Weihnachtlicher Gabentisch (2): Felix Heidenreich „Der Diener des Philosophen“

Ich weiß nicht, wie häufig der Philosoph Immanuel Kant in der deutschsprachigen Literatur auftaucht, aber immerhin wurde dem Leben Kants zuweilen literarisches bzw. essaiistisch-literaritsches Interesse entgegengebracht, wenn ich an Thomas de Quinceys „Die letzten Tage des Immanuel Kant“ denke. Und mir fällt dazu weiterhin die Szene in Daniel Kehlmanns „Die Vermessung der Welt“ ein, als der Mathematiker Gauß die kantische Stube in Köngisberg betrat und den schon hoch betagten und mithin alten, ja gar greisen Philosophen besuchte:

„Er ging in die Hocke, so daß sein Gesicht auf gleicher Höhe mit dem des Männchens war. Er wartete. Die kleinen Augen richteten sich auf ihn.
Wurst, sagte Kant.
Bitte.
Der Lampe soll Wurst kaufen, sagte Kant. Wurst und Sterne. Soll er kaufen.'“
(Kehlmann, Die Vermessung, der Welt)

Jetzt ist im Wallstein Verlag ein kurzer, gerade einmal 149 Seiten umfanfassender Roman von Felix Heidenreich mit dem Titel „Der Diener des Philosophen“ erschienen. Heidenreich wirkt an der Universität Stuttgart als Politikwissenschaftler, 2022 debütierte er mit seinem Roman „Ich erinnere mich noch“. Nun also ein Roman über Kant, seinen Diener Lampe, der, nachdem er im preußischen Heer diente, Kants Haushalt besorgte und dann, als er mit dem Trinken anfing, von Kant entlassen wurde, sowie Kants späterem Sekretär, dem Königsberger Theologen und Kantor Ehregott Andreas Christoph Wasianski. Im Klappentext, den ich hier gerne wiedergebe, weil es mir eine Zusammenfassung erspart, so daß ich meine Originalität auf andere Dinge verschwenden kann, liest sich das so:

„Als der ehemalige Soldat Martin Lampe in den Dienst des jungen Philosophen Immanuel Kant tritt, beginnt ein Kampf zwischen Herr und Knecht. Lampe entwickelt eine eigenwillige Form des subtilen Widerstands: Nach außen gibt er den Trottel, doch in Wirklichkeit versucht er mit hinterhältigen Mitteln den Meisterphilosophen vorzuführen und treibt ihn allmählich in den Wahn. Schon bald werden der Diener Lampe und sein Herr zu einem skurrilen, stadtbekannten Paar. Doch auch Kants guter Freund Ehregott Wasianski, der später als erster Biograf Kants berühmt werden wird, hat seine Pläne. Diese zielen vor allem darauf ab, die Gefahr einer Verheiratung Kants abzuwehren, denn dies würde das Ende der genialischen Arbeit Kants bedeuten. Der Autor inszeniert ein Verwirrspiel, bei dem historische verbürgte Fakten und intertextuelle Überblendungen ineinander übergehen. Und so liefert dieser Roman nicht nur Unterhaltung, sondern zugleich einen philosophisch informierten Blick in die Abgründe der Aufklärung.“

Eine Art Herr-Knecht-und-Intrigen-Geschichte, wie sie auch in den Komödien des 18. Jahrhunderts üblich war. Vom Tonfall und den teils absurden Szenen erinnert diese Geschichte zuweilen an die Prosa von Robert Gernhardt, der ebenfalls gerne solche komplexen philosophisch-alltagspraktischen Verwicklungen konstruierte – etwa in seinem Band „Kippfigur“ die Erzählung „Das Buch Ewald“. Der Humor darin ist bei Gernhardt wie auch Heidenreich ein heiterer – kein böser, bitterer, galliger. Doch auch bei diesem wird es zuweilen ernst. Neben dem heiterem Ton findet sich manch melancholische Wendung, wenn es um die endlichen Dinge geht, sowie eine profunde Kantkritik, die diese Erzählung begleitet: nämlich in der Figur des legendären Dieners Lampe. Während ein Teil des Romans in der personalen Erzählweise aus der Sicht Wasianskis erzählt wird, läuft der andere Teil aus der Ich-Perspektive Lampes und wie er Kant nicht etwa als seinen Herren, sondern als Feind betrachtet. Lampe unterläuft und sabotiert die im zugeschriebene Aufgabe.

„Die Rolle, die er mir zugewiesen hatte, spielte ich ihm vor. Doch der trottelige Diener, den er in mir sehen wollte, sollte ihm zugleich die empfindlichsten Niederlagen auf dem Felde der Philosophie zufügen.“

Und an anderer Stelle:

„Ich wollte nicht mehr dumm sein, ich wollte lernen, sprechen, denken können, genau wie jene, die ich bediente.“

Das hat schon auch etwas Anrührendes. Das Herr-Knecht-Ding bekommt insofern noch eine besondere Dialektik, als daß Lampe sich in den scheinbar dummen Kriteleien an Kant, die er in Kants Gesellschaften als vermeintlich einfältiger Diener von sich gibt, einer Kritik bedient, wie sie später dann Hegel an Kants Erkenntnistheorie üben sollte. Das vermeintlich Triviale ist ganz und gar nicht trivial. Die Wahrheit des Herren ist der Knecht: Hinsichtlich der Grenzen der menschlichen Vernunft hat Lampe, als Kant mit einem weitgereisten Gast im Gespräche über solche Fragen dozierte, jene Hegelsche Antwort aus seiner „Wissenschaft der Logik“ parat und er warf:

„aus der dunklen Ecke des Raumes die Frage ins Gespräch, ob man denn, wenn man eine Grenze ziehe, nicht zugleich etwas über die andere Seite der Grenze wissen müsse, ganz so, wie man ja auch über den Gartenzaun blicke, worauf der Gast mir Recht gab und zugleich beipflichtete, dass ja die These, der Mensch könne Unendliches nicht erkennen, nur sinnvoll zu denken sei, wenn wir zugleich eine klare Vorstellung von Unendlichkeit hätten. Überhaupt, gab ich zu bedenken, seien Grenzen ohnehin eine recht fließende Sache, schon ein Blick auf den Strand von Königsberg zeige, dass die Grenze zwischen Land und Meer eine recht sumpfige Angelegenheit sei. Worauf Kant in etwas gereiztem Ton erklärte, dass unser Denkvermögen nach Möglichkeit mehr Präzision aufweisen sollte als der Schlick an der Ostsee, ja dass unsere Begriffe doch wohl messerscharf, absolut messerschaft zu sein hätten, wollte man man nicht in einer ganz und gar versumpften Philosophie enden, zumal er doch genau die soeben geäußerte Ansicht in seinem Hauptwerk widerlegt habe, mich mit einem Seitenblick voller Verachtung streifend – woraufhin wiederum der Gast mich ungläubig anblickte, ganz so, als läge ihm die Frage auf der Zunge, ob Kant sein Hauptwerk geschrieben habe, um seinen Diener zu widerlegen.“

Eine Grenze setzen, heißt bereits, sie zu überschreiten. Einerseits verkörpert Lampe den Typus des gesunden Menschenverstandes (wahlweise als sensus communis übersetzt, wie er auch in Kants „Kritik der Urteilskraft“ auftaucht), andererseits aber entfaltet sich in solcher Kritik bereits jene dialektische Subtilität:

„Kann man denn das Schwimmen lernen, bevor man ins Wasser geht?, fragte ich [Lampe] ihn beiläufig, nachdem er gerade seine Kritik der reinen Vernunft veröffentlicht hatte, in der er es unternahm, die menschliche Erkenntnisfähigkeit zu untersuchen, …“

Hegel formulierte diesen scheinbar schlichten Gedanken in seiner Enzyklopädie derart:

„Ein Hauptgesichtspunkt der kritischen Philosophie ist, daß, ehe daran gegangen werde, Gott, das Wesen der Dinge usf. zu erkennen, das Erkenntnisvermögen selbst vorher zu untersuchen sei, ob es solches zu leisten fähig sei; man müsse das Instrument vorher kennenlernen, ehe man die Arbeit unternehme, die vermittels desselben zustande kommen soll; […] – Dieser Gedanke hat so plausibel geschienen, daß er die größte Bewunderung und Zustimmung erweckt […]. Aber die Untersuchung des Erkennens kann nicht anders als erkennend geschehen; bei diesem sogenannten Werkzeuge heißt dasselbe untersuchen nichts anderes, als es erkennen. Erkennen wollen aber, ehe man erkenne, ist ebenso ungereimt als der weise Vorsatz jenes Scholastikus, schwimmen zu lernen, ehe er sich ins Wasser wage.“

Solche philosophischen Späße wie auch der Ernst, der darin steckt, machen „Der Diener des Philosophen“ anregend: jene zentrale Passage etwa, als in Kants Haus ein Buch aus England eintrifft und es fällt der Skeptiker David Hume in Kants Denken ein, versetzt ihm einen Faustschlag, weil Hume die überkommene dogmatische Schulmetaphysik ihres Fundaments beraubte, so daß ein für allemal der dogmatische Schlummer, in dem die deutsche Schulphilosophie steckte, bei Kant gebrochen ist. Und mit solcher Wende gerät auch der Roman in ein melancholisches Fahrwasser – gerade im Blick auf Kants letzte Lebensjahre.

Vor allem ist es aber auch die Konkurrenz zwischen Lampe und Wasianski, die das Buch reizvoll macht: Lampe, der Kant entlarven will, um zu zeigen, daß Scharfsinn und Dummheit dicht beieiander liegen und daß womöglich der Scharfsinn Kants zugleich einer hohen Portion Dummheit geschuldet war. Und da ist der sich an Kant anbiedernde Wasianski. Er hat zwar Kant Größe begriffen: das eben, was die Königsberger Gesellschaft nicht zu erfassen in der Lage war, die Kant als einen liebenswerten Zeitgenossen und auch klugen Gelehrten sah und für die „Philosophie nur eine andere Form der Tafelmusik“ war: „Aber sie verstanden nicht, dass Kant im Begriff war, die Welt aus den Angeln zu heben und ein völlig neues Zeitalter zu beginnen. Das verstand nur er, …“ Doch auch Wasianski spielt ein ganz eigenes Spiel: Kants Bild sollte ins rechte Licht gerückt werden, Kant mußte von einer Ehe abgehalten werden, weil diese bürgerliche Institution die Denkarbeit nur stört. Wasianski aber wollte mehr: er gedachte „Kants Philosophie auf eine unmerkliche Weise zum Abschluss zu bringen, indem er Kants Leben, vor allem Kants Freundschaft mit ihm selbst, Wasianski, als dessen letztes und bedeutendstes philosophische Werk zu verewigen suchte.“  Und so galt es, die Nachlaßschriften des gealterten Kants, die in den Augen Wasianskis verworren und wirr waren – im Grunde hätte Kant nach der „Kritik der praktischen Vernunft“ aufhören sollen, so Wasianski – zu beseitigen. Jener über die „Kritik der Urteilskraft“ vermittelte Brückenschlag zwischen theoretischer und praktischer Vernunft ist hier im Spiel. Etwa wenn es bei Kant in seinen späten Notizen um eine Art ätherisches Ich geht, das die verschiedenen, auseinandergerissenen Sphären wieder verbinden sollte, und dieses Ich, hier stockte Wasianski beim Lesen in Kants Notizen der Atem, solle

„selbst der Urheber der Erscheinungen sein. Dasss noch etwas außer mir sei, ist ein Produkt von mir selbst. Ich selbst mache mich selbst …, entzifferte Wasianski.
Was für ein Unsinn!, dachte er. Du törichter Greis!
Einen solchen Unfug vom sich-selbst-setzenden ich mochte bei der Jugend in Berlin für Applaus sorgen. Aber Wasianski würde diesen Rückfall in den blanken Idealismus niemandem durchgehen lassen,  auch Kant selbst nicht.“

Eine schöne Passage fürwahr, als Wasianski die Morgenröte einer neuen Philosophie wahrnahm, die für ihn jedoch nur eine Irrsinnswendung ist. Und es geschieht noch mehr: es galt gar, Kants Philosophie umzuschreiben, sie fürs Volk anschaulich zu machen: „Bilder brauchen wir, Geschichten“. Sozusagen eine Art „Ältestes Systemprogramm“: die Versinnlichung der Ideen und einen biographisch gut veränderten Kant – nach Wasiansiks Bild geformt. Was für eine feine Hybris!

Wasianski ist eine jener mediokren Figuren, die sich in narßistischem Größenwahn zu Besserem berufen fühlen und die Nachlaßverwalter und Schreibautotma ihres Herrn sein wollen.Getragen wird dieser Roman, von Seite zu Seite mehr, von einem grundsätzlichen Zweifel und einem alles durchdringenden Skeptizismus:

„Wasiansik hatte immer geglaubt, es sei ein besonderes Glück in seinem Leben gewesen, diesen Menschen  kennenlernen, ihm dienen zu dürfen. Nun [nach Kants Tod] erschien ihm der Name wie ein Fluch. Vielleicht gibt es gar keine synthetischen Urteile al priori? Vielleicht sind Kategorien einfach nur Worte.“

Wasianski und Lampe: zwei Diener eines Herren. Lampe mag dabei grobschlächtig sein und am Ende des Buches flieht er mit seiner Familie und den beim verstorbenen Kant gestohlenen Manuskripten – eine letzte Rache gleichsam -, aber dennoch wird er als eine Person dargestellt, die sich mit den Mitteln der Aufklärung aus einer nicht immer nur selbst, sondern auch durch die Gesellschaft verschuldeten Unmündigkeit herauswindet.

Am Ende nützen die gestohlenen Manuskripte jedoch auch Wasianski:

„Kant hatte ihn  immer nur benutzt. Aber nun, so dachte Wasiansik plötzlich, werde ich dich benutzen! Ohne Notizen aus dem Nachlass würde er seine Phantasie engültig von der Kette lassen können wie ein Hund. Die Menschheit sollte einen Kant kennenlernen, den er allein sich ausdachte. Wasiansik und Kant – diese Namen sollten für immer verbunden sein.“

Erzählt wird all dies in einem oft heiteren Ton, darin sich aber zunehmend Melancholie und eine Trauer über die Endlichkeit der Dinge mischt. Wir können zwar Unendliches zuweilen schauen, bleiben aber dabei doch endliche Wesen und können damit das Unendliche nicht erkennen, wenn man darin denn Kant folgen will. Dies ist das Drama und der Streitplatz der Philosophie, darin das Ich, der Tod, die Unendlichkeit und das Leben eine zentrale Rolle spielen.

Vielleicht ist dieses in vielen Passagen heitere und anspielungsreiche Buch ein guter, weil lockerer Auftakt fürs Kantjahr 2024. Denn was die Krisen und die Bedrohung durch Rußland betrifft, wird es die nächsten Jahre sicherlich nicht besonders angenehm, und da kann ein wenig Kant guttun, auch wenn wir vom ewigen Frieden weit entfernt sind. Spaßige Anekdote nebenbei, gleich im Auftakt des Buches, als die Reisegruppe mit Kant, Green, Wasianski und Lampe einen Ausflug aufs Land tätigt:

„Sie machten Rast in einem Gasthaus, wo Wein im Garten serviert wurde. Zum ewigen Frieden stand auf einem großen Holzschild. Der Name verwies auf den angrenzenden  Friedhof.“

Felix Heidenreich: Der Diener des Philosophen, ISBN 978-3-8353-5530-9, € 22,00
Wallstein Verlag 2023