„Es muß […] ein Menschliches an den Dingen sein, das nicht durch Arbeit gestiftetet wird.“
(Walter Benjamin, Brief an Adorno, Paris, 7. Mai 1940)
Kann es sein, daß es Werke gibt, die ihre Geschichte haben und deren Geschichte dennoch in gewisser Weise vorbei zu sein scheint? Verschluckt, vom Geist der Zeit ins Abseits gebracht – vielleicht auch, weil sie einstmals eine Wirkung entfalteten, die von der Gegenwart her nur noch schwierig nachzuvollziehen ist und weil viele der Überlegungen, die Lukács damals anstellte und die er vor allem an die Arbeiterklasse band, in der westlichen Welt nur noch bedingt aktuell sind? Wir sind eine kapitalistisch organisierte Arbeitsgesellschaft – der nur eben die Arbeiterklasse abhandengekommen ist.
Was nun dieses Altwerden einer Gestalt des Lebens betrifft, da will es mir scheinen, daß es mit Georg Lukács‘ „Geschichte und Klassenbewußtsein“ sich derart verhält. Eines der zentralen Bücher des Neomarxismus, und es ist Vergangenheit oder allenfalls von philologischer und philosophiehistorischer Relevanz im Blick auf jene Kritische Theorie, die 1923 mit der Gründung des „Instituts für Sozialforschung“ in Frankfurt begann, das inzwischen Geschichte ist, weil in einer globalen Welt, wie es sie weder in den 1920er noch in den 1960er Jahren gab, die Zeiten andere geworden sind.
„Geschichte und Klassenbewußtsein“ erschien vor 100 Jahren, es war außerordentlich bedeutsam für die frühe Kritische Theorie – gerade in ihrer kritischen Absetzung von einem Arbeitermarxismus und im Blick auch auf Erich Fromms sozialpschologischer Studie „Arbeiter und Angestellte am Vorabend des Dritten Reiches“, darin das Versagen der Arbeiter(klasse) vorm Faschismus Thema ist. Aber es ist dieses Standardwerk des frühen 20. Jahrhunderts (neben Freuds „Jenseits des Lustprinzips“, Husserls „Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen Philosophie“, Wittgensteins „Tractatus logico-philosophicus“ und Heideggers „Sein und Zeit“) ebenso bedeutsam hinsichtlich Adornos und Horkheimers „Dialektik der Aufklärung“, wenn es darum ging das Wegbrechen und Versagen der Arbeiterklasse unter dem Faschismus wie auch dem Stainismus zu analysieren und warum Aufklärung in Barbarei umschlagen kann und jene Arbeiterklasse schon lange nicht mehr das bessere und das richtige Bewußtsein besitzt und dem des Bürgers nichts mehr voraus hat; und insbesondere, was vielleicht weniger gut bekannt ist, war „Geschichte und Klassenbewußtsein“ auch hinsichtlich der Debatte von Adorno und Benjamin über dessen Kunstwerkaufsatz bedeutsam, vor allem aber im Blick auf Marx‘ Kapitel zum Warenfetischismus und dem, was bei Lukács wie Adorno dann Verdinglichung genannt wurde – einem jener zentralen Termini früher Kriitscher Theorie. Aber im Feuilleton zumindest und auch, was die Buchproduktion betrifft, schlägt sich dieses Jubiläum leider nicht besonders nieder. Oder täusche ich mich?
Schade ist dieses Vergessen vor allem, weil Lukács im Blick auf Gesellschaftskritik und Ästhetik und auch hinsichtlich seiner entsetzlichen Irrtümer ein spannender Denker bleibt: von seinen frühen Jahren, im Kreis um Max Weber und seiner Freundschaft mit Ernst Bloch, bis zu seinem Ende hin, als Lukács nach dem Ungarnaufstand, von den eigenen Genossen verhaftet, bemerkt haben soll: Ich glaube, Kafka war doch Realist.
Eine subtile, genaue, im Detail aber auch leicht polemische Skizze von Lukács lieferte Adorno 1925 in einem Brief an seinen Freund Siegfried Kracauer aus Wien:
„Morgenstern rief mich an und lud mich zu Lukács ein, […]. Am Sonntag war ich draußen bei ihm, ganz allein, in Hütteldorf, Istarygasse 12, wo er parterre ein pointiert ärmliches Zimmer bewohnt. Mein erster Eindruck war groß und tief; ein kleiner, zarter, ungeschickter blonder Ostjude mit einer talmudischen Nase und wunderbaren, unergründlichen Augen; in einem leinenen Sportanzug recht gelehrtenhaft, aber mit einer ganz konventionslosen, totenhaften klaren und milden Atmosphäre um sich, durch die von der Person nur Schüchternheit leise durchdringt. Das Ideal der Unscheinbarkeit verwirklicht er und freilich auch die Idee der Intangibilität. Ich fühlte sofort ihn jenseits auch nur möglicher menschlicher Beziehung und habe mich auch in dem mehr als dreistündigen Gespräch entsprechend verhalten und zurückgehalten. So ward die Unterredung mehr Interview als Gespräch. […] Er desavouierte zunächst gründlich die Romantheorie, sie sei ‚idealistisch und mythologisch‘. Kontrastierte ihr die ‚Verinnerlichung‘ der Geschichte durch die Marxsche Dialektik.“ (Adorno, Brief an Kracauer v. 17./18.6.1925)
In Lukács‘ Apodiktik und in seinem zuweilen ins Dogmatische umschlagenden Ton kann man zugleich aber auch das Dilemma linker Kritik herauslesen:
„Erst der Kapitalismus hat mit der einheitlichen Wirtschaftsstruktur für die ganze Gesellschaft eine – formell – einheitliche Bewußtseinsstruktur für ihre Gesamtheit hervorgebracht. Und diese äußert sich gerade darin, daß die Bewußtseinsprobleme der Lohnarbeit sich in der herrschenden Klasse verfeinert, vergeistigt, aber eben darum gesteigert wiederholen. Der spezialistische ‚Virtuose‘, der Verkäufer seiner objektivierten und versachlichten geistigen Fähigkeiten, wird aber nicht nur Zuschauer dem gesellschaftlichen Geschehen gegenüber (wie sehr die moderne Verwaltung und Rechtsprechung usw. die oben angedeutete Wesensart der Fabrik im Gegensatz zum Handwerk annimmt, kann hier nicht einmal angedeutet werden), sondern gerät auch in eine kontemplative Attitude zu dem Funktionieren seiner eigenen, objektivierten und versachlichten Fähigkeiten. Am groteskesten zeigt sich diese Struktur im Journalismus, wo gerade die Subjektivität selbst, das Wissen, das Temperament, die Ausdrucksfähigkeit zu einem abstrakten, sowohl von der Persönlichkeit des ‚Besitzers‘ wie von dem materiell-konkreten Wesen der behandelten Gegenstände unabhängigen und eigengesetzlich in Gang gebrachten Mechanismus wird. Die ‚Gesinnungslosigkeit‘ der Journalisten, die Prostitution ihrer Erlebnisse und Überzeugungen ist nur als Gipfelpunkt der kapitalistischen Verdinglichung begreifbar.“ (Lukács, Geschichte und Klassenbewußtsein, S. 194)
Lukács hat recht einerseits, und in seiner Undifferenziertheit hat er es doch nicht. Wenn Lukács die „Russia-Today“-Fraktion gekannt hätte, wenn Lukács jenem Ton des „Neuen Deutschland“ und der sowjetischen Stimme der „Wahrheit“ einmal etwas besser nachgehört hätte, so wie Karl Kraus es in der „Welt der Plakate“ tat, um „den Geräuschen des Tages zu lauschen, als wären es die Akkorde der Ewigkeit“, dann wäre er gewahr, daß die bürgerliche und spätbürgerliche Presse vielleicht doch, trotz manchem Mangel, die bessere Variante ist als ein Prawda-Sozialismus – trotz Verdinglichung. Und daß die bürgerliche und später dann bürgerlich-demokratische Gesellschaft in all ihrer Repression immer noch mehr Freiheiten läßt als jede bisher auf diesem Erdball sich ereignende sozialistische Gesellschaft. Zumal, von Hegel, über Marx, zu Adorno und Foucault, diese Repressionen und diese Mechanismen von Macht in dieser Gesellschaft immer auch analyisiert werden können. Die Wirkungsgeschichte der Kritischen Theorie in der frühen Bundesrepublik ist dafür ein gutes Beispiel.
Dennoch sind diese Aspekte des verdinglichten Denkens, die Lukács in „Geschichte und Klassenbewußtsein“ herausgearbeitet hat, zentraler und bis in die Gegenwart bedenkenswerter Bestandteil nicht nur der frühen kritischen Theorie, als diese noch kleingeschrieben wurde, sondern bin ins Spätwerk hinein schätze Adorno, trotz zahlreicher Differenzen, Dispute und Polemiken – so in „Erpreßte Versöhung“: „Am krassesten wohl manifestierte sich in dem Buch ‚Die Zerstörung der Vernunft‘ die von Lukács‘ eigener.“ – jenes Buch. Jedoch mit Vorbehalt. Dialektik darf nicht zum Schema erstarren:
„Leicht bildet Denken tröstlich sich ein, an der Auflösung der Verdinglichung, des Warencharakters, den Stein der Weisen zu besitzen. Aber Verdinglichung selbst ist die Reflexionsform der falschen Objektivität; die Theorie um sie, eine Gestalt des Bewußtseins, zu zentrieren, macht dem herrschenden Bewußtsein und dem kollektiven Unbewußten die kritische Theorie idealistisch akzeptabel. Dem verdanken die frühen Schriften von Marx, im Gegensatz zum ‚Kapital‘, ihre gegenwärtige Beliebtheit, zumal unter Theologen. Nicht entbehrt es der Ironie, daß die brutalen und primitiven Funktionäre, die Lukács wegen des Verdinglichungskapitels aus dem bedeutenden Buch ‚Geschichte und Klassenbewußtsein‘ vor mehr als vierzig Jahren verketzerten, das Idealistische seiner Konzeption witterten. Dialektik ist so wenig auf Verdinglichung zu bringen wie auf irgendeine andere isolierte Kategorie, wäre sie noch so polemisch.“ (Adorno, Negative Dialektik)
Und aus dieser Einsicht in die Dialektik von Verdinglichung und der Rettung der Dinge, schlägt Adorno mit Lukács jene Funken. Einige Sätze weiter heißt es:
„Wem das Dinghafte als radikal Böses gilt; wer alles, was ist, zur reinen Aktualität dynamisieren möchte, tendiert zur Feindschaft gegen das Andere, Fremde, dessen Name nicht umsonst in Entfremdung anklingt; jener Nichtidentität, zu der nicht allein das Bewußtsein sondern eine versöhnte Menschheit zu befreien wäre. Absolute Dynamik aber wäre jene absolute Tathandlung, die gewalttätig sich in sich befriedigt und das Nichtidentische als ihre bloße Veranlassung mißbraucht.“
Dankbar bin ich bis heute, daß wir damals 1988 im „Einführungskurs in die Allgemeine Soziologie“ in Hamburg bei jenem legendären Professor Gerhard Kleining, der letztes Jahr in hohem Alter verstarb (ein Nachruf auf diesen großartigen Lehrer folgt auf AISTESIS), auch die zentralen Passagen aus „Geschichte und Klassenbewußtsein“ lasen. Allgemeine Soziologie war nicht nur Max Weber, Ethnomethodologie, Talcott Parson, Habermas und Luhmann, sondern auch Georg Lukács und Adorno. Und bis heute bewahre ich meine alte, zerlesene und in einzelne Seiten auseinanderfallende Ausgabe von „Geschichte und Klassenbewußtsein“ aus dem Luchterhand Verlag. Aber auch diese Ausgabe ist Vergangenheit und Geschicht. Dankenswerter Weise hat sich der Aisthesis Verlag dem Werk von Lukács angenommen, und dort gibt es auch eine gute und bezahlbare Ausgabe von „Geschichte und Klassenbewußtsein„.
Dennoch ein Warnhinweis: Vor Lukács steht die Lektüre von Hegel. Wobei allerdings wiederum Lukács‘ Hegelbuch bei Adorno schlecht wegkam:
„Zu den trostlosesten Eindrücken gehört das große Hegelbuch von Lukács, das ich von Anfang bis Ende durcharbeitete. Man sollte so etwas an Verdinglichung des Bewußtseins bei dem kaum für möglich halten, der diesen Begriff geprägt hat. Da ist der Heideggersche Essay zur Phänomenologie des Geistes in den ‚Holzwegen‘ beinahe noch Dialektik dagegen. Seien Sie froh, wenn Sie von all dem verschont bleiben.“ (Th. W. Adorno, Brief am Th. Mann v. 3. Juni 1950)
Auch Dialektik kann sich verdinglichen und ins Schematische geraten.

„Sozialistisches Klassikergedenken: Georg Lukács bei einer Veranstaltung im Rahmen der Schiller-Ehrung in Weimar 1955“ (Entnommen der FAZ)
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