Mit Rechten reden, mit Linken leben: Rechtsaußen und die Moralisierung der Diskurse

Der Standardreflex gegenüber rechts geht meist in zwei Varianten: entweder wird sich der intellektuellen Konfrontation komplett verweigert, oder es folgt die moralische Empörung. Im Brustton der Überzeugung, als Meinung vorgetragen. Jüngst konnte man diese Art von Entgleisung bei Sibylle Berg lesen: Nun stünden wir vorm neuen Faschismus, übersteigerte Berg – als ob wir uns in der Weimarer Republik im Jahre 1932 befänden, was historisch schlicht falsch ist. Reden reiche nicht mehr aus, schrieb sie in ihrer Spiegel-Kolumne im Pathoston des Schriftstellers und in Anspielung auf das Buch Mit Rechten reden von Per Leo, Maximilian Steinbeis und Daniel-Pascal Zorn.

Dieses gelungene Buch jedoch – ich vermute, Berg hat es nicht einmal gelesen – zeigt, daß es zwischen der Skylla Moralin und der Charybdis Schweigen einen durchaus gangbaren dritten Weg gibt, der vielversprechender scheint als das Alarm-Alpenhorn aus der Schwiizer Komfortzone oder eine multikulturelle Idyllik, wie sie heute just Asal Dardan in der Berliner Zeitung rührselig aufblühen ließ.

In der gleichen Logik, wie sich Dardan mehr Geschichten von Migranten wünscht, möchte mancher Deutsche eben mehr Geschichten aus dem eigenen Milieu, aus den abgehängten Regionen dieses Landes lesen – da wo von Nahverkehr bis Krankenhaus nichts mehr geht, oder er möchte wissen, wieso es sich heute nicht mehr einfach und unproblematisch über den Berliner Alexanderplatz spazieren läßt. So sucht sich also jeder seinen Wohlfühlzirkel, möchte gerne behaglich im Eigenen sich einrichten. Insofern sind, wenn auch ungewollt, Asal Dardan und der Wutürger zwei Seiten derselben Logik. Man will hören, was in den eigenen Kram paßt und dazu dann die entsprechenden Narrative etablieren.

Man kann sich mit dem Thema „rechts“ in einer aufgeheizten Form auseinandersetzen – mit Slogans, mit wohlfeiler und oft auch mit berechtigter Empörung – eine Empörung freilich, die regelmäßig aufs Provokationsspiel der Rechten hereinfällt. Oder wir suchen einen Disput, indem wir sachlich die Bilanz ziehen. Thomas Wagners Buch „Die Angstmacher“ zeigt, wie wir diesen schwierigen Weg ohne Polemik und trotzdem kritisch begehen können. Er schildert, zeigt und beschreibt diese neuen Rechten, ohne im Ton schrill aufzufahren und vor allem gibt es hier kein betreutes Lesen oder taz-Belehrungsjournalismus, der sagt, was zu denken sei – und das, man höre, obwohl Wagner dezidiert links ist. Wagner stellt dar, ohne zu werten. Er läßt die Positionen für sich sprechen, führt Interviews mit Götz Kubitschek und Ellen Kositza. (Im zweiten Teil dieser Serie folgt eine Rezension dieses lesenswerten Buches.)

In den öffentlichen Diskursen tauchen diese neuen Rechten inzwischen allerdings vermehrt auf – zuletzt während der Frankfurter Buchmesse, spektakulär dank des Engagements der Linken: kostenlose Werbung durch Protest und Niederbrüllen einer Veranstaltung am Stand von Antaios. So war der Verlag in aller Munde. Das Konzept des Verlages ging prompt auf: Der Verleger lachte, dankte und konnte sich sogar, ohne großes Lamentieren, ganz berechtigt als Opfer eines Übergriffs zeigen. Er brauchte nicht einmal mehr die bei Rechten ansonsten gerne geprobte Opferpose einzunehmen, sondern er winkte die Sache nonchalant weg: So sind sie eben, die Linken, sie stören, sie halten Pluralität nicht gut aus, predigen aber beständig davon. Der Mann hat nicht unrecht. Der Verkauf von Titeln aus dem Antaios Verlag stieg nach dieser Aktion der Linken sprunghaft an, dessen Vertrieb kam mit dem Ausliefern kaum nach, wie man mir am Telefon berichtete. Der Faustschlag ins Gesicht des Trikontverlegers ging da glatt unter.

Ebensowenig zielführend in der Auseinandersetzung ist jene reflexhaft sich einstellende Erregung. Das Rufen von Parolen wie „Nie wieder Faschismus“ mag eine Demo würzen, aber bei öffentlichen Veranstaltungen und in politischen Diskursen zeugt es von Hilflosigkeit, anstatt von intellektueller Substanz und von Eloquenz. Zumal Kubitschek und Ellen Kositza diesen Satz für sich genauso in Anspruch nehmen. Wir haben mit der Neuen Rechten keine kruden Horst-Mahler-Nazis oder Holocaustleugner vor uns, sondern sie sehen sich in der Tradition Stauffenbergs und der Weißen Rose – all diese Zusammenhänge kann man gut in Wagners Buch nachlesen.

Was daran bei Kubitschek oder Sellner Camouflage ist, steht auf einem anderen Blatt. Aber um dies zu beurteilen, muß man deren Positionen überhaupt erst kennen. Darübergestülpte Worte reichen meist, um eine bequeme Spielmarke bei der Hand zu haben, oder frei nach Mephisto: „Denn eben wo Begriffe fehlen,/ Da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein.“ Das Wort ‚rechtsradikal‘ feiert Inflation.

Intellektuell hat die Linke dieser Rechten momentan wenig entgegenzusetzen und von daher resultiert – vermutlich – ihre Angst: Einen Marc Jongen möchte sie gar nicht erst auf Veranstaltungen eingeladen sehen, weil man auf diese Weise rechtes Denken legitimiere, so die Kritiker – absurd eigentlich, denn die meisten dieser Veranstaltungen und Podien werden sowieso von den üblichen Verdächtigen besucht, es wird Jongen im Theater von Magdeburg oder in Zürich (sofern die Veranstaltungen denn stattgefunden hätten) sicherlich nicht frenetisch beklatscht werden und auch im Publikum hockt nicht der typische Pegida-Protestler. Gerade für jene Jongen-Kritiker könnte es jedoch lehrreich sein, sich anzuhören, was dieser Marc Jongen uns berichtet.

Davon abgesehen, wer eigentlich sich das Recht herausnehmen will, zu entscheiden, wer im öffentlichen Diskurs legitimiert ist zu sprechen und wer nicht. Ein seltsames Verständnis von Debatte, vor Beginn des Diskurses bereits festlegen zu wollen, wer teilnimmt und wer nicht. Und als ob es in den Medien nicht schon genug Gate-Keeper gäbe. Oder aber jene Erregungs-Talkshows, die nicht die Lösung, sondern ein Teil des Problems sind, weshalb die Diskussionskultur derart außer Rand und Band geriet. Der Krach nämlich existierte bereits, bevor die Neuen Rechten und in den sozialen Medien die sogenannten Wutbürger auf den Plan traten. Ein Krawall der bürgerlichen Mitte. Man denke zurück an Sonntagabend, die Zeit gleich nach dem Tatort, Sabine Christiansen. Geschrei und wildes Gebaren, Redner, die einander ins Wort fielen und Sätze ohne Argumente. Das, was sich Enthemmung nennt, lag gut vorbereitet und abgehangen da. Die Rechten mußten diese Masche der Provokation nur kapern. Sie taten es.

Ich möchte hier in einer losen Folge von Buchbesprechungen mir einige Texte herausgreifen, die sich mit diesem Thema der Neuen Rechten befassen und dieses Phänomen in den Blick nehmen. Zunächst also von dem aus dem linken Umfeld stammenden Soziologen Thomas Wagner, der ein herausragendes und unbedingt lesenswertes Buch schrieb, darin er die Wurzeln dieses Denkens und die Ideengeber zeigt. Insbesondere die von der Rechten viel geschmähten 68er. Die Protestformen der Studenten, so z.B. die Subversive Aktion, deren Mitbegründer Frank Böckelmann heute im rechten Lager anzutreffen ist, und auch der Bezug zu Antonio Gramscis Begriff der kulturellen Hegemonie wurden von dieser Neuen Rechte aufgegriffen. Dazu mehr im nächsten Teil.

Weiterhin das inzwischen in aller Munde und auch vielfach kritisierte Buch Mit Rechten reden von Per Leo, Maximilian Steinbeis und Daniel-Pascal Zorn, das diesem Text den Titel gab. Und als – freilich seltsamer – Gegenpart dazu von Martin Lichtmesz und Caroline Sommerfeld die Streitschrift Mit Linken leben.

Für alle Bedenkenträger sei an dieser Stelle übrigens aus Wagners Buch das Kapitel Dem Bösen keine Bühne: Das Theater schafft sich ab ans Herz gelegt. Ein wenig Dissens im Konsens kann nicht schaden, und Demokratie lebt davon, daß sie gegensätzliche Interessen formuliert und austrägt, so Wagner. Er zitiert hier den Theater-Dramaturgen Bernd Stegemann. Was der fürs Theater sagt, gilt auch für andere Formen des öffentlichen Diskurses:

„Die Herausforderung für das Gegenwartstheater besteht darin, dass unsere heutige Gesellschaft dauernd damit beschäftigt ist, Widersprüche unsichtbar zu machen, sie durch ganz bestimmte Sprechweisen zu vernebeln.“

Es gebe hier, so ergänzt Wagner, etwas wie eine Bunkermentalität, die bis in die Mitte der Gesellschaft vorgedrungen ist. Es wird tabuisiert, moralisiert und ausgegrenzt, herauszuhören insbesondere aus Sätzen wie: „Das darf man nicht sagen!“

Im Grunde verhalten sich die Diskurse vieler Linker geradezu spiegelbildlich zu denen von rechts. Man erschreckt vorm Gegenüber, und bemerkt nicht, daß es das Abbild der eigenen Gestalt ist. Oder wie es Theodor Däubler pathetisch schrieb: „Der Feind ist unsre eigne Frage als Gestalt. Und er wird uns, wir ihn zum selben Ende hetzen.“ Carl Schmitt, der ein eifriger Leser Däublers war und über dessen Nordlicht schrieb, inspirierte diese Sentenz zu seinem Freund/Feind-Schema in Der Begriff des Politischen. Eine rhetorisch und politisch interessante Figur nebenbei, die gerade auf Seiten der Rechten, aber auch in linken Diskursen sich einiger Beliebtheit erfreut. Dazu aber ein andermal. [Wer es hier Schmitt-kritischer mag, greife auf Karl Löwith Abhandlung Der okkasionelle Dezisionismus von C. Schmitt zurück oder lese die Kritik von Leo Strauss: Anmerkungen zu: Carl Schmitt, Der Begriff des Politischen. Ebenfalls anregend und in diesem Kontext steht Walter Benjamin mit seinen Überlegungen zum Generalstreik in Zur Kritik der Gewalt.]

Was das Theater betrifft, so hat Stegemann diese Überlegungen in seiner Schrift Das Gespenst des Populismus. Ein Essay zur politischen Dramaturgie zugespitzt: Wir finden im spätbürgerlichen Theater die 100te Wohlfühltextfläche, dramatisch allenfalls in den politisch korrekten Emotionen, die das Stück schürt; engagierte Texte, die das sagen, was die meisten der Zuschauer sowieso denken und vor allem aber fühlen. Und wenn es dem letzten Zuschauer noch nicht klar ist, dann wiederholt dies auf der Bühne ein antiker Chor bis zum Gottseibeiuns. Das Gorki Theater in Berlin ist der Paradefall eines solchen neu blühenden Gesinnungstheaters. Regisseure wie Falk Richter oder Nicolas Stermann ebenfalls.

In diesem Sinne hat das moderne Theater mehr von einem Gottesdienst mit Predigt, in der sich die treue Gemeinde wiedererkennt – nicht anders als die Carolin-Emckesche Erbauungsrede in Frankfurt letztes Jahr. Und auch der Teufel wird, natürlich farbecht in blau oder braun, an die Wand gemalt, statt daß sich auf der Bühne Widersprüche manifestieren und Konfrontation entsteht. Widersprüche, die sich nicht auflösen. Eine echte Provokation für die Wohlfühlbürger des kulturalistisch-linken Milieus gäbe es vermutlich nur, wenn man dort ungeschminkt einmal etwas Rassistisches inszeniert und die Leute so sprechen ließe, wie sie sprechen. Ohne Schutzschirm, ohne Filter, ohne Verfremdung oder Zeigefinger.

Wie wäre es, wenn ein Theater es einmal wagte von Jean Raspail Das Heerlager der Heiligen zu inszenieren? Einer der wenigen, denen ich dies zutrauen würde, wäre Frank Castorf. Er scheut sich nicht, auch ein heißes Eisen zu berühren, Castorf ist es in seiner schnodderigen Art gleichgültig, was die Gemeinde denkt.

Auf dem Dokumentarfilmfestival dok-Leipzig erregte kürzlich Sabine Michels Film Montags in Dresden einiges Aufsehen. Denn es geschah das, was natürlich verborgen gehörte: es kamen im Film Pegida-Demonstranten zu Wort. Und – böse, böse – ohne Kommentierung und ohne betreutes Gucken. Die Festivalleitung hat sich umgehend – wir ahnen es bereits – distanziert. Anstatt – einmal nur – zu einer Sache zu stehen.

Hilmar Klute beschreibt dieses Phänomen in seinem SZ-Artikel „Politische Korrektheit. Wer streiten will, muss sich auch schmutzig machen“:

„Nachdem die Leitung der Frankfurter Buchmesse es dem rechten Antaios Verlag zugebilligt hatte, einen Stand zu vertreten, rief sie alle demokratisch Gesinnten dazu auf, gegen rechtskonservatives Gedankengut aufzubegehren. Allein der Gedanke daran, sich, in sei es noch so distanzierter Weise, zunächst einmal mit dem Weltbild der Rechten befassen zu wollen, scheint eine absurde Handlungshysterie auszulösen: Geschrei, Gestampfe und Gezeter – am Ende standen die Rechten als Saubermänner da, während die demokratische Mehrheitsgesellschaft eher wie ein reflexionsfeindlicher Abklatschverein rüberkam. Die Angst vor dem anderen Gedanken, vor der unsauberen Gesinnung ist inzwischen so groß, dass der Zwischenschritt des Nachdenkens zugunsten der automatischen Zurückweisung entfällt.“

In diesem Sinne verstehen sich diese Rezensionen auch als ein Beitrag zu einer Kultur der offenen Debatten, wo nicht von vornherein Themen mit dem Tabu belegt sind. Im nächsten Teil also geht es zur Sache und hinein in Wagners Buch.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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34 Antworten zu Mit Rechten reden, mit Linken leben: Rechtsaußen und die Moralisierung der Diskurse

  1. mark793 schreibt:

    Man erschreckt vorm Gegenüber, und bemerkt nicht, daß es das Abbild der eigenen Gestalt ist.
    Definitiv. Sowohl der Faschist als auch der erklärte Antifaschist fühlt sich legitimiert, den jeweils anderen zu hassen, weil er vermeintlich anders ist – ohne zu sehen, dass er selber dabei das gleiche Verhaltensmuster reproduziert wie sein Antgonist.

  2. Dieter Kief schreibt:

    1) Oh – links und rechts scheinen sich sozusagen über die Argumente zu legen.

    2) Evangelisch und katholisch sind in hohem Maße praktische Begriffe, und werden mit jedem Moment wegfallender praktischer Teilhabe – am jeweiligen Gottesdienst, bei den Sozialwerken, bei der Kirchensteuer, bei der Taufe der Kinder, der Wahl der Gattin, hehe – na usw.: Des Kindergartens, der Beerdigung – also je weniger solche Teilhabe statt hat, desto leerer werden die Unterscheidungen wie links und rechts // Muslima/ Atheistin // Buddhist/ Altkatholikin usw. evangelisch/ katholisch // rechts/links usw.

    Das – soviel ich sehe – relativ Neue ist die Unduldsamkeit der einen (vornehmlich der linken/emanzipativen) gegenüber der anderen Seite.

    Theoretisch ist das insofern absolut irrig, als links und rechts als unterschiedliche Praktiken die öffentliche Erörterung ihrer jeweiligen Position schon allein deshalb brauchen, weil die Praxis nur aus sich selbst heraus niemals wissen kann, ob sie richtig ist.

    Das ist ein alter Gedanke – cf. Schiller (Das Ideal und das Leben) und Goethe, aber auch Habermas – auf der höchsten Abstraktionsebene sagt er: Alle rechtfertigbaren Aussagen hinreichend komplexer Natur sind notwendig vorläufig. (cf. „Wahrheit und Rechtfertigung“ – da kommt das sehr deutlich zutage).

    Da Habermas sich langsam ins Nirwana verabschiedet, wird es je länger je mehr an uns liegen, diese Dinge sozusagen lebendig zu erhalten.

    (Ok, ich sage hier auf dem Blog uns – das heißt ja wohl ich unterstütze Ihr lauteres Streben, Bersarin).

  3. Bersarin schreibt:

    „Oh – links und rechts scheinen sich sozusagen über die Argumente zu legen.“ – Dies ist leider von Zeit zu Zeit und immer wieder zu beobachten – Standpunktdenken eben. Zugleich sind links und rechts, die man nach Jandls lustigem Satz bekanntlich gar nicht verwechseln kann, Sprachspiele mit bestimmten Regeln und Sätzen, die darin geäußert werden und zugleich Zuordnung, die die Akteure über sich selbst, aber auch in bezug auf ihr Gegenüber vornehmen. Ich selbst würde und kann mich in diesen Feldern nicht zuordnen, da ich solche Kategorien des Festnagelns und des Verpflichtens aufs Allgemeine – als Adornit sowieso – problematisch finde. Interessant wird es da, wo es changiert: Rechte würden mich immer als links wahrnehmen, Linke oft als konservativ. Ja, ich bin womöglich ein konservativer Kritischer Theoretiker. Der Aspekt der Melancholie eben. Manchmal erlaubt solche Standpunktlosigkeit, die Dinge besser zu sehen. Man ist keinem Programm verpflichtet.

    Andererseits gibt es Positionen, die man im politischen Feld eher als rechts oder eben links benennt. Das kann manchmal hilfreich sein.

    „Alle rechtfertigbaren Aussagen hinreichend komplexer Natur sind notwendig vorläufig.“ Na ja, das ist nun freilich eine abstrakte Setzung, die man sich von Fall zu Fall und von Aussage zu Aussage betrachten muß. Glaubenssätze sind natürlich nur Sätze des Glaubens, also eines Für-wahr-haltens. Sätze zur Begründung von Aussagen sind diesbezüglich schon etwas komplexer strukturiert und lassen sich nicht einfach in den Relativismus des Meines, Glaubens und Für-wahr-haltens auflösen. Naturalisierungen wiederum, die sagen, das Wesen Mensch ist so und so, ist x und y beschaffen, die müssen ihre Geltung schon noch nachweisen. Der Rekurs auf eine vermeintliche Natur ist vage und aus Vagem lassen sich dann keine Universalisierungen ableiten. Aber das ist ein Thema der Erkenntniskritik wie auch der Logik bzw. einer Theorie der Begründungen. Habermas eben.

  4. fabsefab schreibt:

    Bersarin, ich halte dein Plädoyer für mehr rechtes Gedankengut im öffentlichen Diskurs, nicht nur für naiv und geschichtsvergessen, sondern auch für gefährlich. Denn wenn wir uns die postnazistische Mehrheitsgesellschaft hier mal anschauen, wirst auch du zugeben müssen, dass dort jene Menschen, welche ein „intellektuelle Konfrontation“ eingehen und fruchtbar bestehen könnten in der absoluten Minderheit sind. Du überschätzt die fragile menschliche Substanz auf der diese vermeintlich freie Gesellschaft fußt. Hier reicht es wohl deinen Freund Adorno zu zitieren: „Denn die Massen ließen kaum von
    plumper und augenzwinkernd unwahrer Propaganda sich einfangen, wenn nicht in
    ihnen selber etwas den Botschaften vom Opfer und vom gefährlichen Leben
    entgegenkäme. Darum hat man es angesichts des Faschismus für notwendig
    erachtet, die Theorie der Gesellschaft durch Psychologie, zumal analytisch
    orientierte Sozialpsychologie zu ergänzen.“ Wenn ich mir so die psychologische Verfassung der meisten Deutschen anschauen, bin ich froh darum, dass es noch Menschen gibt, die sich der rechten Propaganda in den Weg stellen. Und warum auch nicht?! Mord ist per Gesetz verboten. Warum sollte also nicht auch eine Ideologie, welche zwangsläufig auf Mord hinauslaufen würde verboten sein? Da halte ich es mit der Antifa: Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen. Und wenn der Staat zusehends auf dem rechten Auge erblindet, dann muss sich die Zivilgesellschaft den Rechten in den Weg stellen. Die Menschen müssen vor sich selbst geschützt werden, denn sie wissen es nicht besser. Das dieser Schutzauftrag vermehrt der Linken zuteil wird, ist natürlich ein Armutszeugnis für die bürgerliche Mitte.
    Ich finde es vor diesem Hintergrund auch hochproblematisch, dass auf diesem Blog so mir nichts, dir nichts linke und rechte Politik in einen Topf geworfen wird. Es klingt fast so, als wären linke Sprechverbote schlimmer als rechte Propaganda. Der unmittelbare Zusammenhang zwischen dem erstarken eines rechten Selbstbewusstseins bzw. eines rassistischen Diskurses und täglichen Anschlägen auf Asylunterkünfte, wird völlig ausgeblendet oder schlimmer noch akzeptiert. Das linke Politik alles andere als widerspruchsfrei ist, ist klar und auch mir stellen sich bei vielen Praktiken und „Konzepten“ die Nackenhaare auf. Hieran muss Kritik geübt werden, aber es darf nicht dazu führen den politischen Feind (ja es gibt ihn und er steht rechts) zu legitimieren. Denn es macht in meinen Augen einen fundamentalen Unterschied, ob eine Ideologie im Namen der Freiheit in die Regression führt oder ob sie direkt in die Regression führt. Der Realsozialismus und das Dritte Reich waren beide schrecklich. Doch Lenin hatte sich zumindest in der Theorie die Befreiung der Unterdrückten auf die Fahne geschrieben, während Hitler von Anfang an den kollektiven Wahn der in der Untergang führen musste auf seiner Agenda hatte. Dieser Unterschied darf nicht vergessen werden oder im Namen der vermeintlichen Meinungsfreiheit über Bord gehen.

  5. Bersarin schreibt:

    „Bersarin, ich halte dein Plädoyer für mehr rechtes Gedankengut im öffentlichen Diskurs, nicht nur für naiv und geschichtsvergessen, sondern auch für gefährlich.“

    Wo habe ich für mehr rechtes Gedankengut im öffentlichen Diskurs plädiert? Kannst Du das bitte exakt benennen? Ich sehe die Textstelle nicht, wo ich schreibe „Mehr rechtes Gedankengut im öffentlichen Diskurs!“

    Was die Äußerungen in öffentlichen Diskursen betrifft: Wer und welche Instanz entscheidet über Sprech-Verbote? Du? Dann entscheide ich eigenmächtig nächstens, Dich am Reden zu hindern? Dann entscheiden wir nächsten, die Amadeu- Antonio-Stiftung zu verbieten, weil sie qua Hatespeech-Narrativ mißliebige Meinungen unterdrückt: und wer andere Meinungen ausschalten will, muß ja selber dann auch mit dem Bann belegt werden? Meintest Du sowas in der Art?

    „Wenn ich mir so die psychologische Verfassung der meisten Deutschen anschauen, bin ich froh darum, dass es noch Menschen gibt, die sich der rechten Propaganda in den Weg stellen. Und warum auch nicht?! Mord ist per Gesetz verboten. Warum sollte also nicht auch eine Ideologie, welche zwangsläufig auf Mord hinauslaufen würde verboten sein?“

    Psychologische Verfassungen sind zunächst einmal in solchen Dingen der Argumentation ohne Belang. Und zweitens ist es völlig uninteressant, was Du wahrnimmst oder nicht. Das ist Deine eigene Sache und zudem eine Spekulation. In einer Debatte jedoch haben persönliche Spekulationen, zudem noch ohne jeden Beleg oder Beweis, nichts zu suchen. Zumal genauso das Gegenteil behauptet werden kann: Wenn ich mir die meisten Deutschen ansehe, bin ich beruhigt, daß die Wahlen so gut abliefen. (Und im übrigen hindert Dich auch keiner und es ist auch gut so, gegen rechte Positionen eine Haltung zu beziehen. Nur läuft das nicht über Verbote, die einzelen Gruppen gerne verhängt sehen wollen.)

    Kannst Du für Deine Behauptung „eine Ideologie, welche zwangsläufig auf Mord hinauslaufen würde“ irgendwie Belege bringen? Und kannst Du vielleicht ausführen welche Ideologie Du konkret meinst? Es bleibt nämlich sehr allgemein, was Du schreibst, und bedürfte doch exakterer Darstellung.

    „Der unmittelbare Zusammenhang zwischen dem erstarken eines rechten Selbstbewusstseins bzw. eines rassistischen Diskurses und täglichen Anschlägen auf Asylunterkünfte, wird völlig ausgeblendet oder schlimmer noch akzeptiert.“

    Erst einmal baust Du hier eine Kausalität auf, die selber hochproblematisch ist und ziehst daraus einen Schluß, den Du bitte begründen mußt: Wo und wie werden Anschläge auf Asylunterkünfte akzeptiert? Wurde irgendwo dafür plädiert, Bauanleitungen für Molotow-Cocktails freizugeben? Lagen am Buchmessestand in Frankfurt Beifallsbekundungen aus? Hat die Junge Freiheit Leitartikel gepostet, in denen sie zu Anschlägen aufruft? All das wären justiziable Dinge. Und hier greift einzig das Recht, aber keine Befindlichkeiten oder subjektive Ansichten, nur weil einem eine Meinung nicht so gut paßt. Weiterhin leitest Du aus einer lediglich vagen Korrelation zudem bestimmte Verbotspraktiken ab oder plädierst zumindest für Einschränkungen. Da müßtest Du dann schon konkret zeigen, wieweit etwa der Stand des Antaios Verlages auf der Buchmesse etwas mit etwaigen Brandanschlägen zu tun hat. Ein Staat übrigens, der in dieser Weise vorgeht und mit Verboten reagiert, hätte dann auch in den Zeiten des RAF-Terrors sämtliche linksradikalen Äußerungen unterbinden müssen. Teils tat er das auch, wie etwa spektakulär beim Bommi Baumann-Buch – was ein harter Eingriff in die Meinungsfreiheit war. Aber meist ließ er gewähren. Strafbar sind nicht Gesinnungen, sondern die Aufrufe zu Straftaten. Dieser Unterschied sollte eigentlich auch Dir klar sein. Und was private (oder halbprivate) Institutionen wie Theater betrifft: Da entscheidest weder Du noch irgendwer sonst, wer eingeladen wird, sondern das ist Sache des Betreibers. Oder findest Du es gut, wenn eine Veranstaltung sagen wir mal von Katja Kipping von der Identitären Bewegung nicht nur gestört, sondern durch Drohungen auch noch verhindert wird?

    „den politischen Feind (ja es gibt ihn und er steht rechts) zu legitimieren“ Seltsam, genau das sagen die Rechten auch. Nur finden die, daß der Feind links steht. Irgendwie spiegeln sich da zwei.

    „Doch Lenin hatte sich zumindest in der Theorie die Befreiung der Unterdrückten auf die Fahne geschrieben, während Hitler von Anfang an den kollektiven Wahn der in der Untergang führen musste auf seiner Agenda hatte.“ Das ist eine nette Interpretation, um ein Argument für links zu finden. Es führt aber am Ende dazu, daß wir anfangen, die Toten gegeneinander auszuzählen. Dabei kann ein Ergebnis herauskommen, daß Dir womöglich nicht besonders gefällt. Davon abgesehen: Woher nimmst Du die Annahme, daß Lenin sich die Befreiung der Unterdrückten auf die Fahne schrieb? Das mag in Deiner Perspektive so scheinen. Ein Ernst Jünger, ein Gottfried Benn oder ein Heidegger sahen das ein wenig anders: sie versprachen sich von Hitler Erlösung nach der Schmach von Versaille und sahen in Lenin den kollektiven Wahn, der in den Untergang führen mußte. Du vertrittst also ein Standpunktdenken. Man kann aber auch einen anderen Standpunkt annehmen. Und der würde dann zum Verbot linker Äußerungen führen. Wie etwa dem Umzug in Berlin und Hamburg zum Jahrestag der Oktoberrevolution. Das war aber – zu recht – erlaubt, obwohl hier eigentlich dem Massenmord gehuldigt wurde, wenn man es genau nimmt. Also dem, was in bestimmten linken Kreisen organisierte Menschenfeindlichkeit heißt. (Es sprach die Katze zur Maus: Du mußt nur die Laufrichtung ändern. Oder eben die Blickrichtung.)

    „Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen.“ Richtig. Und deshalb sind entsprechende Organisationen in der BRD auch verboten und ggf problematische wie die NPD und auch die Identitären werden vom Verfassungsschutz beobachtet. Im übrigen definierst weder Du noch die Linke, was konkret Faschismus ist und was damit nicht mehr von der Meinungsfreiheit gedeckt ist, sondern das tun hier in der BRD in der Regel die Gerichte. Und mit dieser Lösung bin ich, was die öffentlichen Diskurse betrifft, eigentlich ganz zufrieden.

    Was Du ansonsten hochproblematisch findest, ist Deine persönliche Sache. Es interessiert mich nicht. Muß mich auch nicht interessieren. So wie ich mich nicht für Deine Wohnungseinrichtung interessiere. Mich interessieren Argumente und nicht die Befindlichkeiten. Außer Moralisierungen lese ich jedoch bei Dir keine Argumente, sondern genau solche Befindlichkeiten. Sie sind sicherlich gut gemeint, aber wenig zielführend für einen öffentlichen Diskurs und für eine Kultur des Streites, des Widerstreits.

    Im übrigen, wenn ich Deine einzelnen Ausführungen lese, scheinst Du entweder meinen Text nicht verstanden oder ihn nur überflogen zu haben.

  6. fabsefab schreibt:

    Du hast natürlich recht damit, dass mein Beitrag in erster Linie auf meiner Wahrnehmung und meiner Befindlichkeit beruht. Das trifft aber auf deinen Beitrag ebenso zu.
    Auch wenn ich mich weder mit den von dir besprochenen Texten und Büchern auseinandergesetzt habe, noch deinen in dem Beitrag verfolgten Ansatz in Gänze verstanden habe, so scheint mir hier m.E. doch eine gewisse Naivität gegenüber rechtem Gedankengut zu bestehen. Das dies gefährlich ist, habe ich versucht mit dem Adorno-Zitat zu verdeutlichen. Denn natürlich spielt die psycho-soziale Verfassung der Gesellschaft eine gewichtige Rolle. Diese als belanglos abzutun und statt dessen den Rechtsstaat und die justiziablen Dinge zu fetischisieren, als gäbe es nichts außerhalb des Rechts und als wären staatliche Institutionen für die Ewigkeit gemacht, ignoriert den abstrakten, unvernünftigen und irrationalen gesellschaftlichen Zusammenhang der jederzeit auch wieder ins Autoritäre umschlagen kann.
    Und das die Ideologie, welche die AFD, Pegida und die Neue Rechte vertritt zu Mord führt, muss ich dir doch nicht ernsthaft erklären, oder? Ich vermute du kennst die Elemente des Antisemitismus und weißt, dass in dem gemeinschaftlichen Einswerden in der absoluten Immanenz, das in den Deutschland-den-Deutschen-Rufen herbeigesehnt wird und unmittelbare Erfüllung sein soll, notwendigerweise der Ausschluss und die Vernichtung alles Nichtidentischen enthalten ist.
    Der arme Deutsche der wissen will, wieso es sich heute nicht mehr einfach und unproblematisch über den Berliner Alexanderplatz spazieren läßt, will doch in Wirklichkeit gar nichts über die strukturellen Ursachen für Gewalt wissen, sondern nur sein Unbehagen in dieser Gesellschaft auf etwas Artfremdes projizieren, um sich im Haß auf den Anderen zu stabilisieren. Diese innerpsychischen Dynamiken gebrochener Subjektivität sollten nicht verkannt und naiv verklärt werden.
    Ich werde mir nicht die Mühe machen, dir die Statistiken über rechte Gewalttaten seit dem aufkommen der Pegida-Bewegung zu recherchieren, genauso wie ich dir nicht nachweisen werde, dass sich unter den Neuen Rechten sehr wohl Holocaustleugner befinden und diese Positionen durchaus anschlussfähig sind in so einem Milieu.
    Die Formulierung „Plädoyer für mehr rechtes Gedankengut im öffentlichen Diskurs“ war natürlich ein wenig überspitzt, aber die Idee, doch mal wieder etwas rassistisches Theater zu inszenieren (wobei die Sphäre der Kunst, sicherlich gesondert zu betrachten ist), Pegida-Demonstranten mehr und unkommentiert zu Wort kommen zu lassen und generell öfters „gegensätzliche Interessen“ zu formulieren, lässt sich schon ein wenig in diese Richtung deuten.
    Was ich in meiner verallgemeinernden, pathetischen Art sagen will ist, dass gewisse „Meinungen“ mit einem Tabu belegt sein sollten, da die Geschichte gezeigt hat wohin sie führen können. Und das bedeuten nicht, dass sich Menschen nicht mit diesen Meinungen auseinandersetzen und Kritik formulieren. Dies ist im Gegenteil sehr zu begrüßen. Und auch ein Dialog mit Nazis muss wohl sein, da der Baseballschläger eines Woody Allen sicherlich keine Lösung für eine so komplexes Problem darstellt. Dennoch muss die Neue Rechte „tabuisiert, moralisiert und ausgegrenzt“ werden, da deren Samen auf diesem gesellschaftlichen Nährboden zu schnell Früchte trägt.
    Und zum Schluss noch kurz etwas zu Nationalismus/Multikulturalismus. Vor dem Hintergrund der globalen Ungleichheitsverhältnisse, sind der nationale und der multikulturelle Gestus eben nicht zwei Seiten der selben Logik, denn in dem einen steckt die Ablehnung des Fremden, während in dem anderen ein dummer und romantisch-verklärter Universalismus steckt. Dies ist ein Unterschied, den es anzuerkennen gilt.

  7. „Was ich in meiner verallgemeinernden, pathetischen Art sagen will ist, dass gewisse „Meinungen“ mit einem Tabu belegt sein sollten, da die Geschichte gezeigt hat wohin sie führen können.“

    Könnte man so auch vom Marxismus sagen.

  8. Dieter Kief schreibt:

    @ Bersarin & El Mocho @ fabsefab

    – nein, nicht nur in Sachen Naturalisierung geistiger Vorgänge, sondern auch im Hinblick auf alles, was erkannt werden kann, mit ganz wenigen Ausnahmen.
    Sobald die Wissenschaft in eminenterer Weise ins Spiel kommt, werden die Aussagen entweder dogmatisch (=gefährlich) wie El_Mocho zurecht mit Blick auf den dogmatischen Marxismus sagt (ok – ich weiß, es gibt auch einen anderen) – – oder sie haben notwendig den Charakter des Vorläufigen. Deshalb die Forderung der Falsifizierbarkeit – das ist eine ums Ganze! Hier hat Popper recht – obwohl Habermas ihn in dem Kontext, wo er derlei Dinge diskutiert, quasi immer nur implizit mitlaufen lässt, – das sind dann halt so Glanzstücke theoretischer und diskursiver – auch stilistischer Art, die auch bei Habermas manchmal ans Spinöse oder halt ans Narzisstische grenzen. (Aber bitte: Nur grenzen!).

    Aber Tatsache ist: Wissenschaftliche Erkenntnisse werden andauernd revidiert, auf lange Sicht. Das ist die Natur der Wissenschaft überhaupt. Es ist eine Art säkularisierter Demutsübung, dies anzuerkennen. Und zwar eine unerlässliche, wenn nicht über den Dogmatismus der Missbrauch von Wissenschaft statthaben soll – cf. El Mocho….

    PS

    jaja – der Melancholiker – büßt, sagt Bloch seine Lust, indem er sie hat…

    PPS

    Der sozialpsychologische Befund lautet: Der Pessimist liegt in seinen Urteilen näher an der Wirklichkeit (den Tatsachen) – seine Erzählungen bestehen aus weniger Fakes, als die des Optimisten. – Das ist cum grano salis wieder Bloch: Man bezahlt, könnte man diesen Befund umformulieren, für den Durchblick – mit Melancholie (ich habe Grund zur Annahme, dass Bloch diesen Kreis des Denkens nicht völlig selber ausgeschritten hat – aber er hatte einen unbezähmbaren Hang, z. B. mit richtigen Nazis (und „Nazinen“!) sich zu treffen und mit denen zu reden usw. – schade, dass das nicht mehr gemacht haben…wer weiß… jedenfalls kam es Blochs Einsicht in die gesellschaftliche Wirklichkeit in „Erbschaft dieser Zeit“ sehr zugute. Es ist das ja eines der wenigen ragenden linken Werke in Sachen Weimar-Diagnose.

    PPS

    Ich glaube wirklich nicht, um auf Ihr ursprüngliches Thema zurückzukommen, dass das ein linkes Privileg ist.

    PPPS

    Stimmen wie Ihre, fabsefab, setzen diesen Leidensmechanismus natürlich haargenau ins Werk – ehe – auch Sie haben eine Funktion im Gefüge des Weltgeistes, jawohl: Sie halten dessen eherne Strukturen lebendig – und ihre Adressaten mit, sozusagen.
    Uhh – – die Welt ist „so gesehe gar ned schleschd“ (Datterich).

  9. Bersarin schreibt:

    @ fabsefab
    Ganz genau, Fabse, Befindlichkeiten sind keine Begründung für Verbote. Und was Du für naiv hältst, das hat mehr mit Dir als mit der Sache selbst zu tun. Im übrigen läßt sich in der Begründung die Sache genauso umdrehen: Hätte Angela Merkel (wer übrigens was zu ihrer Humanität wissen will, der google Griechenland, Merkel, Bankenkrise) die Grenze nicht geöffnet, wäre der Anteil der AfD-Wähler deutlich geringer und eine Sache wie Pegida wäre nie aufgekommen und es sähe auch am Alexanderplatz anders aus. Auch das läßt sich spekulieren.

    „Und das die Ideologie, welche die AFD, Pegida und die Neue Rechte vertritt zu Mord führt, muss ich dir doch nicht ernsthaft erklären, oder?“

    Doch das mußt Du. Ansonsten bleibt es nämlich eine bloße Behauptung. Und nur weil man möglichst laut Antisemitismus oder Faschismus schreit, bedeutet das noch gar nichts. Denn es ließe sich der umgekehrte Fall denken, daß bei linken Positionen Stalinismus gerufen wird. Also muß man auch die Kahane-Stiftung verbieten.

    „… dass in dem gemeinschaftlichen Einswerden in der absoluten Immanenz, das in den Deutschland-den-Deutschen-Rufen herbeigesehnt wird und unmittelbare Erfüllung sein soll, notwendigerweise der Ausschluss und die Vernichtung alles Nichtidentischen enthalten ist.“

    Das sind Phrasen. Du beschreibst hier Motive, die möglicherweise, als Projektion, mehr mit Dir als mit der Sache selbst zu tun haben. Woher nimmst Du diese Mutmaßung? Ein Film wie der von Sabine Michel oder die Untersuchungen jenes Leipziger Soziologen zu Pegida sind da um einiges aussagekräftiger.

    „Der arme Deutsche der wissen will, wieso es sich heute nicht mehr einfach und unproblematisch über den Berliner Alexanderplatz spazieren läßt, will doch in Wirklichkeit gar nichts über die strukturellen Ursachen für Gewalt wissen, sondern nur sein Unbehagen in dieser Gesellschaft auf etwas Artfremdes projizieren, um sich im Haß auf den Anderen zu stabilisieren.“

    Auch das sind generalisierende Thesen. Hast Du alle Beteiligten gefragt? Doch sicher nicht. Also wäre ich mit der Zuschreibung und mit einem Kollektivsingular etwas vorsichtiger. Zumal Du genau das hier machst, was Du den (angeblichen und auch tatsächlichen) Rassisten vorwirfst. Du verhältst Dich also spiegelbildlich. Und in diesem Sinne meine Frage: Muß man deshalb auch Deine Äußerungen einschränken?

    „Was ich in meiner verallgemeinernden, pathetischen Art sagen will ist, dass gewisse „Meinungen“ mit einem Tabu belegt sein sollten, da die Geschichte gezeigt hat wohin sie führen können.“

    Da müßten also Teile der Linkspartei und der linken Splittergruppen verboten werden? Meintest Du das damit? Ansonsten gibt es bei unangemessenen Äußerungen die Strafgesetze, die relativ genau regeln, was verboten ist und was nicht. Das entscheidest nicht Du und auch nicht Dein Bauchgefühl. Im übrigen bitte ich Dich, hier auf meine Argumente einzugehen und ihnen nicht eine unbezügliche These entgegenzusetzen – zudem noch in Wiederholungsschleife. Wenn Du bestimmte Äußerungen verbieten willst, so mußt Du darlegen, wie diese Äußerungen beschaffen sein sollen, die zu verbieten sind, und Du mußt den Grund des Verbotes angeben können. Dein Bauchgefühl ist dafür kein hinreichender Grund und einer dezisionistischen Entscheidung kann man eine gegenteilige dezisionistische Entscheidung entgegenhalten, was eben, wie ich Dir nachgewiesen habe, auf bloße Willkür hinausliefe.

    Im übrigen bist Du immer noch nicht auf meine Argumente und meinen Text eingegangen. Stattdessen betest Du hier ein Thesenpapier Deiner Ansichten herunter. Eine Gesinnung, die zudem strukturell und in der Beschreibung des Phänomens simpel ist, wie der kleine Hans sich die Rechten so vorstellt. So wie ich Dich lese, hast Du nicht noch nie im Leben mit der Neuen Rechten beschäftigt, sondern reagierst mit den üblichen Reflexen. Als Auftakt der Auseinandersetzung empfehle ich Dir von Thomas Wagner „Die Angstmacher“.

    Und um es Dir nochmal klarzumachen: Die gute Gesinnung ersetzt nicht die argumentative Auseinandersetzung mit den Rechten. Bisher hast Du keine Argumente, sondern nur Deine Befindlichkeiten eingebracht. Und mit demselben Recht können andere Befindlichkeiten die Beschränkung von linken Diskursen fordern. So etwas wie die Hatespeechkampagne

    Was das Spiegelverhältnis und Deinen letzten Absatz betrifft: Du hast hier die Beschaffenheit dieses Verhältnisses nicht richtig verstanden. Es geht nicht um die unterschiedlichen inhaltlichen Aspekte beider Positionen, sondern um die formale Ähnlichkeit in der Struktur der Argumentation. Diese und nicht der Inhalt war das Tertium comparationis.

  10. Bersarin schreibt:

    Im übrigen, fabsefab, um zu zeigen, wozu eine gute Gesinnung als Rechtsgrund für Verbote führen kann: Man müßte in diesem Falle die neu auf dem Markt gekommene Scharia-Barbie-Puppe mit Kopftuch sofort verbieten. Denn diese generiert qua thymotischer Energie des breiten Publikums mehr AfD-Wähler als jede Rede von Götz Kubitschek bei Pegida.

  11. Bersarin schreibt:

    Und ansonsten wäre es doch mal angebracht, einen Perspektivenwechsel vorzunehmen, fabsefab: Du wirst nämlich mit Deinen Nazi-Vorwürfen nicht einen einzigen Pegidisten umstimmen und erreichen. Böse könnte man sagen, Du verhärtest mit diesem Verhalten sogar die Fronten und trägst zu einer Verschärfung des Problems bei, das Du zu lösen vorgibst, indem Du öffentliche Diskurse beschränken und begrenzen willst. Wie wäre es, wenn Du die Rede dieser Leute mal ernst nimmst und ihnen etwas entgegnest? Das dürfte die Zuschauer dieses Disputes in der Regel mehr überzeugen als das aufgescheuchte „Nazi-Nazi“-Gerufe und die Plattitüde Faschismus sei keine Meinung. (Davon einmal abgesehen, daß diese Ansichten sowieso bereits über vielen Kanälen in der Welt sind und Verborte gänzlich sinnlos sind. Gerade über solche Verbote legitimierst Du weiteren Protest und schaffst es, daß jene Rechten sich in der Opferpose suhlen können. Diese Möglichkeit nimmst Du einem Kubitschek, wenn Du sagtst: Bitte, sagen Sie doch mal, was Sie uns so wichtiges zu sagen haben. Weshalb nicht auf der Buchmesse eine Podiumsdiskussion abhalten? Und dann sehen wir, wer die besseren Argumente hat.)

  12. fabsefab schreibt:

    Dein aufgeregtes insistieren auf Argumente und Daten ist zwar ein nobles Anliegen, aber in dieser Debatte nicht das non plus ultra. Denn es gibt Gegenstände, welche sich dem begrifflichen Zugriff entziehen. Insbesondere ist hier das Unbewusste zu nennen. Die daraus resultierenden Lücken verweisen negativ darauf, dass Freiheit möglich ist. Und sie werfen uns auf so unbestimmbare Kategorien wie Vertrauen, Empathie, Hoffnung, Zwischenmenschlichkeit und Gefühl zurück. Wenn ich mich in meiner „Argumentation“ von diesen Kategorien leiten lasse, macht dies das gesagte deshalb nicht zwangsläufig schwächer. Wenn du dies nicht so siehst und statt dessen ausschließlich Fakten, Fakten, Fakten gelten lässt, tust du mir Leid.

    Deine Hoffnung auf eine fruchtbare, gesellschaftliche Debatte mit Rechten verkennt, dass hier die Grenzen der Aufklärung erreicht sind. Zum Thema Reden mit Antisemiten, wurde schon viel kluges gesagt, weshalb ich hier exemplarisch Leszek Kolakowski zitiere: „Er [der Antisemitismus] ist keine Doktrin, die man kritisieren kann, sondern eine Haltung, deren soziale Wurzeln so geartet sind, daß sie nach keiner Begründung suchen muß. Man kann ihm keine Argumente entgegensetzen, denn er ist unweigerlich mit solchen Reaktionsarten verbunden, denen jede Argumentation, also eine Denkform, fremd und verhasst ist. Er ist Antikultur und Antimenschlichkeit, Antitheorie und Antiwissenschaft. Davon hat sich jeder überzeugt, der Gelegenheit hatte, mit einem Antisemiten eine jener hoffnungslosen Diskussionen zu führen, die immer dem Versuch ähneln, einem Tier das Sprechen beizubringen.“ Ich hoffe, deine naive Hoffnung auf eine konstruktive Debatte, wird hiermit ein wenig gemindert.

    „Zumal Du genau das hier machst, was Du den (angeblichen und auch tatsächlichen) Rassisten vorwirfst. Du verhältst Dich also spiegelbildlich.“
    Rassismus und Rassismuskritik verhalten sich also spiegelbildlich, nur weil sie sich teilweise der selben Sprech- und Argumentationsweisen bedienen? Mit dieser „Logik“ lässt sich natürlich jeder Einwand abwehren…

    „Es geht nicht um die unterschiedlichen inhaltlichen Aspekte beider Positionen, sondern um die formale Ähnlichkeit in der Struktur der Argumentation.„
    Form und Inhalt sind an dieser Stelle aber nicht voneinander zu trennen, weshalb hier durchaus mit zweierlei Maß gemessen werden darf. Du versuchst gleich zu machen, was nicht gleich zu machen ist, weil den Positionen unterschiedliche Werte/ Weltbilder zugrunde liegen. Ich weiß, dass du „den kalten Blick, der die Welt als Struktur sieht“ anstrebst und ich schätze diese Haltung wirklich sehr. Nur befürchte ich, dass dein Blick in dieser Sache nicht ganz so kalt ist, wie du es gerne hättest. Eine böse Unterstellung meinerseits wäre z.B., dass dir der Anblick einer queer-feministischen Demo mehr Unbehagen bereitet, als der Anblick eines Pegida-Aufmarsches. Dieses Vorurteil liegt meinem Einspruch zugrunde. Ich bin in meiner Lohnarbeit im sozialen Bereich sowohl mit rassistischen Weltbildern, als auch mit dümmlichen Gutmenschengehabe konfrontiert. Beides bereitet mir Bauchschmerzen, doch nur vor ersterem habe ich Angst. Ich halte diese Angst nicht für unbegründet.

    Deine Überlegungen dazu wie man dem autoritären backlash möglichst effizient entgegenwirken kann und das reine Tabuisierung, welche nur zu Verdrängung führt, da nichts bringt, sondern nur größeres Unheil stiftet, sind natürlich hochinteressant und unbedingt weiterzuentwickeln.

  13. Bersarin schreibt:

    Es geht nicht um Fakten, sondern um Argumente und ein sinnvolles Vorgehen gegen Rechts. Daß die bisherigen Praktiken von wenig Erfolg gekrönt waren, zeigt das Ergebnis dieser BTW17. Ansonsten: Lies einfach mal die beiden in der Rezension genannten Bücher. Und beim nächsten Posting von Dir: Bitte keine Empfindungen oder Emotionen. Sie interessieren mich in dieser Sache nicht.

    Zum Leszek Kolakowski-Zitat. Bitte die Kontexte beachten. Weiterhin: Antisemitismus ist keine beliebig einsetzbare Wortmarke. Als Spielmarke und taktisch wird er übrigens auch gebraucht, um selbst eine berechtigte Kritik an Israel im Keim auszuhebeln. Insofern: Bitte am besten konkrete Fälle, Zitate, Sätze nennen, damit wir beurteilen können, ob es sich um ein tatsächlich antisemitisches Stereotyp handelt. Kubitschek und die Sezession sind übrigens dezidiert nicht antisemitisch. Und was nun?

    „Du versuchst gleich zu machen, was nicht gleich zu machen ist, weil den Positionen unterschiedliche Werte/ Weltbilder zugrunde liegen.“ Inhalt und Form bedingen sich zwar. Aber hier geht es um Aussageweisen. Die haben, wie in der Formalen Logik, nichts mit Inhalten zu tun. Den Syllogismus „Alle Menschen sind sterblich usw.“ kann ich mit ganz verschiedenen Inhalten bilden. Was allen diesen Varianten gleicht, ist jedoch die logische Struktur dieses Satzes und weshalb in diesem Schema, das Fazit wahr ist. Du hingegen nimmst – der Name Weltbild verrät es bereits – von vornherein eine Wertung und Setzung vor. Dafür mußt Du Gründe angeben können, die über Dein bloßes Gefühl hinausgehen. Ansonsten kann nämlich auch die Gegenseite Dir rein gefühlsmäßig ein Sprech- oder Diskursverbot auferlegen.

    In einer Sache gebe ich Dir allerdings recht: solche Dinge macht man am besten an Beispielen fest. Ein Satz wie „Den Holocaust hat es nie gegeben“ ist in der BRD strafbar. Davon ab, daß alle Fakten und Nachweise diesen Satz wiederlegen. Etwas anders ist der Satz: „Wir haben in Deutschland eine Umvolkung vor uns!“ oder „Deutschland schafft sich ab“ Diese Sätze sind strafrechtlich nicht weiter relevant. Sie können also in öffentlichen Diskursen geäußert werden. Und nun muß man den Sprecher auffordern, seinen Satz zu begründen. Kann er es, dann scheint etwas dran zu sein. Kann der Sprecher es nicht und windet sich und kommt mit merkwürdigen Beispielen, dann kann man ihm nachweisen, daß hier wohl eher Gefühle und Mutmaßungen den Ausschlag geben. Insofern kann man in dieser Weise zeigen, daß der Satz keine Geltung beanspruchen kann und objektiv falsch ist. Das halte ich für ein sehr viel effizienteres Vorgehen als Nazi-Raus-Rufe.

  14. fabsefab schreibt:

    Dann bleibt mir wohl nicht anderes mehr, als dir viel Erfolg zu wünschen, bei deinem Abstieg in die verheißungsvolle Sphäre der Rationalität, in der das vernünftige, logische Argument über jede Emotion erhaben ist. Wenn du irgendwo dort unten die Lösung gefunden hast, teile sie doch bitte auf diesem Blog mit. Es würde mir mein totes Herz erwärmen, falls dieses nicht bis dahin am Horror vacui zugrunde gegangen ist.

  15. Bersarin schreibt:

    Es geht nicht primär um Rationalität, sondern darum, daß partikulare Äußerungen nicht generaliserbar sind. Wie Du es mit Rechten hältst und ob Du mit ihnen reden willst, ist Deine private Sache. Es steht jedoch weder Dir noch anderen zu, darüber zu entscheiden, wer an öffentlichen Debatten und Diskursen teilnimmt und wer nicht.

  16. Bersarin schreibt:

    @ Dieter Kief: Ja, die „Erbschaften dieser Zeit“, das nehme ich mir mal wieder vor zu lesen. Bloch – das ist lange her.

  17. Dieter Kief schreibt:

    Empfehlung: FAZ von heute, Aufmacher Feuilleton – die ganze Seite – – Thema: Mit Rechten reden, im Grunde. Autor: Wolfgang Streeck.
    (Es gibt da mehr als nur einen Moment, wo einem die Kinnlade herunterfallen kann beim Lesen. Streeck – nö ich brech‘ mal ab, und empfehle nachdrücklich die Lektüre).

  18. Bersarin schreibt:

    Großartiger Artikel – indeed:

    „So konnte die AfD als Vogelscheuche zum Zweck der politischen Disziplinierung einer neuen, 90-prozentigen gesellschaftlichen Großmitte dienen – indem kritische Themen wie die Zukunft der Nationalstaaten in der Europäischen Union, der Aus- und Umbau der Währungsunion und die ungeregelte Einwanderung als Lehrstück über die Grenzenlosigkeit der Marktgesellschaft zu AfD-Themen erklärt wurden, über die man nicht sprechen durfte, wollte man dem „rechten Populismus“ nicht „Vorschub leisten“.“

    Auf den Punkt. Und wer Fragen hat oder Zweifel hegt, etwa am 11.September, wer bezüglich von Stay-Behind-Armeen nachfragt, wird im PR-Neusprech natürlich als Verschwörungstheoretiker gelabelt.

  19. Dieter Kief schreibt:

    Ich bin immer ein bisschen ratlos, weil die Großwasserverdränger, zu denen auch Streeck rechnet – – also: Dass diese Großalbatrosse in fast keinem Fall wahrnehmen, was links und rechts von ihnen für Stimmen sind, die so reden wie sie selber. Ich weiß nicht, ob das wirklich einen großen Unterschied machte, aber tatsächlich gibt es eine erhebliche gemeinsame Teilmenge zwischen Enzensberger, Kohlhammer und Sarrazin als sozusagen frühen Islamkritikern und Sieferle, Sinn und wiederum Sarrazin als Diejnenigen, die synchron entdeckt haben, dass die Globalisierung an Grenzen stößt bezüglich ihrer Funktionalität – also die internationale Arbeitsteilung verursacht nicht nur sinkende Konsumgüterpreise und einen internationalen Angleich des Lebensstandards via gewaltiger Transferleistungen innerhalb des bestehenden Systems – sondern sie verursacht auch gewaltige systemische Defizite in Form von Beschäftigungslosigkeit und daraus folgender oder damit einhergehender Verrohung ganzer Bevölkerungen der entwickelten Ökonomien***.

    Die Knüller-Reportage zu diesem Thema brachte die etwas unauffällige aber fleißige Michaela Wiegel vor vierzehn Tagen ca. in der FAZ aus Amiens – wer das noch nicht gehört hat: Liegt bei Lille, an der Grenze zu Belgien in Nordfrankreich, und ist arm wie Kirchenmaus und beherbergt die Herkunftsfamilie von Macron und insbesondere seiner Frau.
    Bon – in Amiens, Macrons Heimathafen, sozusagen, gelang es Michaela Wiegel nicht, auch nur einen wirklichen Macron-Unterstützer ausfindig zu machen. Dafür haufenweise Leute, links wie rechts, die sich einig waren, die interntionalistische Mitte bringt es nicht mehr. Darunter ganz Linke, die Le Pen gewählt haben und deshalb mit dem Gewerkschaftsausschluss bedroht waren, aber auch mittlel-Linke, die sagen, das Schlimmste überhaupt, was uns passieren könnte, wäre ein Sieg der (in Frankreich hie und da immer noch stalinistischen) äußersten Linken…Now you go ’n‘ figure that out).

    Wer will, kann sich nun daran machen, Streeck in diesen Koordinaten zu verorten; oder Lafontaine, der immer deutlicher haargenau wie Streeck redet.

    Tja – Lafontaine, Streeck, Sarrazin (Sloterdijk,Safranski, Winkler) – alles (ex)SPDler —–

    ***(Die eherne Faustregel kommt in einem der Videos des Psychologen Jordan B. Peterson vor und lautet: Die Arbeitsmärkte entwickelter Gesellschaften haben keinen Bedarf für Menschen mit einem kleineren IQ als 85 – solche Menschen werden allenfalls in höchstentwickelten Sozialstaaten fürsorglich beschäftigt – aber das ist eine extreme Übung und weltweit gesehen die extreme Ausnahme – the prototypical rare bird…).

    Ansonsten Bersarin – Sie sehen mir vielleicht nach, wenn ich Bröckers et. al. einfach ausklammere, und nochmal festhalte: Sie haben in der Tat eine der zentralen Stellen bei Streeck herausgefischt.
    Das Muster ist immer wieder dasselbe: Lagerdenken = Tendenz zu Perspektivenverengung = Neigung zur kognitiven Dissonanz = Diskurse, die nicht mehr auf der Höhe der Problemlagen stattfinden (= Komplexitätsreduktion nicht aufgrund von Durchblick (= Ockham = gute Lösungen mathematischer Probleme ergeben schöne Gleichungen/Formeln), sondern: Komplexitätsreduktion um im Diskurs die Oberhand zu behalten, also um diskursstrategischer Vorteile willen. In solchen Konstellationen fällt das gute Argument dem Sieg im Diskurs zum Opfer. Der Diskurs gewinnt die Oberhand über die zu lösenden Probleme. – Ehh – das ist ein Grund, warum es so wichtig ist, sich über Diskursstrategien usw. Gedanken zu machen: Eben weil sie in der Tat hie und da über Wohl und Wehe entscheiden – gerade wegen ihrer sehr theoretischen / abstrakten / wenig fasslichen Natur werden sie am ende, bei dem was hinten dabei rauskommt, eminent praktisch.

    PS

    Das Standardargument in solchen Fällen lautet: Alles zurück auf Anfang, wo die Dinge noch klar und einfach waren. – Hrrrrr – Tatsache ist, dass nur Leute solche Argumente vorzubringen imstande sind, die nichts wissen – wer aber nichts weiß, weiß Paracelsus, dessen Ansichten sind nichts wert!

    In der idealen Welt dürften ab einem bestimmten Problemlevel nur noch Menschen mitreden und/oder mitentscheiden, die nachweislich mindestens zwei der großen Kleist-Aufsätze gelesen und verstanden haben. Und wenigstens Passagen aus den Grönländischen Prozessen Jean Pauls auswendig hersagen mögen.

    PPS

    Eine solche ideale Welt wäre eine bessere Welt: Und das, finde ich, spricht vielleicht doch für sie!

  20. che2001 schreibt:

    Einer meiner ältesten und besten Genossen, politisch extrem weit links, in der Nähe der Bewegung 2. Juni wurzelnd (und der Name sagt: Der Staat fing mit dem Schießen an) würde heute wohl als Reichsbürger gelabelt: Eine seiner zentralen Positionen ist die Forderung nach einem Friedensvertrag und einer Verfassung über die abgestimmt wird da das Grundgesetz ja nur als Provisorium gedacht war. Im Übrigen bin ich der Meinung, die Uwes der NSU wurden im Staatsauftrag ermordet weil sie zu viel wussten.

  21. che2001 schreibt:

    Der gerade erwähnte Genosse fragte übrigens bei der Birthler-Behörde nach seiner Stasi-Akte und bekam die Antwort dass es da eine gäbe. Als er die in Berlin einsehen wollte erfuhr er, dass die nach Moskau gebracht wurde, in die Lubjanka. Die hat zwar nur vier Stockwerke, ist aber dennoch das höchste Gebäude der Welt: Man überschaut von dort ganz Sibirien.

  22. Bersarin schreibt:

    Um solche Ungereimtheiten wie beim NSU-Mord aufzuklären, aber auch, um die Politik der Bundesregierung zu kritisieren, wäre eigentlich die Presse als vierte Gewalt da. Leider stimmt diese, insbesondere seit Hartz-IV und dem Preisen desselben als alternativlos, immer mehr in den Chor des Lobgesangs ein, so daß man meinen könnte, die vierte Gewalt wäre Regierungssprecher (zumindest als Tendenz ist dies zu beobachten) oder man schaut statt des heute journals die Aktuelle Kamera.

  23. Bersarin schreibt:

    @ Dieter Kief: Habe erst jetzt gesehen: ihr Kommentar ist, weiß Gott weshalb, im Spam gelandet.

    Ja, es gibt zwischen rechts und links Verschiebungen. Die Koordinatensysteme sind andere. Wobei ich jedoch immer noch denke, daß zwischen Sarrazin und Sieferle auf der einen Seite („Finis Germania“ ist ein klischeehaftes Buch, ich hätte mir da Subtileres erwartet) und Enzensberger, Streeck, Lafontaine und Wagenknecht (auf deren Seite ich eher stehe), doch erhebliche Unterschiede gibt. Bei einigen Ähnlichkeiten vielleicht in den Grobpositionen bzw. in den Beschreibungen von Gesellschaft. Mehr aber auch nicht: Sarrazin spricht ein Problem an, das jeder, der mit offenen Augen durch Berlin geht, sehen kann, darin hat er recht. Die Lösungen und die Ursachen jedoch – das steht wieder auf einem ganz anderen Blatt. (Zumal Sarrazin in Berlin Finanzsenator war und hier hätte einiges ändern können.) Insofern sind vermeintliche Ähnlichkeiten dann auch wieder Unterschiede ums Ganze.

    Das Problem sind in der Tat Diskurse, die nicht mehr auf der Höhe der Zeit und der gesellschaftlichen Lage sich befinden. Für diese Gegenwart sind ganz neue Analysen, Interpretationen und theoretische Referenzrahmen erforderlich. Solche, die nicht mehr durch die herkömmlichen Raster gedeckt sind. Und in diesem Sinne finden gerade im eher linken Milieu Verschiebungen statt – in dieser Linie liegt übrigens auch Ulrich Greiners sehr lesenswertes Buch „Heimatlos“ (Ha!, Greiner, auch alte SPD). Etiketten wie rechts für unbequeme Positionen, die den linksliberalen Mainstream (auch Merkellinke genannt, die reicht bis in das entsetzliche taz-Milieu) verschrecken, verstellen dabei zusätzlich den Blick, zumal dann, wenn überhaupt nicht mehr auf die Inhalte von Aussagen eingegangen wird, sondern nur noch aus Reflex reagiert wird. Ich meine aber immer noch: Antifaschismus ist keine Parole und auch keine Spielmarke, sondern eine ernste Sache. Das eignet sich nicht, um anderes Denken einfach mit der Nazikeule kleinzumachen.

    Daß die direkte Demokratie, wo jeder mitstimmt, auch eine problematische Form ist, sehe ich ebenfalls. Bildung ist eine zentrale Quelle und Kraft für demokratische Prozesse. Ansonsten gerät Demokratie entweder zur rhetorischen oder zur propagandistischen Farce. Egel ob von rechts oder von links oder in der bürgerlichen Mitte dieser Fernseh- und Internetgesellschaft.

  24. Dieter Kief schreibt:

    Von Sieferle nicht „Finis Germania“ – was kein schlechtes Buch ist, und schon gar kein Faschistisches – aber stattdesen „Das Migrationsproblem“ – das ist schon sehr bedient. Streeck formuliert über weite Strecken seines FAZ-Aufsatzes Sieferle (und Sarrazin – und Sinn!) um. Er macht das nicht schlecht; aber es reicht bereits, dass der Perlentaucher insinuiert, hier „driftet (wieder) einer ab“.
    Das Muster ist immer das gleiche: Wer im linken und/ oder liberalen) Lager als erster Faschist (Wahlweise : Nationalist!) sagt – verliert!

    Dazu noch der Hinweis auf Issiah Berlin, der in den fünfzigern und sechzigern bereits den Braten gerochen hat – dass nämlich herauskommen könnte, dass der Nationalstaat keine so ganz schlechte Erfindung ist, aller kurrenten Internationlisierungs-Euphorie zum Trotz.

    Ehhh – : Gerne werden die hohen Gestehungskosten, die die Herausbildung von Nationalstaaten zweifelsohne verursacht hat, dem Nationalstaat als unaustilgbarer Makel – quasi als genetischer Defekt, hehe – in Rechnung gestellt: Das ist aber allein aus formalen Gründen ein Argument, das auf ganz schwachen Beinchen daherwackelt – mag sein, dass Issiah Berlin aufgrund seiner russischen bügerlichen Herkunft diesen Trug zeitlebens mit großer Leichtigkeit durchschaute und mit ziemlichem Behagen immer wieder als genau das vorführte, was er prima facie bereits ist: Ein Denkfehler (und nicht einmal ein besonders schwer zu durchschauender – aber offenbar einer von der Sorte, die gleichwohl (oder : deswegen) überaus wirksam sind – bis heute, offenbar.

    Nur noch eine Seitenbemerkung zu Sieferle – Peter Glotz (see: SPD all over…) hat den nach Sankt Gallen geholt – und zwar von Dieter Groh in Konstanz protegiert (see: SPD all over…) zu einem sehr interessanten Zeitpunkt: Als der Sieferle nämlich in der Wahrnehmung von außen bereits die –
    ich will sie hier einmal. Che’sche Wendung – vom Linksradikalen (der er zweifelsohne eine Weile war -cf. seine Junius-Einführung in Das Kapital) zum Rechtsbürgerlichen zu vollziehen begann.
    Für Glotz war der erste Aggregatszustand Sieferles zu wild und der zweite deutlich zu rechts – aber beides scherte ihn letzen Endes nicht, weil er Sieferle einfach für sehr gut hielt – hier haben wir also den inversen Fall der ersten Zeile meines ersten Kommentars fast ganz oben – die Beziehung Glotz-Sieferle lief den politischen Präferenzen der beiden Protagonisten zuwider – – die Argumente – und insbesondere der Streit d a r ü b e r – – stand(en) im Vordergrund – – –
    Tempi passati?

  25. Bersarin schreibt:

    Faschistisch ist der Sieferle-Band nicht. Und die Skandalisierung ist selbst ein Skandal. Denn natürlich ist es die Aufgabe der Öffentlichkeit, über das Buch kontrovers zu debattieren. Niemand muß es gut finden, und es gibt einige sehr gute Gründe, es vom Inhalt und damit von den Thesen her zu kritisieren. Das aber kann nicht durch eine Abwehr von vornherein bewerkstelligen, sondern man muß konkret in den Text gehen. Die gegenwärtige Struktur von Debatten wird in der Tat von einem entsetzlichen Moralismus getragen. Und ich denke, daß gerade solche Kontroversen, die auszutragen wären, sehr viel mehr für eine lebendige und streitbare Erinnungskultur leisten als bloße Rituale. (Wobei – und das verkennt Sieferle eben, was als Historiker nachgerade sträflich ist – solche Rituale auf der symbolischen Ebene durchaus ihren Sinn haben und notwendig sind.) Zumindest aber können solche Debatten dazu führen, daß Auschwitz nicht einfach als Spielmarke für Parteipolitik vernutzt wird, so wie es der unselige J. Fischer tat, um einen Bundeswehreinsatz in Jugoslawien durchzuboxen.

    Was das in dem Sieferle-Text möglicherweise Antisemitische betrifft, so muß man vorher am besten klären, was unter Antisemitismus zu verstehen ist.

  26. Dieter Kief schreibt:

    Der rituelle Punkt des Gedenkens der Opfer des Nazitums kann nicht strittig sein, das ist doch vollkommen klar. Er ist freilich – wie alles Menschenwerk, seufz, nicht frei von Aberrationen (=Fehlern), ich nehme an, wir sind auch insofern einig.
    (Ich kenne ein paar von Sieferles Büchern, auch Finis Germania und habe sicher 200 Normseiten Debattenbeiträge darüber gelesen. Meine Lektüre dieses alles besagt: Sieferle will die Aberrationen beleuchten – und das ist vollkommen legitim – und er macht das sehr gut. Im Übrigen habe ich eigentlich (=praktisch) immer Einwände – so auch gegen Sieferle, – und auch das kann kaum anders sein.

    Der Kern von „Finis Germania“ und von Sarrazins Vorbehalte gegen die Instrumentalisierung von Auschwitz um gegenwärtige Debatten in die gewünschte Richtung zu „schubsen“, taucht ja unweigerlich auf, wenn man die aktuellen Diskussionen ansieht – und so auch im Maßstab 1:1 bei Streeck – prompt kommt der Perlentaucher z. B. auch da und – moralisiert.

    Unter Moralisierung verstehe ich, dass man meint, auf die Sachebene gar nicht gehen zu sollen, weil man sonst dem Gegner bereits seinen unreinen Willen tut (= auf die teuflische/ verworfene/ unreine, nazistsische, faschistische – you name it) Ebene gerät.
    Das war von Anfang an der falsche Einwand gegen Sarrazin – der aber freudig als weiter fortgezogen wird.

    – Und mit ehem – vorläufig abschließend Goehte zu reden – so durchaus. – So auch mit Safranski und Heinrich August Winkler, mit Lafontaine und mit von Dohnanyi, Helmut Schmidt (der sehr die offenen Grenzen kritisierte – und die kulturellen Probleme benannte, die der Islam unweigerlich mit sich bringt…).

    Und nicht zu vergessen in Sachen offene Grenzen: Issiah Berlin kam man dann doch nicht mit Verhitlerung. stattdessen wurde er im Laufe der Jahre mit seiner Kritik des Internationalismus (aus ebenfalls mild liberaler Sicht) einfach zum Phantom – there’s seems to be literally nobody anywhere, who would be willing to debate his books/thoughts in the whole wide (wstern) public sphere).

    Das da noch kund und zu wissen. wg. Sarrazin= Nazi-Traditionsfortschreiber (wie die FAZ auf ihn einhieb, anfangs,und wie alle anderen dann auch schrieben – Cordt Schnibben sicherlich einer der Unberatensten (= Unwissendsten = Gesinnungsstärksten = Moralisierendesten unter ihnen – aber halt auch zahllose andere…).

    So wie alle sag(t)en, dass Leute wie Sieferle und Collier und Charles Murray und Richard Herrnstein (!) und Douglas Murray (The Strange Death of Europe – gerade auf deutsch erschienen, ganz gut!) und Thilo Sarrazin – dass solche Immigrationskritiker eben – in Hitlers Spuren wandelten.
    Ah – in der Jerusalem Post gelesen: Auch in Israel macht „Hitler“ Fortschritte, bzw. es ist so: an einer von Rabbis geleiteten Hochschule hat man ein gentechnisches Verfahren entwickelt, das es erlaubt, in einer umgrenzten Anzahl von Fällen mit hoher Akkuratesse zu sagen, ob das Erbmaterial x denn auch wirklich von Juden herstamme. – Das genau wurde doch als hitleresk skandalisiert, als Thilo Sarrazin solche Dinge ansprach – und was passiert jetzt? – Jetzt müssten doch die Akteure von vor knapp zehn Jahren, als die große Sarrazin-Verhitlerung losging, auf den Knien ihres Herzens um Vergebung bitten. – Ob auch nur einer der damaligen Akteure die Geistesgegenwart und die innere Freiheit haben wird, das zu tun? – Es wäre gut für uns alle! Cordt Schnibben ist doch jetzt in Rente – da hat er vielleicht Zeit, das mal anzugehen, wie ich finde!

    Hier ist der link –

    – – in Israel: http://www.jpost.com/Israel-News/Politics-And-Diplomacy/New-law-says-genetic-test-valid-for-determining-Jewish-status-in-some-cases-506584

    (Freilich – wenn Schnibben nicht will – es entsteht aufgrund des „Jerusalem Post“- Artikel null Debatte – und dem Mainstream ist das offenbar sehr recht. Man sitzt diese leidigen Dinge einfach aus. – Geht in Ordnung – sowieso – – genau …).

  27. ziggev schreibt:

    um auf das Sreeck-Zitat nicht in der Form „@bersarins Kommentar, 16. November 2017 um 20:15“ bezug zu nehmen, hier nochmal, Volltext:

    „So konnte die AfD als Vogelscheuche zum Zweck der politischen Disziplinierung einer neuen, 90-prozentigen gesellschaftlichen Großmitte dienen – indem kritische Themen wie die Zukunft der Nationalstaaten in der Europäischen Union, der Aus- und Umbau der Währungsunion und die ungeregelte Einwanderung als Lehrstück über die Grenzenlosigkeit der Marktgesellschaft zu AfD-Themen erklärt wurden, über die man nicht sprechen durfte, wollte man dem „rechten Populismus“ nicht „Vorschub leisten“.“

    Besser hätte sie Selbstangst des konservativen Teils jener übrigbleibenden „10%“ nicht auf den Punkt gebracht werden können. Die „Kritik“ an der angeblichen „Flüchtlingspolitik“ Merkels – welche erstere und letztere, genau betrachtet, es nie gegeben hat – wurde samt und sonders der AFD zugeschrieben. Es hat aber nie jemand gefragt, worin diese „Flüchtlingspolitik“ eigentlich bestanden haben soll. Selbst als Merkel sie erklären sollte, bei Will im Zweierinterview auf RTL oder SAT, hat niemand darauf reagiert (ja, sie hat mindestens einen fundamentalen Satz gesagt). Damals war ich noch nicht als Deutschlehrer aktiv (das mache ich, einfach weil ich es kann), konnte also den ganzen nächsten Tag dlf u. Phönix verfolgen, ich checkte auch Perlentaucher, aber nichts, rein gar nichts. Früher fragte man noch wenigstens: „Was plant der Irre als nächstes?“ (Titanic über Kohl) Die konservative Intelligenz befand sich jedoch ein einer wundersamen Duldungsstarre.

    Was ich seit c.a. min.! 18 Monaten sage, dass die AFD – zumindest von den Öffentlich rechtlichen, Phönix und dlf – „hochgeschwiegen“ wurde, diesem Unmut brachte nicht nur der treffliche Heribert Prankl vor nun c.a. 4-6 Monaten bei Lenz zum Ausdruck (etwa: jetzt reden wir seit Monaten über die AFD, müsste doch jetzt reichen?), sondern bei der ehemals so genannten „Elefantenrunde“ stimmten CSU, FDP und GRÜNE nach der Wahl, nachdem die AFD ins Parlament gewählt wurde – was seit 2 Jahren erwartbar gewesen ist, wir alles wussten, dass das so kommen würde ! -, sie alle stimmten also in dieses Lamento mit mir Jahre- Monate später plötzlich ein, oder zumindest zwei von den dreien. Dafür aber noch mal gesondert Seehofer.

    Ich sage „hochgeschwiegen“, weil nie jemand nachgefragt hat, worin diese „Kritik an der Flüchtlingspolitik Merkels“, die vage und unterschwellig der AFD und Co. zugeschrieben wurde, eigentlich konkret bestand. Von AFD habe ich jedenfalls nie etwas brauchbares gehört. Und jenseits der AFD hat es nie eine systematische Bestandsaufnahme Merkels tatsächlicher Politik gegeben. Vielleicht deswegen, weil es eine solche, die diesen Namen verdient, nie gab? Wie gesagt, selbst als mal nachgefragt wurde, „was die Irre als nächstes plant“, wurde nicht nachgehakt. Und indem unkonkret von einer solchen „Kritik“ auf allen Öffentlich Rechtlichen gesprochen wurde, einer Kritik die nie konkret gemacht werden konnte, wurde das Narrativ eines Volkszorns, ganz im Sinne und der Strategie der „Identitären“, auch für sich seriös Dünkende in die Welt gesetzt.

    Es wäre also für seriöse Konserative seit 2 Jahren ganz einfach gewesen: Einfach feststellen, dass das, was die AFD als „Kritik“ verkaufen will, keineswegs als konstruktive Kritik verstanden werden kann und nicht darf, auch wenn offiziöse Medien offenbar nicht anders vermögen, als sich diffus auf eine Art angeblichen „Voklszorns“ zu beziehen, den sie für „Kritik“ zu halten scheinen.

    Es ist so erbärmlich ! Es ist so erbärmlich ! Erst zulassen – ohne je die Stimme zu erheben, wozu weiß Gott genug Gelegenheit gewesen ist – dass das Geschwafel über die AFD die gesamte Diskussion beherrscht, während – und das ist das eigentliche Verbrechen – das Narrativ eines allgemeinen „Volkszorns“ etabliert werden kann, und dann, wenn „das Kind in den Brunnen gefallen“ ist (AFD im Parlament, seit 2 Jahren klar), weinerlich herumjammern, dass das, was man ja die ganze Zeit hätte sagen können, als dem „rechten Populismus“ „Vorschub leisten“ denunziert hätte werden können. Die AFD, diejenigen also, die nur so tun, als würden sie eigenen Argumente im Munde führen, sind also schuld, dass man alles verschlief.

    Wo war denn donalphonsos Aufschrei, als die Flüchtlingsströme – gegen Dublin – die europäischen Außengrenzen in Richtung Balkan überschritten? Hinterher, als Österreich sie durchwinkte, aber die Anklage, Merkel würde gegen Gesetze verstoßen? Wo waren die jetzt sich als „konservativ“ gerierenden, als dieser österreichische Politiker, damals im TV (war es SPÖ, Innenminister, Außenminister?), plausibel darlege, jedenfalls so, dass darüber hätte rational diskutiert werden können, dass und warum nun die österreichischen Grenzen dichtgemacht werden sollten?

    Nein, jetzt versteckt man sich hinter der AFD, um den Beweis der eigenen politischen Unmündigkeit, geschwiegen zu haben, als es drauf ankam, zu verschleiern. Sich dann auch noch sich nicht zu entblöden, dieses offensichtliche Scheitern hochnotpeinlich und hochtrabend, möchtegern „konservativ“, als Retter der Nation sich aufspielend, als großes Lamento zu inszenieren, während dadurch ja gar nichts anderes bewirkt werden kann, als dass jene, die an einen „Volkszorn“ zu glauben vorgeben, den sie umstandslos für sich zu nutzen wissen werden, Zulauf erfahren werden, – wie erbärmlich ist denn das ?

    Wir hätten die ganze Zeit über alles diskutieren können. Viel leichter war es aber, irgendwelchen vermeidlichen „90%“ falsch verstandene „Willkommenskultur“ zu unterstellen. Erst jahrelang nicht konkret Stellung zu beziehen, wo es nötig gewesen wäre, dann aber, wenn der Höhepunkt der Kriese vorbei ist (denn, ja, das war wirklich brenzlig!) einen auf Krisengewinnlertum zu machen, austeilen, auch noch daraus Profit erzielen zu wollen, dass die AFD (wie gesagt, das wissen wir seit 2 Jahren) ins Parlament einzog, die angeblich nur von den „90%“ als Dämon aufgebaut wird, wovon man aber ebenso Gewinn generieren will …

    … all das ist so verachtenswert und erbärmlich !

    PS: Weiß überhaupt jemand, wie der zentrale Satz Merkles im Interview mit Will lautete?

  28. Bersarin schreibt:

    @ ziggev: Die Merkelsche Flüchtlings„politik“ ist ein Geschenk an die USA. Und sie ist ein Bruch jeglicher Absprachen innerhalb der EU. Wie flüchtlingsfreundlich Merkel sich ansonsten gab, konnte man gut ihrer Haltung zu Griechenland und Italien vor dem Dammbruch 2015 sehen. Wer solche Politik macht, braucht sich nicht über die AfD zu wundern. Ja, Don Alphonso ist wie immer sehr gut, treffend und beißend – da hast Du recht ziggev.

    @ Dieter Kief: In der Tat, da sind wir uns einige, daß solche Moralisierungen unbedingt vermieden werden müssen. Es geht ums Politische und nicht um den guten Menschen in uns. Was Sieferle betrifft: Es ist auf die konkreten Texte einzugehen. Und ggf. nachzuweisen, was darin falsch oder bedenklich ist. Bei Sieferles Finis Germania ist es im Hinblick auf Auschwitz als Faktum der deutschen Geschichte die Partialperspektive, die verallgemeinert wird. Aus einem richtigen Befund wie der Reaktion auf die Jenniger-Rede und auf Walsers Friedenspreisrede wird ein merkwürdiges metaphysisches Konstrukt und eine eigentümliche überhobene Schuldverstrickung gebaut. In der Sache Auschwitz geht es aber um ganz unterschiedliche Bereiche. Einmal die strafrechtlich relevanten Taten und da hat Metaphysik von Opfer und Täter nichts zu suchen. Ein andermal um die Frage, wie eine Nation nach Auschwitz zu leben gedenkt. Es gibt in Adornos Negativer Dialektik einen neuen Kategorischen Imperativ, der übrigens zu universalisieren ist und da wird es dann allemal interessanter als Sieferles Geraune.

    „Hitler hat den Menschen im Stande ihrer Unfreiheit einen neuen kategorischen Imperativ aufgezwungen: ihr Denken und Handeln so einzurichten, daß Auschwitz nicht sich wiederhole, nichts Ähnliches geschehe. Dieser Imperativ ist so widerspenstig gegen seine Begründung wie einst die Gegebenheit des Kantischen. Ihn diskursiv zu behandeln, wäre Frevel: an ihm läßt leibhaft das Moment des Hinzutretenden am Sittlichen sich fühlen. Leibhaft, weil es der praktisch gewordene Abscheu vor dem unerträglichen physischen Schmerz ist, dem die Individuen ausgesetzt sind, auch nachdem Individualität, als geistige Reflexionsform, zu verschwinden sich anschickt. Nur im ungeschminkt materialistischen Motiv überlebt Moral.“

    Trifft die Sache doch um einiges besser als Sieferles deutsch-jüdische Schicksalsgemeinschaft. Mit anderen Worten: dieser Teil B ist der schwächste und schlechteste Part des Buches. Seine Reflexionen zu Ernst Jünger sind da besser und auch seine Kritik an den Moralisierungen.

    Was nun Sarrazin anbelangt (und auch Sieferle) so ist es das eine, Probleme zu benennen – unabhängig einmal von den Ursachen dieser Probleme, das ist ein zweiter Punkt – und das andere ist es, bestimmte Probleme zu ethnisieren und dies auch noch biologistisch vermeintlich abgesichert zu „begründen“.

  29. Dieter Kief schreibt:

    @ Ziggev – sagen Sie bitte den Satz, der Sie aus dem Mund der Kanzlerin so aufgerührt hat?
    (Emotionalisierung des Diskurses ist so wenig hilfreich wie Moralisierung).

    @ Bersarin
    Es ist für die Tutsis kein Trost, dass sie nicht getötet worden sind wie diejenigen, die in Auschwitz umkamen. Dem Leid der Welt ist Adornos Formulierung nicht gewachsen.

    1)Sieferles „Finis Germania“ taucht bei Streeck quasi unverdünnt auf. Auch Sarrazins ganz ähnlich gelagerte Bemerkungen, die er lange vor „Finis Germania“ veröffentlichte, und für die er in vollkommen unangemessener (=hochmoralisierender) Weise angegangen wurde, noch und noch.
    Ich glaub‘ nicht, dass Sieferle mit Streecks Umformulierung seiner Ideen auch nur die geríngste Schwierigkeit hätte.
    2) „Finis Germania“ ist im Kontext Migranten weniger wichtig – viel weniger ergiebig auch, als „Das Migrationsproblem“ von Sieferle.

    3) Es ist die Frage, was man machen soll. Die beiden unumgänglichen Großbeispiele sind für mich Detroit und neuerdings Baltimore. Detroit ist dysfunktional geworden, Baltimore ist auf dem Weg dorthin.
    Festzustellen, dass IQ 85 eine Beschäftigungsschranke in hochentwickelten Gesellschaften darstellt, wie der kanadische Kliniker Jordan B. Peterson das tut, heißt nicht, den Konflikt zu enthnisieren. Es legt aber aus sehr pragmatischen Gründen nahe, den ethnischen Anteil solcher gesellschaftlichen Großprobleme mit zu reflektieren. Wie auch den kulturellen, und hier insbesondere den Islam.

    Wer diese Dinge ausklammert, macht keinen Gebrauch von seinem Verstand. Gefragt ist diese Art von ziviler Tapferkeit – also den Mut zu haben, sich seines Verstandes zu bedienen.

    Gebt mal auf unz.com „Letter from Baltimore“ ein. Man sollte allerdings hellwach sein, wenn man das gut verarbeiten will.

  30. ziggev schreibt:

    @ bersarin – ohne Kotau vor einem sonst brillant und lustig Schreibenden, Don Alphonso, geht offenbar hier gar nichts. Aber – genau wie bei Dir – wird die sonst originelle Attitüde ohne Zurkenntnisnahme der eigenen Irrtümer zu leeren Pose.

    Dir ist natürlich klar, dass „Die Merkelsche Flüchtlings„politik“ ist ein Geschenk an …“ usw., ohne genauere Charakterisierung, worin sie bestand, reines Blabla ist. Typisch, nie etwas einem etwaigen Faktencheck aussetzen. Da Du Dich ja sonst als durchaus intelligent zeigst, bleibt keine andere Möglichkeit, als dieses Blabla, als das zu werten, was es ist: als reines Blabla. Nicht mal das: schlechter verhüllte völkische Propaganda ist mir noch nie untergekommen.

    Genauso Don Alphonso: es bleibt nur die leere Attitüde. Für alle, die nicht zu denken vermögen, es einfach nicht wollen, mag das ok sein. Eine Peinlichkeit übertrifft dann die andere. Hier wird etwas „kritisiert,“ ohne sich die Mühe zu machen, zu klären, was kritisiert wird.

    – Oh diese Mühelosigkeit! Konsequntialistisch ist das reine hate-speach.

  31. Bersarin schreibt:

    @ Dieter Kief: Es ist, wie der Kategorische Imperativ von Kant eben ein Imperative, und wenn Politik ihn sich zum Leitfaden machte, wäre sicherlich nicht alles besser, aber manches anders. Was in Ruanda geschah, hätte nie geschehen dürfen, was in Syrien geschieht – die Destabilisierung eines Landes und daß über Hundertausende Menschen Elend bricht – hätte vermieden werden können. (Der Beispiele sind viele.) Klar, in diesem Sinne ist Adorno dicht am Habermasschen Denken vom Idealtypus, an einer idealen Sprechersituation im Diskurs dran. Aber zugleich eben verweist er aufs materiale Moment. Und in diesem Sinne läßt sich dann auch der Begriff mit der Realität abgleichen. Andererseits ist kein Leid der Welt je den Formulierungen gewachsen. Dennoch müssen wir weiter formulieren, denken, schreiben.

    Sieferles „Finis Germania“ formuliert Einsichten, die nicht in Bausch und Bogen falsch sind. Leider gehört der Theil B. zu den argumentativ schwachen Passagen dieses Aphorismen- und Gedankensammlung. Die zu Jünger gefallen mir schon besser.

    Richtig ist es, bei den Problemen den ethnischen Anteil mitzudenken, gerade was das Sexualverhalten und die Sexualerziehung arabischer Jungs betrifft. Ich verweise hier nochmal und wiederholt auf Zana Ramadanis: „Die verschleierte Gefahr“. Und diese Kritik kommt ja auch aus der Ecke von Arabern selbst, was ich gut finde. Etwa Hamed Abdel-Samad. Ich denke, daß im Sinne langsamer Entwicklung und der Veränderung sich in den Diskursen etwas bewegt. Weshalb auch wieder Streitgespräche möglich werden, ohne das Rassismus-Narrativ als taktisches Element zu gebrauchen, um das Gegenüber von vornherein zu disqualifizieren. Und in diesem Sinne trifft Streeck mit jenem oben von mir gebrachten Zitat den Nagel auf den Kopf.

    (Wobei die soziale Verwahrlosung in den USA nochmal eine ganz andere Sache ist.) Wie es aber aussehen kann, wenn soziales Gefüge teils bzw. langsam aus dem Ruder zu laufen droht, sehen wir (unter anderem) in Berlin: vietnamesische und türkische bzw. arabische Schüler usw. Nicht pauschal, aber den Zahlen nach als Tendenz. Über diese Dinge muß man sprechen. Ich schrieb das hier schon mehrfach: ich gehöre nicht zu den Sarrazinanhängern, sondern zu den Heinz-Buschkowsky-Freunden, was den sozialen Umgang und die Ursachenforschung betrifft. Keine carte blanche, aber doch in vielen Aspekten. Emotionalisierungen und die ewigunendliche und steindumme Rassismuskarte, die prompt gezogen wird, sind als eingespielter Reflex nicht wirklich hilfreich für die Lösung solcher Probleme und weit aufgerissene Grenztüren ebensowenig. Kann man natürlich alles machen und die CSU kann gerne beim Familiennachzug umkippen. Nur muß man dann eben auch die Wahlergebnisse aushalten. Oder man sucht sich, wie Brecht es süffisant schrieb, eben ein neues Volk. Der kulturalistischen Merkel-Linken wäre das sicher lieb.
    __________________________

    Ziggev, wir haben und werden haben Millionen von Klimaflüchtlingen. Für dieses Elend ist maßgeblich der Westen mitverantwortlich und dazu werden wir uns positionieren müssen. Dann auch noch eine ganze Region wie den arabischen Großraum zu destabilisieren und Europa die Folgen tragen zu lassen, wie es das Kalkül US-interner Think Tanks ist, ist sträflich und führt – beabsichtigt oder nicht – zu einer Implosion innerhalb Europas. Die Ergebnisse siehst Du ja gerade. Und da es sich um bürgerliche Demokratien handelt, wird diese Wähler keiner stoppen können. Diese Kriege wie in Syrien zumindest sind vermeidbar. Und damit der ziggev als guter Mensch anderen Menschen Deutschunterricht geben kann, die lieber in ihrer Heimat geblieben wären und lieber dort wirkten, anstatt unter unwürdigen Bedingungen übers Meer zu fliehen: dafür ist die Aufnahme von Flüchtlingen ganz sicher nicht gedacht. Das ist genau das, was ich moralisches Delektieren nenne, ohne daß Leute wie Du einen Blick auf die Ursachen dieses Elends werfen. Und da gibt es für mich eigentlich nur eine Möglichkeiten: Entweder die systematische Ausblendung politischer Bezüge, sei es aus Unwissenheit und Naivität oder aber aus Kalkül heraus.

    Und der Orwellsche Tagesschau-Neusprech „Faktencheck“ ist natürlich lustig: gerade dort, wo „Fakten“ draufsteht, sind leider keine Fakten drinnen, sondern die Propaganda der guten Gesinnung. Die fliegt Euch aber gerade massiv um die Ohren. Und nun fangt ihr an, das auch zu realisieren, was ich seit 2 Jahren, ach eigentlich schon viel länger, predige und schreibe. Wie geschrieben: Vogel-Strauß-Politik oder die der drei Affen ist bei Problemen nicht wirklich hilfreich. Und wir haben massiv ein Problem.

  32. mark793 schreibt:

    @Wo blieb Don Alphonsos Aufschrei? Der war für mich schon im September 2014 vernehmbar, kurz nachdem wir den Jaufenpass runtergeradelt waren und auf dem Wochenmarkt in Sterzing über die aktuellen Frontex-Berichte sprachen, aus denen schon damals ziemlich klar hervorging, dass da demnächst ganz massiv was auf und zurollt. Vielleicht war seinerzeit noch nicht so klar absehbar, ob die Welle eher über den Balkan oder über Italien auf uns zulaufen würde, aber dass da was auf uns zuläuft, konnte eigentlich damals schon jeder wissen, der es wissen wollte. Don Alphonso hat es jedem gesagt, der es hören wollte oder nicht, dass er ein Einwanderungsgesetz nach kandischem Vorbild einem mehr oder weniger unkontrolliertem Zuzug jederzeit vorziehe. Diese Position war in seinem Blogumfeld schon vor der Flüchtlingskrise 2015 kein Geheimnis und auch entsprechend umstritten, ich wüßte also wirklich nicht, was man ihm da für Unterlassungssünden ankreiden kann. Wenn man nachfragte, hat er seine Auffassung auch gerne genauer erklärt, aber dass die Antworten vielen nicht ins Weltbild ihres Multikulti-Heiapopeia passten, steht auf einem anderen Blatt. Ich selber muss gestehen, dass mir seine Wahrnehmung des Themas 2014 auch etwas zu schwarzgemalt erschien. Aber nachdem weder die versprochenen Akademiker und Fachkräfte in großer Zahl aufgelaufen sind noch sich das Wunschdenken zu materialisieren scheint, dass diese Zuwanderer unser Demographie- und Rentenproblem lösen und andererseits die innere Sicherheit nicht mehr flächendeckend gewährleistet werden kann, hat sich meine anfängliche Willkommensbesoffenheit deutlich abgekühlt.

    Ich will jetzt hier nicht den ganzen Abend lang den Alphonso-Erklärbären geben, aber den Anspruch, immer korrekt zu benennen, was genau er kritisiert, verfolgt er oft genug ja gar nicht, stattdessen ist die anekdotisch verpackte Andeutung immer wieder das Mittel seiner Wahl. Seinen Beitrag etwa, der die kulminierende gefühlte Unsicherheit im Geldautomatenbereich der Stadtsparkasse im Beisein einer Horde halbstarker Orientalen beschrieb, kann man nicht als sozioemprirische Analyse dechiffrieren wollen, den muss man mehr literarisch rezipieren, auch auf die Gefahr hin, dass er sich einer eindeutigen Deutung und Wertung entzieht.

  33. Bersarin schreibt:

    Danke, Mark793, für diese deutliche und klare Darstellung! Wichtig und gut. Don Alphonso gehört für mich zur Pflichtlektüre. Journalismus, der seinen Namen verdient.

  34. Dieter Kief schreibt:

    Don Alphonso ist ein guter Lapp, mit den Franken zu reden. Er kokettiert nicht mehr mit dem Trotzkismus und „solchane Krämpf“ (Alfred Leopold, Gott hab‘ ihn selig). Ein gelegentlicher Wähler der Bayernpartei, hehe.

    „Where – do we go from here?“
    (The Band – auf „Cahoots“).

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