„Allmählich lernen deutschsprachige LeserInnen
die ukrainische Literatur und Kultur kennen – aus Nachrufen.“
(Tanja Maljartschuk)
Bei einem gezielten Raketenangriff auf ein ukrainisches Restaurant in Kramatorsk wurden am 27. Juni die ukrainische Schriftstellerin Wiktorija Amelina (37 Jahre) und elf weitere Menschen von Russen ermordet. Es war dies ein gezielter Angriff auf ein Restaurant, wo Journalisten und kritische Künstler verkehren. In der Nähe des Restaurants befanden sich keinerlei militärische Ziele. Es handelt sich um ein von Russen begangenes Kriegsverbrechen. Unter Ermordeten waren drei Kinder. Wiktorija Amelina schrieb jedoch seit dem Krieg keine Romane mehr, sondern sie dokumentierte vor allem die russischen Kriegsverbrechen, die in der Ukraine begangen wurden.
Wie lange will der Westen den Untaten Rußlands zusehen? Diplomatie scheint Putin nicht zu erreichen. Putin ist nur durch Stärke zu beeindrucken. Jeder Angriff auf ukrainische Zivilisten wäre durch einen Angriff auf russische Städte zu vergelten. Und dazu muß die Ukraine am Ende militärisch ermächtigt werden: daß Putin weiß: es könnte größere russische Städte im Grenzgebiet, ja es könnte sogar Hochhäuser in Moskau treffen. Nach über einem Jahr Krieg haben wir alle gesehen, daß Putin nicht aufhört Kriegsverbrechen zu begehen und die Welt sieht ihm dabei zu, die UN hat sich als hilflos und als Papiertiger erwiesen, viele Schwellenländer oder wie manche heute sagen die Länder des globalen Südens, die indirekt auch von dem Krieg betroffen sind, schweigen. China steht (in)direkt an der Seite Rußlands. Und nicht minder erbärmlich sind hier in Deutschland die Helfershelfer, die bei Verschwörungsunternehmern Ken Jebsen, bei Dirk Pohlmann, bei Mathias Bröckers oder bei der Russia Today-Fraktion der Linkspartei, wie etwa Sahra Wagenknecht und Sevim Dağdelen, im Rektum hocken und deren Ausscheidungen wiedergeben. Wut und Haß aber reichen nicht aus.
Die Schriftstellerin Tanja Maljartschuk schrieb über Wiktorija Amelina:
„Es begann vor ein paar Tagen in Klagenfurt, als ich von ihrer Verletzung durch die russische Rakete erfuhr. So schwer war es, die Rede zur Literatur zu halten, wissend, dass sie irgendwo in Kramatorsk im Spital mit einem Splitter im Kopf bewusstlos liegt. Nun ist sie tot. Russland hat sie getötet. Diesen Engel mit strohigem Haar, diese kluge, sensible, intelligente ukrainische Stimme, für immer verstummt, eine Autorin, die mehr Mut hatte, als viele von uns je haben werden. Das Interview für den Stern vom 01.06.23 wird ihr letztes bleiben. Darin sagt Viktoria Amelina: „Wir sind normale Menschen, die gezwungen sind, heldenhaft zu handeln.“ Seit Monaten dokumentierte sie Verbrechen im „Osten des ukrainischen Sieges“, wie sie es selbst nannte, denn sie hatte ein großes Herz und viel Humor. Sie sammelte Zeugnisse, fotografierte zerstörte Häuser, sprach mit vergewaltigten Frauen und gefolterten Männern. Sie hat die Tagebücher von einem in Okkupation ermordeten ukrainischen Schriftsteller Wolodymyr Wakulenko gefunden (das Bündel war in seinem Garten vergraben). Eines Tages wird ihre Arbeit dazu beitragen, Kriegsverbrecher vor Gericht zu bringen, weil dies der einzige Weg ist, den Kreislauf der Gewalt zu durchbrechen. Daran glaubte sie. „Geh, sprich mit den Frauen!“ — endete eins ihrer letzten Gedichte. Juri Durkot hat es ins Deutsche übersetzt. „Ich kenne schon alle in dieser Stadt und alle ihre Toten sind meine Toten, und alle Überlebenden sind meine Schwestern“.
Im Blick auf Maljartschuk Satz, daß wir deutschsprachigen Leser die ukrainische Literatur und Kultur aus den Nachrufen kennenlernen, sei auf ein Buch verwiesen, daß im Januar 2023 im Passagen Verlag erschienen ist – gerade auch im Blick auf die Freiheitsrevolution 2013/2014 auf dem Maidan in Kiew, nämlich der Sammelband „Ukraine mon amour. Stimmen einer freien Nation“, darin auch ein Text von Amelina erschienen ist. (Das Buch ist von von Ganna Gnedkova herausgegeben.)
Ja, wir alle in Deutschland wissen viel zu wenig über die Ukraine und wir alle haben immer noch ein verklärtes Bild von Rußland im Kopf. Daß Putin einen brutalen neokolonialen und imperialistischen Kurs fährt, angefangen mit den vom FSB begangenen Anschlägen auf Hochhäuser in Moskau, mit der Ermordung der kritischen Journalistin Anna Politkowskaja (genau an Putins Geburtstag, welch Zufall und Zeichen: „Wir kriegen euch, wenn ihr nicht schweigt!“), dem Mord an dem Regimekritiker Boris Nemzow usw. usf., die Reihe läßt sich beliebig ergänzen, war lange Zeit nur wenigen präsent. Nicht einmal denen, die sich aus seriösen Medien informierten. Was Alice Bota, Andrea Böhm, Michael Thumann in der ZEIT schrieben, taten wir als übertrieben ab. Man muß diesen Umstand immer wieder betonen, wenn wir von der Gegenwart sprechen und schreiben. Wenige nur, wie Marieluise Beck, Wolf Biermann, Ralf Fücks warnten beständig vor Putin. Die Bundeswehr war nicht vorbereitet. Daß der Angriffskrieg gegen die Ukraine 2014 begann, mit dem russischen Überfall auf die Krim und mit der russische Intervention im Donbas, wollten viele von uns nicht wirklich sehen. (Wer die Fakten dazu möchte, der greife unbedingt zu einer der materialreichsten Studien, nämlich Winfried Schneider-Deters großartige Studie „Ukrainische Schicksalsjahre. 2013-2019“ und in kompakter Form von der Historikerin Gwendolyn Sasse „Der Krieg gegen die Ukraine“) Doch immer noch ging das Narrativ: „Aber die USA!“
Warum all dies, warum diese Abschweifungen, wenn es um den Tod einer Schriftststllerin geht, wenn es um den Tod von ukrainischen Zivilisten geht? Weil wir all das hätten wissen können. Ukrainische Politiker, Schriftsteller und Intellektuelle wie Serhij Zhadan und Juri Andruchowytsch wußten es besser, sie warnten und sie sollten recht behalten. Eines der Resultate unseres Schweigens und unserer militärischen Zurückhaltung seit dem Februar 2022 ist der Tod von Wiktorija Amelina und vielen in die zehntausende gehenden Zivilisten durch russische Waffen, durch einen brutalen Angriffskrieg, der nicht aufhören wird, wenn wir Putin nicht stoppen.
Von Wiktorija Amelina sind nur wenige Texte ins Deutsche übersetzt.
„Sehen Sie die Frau, die ihre Hand nach hinten ausstreckt?
Sie scheint einen Koffer zu ziehen oder jemanden hinter sich herzuziehen.
Der unsichtbare Koffer ist schwer, weil die Frau langsam geht.
Solche Frauen werden im Allgemeinen als verrückt bezeichnet.
Aus ihrem verbrannten Haus konnte sie nichts mitnehmen
Und es weiß niemand, wer mit ihr dort lebte
Trotzdem folgen sie ihr und der Jüngste bleibt dauernd zurück
Und die Frau bleibt dann stehen: sie wartet immer auf ihn“
(Wiktorija Amelina, entnommen der Fb-Seite von Marjana Michailiwna Haponenko)
