2024 – Was wird uns erwarten?

„Trüb ists heut, es schlummern die Gäng’ und die Gassen und fast will
Mir es scheinen, es sei, als in der bleiernen Zeit.“
(Hölderlin, Der Gang aufs Land)

Gleichsam eine Art Neujahrsspaziergang zum 1. Jänner, bei Hölderlin aber ist es der Gang ins Offene und „schön ist der Ort, wenn in Feiertagen des Frühlings“ Natur blüht. Davon sind wir weit noch entfernt. Doch nun ist das Jahr seit ein paar Wochen wieder im Gange und damit debattenmäßig auch bereits wieder auf Betriebstemperatur. Aber es bleibt, wenn auch mit leichter Verspätung diese Frage: Was erwartet uns? Wobei ich diese nicht theologisch oder eschatologisch genommen und auch nicht bloß im lebenspraktischen oder im politischen Sinne gedacht haben möchte, sondern ich frage dieses „Was kommt?“ fürs Jahr 2024 nur von den Daten fürs Feuilleton her.

Aber warum überhaupt solche Jahrestage und Jubiläen? Mancher mokiert sich, daß es am Ende nichtssagende Daten seien. Der Vorteil von Jahrestagen ist aber, daß sie Anlaß zu einem gemeinsamen Nachdenken und damit auch zu Debatten geben – oftmals in unterschiedliche Richtungen, prominent zu sehen vermutlich an Ulrike Meinhof, die dieses Jahr neunzig geworden wäre. Runde Jahrestage haben in diesem Sinne immer auch eine gesellschaftliche Funktion. Und in ihrer Analyse zeigen sie an, wem gedacht wird und was zuweilen am Rand liegt oder vergessen wird.

Zunächst aber mal der Schweif ins klassische gehobene Feuilleton: Da ist sicherlich prominent zu erwähnen der 100. Todestag von Kafka, und es erschien, schöne Koinzidenz, vor 100 Jahren Thomas Manns „Der Zauberberg“, der von eben jener Lungenkrankheit Tuberkulose handelt, an der Kafka am 3. Juni 1924 in Klosterneuburg starb und der man eine gewisse ästhetizistische Wirkung zuschrieb: Empfindsamkeit, aus der Zeit zu fallen, zu wissen, daß das Leben – möglicherweise – bei dieser Krankheit nicht mehr unendlich lang sein wird, sieben Jahre im Gebirg beim Protagonisten Hans Castorp (und sieben Jahre waren es auch bei Kafka, seit er 1917 von seiner Krankheit wußte) und dann bei Kafka in den Tod und beim Castorp hinaus nicht in die Welt, sondern in den Krieg. Ein bitterböser Bildungsroman und Krankheit als Weg – gerade letzteres ein Thema, das auch für die Gegenwart sicherlich nicht ganz unbedeutend ist. Aber natürlich bietet diese „Bildungsroman“ mehr als das und mehr auch als nur ein Zeitpanorama, zumal wenn man sich gerne von jenen ästhetischen Zügen des Romans treiben lassen will, von den oftmals skurrilen, manchmal auch witzigen Figuren mit ihren Brechungen in Mannscher Ironie gehalten, die zuweilen aberwitzigen Dialogszenen, jenen Ausflügen in die Philosophie zwischen Aufklärung und jesuitischer Spitzfindigkeit, zwischen Freiheit oder einem Totalitarismus, wie er in kommunistischer wie auch faschistischer Manier das noch junge Jahrhundert dann erschreckend prägen sollte, in Gestalt eines böse-dialektischen Jesuiten, der manchen Leser sehr an Georg Lukács erinnerte. Vor allem verstand es Thomas Mann die Naturszenen metaphysisch aufzuladen: jener Strandspaziergang und das Verirren im Schneegestöber sowie die Reflexion über die Zeit darin. Solches epochemachende Werk, zusammen mit Kafkas „Der Process“ ein Jahrhundertroman, muß sicherlich gefeiert werden.

Dafür ist es ratsam, dieses Buch noch einmal zu lesen. Dreimal las ich es bisher. Einmal in jungen Jahren, dann zum Beginn des Studiums und noch einmal in der Mitte und nun kommt also meine Alterslektüre. Und wieder werde ich beim Lesen neue Aspekte entdecken, anderes bemerken, was mir bei den nun 30 und 40 Jahre zurückliegenden Lektüren entging. Vielleicht in der Großen kommentierten Frankfurter Ausgabe diesmal, die neu anzuschaffen wäre, da ich nur die kleine handliche, aber doch wunderschöne in Leinen gehaltene und mit einem hellbraunen Schutzumschlag versehene, leider aber auch zerlesene Frankfurter Ausgabe besitze, mit einem klugen Nachwort von Peter de Mendelssohn sovie vielen Notizen und Unterstreichungen darin, wie man es nur bei seinen Lieblings- und Lebensbüchern hat. (So auch Kafkas „Der Process“) . Wie aber schreibend mit solch einem Roman von dieser Spannweite sich auseinandersetzen? Eine Art Lektüretagebuch, ein Rezensionsessay oder doch am besten eine lose Folge von Eindrücken und Reflexionssentenzen?

Weiterhin gibt es im April den 150. Geburtstag von Karl Kraus: da mag es zwar verlockend sein, einen Reigen an Aphorismen zu bringen, so wie Kraus ein herausragender Autor solcher Textform war, und daran anschließend zugleich die Frage, ob ein Karl Kraus heute solche sozialen Medien wie X oder Instagram bespielte oder ob er sie nicht vielmehr für den Grund eines weiteren großen Übels hielte, nämlich die Ausbreitung des unendlichen und dummen Geschwätzes, welches ein unendliches Gespräch als philosophisch-literarische Gattung nachgerade tötete, und insofern verabscheute er solche Formen, so wie Kraus auch die Phrasen in der Sprache und damit eben das Populäre und die bloße Kommunikation als Anpassung des Gedankens an den common sense verachtete. Journalisten wollen – bis heute hin – was bringen, Karl Kraus wollte solches Denken des Banalen und des Loslaberns um jeden Preis zermalmen. Oder wie er es in der ersten Ausgabe der Fackel aufschrieb: „Das politische Programm dieser Zeitung scheint somit dürftig; kein tönendes ‚Was wir bringen‘, aber ein ehrliches ‚Was wir umbringen‘ hat sie sich als Leitwort gewählt.“ Besser, Zeitungen schwiegen, als daß sie sich in dieser von Kraus kritisierten Schreibform ergehen, darin Phrasen und Meinungsmache das Bild prägten. Deshalb also dieses wahnwitzige und irgendwie geniale Ein-Mann-Projekt „Fackel“. Kraus zündete die Tempel an. Aber er war eben doch kein Herostrat.

Doch scheint es mir an Krausʼ Schreiben vorbeizugehen, ihn auf eben diese Textform Aphorismus zu reduzieren, wie es gerne getan wird – bereits sein Buch „Sittlichkeit und Kriminalität“ weist darauf, daß es nicht nur um Sentenzen und um Kultur- sondern immer und zugleich um Gesellschaftskritik ihm ging. Was dann aber wieder die Frage einschließt, ob ein solches denkerisch-schreibendes Original und solche Obsession, wie Kraus sie hegte, heute überhaupt noch möglich und angemessen zu verstehen ist und ob, damit verbunden, diese Art von – bei Kraus zuweilen auch beckmesserischer – Sprachkritik, nicht zugleich etwas Antiquiertes hat, weil Sprache und Stil heute anderen Regeln folgen. Die heutigen Krausnachahmer, die sich besonders im Lager der linken Ideologiekritik tummeln, laden nicht unbedingt ein, es Kraus nachzutun. Kraus lesen: ja. Kraus wiederholen? Schwierig bis nein, und ich kenne gegenwärtig keinen, dem dies vergönnt ist, ohne entweder in schlechte Imitatio zu verfallen oder aber in einen maulenden Ton. Und leider ist Sprachkritik bei solcher Linken allzu häufig nur der Ausweis dafür, daß in der Sache die Argumente ausgegangen sind. Und so verlegt der vermeintlich kritische Kritiker sich auf einzelne Wörter und popelt diese auseinander. Als rhetorischer Trick manchmal witzig, aber eben auch durchschaubar, wenn es nicht gut gemacht und das heißt auch, von viel Esprit und von Ästhetischem befeuert ist, so wie man es bei Wiglaf Droste lesen kann. Sowas fehlt.

Daß Kraus in dieser Situation einer ins Leere laufenden Kritik problematisch geworden ist, wie auch die allzu starren und dogmatisch gewendeten Kategorien der Psychoanalyse, die ins Soziale gewendet werden, zeigt der Niedergang der verschiedenen Lager der Linken an. Kritik will nicht recht mehr glücken. Aber auch das uneingeschränkte Loben fällt schwer. Während aber bei der linksidentitären, postkolonialen, antisemitischen und von Butler geschwängerten Woko Haram nicht einmal mehr basales Wissen der eigenen (linken) Geschichte existent ist, scheint mir dieses am ehesten noch bei einer an Kraus und Adorno geschulten Linken vorhanden – wenngleich allzu oft dogmatisch verblendet. Nur bleibt es auch dort ein Pfeifen im Wald: ihr letztes Gefecht ist der verlorene Posten, was den Befreiungskampf der Menschen angelangt. Immerhin aber wird genau dieser Gedanke bei manchen von ihnen und über Adornos Philosophie immer noch in Anschlag gebracht, wenn gelingende Praxis vertagt und nicht nur das, sondern auch versagt ist. Was aber bleibt, stiftet der Stifter: eine ästhetische Flucht in eine Ding-Ästhetik, in eine kristalline Natur, ins Kalte, ins Kafka-Kakanien-Reich zu Odradek hin ist manchmal der bessere Stil. Das revolutionäre Subjekt ist irgendwie ausgeblieben. Und im globalen Süden weiland antisemitisch geprägt, wie seinerzeit die SA in Deutschland. So bleibt nur melancholische Theorie:  

„Philosophie, die einmal überholt schien, erhält sich am Leben, weil der Augenblick ihrer Verwirklichung versäumt ward. Das summarische Urteil, sie habe die Welt bloß interpretiert, sei durch Resignation vor der Realität verkrüppelt auch in sich, wird zum Defaitismus der Vernunft, nachdem die Veränderung der Welt mißlang. Sie gewährt keinen Ort, von dem aus Theorie als solche des Anachronistischen, dessen sie nach wie vor verdächtig ist, konkret zu überführen wäre. Vielleicht langte die Interpretation nicht zu, die den praktischen Übergang verhieß. Der Augenblick, an dem die Kritik der Theorie hing, läßt nicht theoretisch sich prolongieren. Praxis, auf unabsehbare Zeit vertagt, ist nicht mehr die Einspruchsinstanz gegen selbstzufriedene Spekulation, sondern meist der Vorwand, unter dem Exekutiven den kritischen Gedanken als eitel abzuwürgen, dessen verändernde Praxis bedürfte. Nachdem Philosophie das Versprechen, sie sei eins mit der Wirklichkeit oder stünde unmittelbar vor deren Herstellung, brach, ist sie genötigt, sich selber rücksichtslos zu kritisieren.“ (Adorno, Negative Dialektik, S. 15)

Womit wir, da allein der dornichte Pfad der Kritik noch offen ist, beim 300. Geburtstag von Immanuel Kant angelangt sind: Dieses Jahr also als Kantjahr mit Veranstaltungen, Kongressen, Tagungen und Büchern. Bereits 2023 schon erschienen von Marcus Willaschek „Kant. Die Revolution des Denkens“. Soll man es zur Einführung lesen? 430 Seiten wollen bewältigt sein, und bevor ein Schüler oder Student zur Sekundärliteratur greift: Am besten ist es, Kant selbst zu lesen, sich Satz für Satz in seine Kritiken und auch seine vorkritischen Schriften einzuarbeiten und dabei den Problemhorizont zu sehen, unter dem Kant, dieser Alleszermalmer, insbesondere seine „Kritik der reinen Vernunft“ schrieb. Vor der Sekundärliteratur und dem unendlichen Kommentar kommt der Primärtext. Allenfalls ein wenig Blick in den zeit- und philosophiegeschichtlichen Horizont. Reiner Text ist zwar Sex, aber nur Kant-Text macht Kant eben leider auch nicht unbedingt verständlicher, wenn der Leser nicht wenigstensein Minimalverständnis von dem hat, voran Kant in seiner ersten Kritik anknüpft. Gute Lehrer sind da leider oftmals Mangelware. Also vielleicht doch den Willaschek? Ich werde es demnächst einmal prüfen. Besser aber vielleicht mit Manfred Kühns „Kant. Eine Biographie“ einsteigen, weil darin der Zeithorizont vermittelt wird, in dem sich Kants Denken entwickelte. Und von dieser Position her kann man sich dann gut Kant erwandern und hat ein stabiles Basislager.

Wenn wir aber im Blick von Kraus und Adorno her von (teils linker) Kritik ausgehen, wollen wir auch jenen Autor nicht unerwähnt lassen, der am 29. Juli seinen 50. Todestag haben wird: uns kommt er wie aus einer anderen Zeit vor, aber seine Bücher und vor allem sein neusachliches Gedichte bleibt immer noch beklemmend schön und aktuell wie es nur Liebesgedichte sein können, nämlich Erich Kästner:

Sachliche Romanze

Als sie einander acht Jahre kannten
(und man darf sagen: sie kannten sich gut),
kam ihre Liebe plötzlich abhanden.
Wie andern Leuten ein Stock oder Hut.

Sie waren traurig, betrugen sich heiter,
versuchten Küsse, als ob nichts sei,
und sahen sich an und wußten nicht weiter.
Da weinte sie schließlich. Und er stand dabei.

Vom Fenster aus konnte man Schiffen winken.
Er sagte, es wäre schon Viertel nach Vier
und Zeit, irgendwo Kaffee zu trinken.
Nebenan übte ein Mensch Klavier.

Sie gingen ins kleinste Cafe am Ort
und rührten in ihren Tassen.
Am Abend saßen sie immer noch dort.
Sie saßen allein, und sie sprachen kein Wort
und konnten es einfach nicht fassen.

Walter Benjamins teils scharfe Kritik über Kästners „linke Melancholie“ zielt bei solchen Gedichten an ihm vorbei. Jener Kästner, der mit seiner Skepsis gegen linken wie rechten Dogmatismus und in seinem ironischen Witz mehr als recht behalten sollte. Vielleicht sind diese – zuweilen kommoden – Skizzen in Kästners Gedichtband „Ein Mann gibt Auskunft“ (1930), denen Benjamins Kritik gilt, im Rückblick allemal humaner als der revolutionäre Ton der Arbeitereinheitsfrontemphase oder der Politisierung der Ästhetik. Manchmal gltoze ich eben doch lieber romantisch und verweigere mich der Arbeit der Kritik. Solche Gedichte bleiben zeitlos, weil es Skizzen des Alltäglichen sind, und Buchklassiker wie „Emil und die Detektive“, „Pünktchen und Anton“, „Das fliegende Klassenzimmer“ bestehen durch ihre Erzählkraft: das was wir Stil oder auch den Drive einer Prosa nennen. Ja, freilich, das Moralische wie im „Fabian“ kann manchmal nerven. It’s not the birth of the cool. Aber doch ein lesenswerter Großstadtroman. Kästner, dit is immer och Berlin. Aber genauso Dresden und Kästners Liebe zu seiner Mutter.

Weiterhin bemerken wir, sofern wir heute noch in der Lage sind, das zu verstehen, den 750. Todestag von Thomas von Aquin samt seiner Theologie, seiner Philosophie. Das Verhältnis von Liebe und Erkennen, von Gottesliebe und Sünde. Das ergäbe, wollte man dieses Datum voll ausfahren, eine ganz eigene Philosophie-Reihe, wird aber allenfalls einige Mediävisten und solche Gelehrte interessieren, die Experten für mittelalterliche Philosophie sind. Schade eigentlich, daß manche Todestage im klassischen Feuilleton wenig Platz haben werden.

Ob zu solchem Vergessen auch der Dichter Friedrich Gottlieb Klopstock zählt, bleibt abzuwarten. Wir feiern, wie auch bei Kant, einen 300. Geburtstag. Aber anders als bei Kant sind Klopstocks Ruhm und sein Nachleben in unserer Gegenwart wenig ausgeprägt, und anders als Kant ist er ein inzwischen weitgehend vergessener Revolutionär, was sicherlich mit dem Ton seiner Texte zu tun hat, die uns heutigen sperrig erscheinen. Man kann es wohl mit Lessing sagen: „Wer wird nicht einen Klopstock loben?/Doch wird ihn jeder lesen? – Nein./Wir wollen weniger erhoben/Und fleißiger gelesen sein.“ Heute gibt es nicht einmal mehr das Lob und die Lektüre in Schule und Studium schon gar nicht oder allenfalls bei ambitionierten Lehrern. Doch es verhält sich eben so: Es steht gerade Klopstock im Sonnenaufgang der ästhetischen Moderne. Nicht nur als Autor der Empfindsamkeit und der Innerlichkeit, die heute leider im Blick auf die Literatur entsetzliche Blüten feiert, sondern auch hinsichtlich der poetischen Autonomie beim Versmaß war Klopstock prägend: sich von einer allzu starren Regelpoetik zu emanzipieren. In der „Querelle des Ancien et des Moderne“ gehörte Klopstock zu den Modernen. Was Klopstock im Feuerwerk jenes Sturm und Drang und der Stunde intensivsten Empfindens – „Mein Fräulein! sein Sie munter, Das ist ein altes Stück; …“ möchte man da mit Heine manchmal gegenhalten – für Goethes „Werther“ bedeutet, ist bekannt. Hoch empfindsam und zugleich irgendwie auch eine hoch- und saukomische Szene:

„Wir traten an’s Fenster, es donnerte abseitwärts und der herrliche Regen säuselte auf das Land, und der erquickendste Wohlgeruch stieg in aller Fülle einer warmen Luft zu uns auf. Sie stand auf ihrem Ellenbogen gestützt und ihr Blick durchdrang die Gegend, sie sah gen Himmel und auf mich, ich sah ihr Auge tränenvoll, sie legte ihre Hand auf die meinige und sagte – Klopstock! Ich versank in dem Strome von Empfindungen, den sie in dieser Losung über mich ausgoß. Ich ertrugs nicht, neigte mich auf ihre Hand und küßte sie unter den wonnevollesten Tränen. Und sah nach ihrem Auge wieder – Edler! hättest du deine Vergötterung in diesem Blicke gesehn, und ich möcht nun deinen so oft entweihten Namen nie wieder nennen hören.“

Aber auch hinsichtlich des Politischen, der Französischen Revolution insbesondere und ihre Konsequenzen für ganz Europa und sogar die Welt mag es lohnen, sich mit Klopstock zu befassen. Er lobte und pries die Revolution und verschwieg zugleich doch nicht ihren Schrecken und den Terror.

Doch nicht nur das: Klopstock veränderte mit seiner Art zu leben auch die Bedeutung des Dichterberufs: nämlich die bis ins 18. Jahrhundert hinein herrschende Auffassung, daß die Dichtung eine Sache fürs Nebenbei sei und der Dichter hauptberuflich, wie Opitz, Gryphius, Gottsched und noch Goethe, einem ehrbaren Beruf im Hauptwerk nachgingen: sei es, daß sie in einer Kanzlei für einen Fürsten arbeiteten, daß sie Universitätsprofessoren waren oder als Pastoren und Lehrer wirkten. Klopstock hingegen wollte nichts anderes von Beruf sein als Dichter – und damit einer Berufung nachgehen. Dank einer kontinuierlichen Geldgabe durch den dänischen König war es ihm möglich, als freier Schriftsteller zu leben. Mäzenatentum ohne vom freien Markt abhängig zu sein – keine schlechte Form des Gelderwerbs, um sich einem zunehmend aufkommenden kapitalistischen Betrieb zu entziehen und sich dem Dichten und Denken zu widmen. Klopstock zumindest war für Goethe wie Hölderlin ein Leitstern. 

Von Arno Schmidt gibt es zu Klopstock eines seiner unbedingt hörenswerten Radiofeatures, nämlich jenen legendären Schmidtschen Literaturdialog „Klopstock oder verkenne dich selbst!“.

Weiterhin auf dem Zettel haben wir den 75. Geburtstag von Slavoj Žižek (1949), den 180. Geburtstag von Friedrich Nietzsche (1844), den wir sicherlich irgendwie begehen und beschreiten werden, denn Nietzsches Denken ist bis heute hin Dynamit geblieben. Dann weiter den 150. Geburtstag von Robert Frost (1874) und seinen seltsamen und für diese 1910er und 1920er Jahre aus der Zeit gefallenen Gedichte, wenn ich an einen kalten Gegenpart wie Gottfried Benn und seine Morgue denke, aber schön doch Frosts „The Road Not Taken“. Immer ist es die Existenzialdimension solcher Dichtung, die Leser reizt. Zwar lesen wir solches, um zu interpretieren und zu deuten und in die nun gedeutete Welt zu schauen, manchmal gar allzu romantisch zu glotzen – aber eben nicht nur. Dichtung, ja Kunst überhaupt hat – triviale Erkenntnis eigentlich – immer auch etwas mit ästhetischer Intensität zu tun, die der Interpretation vorgängig ist. Und manchmal können selbst solche Sinnspruchgedichte schön sein:

Two roads diverged in a yellow wood,
And sorry I could not travel both
And be one traveler, long I stood
And looked down one as far as I could
To where it bent in the undergrowth;

Then took the other, as just as fair,
And having perhaps the better claim,
Because it was grassy and wanted wear;
Though as for that the passing there
Had worn them really about the same,

And both that morning equally lay
In leaves no step had trodden black.
Oh, I kept the first for another day!
Yet knowing how way leads on to way,
I doubted if I should ever come back.

I shall be telling this with a sigh
Somewhere ages and ages hence:
Two roads diverged in a wood, and I—
I took the one less traveled by,
And that has made all the difference.

Im Blick auf die Dichtung haben wir zudem, für alle Romantiker, den 200. Todestag von Lord Byron (1824), den 225. Geburtstag von Honoré de Balzac (1799), den man als einen jener Autoren, die über ihre eigene Epoche und die gesellschaftlichen Verwerfungen schrieben, auch einmal wieder verstärkt in den Fokus rücken sollte. Wolfgang Pohrt schätzte Balzac, und in der Edition Tiamat erschien 2018 im Rahmen der Pohrt-Gesamtausgabe sein Balzacbuch. In die andere Richtung schlüge dabei vielleicht der 100. Geburtstag von Rosamunde Pilcher (1924). Literatur als bloße Empfindungsprosa – nein ich meine jetzt nicht Annie Ernaux. Pilcher hat immerhin gegenüber Ernaux den unschätzbaren Vorteil, daß sie nicht jammert und mingelt.

Weiterhin sei für die Freunde der Musik auf Arnold Schönbergs 150. Geburtstag (1874) verwiesen, wogegen wiederum als gleichsam größtmöglicher oder zumindest doch scharfer Widerpart der 75. Geburtstag des Stehgeigers André Rieu (1949) steht. Ganz im Sinne Adornos müßte man hier einmal die E- und U-Musik in eine Korrespondenz treten lassen. Für eine Theorie der Heuristik der Extreme wäre ein solcher Langessay gewiß ein spannendes Projekt. Wie auch im Blick auf Pilcher/Ernaux und Balzac.

Aber auch das Entsetzen, jene deutsche Tragödie, die mit der deutschen Misere zu tun hat und zugleich eine Variante des linken Antisemitismus abgibt, hat ihren Jahrestag, und der personifiziert sich in Ulrike Meinhof und ihrem 90. Geburtstag (1934). Was für ein Weg – als Irrweg am Ende. Mit einem Selbstmord in der eigenen Knastzelle. Die Härte des Staates sowie ihre Ausgrenzung durch die eigenen, nun ja, Genossen. Was hätte aus einer Autorin werden können, die in den 1960er Jahren bis zu jener Gefangenenbefreiung am 14. Mai 1970 zu den klugen Köpfen eines kritischen, linken Journalismus der aufstrebenden BRD zählte, und wie mit diesem Datum und dieser Entscheidung Meinhofs sich die Geschichte der BRD durch die RAF radikal änderte – bis hin zu der bleiernen Zeit. Diese Frage: was wäre, wenn Ulrike Meinhof auf einem bestimmten Stück des Lebensweges anders abgebogen wäre. Oder war solcher Fanatismus bereits früh schon vorgezeichnet? Es dürfte dies wohl einer der spannendsten Jubiläen in diesem Jahr 2024 werden. Eben genau deshalb sind solche Jahrestage gut. Im besten Fall schlägt der Feuilletonist daraus ein paar neue Sichtweisen.

In einem ganz anderen Kontext deutscher Geschichte aber und vor allem hinsichtlich des Deutschen Schlagers, nein nicht nur und einzig, sondern auch im Kontext des deutschen Chansons, wofür es im Deutschen leider gar kein geeignetes Wort gibt – Liedermacher ist hier ebenfalls nicht passend –, begehen wir Udo Jürgensʼ 10. Todestag im Dezember und zugleich feiern wir seinen 90. Geburtstag im September. Ich habe mir 2018 auf dem Wiener Zentralfriedhof sein Grab angeschaut, darauf ein Klavier in Stein steht und darauf liegen die Blumen, die Gaben, die Briefe. Auch dieser Sänger hat etwas mit der Deutschen Geschichte zu tun – es sei nur an „Griechischer Wein“ erinnert oder an das „Ehrenwerte Haus“. Auch hier eine Korrespondenz in Sachen Geschichte.

Zentral aber, zum guten Schluß und nicht zu vergessen eine der erotischsten Frauen des 20. und 21. Jahrhunderts, nämlich, so sehen ich und Pete Doherty das, Kate Moss, die morgen ihren 50. Geburtstag feiert. Das Wort „Ikone“ trifft wohl in diesem Fall einen Nerv, zumal, was die 1990er und die frühen 2000er Jahre anbelangt und wenn wir an ihre Omnipräsenz in den Medien denken. Aus diesem Grunde findet sich in der Berliner Galerie „Camera Work“ bis zum 17. Februar eine Photoausstellung.

Ganz vergessen haben wir den wunderbaren Maler Caspar David Friedrich. Davon wäre ein andermal zu reden. Und ebenso demnächst – hoffentlich – eine begeisterte Besprechung von Karl Schlögels wunderbarem und unbedingt lesenswerten Buch „American Matrix“.