Ausgewählte Orte – ostwärts, Thüringen

 

 

 

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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9 Antworten zu Ausgewählte Orte – ostwärts, Thüringen

  1. Dieter Kief schreibt:

    Harte Kost, insgesamt. Die Szene mit der Schaufensterpuppe ist ansprechend/ interessant.
    Erfurter Oper mit der Flammenzauberin, das Original Freiberger Flaschenbier in den Photoshop-Farben der Saison und die „Firebirds“ – wäre das eine angemessene Zusammenschau?
    (Ich war kürzlich einen Tag in einem ziemlich namenlosen schweizerischen Landstädtchen im Sankt Gallischen – der optische Reichtum da und die Tristesse hier, dieser Kontrast ist verblüffend. Aber vielleicht wäre es vor Ort auch weniger karg und dröge. Ich fürchte freilich, dass nicht, bzw. nur unwesentlich oder nur wenig.

  2. Uwe schreibt:

    Dürftig, karg, abweisend, mit bunten Einsprengseln und Ankündigungen der Unterhaltungsindustrie, vielleicht um das Grau zu vergessen, dabei wird es danach, nach jedem Danach, umso heftiger erlebt, da hilft auch nicht das Obst und seine explosive Buntheit, auch nicht der schmucke Dekor von Erkern, in denen kein Vetter das Sehen lehrt, nein, selbst das Mannequin stößt gegen unsichtbare Glaswände, kein Entrinnen, weder auf dem Display und seinen Fluchtangeboten noch beim Essen im Scharfen Eck, wo einem die Klöße im Hals stecken bleiben können, auch der Schmuck gewährt nicht das, was er verspricht, Einzigartigkeit lässt sich eben nicht anstecken wie ein Ring, und die Plätze und Treppen bleiben leer, schmutzig, düster steigen die Wolkenberge auf über blassgrünen Landschaften, an deren Rändern der unvermeidliche deutsche Jägerzaun steht und stört, zu dem die Trophäe passt, die im Vorraum von Gaststuben hängt, in die man nicht eintritt, sondern einfällt, um all das hinter sich zu lassen, diese Mauern mit Parolen wie vom anderen Stern und Plakatwänden, deren Versprechen desto größer geraten, je trostloser der Platz, an dem sie aufgestellt werden, nein, kein Ort zum Bleiben, eher zum Schießen … von Fotos, die von der Unwirtlichkeit Zeugnis ablegen, ein zutiefst subjektives, idiosynkratisches Zeugnis zumal, bei dem einzig die Stiefelqueen am Denkmal für etwas Entlastung sorgt, und nicht ungern stellt man sich den Moment vor, als der Fotograf, durch den Sucher blickend, den Auslöser drückte und vielleicht erleichtert feststellte: Schönheit lauert überall, sicher aber nicht ohne zugleich wieder an das triste Grau zu denken, das an diesem Ort, schenkt man den Fotos Glauben, alle ästhetische Verzauberung hinterfängt und größtenteils überdeckt.
    Gruß, Uwe

  3. Bersarin schreibt:

    In der Tat ist diese Serie trotz (oder gerade wegen) manch heiterem Einsprengsel, extrem düster geraten. Unwirtlichkeit – ja. Die zeige ich. Eine Welt, wie sie nicht sein soll und wie sie doch ist. Und das Grauen lauert eben nicht nur hinter dem Jägerzaun.

    @Dieter Kief: Wollen wir wetten, daß ich Ihnen noch im schönsten Ort der Welt eine Serie lieferte, die Erschrecken oder zumindest Befremden hervorruft? Insofern würde mich auch jener Ort in der Schweiz reizen. Und genauso ging es mir in den Idylle-Orten unseres schönen deutschen Elsaß.

  4. Bersarin schreibt:

    @ Uwe: Die Stiefelqueen war in der Tat schön anzuschauen. Ich mag solche Szenen und dann erst, das in einem Bild zu fixieren.

  5. uweheck schreibt:

    Dachte ich mir, dass Du diese Augenweide dann doch nicht auslassen konntest, wenn auch Dein Tenor auf den dunklen Winkeln, tristen Fassaden und leeren Plätzen lag, ganz so wie der in einer bestimmten Tradition stehende Fotoflaneur eben die mehr inoffiziellen Stellen des urbanen Raums aufsucht und „festnimmt wie der Kriminalbeamte einen Verbrecher.“ (Susan Sontag) 😉
    Eine Pointe könnte man noch in Deiner Serie entdecken, wenn man den Ort identifiziert: Ist es nicht Weimar, in dem Du spaziertest? Einschlägigen Recherchemitteln des Netzes zufolge, befindet sich die Scharfe Ecke in dieser Stadt, einer Stadt also mit einer Vergangenheit, in der das ‚edle Streben‘ nach dem Guten, Wahren und Schönen durchaus weitreichende Erfolge erzielt hat, eine Stadt also, in der – entgegen meiner obigen Lesart – zu bleiben durchaus möglich und bisweilen sogar wünschenswert wäre. Aber Deine Auswahl ist eine bewusste und sie schafft durch die Zusammenstellung von Ausschnitten eine gezielte Diskontinuität. Aber mit dem Wissen um den Ort erhält sie noch eine spezifische geistesgeschichtliche Tiefendimension und nicht zuletzt eine humorige Würze. Oder liege ich da „genial daneben“?
    Gruß Uwe

  6. Bersarin schreibt:

    Völlig richtig, es ist Weimar. Allerdings existiert, von der Geschichte her, auch ein Bruch. Diese Stadt, die im Schatten des Ettersbergs liegt. Lebenswert und angenehm, einerseits, und es zeigt sich doch, daß alles Schreiben von der Humanität nicht vorm Grauen schützt: wenn das Andersmenschliche ausbricht. Die Diskontinuität deutet vielleicht darauf. Ich wollte erst eine Photographie noch aus Buchenwald einstreuen. Aber das erschien mir dann für diese Serie doch als Frevel.

  7. Dieter Kief schreibt:

    @ Bersarin

    – mag sein, aber verzerrt nicht auch der Hass gegen die Niedrigkeit bereits die Züge

  8. Bersarin schreibt:

    Der Haß ja. Der analytische, mitleidlose Blick nicht. Er läßt manchmal sogar klarer sehen und kann zeigen, wo etwas im argen liegt. Gerade im ungeschminkten materialistischen Motiv überlebt Moral, wußte Adorno in der „Negativen Dialektik“. Klug auf Marxens schonungslosen Blick anspielend.

  9. Bersarin schreibt:

    Daß es auch andere Formen des Darstellens gibt, steht außer Frage. Jean Paul wäre solch ein Beispiel. Aber auch dort findet sich immer wieder einmal ein bitterer und tief enttäuscht-resignierter Ton. Trotz allem Witz und aller Spottlust und auch der Liebe.

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