Das Buchrätsel hin zum Sonntag

Ich sitze des abends in meinem Grandhotel Abgrund, süffele einen netten Grauburgunder vor mich hin, bin froh, daß mir Menschen am Sonnabend nicht auf die Nerven und damit auf den Sack gehen: daß ich also für mich bin, die polnische Zugehfee aus jenem Märchenreich trägt ein paar Decken auf, denn es wird abends bedenklich herbstlich in Berlin, so imaginiere ich, ich bin traurig, daß die Flasche Grauburgunder bald leer ist, doch ich bin zugleich ganz und gar beglückt, ja beschwingt und metaphysisch nachgerade angefaßt und entrückt: Ich lese, wie lange nicht mehr, in einem Roman, von dem ich restlos begeistert bin [wie lange nicht mehr ich mich durch Literatur begeisterte!] und freue mich, daß ich so viele Ichs schreiben kann, darin keine anderen vorkommen. Wenn ich an die klägliche wie phantasielose und literarische unbegabte Ichsagerin Annie Ernaux denke, die ich letztens las, und deren im Dauermodus herunterzogenen Mundwinkel linksfranzösischer Verbitterung, bin ich so tief und fast religiös dankbar für diesen weiblichen Ausgleich aus dem Osten Europas, nein, das ist falsch: aus Mitteleuropa.

Lesen, ohne aufhören zu wollen, lesen und diese Versinken in eine Dichtung, wie ich es als junger Mann nur kannte, wenn da mit Leidenschaft und jener Lust am Text ein Roman nicht bloß pflichtgemäß gelesen, sondern aufgesogen wurde wie Handauflegen und Wahrsagen überm Buchcover: diese Melange aus Märchen und Welt, daraus sich ein ganz eigenes Gedankenreich entspinnt, wie ich es damals nur bei Kafka und Thomas Mann kannte und wie vielleicht noch Michael Ende eine Zauberwelt erzeugte. Lange ist es her, daß ich eine derartige Dichtung las, wie ich es diesen herrlichen Abend tat. Es ist eine betörende und zugleich weltferne und doch so nahe Prosa, die unsere kleine Welt einfängt, die im Grunde überall sein kann, die aber in diesem Falle doch in Polen spielt, darüber ein mutmaßlicher Gott und einige Engel wachen. Eine verzauberte und doch auch grausame Dorflandschaft.

Demnächst werde ich – vielleicht – verraten, um welches Buch und um welche wunderbare Autorin es sich handelt, die ich an diesem sommerlich-herbstlichen Abend in Verzückung las. Den Literaturnobelpreis hat sie ganz und gar zu recht erhalten.

Lower Engadine Vulpera and Fetan Grisons Switzerland