Der britische Photograph Martin Parr ist gestorben. Alt wurde er leider nicht – geboren am 23. Mai 1952 im der englischen Stadt Epsom und gestorben am 6. Dezember 2025 in Bristol.
Bekannt wurde Parr vor allem mit seinen Strandphotographien. Teils absurde Bilder, die es in dieser Art wohl nur in England geben konnte, gerade auch aufgrund der Klassenlage dort und dem immer stolzen Bewußtsein für die eigene Herkunft. Einerseits. Aber zugleich zog es Parr mit seinem Thema „Strand, Meer und Menschen“ auch in andere Regionen, so an die Copacabana, nach Punta del Este in Uruguay, nach Cartagena und Valparaiso in Chile, Mar del Plata in Argentinien, ins indische Goa: da sehen wir einen jungen nordeuropäisch-bleichen Mann im Sand liegen, von links spazieren zwei Inder in voller Bekleidung am Meer, rechts beim Mann eine junge Frau in einem roten Badeanzug, Kleidung liegt verstreut im Sand und in der Mitte des Bildes steht seelenruhig und ungestört ein helles Rindsvieh direkt vorm Wasser.
Strände der Welt in China, in Belgien, Spanien und der Ukraine, Strand, Meer und Palmen sogar in einer Halle, nämlich in Japan der absurde Ocean Dome in Miyazaki, wo Strandleben im Studio simuliert wird. Menschen, die sich am Meer sonnen, Frauen und Männer, die vor sich hinschnarchen, eine ältere Frau, die auf einer Bank an der Strandpromenade in Weymouth den „Sunday Mirror“ liest. Aber auch „The sun“ ist am englischen Strand beliebte Lektüre. Dazwischen immer wieder Absurdes. Der Mann mit graubehaarter Brust, der einen gelben Plastikball an seinen murmelrunden Bauch hält. Strandspaziergänger in Bikini und Badehose, ausgestreckt daliegende Sonnenhungrige, die da mit gespreizten oder verschränkten Beinen lungern. Man weiß nicht, was die Menschen zum Wasser ans Meer zum Sonnenbaden zieht, aber eine Antwort darauf ist vielleicht zu finden in dem Buch mit dem sinnigen Titel „Life’s a Beach“.

Gehalten sind die Photographien in einem kühlen, sachlichen Licht. Die spezielle Atmosphäre dieser Bilder entstand durch den Einsatz eines besonderen, im Freien und bei Tageslicht eingesetzten Blitzes, der ein kaltes Licht produzierte, dazu satte Farben, manchmal ins Blau- oder ins Rotstichige tendierend. Klar konturiert, scharf. Parr portraitierte die englische Gesellschaft, oftmals die unteren Schichten, so wie in der Serie „New Brighton, Merseyside“ aus „The Last Resort“ (1983–86). Parr hält Häßliches wie auch Entstelltes fest, die englische Unterschicht und ihre Art des Konsums, und verschafft Entstelltem und Häßlichen doch mittels solcher Photographien einen ganz eigenen Reiz. Seine Bilder denunzieren nicht. Sie sind schrecklich und schön in einem.
Man machte ihm den Vorwurf des Voyeurismus – mag sein. Aber jeder gute Photograph ist ein Voyeur, der seine Objekte in dieser oder in jener Weise in Szene setzt. Zudem hängt es vom Blickwinkel ab, ob wir mit Eiscreme beschmierte Kinder oder eine Mutter, die sich am Strand vor einem Bagger sonnt, während das Mädchen dort spielt, Eimer und Schaufel im Vordergrund, als Zurschaustellung von Peinlichkeiten oder aber als unverstelltes Leben interpretieren. Nicht Klassismuskrams, sondern klare Klassenkontur. Parr zeigt, was ist und er spitzt es mittels Licht und Film zu. Eine großartige Photographie.


Es ist, wie es ist. Zeigen, was ist, so das Motto des Phänomenologen. Freilich bestimmen Filmwahl, Zeit, Blende, Licht sowie Ausschnitt und Weglassen von Kontext zugleich auch die Sicht auf das Phänomen. Das Faktische ist, wenn wir es vom Lateinischen nehmen, immer auch das Gemachte.
Man sollte freilich nicht den Fehler begehen, nur an Parrs Strandbildern festzuhängen. Parrs Photographien sind auch in seinem Frühwerk ästhetisch innovativ und zugleich immer auch ein Stück Sozialreportage und ästhetische Inszenierung in einem – so etwa seine bereits 1974 in Farbe gehaltene Arbeit „Home Sweet Home“, seiner Abschlußarbeit an der Kunsthochschule in Manchester. Nicht bloß Photographien zeigte Parr, sondern eine Intallation, darin mit der Referenzialität des Mediums Photographie wie auch mit bestimmten Lebenswelten gespielt wurde, Mitte der 1970er Jahre eine für die Photographie schwer avancierte Darbietung. Parrs Photos hingen in einem Photo, welches ein Wohnzimmer zeigte, darin eben seine Photos hingen, real präsentiert, als Environment, wiederum in einem kleinbürgerlichen englischen Wohnzimmer. Lebenswelt des englischen Kleinbürgertums. „Kunstforum“ schreibt anläßlich der Parr-Ausstellung samt Rekonstruktion dieser Installation 2004 in den Hamburger Deichtorhallen: „Dies ist nicht nur die Welt, die Parr fotografisch erforscht (vergleichbar zu John Waters in den USA). Es ist eine Welt, die ihre eigenen Bilder generiert, deren formale Varianten Parr mit eigenen Bildinhalten koppelt. Publizistischer Nachkömmling dieses Verfahrens sind zahlreiche seiner konzeptuellen Bücher. Die Urlaubspostkarte und das Fotoalbum sind die Inkunablen dieser Bildwelt …“
Und konsequenterweise gibt es im „Neuen Museum Nürnberg“ die Ausstellung „GRAND HOTEL PARR. Fotobücher von Martin Parr“ (noch bis zum 22. Februar 2026). Bilder sind Medien, die nicht nur bloß Gegenstände, Landschaften, Menschen oder andere Lebenwesen zeigen und repräsentieren, sondern zugleich auch auf einen Repräsentationsraum angewiesen sind. Und das eben erzeugt Blickachsen und bezieht auch die Betrachter in solche visuellen Prozesse von Wirklichkeitsfindung mit ein.
Auch Parrs frühen Schwarzweiß-Photographien zeigen bereits seinen Faible fürs Szenische, aus der klassischen Streetphotography, aus der Dokumentarphotographie kommend und doch waren diese Photographien immer auch perfekt komponiert. Insofern ist es konsequent, daß er der Photoagentur Magnum angehörte. Aber auch in diesen frühen, genialen Bildern in Schwarzweiß finden sich der für Parr typische, wohl sehr britische Humor und auch sein Sinn für besondere Szenen.


Bei seinem Wechsel zur Farbphotographie Mitte der 1980er Jahre schärfte er diesen Blick und transformierte ihn ins Fahrwasser der neuen, technischen Moderne. Jene 50er-Jahre, die wir uns, wie aus der Zeit gefallen, immer ein bißchen noch in Schwarzweiß vorstellen oder allenfalls in den üblichen, hübschplüschigen Pastellfarben – obgleich Parrs s/w-Aufnahmen allesamt in den 1970er Jahren entstanden -, wurde bunter. A new England, ein neues England scheint auf: das nämlich der Konsumwelt und der Freizeit. Während wir in seinen frühen Photographien aus den 1970er Jahren immer noch jenes (scheinbar) traditionelle England in Schwarzweiß vor uns glauben, wie wir in Deutschland es uns aus alten Filmen vergegenwärtigen – promient sicherlich das inszenierte England in den Edgar-Wallace-Filmen -, schreiben wir mit den Farbdokumentationen eine andere Zeit, die zugleich aber auch schon wieder historisch ist, wenn wir diese Photographien von der Gegenwart betrachten.

Parrs Sujet sind vor allem die Menschen in ihrer Umgebung und ihrem (nicht immer natürlichen) Habitat. Ich habe mir immer gewünscht, derart Menschen ablichten zu können. Aber dafür muß man vielleicht Menschen mögen. Oder sie eben doch ganz besonders hassen. Und da sehe ich dann doch wieder eine Chance für mich, mehr solcher Reportagen mit Menschen zu fertigen – wobei das heute im Zeichen des Internets und der unerwünschen Zirkulation von Photographien schwieriger geworden ist. Menschen lassen sich nur noch ungerne zufällig photographieren. Das ist die neue Wirklichkeit der photographischen Situation. Auch auf diese – oftmals unerwünsche – Ubiqiotät des Bildes und daß einer sich jederzeit irgendwo in den Weiten des Internets als Schnappschuß wiederfinden kann und mit einer Gesichtserkennung sogar identifizierbar ist, muß Photographie in irgend einer Weise reagieren. Parrs Wirklichkeit war damals noch eine andere. Spielerischer.

Mit Parrs Farbbildern wird die Wirklichkeit zwar gezeigt, aber doch zugespitzt. Als soziale Wirklichkeit. Auf ihre Widersprüche hin und ihr immer auch Absurdes. Sind Parrs Photos politisch? Ja und nein. Wir sehen aus den 1980er Jahren nicht das England des radikalen gesellschaftlichen Umbau unter Margarete Thatcher, berittene Polizei und kämpfende Gewerkschafter, weg von Schwerindustrie und Bergbau hin zu einer Diensleistungsgesellschaft. Wir sehen nicht die Kämpfe jener Jahre: Streiks und Straßenschlachten, aber sehr wohl weisen uns diese Photographien auf das Entstehen einer postindustriellen Gesellschaft. Und zugleich sehen wir diesen Umbau bei Parr auf eine subtile Art eben doch, wenn wir denn in der Lage sind, überhaupt noch geschichtlich zu denken und Bilder auf diese Weise zu betrachten und vor allem zu interpretieren.
Mit seinen späteren Photographien, oftmals quietsch- und bonbonbunt wie in „Cherry Blossom Time in Tokyo“ von 2000, aber auch mit der Gestaltung des „Life’s a Beach“-Buches konnte ich weniger anfangen. Aber gerade weil es die klassische Sicht brach und sich dem Kitsch der Konsumkultur stellte und ihr einen visuellen Ausdruck verschaffte, waren auch diese Photos gelungen. Daido Moriyama in Farbe vielleicht, gemildert um alle Härten. Man müßte in einer Ausstellung vielleicht einmal beide Photographien zusammenbringen.
Anfangs, als ich mir die ersten Photos von Parr irgendwann vor Jahrzehnten betrachtete, hielt ich ihn zunächst für einen strengen, kalten Photographen. Doch dieses Urteil änderte sich, wenn man weitere Photographien sah: oftmals war da ein Witz eingebaut. Unbedingt zu erwähnen ist insofern Parrs Humor, der viele seiner Arbeiten trägt. Die Lage der arbeitenden Klasse im Konsumkapitalismus gleichsam. Böse, gewitzt.

Nun ist einer der großen Photokünstler gestorben. So viel Schönes wäre an neuen Ideen und Kompositionen noch zu erwarten gewesen, denn 73 ist kein Alter. Viel zu früh also. Das schreibt sich so dahin und ist eine Phrase, die uns leicht über die Lippen geht. Parr war der Photograph, der solche Phrasen wie auch die Normalität unserer Tage in witzigen wie auch zugleich traurig-melancholischen Photographien aufspießte: War das, was Parrs Bilder uns zeigen, nun die kalte Kritik am Common c’est der Warenwirtschaft oder aber zugleich auch das sich dazugesellende Schmunzeln übers Absurde unseres Alltags, was wiederum ins Traurigtragische umschlägt? Das kleine Menschenbürgerlein an der Supermarktkasse beim Konsum, wenn es das Schnäppchen gibt. Der Mensch am Strand, mit nichts als seiner roten oder bleichen oder dunklen Haut. Am Ende ist alles Kulisse und Inszenierung und Bühne. Wir treten ab und letzter Vorhang, Applaus und Licht aus.

