Es ist mal wieder Fasching angesagt – mitten im Juli. Der Fabian Wolff und die Inszenierung als Jude und daß sowas in der Regel und über die Jahre auffliegt – was noch dem Dümmsten klar sein müßte, wenn er denn nachdächte. Aber der Schauspieler denkt nicht, sondern verstrickt sich von Mal zu Mal mehr ins eigene Konstrukt und beginnt, es zu glauben. Denn es lebt sich in der Opferpose gut. Opfer zu sein, ist in dieser Gesellschaft mittlerweile attraktiv – zumal einen die Opferrolle in manchen Kreisen eine privilegierte Sprecherposition sichert und man gerade als vermeintlich linker Jude dann besonders gut jene Kritiker des antisemitischen BDS ins Gebet nehmen kann und auch jene Kritiker, die regelmäßig auf muslimischen und migrantischen Antisemitismus verweisen und diesen genauso behandelt wissen wollen wie rechtsextremen Antisemitismus.
Nun also, frei nach Wiglaf Droste, eine Opferrolle rückwärts. Denn damit, wenn der Kopf vor Kater schmerzt, noch die Reue am Aschermittwoch gut rüberkommt – der Fasching zweiter Teil und die nächste Verkleidung -, finden wir in ZEIT-Online vor zwei Tagen einen ellenlangen Büßertext. Noch die Reue läßt sich verwursten, noch mit Betrug läßt sich Gewinn erzielen, noch das Bekenntnis, gelogen zu haben, läßt sich journalistisch verwerten. Und das ganze immer von einer hochmoralischen Position und Pose aus, wenn man sich Fabian Wolffs Machwerk „Nur in Deutschland“ vom Mai 2021 anschaut, darin sich von einem fingierten Jüdischsein her Anklage über Anklage gegen jene findet, die eine bestimmte Form des Antisemitismus kritisieren – nämlich den des BDS und auch den bei einem Großteil der arabischstämmigen Migranten, die Deutschland fahrlässigerweise einreisen ließ. Am Ende leider nur eine Posse. Wobei: mich haben solche Sprecherpositionen nie interessiert, das war schon bei Wolffs Faschingskollegen Max Czollek und seinem unsäglichen Buch „Desintegriert Euch!“ so. Wenn statt des Arguments die Sprecherposition als Versicherung oder als Verstärkung herhalten muß und das „Ich als XY“ den Distinktionsgewinn erzielen soll.
Allerdings liegt dieser Fall zugleich anders als etwa der von Binjamin Wilkomirski, der sich die Biographie eines Holocaust-Überlebenden andichtete. Eher schon und näher an der Sache ist man bei der Bloggerin Marie Sophie Hingst, die sich tragischerweise, nachdem sie mit einer fingierten jüdischen Vita enttarnt war, das Leben nahm. (Siehe dazu auch meinen Text „Read on, my dear, read on! Von den Opferfiktionen und ausgedachter Vita – Zum Fall Read on„). Und leider ist die Reihe derer, die sich ihre Biographien erfinden, lang. (Für den Partyplausch samt wohligem Grusel der Zuhörer, so denke ich mir zuweilen, ist es doch eigentlich viel interessanter, wenn man sich als Urneffe von Reinhard Heydrich ausgeben kann – aber das will keiner. Man kann wohl auch nicht so schön Israel kritsieren. Dazu muß man sich erst den Juden erfinden. Und auch sonst lassen sich daraus keine wirklich guten Sprecherpositionen ableiten – außer vielleicht bei Björn Höcke und Horst Mahler.)
Aber ich denken, all das Lügen und Inszenieren wird Fabian Wolff nicht schaden. Er hat ein so rührendes Bekenntnis geschrieben, da werden Teile des Betriebs bald vergessen – zumal er ein Kritiker jener Leute ist, die sich trauen, den arabischen, migrantischen Antisemitismus anzusprechen, wie man ihn jeden Tag in Berlin und anderswo erleben kann. Das wird bis in jene Kreise gut gelitten und seine Peer Group wird ihm die Stange halten. Auch unbeschnitten.