro Segeberg empfahl – eindimensional angelegt. Ich aber war vielleicht eher doch der Jüngersche Körperpanzer, der sich freilich nicht an die Männerbünde, sondern an das Weibsvolk ranmachte. Manchmal klappte es.

So ließe sich auf den Pfaden der Erinnerungen noch lange wandeln und es mäanderte sich durchs gut Verzweigte – auch in jenen musikalischen Bestandsaufnahmen.

Egal wie aber: Beim Querfeldeindenken im Blick auf Ideen und schöne Assoziationen, um eine Rezension über KD Wolff anzureichern, fiel mir inmitten der Politträumereien jene Zeile aus einem dieser Lieder von Franz Josef Degenhardt ein, darin KD Wolff und Gaston Salvatore vorkamen und das würde ich, so dachte ich mir, unbedingt als Rezensionsauftakt nutzen wollen. Nur mußte ich dazu wissen, um welchen Song es sich handelt. Den genauen Titel hatte ich nicht mehr im Kopf, nur noch diese eine Zitatzeile schwang da vage mit.

ChatGPT zu befragen, erwies sich als sinnlos. Vielleicht habe ich falsch gefragt, aber die KI brachte in diesem Fall nur Blödsinn. Also machte ich mich auf die Suche nach dem verlorenen Degenhardt. Und fand nach viel Stöbern und nach Assoziationen von Textstücken etwas in den Archiven – nämlich den Song „Daß das bloß solche Geschichten bleiben“. Von 1969, auf der Platte „Im Jahr der Schweine“:

Ich machte ihn mir auf Spotify an und ich muß sagen, auch wenn ich die politischen Inhalte seit ich 25 war, lange schon nicht mehr teile und heute wohl eher eine vage vorgestellte Konservative Revolution anstrebe, Waldgänger im Entzug, Grandhotel Abseits: Aber wie geil ist dieser Sound und auch dieser Text! (Song auf Youtube siehe unten)

Solches Liedgut müssen wir bewahren, allein aus geschichtlichen Gründen, um die Verfehlungen lesen und verstehen zu können. [Koestler, ach Koestler. Und auch „Dantons Tod“ (siehe unten und krönender Abschluß)] Solche Musik muß bleiben, egal, was man von Degenhardt politisch halten mag: sein Sound, sein Stil und seine Songtexte sind oftmals der ungeschönte Blick ins bundesrepublikanische Leben der 1960er-Saturierten: gerade dort, wo sie nicht unmittelbar politisch sind und er sich von seinem „Zwischentöne sind nur Krampf, im Klassenkampf, im Klassenkampf“ verabschiedet. Es sind nämlich gerade diese Zwischentöne, auf die es zuweilen ankommt. Ja, wenn der Senator erzählt.

Diesmal jedoch ein musikalisches Plädoyer für Revolution, nicht nur für die Revolte und auch nicht im Blick auf die Geschichte. Joß Fritz eben. Bei politischen Liedern bin ich jedoch (bis auf wenige Ausnahmen und die betreffen den deutschen Nationalsozialismus) offen. Ich singe „Giovinezza“ genauso gerne wie „Auf, auf zum Kampf!“ oder das „Entchen von Tharau“, wie ich als Kind immer verstand und weshalb ich das Lied besonders niedlich fand.

Aus diesem Grunde, um nämlich ein Bewußtsein von Geschichte und Alltag zu entwickeln, halte ich auch jene 1999 erschienene und sogleich gekaufte CD „Uns gefällt diese Welt. Lieder der jungen DDR“, herausgegeben und gesungen von dem damaligen FAZ-Herausgeber Johann Georg Reißmüller, samt Klavierbegleitung, für wichtig. Ein Stück Geschichte, ein Pflicht- und Lustprogramm, um zu verstehen, wie linke Propaganda funktioniert und wie man mit der Weltverbesserungsmasche die Jugend in den Griff bekommt. Reißmüller hat es klar gesagt: Diese Art von Liedgut muß bewahrt werden. Nur wer seine eigene Geschichte kennt, gerade auch die der noch jungen DDR, kann über sie sprechen und schreiben. Unsere Geschichte, sei es biographisch, aber auch in den historischen Mustern, hat viel mit Musik zu tun. Nicht nur im Pop-Bereich, sondern auch beim politischen Lied und seit es die Reproduktionsmedien und die Verstärker gibt, mit denen man auf Veranstaltungen solche Lieder bringt unters Volk bringt. Kommunismus, das ist Propaganda plus Elektrizität. (Und das gilt für jeglichen Totalitarismus des 20. Jahrhunderts.)

Nun also Degenhardt! Ich legte, wie man früher sagte, die Platte auf bzw. drückte bei Spotify auf „Play“. Was für ein treibender, geiler, geschlagener und gezupfter Gitarrensound!

Ein Song mit bösem und galligem Text und dieser scharfen, wie schmeichelnden, schneidenden Stimme des revolutionären Rumpelstilzchens. (Gut, daß solche nur singen, denke ich heute!) Pressend, scharf, hart, lakonisch und bestimmt. Auch das war Ende 1979 und in den frühen 80ern mein Sound der Zeit. Irrsinnsfugen. Aber so war es und das sollte auch im Heute nicht verleugnet werden: diese naiven Träumereien, scharf und bestechend das gesungene „Venceremos!“. Als ob morgen schon die Rote Garde vor der Tür stünde. (Dabei war es doch nur die Lieferung von Neckermann.) Das war damals gegen das System im ganzen gerichtet. Privileg der Jugend, die Gesellschaft umdrehen zu wollen. Aber es war genau dies auch meine Zeit – wir die Spätgeborenen, diese „1968er“, die uns noch zwölf oder dreizehn Jahre später fürs Politische und fürs Denken von Gesellschaft prägte, weil sie nun in den Schulen und anderswo wirkten. Mitzudenken dabei aber bis heute bleibt auch der linke Antisemitismus: mit toten Juden solidarisierte man sich gerne, mit lebenden Juden, die die Notwendigkeit sahen, sich in einem eigenen Staat zu schützen, schon deutlich weniger.

Die verlorenen Revolutionsträume, die schon in den 1960ern eine Kinderrevolte waren, ersetzten wir durch Punk und New Wave und eine neue „Verhaltenslehre der Kälte“: Coolsein, cool Killer und der Aufstand der Zeichen! Ästhetik und Kommunikation, samt verschobener Revolution (und das war vielleicht auch gut so). Das Venceremos! wurde zur Melancholie der Revolution als ästhetischer Reminiszenz im Phänomen Pop. Aber auch diese Haltung der linken Melancholie wird irgendwann langweilig, und vor allem provoziert sie niemanden mehr. Sie ist im Mainstream angekommen. Degenhardt aber nicht. Eher schon ist er eine Legende und eben zum Glück auch irgendwie Geschichte:

„Daß das bloß solche Geschichten bleiben,
Die man den Enkeln erzählen kann –
Es gibt ’ne Menge Leute, die hätten
Großes Interesse daran!
Streiche von Kindern besserer Leute –
Die letzten Streiche vor dem großen Abspeisen!
Ja, so hätten sie’s gern, die Abgespeisten
Und die, die die Speisen verteilen!

Jetzt kommen schon die kälteren Tage –
Mancher bleibt da in seinem Haus
Denkt an die heißere Zeit, erzählt
Paar Geschichten daraus!
Und das läßt sich leider auch gut erzählen!
Zum Beispiel so: „Das war beim Vietnam-Kongress
Als ich zu Rudi sagte – nee wart mal, das war doch später –
In der Kommune II beim Weihnachtsfest!“

Oder wie Dany nach Frankreich sollte
Im Cello-Kasten und mit schwarzem Haar –
Im Hauptbahnhof München steht heut‘ noch ein Cello,
Weil der Geheimcode so schwierig war!
Und dabei kann man auch Dias zeigen:
Auf einer Brücke über dem Rhein,
Im Gegenlicht zehntausend rote Fahnen –
Das muss beim Sternmarsch gewesen sein!

Wenn das bloß solche Geschichten bleiben,
Die man den Enkeln erzählen kann,
Hockt in der Nähe der Wodkaflasche
Ein APO-Großväterchen und hebt an:
„Also damals, als wir mit Dany nach Forbach zogen
Da hatten wir Blumen im Haar –
Und Gaston war da, und KD
Und wir sangen die Internationale, und das war wunderbar!“

Daß das bloß solche Geschichten bleiben,
Die man den Enkeln erzählen kann –
Es gibt ’ne Menge Leute, die hätten
Großes Interesse daran!
Streiche von Kindern besserer Leute –
Die letzten Streiche vor dem großen Abspeisen!
Ja, so hätten sie’s gern, die Abgespeisten
Und die, die die Speisen verteilen!

Aber wir werden sie enttäuschen – denn:
Venceremos!
Venceremos!

„Die Gleichheit schwingt ihre Sichel über allen Häuptern, die Lava der Revolution fließt, die Guillotine republikanisirt! Da klatschen die Galerien und die Römer reiben sich die Hände; aber sie hören das Röcheln der Opfer nicht. Geht einmal Euern Phrasen nach, bis zu dem Punkt, wo sie verkörpert werden. Blickt um Euch, das Alles habt Ihr gesprochen, es ist eine mimische Übersetzung Eurer Worte. Diese Elenden, ihre Henker und die Guillotine sind Eure lebendig gewordenen Reden. Ihr bautet Euer System, wie Bajazet seine Pyramiden, aus Menschenköpfen“ (Georg Büchner, Dantons Tod)