Punk is dead, Punk is not dead: Zwischen Avantgarde und Museum

„The hardest years, the darkest yrs, the roarin‘ yrs, the fallen yrs
These should not be forgotten yrs“

(Midnight Oil)

Das Chaos ist aufgebraucht, es war die beste Zeit!
(Bert Brecht, Im Dickicht der Städte)

Sic aetatis ver humanae
juventutis primo mane
reflorescit paululum.
Mane tamen hoc excludit
vitae vesper, dum concludit
vitale crepusculum.
Cujus decor dum perorat
ejus decus mox deflorat
aetas in qua defluit.

(Alain de Lille, Omnis mundi creatura)

Punk wird 50 und feiert, feiert nicht, feiert Antiparty vielleicht. Verschwende deine Zeit, verschwende deine Jugend! Wir taten es – wobei ich mich als Randgänger sah, denn mein Interesse lag nicht bei Live-Konzerten und wüstem Pogo. Und wie das so ist, wenn einer in die Jahre kommt, die dann nicht mehr die wilden, sondern die sentimentalen sind, entstehen die Rückblicke. „Immer wieder sonntags kommt die Erinnerung, dibidibidibdi …“, so sang es das fröhliche Duo Cindy und Bert 1973, während wir noch Kinder waren und abends bettfertig zur ZDF-Hitparade vorm Fernseher hockten. Kitsch, Camp oder auch Punk, wenn man die Kontexte und die Singsituation ändert. (siehe nur „Der wahre Heino“.) Ein in formvollendeter Banalität so dahingesungener Satz, in einer fröhlichen Melodie. Über eine intrikate Angelegenheit. Proust schrieb über die Erinnerung einen Roman von sieben Bänden.

Nein, keine Geschichte des Punk hier, ob das nun in New York mit Television, den Ramones, The Stooges, The New York Dolls oder gar früher in Detroit mit MC5 oder aber in London mit The Damned, den Sex Pistols, The Clash und vor allem mit Vivienne Westwood und Malcolm McLaren began: the Great Rock ’n‘ Roll Swindle. Was früher einmal war, wie es bei den Toten Hosen in ihrem „Wort zum Sonntag“ hieß. Öfters jetzt hier im Blog, dieses Früher, das Einstmals in vergangener Zeit …

„Wenn“; so schrieb, der Meister Hegel in seinen „Grundlinien der Philosophie des Rechts“, „die Philosophie ihr Grau in Grau malt, dann ist eine Gestalt des Lebens alt geworden, und mit Grau in Grau lässt sie sich nicht verjüngen, sondern nur erkennen; die Eule der Minerva beginnt erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug.“ So ist es! Und das ist auch sinnvoll.

Wer im Moment lebt und in dieser Zeit der Jugend, die eben genau dieses Leben ist, erinnert nicht, sondern lebt, liebt, feiert, trinkt, tanzt, diskutiert und schläft manchmal auch. Oder steht im Karo-Viertel in Hamburg herum – so wie diese jungen Leute oben in dem von KI erzeugten Photo. Wir waren jung und lebensunerfahren und wußten es nicht, wie einer dieser Standardsätze lautet. Genau darin liegt der Zauber der Jugend. Truman Capotes legendäres Zitat aus „Die Grasharfe“ auch von den wunderbaren Jahren. Aber um das Memento mori sogleich einzuwerfen, folgt die Übersetzung des obigen Gedichts von Alain de Lille/Alanus ab Insulis (geboren um 1120 in Lille, gestorben um 1202 in Cîteaux, Frankreich):

Auch des Menschen Lebensfrühling
und der Jugend erster Morgen
blüht für eine kurze Zeit
Doch im Lebensabend endet
dieser Morgen bald, und bald naht sich
jedes Lebens Dämmerung,
Noch ehʼ aller Glanz entfaltet
ist die Schönheit schon vorüber
und die Zeit fließt drüber hin.“

Die Zeit fließt über alles und am Ende auch über unser Leben so dahin. Man kann es aber auch mit einer Zeile aus „Kasimir und Karoline“ von Ödon von Horvath sagen (nach einem Gedicht und Lied von Anton von Klesheim und einer Melodie von Josef Kreipl, 1846).

Und blühn einmal die Rosen
Ist der Winter vorbei
Nur der Mensch hat alleinig
Einen einzigen Mai
Und die Vöglein, die ziehen
Und fliegen wieder her
Nur der Mensch
bald er fortgeht
Nachher
kommt er nicht mehr.

Punk war, zumindest in Deutschland, eine Jugendbewegung, wo wohl zum ersten Mal in der Geschichte eine ganze Generation ohne größere Entbehrungen aufwuchs, nicht in Reichtum zwar, aber doch mit einem gewissen bescheidenem Wohlstand, sozialer Absicherung und – trotz mancher Krisen – des Versprechens von Aufstieg. Die Welt in Europa und in den USA war in Ost und West eingeteilt. Eine Generation trat in der BRD auf die Bühne, die den Krieg nicht mehr kannte und die nicht mehr in der Nachkriegszeit geboren wurde. Die Eltern dieser Kinder aus den unteren Schichten, jene Arbeiter, die es immer weniger gab, samt den einfachen Angestellten, wollten, anders als die 68er es annahmen, sich keineswegs befreien lassen, sie probten und inszenierten nicht den Aufstand der Plebejer, sondern den sozialen Aufstieg. Reihenhaus, Einbauküche, Möbel Kraft, Ford-Taunus oder VW-Käfer waren erwünschte und erarbeitete Annehmlichkeiten und eine goldene Kette, an die man möglicherweise zwar gefesselt war, auf die jene Arbeiter und Angestellten jedoch nicht gerne verzichteten. Aus der fesselnden Kette wurde Schmuck. Vom Eisen zum Gold und zum Golde drängt es bekanntlich den Menschen. Es entstand in der BRD das, was der Soziologe Helmut Schelsky die nivellierte Mittelstandsgesellschaft nannte. Dazu gesellte sich in den ausgehenden 1970er Jahren eine Rebellion gegen diese Normalität: „Es liegt ein Grauschleier über der Stadt, den meine Mutter noch nicht weggewaschen hat“, so sangen es Fehlfarben im Jahre 1980. In der deutschen Rock-Musik fand dafür bereits neun Jahre zuvor die Band Ton Steine Scherben einen musikalischen und textlichen Ausdruck. „Ich will nicht werden, was mein Alter ist.“

Hinsichtlich der gesellschaftspolitischen Lage, die je nach Perspektive unterschiedlich ausfallen konnten, sowie der geschichtsphilosophischen Sonnenuhr samt ihrem Telos im Blick auf eine „Assoziation freier Individuen“, wie es die 68er im Blick auf Marx und Freud propagierten, konstatierte Heinz Bude in seinem Buch „Adorno für Ruinenkinder“ für die 1970er Jahre eine politische Ernüchterung. Es war der „Sinnhorizont von teleologischer Geschichtsphilosophie und befreiter Gesellschaft auf einmal ziemlich inhaltsleer geworden […], und das ist parallel gelaufen mit dem Auftreten des Punk, der ist bei uns voll zum Zuge gekommen, sodass wir um 1975 herum den Marxismus aufgegeben haben. Das war für uns einfach eine Dezision, eine Entscheidung, Hegel, Marx, Freud, dafür interessieren wir uns nicht mehr, uns interessiert die Gegenwart.“

Das mag verkürzt dargestellt sein, beschreibt aber einen Wechsel in der Tendenz. Bude und die Zeitgenossen jener Anfangsjahre des Punk, darin der Aufbruch und das Neue nicht mehr in teleologischen Geschichtskonzepten und Befreiungsideen im marxschen Vokabular bestand (jenen Kindern von „Marx und Coca-Cola, so Jean Luc Godard), feierten die reine Gegenwart, das Zelebrieren des Moments, aus dem womöglich sogar der Kairos entsteht. Nur eben kein geschichtsphilosophischer mehr, der vom Fortschrittsoptimismus getragen wird. Wobei das dann auch wieder nicht für die Polit-Punks und die damit assoziierten diversen Gruppen galt samt der in diesem Kontext sich herausbildenden Bewegung der Autonomen.

Dennoch läßt sich mit dem Punk vom Aufkommen eines neuen Polit-Hedonismus sprechen. Einer als krisenhaft und gar dem Untergang geweihten Welt ließ sich nur beikommen, indem Teile der Jugend nicht mehr auf die Zukunft setzten: Deutscher Herbst, Nato-Nachrüstung, Angst vor der Atomkraft, ein Fortschritt, der sein schmutziges Gesicht zeigte, indem er eine ramponierte und teils auch zerstörte Natur hinterließ, die Hoffnungen der Hippie-Bewegung und die Aufbruchstimmung der 1960er Jahren waren verbraucht. Es entstanden neue Alternativbewegungen. (Siehe etwa Markus Brauckmann, „Die Erste Generation. Wie der Kampf für die Umwelt begann“, DVA 2025)

Was kam, war die bleierne Zeit – obgleich auch das nur eine selektive Perspektive ist. Die meisten nahmen diese 1970er Jahre als geradezu goldene Jahre wahr: man hatte sich eingerichtet, im wahsten Sinne des Wortes, es gab sozialen Wohnungsbau, es gab in Deutschland in vielen Bundesländern eine Bildungsoffensive und zum ersten Mal konnten auch die Kinder der unteren Mittelschicht ein Gymnasium besuchen und dann in den 1980er Jahren die Universitäten – was freilich die kalten Massenuniversitäten zur Folge hatte und nicht unbedingt nur zur Steigerung der Bildung beitrug -, Fernreisen waren mit einem Mal möglich, in Hamburg entstanden etwa dank der SPD Kindertagesstätten, die human und freundlich waren, auch von den Erzieherinnen her, so etwa die im Sturmvogelweg in Billstedt. Es ging voran. (Von unserere Gegenwart her ist diese Katastrophenstimmung sowieso schwer nachvollziehbar: denn seit 2022 und mit Putins blutigem Überfall auf die Ukraine steht zum ersten Mal in der Geschichte der letzten 75 Jahre für Deutschland ein realer Krieg im Raume, da in Rußland ein brutaler und blutiger Diktator nach Ost- und Mitteleuropa ausgreift und auch das Bündnis mit den USA unter Trump und Vance fragil geworden ist.)

In den 1970ern jedoch wurde von der jungen Generation, die gerne auch in politischen Apokalypsen dachte, eine tiefe Krisenstimmung ausgemacht. (Und zugleich entstand das, was Philipp Felsch in seinem Buch den „langen Sommer der Theorie“ nannte.) Bei Bude heißt es weiter:

„Der Punk brachte den Riss auf den Punkt. ‚No Future!‘ war weder als geschichtsphilosophische Trauer noch als gesellschaftspolitische Anklage gemeint. Es ging um die Behauptung einer Gegenwart, in der sich die Frage des Daseins stellt. The Clash, The Ramones oder die Sex Pistols klangen gemessen an den Beatles oder den Rolling Stones wie wüste Barbaren, die einfache Akkorde wiederholten, die sich nie auflösten. Im SO36 in der Oranienstraße tanzte man dazu mit kurzem und heftigem Körperkontakt Pogo und trank, bis die Nacht am tiefsten und der Tag am nächsten war. Wenn im Morgengrauen in der Adalbertstraße der Blick auf die Mauer am Ende der Sackgasse fiel, erschien die Dialektik, nach der immer und überall der Widerspruch die Dinge nach vorne bringt, mit einem Mal als eine Neurose des Geistes.“

Auch hier überwiegt sicherlich die anekdotische Evidenz. Andere erzählen anderes, nach einer durchzechten Nacht im SO36 ging mancher die Staatsmacht angreifen oder in der Politgruppe debattieren – trotz oder gerade wegen Punk. Und man muß zudem die verschiedenen Biotope unterscheiden. Berlin lieferte einen anderen Film als etwa Hamburg, Düsseldorf oder Bremen. Punk ist immer auch ein Lokalphänomen: und was in der Provinz für einen Jugendlichen Erhebliches kostet und wo es aufs Maul auch gab, das mochte in Hamburg oder in Berlin anders ausfallen.

Zudem muß man im Blick auf Budes Ausführungen beim Punk zwei Alterskohorten unterscheiden: Jene, die 1975/1976 in ihren Jugendjahren dabei waren und sei es auch die verlängerte Jugend mancher 68er und die also diese Entstehungszeit aktiv miterlebten – eben jene Generation der Ruinenkinder, die Bude in seinem Buch beschreibt. (Schon aus diesem Grunde ist die von einigen getroffene Boomer-Einteilung von 1946-1964 viel zu grobschlächtig gezogen.) Und jene späten Boomer 1963, 1964, die eigentlich als Alterskohorte anders heißen müßte, bzw. die ersten der Generation X, die 1976 noch Kinder oder Heranwachsende waren und die erst um 1980 und später als Nachzügler auf den Plan traten: eine Phase nebenbei, wo in Deutschland eine Vielzahl an Bands entstanden, die erhebliche Bekanntheit erlangen sollten, seien es die Einstürzenden Neubauten, die Toten Hosen, Slime oder Die Ärzte. Jene wilden Jahre, darin sich Punk und New Wave durchdrangen: Neonbabies ist hinsichtlich dieser Ästhetik und Mode ein treffender Bandname gewesen und die 1980er Jahre hatten in diesem Kontext und in der Durchmischung verschiedener Musikstile nochmal ein ganz anderes Innovationspotential, gerade was deutschsprachige Musik betraf.

So war das damals. Und wenn eine Gestalt des Lebens also alt geworden ist, kommt zugleich die Zeit der Bücher. In einer Neuauflage erschien letztes Jahr im Ventil Verlag Alexander Hackes Biographie jener Jahre: „Krach. Verzerrte Erinnerungen“. Hacke gehört zu den Einstürzenden Neubauten und war in Berlin wesentlich in jenen Epoche dabei. Der Titel ist also im Sinne der Rückkopplungen gut gewählt. Ob der Text sein Versprechen einlöst, muß ich sehen.

Ähnliches Rückblicken auch auf die Hamburger Schule, wo 2024 ein Jubiläumsbuch zum Dreißigsten erschien: „Der Text ist meine Party. Eine Geschichte der Hamburger Schule“. Sogar eine, freilich heftig debattierte Dokumentation beim NDR gab es zu sehen. (Eine Kritik dazu findest sich hier auf AISTHESIS.)

Im Blick auf Musik- und Lifestyle-Magazine der 1980er Jahre kam, ebenfalls 2025, im Verlag Schöffling & Co von der Medienwissenschaftlerin und Literaturkritikerin Erika Thomalla ein Buch mit dem Titel „Gegenwart machen. Eine Oral History des Popjournalismus“ heraus – interessant für alle, die jene Jahre erlebten und mit Tempo, Szene Hamburg, Tango, Prinz, Oxmox, Sounds und Spex aufwuchsen, welche die journalistischen Begleitakkorde dieser Phase lieferten. Die Anekdoten der Akteure zu hören, war schon in Jürgen Teipels Buch „Verschwende deine Jugend. Ein Doku-Roman über den deutschen Punk und New-Wave“ im Jahr 2001 ein nostalgisches Vergnügen und natürlich auch immer ein Stück weit Voyeurismus.

Und es wird nun, passend zum Punk-Jubiläum 1976 im Ventil Verlag im März das Buch „Bored Teenagers. Ein Punk-Mixtape“ erscheinen, herausgegeben von Jonas Engelmann. Dieses Buch werde ich mir sicherlich kaufen, zumal diese frühen 1980er Jahre meine Jugendzeit waren und mich erheblich prägten: musikalisch, aber auch intellektuell, um sich neue Bezirke und Denkräume zu erschließen. Als ich das erste Mal die Einstürzenden Neubauten hörte, war die Welt eine andere. Ähnliches bei den Ramones. Die auf der Ventil-Facebookseite verlinkten Descendents mit ihrem Song „Suburban Home“ und ihre kurzen, schnellen, rauen Stücke habe ich damals ebenfalls gerne gehört und es war eine meiner Lieblingsbands.

Aber auch solche lustigen Formen von Punk wie die Toy Dolls fanden mein Gefallen. Irritierend freilich, als der junge Mann 1984 beim Skifahren mit einer eher poppermäßig orientierten und gekleideten Frau sich unterhielt und sie erzählte, wie geil sie die Toy Dolls fände. Da stieg Verwunderung auf. Und wir sangen zusammen „Nellie the Elephant“, was ihre sie begleitende Freundin seltsam fand. Aber es gab ja eben auch Punkbands wie Palais Schaumburg, die wie Popper aussahen, zumindest anders als jene klassischen Rotzkotz-Punks, weshalb es auf Konzerten von Palais Schaumburg zuweilen von den Hardcore-Crass-Punks Randale gab. Aber dieses Schicksal ereilte auch die Neubauten, da die Rotzkotz-Punks eine kraß andere Musik erwarteten als das schrille Kreischen einer Elektrosäge auf Eisen und hämmernde Schläge auf Stahlblech, ausgeübt mit einem riesigen Vorschlaghammer. „Es ist Krieg in den Städten und das ist gut so“, tönte, röhrte und zischte es von den Blixa Bargeld. Aber solche Dystopien waren für diese Punks jenseits ihres Horizonts. Im Grunde waren dies Jugendliche, die ansonsten auf Dorffesten zu schmissigem Akkordeon- und Blasmusiksound auch getanzt hätten.

Was mir an einem bestimmten Punk dieser Jahre – gepaart mit meinen Lektüren – immer einleuchtete, waren die Schnittmengen hin zur Kunst wie auch zum Kitsch (Gus Backus‘ „Da sprach der alte Häuptling der Indianer“ war bei uns ein großer Erfolg) und damit also auch hin zu den politischen Häresien in alle möglichen Richtungen. Heidegger lesen. Und zugleich Adorno. Benn und Brecht. Hegel und Kierkegaard. Proust und Bataille. Sartre und Gide. Raymond Queneau und Georges Bernanos. Vor allem die Entdeckung der Romane und Erzählungen von Boris Vian war ein wahrer Segen, was die wilde Phantasie und diese Mischung aus Surrealismus und Hedonismus betraf. Leben wollen.

Im Sinne eines rebellierenden, mal konservativen, mal progressiven Bewußtseins waren auch die Autoren der Neuen Frankfurter Schule und die damals Anfang der 1980er Jahre noch geniale „Titanic“ Teil dieser Sammlung, da zur Revolte unabdingbar der Humor als Waffe mit dazugehörte. (Jean Paul entdeckte ich freilich erst viel später.) Es ging nicht nur gegen rechts, sondern auch gegen linkes Spießertum, linken Dogmatismus und lächerliche Sektierer. Das halte ich bis heute so. Diese Art von Konfrontation, um Eingeschliffenes zu verlassen, ist auch der Aspekt, der mich dann an einem Autor wie Karl Kraus faszinierte: sich keine Freunde machen, Streit anfangen, beharrlich seinen Weg gehen. Oder wie das Motto der „Fackel“ lautete: „kein tönendes ‚Was wir bringen‘, aber ein ehrliches ‚Was wir umbringen‘ hat sie sich als Leitwort gewählt.“

Genau diese Haltung ist Punk – oder kann Punk sein, denn Punk ist sicherlich vieles. Für mich hatte es vor allem mit Kultur, mit Avantgarde und mit einem bestimmten Lebensstil zu tun, der sich nicht festlegt. Auch politisch nicht. Anderes zu machen. Das Moment des Schocks, wie das auch Walter Benjamin im Blick auf Baudelaire und das Paris des 19. Jahrhunderts formulierte. Der Punk des jungen Mannes war ein ästhetisch-philosophisches Phänomen vor allem, das sich auch in der Musik ausdrückte.

Aber wie bei jeder Avantgarde gibt es ein Ende, Effekte nutzen sich ab und Avantgarde wird museal: daß man sich im Alter die alten Geschichten erzählt – so wie das in dem witzig-wunderbaren Song „Hamburg 75“ von „Gottfried & Lonzo“ gesungen wurde und wie es „Element of Crime“ auf großartige Weise wieder ins Bewußtsein brachten.

Aufgrund solcher Rebellionen – „Rebellion der Träumer“ nannte eine Bloggerin einstmals vor über einem Jahrzehnt ihren literarisch-essayistischen Blog – entsteht Neues. Wichtig war am Ende eben doch, daß die Phantasie nicht an die Macht kam, sondern genau in ihrem Reich wirkte: versponnen, auch politisch zuweilen, vor allem aber fabulierend und nicht dogmatisch und belehrend, sondern jene Pfade abzuschreiten, die wir sonst nicht gehen wollen.

Die Phantasien gerade des politischen Punks waren leider oft abgedroschen. Auch wenn sie vielleicht nicht die Naivität vieler „68er“ mehr teilten. Was es bedeutet, wenn Phantasie an die Macht kam, konnte jeder, der sehen wollte, spätestens an Maos Experimenten in China sich betrachten. Praktisch umgesetzt schwante manchem, daß nichts Gutes herauskommt, wenn die Gegenstandsbereiche verwechselt werden. Die linken Plena, die ich einstmals besuchte, haben mich schnell von jeglichem politischen Idealismus geheilt. Der Mensch ist aus krummen Holz gemacht und vor allem aus viel viel leerem Gequatsche. Das scheint mir vom Heute her denn doch eine anthropologische Konstante und der junge Beobachter von damals ahnte es. Insofern doch lieber ästhetische Avantgarde, wildes Denken, ästhetische Bricollage und eine literarische Logik des Assoziierens und Erzählens, traumgängerisch.

Solche Literatur der Avantgarde, solch literarisch Avanciertes, wie etwa bei Jean Paul oder André Breton, läßt sich zudem nicht wirklich eingemeinden. (Louis Aragons „Le paysan de Paris“ ist bis heute eines der unterschätzten Romane.) Bei Musik, Kleidung, Habitus ist es immer möglich, daß die Werbung die Szene aufspürt und in ihr Reich zieht, denn solche Subkultur ist zugänglich und konsumierbar. Und es textete der Kaufhof in den 1980er Jahren: „Prunk mit Punk bei Kaufhof“. Das Rotzkotzpunk-Outfit gab es nun auch im Kaufhaus oder zum Fasching. „Mit Danone kriegen wir euch alle!“.

Aber wie es freilich im Lauf der Geschichte, der Geschichten mit dem Neuen und mit der Avantgarde so passiert und wie Fontane in seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg feststellte: „Das Wachsende, gut oder nicht gut, tritt an die Stelle des Fallenden, um über kurz oder lang selber ein Fallendes zu sein. Das ist ewiges Gesetz.“ Im Blick aufs Neue ließe sich Schillers Wallenstein bemühen, so in Attinghausens Rede: „Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit/ Und neues Leben blüht aus den Ruinen.“ Freilich fehlt bei Schiller einerseits das aktivistische Element, daß das Alte zugleich auch gestürzt wird von jenen Subjekten, die es zum Neuen drängt. Und es fehlt vor allem die weise Fontane-Einsicht, daß auch dieses Neue bald ein Altes ist. (Die Ruine freilich war, besonders in Berlin, immer auch der Ort von Punk.)

Man könnte in solchen Überlegungen ebenfalls und was das Avancierte und Neue betrifft, das ankunftshaft geschichtsteleologisch erhofft wird, Walter Benjamins destruktiven Charakter in Anschlag bringen, den er im gleichnamigen Text proklamiert,: „Der destruktive Charakter kennt nur eine Parole: Platz schaffen; nur eine Tätigkeit: räumen. Sein Bedürfnis nach frischer Luft und freiem Raum ist stärker als jeder Haß.“ Beim Punk kamen freilich oftmals Haß und Wut und Aggressivität mit hinzu, wie auch Polemik, Härte und Ironie: Zurück zum Beton gleichsam, wie ein schöner Song der Band S.Y.P.H. ging.

Dabei sehe ich freilich, gerade im Blick aufs Schreiben, den Haß durchaus als produktive Energie. Wie P.I.L. es Mitte der 1980er sangen: „Anger is an energy.“ Wut und Haß sind eine Quelle, die kreativ machen kann: das Hingerotzte im Punk, die Frechheiten und Provokationen. In der Literatur sowieso bekannt, man denke nur 1966 an Peter Handkes provanten Auftritt der Gruppe 47 in Princeton in den USA, wo er in einer scharfen Rede der deutschsprachigen Literatur und den dort versammelten Großkopfeten Beschreibungsimpotenz vorwarf. (Handkes Einwand kann man hier auf Youtube nachsehen, ab Minute 0.59) Punk ist zugleich eine Haltung, lange bevor es Punk gab.

Mein Faible für Kleist ebenfalls: das brutal Eruptive. Sei es im Blick auf die Liebe in Kleists „Penthesilea“, darin der von Penthesilea geliebte Achilles auf bestialische Weise zu Tode kommt: erst mit Pfeil und Bogen erlegt und sodann reißt Penthesilea den Achilles in einem Blutrausch in Stücke, zerfleischt und zerfetzt ihn zusammen mit ihren Hunden. Eine ähnliche eruptiv ausbrechende Gewalt findet sich in „Das Erdbeben in Chilli“, hier in einem philosophisch-politischen Kontext. Viva la muerte!

Für die Literatur untersuchte solchen seit Jahrhunderten existierenden Punk der Literaturwissenschaftler Karl Heinz Bohrer in seiner Studie „Mit Dolchen sprechen. Der literarische Hass-Effekt“, dort ebenjenen Kleist als Referenz nennend. (Meine Rezension dazu siehe hier: „Poesie des Hasses“) Aber auch der Publizist und Cioran-Experte Jürgen Große nennt in seinem Buch „Die kalte Wut“ manchen Grund, weshalb Wut und Ressentiment sich lohnen können. (Meine Rezension findet sich auf ebenfalls bei AISTHESIS.) Auch Wut ist ein Gericht, das kalt gegessen werden will, wenn sie ästhetisch produktiv sein soll. Punk hatte oft etwas von jener wilden Wut, was selbst noch durch die berauschende Melodie in jenem wunderbaren Tote-Hosen-Song über die „Jungs von der Opelgang“ zum Ausdruck kam. Gepaart mit Lust. Punk war immer auch Hedonismus.

In all den Rückblicken, Erinnerungen und Erzählungen wird Punk meist als links interpretiert. Das stimmt einerseits zwar und die meisten in dieser Jugendbewegung und noch ins Alter hin fühlen sich politisch solcher Linken zugehörig: ein Linkssein nebenbei, was heute aufgrund des Marschs durch die Institutionen und durch die Besetzung zentraler Stellen in den Medien und im Kulturbetrieb, vermittels der kulturellen Hegemonie gewissermaßen, den neuen Mainstream bedeutet. Dennoch ist diese Annahme des Linksseins zugleich ein Irrtum, wenn man einen eher philosophisch-ästhetischen und weniger einen aktivistischen Blick auf Punk wirft und ihn sich auch als strukturelles Phänomen betrachtet.

Punk hat etwas damit zu tun, Konventionen infragezustellen. Das war damals ein linkes Projekt, weil die Regeln und Normen der 1970er und 1980er Jahre konservative waren – bis tief in die SPD hinein. Punk war widerständisch. Doch auch und gerade innerhalb dieser Subkulturen war das regressive Element immer zu beobachten, insbesondere beim politischen Punk. Insofern war gelungener Punk Kritik am Punk. Und auch aus diesem Grunde geht mir die in diesem Kontext sich zutragende Kultursubvention gehörig auf den Senkel. Unappetitlich fand ich im Deutschen Schauspielhaus Ende der 1990er Jahre bereits das Heranwanzen der Goldenen Zitronen an den Kulturbetrieb und an die Futtertröge.

Was Avantgarde, Kunst und Kulturförderung betrifft, so halte ich es nach wie vor mit Hans Magnus Enzensbergers Sätzen in seinem Essay „Aporien der Avantgarde“ aus dem Jahr 1962. Avantgarde, die sich von einem Staat subventionieren läßt, ist keine:

„Das Gesetz der zunehmenden Reflexion ist unerbittlich. Wer sich ihm zu entziehen versucht, endet im Ausverkauf der Bewußtseins-Industrie. Jede heutige Avantgarde ist Wiederholung, Betrug oder Selbstbetrug. Die Bewegung als doktrinär verstandenes Kollektiv, vor fünfzig oder dreißig Jahren erfunden, um den Widerstand einer kompakten Gesellschaft gegen die moderne Kunst zu sprengen, hat die historischen Bedingungen, die sie hervorgerufen haben, nicht überlebt. Konspiration im Namen der Künste ist nur möglich, wo sie unterdrückt werden. Eine Avantgarde, die sich staatlich fördern läßt, hat ihre Rechte verwirkt.“

Dadaisten, die an Kulturförderprogrammen teilnehmen und Revolte rufen, sind lächerlich.

Rebellion und Widerstand heute sind konservativ. Freilich nicht in der Weise, daß sie etwas Altes wiederherstellen oder etwas Vergangenes bewahren wollte, sondern als Protest gegen die bestehende Gesellschaft und gegen einen linken Zeitgeist, so wie dies Teile des Punk in den 80er Jahren und davor auch der 1968er-Bewegung gegen den Zeitgeist ihrer Jahre praktizierten – gegen eine deutlich konservativere Gesellschaft. Heute geht es darum, gegen einen progressivem Mainstream im Kulturbetrieb und als politischer Überbau mitsamt seinem Journalismus zu rebelllieren. Einer der wenigen Punks, die genau das verstanden haben und solches zelebrieren, ist John Lydon (ehemals Jonny Rotton von den Sex Pistols und Initiator von P.I.L.) und es ist Morressey vom Wave her. Nur eben: für solche Rebellion gibt es im Grunde keinen Ort. Die politische Rechte und die „Abende von Schnellroda“ und ähnliches sind keine wirkliche Option. Vielleicht teils noch der Alt-68er Frank Böckelmann mit „Tumult. Vierteljahreszeitschrift für Konsensstörung“. (Aber das ist ein anderes Thema, das separat abgehandelt werden muß.)

Womöglich bleibt als eine der wenigen Optionen Ernst Jüngers Waldgänger übrig – als Position eines radikalen und anarchisch-konservativen Individualismus. „Jetzt und Hier“, so ist der Text zum Anfang hin überschrieben, und dieses Hic et nunc gilt überzeitlich:

„Der Waldgang – es ist keine Idylle, die sich hinter dem Titel verbirgt. Der Leser muß sich vielmehr auf einen bedenklichen Ausflug gefaßt machen, der nicht nur über vorgebahnte Pfade, sondern auch über die Grenzen der Betrachtung hinausführen wird.

Es handelt sich um eine Kernfrage unserer Zeit, das heißt, um eine Frage, die auf alle Fälle Gefährdung mit sich bringt.“

„Wir, Wachsam, Waffen, Wölfe, Widerstand. Es könnte auch heißen: Waldgänger.

Das wäre ein erster Schritt aus der statistisch überwachten und beherrschten Welt. Und sogleich erhebt sich die Frage, ob denn der Einzelne auch stark genug zu solchem Wagnis ist.“ (Ernst Jünger, Der Waldgang)

Grenzgänge wagen!