Ich habe Christopher Nolans Spielfilm „Oppenheimer“ im Sommer letzten Jahres gesehen. Es ist ein spannender Film über die Entwicklung und den Einsatz der Atombombe im Rahmen des Manhattan-Projekts wie auch über Oppenheimers Leben. Als Film in seiner Machart nicht überwältigend, daß ich es als ein cineastisches Meisterwerk wahrnähme, aber doch eine in großen Teilen solide Arbeit. Der Oscar ist vermutlich teils auch der gegenwärtigen politischen Lage geschuldet, darin ein faschistischer Diktator samt seinen Gehilfen immer wieder einmal mit dem Einsatz von Atomwaffen droht.
Die Erzählweise von „Oppenheimer“ ist verschachtelt, die Zeitebenen greifen ineinander – auf eine freilich gut nachvollziehbare Weise. Die rund drei Stunden werden dem Zuschauer nicht langweilig, was fürs Kino ein wichtiger Aspekt ist, zumal es bei diesem Plot schwierig sein dürfte, ihn zu verhunzen, und bei Sommerhitze ist es in Berlin im Kino angenehm kühl, so daß eine gewisse Milde vorwaltete. Die Zuschauer gleiten in die für die meisten Menschen abstrakte und schwer fassbare Welt der Atom- und Quantenphysik. Aber es gibt auch Negatives zu sagen: der Soundtrack ist ungemein nervig: schwirrende, schrille, überdramatisisierende Geigenmusik, Streicherorchester, die im Rahmen der Jagd nach Kommunisten in der Nachkriegs-USA unter McCarthy die Vernehmung Oppenheimers durch einen Ausschuß untermalen und auch vielen andere Szenen suggestiv begleiten, zuweilen pathetisch ins Wagnerisch-Orchestrale sich steigernd – was kein Manko sein muß, wenn es denn passen würde. Vor allem aber geschieht diese Beschallung in einer enervierenden Lautstärke, von der ich nicht weiß, welche filmische, narrative Funktion solches Getöse haben soll – außer vielleicht, um auf mimetische Weise die Unerträglichkeit dieses Ausschußverhörs der McCarthy-Ära zu zeigen oder den Schrecken der Bombe als schrillen Laut zu illustrieren.
Die Bildeinblendungen von Sternenhaufen, Galaxien und den unendlichen Weiten des Weltenraums beim Thema Atom, wirkten zuweilen aufgesetzt: viel Pathos, wenn nicht Kitsch. Es gibt Szenen, wo diese Kombination, diese Sternenwelteneinblendungen gut funktionieren, gerade wenn es um den möglichen Weltenbrand geht und das Feuer alle Welt überzieht und zu zerstören droht. Das Promethische, was solchen Ausgriff plausibel macht: Prometheus, der den Göttern das Feuer raubte und es den Menschen brachte, wofür er zu Strafe zu unendlicher Qual von Hephaistos an den Kaukasus geschmiedet wurde. Mit dieser Beschreibung taktete der Film auf, dazu die kalten Bilder des Filmes, blaulastig und also in hoher Farbtemperatur. Das Feuer kann zugleich auch der Weltenbrand sein, eine Art Ragnarök, das nur in diesem Falle nicht das vermeintlich germanisch-nordische Deutschland, sondern eben Japan mit voller Wucht traf. Man kann über solche Art der Darstellung vermutlich lange streiten, warum sie gelungen oder eben mißlungen ist. Ich fand sie im großen und ganzen zumindest nicht mißlungen.
Schön auch jene Sexszene mit der hübschen, freilich psychisch derangierten Geliebten Oppenheimers, darin er nach dem Koitus und auf Bitten der Geliebten aus dem Bhagavad Gita vorlas: „Jetzt bin ich der Tod geworden, der Zerstörer der Welten.“ Großer und kleiner Tod: La petite mort wie auch Weltenfeuer. Vielleicht ein bißchen zu offensichtlich, aber dieses Göttliche und der Feuerschein als Vernichtungsschlag sind ja nun einmal ein Thema, das in Wort und Bild und Erzählweise irgendwie abgebildet werden muß. In dieser Form und in dieser Art des Filmstils paßt es zusammen und auf diese ästhetische Stimmigkeit kommt es am Ende an: ob der Film seine eigenen Anspüche hält. Und das tut er in den meisten Fällen. (Wenngleich man aus den über drei Stunden gut und gerne auch zwei hätte machen können.)
Dummerweise ist jene Geliebte, die sich später dann umbringen wird, Kommunistin und es bewegt sich Oppenheimer auch privat in solchen kommunistischen bzw. im Grunde sozialdemokratischen Kreisen, etwa über seinen Bruder Frank. Das wird sich fürs spätere als verhängnisvoll erweisen, und dabei verquicken sich in dem Film zwei Ebenen: Einmal jener Wettlauf zur Bombe und deren Einsatz. Und zweitens die private Ebene und die Ära McCarthy, die Kommunistenhatz und der Kalte Krieg sowie die Vorladung Oppenheimers vor einen Ausschuß, darin er einem üblen Verhör unterzogen wird, bei dem das Ergebnis bereits feststeht: daß Oppenheimer die nötige Sicherheitsfreigabe, um weiterhin für die Regierung zu arbeiten, nicht erhalten wird. Gelungen auch jene Szene relativ zum Beginn des Films, wo Oppenheimer mit Einstein in einem Garten parliert. Wir hören nicht, was die beiden sprechen und nehmen diese Szene nur aus der Sicht von Lewis Strauss, dem Leiter der Atomenergiekommission, wahr. Strauss glaubt, daß Oppenheimer bei Einstein gegen ihn intrigiert. Die Auflösung des Gespräches sehen wir zum Ende des Films, und es zeigt sich einmal wieder, wie sehr die eigenen Gedankenkonstrukte und Vorannahmen sowie Geglaubtes in die Irre führen können. Der Film verbindet in solchen Szenen und in solchen Elementen der Narration auf ästhetisch gelungene Weise Privates und Politisches.
Der Blick ins Katastrophische jedoch, zumindest was ihre empirisch-faktischen Auswirkungen auf die Japaner betrifft, wird bei Nolan ausgespart bzw. lediglich angedeutet. Zuweilen hatte ich den Eindruck, die Ära McCarthy sei eigentlich schlimmer als jene Japaner, die da von einer Bombe verbrannt und verstrahlt wurden. Aber genau dieser Eindruck ist eben das, was Nolan als Effekt erzeugen will. Die seltsame Leerstelle des Filmes sind die japanischen Opfer. Und daran können auch die grellweißen Lichtblitzüberblendungen nichts ändern, die Oppenheimer zuweilen überfallen und die wohl an jene Atomstrahlung gemahnen sollen. Der bestirnte Himmel über uns samt einem Höllenfeuer deuten ins Allgemeine. Trinity-Test hieß die erste Zündung einer Atombombe am 16. Juli 1945, wenige Wochen vor dem ersten Abwurf. Diesen zeigt uns der Film bis ins Detail. In diesem Sinne hat Nolan das Problem der Darstellbarkeit gut gelöst. Zumal bei solchem Katastrophischen immer diese ästhetische Frage bleibt, wie ein nur schwer darstellbares Grauen im Kino und überhaupt in der Kunst in Bilder gebracht werden kann – und das gilt seit Adornos bekanntem Satz fürs Gedicht nach Auschwitz wohl ganz allgemein für eine solche Kunst, womit wir implizit auch bei „The Zone of Interesst“ wären – jenem Film über das Todeslager Auschwitz-Birkenau und seinen Lagerkommandanten Rudolf Höß.
Und es liegt diese Leerstelle auch darin gegründet, daß zum Zeitpunkt der Entwicklung niemand ahnte, welche Auswirkungen solche Bombe haben könnte und weil ein solches Szenario dessen, was sich dabei in Japan dann am 6. August abspielte, die Geschichte von Oppenheimer und der Atombombe in eine andere Richtung gedreht hätte. Das Ausgesparte und Unsichtbare ist das Zentrum dieses Films. Der Film spielt insofern mit dem Wissen der Zuschauer, setzt dieses voraus. Vielleicht müßte man sich parallel dazu Alain Resnaisʼ „Hiroshima, mon amour“ aus dem Jahr 1959 ansehen.
Wer eine gut erzählte wie auch spannende Geschichte schätzt, samt einem Blick in die USA der 1940er Jahre wie auch der Ära McCarthy, dem sei dieser Film empfohlen. Dennoch: beim ersten Drittel war ich noch beeindruckt, so könnte man es als Fazit sagen, aber dieses Affiziertsein ließ im Laufe der Zeit nach. Man kann all das, was in „Oppenheimer“ gezeigt wird, im Interpretieren bedeutungsreich aufladen – mir selbst war es im Film teils zu überambitioniert und dann dafür doch zu wenig subtil. Vom Bildbombast der Sternenwelten – Makrokosmos und Mikrokosmos – fühlte ich mich an den späteren Terence Malick und solche Tree-of-Life-Schauder erinnert. Doch das kann man sicherlich auch anders bewerten. Oder man nimmt diesen Film einfach als gelungene Unterhaltung über eine wenig unterhaltsame Angelegenheit. Ich muß mir den Film irgendwann nochmal anschauen – vielleicht auf DVD, wenn Nachbarn eine zu laute Party machen und ich den Lärm der Feier mit der Filmsmusik und dem Sound of Fire übertöne.
