„Post“, das ist die Vorsilbe der Epoche der letzten siebzig Jahre, und sie diente dazu, für die verschiedensten Phänomen einen Zustand des „Noch nicht zu Ende, aber noch nichts Neues in Sicht“ zu beschreiben. Wenn wir es großzügig auslegen, dann ist „Post“ sogar die Silbe zum Einschnitt von 1945, nach dem die Welt nicht mehr wie vorher ausschaute: der Zivilisationsbruch Auschwitz, die systematische Ausrottung von Millionen Juden und jener Krieg, den Deutschland, Italien und Japan über Europa, Afrika, Asien und Amerika brachten. Dazu die zerstörerische Kraft der Atomwaffen. Die Moderne war eine andere geworden, brutaler, und mit solchen Katastrophen manifestierte sich eine Dialektik der Aufklärung, der Umschlag in eine Krise, die zugleich aber, wenn wir Aufklärung konsequent denken, nur mit den Mitteln der Aufklärung selber geheilt werden kann: „Qui curat, idem vulnerat.“ In Wagners Oper „Parsifal“ heißt es: „Die Wunde schließt der Speer nur, der sie schlug“.
Zugleich aber transformierte sich – zumindest im Westen – diese katastrophische Moderne auf eine merkliche Weise zum Angenehmen, gerade durch die Ausbreitung des American Way of Life mit einem neuen Lebensgefühl, das sich in einem gewissen materiellen Wohlstand, in sozialem Aufstieg, im Pop und in neuen Jugendbewegungen manifestierte, mit neuen Medien wie Fernsehen und Radio, die zur Verbreitung dieser Phänomene beitrugen, sowie einer Technik, die das Leben radikal veränderte und erleichterte, von Automobil bis Geschirrspüler. So entstand im Westen eine neue Freizeitgesellschaft, zwar immer noch getragen durch teils harte Arbeit, die es aber zugleich ermöglichte, eine andere Art von Leben zu führen und zu konsumieren: von der Fernreise über das Reihenhaus bis hin zu Gegenständen, die früher ein Luxusprodukt des gehobenen Bürgertums waren. Ein neues Bauen entstand: Hochhäuser auch in Westeuropa, eine funktionale Bauweise stülpt sich über die zerstörten, nun vielfach automobilgerecht konzipierten Städte. „Gehn se mit der Konjunktur“ und „Jetzt kommt das Wirtschaftswunder“ wie halb ironisch, witzig und zugleich auch bissig-böse die Slogans in Schlagern lauteten. Hochhaussiedlungen waren noch keine beschmierten Ghettos, sondern die Ausflucht aus dem modernden Altbau und der zu kleinen Wohnung mit Klo auf halber Treppe. Zumindest galt all das für den Westen. (Ein Buch der Ostmoderne wäre noch zu schreiben.)
Wer solche Moderne der 1950er Jahre sich betrachten möchte, der reise ins französische Brest, einer im Zweiten Weltkrieg völlig zerstörten Stadt, die dann am Reißbrett mit hochmoderner, funktionaler Architektur wieder aufgebaut wurde: jene für Frankreich typische Moderne der Nachkriegszeit: kühl, sachlich, funktional ausgerichtet und auf ihre Art zugleich auch wieder schön – zumindest aber interessant, was mit der Romantik ebenfalls eine ästhetische Kategorie ist. Und ebenso betrachte man sich die durch den Bombenkrieg wieder aufgebauten deutschen Städte, darin die zertrümmerten Altbauten verschwanden und in die Lücken setzte sich eine teils funktionale, teils kalte Moderne. War solches Bauen, der Geist dieser Epoche und samt der sich etablierenden nivellierenden Mittelstandsgesellschaft mit dem Versprechen des sozialen Aufstiegs noch modern? Oder gar megamodern, wenn ein aus dem Bauhaus und dem Funktionalismus heraus entwickeltes Wohnkonzept fürs geräumige Einzelhaus plötzlich ins Gigantomanische riesiger Le-Corbusierhafter Wohnsilos erwuchs, darin man Menschen kasernierte? Begann die Postmoderne in der Architektur mit dem sozialen Wohnungsbau der neuen Siedlungen?
Im Rahmen von Begriffsanalysen war lange nicht ausgemacht, ob wir noch in der Moderne oder aber schon in einer anderen Epoche uns aufhielten. Ob die Geschichte stillstand oder immer noch in rasanter Bewegung war. Und gab es überhaupt noch dieses „Wir“, angesichts heterogener Kulturen und Kulturräume, die um ihre Sphären kämpften oder diffundierte diese Gesellschaft nicht vielmehr in Schichten und Milieus, die sich dann allesamt in der Nivellierten Mittelstandsgesellschaft Westdeutschlands wiederfanden? Und auch in der Kunst kann man treffsicher von einer anderen Moderne, einer Nachkriegsmoderne sprechen. Es war diese Kunst zwar noch irgendwie modern und verstand sich in diesen Traditionslinien, aber sie richtete sich in ihren Öffnungen und Erweiterungen doch deutlich anders nun aus, von Informel und Tachismus, erweitertem Kunstbegriff, Fluxus und Konzeptkunst, Action Painting, der Vermischung von Kunst und Unterhaltung, E- und U-Kunst, close the gap, neuer Realismus bis hin zu neuer atonaler Musik, elektronischer Musik, Nouvelle Roman, Performancekunst und Environment.
Doch waren in diese Nachkriegsmoderne eine Vielzahl an Krisen bereits eingewoben, sei es politischer, gesellschaftlicher wie auch ästhetischer Art. Europa war durch den Eisernen Vorhang getrennt. Ehemals von Europa kolonialisierte Länder begannen sich zu befreien. Indien stemmte sich gegen die britische Herrschaft und wurde 1947 unabhängig. Die Juden schüttelten Ende der 1940er Jahre das Joch der Briten auf den von ihnen verwalteten Gebieten in Galiläa, Samaria, Judäa und Eretz Israel ab und gründeten 1948 ihren Staat. Das britische Empire zerfiel und ehemals kolonialisierte Länder in Afrika und Asien befreiten sich. (Was freilich keineswegs zur Folge hatte, daß in Afrika Demokratien bzw. sinnvolle Staats- oder Stammesgebilde entstanden.) Das Zeitalter des Kolonialismus ging seinem Ende entgegen und zugleich lastete doch sein Erbe auf den neuen Ländern.
Diese neue Moderne, die bereits eine andere Moderne war als die des beginnenden 20. Jahrhunderts, geriet brüchig: ökonomische Krisen, Kalter Krieg, jugendliche Protestbewegungen im Westen, ein repressives kommunistisches Regime, Dritte-Welt-Diktaturen, die es keineswegs besser machten als die sogenannten Kolonialisten, die einzige Demokratie im Nahen Osten, Israel, das einer ständigen Bedrohung durch die arabischen Nachbarn ausgesetzt war, ökonomische Krisen, die Ölkrise von 1973, die dem Westen schwer zusetzte, der Aufstieg des Islamismus 1979 im Iran und die dauerhafte Implementierung eines islamofaschistischen Regimes in dieser Region, was Auswirkungen auf die gesamte Welt haben sollte. Der sich vor allem auch in Europa und Afrika ausbreitende Islam als politische Religion und als Ersatz für die sozialistische Ideologie, was im Blick auf eine zunehmende Islamisierung qua Massenmigration und erheblicher Fertilitätsraten auch den Westen schwer traf.
Die Moderne in einer tiefen Krise – bis heute. „Legitimitätsprobleme im Spätkapitalismus“, seit Jahrzehnten, diverse ökologische Krisen, bemerkbar spätestens und in den Raum der öffentlichen Kommunikation gelangt in den 1970er Jahren, unwirtliche Städte, nicht nur in Deutschland. „Einstürzende Neubauten“, so hieß sinnfällig und treffend eine Berliner Punk- und Industrialsound-Band der frühen 1980er Jahre aus Berlin in Zeiten von Atomwaffen und einer sichtbaren ökologischen Zerstörung von Lebensräumen.
Und spätestens mit dem Jahr 1989 erfolgte ein weiterer Einschnitt, der die Geschichte der Welt erheblich in einen Umschwung brachte und damit auch im Bereich der Geschichte eine neue Post-Erzählung generierte. Der Kapitalismus schien über den Kommunismus gesiegt zu haben. „Kapitalismus Forever“, wie Wolfgang Pohrt in gewohnter Bissigkeit eines seiner Bücher betitelte. Geschichte an ihrem Ende? Mitnichten. Spätestens seit der Machtübernahme in Rußland durch Wladimir Putin, dem militärischen Erstarken von Terrorstaaten wie dem Iran und Nordkorea und nach den islamischen Terroranschlägen vom 11. September 2001, dem Überfall Rusßlands auf die Ukraine und dem genozidalen Terrorüberfall der Hamas und der Gaza-Bevölkerung vom 7. Oktober auf Israel wurde manchem klar, daß die Geschichte keineswegs in ihrem höchsten und freiesten Zustand kulminierte. Kein Ende, sondern das Buch der Geschichte schlug, wie zu erwarten, neue Seiten auf.
Als Titel für diese veränderte Konstellation in der Moderne diente in verschiedensten Feldern die Vorsilbe „Post“: Posthistoire, Postmoderne, Postkolonialismus und später mit dem Aufkommen neuer digitaler Techniken Posthumanismus. In der Philosophie wurde das postmetaphysische und in der Kunst das postavantgardistische Zeitalter ausgerufen, Theater wurde postdramatisch, das Wirtschaftssystem postkapitalistisch. Konjunktur einer Vorsilbe also.
Ich habe hier im Blick auf die Zeitzeichen lange um den heißen Brei herumgeschrieben, Eckdaten solcher „Post“-Szenarien formulierend, die dann auch auf Theorie und Philosophie erhebliche Auswirkungen zeitigten. Eigentlich schätze ich es nicht, wenn statt einer Rezension ein Koreferat folgt. Was aber daran liegen mag, daß ich mich um dieses im März 2025 erschienene Buch von Dieter Thomä ein wenig herumdrücke. Ich habe das Buch nicht ungerne gelesen, aber es schwang zugleich ein Unbehagen mit, zumal 400 Seiten lesend und nicht bloß überfliegend bewältigt sein wollen.
Anfangs war ich wegen Titel und Sujet gespannt, zugleich sinnierend, daß eine solche begriffsgeschichtlich ausgerichtete Kritik, exemplifiziert an den Begriffen Posthistoire, Postmoderne und Postkolonialismus, doch relativ spät erschienen ist, wenn ich daran denke, daß all diese Begriffe seit Jahrzehnten im Umlauf sind und daß ihre Hochzeiten vorbei sind – der Postkolonialismus mag eine Ausnahme bilden. Aber für solchen Verzug kann man mit Hegel gute Gründe anbringen, nämlich mit jenem wohlbekannten Zitat aus seiner Rechtsphilosophie, daß die (erkennende) Eule der Minverva ihren Flug erst mit der hereinbrechenden Dämmerung beginnt. Erkennen läßt sich nur, wenn eine Gestalt des Lebens alt geworden ist.
Und um genau solche Verabschiedung jener „Post“-Konstrukte geht es Thomä. Er stellt in seinem Buch die Frage, womit die Erfolgsgeschichte dieses Begriffes zu erklären sei, denn solche „Post“-Konstellationen – derart über Jahrzehnte zudem anhaltend – sind für die Betrachtungen von Gesellschaft keineswegs selbstverständlich. Thomä beschreibt es witzig wie treffend:
„In früheren Jahren sind Post-Wörter auf keinen grünen Zweig gekommen. Kopernikus ist nicht für die Entdeckung des ‚postptolemäischen‘ Weltbilds gerühmt worden, die citoyens haben 1789 nicht ‚Es lebe der Postfeudalismus!‘ gerufen, Karl Marx und Friedrich Engels waren klug genug, sich 1848 nicht für den Titel ‚Manifest der Postkapitalistischen Partei‘ zu entscheiden.“
Keiner wäre auf die Idee gekommen, das „Post“-Wort in den Mund zu nehmen, so Thomä. Es muß also für unsere Gegenwart und für jene Epoche nach 1945 eine spezifische Situation geben, darin nicht mehr fröhlich neue Zeitalter und Begriffe ausgerufen werden können. Eine gewisse Stagnation kommt in solcher Begriffsverwendung zum Ausdruck. Ein gebremstes Fortschrittsversprechen, gar der Abbruch teleologischer Weltbilder und Denkweisen. Zu solcher Klärung will das Buch ansetzen: wie es nämlich zur Konjunktur dieser Vorsilbe kam. Daß Thomä erhebliche Vorbehalte gegen sie hat, zeigt sich bereits in der umfangreichen Einleitung, in der er uns eine erste Sichtung liefert: „Grundsätzlich ist an dem Befund, dass die Vorsilbe Post– ein Symptom für Einfallslosigkeit ist, nicht zu rütteln.“ Aber sie besitzt in verschiedenen Ausprägungen zugleich einen Reiz, dem Thomä nachgeht. Dabei bleibt, so Thomä, mit dem marxistischen Literaturtheoretiker Terry Eagleton festzuhalten, daß die Vorsilbe Post immer auch ein performativer Begriff ist, der nicht nur ein Ende verkündet, sondern es auch herbeiführen will – nicht nur semantisch.
Die Post-Theoretiker behaupten mit ihrer Vorsilbe nicht nur, daß etwas nicht mehr ist, sondern sie deuten die Vergangenheit um und geben ihr ein neues Gesicht. Die Kritik von Macht ist immer auch selber ein Machtspiel, indem neue Narrative installiert werden. Die Theoretiker der Postmoderne, so Thomä, machen die Moderne in ihren Deutungen erst retrospektiv und retroaktiv zu dem, was sie angeblich war, um sich dann erfolgreich von ihr absetzen zu können: gewissermaßen wird das im Osternest versteckt, was man dann – oh Wunder! – auch genau darin findet. „Dass die Vergangenheit im Sinne der hier skizzierten Beispiele nicht schlicht beschrieben, sondern umgeschrieben wird, ist spielentscheidend für den Erfolg der Postismen.“ (S. 31)
Thomä will sich in seiner Analyse nicht mit Etiketten begnügen, „sondern dorthin gelangen, wo Wörter sich verkörpern und Menschen zur Sprache kommen.“ (S. 48) An der Vorsilbe Post interessiert Thomä nicht, wie gut sie sich (philosophisch) verkaufen läßt, sondern „wie gut oder schlecht sich mit ihr leben oder denken lässt.“ Es geht ihm also um praktische Aspekte und nicht darum, eine weitere Seminarübung zu liefern. Das erklärt auch den teils heiteren und locker-essayhaften Ton dieses Buches. Es ist gut lesbar auch für jene, die nicht vom Fach sind.
Thomä befaßt sich vor allem mit den drei großen, oben genannten Post-Bewegungen, auch wenn es in diesem Feld noch andere Kandidaten gibt, wie etwa Postdemokratie oder Postkapitalismus. Aber da es sich bei jenen dreien um Selbstzuschreibungen handelt, die nicht von außen aufgetragen wurden, ist dies ein guter Grund, explizit diese Begriffe zu analysieren. Zumal sie zentrale Debattenbegriffe der letzten Jahre und Jahrzehnte waren und bis heute immer einmal wieder sind.
Der Zweite Weltkrieg fungierte, wie oben gezeigt, als Scharnier. „Der Aufstieg von Post- verdankt sich einer Krise der unverbindlichen Verbindungen …“. Nach diesem Zweiten Weltkrieg und den Verbrechen der Deutschen geriet die Kontinuität in eine Krise: „Erst habe ich ein paar Partisanen erschossen, danach bin ich heimgefahren und habe wieder als Metzger gearbeitet.“ (S. 51) In solcher Reihung funktioniert das „Nach“ nicht mehr und zeigt eine Perversion des Kontinuums – wobei man freilich anmerken kann, daß dieses Nach in den 1950er Jahre – und auch darüber hinaus – dann doch wieder ganz gut funktionierte.
Solche Anekdote mag eine Zuspitzung darstellen, doch pointiert sie eine veränderte Situation nach 1945. Allerdings bleibt beim Festhalten des Diskontinuierlichen jene Frage, die Anfang der 1930er Jahre schon Walter Benjamin im Blick auf die Unmöglichkeiten eines kontinuierlichen, erfahrungsgesättigten Erzählens aufwarf: ob nämlich dieser Bruch nicht bereits mit den entsetzlichen Materialschlachten des Ersten Weltkriegs angelegt war.
Im Posthistoire-Kapitel wird ausführlich die Positionen von Alexandre Kojève beleuchtet, der den französischen Meisterphilosophen in den 1930er Jahren die Philosophie Hegels nahebrachte und damit auch jene These vom Ende der Geschichte implizit in den Diskurs schmuggelte, die er der Hegelschen Philosophie unterjubelte. Gesäumt ist solches Denken von Träumen einer Utopie. „Kojève favorisiert die Steuerung der Gesellschaft von oben“, so konstatiert Thomä. Weiterer Denker des Posthistoire sind Arnold Gehlen und Francis Fukuyama vor allem. Dabei bezeichnet er Fukuyamas sich auf Kojève beziehende und ihn radikalisierende These als eine Art Etikettenschwindel. „Fukuyamas These vom Ende der Geschichte gehört zu den nicht seltenen Fällen, in denen schlechte Ideen große Wirkungen zeitigen.“ (S. 136) Die Redeweise vom Posthistoire erweist sich als Fehldiagnose, so Thomä. Und genau das ist Anlaß nicht zur Trauer, sondern vielmehr zur Freude.
Ein weiterer Postismus ist jene Postmoderne, die in der alten BRD insbesondere die Debatten der 1980er Jahre beflügelte und in den USA und in Frankreich ihren Ausgang nahm. „Die Stillstellung der Zeit, die vom Posthistoire bekannt ist, kehrt in der postmodernen Antwort auf die Moderne wieder.“ (S. 191) Postmoderne ist der Eintritt ins Zeitalter der Anführungszeichen, so Thomä: Faktizität wird mit einem „Es-könnte-auch-anders-sein“ überschrieben, jedes Eigentliche ist zugleich in anderer Konstellation ein Uneigentliches. Ironie war der Modus der Jahre. Thomä macht hier den zu seinem Bedauern in Vergessenheit geratene US-Dichter Charles Olson ideengeschichtlich als einen der ersten Denker der Postmoderne fest. Olsen unterrichtete seit 1948 immer einmal wieder als Dozent an dem auf Kunst ausgerichteten Black Mountain College, wo sich auch die Nachkriegsavantgarde der USA traf. Olson geht es dabei nicht mehr um feste Epochengrenzen, sondern um Sprecher- und Subjektpositionen. Der westliche Mensch habe während seines modernen Irrwegs von Homer zu Melville und darüber hinaus sich selbst aus den Augen verloren. Wer die Moderne hinter sich läßt, so charakterisiert Thomä die Position Olsons, der muß nicht nur „zu Logos und Allgemeinheit auf Distanz gehen, sondern auch zu Klassifikationen, Form, Abstraktion und Wissenschaft.“ (S. 155) Für Thomä gibt es insofern gute Gründe, „an Olson zu erinnern und auch Grund genug, über ihn hinauszugehen.“ Diese Perspektivierung ist auf alle Fälle eine erfrischend andere Blickrichtung bei einem ansonsten vielfach ausdiskutierten Thema. Auch die Texte von Leslie Fiedler erfahren Lob: „sie gleichen einer Erfrischung mit leicht scharfer Geschmacksnote: Schokoladeneis mit Chili.“
Angesichts der Vielzahl an Positionen, was Postmoderne überhaupt ist und wer dazugehört – Foucault etwa rechnet Thomä sehr richtig nicht dazu –, liefert Thomä nicht das nächste Erklärbuch, sondern er beschreibt bestimmte Diskurse, die diese Debatten strukturell prägten. Dazu gehört unter anderem das Konzept der Vielfalt und der Vielheit – der „Affekt gegen das Allgemeine“ so zitiert Thomä Axel Honneth. Im Blick auf jene Vielfalt wurde Nietzsche gerne als Gewährsmann genommen. Nur eben gibt es bei ihm zugleich jene Stellen, wo er im Biographischen geradezu das Einswerden proklamiert, so stellte es Thomä fest.
Viele Bewegungen der Postmoderne haben in ihrer Vulgärform etwas Banales: dort nämlich, wo komplexe Probleme zu Protokollsätzen geraten und zudem das Ästhetische ins Politische kippt. Doch wenn Theorie praktisch werden will, wenn das Ästhetische in das Politische sich transformiert, ist dieser Akt zumeist mit Simplifizierungen erkauft: komplexe Denkgebäude geraten zu Protokollsätzen und Parolen. Thomä geht in diesem Kontext solcher Theoriereduktionen weniger auf die komplexen Philosophien von Lyotard, Derrida oder Deleuze ein, sondern nimmt sich die Schwundformen und ihre Adepten vor. Zu konstatieren bleibt dabei der Umschlag des Lobs der Vielheiten in die Identitätspolitik.
Zu kritisieren ist ebenso die Vereinheitlichungstendenz der Postmoderne, auch bei ihren avancierten Theoretikern wie Lyotard. Sie bastelt sich mit der Moderne einen Strohmann. Keineswegs handelt es sich bei der kritisierten Moderne um eine derart geschlossene und in binären Mustern operierende Veranstaltung, wie es die Denker der Postmoderne attestieren. Und damit macht die Postmoderne genau das, was sie an der Moderne kritisiert. Thomä liefert hier eine nicht wirklich originelle neue Kritik. Diese Argumente waren bereits Topos der 1980er Jahre, aber man liest die Kritik doch gerne, weil Thomä sie mit einer guten Portion Witz und Ironie vorträgt.
Dabei ist Thomäs Kritik an der Postmoderne im Blick auf deren Vulgär- und Geschwätzigkeitsformen und wenn in Seminarübungen wie auch im politischen Feuilleton mittels Sprachphrasen samt Bullshitsprech Locken auf der Glatze gedreht werden, nicht von der Hand zu weisen – auch im Blick auf Lyotard nicht, wenn von der ästhetischen Sphäre aufs Politische ausgedehnt wird.
„Lyotard erweckt den Anschein, als täte er dem Undarstellbaren einen Gefallen, indem er es mittels vielfältiger Darstellungen umspielt. Tatsächlich wird es auf diese Weise überspielt und unter den Teppich der Sprache gekehrt. Man ist so erfüllt davon, sich auszusprechen und auszuleben, dass man mit sich selbst alle Hände voll zu tun hat. Da postmoderne Darstellungen sowieso keine feste Referenz beanspruchen, kann ihnen auch egal sein, wenn die Referenz am Undarstellbaren scheitert. Dessen Spur verliert sich im Getümmel der Sprachspiele.“ (S. 176)
In diesem Sinne ist die Postmoderne eine sich im Pluralen verschleiernde Form von Identitätspolitik, und es ist dabei zugleich folgerichtig, daß sie das Einfallstor postkolonialer Theorien ist, wie Thomä festhält. Solche Übertragungen mögen Stoff für Debatten geben und es werden die Kritiker nicht ausbleiben, die Thomä der Simplifizierung bezichtigen. Das kann man so sehen. Man kann es aber auch derart lesen, daß Thomä eine in Teilen gefährliche Tendenz treffend pointiert, die bis heute im Woke-Milieu und bei der identitären Linken die Debatten terrorisiert und politischen Konformitätsdruck erzeugen will.
Auch zu den unterschiedlichen Positionen des Postkolonialismus liefert Thomä ein umfangreiches letztes Kapitel. Dabei erweist sich gerade dieser Begriff als politisch besonders aufgeladen:
„Das Wort ‚postkolonial‘ kann erst dann im Konzert der großen Postismen mitspielen, wenn es nicht nur zur Beschreibung einer historischen Phase dient, sondern mit einer Botschaft aufgerüstet wird.“ (S. 235)
Festzuhalten ist dabei, daß im Unterschied zu Posthistoire und Postmoderne beim Postkolonialismus vielfach ganz explizit eine moralische Bewertung hinzutritt, wenn es um die „Verdammten dieser Erde“ geht. Und bei Fragen der brutalen und grausamen Genitalbeschneidung bei Frauen stellt sich zugleich die Frage nach Universalitätsprinzipien. Konfrontationen zwischen verschiedenen Diskursformen sind gerade beim Blick auf uns fremde Kulturen nachgerade vorprogrammiert. An dieser Stelle hätte dem Buch vielleicht sogar, im Sinne eines close readings und um nicht nur im Überblickshaften zu bleiben, eine Auseinandersetzung mit Lyotards „Der Widerstreit“ gutgetan, darin es um genau solche Unüberbrückbarkeiten in den Argumenten und Urteilen geht. Andererseits hätte dies den Umfang eines solchen Buches gesprengt, das lediglich einen Problemaufriß und eine Kritik hinsichtlich bestimmter in Diskursen fest verankerter Begriffe liefern will, ohne im Detail dann die Maulwurfsarbeit zu verrichten.
Im Weiteren werden die Positionen von W.E.B. Du Bois, Frantz Fanon, Edward Said und auch Judith Butler behandelt. Ein Reigen an Namen: Gayatri Spivak, Stuart Hall, Kwame Anthony Appiah und der umstrittene und sich im Blick auf seine Israelkritik mißverstanden fühlende Achille Mbembe, der sich selber allerdings nicht als postkolonialen Theoretiker verortet sehen möchte. Vielfach geht es um Sprecherpositionen und auch um die Kritik daran. Wir finden hier einen Großteil der gegenwärtigen Debatten zusammengefaßt – was freilich mit Verkürzungen und Zuspitzungen erkauft ist, wie die Kritiker von Thomä einwerfen werden. Doch auch im Blick auf Postcolonials und ihre Kritik am Westen greift einmal wieder jene Dialektik der Aufklärung, die auch Thomä in Anschlag bringt: die Kritik an den Verfehlungen des Westens konnte nur erfolgen, weil es eine westlich-okzidentale Aufklärung gab, die jene Form Selbstreflexivität erfolgreich hervorbrachte. Die Kritik am Westen beruft sich zu einem großen Teil auf westliche Argumente, so Thomä (S. 294).
Thomä streift in diesem Kontext auch so hochaktuelle Themen wie den Konflikt zwischen Israel und den im Westjordanland und den in Gaza lebenden Arabern; und damit kommt auch die Debatte um Achille Mbembes fragwürdige Äußerungen hinsichtlich des Existenzrechts von Israel in den Blick. Es ist insofern ein Reigen an Bezügen, den Thomä uns liefert.
Hinsichtlich der postkolonialen Theorien zieht Thomä als Fazit, daß sich dieser Ansatz im Gegensatz zu den vorherigen Themenkomplexen lebendig gehalten hat. Dies zeigt sich etwa über den mit der postkolonialen Thematik verbundenen Opferbegriff und die Frage nach Selbstermächtigungen sowie der nach den Sprecher- und Betrachterperspektiven. Die Chance für eine sinnvolle postkoloniale Theorie – egal welcher Ausprägung – kann, so Thomä, darin liegen, sich nicht mehr zwischen Vergangenheit und Gegenwart festzubohren, mithin eine Arbeit zu leisten, die „nicht vergangenheitslastig, sondern zukunftsfähig ist“. Die Dauerselbstviktimisierung sich als Opfer westlicher Unterdrückung zu begreifen, führt nicht aus dem Bannkreis heraus, sondern verstärkt ihn. Das sehen auch große Teile der postkolonialen Theoretiker so und darin eben sieht Thomä eine Chance, diesen Ansatz in einer multipolaren, multiperspektivischen Welt weiterzudenken.
Alle drei Begriffe verweisen bei Thomä auf einen Zeithorizont und auf eine Gegenwart, die nicht vergehen will und die mittels solcher Postbegriffe doch dargestellt und analysiert werden soll. Ein Kontinuum, das zu Metatheorien einlädt – leider nicht immer zum Guten. Vielleicht sollte man, so bemerkt Thomä süffisant wie treffend, auf diesem Feld ein neues Forschungsgebiet an den Universitäten installieren: die Prefix Studies.
Thomäs Buch will einen Beitrag leisten, um Auswege aus solchen verfahrenen Begriffen zu schaffen. Begriffe, die semantisch und im Blick auf die soziale Wirklichkeit vielfach in die Irre führen und gerade im Blick auf die Postmoderne und den Postkolonialismus zur Verwechslung von Wissenschaft und Aktivismus Anlaß gaben. Er verwirft dabei aber nicht rundheraus alle Ausprägungen in diesen drei Feldern, sondern versucht vielmehr die darin sinnvollen Gehalte zu transformieren, und zwar in eine selbstbewußte wie auch selbstkritische Moderne. Denn genau das bedeutet Moderne im sozialwissenschaftlichen wie auch im philosophischen Sinne: gesteigerte Selbstreflexivität. Doch Thomäs Fazit bleibt:
„Das Post- hat seine Schuldigkeit getan, das Post- kann gehen.“
An die Stelle jener mal mehr mal weniger retrospektiv agierender Postismen will er eine Art Schwellenlust und Offenheit setzen: Ins Neue sich zu wagen, ohne Begriffsverengungen. Im Blick auf die Schwellenangst schreibt Thomä:
„Genau genommen hat nämlich niemand Angst vor der Schwelle, sondern die Leute haben Angst a u f der Schwelle – vor dem, was ihnen bevorsteht.“
Diese Angst will Thomä nehmen:
„Anders als bei der Angst richtet sich die Lust hier nicht auf das, was danach kommt, sondern die Schwelle selbst wird zum Objekt der Begierde. Die Schwellenlust ist, so meine ich, ein Heilmittel gegen den P o s t-Frust.“
Im Sinne einer reflexiven Moderne, die sich ihren Herausforderungen stellt: nicht in blindem Fortschrittsoptimismus mehr, aber auch nicht im nörgelnden Daseinsnihilismus, der Geschichte als Verfall der Völker sieht, sondern als Sinn für neue Möglichkeiten, die sich auch aus den Schwierigkeiten heraus immer realisieren können. Diese Schwelle ist für Thomä ein Ort des Übergangs.
„Der Aufenthalt auf der Schwelle ähnelt dem Moment der Krise im höchsten, besten Sinne – nämlich im Sinn des griechischen krinein, das Unterscheiden und Entscheiden gleichermaßen meint. Kritikfähigkeit und Krisenfestigkeit gehen Hand in Hand. Nur weil ich der Schwellenlust fröne, öffnet sich mir die Zukunft als Gestaltungsraum und wächst in mir die Bereitschaft zum Handeln: die Bereitschaft, über die Schwelle hinauszutreten.“ (S. 330)
So lautet das Fazit dieses Buches, und in diesem Sinne ist es, so läßt sich als Fazit festhalten, ein Plädoyer für den skeptischen Optimismus, keine „Apologie des Zufälligen“, wie es die Postmoderne als Spiel gerne betriebe, sondern vielmehr ein „Abschied vom Prinzipiellen“ und den Dogmen jeglicher Art – wie Odo Marquard es in treffenden Buchtiteln festhält.
Das Buch bietet, trotz mancher Polemik, einen guten, wenngleich doch auch parteiischen Blick auf jene drei Postismen. Dennoch hätte ich mir eine gewisse Straffung gewünscht. (Rezensenten, die lange Buchkritiken schreiben, wünschen sich kurze Bücher – auch auf eine gewisse Weise seltsam.) Fast würde ich sagen, daß sich diese Themenbereiche eher für einen knackigen, polemischen Essay – als Abrechnung mit Lösungsansatz – anböten. Zumal Thomä jenen teils spöttischen und an Odo Marquart angelegten Ton einer freundlichen, aber doch bestimmt dabei auftretenden Ironie an den Tag legt, der gut für solche Formate sich eignet.
Dieter Thomä, Post-. Nachruf auf eine Vorsilbe, Suhrkamp Verlag 2025, ISBN 9783518588307, Gebunden, 396 Seiten, 28,00 EUR
