Ach, wie die Zeit vergeht: Inga Humpe wurde gestern 70

Da spielen im wilden Mauerberlin-West der frühen 1980er Jahre die „Neonbabies“, eine Wave-Punk-Band, darin Inga mit ihrer älteren Schwester Annette singt und musiziert. Aus dem Rheinland Ende der 1970er nach Berlin gestoßen, dorthin, ins Chaotische, kreativ Gärende verschlagen, wo es schon damals manchen illustre aber auch verlorene Gestalt aus Westdeutschland – und das meint für den Berliner alles, was zur BRD gehört – hinzog. Wo Kunst und Punk sich koppelten. Dichter, Texter, Sänger, Musiker. Die neuen Wilden, Expressivität und Avantgarde. Berlin in Randlage, Kreuzberg von drei Seiten von einer Mauer umgeben.

Die „Neonbabies“ machten Songs, die an der Neuen Deutschen Welle orientiert waren, einprägsamer als der doch raue Berlin-Punk, wie etwa der von PVC, eine der ersten Berliner Punk-Bands. Diese auch am Erfolg ausgerichtete Musik nun wieder brachte ihnen die Verachtung etwa der Einstürzenden Neubauten, wie man Jürgen Teipels Oral History dieser wilden Punk-Wave-Jahre in dem wunderbaren mit vielen Details, mit Tratsch und Klatsch versehenen Buch „Verschwende Deine Jugend“ entnehmen kann. Das war ein ungerechter Vorwurf, aber sicherlich wirkte diese Musik von den Neonbabies „mundgerechter“ als das, was diverse Berliner Avantgarde-Bands musikalisch trieben. Zugleich jedoch sollte man bei dieser Band sehen, daß Frauen in den frühen 1980er Jahren auch in einer eher links sich gerierenden Musikszene keinen leichten Stand hatten. Sie waren meist nur als Groupies vorgesehen oder als Beiwerk, um erlesenen Männerdiskursen über Musik, das Leben und die Kunst still zu lauschen. Kaum aber als eigenständige Musikerinnen. Die „Neonbabies“, der Name bereits weist auf die Wave-Ästhetik, brachten neben einer ersten Version von „Blaue Augen“, jenem späteren Hit von „Ideal“, auch eine großartige Coveversionr von „Jumpin Jack Flash“: treibend, ein Rausch von Berlin, einer dieser kriminellen Ausgehabende in einer neuen Gestalt von Rock, nämlich auf Wave gebürstet. Und diesen neuen Sound zeigten die Neonbabies auch in „Spaß muß sein“. Ein bis heute feiner Song, aus einer lange vergangenen Zeit. Emanzipation war nicht mehr bloß das Klagen, was einem alles vorenthalten wird, sondern es ging ums Machen: Gründe eine Band, sing, spiel Gitarre oder Baß oder trommele!

Was mich an Inga Humpe interessiert, ist weniger ihr gesamter musikalischer Weg, den habe ich bei ihren Bands „Humpe & Humpe“ und bei DÖF nicht wirklich verfolgt und diese Codo-Sauseschritt-Liebemitbring-Phase hat mich so ganz und gar nicht interessiert, sondern vielmehr der Umstand, daß sie und ihre älteres Schwester Annette Anfang der 1980er Jahre in Berlin begriffen, was ging und daß sie sich in diese Wellen warfen und daß beide eine Musik zu genau jener Zeit schufen. Sie ließen sich nicht abbringen – das ist eine ziemliche Leistung.

Lange aber war es nach den 1980ern um Inga Humpe ruhig, nach jenen Wave-Jahren, die dann schnell auch wieder in der Versenkung verschwanden und allenfalls bei sentimentalen Revivals und Klassentreffen zuweilen ausgegraben werden. („Ideal“ und Joachim Witt allerdings und teils auch die frühen Songs von „Trio“, das bleibt in meine Sicht, bis heute bestehen und hat Bedeutung. Das prägte, erzeugte einen Rausch des Augenblicks, besaß Ausdrucksqualität und das heißt also jene Intensität, wo Musik und Lebensgefühl junger Menschen auf eine bestimmte und einmalige Weise zusammenschießen. Davon gibt es nicht viele Phasen im eh kurzen und irgendwie dann doch langen Menschenleben und wenn man 70 geworden ist.)

Dialektik der Zeit, daß Annette Humpe mit „Ideal“ die frühen 1980er prägte und Inga Humpe dann mit „2raumwohnung“ die 2000er Jahre – samt diesem Zeitenwechsel, in den diese Musik fiel und der bis heute uns bewegt, vor allem politisch. (Daß beide Schwestern auch als Produzentinnen wirkten, sei nur am Rande erwähnt.) In den 1990er Jahren fiel mir Inga Humpe nicht weiter auf, was freilich wenig besagen muß, denn meine 1990er Jahren waren sowieso weniger von Musik als von Texten aus Philosophie und Literatur geprägt. Dazu Kino und Theater. Es war die Bernhard-Zeit, es war die Derrida-Zeit, es war die Luhmann-Zeit, es war die Zeit der literarischen Postmoderne. Es war die Celan-Zeit und die Zeit Hölderlins und Kleists. Tief in Texte verweht. Eine Art Zauberreich. Lesen. Nicht schreiben. Brinkmann-Zeit mit Mondlicht und mit Novalisʼ „Fichte-Studien“ und seinen Fragmenten. Und irgendwann waren diese wunderbaren Jahre, diese schöne Zeit des Studierens und Lesens zu ihrem Ende gelangt. Es begann die Zeit der Arbeitswelt: 1999 der Umzug nach Berlin.

Und dann dieser Kairos um 2000 bzw. 2001, daß Inga Humpe zusammen mit Tommi Eckart in ihrer Band „2raumwohnung“ den Sound, den Ton, die Musik für einen bestimmten Zeitgeist und vor allem auch den Song-Text für das Lebensgefühl genau dieser unbeschwerten Jahre traf, dieser letzten Monate im Sommer vorm Herbst im September 2001, dieses Gartenlied, diese besondere Stimmung im Berlin der frühen 2000er Jahre als vieles noch möglich schien. Der Song zu einer neuen Pop- und Clubkultur. Das vielleicht, was man melancholische Unbeschwertheit nennen könnte. (Den szenigen Leuten sicherlich ein Graus, weil Ausverkauf, wie ihnen dünkte.)

Es platzte dieser Song in jene sich ihrem Ende neigende Phase, die letzten Zuckungen anarchischer Unordnung und Wildheit der 1990er der nun endlich ungeteilten Stadt, zu der die vielen Bars, Cafés und Clubs, vor allem aber in Sachen Kunst auch Frank Castorfs Volksbühne gehörte, aber auch die Kunst-Werke Berlin in der Auguststraße. Anything goes. Dazu ein Ostwort als Bandname. Eine Spanne von zehn Jahren, die im Übergang zu jenen Nullerjahren ihr Ende fand, ein Zeitenwechsel, für den dieser Song adäquater und vor allem spielerischer Ausdruck war, aber zugleich doch weiter sich bewegte und einen kreativen neuen Rhythmus ausbildete, der vielleicht noch weitere zehn Jahre in einer Art Schwundform und im Residuum anhalten sollte und dann endgültig verglühte. Als Ende der 1990er, Anfang der 00er Jahre auch die Medien und ebenso die Werbung die Stadt Berlin entdeckten. Das Ende liegt immer im Anfang. Die Volksbühne war etablierte Avantgarde. „Ist das Leben wie ein Spielfilm oder geht’s um igendwas?“ Noch war das alles Spiel. Aber zugleich auch ließ sich aus diesem Song auch eine Art existentielle Langeweile herauslesen:vielleicht auch eine Boomer-Hymne und derer aus der Gen X, die nun erwachsen wurden.

Wie die Zeit vergeht, als dieser wunderbare Song 2001 herauskam. Eines der Stücke aus der ersten LP von 2raumwohnung und das wurde schnell zum Sommerhit der Stadt. Eine Art traurigschönes Liebeslied, vom Sound schon auch melancholisch-verhangen. Auf eine bezaubernde Weise: „Denn das viele An-dich-Denken, das bekommt mir nicht.“ Das ist bald 25 Jahre her. (Wenn ich von meiner Geburt 25 Jahre zurückdenke, schreiben wir das Jahr 1939 – soviel zu den Dimensionen der Zeit.) Das war Sommer in Berlin, das war ein wunderbares und noch deutlich anderes, offenes Berlin.

Populär wurde dieser Garten-Song durch die Karo-Zigarettenwerbung – eine Ostmarke muß man für die jüngeren Leser hinzufügen. Als die Menschen noch rauchten, so auch ich. Wenn ich Geld hatte eine Luky Strike im Mundwinkel (natürlich ohne Filter!) und ein Rieslingglas in der anderen Hand und wenn ich weniger Geld hatte (oder der Wein schlecht war) eine Selbstgedrehte und Bier. Vor allem aber war diese Musik eine Sommerhymne, obgleich in einer der Zeilen auch Schnee vorkommt („es hat seit Tagen nicht geschneit“). Mit dem roten Toyota-Starlet durch eine noch autofreundliche Stadt cruisen, ich erinnere mich sogar noch, 1999 durchs Brandenburger Tor gefahren zu sein. Ausflüge mit dem Toyota ins unentdeckte Oberschweineöde, nach Weißensee, nach Friedrichshagen in diesen seltsamen Osten, in Lichtenberg gab es noch die Nazi-Kieze mit jungen Rechtsextremisten, spazieren zu Heiner Müllers Hochhaus, „Fickzellen mit Fernheizung“, in Friedrichsfelde dicht beim Tierpark. Auch und vor allem Musik prägt Erinnerungen, die sich zuweilen mit einer gewissen Sentimentalität mischen.

Und da waren 2001 beim Flanieren noch die letzten Reste des alten Prenzlauer Bergs, Nähe Kollwitzplatz, Wasserturm, mit der Bar „Anita Wronski“, die die Betreiber, da bin ich mir sehr sicher, nach der Bedienung im Café des Pädagogischen Instituts der Universität Hamburg benannten. Diese schon alte bzw. in unseren Augen alte Frau war ein Unikum, die Frikadellen in der kleinen Mensa waren selbstgemacht. Sie konnte schluffige Pädagogik-Studenten böse anranzen, sie pfiff jene, die ihr Tablett nicht wegbrachten scharf zurecht, sie war nie unfreundlich, aber wen sie nicht mochte, den ließ sie es spüren, und sie konnte zugleich, wenn man sie zu nehmen wußte, liebenswürdig sein. Was Anita Wronski haßte, war studentische Überheblichkeit. Wiede eine dieser Reminiszenzen an eine vergangene Zeit, die sich im Namen eines Cafés bewahrte. Dazu beim Spazieren Anfang der 2000er eine Oranienburger Straße und eine Auguststraße, die noch nicht glattgebügelt waren.

Den roten Toyota parken, aussteigen, flanieren. Weinbergpark. Spazieren an der Spree, trinken im Schleusenkrug. Berlin war zu dieser Zeit noch relativ günstig. Das alte Westberlin war ein wenig out. Die schönen Teile des Osten riß sich schon die neue Berlinjournaille und die Irgendwas-mit-Medien-Generation untern Nagel.

Durch die Kieze streifen und im Sommer 2001 im Ohr diese wunderbare Hymne. Melancholisch, schön, verspielt. Ein wenig verdreht. Irgendwas von Liebe. „Später gehn wir in den Zoo“. „Wie ein Fuchs in einem Zeichentrick“, Versatzstücke und Lebenssound auch, nach der Erwerbsarbeit. „Am nächsten Tag bin ich so müde …“ Es war eine Unbeschwertheit in dieser Musik, aber auch etwas Zweifelndes, und es klang aus diesem Sound im Jahre 2001 und 2002 schon heraus, daß es nicht immer derart weitergehen würde. Party und Leichtigkeit waren ein Spiel auf Zeit. Also lebte man den Moment. Ich weit ab vom Schuß, im ruhigen St. Eglitz, um dafür von dem einen oder der anderen belächelt zu werden in einem doch sehr langweiligen Kiez zu wohnen. Ich wußte sehr wohl damals schon, weshalb es gut war, in die wohlbehütete Altbauregion am Rand zu ziehen. Und ich ließ die Leute und lasse sie bis heute in genau diesem Glauben, daß es hier langweilig und öde ist.

Unvergessen bleiben jene Sommermonate zu dieser halb unbeschwerten, halb melancholischen und doch auch gut tanzbaren Musik, darin sich der Körper wiegt. Doch im September 2001 gab es noch einen weiteren Einschlag, der die Zeit wenden und drehen sollte. Politisch würden wir wohl nie wieder in solchen unbeschwerten Jahren wie den 1990ern und jenem Sommer 2000 und 2001 leben. Wenngleich sich manches Verhängnis im Rückblick bereits abzeichnete.

Sicherlich ist diese Art von Popmusik gut werbekompatibel. Weil in der Tonart weich. Aus Leichtigkeit freilich kann schnell auch Nachlässigkeit werden. Aber in diesem Musikstück paßte alles: die Stimmung, die Melancholie und auch eine gewisse Verunsicherung, von der man sich aber doch nicht verdrießen ließ. Daß ausgerechnet eine Zigarettenmarke sich eine Musik herauspickte, die genau das Lebensgefühl dieser Zeit, in Kombination mit Videobildern, auf den Ton brachte, dürfte von gutem Instinkt zeugen. Zigaretten verkauften damals vor allem Image und Haltung. Berlin war nun auch als Partystadt für breitere Schichten auserkoren. Der Easy-Jet-Tourismus began und leider auch die Mär von „arm, aber sexy“, die sich einige Jahre später als Verhängnis erweisen sollte. Und doch brachte dieser Song neben dem Werbeerfolg für eine Zigarettenmarke vor allem eine Lebenshaltung zum Ausdruck.

Einen ähnlichen Hit schaffte „2raumwohnung“ noch einmal mit „36 Grad“ dann zu den ausgehenden 2000ern und ein echter Hitzesommerhit. All dieses Feiern an der Spree und an den Ufern, gleichsam Tanz auf dem Vulkan und noch einmal durchstarten. Es war die Zeit der Berlin-Hymnen, federführend sicherlich „Seeed“.

Der Song „36 Grad“ traf von Musik und Text immer noch jenes Lebensgefühl in Berlin – und im Grunde auch schon im aufstrebenden Leipzig, das eigentlich das bessere, weil unerkannte Berlin damals war – der Clemens Meyer wußte schon sehr genau, warum er von dort nach Berlin nicht hinwollte. Als sich im Osten die Wessis breitmachten und die Westjournaille und Medienfuzzis samt Kunstleuten sich die besten Wohnungen unter den Nagel rissen, im Bötzow- und im Winskiez; und rund um den Kollwitzplatz war es lange tot, aber es gab eben immer noch all die Seitenstraßen im Prenzlauer Berg. Mit den nun immer mehr und schön sanierten Altbauten.

Es war dieses Lied von jenem Garten und das vom 36-Grad-Sommer zugleich auch ein Abgesang. Es waren jene Mittedreißiger und Anfangvierziger, die immer weiter feiern wollten: die Furcht erwachsen zu werden, ist kein so ganz neues Phänomen. Doch bei aller Nostalgie mancher: Das Berlin der 1990er Jahre war endgültig vorbei und verweht. Und mit der neuen Mediaspree dann in den 2010er Jahren verschwanden die letzten Refugien von Wildwuchs am Ufer, die ich 2013 bei einer Spreerundfahrt noch betrachten durfte: Das alles ist nicht mehr. Musik ist Bewußtsein einer Epoche oder aber einer bestimmten Lebensphase. Sie ist in Ton und Text geronnene Zeit – wie eben jenes „Wir trafen uns in einem Garten“. Jene wunderbaren Jahre einmal wieder.