Prigoschins letzter Tomatensaft

Was zunächst Gerücht war, verdichtet sich: der Anführer der Terrorgruppe „Wagner-Söldner“ ist tot. Eine neue Variante von „aus dem Fenster gefallen“, wie es in Rußland schon mit vielen Menschen geschah, die die Dinge anders als Putin sahen. Nur diesmal aus größerer Höhe. Gift oder das russische Windows 2023.

Erinnert fühlt man sich auch hier einmal wieder an Brechts Arturo Ui. Gangster, die sich gegenseitig umbringen, um mehr Macht zu erlangen. Nur eben: es sind keine harmlosen Karfiolhändler: das war es beim deutschen Faschismus nicht und auch nicht bei seiner russischen Spielart. Und es zeigt sich auch in diesem Fall wieder einmal, daß mit Putin nicht zu spaßen ist – und genau darin liegt auch die doppelte Drohung, die in solchen Anschlägen gegen Gegner steckt: „Seht gut her, es kann jeden von euch treffen!“ Das war bereits bei den Giftanschlägen auf echte Gegner des Systems so – anders als Prigoschin, der ein Helfer des Systems war. Wladimir Kara-Mursa: vergiftet. Alexej Nawalny: Mit Nowitschok vergiftet. Pjotr Wersilow: ebenfalls. Sergej und Julia Skripal: Nowitschok-Attentat durch russische Geheimagenten in GB. Alexander Perepilichny: Tod beim Joggen. Alexander Litwinenko: Polonium im Tee. Anna Politkowskaja: „Unbekannte Toxine“, im Oktober 2006 dann im Treppenhaus vor ihrer Wohnung in Moskau von Putins Schergen ermordet. Boris Nemzow: in der Nähe des Kremls durch Schüsse in den Rücken ermordet. Die russische Oppositionspolitikerin Elwira Vicharewa: 2022/2023 vergiftet. An diese Menschen ist immer wieder zu erinnern. Und für Leute vom Kaliber Prigoschin sollte es eine Warnung sein: Wer mit einem Despoten sich einläßt, kommt durch den Despoten auch um. Es gibt für keinen der Putin-Schergen eine Sicherheit. Diese Lektion hätte man bereits im Stalinismus der Sowjetzeit lernen können.

Und noch ein weiteres: Eine friedliches Europa, eine friedlichere Welt wird es mit Putin nicht geben. Und da altersbedingtes Ableben für die nächsten Jahre wohl eher ausfällt, bleiben nur Krankheit oder aber ein Putsch, das Schicksal Saddam Husseins oder eine Verurteilung in Den Haag.

Darf man sich über den Tod eines Menschen freuen? Ja, wenn es sich um einen Despotenknecht handelt. Und das muß man auch nicht klammheimlich, sondern es kann öffentlich geschehen. Das beste immerhin an Jewgeni Wiktorowitsch Prigoschin: er hat die Wahrheit darüber ausgesprochen, weshalb Rußland die Ukraine angriff. Und da stehen die Ken Jebsens, die Daniele Gansers und die Dirk Pohlmanns nun alle schön dumm und nackert da. Nicht die NATO war’s, sondern pures imperiales Gelüst der russischen Aggressoren.

Wer jedoch denkt, daß mit dem Tod von Prigoschin irgend etwas sich ändern würde, der irrt. Selbst wenn nun Söldnerhaufen nach Moskau marschieren, dürfte Putin darauf vorbereitet sein. In diesem Sinne halte ich es auch für unwahrscheinlich, daß Rußland in einen Bürgerkrieg stürzt, dessen Ergebnis das Verschwinden oder der Tod sein wird.

Was Putin getan hat, ist das, was jeder „gute“ Diktator macht, von Sadam Hussein bis Kim Jong-il: hausinterne Gegner so schnell es geht zu beseitigen. Auf den Tag genau zwei Monate nach Prigoschins Putsch.

PS: Den Witz mit dem Tomatensaft fand ich bei Stefan Laurin auf Facebook. Dafür danke ich sehr. Der Witz ist gut und trifft zu.

Im Weltinnenraum – Clemens J. Setzʼ „Monde vor der Landung“

Gestern wurden die 20 Kandidaten für den Deutschen Buchpreis bekanntgegeben, darunter auch Clemens Setzʼ Anfang 2023 erschienener Roman „Monde vor der Landung“. Mich hat dieser Roman leider nicht wirklich überzeugt. Und warum das so ist, steht genau hier.

Die Welt ist nicht nur das, was der Fall ist, wie ein prominenter Philosoph Anfang des 20. Jahrhunderts in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs in einem philosophisch-logischen Kontext schrieb, sondern so wie wir die Welt ansehen, sieht sie auch zurück. Sowas kann im Reich der Kunst zu interessanten Ergebnissen führen:

„I learned that just beneath the surface thereʼs another world, and still different worlds as you dig deeper. I knew it as a kid, but I couldn’t find the proof. It was just a kind of feeling. There is goodness in blue skies and flowers, but another force…a wild pain and decay…also accompanies everything.“

So sagte es David Lynch. Lynch hat diese Spekulation in seinen Filmen kongenial umgesetzt.

monde-vor-der-landung_9783518431092_coverNun hat Clemens J. Setz einen neuen Roman geschrieben, er trägt den zunächst rätselhaft klingenden Titel „Monde vor der Landung“. Auch in diesem Werk geht es um eine Welt, die sich nicht mit dem deckt, was die Naturwissenschaften und was der normale Menschenverstand über sie sagen. Held dieses Romans sind tatsächlich existierende Personen, nämlich Peter Bender und seine Frau Charlotte. Der Protagonist scheint ein Sonderling zu sein, er vertritt die These, daß die Welt eine Hohlkugel ist: Wenn wir in den Himmel blicken, sehen wir nicht in die unendlichen Weiten des Weltalls, sondern irgendwann würden wir, wenn wir strikt in die Vertikale eine Luftreise unternähmen, in Australien landen. Wir leben nicht auf einer Kugel, sondern innerhalb derselben. Bender gründet in Worms eine Religionsgemeinschaft – freilich mit mäßigem Erfolg. Darin geht es auch um neue Liebesstrukturen, nämlich die „Quadratform der Geschlechter“, darin die monogame Liebe aufgehoben ist, auch soll es eine Gewerkschaft der Hausfrauen geben, Silvio Gesell Überlegungen zum Freigeld spielen eine Rolle, der Gang zu den Müttern, eine verschrobene Wagner- und Nietzsche-Auslegung: Worms, die Stadt, wo irgendwo das Gold des Nibelungenhorts in Vater Rhein versenkt liegt. Bender wird in den 1920er Jahren wegen der Verbreitung von aufrührerischen und gotteslästerlichen Schriften zu einer mehrmonatigen Haft verurteilt. Das Ehepaar schlägt sich mit Nachhilfestunden durchs Leben, Peter Bender frönt seinen obskuren Projekten. Mit der Machtergreifung der Nazis wird die Lage deutlich schwieriger. BendersLeben und das seiner jüdischen Frau Charlotte enden tragisch.

Peter Bender ist ein seltsamer Mensch und für uns in der Gegenwart, aber auch für die Menschen aus Benders eigener Zeit wirkt er als befremdliche Erscheinung, wie sie Sekten, Weltanschauungsgemeinschaften und Verschwörungsideologien zuweilen hervorbringen und wie sie im Esoterik- und Hokuspokusboom der 1920er Jahre häufig anzutreffen waren. Doch Bender ist auf seine Weise liebenswert und zugleich schwer verschroben. Ich lese von einem Mann, der nicht alle Tassen im Schrank hat – was für die Literatur eigentlich ein Glücksfall sein müßte.

Und aus diesem Grunde, weil es eine Geschichte ist, die anscheinend sich tatsächlich derart zutrug und weil da ein Protagonist mit einem gehörigen Absonderlichkeitsfaktor auftritt, wie man ihn auch in Romanen von Dostojewski oder Kafka findet, freute ich mich auf die Lektüre. Doch die Freude geriet schnell an ihre Grenze. Ich will diesen für einen Rezensenten mißlichen Umstand der Fairneß halber nicht einmal nur dem Buch zuschreiben. Manchmal gibt es Literatur, die einen Leser nicht erreicht und die in ihrer Art des Erzählens dennoch nicht schlecht oder gar ästhetisch mißlungen ist, die aber nicht das Interesse des Rezensenten erreicht. Etwas fehlt! Ich habe bis zu den ersten 300 Seiten nicht in das Buch hineingefunden. Ich lese, Seite um Seite, und ich lese noch eine Seite und immer weiter, und es ist leider über lange Passagen eine Lesequal und diese Qual mindert sich auch nach 100 Seiten nicht und auch nicht nach 200 Seiten, ich lese etwas, von dem ich nicht weiß, was das soll.

Woran liegt das? Teils ist es jener zuweilen ins Selbstgefällige treibende Setz-Sound, teils ist es das Sprunghafte dieses Romans. Da wird im Krieg der Leutnant Bender ins Oberkommando gefahren und im nächsten Absatz, ohne daß Bender je beim Oberkommando angekommen ist, tätigt er bereits wieder einen Aufklärungsflug. Und man fragt sich, warum nun um alles in der Welt dieses Oberkommando da auftaucht. Man kann diese willkürliche Reihung von Kriegsszenen an der Ostfront im Ersten Weltkrieg, ohne irgendeine erzählerische Konsistenz oder einen dahinterstehenden Zusammenhang, als ein Bild für die Absurdität des Krieges lesen und auch als Motiv durchgehen lassen, weshalb Bender zu dem wurde, was er ist. Man kann solches Denken und Erzählen, aus der Perspektive des Protagonisten, als Ausdruck von dessen Charakter nehmen: sprunghaft, assoziativ und keineswegs normaler Menschenlogik immer folgend. So wie auch die ersten 100 Seiten teils montiert sind und in den Zeitebenen gesprungen wird. Plötzlich ist man in Worms in den 1920er Jahren, dann in Benders Kindheit, man liegt mit Bender bei seiner Geliebten Else, die nach Ziege roch, wir lesen von Elses geisteskrankem Bruder. Von der Konstruktion und vom ästhetischen Sinn her überzeugt mich diese Art des Erzählens jedoch nicht. Die Kunst gelungener Literatur besteht darin, den Irrsinn eines Protagonisten nicht nur im Irrsinnsmodus zu erzählen, indem in personaler Erzählweise das Denken dieses Peter Bender uns anschaulich gemacht wird – ein Denken, daß sich, so vermute ich, stark auch mit dem Assoziationsreichtum des Autors deckt –, sondern, gleichsam auktorial, als Romancier hinter die Geschichte zurückzutreten. Es mag auf die kurze Distanz der Erzählung tragen, wie Setz dies in seinem – teils – großartigen Erzählungsband „Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes“ schaffte. In seinem neuen Roman funktioniert dieses Verfahren nicht, Realität und Wahnsinn zu verbinden.

In den Roman sind immer wieder authentische Dokumente und Photographien eingebaut, so daß eine Anmutung entsteht, daß Reales geschildert wird. Aber die Art, in der Setz diese Geschichte erzählt, läßt keinen Zweifel daran aufkommen, daß wir es in diesem Fall mit einem klassischen Roman zu tun haben. Und selbst wenn man diese tragische Biographie der Benders nicht als Fiktion nur lesen mag, so ist die Form klar literarisch. Für das, was erzählt wird, ist es unwesentlich, ob es Peter Bender gegeben hat oder nicht. Es ist in etwa so wie in Kleists Novelle „Michael Kohlhaas“, „einer der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit“. Was man Setz aber zugute halten muß, ist der Umstand, daß er an einen solchen Menschen, der uns ansonsten kaum noch präsent wäre, überhaupt erinnert: jene Skurrilen und Seltsamen, jene Außenseiter und Spezialisten. Ähnlich wie mit den Zeugen Jehovas, die ebenfalls Opfer im nationalsozialistischen Deutschland waren, aber als Opfer im öffentlichen Diskurs kaum wahrgenommen wurden. Das reicht bis in die Gegenwart. Insofern tut Setz‘ Roman hier durchaus Gutes.

Immer wieder berührt der Roman die Zeitgeschichte: Benders Zeit im Ersten Weltkrieg, seine schwere Kopfverletzung nach einem Abschuß, im Lazarett in Polen, das damals noch nicht Polen hieß, sondern zum Reich gehörte, dort lernt er seine zukünftige Ehefrau Charlotte kennen, die ihn als Krankenschwester versorgte. Sie ziehen nach Worms, auch weil Juden in Polen nur bedingt wohlgelitten sind – am Rande schildert Setz Ausschreitungen der polnischen und antideutschen Bevölkerung gegen Juden –, die Rheinlandbesetzung durch die Franzosen, der Schmuggel von Waren und Drogen ins Saarland und nach Frankreich, um Geld zu verdienen, die Inflation von 1923 und die Machtergreifung der Nazis. Das macht Setz gut: beiläufig geschieht dieser Wandel der Gesellschaft, es ist das Jahr 1933, auf einem Astrologie-Kongreß wird einem mutmaßlichen Juden mit dem Namen Silber kein Stuhl mehr angeboten, es sind plötzlich nicht mehr genügend vorhanden, Bender bietet den seinen an. Und da Charlotte Jüdin ist, bleiben die Nachhilfeschüler Monat für Monat weg. Die Benders verarmen.

Stärken hat der Roman dort, wo er in speziellen Szenen jene Zeit zum Ausdruck bringt: etwa als Bender 1933 bei einem der Treffen in Augsburg mit Gleichgesinnten wegen seiner jüdischen Frau zunehmend geschnitten wird und in der Episode mit dem verweigerten Stuhl. Oder als im Winter 1934 die jüdische Vermieterin Frau Blun, die seit Ewigkeiten in diesem Haus wohnt, von Männern in SA-Uniform gezwungen wird, Schnee zu schaufeln. Bender beobachtet die Szene aus dem Fenster, ohne sie aber recht erfassen und einordnen zu können. Es ist dies von quälender Brutalität: Der Leser weiß bereits, was Sache ist und was geschehen wird, nur unser Held Bender steckt in seiner Traumtänzerlogik fest. Er denkt zunächst, die Blun schippe freundlich Schnee wie immer. Einer der dabeistehenden Jungs ist Benders ehemaliger Nachhilfeschüler Hasso. Bender bemerkt erst langsam, was da geschieht. Die alte Frau ist erschöpft, sie kann nicht mehr, und als Bender aus dem Haus tritt, sieht er, daß die Brille der Frau zerbrochen ist und daß die alte Frau blutete. Bender folgt der Aufforderung der SA-Jungs zu verschwinden.

„Erst als er in die Wielandstraße einbog, fiel ihm ein, dass er seine Handschuhe nicht dabeihatte. Was wollte er überhaupt hier? Warum war er –? Richtig, die Gesten. Die Jungen. Sie waren zornig.“

In solchen Szenen zeigt sich der hilflose und naive Charakter dieses Mannes. Irgendwie weiß er, was geschieht, aber er erfasst es nicht. Übersprunghandlungen dann: jetzt doch noch eine Zeitung kaufen, damit das Hinaustreten vor die Tür in irgendeiner Weise motiviert und gerechtfertigt ist. Es tritt in solchen Szenen vor allem die unendliche Hilflosigkeit Benders zutage. Wenig später wird er verhaftet und wegen Betrugs und Steuerhinterziehung eingesperrt. Daß ihm der Gefängnisarzt zuhört und sich seine Hohlweltgeschichten wie auch die Überlegungen zur Quadratur der Geschlechter anhört, deutet Bender als Teilnahme. Er wird für einige Zeit ins Irrenhaus gesperrt. Der Abstieg geht mühelos und immer eine Sprosse tiefer. Und Tag für Tag, Monat für Monat etabliert sich ein politisches Wahnsystem, gegen das die Hohlwelt-Spinnereien des irgendwie bekloppten, aber doch freundlichen Peter Bender sich nachgerade harmlos ausnehmen. Bender ist auf eine wahnhafte Weise von seiner Mission erfüllt und bemerkt dabei immer weniger, was um ihn herum in der tatsächlichen Welt geschieht, wie ihm sein Privatleben und sein gesellschaftlicher Stand entgleiten. Eine letzte Reise zu den bereits alten Eltern und in die Heimat. Darin liegt eine Melancholie und es schwingt das Bewußtsein von Abschied mit.

„Dass er, obwohl technisch gesehen schon abgereist, noch immer seine Mutter sehen konnte, setzte nun auch das Gefühl der Angst frei, dass er bisher hatte zurückhalten können, und es war eine wahnsinnige amoknahe Angst. Sie kannte kein Maß, keinen Trost. Das alles kommt nie mehr wieder!, begriff er. Das heißt, es würde weiterbestehen, aber ohne ihn. Ohne mich. Es war entsetzlich.“

Die Ausgrenzung der Juden nimmt Gestalt an. Im letzten Drittel des Romans gelingt es Setz, mit pointierten Schilderungen dieses Verfolgtsein anschaulich zu machen. Die Wohnungen, in der die Benders leben, werden kleiner, von Worms geht es nach Frankfurt, wo sie in einem Zimmer leben, das ihnen eine streng religiöse Familie aus Nächstenliebe überläßt. Die Bombardierungen durch die Alliierten und daß beide in getrennte Luftschutzkeller müssen. All das streift Setz in einer Art Schnelldurchlauf. Rettung gibt es für diese beiden Menschen keine. Charlotte Bender: Eine Jüdin. Peter Bender: einer dessen Krankheit des Kopfes ihn ins KZ bringt. Es ist Herbst 1943 und im Sprung geht es durch die Zeit, knapp wie eine Zeitungsmeldung oder eine krude Inhaltsangabe:

„Charlotte ist zu diesem Zeitpunkt Zwangsarbeiterin in einer Nähfabrik in Frankfurt-Niederrad. Im März 1944 erhält sie die Nachricht, dass ihr Mann im Lager Mauthausen gestorben ist. Man schickt ihr eine Sterbeurkunde und einen Behälter voller Asche. Kurz darauf wird sie von Frankfurt ins KZ Theresienstadt deportiert, von dort später nach Auschwitz. Ihr Sohn wird ebenfalls verhaftet und nach Auschwitz deportiert. Nur er überlebt das Lager.“

Und so enden diese beiden Leben tragisch. Die Hölle der Weltimmanenz ist womöglich eine reale. Vielleicht hatte Peter Bender am Ende doch recht – zumindest metaphorisch genommen und was die politische Lage betrifft: ein entsetzlicher Weltinnenraum. Aus dem es für Menschen wie Peter und Charlotte Bender keinen Ausweg gab.

Setzʼ Roman wurde am 23. März für den Leipziger Buchpreis nominiert. In der Jury befindet sich auch der Literaturwissenschaftler Moritz Baßler, der kürzlich jenen in den 1960er Jahren schon einmal etablierten Begriff des Midcults in die Literaturdebatte einbrachte. Unter Midcult sind solche Romane zu verstehen, die gut lesbar sind, verdaulich daherkommen, aber doch eine gewisse intellektuelle Tiefe andeuten: eine Literatur der Mittelklasse, die den Lesern das Gefühl gibt intellektuell auf der Höhe der Zeit zu sein, ohne dabei aber durch scheinbar komplizierte ästhetische Form überfordert zu werden. Ob Zeitgeistphänomene wie Verschwörungsideologien, Sekten und obskure Spinner und ob der Stil von Setz sowie die Form von dessen Roman unter Midcult fallen, sei dahingestellt.

Allerdings: ich erkenne in diesem Buch keinen „große[n] Wurf, insbesondere für die Möglichkeiten des historischen Romans“, wie es im Frühjahr die Jury des Leipziger Buchpreises schriebt, sondern sprachlich ist dieses Buch teils flapsig erzählt, stellenweise auch banal – man kann das als Figurenrede deklarieren, da wir Leser diese Geschichte aus der Perspektive jenes seltsamen Peter Bender geschildert bekommen.

Hier freilich hätte eine gewisse erzählerische Distanz zur Figur gutgetan, gleichsam das Thomas Mannsche Beschwören des Imperfekts. Es wurde durch solches Setzsches Einziehen der Distanz und durch jenen Setz-Sound, der die Sache überformte, die Chance vergeben, eine spannende Geschichte zu bieten. Es erinnert mich diese Art zu erzählen an Heinz Strunks Roman „Der goldene Handschuh“, der die berührende und entsetzliche Geschichte eines Mörders aufschreibt, ein kranker und geschundener Mann, der Frauen zerstückelt, sie in Säure auflöst und in der Mansarde seiner Wohnung aufbewahrt. Doch über diese erzählenswerte Geschichte legt sich an vielen Stellen jener Strunk-Sound und jener humorige Ton. Das eben macht das Erzählen und die Sprachform kaputt und torpediert sie. Ähnlich, wenn auch nicht gleich, verhält es sich mit den Setzschen Gewitztheiten und seinen manchmal tollkühnen, teils witzig-absurden, oft aber auch nur verschrobenen Assoziationen. Der Roman vergibt sein Potential aufgrund jener Manierismen, die allzu oft leider selbstzweckhaft das Erzählen bestimmen – zumindest ist dies mein Eindruck. Die Literaturkritik lobte diesen Roman mit Überschwang. Mir unverständlich, mich hat dieses Buch nur in wenigen Passagen berührt. So etwa in der Szene, als Bender zu seinen Eltern reiste. Da hat dieses Erzählen funktioniert.

Ich lege das Buch, nachdem ich mich durch die 2528 Seiten gelesen habe, weg und bemerke, frei nach Alfred Kerr, daß es doch nur 528 Seiten waren.

Clemens J. Setz: Monde vor der Landung. Roman, Suhrkamp Verlag, Berlin 2023, gebunden, 528 Seiten, 26.00 EUR

Zum Pazifismus und wie ein Symbol der Friedensbewegung zum Logo für Spinner und Schwurbler degenerierte

In dem Essay „Über Nationalismus“ schreibt George Orwell (im Jahr 1945!) unter anderem auch über den Pazifismus sehr treffend:

„Die Mehrheit der Pazifisten gehört entweder obskuren religiösen Sekten an oder es handelt sich schlicht um Menschenfreunde, die nicht wollen, dass jemandem das Leben genommen wird, und die sich weigern, über diesen Punkt hinauszudenken.
Es gibt jedoch eine Minderheit intellektueller Pazifisten, deren eigentliches wenngleich uneingestandenes Motiv der Hass auf die westliche Demokratie und die Bewunderung des Totalitarismus zu sein scheint.

Pazifistische Propaganda läuft normalerweise auf die Aussage hinaus, die eine Seite sei genauso schlimm wie die andere, doch schaut man sich die Schriften jüngerer pazifistischer Intellektueller genauer an, so erkennt man, dass darin keineswegs unparteiische Missbilligung zum Ausdruck kommt, sondern sie sich fast allesamt gegen Großbritannien und die Vereinigten Staaten richten.

Zudem verurteilen sie nicht durchweg Gewalt als solche, sondern lediglich Gewalt, die zur Verteidigung westlicher Länder angewandt wird. Den Russen wird, anders als den Briten, nicht vorgehalten, dass sie sich mit kriegerischen Mitteln verteidigen, und sämtliche pazifistische Propaganda dieses Typs vermeidet es sogar, Russland oder China überhaupt zu erwähnen …“

Hellsichtig hat Orwell die unheilvolle Tendenz einer bestimmten Linken bereits 1945 vorweggenommen, wie sie bei der DKP und heute auch in der Russia-Today Fraktion der Linkspartei zu finden ist, unter anderem am Typus Wagenknecht und Dagdelen sich  exemplifizierend. Zunächst im Blick auf die Sowjetunion und später dann hinsichtlich Rußland. Und genau das ist der Punkt, wo sich solche „Pazifisten“ mit Verschwörungsunternehmern wie Daniele Ganser und Dirk Pohlmann treffen: niemals findet man bei diesen trüben Gestalten auch nur mit einem Wort etwas über die entsetzlichen Zustände im totalitären, imperialistischen Rußland oder über die Lage im totalitär-diktatorischen China. Nirgends findet man einen Hinweis auf all die Kriege, die die Sowjetunion und dann Rußland in imperialistischer Absicht geführt haben. Es werden bei diesen Akteuren immer nur einzelne Aspekte dekontextualisiert. Oft klingt es glaubwürdig, wenn man es zum ersten Mal hört. Befaßt man sich aber mit den geschichtlichen und politischen Details und den tatsächlichen Hintergründen, sieht die Sache plötzlich ganz anders aus und Ganser und Pohlmann erweisen sich als unseriöse Menschenmanipulierer.

Irgendwie seltsam auch, daß der Deep State (mit den Freimaurern,  den Illuminaten oder einfach mit Hillary Clintons Pizza-Connection) oder auch die ungeheure Expansionsmacht der Nato das arme Rußland gerade in einer Phase, wo es sich schwach wie nie zeigt, nicht in die Knie zwingen. Wäre nämlich die NATO im Falle Rußlands jener Kriegstreiber, wie es Ken Jebsen, Ganser, Pohlmann, Bröckers und Konsorten insinuieren, so hätte sie leichtes Spiel, mit Manövern an Rußlands Grenzen, mit dem Auffahren von Kampfverbänden in Norwegen, Finnland, Polen, Rumänien wie auch den baltischen Staaten Rußland in den Würgegriff zu nehmen und Putin das zu geben, was ihm zukommt: nämlich ihm den Hals umzudrehen. Nichts von dem geschieht – leider. Und militärisch hält sich die NATO von Anbeginn aus Rußlands Angriffskrieg heraus: sie sendet keine Truppen, sie richtet keine Flugverbotszonen ein, sie sichert keine ukrainischen Getreidekonvois. Ob das sinnvoll ist, darüber können wir lange debattieren.

Zu viel Zurückhaltung allerdings, das hat auch die jüngere Geschichte bisher gezeigt, nützt am Ende nur Putin. Auch bei der Frage, ob die Ukraine ins Verteidigungsbündnis der NATO aufzunehmen wäre, gab es erhebliche Bedenken – und gleiches gilt für den EU-Beitritt. Wäre die NATO ein expansiver Verein, dann stünde die Ukraine bereits seit 2008 oder früher noch in einem NATO-Bündnis. Was die USA und die einige NATO-Staaten allerdings taten: Die Ukraine in die Lage zu versetzen, sich gegen den russischen Aggressor zu verteidigen. Tja, da müssen der Ganser-Daniele und der Pohlmann-Dirk und all die anderen Verschwörungsunternehmer arg schlucken: Imperialismus gibt es nicht nur bei den USA, sondern ebenfalls und seit Jahrhunderten auch bei Rußland. Hätte diesen Gestalten auch früher aufgehen können.

Im Blick auf Rußland steht im Blog „Vernunft und Ekstase“ in einem Eintrag vom 11.10.2022 treffend geschrieben:

„Russland ist auch nicht Nazi-Deutschland und Putin ist nicht Hitler. Es gibt strukturelle Unterschiede, aber auch strukturelle Ähnlichkeiten. Die strukturelle Ähnlichkeit beginnt schon einmal damit, dass es sich beim gegenwärtigen Konflikt nicht allein um einen un-ideologischen territorialen Konflikt handelt (so wie wenn sich Großbritannien und Argentinien um eine Inselgruppe streiten), sondern um einen Konflikt von grundlegenderen Lebens- und Herrschaftsweisen. Russland ist eine Despotie, die in den vergangenen zehn Jahren ihren Bürgern und Bürgerinnen die demokratische Luft zum Atmen abgeschnitten hat, das Putin-Regime hängt einer expansionistischen, imperialen Idee an und die Propaganda, Sprache und Inszenierung des Regimes hat immer mehr faschistoide Elemente angenommen. Mit Orwell können wir daher sagen, dass jede Form des Appeasement gegenüber einem solchen Regime eine Hilfeleistung für den Totalitarismus ist.“

Dies ist pointiert, pointiert geschrieben, die Situation im gegenwärtigen Rußland, und innenpolitisch ist, wie auch im Dritten Reich und wie in den meisten Diktaturen, nicht zu erwarten, daß sich dort etwas ändert. Die Spekulationen, wie lange Putin noch im Sattel sitzt, bleiben Spekulationen.

Herta Müller sagte es in einem Interview in der WELT sehr richtig: „Ich bin nur Pazifistin, wenn Frieden Freiheit bedeutet.“

Ein Pazifismus, der das Sterben der Menschen in der Ukraine in Kauf nimmt, ein Pazifismus, der totalitären Terror ignoriert, wie er von Putin ausgeht – erst jetzt wieder in der Verurteilung des Oppositionspolitikers Nawalny zu sehen, der zu 19 Jahren Lagerhaft verurteilt wurde -, ist kein Pazifismus, sondern Parteinahme für das Recht des Stärkeren und für ein faschistisch-totalitäres Regime. Wer zu den Diktaturen in Belarus, Tschetschenien und Rußland schweigt, aber bei Airbase Ramstein nölt, hat ein Glaubwürdigkeitsproblem. (Inzwischen sind, einschließlich mir, die meisten Menschen in Deutschland dankbar, daß es diese Airbase gibt. Sie ist nämlich Europas Sicherheitsgarantie gegen Rußland.)

Wer zu Rußlands Bombenterror gegen ukrainische Zivilisten schweigt oder einfach nur abstrakt „Nie wieder Krieg!“ oder „Frieden jetzt!“ in den Raum stellt und dabei nicht klar den russischen Aggressor benennt, der ist kein Pazifist, sondern im freundlichsten Falle ein Narr. Denn dieser russische Angriffskrieg geht von einem klar benennbaren Aggressor auf, und da löst sich der Satz „Frieden“ nicht einfach ins schlechte Allgemeine auf, ein Allgemeines, das alles und nichts in einem meint. Einen Frieden durchzusetzen, indem die Ukraine einen Teil ihrer Souveränität aufgibt, ist kein Frieden, sondern bloß der Auftakt zu neuen Kriegen. Klare Positionen zu schaffen, geht leider nur mit Waffen. Und leider wurde darüber in Deutschland viel zu lange debattiert. (Mag sein, daß hinter den Kulissen mehr und anderes geschieht. Das wäre zu hoffen.) Und was die Befürchtungen angeht, Putin könnte Deutschland oder Polen angreifen:

Das Interview mit Herta Müller ist im übrigen auch insbesondere im Hinblick auf totalitäre Regime und Diktaturen lesenswert.

So verständlich der Wunsch nach Frieden ist – nichts wünschen sich die Menschen in der Ukraine mehr, nachdem sie von Russen überfallen wurden -, so sehr ist es aber auch nachvollziehbar, daß ein Frieden unter Putins Stiefeln kein Frieden sein kann, sondern lediglich eine Friedhofsruhe. Daß Freiheit erkämpft werden muß, wußten im Zweiten Weltkrieg als Hitler Europa überfiel, insbesondere die westlichen Alliierten.

Jene weiße Friedenstaube auf blauem Grund ist inzwischen ein Symbol für Putinfreunde, Verschwörungsschwurbler und Naive geworden. Gewaltherrschaft läßt sich mit keiner weißen Taube bekämpfen – außer vielleicht, sie hat Sprengsätze unterm Bauch, die sie auf russische Stellungen wirft. Insofern: Taurus nach Kiew! Was nach griechischer Mythologie klingt, ist aber ganz profan, kein Flugdrache und kein Höhlenstier, sondern Target Adaptive Unitary and Dispenser Robotic Ubiquity System. Und genau das braucht die Ukraine, damit Frieden ist.

Lviv, Ukraine (Gefunden bei Jürgen Florenz)
Auch das war Putin.

Zum 50. Todestag: Mit Walter Ulbricht kämpft sich’s gut:

Karl Marx hat uns die Welt erklärt und Lenin die Partei,
Sie haben auch das Volk gelehrt, wo seine Stärke liegt:
Zusammenstehen und vorwärts gehen, mag auch der Sturmwind toben,
Wir selbst sind Sturm und Frühlingswind, die machtvoll sich erhoben.

Die Klasse gibt uns Kraft und Mut,
Und die Richtung die Partei.
Mit Walter Ulbricht kämpft sich’s gut,
Voran die Straße frei.

Die Welt verändert ihr Gesicht, der Mensch erhebt das Haupt,
Der Arbeitssklave drängt zum Licht, das ihm der Herr geraubt,
Doch keinem wird ein Recht geschenkt, das nicht im Kampf errungen.
Denkt an das Banner blutgetränkt und folgt ihm nach ihr Jungen.

Die Klasse gibt uns Kraft und Mut,
Und die Richtung die Partei.
Mit Walter Ulbricht kämpft sich’s gut,
Voran die Straße frei.

Karl Liebknecht, Thälmann, Wilhelm Pieck sind uns voran geschritten,
Sie haben für des Volkes Sieg gelitten und gestritten.
Und gibt es noch der Feinde Schar, sie werden ihr beweisen,
Das Jahr 2000 wird das Jahr des Kommunismus heißen.

Die Klasse gibt uns Kraft und Mut,
Und die Richtung die Partei.
Mit Walter Ulbricht kämpft sich’s gut,
Voran die Straße frei.

Und auch ich habe etwas gedichtet:

Mit Walter Ulbricht kämpft sich‘s gut,
und ich bin die Partei.
Und wenn ihr mir nicht folgen tut,
dann spiele ich Schalmei.

Ich spiel so laut, ich spiel so schrill,
ihr werdetʼs nicht vergessen.
Ich bin der Kommunistendrill
und werde euch erpressen.

Zum 50. Todestag von Walter Ulbricht ist auch von Johan Georg Reißmüller die CD „Uns gefällt diese Welt. Lieder der frühen DDR“ zu empfehlen, darauf unter anderem „Mit Walter Ulbricht kämpft sich’s gut“ zu hören ist. (Leider aber nur noch antiquarisch zu erstehen.) Diese CD ist aus geschichtlichen Gründen insofern wichtig, weil man mit solchen Kampfliedern den absurden Irrsinn der DDR, der SED-Diktatur und der KPD-Arbeiterbewegung der späten Weimarer Republik ersehen kann. In diesem Sinn ist es schade, daß solche Lieder zunehmend in Vergessenheit geraten und aus diesem Grunde war diese CD, als sie 1999, also zehn Jahre nach dem Mauerfall, erschien, wichtig. Lieder, die einmal in der DDR jedes Kind gekannt hat, weil sie gesungen werden mußten. Geschichte eben.