Bilder von Auschwitz?

Von Juergen Teller ist Anfang des letzten Jahres der Bildband „Auschwitz Birkenau“ im Steidl Verlag erschienen. Der Einband in neutralem Grau gehalten, mit schwarzer Schrift darauf, im Innenteil pro Seite zwei Photographien, Bild auf Bild, vier Bilder auf den Doppelseiten meist, seriell komponiert und also bei über 400 Seiten eine Flut an Photographien, wenige Textseite nur. Teller, der bisher vor allem für szenige und schräge Mode- wie Menschenphotographen bekannt ist und der auch das ZEIT-Magazin lange photogrpahisch begleitete, wurde von Christoph Heubner, dem Exekutiv-Vizepräsident des Internationalen Auschwitz Komitees, dazu eingeladen, Auschwitz-Birkenau, mithin das Vernichtungslager, zu dokumentieren.

Minuziös wird dieser Ort, der zugleich ein Nicht-Ort und ein Un-Ort ist und bei dem es zu fragen bleibt, auf welche Weise er abbildbar ist, in allen möglichen Facetten photographiert. Baracken, Bäume, Gelände, zerstörte Gebäude, die Todesmauer, die Räume der dort arbeitenden Menschen, die Räume der dort vernichteten Menschen, Gleise, Duschen, Häftlingszeichnungen, Schülergruppen, die übers Gelände geführt werden, Souvenierstände mit einer unermeßlichen Auswahl an Postkarten – ich frage mich, aus was für Gründen jemand eine Postkarte mit Auschwitz-Motiven verschickt -, Stacheldrahtzäune, zerstörte Krematorien, Wachtürme, Schautafeln für Besucher, Kiefern und vor allem immer wieder die Birken, Gleise, die ins Leere führen, Schreckensorte, die nun von der Natur überwachsen sind, niedergelegte Rosen, Steine, Details vom Mauerwerk, die obligatorische „Arbeit macht frei“-Schrift am Tor zum Stammlager I, Namenslisten, Gänge, die Ausstellungsräume mit den Dokumentationsphotographien und -Videos, Wände aus rotem Backstein, mit Mörtel verfugt, Holzplanken, kalte Räume aus Stein: eine Fülle, eine Flut an Bildern und Eindrücken und Emotionen wohl auch.

Man kann diesen Buch mit Fug und Recht als eine umfassende photographische Dokumentation zu diesem Vernichtungs- wie auch Konzentrationslager bezeichnen. Photographien von Auschwitz, Photographien eines Erinnerungsortes, einer Gedenkstätte, eines Todeslagers, in dem Million Juden umgebracht wurden, dazu Zigeuner bzw. Sinti und Roma, Polen, sowjetische Kriegsgefangene, Geistliche, Zeugen Jehovas, politische Gefangene, Schwule. Darf man diesen Ort zeigen – so wie er in der Gegenwart sich den Besuchern präsentiert? Ist es Lustkitzel oder notwendige Erinnerung? Die alte Frage.

Maxim Biller hat im Mai 2025 in der ZEIT-Kolumne „Unter den Linden“ eine scharfe Kritik an Tellers Buch formuliert:

„Achthundert Fotos! Warum schafften es am Ende so unendlich viele von Juergens hübschen Auschwitz-Bildern in sein neues Auschwitz-Buch, das jetzt vor mir auf meinem Schreibtisch liegt? Unsicherheit, Größenwahn, Holocaust-Pornografie? Ich habe es inzwischen mindestens zehnmal, zwanzigmal durchgeschaut und dabei immer wieder gedacht: Was soll das? Wem hilft dieses fette, geschmackvoll gestaltete Coffee-Table-Book über das Signature-KZ der Nazis, zu verstehen, was damals die Opfer und die Täter gefühlt hatten? Warum soll ich mir auf vielen Seiten die wunderschönen, feuerrot leuchtenden Hagebutten-Büsche von Birkenau ansehen? Welche Bedeutung haben die Fotos der nebeneinander aufgereihten Häftlingstoiletten, außer dass man bei ihrem Anblick an Duchamps Pissoir denken muss? Was ist so interessant an einem modernen Passagierbus, auf dessen Anzeige „Auschwitz-Birkenau“ steht? Und warum muss ich bei Juergens Bildern der Gaskammerwände, gezeichnet von den Handabdrücken der Ermordeten, an die zarten Mauerfotos von Atget denken und nicht daran, wie die Juden dort langsam erstickten?

Und dann ist da noch das abfotografierte Opferverzeichnis, die Seiten, auf denen man die Namen der Getöteten liest, die „Teller“ hießen! Mendel Teller, Miriam Teller, Leah Teller. Was will uns der nichtjüdische Fotograf Juergen Teller damit sagen? Dass es damals auch ihn erwischt hätte? Dass der Holocaust den Deutschen allein gehört?“

Das ist eine harte und in Teilen berechtigte Polemik – gerade auch was die doch kokette Teller-Anspielung betrifft. Andererseits sehe ich dieses Buch doch ein wenig differenzierter und würde es nicht in dieser Drastik kritisieren.

Zunächst einmal aber steckt hinter Billers Einwand ein richtiger Gedanke: Wie kann man mit Auschwitz, mit der industriellen Ermordung der Juden angemessen umgehen? Gerade hinsichtlich der Vergegenwärtigung eines unermeßlichen Grauens, industriell gefertigte Tote und Aschenreste, in Photographien, dargeboten zudem in einer fast schon inflationären Form mit 800 Bildern, als sähen und blickten tausend Augen aus diesen Ort Auschwitz heraus, um immer neue Details ans Licht und in die Belichtung zu bringen, und wir sehen es mit tausend Augen. Aber auch um es irgendwie handhabbar zu machen – zumindest bildlich. Das, was von seiner ganzen Konstruktion her, als Endlösung der Judenfrage in Europa, nicht handhabbar zu machen ist

Mir ist dieser serielle Aspekt beim Photographieren und dann auch beim Präsentieren nicht fremd, da ich ähnlich arbeite. Der Polenmarkt oder eine Demonstration „erschließt“ sich nur durch eine Vielzahl an Photographien – die freilich und trivialerweise immer auch die eigene Interpretation des Geschehens bedeuten. Aber gehört ein Ort wie Auschwitz ebenfalls in diese Kategorie? Ein Alltagsort ist es sicherlich nicht.

Es berührt diese Frage des Bildes im Blick auf die Shoah eine alte Debatte. So etwa Jean-Luc Godards Kritik an Claude Landsmans eindringlicher Dokumentation „Shoah“, darin lediglich die Menschen sprechen, aber wo ansonsten keinerlei Bilder von Auschwitz zu sehen sind. Während Godard an die Kraft und die Möglichkeit von Bildern glaubte – auch denen der Toten und der Lager -, sieht Landsmann darin ein erhebliches Problem: ein nicht zu bändigendes Ereignis wird handhabbar und in Bildern konsumierbar gemacht. Kommt den Bildern von Auschwitz eine katharktische oder didaktische Funktion zu?

Die Frage nach der Abbildbarkeit („Bilder trotz alledem“), die Anfang der 2000er Jahre anläßlich einer Photo-Ausstellung in Paris der Kunsthistoriker und Bildtheoretiker Georges Didi-Huberman in seinem gleichnamigen Buch stellt, bleibt bis heute virulent. Gerade auch im Blick auf Claude Lanzmans Einwände gegen Didi-Hubermans Dialektik der Abbildbarkeit, die sich dem strikten Bilderverbot verweigert und die zugleich dennoch die Schwierigkeiten und Probleme solcher Darstellung in Anschlag bringt. Wobei es sich im Kontext dieser Photographien um eine völlig andere Art von Photographie handelt als bei Teller. Didi-Huberman schrieb sein Buch über Photographien, die im wahrsten Sinne des Wortes Dokumente eines bisher in Bildern undokumentierten Ereignisses sind: Photographien, die aus Auschwitz stammen und Häftlinge der Sonderkommandos zeigen, wie sie Leichen verbrennen. Es handelt sich um 1944 heimlich aufgenommene und aus dem Lager geschmuggelte Filme. In diesem Kontext ging es um ein historisches Dokument, wo zum ersten Mal überhaupt tatsächlich eine Photographie dieses Mordens gemacht und auch der Öffentlichkeit gezeigt wurde. Dennoch sind die Fragen und die Debatten ähnlich.

Wir denken in solchem Bezug auch an Susan Sontags Überlegungen zur Wirkung von Photographien, vor allem in ihrem Buch „Das Leiden anderer betrachten“, darin sie, anders als in ihrer scharfen Kritik an jenen Schock- und Kriegsphotographien in „Über Fotografie“, die politische und auch moralische Relevanz solcher Photographien in Anschlag brachte.

Und es bleibt die Frage: Was unterscheidet eine Bildserie über die Schlachtfelder von Verdun und wie es dort und in der Umgebung heute in unserer Gegenwart aussieht, von solchen Auschwitzbildern? Warum befällt uns bei diesen Photographien solches Unbehagen und teils auch solche scharfe Ablehnung wie sie Biller schildert?

Vielleicht aber ist der Einwand doch ein anderer, und er hängt mit dem zusammen, was wir die reale Gegenwart nennen. Photographien sind immer nur Abbild von etwas – und zudem meist geronnene Zeit. Sie vermitteln Eindrücke. Und sie bestimmen durch die Sichtweise des Photographen und dessen Interpretationsrahmen den Blick auf eine Sache. Meine Ostsee bei Zoppot ist eine andere Ostsee als die von X oder Y oder die meiner Großmutter, die kaum Gelegenheiten hatte, in den 1930er und 1940er Jahren Photographien zu machen. (Und wenn sie diese Gelegenheiten hatte, so sind diese Bilder bei der Flucht vor den Sowjets verschollen.)

Solche Perspektivität der Deutung ist bei einer Landschaft oder einem Flohmarkt kein großes Problem, über das man debattieren müßte: der eine Photograph will die verkauften Objekte festhalten, der andere den Menschentrubel, und wenn er kein völliger Stümper ist, kommen dabei in der Regel brauchbare Photographien heraus. Bilder über einen Flohmarkt, eine Landschaft oder eine serielle Dokumentation über eine Stadt sind etwas anderes als die Dokumentation eines Todeslagers. Insofern ist es bei solchen Szenarien sinnvoll, die Objektbereiche zu unterscheiden: Während man bei einem Bildband wie dem über die Autobahn 100 in Berlin (siehe hier) über die ästhetische Gelungenheit der Bilder debattieren kann, ist das bei Auschwitz-Birkenau ein wenig anders. Man kann sicherlich das bewußt Kunstlose von Tellers Bildern kritisieren, aber das eigentliche Kriterium ist dennoch nicht die besonders kunstvolle oder eben kunstlose oder serielle Abbildung. Und auch die Menschenleere in beiden Photobüchern hat ein völlig anderes Gewicht.

Stellt sich diese Frage nach dem Ästhetischen bzw. dem Aussetzen desselben bei Kriegsphotographien auch derart? Das berühmte Capa-Bild von der Landung in der Normandie im Juni 1944 wirkt derart herausragend gerade wegen genau dieser Art der Darstellung, die freilich nicht nur der Komposition des Photographen geschuldet war, sondern vor allem dem Zufall: daß nämlich ein Laborgehilfe den sofort nach London gelieferten Film falsch entwickelte, so daß das Korn runzelte und eben genau die Unschärfe und Grobkörnigkeit entstand, die erst den genialen, dynamischen Effekt dieser Photographie erzeugte.

Nun mag es zwar, wie Susan Sontag in „Über Fotografie“ und Roland Barthes in dem Text „Schockphotos“ aus den „Mythen des Alltags“ bemerkten, moralisch und auch ästhetisch fragwürdig sein, solche Kriegsbilder im Rahmen von Kunst und in einer Galerie oder einem schicken Kunstbildband zu zeigen und das gilt erst recht für die Bilder gemarterter Körper in einem Lager oder aber für solche Räume, darin Menschen, zumeist Juden, entsetzlichste Gewalt angetan wurde und wo sie der systematischen und industriellen Vernichtung anheimfielen. Aber läßt sich daraus auch ein Bilderverbot oder gar eine rigide Bildermoral ableiten? Die Sache ist schwierig zu entscheiden. Und so geht es mir auch bei jenem Buch von Juergen Teller. Die sich hieran anschließende Frage ist sicherlich auch die, auf welche Weise jemand mit diesem Buch umgeht: als Coffetable-Book zum lockeren Blättern. Oder als eine visuelle Studie und als Dokument, als Buch, dessen Bilder ich mit Intensität betrachte.

Steht über einem solchen Werk zudem noch der Name „Auschwitz-Birkenau“, so setzt dieser Name eine völlig andere Markierung und er bedeutet einen völlig anderen Horizont und einen Rahmen an Referenzen als „Flohmarkt in Schöneberg“ oder „Potsdam und Umgebung“. Die Gefahr auch, daß ein solcher Name im ubiquitären Gebrauch vernutzt wird. Und zugleich kann solcher Name, der mit dem Entsetzlichen und mit der Hölle verbunden ist, etwas Obszönes in sich tragen: grell, marktschreierisch – was die Photographien von Teller freilich nicht sind. Sie zeigen. In einer Art Dauerschleife. Und damit sind die in gewisser Weise auch eine Form des Andenkens und Erinnerns und auch des Vergegenwärtigens einer Vergangenheit, die gerade heute und im Blick auf gegenwärtigen Antisemitismus von links, rechts und aus dem migrantisch-muslimischen Milieu ganz und gar nicht vergangen ist. Dennoch bleibt immer auch dieser Aspekt des Konsumierbaren.

Und damit sind wir, gerade heute am 27. Januar, zugleich bei dem Thema der Gedenktage: Wenn solches Erinnern an furchtbarste Gewalt, die sich in dem unmöglichen Namen Auschwitz verdichtet, zu einem Ritual gerinnt oder gar als eine Art Ablaßhandel gebraucht wird, so liegt darin etwas Problematisches und dieses Gedenken wird derart dann zu einer „Angelegenheit“, die man in einer Routine abwickelt, einer Kranzabwurfstelle, einem Blumengelage und unweigerlich spielt einer Klezmer-Musik. Zugleich brauchen Gesellschaften aber solche symbolischen Rituale, um sich ihrer selbst zu vergewissern – auch und gerade in den entsetzlichsten Seiten der eigenen Geschichte und um also ein Bewußtsein für genau diese deutsche Geschichte wachzuhalten. Bereits aus diesem rein pragmatischen Grund der Bewußtwerdung, gerade auch für jene, denen diese Zeit vollkommen fern ist, bleibt der Spott und die Kritik, die an solchen Tagen von rechts wie auch von links kommt, unangemessen. (Auch hier muß man sicherlich aufpassen, nicht zu sehr nach einem Prediger zu klingen.)

Tellers Bildband, gerade in dieser erschlagenden Vielzahl von Photographien, hinterläßt mich einerseits ratlos. Eine Überflutung nachgerade. Irgendwie sinnvoll vielleicht für alle, die nie in Auschwitz waren, aber aufgrund der Masse zugleich auch pointless oder in Deutsch geschrieben zwecklos. Aber vielleicht liegt darin eben gerade auch der mimetisch-ästhetische Aspekt solcher Präsentation. Eine erdrückende, erstickende, bewegende Masse an Photographien aus Auschwitz, das hier zugleich auch als eine Art Freilichtmuseum fungiert. Und genau das ist zugleich die krude Realität. Die Photographien zeigen, was ist. Eindeutige Antworten zu geben, ist bei solchen Sujet nicht ganz einfach.

Andererseits bezeugen diese meist menschenlosen Szenen von einem Ort, darin Menschen industriell und mit vollständiger Gleichgültigkeit ums Leben gebracht wurden, in dieser Vielzahl doch etwas: das Vergehen der Zeit, die Reste, die bleiben und wie sich ein Ort des Schreckens zu einem Erinnerungsort transformiert. Teller liefert ein notwendiges, wichtiges und zugleich in vielfacher Hinsicht beklemmendes wie auch kritisierbares Buch.