Ostberlin, 1953, Straußberger Platz gegen 8 Uhr:
„Platz soll geräumt werden
Die VP [Volkspolizei] scheitert, ständig strömen weitere Menschen auf das Rund.“
„Jena in Aufruhr
Der Holzmarkt in der thüringischen Stadt Jena mit ihren über 80.000 Einwohnern füllt sich bereits seit einiger Zeit. Ein Nachlassen des Zulaufs ist nicht abzusehen. die ganze Stadt scheint sich gegen die SED aufzulehnen. Auffallend ist die soziale Breite des Protests, der Arbeiter und Akademiker ebenso vereint wir Handwerker und Hausfrauen. Dier Aufruhr nimmt im VEB Carl-Zeiss Jena seinen Anfang, ….“
Und so geschah es auch in vielen anderen Städten der DDR. Die umfangreichen Proteste beschränkten sich nicht bloß auf Ostberlin und es waren nicht mehr nur die Bauarbeiter an der Stalinallee, die gegen das totalitäre System und die Sowjets rebellierten.
„Ost-Berlin, 1953, Wilhelmstraße, gegen 9 Uhr
Einheiten der VP haben das ‚Haus der Ministerien abgerieget. Sowjetische Panzerspähwagen verstärken die Polizeieinheiten. Gleichzeitig strömen Demonstrierende auf das Gebäude zu und bilden eine kaum überschaubare Menge, die bis zum Potsdamer Platz reicht. Es kommt hzu ersten Auseinandersetzungen, bei denen sich die VP defensiv verhält, da es ihr an Stärke und klaren Befehlen mangelt. Die Demonstranten bestimmen das Geschehen weitgehend.“
(Aus „Berlin History 17. Juni“)
Man kann auch sagen: die erste Revolution in der DDR, die friedlich als Demonstration begann und dann in einen Aufstand mit Millionen Beteiligten umschlug, die nicht mehr nur andere Arbeitsbedingungen, sondern den Sturz des Regimes und vor allem freie Wahlen forderte. Mit den Bauarbeitern der Stalinallee, wo die neuen Gebäude erreichtet wurden, nahm der Aufstand seinen Ausgang: als Protest unter anderem gegen die neuen und höheren Arbeitsnormen. Aber das allein reichte nicht aus, sondern es gab eben auch eine generelle Unzufriedenheit mit dem Ostregime.
Aus gegebenem Anlaß auch diese Ballade „Acht Argumente für die Beibehaltung des Namens Stalinallee für die Stalinallee“ von Wolf Biermann , im Ton des Moritatensängers vorgetragen. Ich finde sie bis heute unvergleichglich gut und im Blick auf das DDR-Regime auch ziemlich amüsant. Mit der Biermann-Platte „Warte nicht auf bessere Zeiten“, auf der dieser Song erschien, kam ich mit 14 Jahren in Berührung, und das war auch die Zeit, als ich mich nach radikal-links entwickelte und als ich sofort wußte: Das Pfingsttreffen und die Ferienlager der SDAJ in der BRD waren keine Option, die ein denkender und fühlender Mensch einnehmen sollte. Und ich war früh von jeder DDR-Nostalgie als dem politisch besseren System geheilt. Aber zitieren wir eine der schönsten Zeilen aus diesem Song:
Die weißen Kacheln fallen
uns auf den Kopf ja nur
Die Häuser stehen ewig!
(in Baureparatur!)
Und auch das Ende dieses Songs ist für diese Jahre freilich unerhört: „Die alte Zeit ist passé. Nee, nee: die alte Zeit war passé!“ Nie war für die DDR ganz sicher, ob nicht das alte Regime des Stalinismus wieder einkehren konnte. Nicht in Gestalt eines neuen Stalin, aber als ähnliche Repression.
Heute vor 50 Jahren standen die Arbeiter nicht nur in Ostberlin, sondern in der ganzen DDR auf. Sie gingen auf die Straßen, stellten unter anderem Forderungen nach freien Wahlen: „Spitzbart, Bauch und Brille sind nicht des Volkes Wille“. Blutig niedergeschlagen wurde dieser Aufstand von den Sowjetpanzern.
