Mit Rechten reden, mit Linken leben: Rechtsaußen und die Moralisierung der Diskurse

Der Standardreflex gegenüber rechts geht meist in zwei Varianten: entweder wird sich der intellektuellen Konfrontation komplett verweigert, oder es folgt die moralische Empörung. Im Brustton der Überzeugung, als Meinung vorgetragen. Jüngst konnte man diese Art von Entgleisung bei Sibylle Berg lesen: Nun stünden wir vorm neuen Faschismus, übersteigerte Berg – als ob wir uns in der Weimarer Republik im Jahre 1932 befänden, was historisch schlicht falsch ist. Reden reiche nicht mehr aus, schrieb sie in ihrer Spiegel-Kolumne im Pathoston des Schriftstellers und in Anspielung auf das Buch Mit Rechten reden von Per Leo, Maximilian Steinbeis und Daniel-Pascal Zorn.

Dieses gelungene Buch jedoch – ich vermute, Berg hat es nicht einmal gelesen – zeigt, daß es zwischen der Skylla Moralin und der Charybdis Schweigen einen durchaus gangbaren dritten Weg gibt, der vielversprechender scheint als das Alarm-Alpenhorn aus der Schwiizer Komfortzone oder eine multikulturelle Idyllik, wie sie heute just Asal Dardan in der Berliner Zeitung rührselig aufblühen ließ.

In der gleichen Logik, wie sich Dardan mehr Geschichten von Migranten wünscht, möchte mancher Deutsche eben mehr Geschichten aus dem eigenen Milieu, aus den abgehängten Regionen dieses Landes lesen – da wo von Nahverkehr bis Krankenhaus nichts mehr geht, oder er möchte wissen, wieso es sich heute nicht mehr einfach und unproblematisch über den Berliner Alexanderplatz spazieren läßt. So sucht sich also jeder seinen Wohlfühlzirkel, möchte gerne behaglich im Eigenen sich einrichten. Insofern sind, wenn auch ungewollt, Asal Dardan und der Wutürger zwei Seiten derselben Logik. Man will hören, was in den eigenen Kram paßt und dazu dann die entsprechenden Narrative etablieren.

Man kann sich mit dem Thema „rechts“ in einer aufgeheizten Form auseinandersetzen – mit Slogans, mit wohlfeiler und oft auch mit berechtigter Empörung – eine Empörung freilich, die regelmäßig aufs Provokationsspiel der Rechten hereinfällt. Oder wir suchen einen Disput, indem wir sachlich die Bilanz ziehen. Thomas Wagners Buch „Die Angstmacher“ zeigt, wie wir diesen schwierigen Weg ohne Polemik und trotzdem kritisch begehen können. Er schildert, zeigt und beschreibt diese neuen Rechten, ohne im Ton schrill aufzufahren und vor allem gibt es hier kein betreutes Lesen oder taz-Belehrungsjournalismus, der sagt, was zu denken sei – und das, man höre, obwohl Wagner dezidiert links ist. Wagner stellt dar, ohne zu werten. Er läßt die Positionen für sich sprechen, führt Interviews mit Götz Kubitschek und Ellen Kositza. (Im zweiten Teil dieser Serie folgt eine Rezension dieses lesenswerten Buches.)

In den öffentlichen Diskursen tauchen diese neuen Rechten inzwischen allerdings vermehrt auf – zuletzt während der Frankfurter Buchmesse, spektakulär dank des Engagements der Linken: kostenlose Werbung durch Protest und Niederbrüllen einer Veranstaltung am Stand von Antaios. So war der Verlag in aller Munde. Das Konzept des Verlages ging prompt auf: Der Verleger lachte, dankte und konnte sich sogar, ohne großes Lamentieren, ganz berechtigt als Opfer eines Übergriffs zeigen. Er brauchte nicht einmal mehr die bei Rechten ansonsten gerne geprobte Opferpose einzunehmen, sondern er winkte die Sache nonchalant weg: So sind sie eben, die Linken, sie stören, sie halten Pluralität nicht gut aus, predigen aber beständig davon. Der Mann hat nicht unrecht. Der Verkauf von Titeln aus dem Antaios Verlag stieg nach dieser Aktion der Linken sprunghaft an, dessen Vertrieb kam mit dem Ausliefern kaum nach, wie man mir am Telefon berichtete. Der Faustschlag ins Gesicht des Trikontverlegers ging da glatt unter.

Ebensowenig zielführend in der Auseinandersetzung ist jene reflexhaft sich einstellende Erregung. Das Rufen von Parolen wie „Nie wieder Faschismus“ mag eine Demo würzen, aber bei öffentlichen Veranstaltungen und in politischen Diskursen zeugt es von Hilflosigkeit, anstatt von intellektueller Substanz und von Eloquenz. Zumal Kubitschek und Ellen Kositza diesen Satz für sich genauso in Anspruch nehmen. Wir haben mit der Neuen Rechten keine kruden Horst-Mahler-Nazis oder Holocaustleugner vor uns, sondern sie sehen sich in der Tradition Stauffenbergs und der Weißen Rose – all diese Zusammenhänge kann man gut in Wagners Buch nachlesen.

Was daran bei Kubitschek oder Sellner Camouflage ist, steht auf einem anderen Blatt. Aber um dies zu beurteilen, muß man deren Positionen überhaupt erst kennen. Darübergestülpte Worte reichen meist, um eine bequeme Spielmarke bei der Hand zu haben, oder frei nach Mephisto: „Denn eben wo Begriffe fehlen,/ Da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein.“ Das Wort ‚rechtsradikal‘ feiert Inflation.

Intellektuell hat die Linke dieser Rechten momentan wenig entgegenzusetzen und von daher resultiert – vermutlich – ihre Angst: Einen Marc Jongen möchte sie gar nicht erst auf Veranstaltungen eingeladen sehen, weil man auf diese Weise rechtes Denken legitimiere, so die Kritiker – absurd eigentlich, denn die meisten dieser Veranstaltungen und Podien werden sowieso von den üblichen Verdächtigen besucht, es wird Jongen im Theater von Magdeburg oder in Zürich (sofern die Veranstaltungen denn stattgefunden hätten) sicherlich nicht frenetisch beklatscht werden und auch im Publikum hockt nicht der typische Pegida-Protestler. Gerade für jene Jongen-Kritiker könnte es jedoch lehrreich sein, sich anzuhören, was dieser Marc Jongen uns berichtet.

Davon abgesehen, wer eigentlich sich das Recht herausnehmen will, zu entscheiden, wer im öffentlichen Diskurs legitimiert ist zu sprechen und wer nicht. Ein seltsames Verständnis von Debatte, vor Beginn des Diskurses bereits festlegen zu wollen, wer teilnimmt und wer nicht. Und als ob es in den Medien nicht schon genug Gate-Keeper gäbe. Oder aber jene Erregungs-Talkshows, die nicht die Lösung, sondern ein Teil des Problems sind, weshalb die Diskussionskultur derart außer Rand und Band geriet. Der Krach nämlich existierte bereits, bevor die Neuen Rechten und in den sozialen Medien die sogenannten Wutbürger auf den Plan traten. Ein Krawall der bürgerlichen Mitte. Man denke zurück an Sonntagabend, die Zeit gleich nach dem Tatort, Sabine Christiansen. Geschrei und wildes Gebaren, Redner, die einander ins Wort fielen und Sätze ohne Argumente. Das, was sich Enthemmung nennt, lag gut vorbereitet und abgehangen da. Die Rechten mußten diese Masche der Provokation nur kapern. Sie taten es.

Ich möchte hier in einer losen Folge von Buchbesprechungen mir einige Texte herausgreifen, die sich mit diesem Thema der Neuen Rechten befassen und dieses Phänomen in den Blick nehmen. Zunächst also von dem aus dem linken Umfeld stammenden Soziologen Thomas Wagner, der ein herausragendes und unbedingt lesenswertes Buch schrieb, darin er die Wurzeln dieses Denkens und die Ideengeber zeigt. Insbesondere die von der Rechten viel geschmähten 68er. Die Protestformen der Studenten, so z.B. die Subversive Aktion, deren Mitbegründer Frank Böckelmann heute im rechten Lager anzutreffen ist, und auch der Bezug zu Antonio Gramscis Begriff der kulturellen Hegemonie wurden von dieser Neuen Rechte aufgegriffen. Dazu mehr im nächsten Teil.

Weiterhin das inzwischen in aller Munde und auch vielfach kritisierte Buch Mit Rechten reden von Per Leo, Maximilian Steinbeis und Daniel-Pascal Zorn, das diesem Text den Titel gab. Und als – freilich seltsamer – Gegenpart dazu von Martin Lichtmesz und Caroline Sommerfeld die Streitschrift Mit Linken leben.

Für alle Bedenkenträger sei an dieser Stelle übrigens aus Wagners Buch das Kapitel Dem Bösen keine Bühne: Das Theater schafft sich ab ans Herz gelegt. Ein wenig Dissens im Konsens kann nicht schaden, und Demokratie lebt davon, daß sie gegensätzliche Interessen formuliert und austrägt, so Wagner. Er zitiert hier den Theater-Dramaturgen Bernd Stegemann. Was der fürs Theater sagt, gilt auch für andere Formen des öffentlichen Diskurses:

„Die Herausforderung für das Gegenwartstheater besteht darin, dass unsere heutige Gesellschaft dauernd damit beschäftigt ist, Widersprüche unsichtbar zu machen, sie durch ganz bestimmte Sprechweisen zu vernebeln.“

Es gebe hier, so ergänzt Wagner, etwas wie eine Bunkermentalität, die bis in die Mitte der Gesellschaft vorgedrungen ist. Es wird tabuisiert, moralisiert und ausgegrenzt, herauszuhören insbesondere aus Sätzen wie: „Das darf man nicht sagen!“

Im Grunde verhalten sich die Diskurse vieler Linker geradezu spiegelbildlich zu denen von rechts. Man erschreckt vorm Gegenüber, und bemerkt nicht, daß es das Abbild der eigenen Gestalt ist. Oder wie es Theodor Däubler pathetisch schrieb: „Der Feind ist unsre eigne Frage als Gestalt. Und er wird uns, wir ihn zum selben Ende hetzen.“ Carl Schmitt, der ein eifriger Leser Däublers war und über dessen Nordlicht schrieb, inspirierte diese Sentenz zu seinem Freund/Feind-Schema in Der Begriff des Politischen. Eine rhetorisch und politisch interessante Figur nebenbei, die gerade auf Seiten der Rechten, aber auch in linken Diskursen sich einiger Beliebtheit erfreut. Dazu aber ein andermal. [Wer es hier Schmitt-kritischer mag, greife auf Karl Löwith Abhandlung Der okkasionelle Dezisionismus von C. Schmitt zurück oder lese die Kritik von Leo Strauss: Anmerkungen zu: Carl Schmitt, Der Begriff des Politischen. Ebenfalls anregend und in diesem Kontext steht Walter Benjamin mit seinen Überlegungen zum Generalstreik in Zur Kritik der Gewalt.]

Was das Theater betrifft, so hat Stegemann diese Überlegungen in seiner Schrift Das Gespenst des Populismus. Ein Essay zur politischen Dramaturgie zugespitzt: Wir finden im spätbürgerlichen Theater die 100te Wohlfühltextfläche, dramatisch allenfalls in den politisch korrekten Emotionen, die das Stück schürt; engagierte Texte, die das sagen, was die meisten der Zuschauer sowieso denken und vor allem aber fühlen. Und wenn es dem letzten Zuschauer noch nicht klar ist, dann wiederholt dies auf der Bühne ein antiker Chor bis zum Gottseibeiuns. Das Gorki Theater in Berlin ist der Paradefall eines solchen neu blühenden Gesinnungstheaters. Regisseure wie Falk Richter oder Nicolas Stermann ebenfalls.

In diesem Sinne hat das moderne Theater mehr von einem Gottesdienst mit Predigt, in der sich die treue Gemeinde wiedererkennt – nicht anders als die Carolin-Emckesche Erbauungsrede in Frankfurt letztes Jahr. Und auch der Teufel wird, natürlich farbecht in blau oder braun, an die Wand gemalt, statt daß sich auf der Bühne Widersprüche manifestieren und Konfrontation entsteht. Widersprüche, die sich nicht auflösen. Eine echte Provokation für die Wohlfühlbürger des kulturalistisch-linken Milieus gäbe es vermutlich nur, wenn man dort ungeschminkt einmal etwas Rassistisches inszeniert und die Leute so sprechen ließe, wie sie sprechen. Ohne Schutzschirm, ohne Filter, ohne Verfremdung oder Zeigefinger.

Wie wäre es, wenn ein Theater es einmal wagte von Jean Raspail Das Heerlager der Heiligen zu inszenieren? Einer der wenigen, denen ich dies zutrauen würde, wäre Frank Castorf. Er scheut sich nicht, auch ein heißes Eisen zu berühren, Castorf ist es in seiner schnodderigen Art gleichgültig, was die Gemeinde denkt.

Auf dem Dokumentarfilmfestival dok-Leipzig erregte kürzlich Sabine Michels Film Montags in Dresden einiges Aufsehen. Denn es geschah das, was natürlich verborgen gehörte: es kamen im Film Pegida-Demonstranten zu Wort. Und – böse, böse – ohne Kommentierung und ohne betreutes Gucken. Die Festivalleitung hat sich umgehend – wir ahnen es bereits – distanziert. Anstatt – einmal nur – zu einer Sache zu stehen.

Hilmar Klute beschreibt dieses Phänomen in seinem SZ-Artikel „Politische Korrektheit. Wer streiten will, muss sich auch schmutzig machen“:

„Nachdem die Leitung der Frankfurter Buchmesse es dem rechten Antaios Verlag zugebilligt hatte, einen Stand zu vertreten, rief sie alle demokratisch Gesinnten dazu auf, gegen rechtskonservatives Gedankengut aufzubegehren. Allein der Gedanke daran, sich, in sei es noch so distanzierter Weise, zunächst einmal mit dem Weltbild der Rechten befassen zu wollen, scheint eine absurde Handlungshysterie auszulösen: Geschrei, Gestampfe und Gezeter – am Ende standen die Rechten als Saubermänner da, während die demokratische Mehrheitsgesellschaft eher wie ein reflexionsfeindlicher Abklatschverein rüberkam. Die Angst vor dem anderen Gedanken, vor der unsauberen Gesinnung ist inzwischen so groß, dass der Zwischenschritt des Nachdenkens zugunsten der automatischen Zurückweisung entfällt.“

In diesem Sinne verstehen sich diese Rezensionen auch als ein Beitrag zu einer Kultur der offenen Debatten, wo nicht von vornherein Themen mit dem Tabu belegt sind. Im nächsten Teil also geht es zur Sache und hinein in Wagners Buch.