Zum Pazifismus und wie ein Symbol der Friedensbewegung zum Logo für Spinner und Schwurbler degenerierte

In dem Essay „Über Nationalismus“ schreibt George Orwell (im Jahr 1945!) unter anderem auch über den Pazifismus sehr treffend:

„Die Mehrheit der Pazifisten gehört entweder obskuren religiösen Sekten an oder es handelt sich schlicht um Menschenfreunde, die nicht wollen, dass jemandem das Leben genommen wird, und die sich weigern, über diesen Punkt hinauszudenken.
Es gibt jedoch eine Minderheit intellektueller Pazifisten, deren eigentliches wenngleich uneingestandenes Motiv der Hass auf die westliche Demokratie und die Bewunderung des Totalitarismus zu sein scheint.

Pazifistische Propaganda läuft normalerweise auf die Aussage hinaus, die eine Seite sei genauso schlimm wie die andere, doch schaut man sich die Schriften jüngerer pazifistischer Intellektueller genauer an, so erkennt man, dass darin keineswegs unparteiische Missbilligung zum Ausdruck kommt, sondern sie sich fast allesamt gegen Großbritannien und die Vereinigten Staaten richten.

Zudem verurteilen sie nicht durchweg Gewalt als solche, sondern lediglich Gewalt, die zur Verteidigung westlicher Länder angewandt wird. Den Russen wird, anders als den Briten, nicht vorgehalten, dass sie sich mit kriegerischen Mitteln verteidigen, und sämtliche pazifistische Propaganda dieses Typs vermeidet es sogar, Russland oder China überhaupt zu erwähnen …“

Hellsichtig hat Orwell die unheilvolle Tendenz einer bestimmten Linken bereits 1945 vorweggenommen, wie sie bei der DKP und heute auch in der Russia-Today Fraktion der Linkspartei zu finden ist, unter anderem am Typus Wagenknecht und Dagdelen sich  exemplifizierend. Zunächst im Blick auf die Sowjetunion und später dann hinsichtlich Rußland. Und genau das ist der Punkt, wo sich solche „Pazifisten“ mit Verschwörungsunternehmern wie Daniele Ganser und Dirk Pohlmann treffen: niemals findet man bei diesen trüben Gestalten auch nur mit einem Wort etwas über die entsetzlichen Zustände im totalitären, imperialistischen Rußland oder über die Lage im totalitär-diktatorischen China. Nirgends findet man einen Hinweis auf all die Kriege, die die Sowjetunion und dann Rußland in imperialistischer Absicht geführt haben. Es werden bei diesen Akteuren immer nur einzelne Aspekte dekontextualisiert. Oft klingt es glaubwürdig, wenn man es zum ersten Mal hört. Befaßt man sich aber mit den geschichtlichen und politischen Details und den tatsächlichen Hintergründen, sieht die Sache plötzlich ganz anders aus und Ganser und Pohlmann erweisen sich als unseriöse Menschenmanipulierer.

Irgendwie seltsam auch, daß der Deep State (mit den Freimaurern,  den Illuminaten oder einfach mit Hillary Clintons Pizza-Connection) oder auch die ungeheure Expansionsmacht der Nato das arme Rußland gerade in einer Phase, wo es sich schwach wie nie zeigt, nicht in die Knie zwingen. Wäre nämlich die NATO im Falle Rußlands jener Kriegstreiber, wie es Ken Jebsen, Ganser, Pohlmann, Bröckers und Konsorten insinuieren, so hätte sie leichtes Spiel, mit Manövern an Rußlands Grenzen, mit dem Auffahren von Kampfverbänden in Norwegen, Finnland, Polen, Rumänien wie auch den baltischen Staaten Rußland in den Würgegriff zu nehmen und Putin das zu geben, was ihm zukommt: nämlich ihm den Hals umzudrehen. Nichts von dem geschieht – leider. Und militärisch hält sich die NATO von Anbeginn aus Rußlands Angriffskrieg heraus: sie sendet keine Truppen, sie richtet keine Flugverbotszonen ein, sie sichert keine ukrainischen Getreidekonvois. Ob das sinnvoll ist, darüber können wir lange debattieren.

Zu viel Zurückhaltung allerdings, das hat auch die jüngere Geschichte bisher gezeigt, nützt am Ende nur Putin. Auch bei der Frage, ob die Ukraine ins Verteidigungsbündnis der NATO aufzunehmen wäre, gab es erhebliche Bedenken – und gleiches gilt für den EU-Beitritt. Wäre die NATO ein expansiver Verein, dann stünde die Ukraine bereits seit 2008 oder früher noch in einem NATO-Bündnis. Was die USA und die einige NATO-Staaten allerdings taten: Die Ukraine in die Lage zu versetzen, sich gegen den russischen Aggressor zu verteidigen. Tja, da müssen der Ganser-Daniele und der Pohlmann-Dirk und all die anderen Verschwörungsunternehmer arg schlucken: Imperialismus gibt es nicht nur bei den USA, sondern ebenfalls und seit Jahrhunderten auch bei Rußland. Hätte diesen Gestalten auch früher aufgehen können.

Im Blick auf Rußland steht im Blog „Vernunft und Ekstase“ in einem Eintrag vom 11.10.2022 treffend geschrieben:

„Russland ist auch nicht Nazi-Deutschland und Putin ist nicht Hitler. Es gibt strukturelle Unterschiede, aber auch strukturelle Ähnlichkeiten. Die strukturelle Ähnlichkeit beginnt schon einmal damit, dass es sich beim gegenwärtigen Konflikt nicht allein um einen un-ideologischen territorialen Konflikt handelt (so wie wenn sich Großbritannien und Argentinien um eine Inselgruppe streiten), sondern um einen Konflikt von grundlegenderen Lebens- und Herrschaftsweisen. Russland ist eine Despotie, die in den vergangenen zehn Jahren ihren Bürgern und Bürgerinnen die demokratische Luft zum Atmen abgeschnitten hat, das Putin-Regime hängt einer expansionistischen, imperialen Idee an und die Propaganda, Sprache und Inszenierung des Regimes hat immer mehr faschistoide Elemente angenommen. Mit Orwell können wir daher sagen, dass jede Form des Appeasement gegenüber einem solchen Regime eine Hilfeleistung für den Totalitarismus ist.“

Dies ist pointiert, pointiert geschrieben, die Situation im gegenwärtigen Rußland, und innenpolitisch ist, wie auch im Dritten Reich und wie in den meisten Diktaturen, nicht zu erwarten, daß sich dort etwas ändert. Die Spekulationen, wie lange Putin noch im Sattel sitzt, bleiben Spekulationen.

Herta Müller sagte es in einem Interview in der WELT sehr richtig: „Ich bin nur Pazifistin, wenn Frieden Freiheit bedeutet.“

Ein Pazifismus, der das Sterben der Menschen in der Ukraine in Kauf nimmt, ein Pazifismus, der totalitären Terror ignoriert, wie er von Putin ausgeht – erst jetzt wieder in der Verurteilung des Oppositionspolitikers Nawalny zu sehen, der zu 19 Jahren Lagerhaft verurteilt wurde -, ist kein Pazifismus, sondern Parteinahme für das Recht des Stärkeren und für ein faschistisch-totalitäres Regime. Wer zu den Diktaturen in Belarus, Tschetschenien und Rußland schweigt, aber bei Airbase Ramstein nölt, hat ein Glaubwürdigkeitsproblem. (Inzwischen sind, einschließlich mir, die meisten Menschen in Deutschland dankbar, daß es diese Airbase gibt. Sie ist nämlich Europas Sicherheitsgarantie gegen Rußland.)

Wer zu Rußlands Bombenterror gegen ukrainische Zivilisten schweigt oder einfach nur abstrakt „Nie wieder Krieg!“ oder „Frieden jetzt!“ in den Raum stellt und dabei nicht klar den russischen Aggressor benennt, der ist kein Pazifist, sondern im freundlichsten Falle ein Narr. Denn dieser russische Angriffskrieg geht von einem klar benennbaren Aggressor auf, und da löst sich der Satz „Frieden“ nicht einfach ins schlechte Allgemeine auf, ein Allgemeines, das alles und nichts in einem meint. Einen Frieden durchzusetzen, indem die Ukraine einen Teil ihrer Souveränität aufgibt, ist kein Frieden, sondern bloß der Auftakt zu neuen Kriegen. Klare Positionen zu schaffen, geht leider nur mit Waffen. Und leider wurde darüber in Deutschland viel zu lange debattiert. (Mag sein, daß hinter den Kulissen mehr und anderes geschieht. Das wäre zu hoffen.) Und was die Befürchtungen angeht, Putin könnte Deutschland oder Polen angreifen:

Das Interview mit Herta Müller ist im übrigen auch insbesondere im Hinblick auf totalitäre Regime und Diktaturen lesenswert.

So verständlich der Wunsch nach Frieden ist – nichts wünschen sich die Menschen in der Ukraine mehr, nachdem sie von Russen überfallen wurden -, so sehr ist es aber auch nachvollziehbar, daß ein Frieden unter Putins Stiefeln kein Frieden sein kann, sondern lediglich eine Friedhofsruhe. Daß Freiheit erkämpft werden muß, wußten im Zweiten Weltkrieg als Hitler Europa überfiel, insbesondere die westlichen Alliierten.

Jene weiße Friedenstaube auf blauem Grund ist inzwischen ein Symbol für Putinfreunde, Verschwörungsschwurbler und Naive geworden. Gewaltherrschaft läßt sich mit keiner weißen Taube bekämpfen – außer vielleicht, sie hat Sprengsätze unterm Bauch, die sie auf russische Stellungen wirft. Insofern: Taurus nach Kiew! Was nach griechischer Mythologie klingt, ist aber ganz profan, kein Flugdrache und kein Höhlenstier, sondern Target Adaptive Unitary and Dispenser Robotic Ubiquity System. Und genau das braucht die Ukraine, damit Frieden ist.

Lviv, Ukraine (Gefunden bei Jürgen Florenz)
Auch das war Putin.