In ZEIT-Online vom 25. Oktober und im Tagesspiegel vom 27. Oktober gab es einen Bericht über kürzlich gefundene Photographien, die die bisher nie in irgendwelchen Bild festgehaltene Deportation von Juden aus Hamburg zeigten. „Mitten in Hamburg, am helllichten Tag. Von den Deportationen Hamburger Juden im Zweiten Weltkrieg gab es bisher keine Bilder. Nun sind drei Fotos vom Oktober 1941 in einem Archiv neu entdeckt worden – sie zeigen, was später niemand gewusst haben wollte“, so titelte die ZEIT. Und weiter heißt es in diesem instruktiven Artikel:
„Anfangs, sagt Alina Bothe von #LastSeen, habe das Regime noch getestet, wie die Bevölkerung auf die Deportationen reagiert. In München und Würzburg fuhren die ersten Züge deshalb nachts ab. Bald aber verzichtete man auf solche Vorsichtsmaßnahmen. Mancherorts führte die SS die Deportierten triumphierend durch die Straßen, auf einigen Bildern sind Schaulustige zu sehen. Auch das, was sie bezeugten, war hidden in plain sight. In die leer gewordenen Wohnungen zogen ausgebombte „Volksgenossen“ ein. Zuvor betrieben Versteigerer ihr lukratives Geschäft. Möbel, Besteck, Pelzmäntel, sogar die Unterwäsche der Deportierten fanden Käuferinnen und Käufer.
Die Beraubten bestiegen am Morgen des 25. Oktober am Hannoverschen Bahnhof den Dritte-Klasse-Personenzug nach Litzmannstadt, Abfahrt 10.10 Uhr, so steht es im „Anschreiben zur Deportationsliste“ des Oberfinanzpräsidenten. Heinz Rosenberg, ein Überlebender des zweiten großen Transports am 8. November, schildert das Geschehen in seinen Erinnerungen Jahre des Schreckens: „Je 50 Personen kamen in einen Waggon, jeder Platz mußte besetzt werden. Die Prozedur dauerte viele Stunden. Zuletzt ernannte die SS einen jüdischen Transportleiter […], der seinerseits für jeden Waggon einen Verantwortlichen bestimmte. Einer davon war ich. Ich bekam eine gelbe Armbinde und sollte, wenn der Zug hielt, Lebensmittel und Wasser verteilen. […] Der Judenrat informierte uns noch einmal, daß es keinen Grund zur Panik gäbe. Man habe vom SS-Hauptquartier in Hamburg die ›Garantie‹, daß uns nichts passieren würde […].“
Seit 2017 erinnern neben dem letzten erhaltenen Gleisstück im Lohsepark 20 Namenstafeln an die von hier verschleppten Juden und Sinti und Roma aus Hamburg und Norddeutschland. Über das Schicksal der im Oktober 1941 ins Ghetto Litzmannstadt Deportierten erfährt man: „Ab Dezember 1941 begannen im 50 Kilometer entfernt gelegenen Vernichtungslager Kulmhof (Chełmno) Massentötungen in Gaswagen. Es wurden 1.020 Opfer ermittelt. 10 Personen nahmen sich kurz vor der Deportation das Leben.“ Auf den Deportationslisten gab es für diesen Fall Nachrückplätze.
Auch der Großteil aller übrigen bis Februar 1945 Deportierten wurde ermordet – in Lagern oder an anderen Tötungsstätten wie im polnischen Józefów: Hier schossen Hamburger Polizisten des Bataillons 101 im Juli 1942 auf Hamburger Juden. Die Gedenktafeln verzeichnen insgesamt 7.700 Opfer mit Namen. Inzwischen, sagt Kristina Vagt, kenne man noch einige mehr.“
Ein Verwaltungsakt. Es fällt einem Paul Celans Anfang von „Engführung“ ein:
VERBRACHT ins
Gelände
mit der untrüglichen Spur:Gras, auseinandergeschrieben. Die Steine, weiß,
mit den Schatten der Halme:
Lies nicht mehr – schau!
Schau nicht mehr – geh!
Das auseinandergeschriebene Gras ist zugleich ein Gas und rückwärts gelesen ein Sarg, denn es freilich nicht gibt, denn in den Lüften, da liegt man nicht eng, wie Celan in der „Todesfuge“ dichtete: „wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng“.
„Er ruft spielt süßer den Tod der Tod ist ein Meister aus Deutschland
er ruft streicht dunkler die Geigen dann steigt ihr als Rauch in die Luft
dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng“
Aber auch solches Evozieren von Gedichten und Zitaten ist am Ende bloß der hilflose, wiewohl auch wieder verständliche Versuch, für das Grauen irgend einen Ausdruck überhaupt noch zu finden.
All jene Menschen – schon Tote, aber noch Lebende -, die dort auf den Photographien vom 25. Oktober 1941 zu sehen sind, wissen zu diesem Zeitpunkt nicht, was sie erwarten wird. Keiner von ihnen kehrte lebend zurück. Verbracht in Ghettos im Osten und in die Vernichtungslager der Bloodlands – von jenen ganz normalen Männern abtransportiert. Ein Verwaltungsakt: „6 Millionen Menschen planmäßig zu vernichten hingegen ist keine Frage der Moral, sondern der Arbeitsmoral, der Organisation, der Technik, der Einsatzbereitschaft.“ (Wolfgang Pohrt, Vielleicht war das alles erst der Anfang)


[© United States Holocaust Memorial Museum, courtesy of Michael O’Hara]
Im Tagesspiegel heißt zu diesen Photographien:
„84 Jahre lang war dieses Verbrechen nur durch die Aussagen überliefert: jetzt zeigen Fotos, wie Nazis zum ersten Mal 1941 Jüdinnen und Juden aus Hamburg deportierten. Vor dem Logenhaus in der Moorweidenstraße stehen Frauen, Männer und Kinder mit ihrem Gepäck, bewacht von der NS-Ordnungspolizei, und warten auf ihre Verschleppung.
Am 25. Oktober 1941 wurden sie und über tausend jüdische Hamburgerinnen und Hamburger in das etwa 750 Kilometer entfernte Ghetto Litzmannstadt im besetzten Polen deportiert. Sie mussten sich am Vortag mit ihrem maximal 50 Kilogramm schwerem Gepäck im NS-Sammelpunkt Logenhaus einfinden.
Im Logenhaus angekommen, wurden sie gewaltsam von Gestapo- und NS-Finanzbeamten durchsucht und beraubt. Am Morgen des 25. Oktober 1941 brachte die NS-Polizei Kinder, Frauen und Männer dann mit dem auf einem der Fotos sichtbaren Mannschaftswagen zum Hannoverschen Bahnhof. Von dort aus wurden sie in das Ghetto Litzmannstadt verschleppt.
[…]
„Deportationen waren öffentliche Ereignisse, die nicht im Verborgenen stattfanden. Deshalb gehen wir auch heute noch davon aus, dass es weit mehr Fotografien gibt, die bislang nur nicht als solche erkannt wurden“, so Bothe weiter.Das kann auch einfach an unserer Erwartung liegen: „Wie stellen wir uns ein Deportationsfoto eigentlich vor? Auf den Hamburger Aufnahmen ist keine offene Gewalt zu sehen. Im Gegenteil, sie zeigen scheinbar alltägliche Szenen, etwa Menschen, die sich am Sammelpunkt begrüßen.““
Photographische Dokumente „beweisen“ zwar in einem strenge Sinne nichts und sie machen Fakten nicht „wahrer“, aber sie können uns etwas anschaulich machen. Photographien liefern anschauliche Evidenz. Sie sind allerdings zugleich, wie die Bilder aus Hamburg zeigen, auf Kontextualisierung und Erläuterung angewiesen. Ohne Hinweise sind sie allenfalls von Experten und Historikern lesbar. Erst im Wissen um das, was da im Oktober 1941 mitten in Hamburg, unter den Augen der Öffentlichkeit geschah, bis hin zu den nun freien Wohnungen, die sehr schnell von „Volksdeutschen“ requiriert wurden, erschließt sich der volle Gehalt der Bilder und vor allem das Grauen, welches darin zugleich steckt, wenn wir sie ex post betrachten und das bereits sehen, was im Augenblick als jene Photographien aufgenommen wurden, noch vor diesen Menschen liegt. In der ZEIT heißt es:
„‚Die Leute auf den Bildern'“‚, sagt er vorsichtig, ’sehen so entspannt aus.'“‚
Wrochems Beobachtung wirft eine Frage auf, die mindestens so wichtig ist wie die, was auf den Bildern zu sehen ist – die Frage, was man auf ihnen nicht sieht. Man sieht auf ihnen nicht, was man vielleicht erwartet: verängstigte, weinende, schreiende Menschen, prügelnde SS, so kennt man es aus Filmen. Die Fotos macht dies umso beklemmender. Wäre man womöglich selbst an dieser Szene vorbeigegangen, ohne aufzumerken?
Die Bilder fangen auch die Dauer des entwürdigenden Prozederes nicht ein. Sie halten drei Sekunden eines Geschehens fest, das sich über mehr als einen Tag hinzog. Sie zeigen nicht, was in den Familien vorging, als sie per Einschreiben ihren Bescheid für die „Evakuierung nach dem Osten“ erhielten. 24 Stunden hätten sie Zeit gehabt, „einen Koffer zu packen“, erinnert sich die Überlebende Lucille Eichengreen später: „Wir wussten nicht wohin, warum oder was uns erwartet.“ Das Massenmorden hatte schon begonnen, aber noch glaubten die meisten, sie würden „umgesiedelt“ zum „Arbeitseinsatz“. Erst im Lauf der Monate sprach sich herum: Die Leute verschwinden. Sie schreiben vielleicht noch eine Postkarte aus dem Ghetto an Verwandte und Freunde. Dann Stille.
Ebenso wenig ist zu sehen, wie an diesem 24. Oktober mehr als 1.030 Hamburger Juden mit ihrem ordnungsgemäß verschnürten Gepäck aus ihren Wohnvierteln zur Moorweidenstraße zogen und ihre Schlüssel auf dem nächsten Polizeirevier abgaben, so lautete die Anweisung. Der Hamburger Jurist Erwin Garvens hat es damals von seiner Wohnung aus beobachtet: „Am Mittag war man in Hamburg, speziell in Harvestehude und Umgegend keineswegs vergnügt, sondern im Gegenteil empört, beschämt und erschüttert“, notierte er in sein Tagebuch: „Von morgens bis abends“ seien mehr als eintausend Juden „unter unsern Fenstern mit ihrem Gepäck nach der Moorweidenstraße“ geströmt.“
Wieweit Photographien und überhaupt solche Visualisierungen für eine Auseinandersetzung mit schrecklichster Geschichte geeignet sind, bleibt eine der zentralen Fragen im Blick auf den Holocaust und der Frage des Gedächtnisses wie auch des Umgangs mit solchen Bildern. (Hier wäre dann auch noch einmal die Unterscheidung zwischen Kunst und Dokumentation aufzumachen.) Claude Lanzmann hatte gute Gründe, in seinem Film „Shoah“ (1985) die Menschen selbst zu zeigen. Was wäre bewiesen, wenn es eine Photographie oder ein filmisches Dokument gäbe von jenem industriellen Schrecken, von den Gaskammern und wie dort Menschen hineingetrieben wurden? Anders wiederum Alain Resnais‘ Essay-Film „Nacht und Nebel“ (1956), der in verschiedenen Bilddokumenten jene Details zeigt, bis hin zum Ende, die Steine und zu jenen Gleisen, die von Gras und Pflanzen nun überwuchert sind, was auch in Celans Dichtung dann eine zentrale Rolle spielt, zumal er an der deutschen Fassung des Drehbuchs beteiligt war. Bei „Nacht und Nebel“ haben wir eben jene Mischform aus Kunst und Dokument.
Was leisten Photographien, was leisten Bilder? Das ist die Frage, welche der Bildtheoretiker Georges Didier-Huberman in seiner Arbeit „Bilder trotz allem“ stellt. Es schrieb sie anläßlich eines Photofundes: Bilder nämlich von Auschwitz. Es geht um jene Photographien, die Auschwitz-Häftlinge dort unter schwersten Bedingungen machen. Der Film konnten aus dem Lager geschmuggelt werden. Zwei Photographien zeigen die „Einäscherung Vergaster in den Verbrennungsgräbern unter freiem Himmel vor der Gaskammer des Krematoriums V in Auschwitz“ vom August 1944. Andere Photos zeigen, aus der Deckung gemacht, das Drumherum der Landschaft dominiert, in einiger Ferne nackte Frauen, die in die Gaskammern gebracht werden. Die Ausstellung dieser Bilder wurde kontrovers aufgenommen.
„Ein einziger Blick auf diese Überreste an Bildern, auf dieses erratische Korpus aus Bilder trotz allem genügt, um zu verstehen, daß es nicht länger möglich ist, über Auschwitz in den absoluten Begriffen des ‚Unsagbaren‘ und ‚Unvorstellbaren‘ zu sprechen. Diese Redeweise verfolgt im allgemeinen gute Absichten, sie ist scheinbar philosophisch, in Wirklichkeit aber bequem.“ (Didi-Huberman)
Bei diesen Sätzen muß man freilich mitdenken, daß das der Stand der Debatten kurz nach der Jahrtausendwende ist. Die Fragen allerdings, die sich aus solchen Überlegungen ergeben, und die Positionen von Landsman wie von Didi-Huberman bleiben aktuell und vor allem handfest. Und sie lassen sich auch nicht in die üblichen Phrasen und Sätze auflösen.
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Am 9. November wird wieder der Pogrome von 1938 gedacht. Dies ist leider oftmals ein ritualisiertes und leeres Gedenken, wenn ich Frank Walter Steinmeier sehe, der dann wieder mit Kippa dort steht, ein betroffenes Gesicht machend. So wichtig dieses Gedenken auch ist. Und sei es nur als bloßes Zeichen im öffentlichen und d.h. politischen Raum.
Stolpersteine toter Juden lassen sich freilich leicht putzen. In Berlin müssen sie allerdings inzwischen an diesem Tag vermutlich in vielen Stadtteilen zugleich bewacht werden. Insofern hat auch diese Aktion aufgrund des sich offen zeigenden migrantisch-muslimischen Antisemitismus einen nochmal anderen und guten Sinn bekommen.
Allerdings bleibt es nach wie vor bei Henryk M. Broders Satz:
„Sich mit toten Juden zu solidarisieren ist eine wohlfeile Übung. Man kann die Ermordeten weder noch einmal umbringen noch nachträglich retten. Aber falls jemand doch so etwas wie „Verantwortung“ verspürt, was im Prinzip nicht verkehrt ist, sollte er sich mit denjenigen solidarisch erklären, die heute leben. Und am Leben bleiben wollen.“
Wir können Auschwitz nachträglich nicht ungeschehen machen. Aber wir können dafür sorgen, daß heutzutage in unserer eigenen Gegenwart Juden in Deutschland sicher und unbehelligt hier leben können. Und dazu gehört: Antisemitische Straftäter, die nicht die deutsche Staatsangehörigkeit haben, umgehend des Landes zu verweisen und ihren Aufenthalt in Deutschland zu beenden. DAS muß Staatsräson sein. Für Antisemitismus darf es in Deutschland keinen Platz geben. Was auch für rechten Antisemitismus und die üblichen Akteure gilt. Und der reicht leider auch tief noch ins deutsche Alltagsbewußtsein hinein.
Bücher:
Christopher R. Browning: Ganz normale Männer. Das Reserve-Polizeibataillon 101 und die „Endlösung“ in Polen, Rowohlt Verlag 1999/2020
Christopher R. Browning: Die Entfesselung der ‚Endlösung‘. Nationalsozialistische Judenpolitik 1939-1942, Propyläen Verlag, München 2003
Georges Didi-Huberman: Bilder trotz allem, München 2007
Jan Gerber: Das Verschwinden des Holocaust. Zum Wandel der Erinnerung, Edition Tiamat, Berlin 2025
Sabine Moller, Karoline Tschuggnall, Harald Welzer: Opa war kein Nazi. Nationalsozialismus und Holocaust im Familiengedächtnis
S. Fischer Verlag 2002