Zum 9. November, zur Pogromnacht und das Klima der Angst

Am 9. November reiste der noch junge Paul Celan von Czernowitz ins französische Tours, wo er den Vorbereitungskurs für ein Medizinstudium beginnen wollte. Seine Reise vom Osten in den Westen führte ihn am 10. November 1938 über Berlin. Das, was Celan in Berlin an diesem Tag sah, hielt er in dem Gedicht „La Contescarpe“ fest. Darin heißt ein Vers:

Über Krakau
Bist du gekommen, am Anhalter Bahnhof
Floß deinen Blicken ein Rauch zu,
Der war schon von morgen.

Es war dies der Rauch der Synagogen, die brannten, es wird dies der Rauch von morgen gewesen sein. Ob es sich hier lediglich um eine Metapher handelt, der kein gesehenes Bild entsprach, weil Celan nur kurz in Berlin weilte, oder ob Celan tatsächlich solchen Rauch der Synagogen sah, bleibt im Blick auf diese Pogrome unerheblich; es wurden Synagogen angezündet, es wurden von Deutschen deutsche Bürger angegriffen: es wurden jüdische Geschäfte und jüdische Altenheime zerstört. John Felstiner schreibt dazu in seiner Celan-Biographie: „Es war der Anfang vom Ende jüdischen Lebens in Europa“.

Wir, die wir in den 1960 und 1970er Jahren geboren sind, können nicht ungeschehen machen, was in der Zeit geschah, als unsere Großeltern und unsere Urgroßeltern lebten, können nicht ungeschehen machen, was Deutsche den jüdischen Deutschen und später dann den Juden in ganz Europa antaten: sie nämlich umzubringen, aber wir können sehr wohl heute und in der Gegenwart unsere Stimmen laut werden lassen, wenn einmal wieder Juden in Deutschland verfolgt, bedroht und markiert werden, weil man ihre Türen mit Davidsternen beschmiert. Und diesmal nicht nur von Nationalsozialisten, sondern ebenso von hier schon lange oder seit kurzer Zeit in Deutschland lebender Migranten. (Freilich reicht es nicht aus, nur Stimmen laut werden zu lassen, die sich gegen migrantischen Antisemitismus stellen, sondern es muß dies zugleich politische Folgen haben.)

Und auch die Freudenfeuer am 7. Oktober in den Flüchtlingslagern sollten uns eine Mahnung sein, wen wir besser nicht nach Europa lassen. Karl Lagerfeld brachte es bereits 2017 auf den Begriff: „Wir können nicht, selbst wenn Jahrzehnte zwischen den beiden Ereignissen liegen, Millionen Juden töten und Millionen ihrer schlimmsten Feinde ins Land holen!“ Das mag zunächst naiv klingen und es lassen sich viele „Ja, abers“ einwerfen, um dabei dann Komplexität anzumahnen. Das mag alles richtig sein. Oder auch nicht: denn Lagerfeld benennt ein krudes Faktum, das sich nicht mit Rabulistik wegtünchen läßt. Und die Ergebnisse solcher verfehlten Integration in die deutsche Gesellschaft sehen wir nicht erst seit einem Monat auf den Straßen von Neukölln und anderswo, sondern seit Jahren.

Solange Menschen mit Kippa oder Davidstern sich nicht unbehelligt im öffentlichen Straßenraum bewegen können, solange Menschen sich ihre „Jüdische Allgemeine“ in einem neutralen Umschlag schicken lassen müssen, weil sie Angst vor Übergriffen haben, solange das so ist, solange haben wir ein Problem. Dieses Problem löst man nicht, indem darüber geschwiegen wird oder indem drei Tage nach dem 7. Oktober und nach den Freudenfeiern auf der Sonnenallee in Neukölln und auch anderswo in Deutschland, eine Figur wie Jan Böhmermann in seinem Podcast mit Olli Schulz abseiert: „Und laß uns nicht diese Diskussion anfangen mit dem importierten Antisemitismus“, um dann sofort aufs Allgemeine und ins Unverbindliche umzuschwenken und mit der „kartoffeldeutschen Gesellschaft“, so Böhmermann, aufzuwarten.

Im Blick auf das, was heute passiert, wenn auf Araberdemos in Neukölln, Kreuzberg und anderswo entsetzliche antisemitische Parolen gegrölt werden: all dies – vom Wirken des politischen Islam in Deutschland bis hin zu einem nicht nur latenten Antisemitismus in migrantisch-muslimischischen wie auch in linken und rechten Kreisen – ist lange schon bekannt. Vor dem politischen Islam und mißlungener Integration warnten unermüdlich Susanne Schröter (gestern in Kulturzeit zu hören) und auch Ahmad Mansour und ebenso, schon vor Jahren, der Bezirksbürgermeister von Neukölln, Heinz Buschkowsky.
Es wurde immer wieder geschrieben und man kann es nicht genug wiederholen: Nie wieder ist jetzt und dazu gehört ein Bündel an Maßnahmen – von Bildungsprojekten bis hin zu empfindlichen Sanktionen.

Wie dem auch sei: solange es solche Postings wie die vom Rabbiner Shlomo Bistritzky gibt, solange in Deutschland Türen mit Davidsternen markiert werden, solange Juden sich nicht als Juden zeigen können, weil sie Angst haben müssen, haben wir in Deutschland ein Problem, und zwar ein Problem mit jenen Leuten, die hier Juden bedrohen, und das sind zumeist Menschen aus einem muslimisch-migrantischen Milieu und das läßt sich auch nicht mit einem Nahostkonflikt entschuldigen oder kontextualsieren, so wie der weggenommene Arbeitsplatz bei Deutschen keine Entschuldigung ist, Asylbewerberheime abzufackeln. Und bei solcher Gewalt gegen Juden in Deutschland reicht es nicht, heute Kränze abzulegen, Lichter an den Stolpersteinen anzuzünden und Reden zu halten – auch wenn es symbolisch wichtig ist, all das zu tun.

Heute in Steglitz am Hermann-Ehlers-Platz bei der Spiegelwand, also vor der ehemaligen Synagoge in Steglitz, gedachten vielleicht 50, 60 Menschen, meist ältere und mittelalte Frauen und Männer dieser Nacht, aber auch einige wenige junge Familien mit ihren Kindern blieben stehen. Das ist nicht viel – aber immerhin. Und anders als in Neukölln muß in Steglitz kein Großaufgebot der Polizei solche Veranstaltung schützen, weil die Teilnehmer Angst haben müssen, von arabischen Jugendlichen angegriffen zu werden. Es war, wie üblich, der bürgernahe Beamte vor Ort, der auch letztes Jahr am 9. November und am 27. Januar schon da war.

„Nie wieder“, jener Schwur von Buchenwald, muß heute heißen: kein Fuß breit dem migrantisch-muslimischem Antisemitismus! Kein Fuß breit dem deutschem Faschismus! Und wer sich als Migrant und als einer, der in diesem Land Schutz gefunden hat, nicht an diesen Grundsatz hält, hat in diesem Land nichts, rein gar nichts verloren.

Dies ist im übrigen Aviv Katz. Sie ist seit dem 7. Oktober von der Hamas entführt und in der Gewalt der Araber dort irgendwo in Gaza. Der 9. November ist jetzt.

Photographien oben: Hermann Ehlers-Platz, Spiegelwand

[Und nein, Tagesschau, es ist nicht, wie ihr heute um 20 Uhr erzählt, zunehmender Antisemitismus in Deutschland, sondern zunehmend arabischer Antisemitismus.]

Synagoge am Fraenkelufer in Kreuzberg (Photographie auf Facebook von Net Luke)