Deutscher Buchpreis – der Gewinner

Das Aisthesis-Buchmesse-Orakel hat getagt und mittels eines ausgetüftelten Algorithmus den Gewinner des Buchpreises eruiert. Morgen, am 9. Oktober sind die Literaturfetischisten schlauer, doch Leserinnen und Leser von Aisthesis wissen schon heute mehr.

Bis auf Menasse stehen bei mir  alle Werke im Regal der zu lesenden Bücher. Zunächst aber schaut das Orakel im Ausschlußverfahren, wer es nicht wird: Thomas Lehr geht leer aus. Zu komplex ist Schlafende Sonne für den popkulturell geprägten Geschmackssinn, und solche  Verschachtelungen hatten wir 2015 mit Frank Witzels Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969 bereits vor zwei Jahren, wenngleich heiterer erzählten als bei Lehr. Was sicherlich auch ein Kriterium abgibt, denn es ist der Deutsche Buchpreis nun einmal ein Preis, der den Absatz erhöhen soll und dem Buchhandel dient – was diesem auf alle Fälle gegönnt sei.

Wobei ich, en passante, gerade mit Thomas Lehrs im Jahre 1995 erschienenen Roman „Die Erhörung“ angefangen habe, und ich muß sagen, daß mir diese geschichtsphilosophische Konstruktion ausnehmend gut gefällt. Komplex erzählt, verschichtet die Ebenen und dazu eine poetische Sprache. Ein Rätselbild vom Grauen und den Gewalten, die sich in den Menschenleben des letzten Jahrhunderts sedimentierten. Die Revolution 1918/19 in Berlin, die Barrikadenkämpfe, der spanische Bürgerkrieg und die stalinistischen Apparatschiks, die die eigenen Leute folterten, weil es Linksabweicher, Liberale, Trotzkisten oder Anarchosyndikalisten waren, der deutsche Faschismus. Die Geschichte eines jungen Mannes in den 70er und 80er Jahren des letzten Jahrhunderts und die Geschichte gescheiterter Revolutionen im postrevolutionären Apo-Westberlin. Auch taucht ein Engel auf. Ob es jener Klee-Benjaminsche Engel der Geschichte ist, bleibt zunächst mal ein Rätsel. Wir blicken in manchen Abgrund und müssen  mit jenem Engel, jenem Cherubin auskommen. Jener, der aus der Engel Ordnung heraustritt und mit dem jungen Mann namens Anton Mühsal einen Höllentripp unternimmt. Augenblicklich befindet sich Anton, etwa in der Mitte des Buches, in der Klapse.

Ein großes und wuchtig-feines Stück Literatur, was ganz zu Recht mit Peter Weiss‘ Ästhetik des Widerstands und Uwe Johnsons Jahrestage verglichen wurde. Insofern bin ich schon auf Schlafende Sonne gespannt. Wir haben hier endlich wieder eine Literatur, die uns mehr erzählen will als den Befindlichkeitssalms von Berliner Halbprekären, wir haben hier eine Literatur, die nicht auf den Hype und die Verwertung durchs System Pop schielt.

Aber wer bekommt ihn nun, den Deutschen Buchpreis? Ich wette als Preisträgerin stark auf Marion Poschmanns Kieferninseln oder aber, ersatzweise, 2. Möglichkeit, Menasses Die Hauptstadt. Entweder eine Frau oder aber Europa. Aber das ist ja im Mythos eh beides eins. Die letzte weibliche Preisträgerin war 2013 Terézia Mora mit Das Ungeheuer, und da wir gegenwärtig im System der Quotierungen leben und nicht im Reich der ästhetischen Qualitäten könnte es gut möglich sein, daß es ein Proporzpreis werden wird. Wobei Marion Poschmann sicherlich eine gute Wahl sein wird.

Sofern die Jury nach Krisenszenarien entscheidet, dürfte die Wahl auf Menasse fallen. Vielleicht noch Salzmann wegen Transgender, was gegenwärtig on vok, nee en vogue ist. Schauen wir mal ins System und wie es die Jury richten wird, gute Bücher sind ja in die Auswahl gelangt:

Der diesjährige Deutsche Buchpreis geht also, laut unserem Leak-Algorithmus, der sich inzwischen sogar ins PC-System der Jury eintrojanern konnte, an Marion Poschmann und ihren  Roman Kieferninseln. Herzlichen Glückwunsch.

11 Gedanken zu „Deutscher Buchpreis – der Gewinner

  1. Zumindest liegen wir in der ersten groben Wertung ähnlich. Intuitiv aber kippt das Aisthesis-Orakel beim Feintuning in Richtung Poschmann. Schauen wir am Montag, was sein wird. Beste Grüße und mit steigender Spannung harren wir.

  2. Ah – danke, ich habe mir grade die Verleihung angesehen und zwar wg.Ihrer Anmoderaation.

    Es war intressant.

    Menasses Hinweis auf Amazon als möglicher Killer tausender europäischer Buchhandlungen hat es in sich. Und damit auch sein Hinweis auf die EU-Komission, die sich dieser KLage entgegengestellt hat.

    Der Fast-Erfolg Amazons gegen die Buchpreisbindung in Europa ist besonders bitter, weil Amazon aufgrund seines Geschäftsmodells – nämlich nominell immer Schulden zu machen – keine Steuern zahlt, und Amazon-Chef Bezos sich daher einen strategischen systemwidrigen (!) Vorteil über seine Konkurrenz erschaffen hat, da die Buchhändler natürlich alle Steuern zahlen.

    Es bleibt die schüchterne Frage, weshalb die Buchhandels-Grossisten zusammen mit den Buchhändlern n i c h t in der Lage sind, ein Rezensionsportal wie dasjenige von Amazon zu schaffen. Das ist die große Leerstelle oder, um auf einer utopischen Note zu enden: Teil der großen Herausforderung an die ganze Welt, eigentlich, die Amazon darstellt.

    Menasse ist insofern ein zeitgemäßer Preisträger.

  3. In der Tat – das sind interessante und vor allem wichtige Aspekte, die sie da nennen. Das Ausmaß von Amazon ist vielen hier gar nicht richtig bewußt.

  4. Da ich es mit Bücherlesen wie mit dem Weintrinken halte: “Schlechtem” – naturgemäß subjektiv – setze ich mich sowenig wie möglich aus. Ich muss gottseidank nicht wie professionelle Rezensenten reihenweise Bücher durchlesen: ein Schluck kann reichen, manchmal nur riechen, mitunter reicht sogar die Etikette oder die Flaschenform, mein Interesse zu wecken oder aber sofort abzustellen. Dazu ist die Amazon Leseprobe runterzuladen durchaus nützlich. Selten kann es vorkommen, dass ich das, was ich koste, nicht nur interessant finde, sondern auch wirklich ganz lesen und im Chaos meines Büchergestells haben will. Dann kaufe ich es gerne im Buchladen. Ansonsten reicht mir die Kostprobe oder allenfalls (intéressant, sans coup de foudre) das günstigere und schlankere eBuch.

  5. Es gibt eine weitere gute (= produktive) Möglichkeit, mit Rechten zu reden:
    Reinhard Merkel: „Wir können allen helfen“ – heute in der FAZ.

    Stichwörter: Der konservative Islam ist demokratie-problematisch.

    Die Migration bringt ansteigende Kriminalität mit sich und eine Gefährdung (=Verwahrlosung) des öffentlichen Raums (in den Städten insbesondere).

    Die Kosten für die offenen Grenzen sind enorm – alles was bis ca. Mitte 2016 gesagt wurde der Art, die Immigration wird sich selbst tragen, ja sogar einen positiven Saldo darstellen, ökonomisch – alles das, sagt Merkel nun in der FAZ, ist falsch.

    Er nähert sich den 450 Milliarden an, die Sarrazin (und Sinn und Raffelhüschen) seit ca. einem Jahr als Hausnummer nennen für die nächsten zehn Jahre –
    – dass das Leben danach weitergeht, ist nicht ausgeschlossen – – die drei sagen nur nicht mehr, weil die Sache ab zehn Jahren schlechter prognostizierbar wird. Daraus soll man keineswegs ableiten, dass das dann über Nacht ins Gute dreht…

    Reinhard Merkel sagt zu dieser ökonomischen Seite des Migrationsproblems (Sieferle), dass die juristisch gesehen glasklar als schädlich zu beurteilen sei. Dass also das Bundesverfassungsgericht seit Jahren bereits urteilt, dass die ökonomische „Darstellbarkeit“ (=Machbarkeit, Vernünftigkeit) einer politischen Entscheidung (auch!) von absoluter juristischer Dignität (=Relevanz = Gültigkeit) sei.

    Alle Gesinnungethiker, die anders reden (Kipping, Roth, Özoguz, Schäuble et tutti quanti (Riexinger, Holm…) reden grundgesetzwidrig.

    Argumentativ der beste move in Merkels Phillippika: Das aufnehmende Volk (jep: Merkel sagt wie Sieferle: Volk) – also das aufnehmende Volk hat ein berechtigtes Eigeninteresse im Hinblick auf – wie man das früher zu sagen beliebte: Sitten und Gebräuche (=alltägliche Selbstverständlichkeiten, =seine, des Staatsvolks, „kulturelle Identität“). – Huhh?!

    Noch ein kleiner Lesetipp – Bernhard Schlink hat – ebenfalls in der FAZ, ganz ähnlich geschrieben im September – der Artikel steht hier – für 2 Euro, die weiß Gott gut investiert sind:

    http://plus.faz.net/politik/2017-09-28/alltagskultur-als-leitkultur/61351.html

  6. @ L Trachsel: Deshalb Literaturkritik, deshalb Buchläden und manchmal gibt es auch auf der Homepage der Verlage eine Leseprobe. Es wäre sowieso eine interessante Frage, was eigentlich in concreto die Auswahl der Bücher motiviert, die man lesen möchte.

  7. Ja, der Artikel von R. Merkel ist interessant und bringt einige Aspekt dieses heiklen, dieses schwierigen, dieses komplexen Themas gut auf den Punkt. Aber wie es so ist: es koppelt sich an die Sphäre der Jurisprudenz ebenso die der Ökonomie und der Politik. Das eine ist die Frage des Finanzierens, das andere ist, wie wir es hier auch schon hatten, die Frage der globalen Ökonomie. Es erschöpfen sich diese Dinge eben nicht einfach in der Frage oder dem lustigen Lied: „Wer soll das bezahlen, wer hat soviel Geld?“ Die Antwort ist zwar nicht ganz klar, doch das Geld ist durchaus da. Und wir alle wissen im Grunde, wo es steckt und wer es sich in concreto in die Tasche stopft. Es ist ja nicht so, daß die Reichen dieser Erde verarmen. Aber freiwillig weggeben werden sie auch nur in begrenztem Maße und sozialdemokratisierende Gesetze des Umverteilens verlagern das Problem nur. Alles also schwierig und es steht die Frage im Raum: Was tun?

    „Die Kosten für die offenen Grenzen sind enorm – alles was bis ca. Mitte 2016 gesagt wurde der Art, die Immigration wird sich selbst tragen, ja sogar einen positiven Saldo darstellen, ökonomisch – alles das, sagt Merkel nun in der FAZ, ist falsch.“

    Natürlich kostet all das etwas, närrisch zu glauben, das gäbe es für lau. Allerdings muß man immer fragen, wer wie und weshalb rechnet. Die globale Wirtschaft, die die Gewinne gerne privatisiert bzw. einheimst und die Kosten sozialisiert, trägt ja keinen geringen Anteil an diesen Wanderbewegungen. Die Menschen, die da fliehen und in ein besseres Leben sich bringen wollen, sind gut zu verstehen. Denn wie es bei den Bremer Stadtmusikanten heißt: Etwas Besseres als den Tod finden wir überall und wer es durch die Sahara und dann noch über das Mittelmeer geschafft hat, ist im Schlaraffenland, selbst wenn er es nicht ist.

    Die Flüchtlingsströme werden sich übrigens, trotz Zäunen, Mauern, Schießanlagen oder was sonst man sich einfallen läßt, nicht aufhalten lassen. Und wie ich immer wieder zu sagen pflege: Wenn man den Menschen das Essen wegnimmt, gehen sie eben dahin, wo das Essen ist. Vom Klimawandel und den Klimaflüchtlingen ganz zu schweigen.

    Wie man es auch dreht oder wendet: wir stehen vor einer der größten Migrationsbewegungen, die diese Welt je sah. Und darauf werden wir politisch, ökonomisch, gesellschaftlich und auch im Sinne der Philosophie samt der Kunst reagieren müssen. „Grenzen dicht!“ ist ein Slogan, der es sich zu einfach macht. Die lassen sich nicht hermetisch schließen. All diese Fragen zu Flucht und Vertreibung werden die Fragen der nächsten Jahrzehnte sein. In diesem Sinne kann ich zunächst mal Julian Nidda-Rümelins „Über Grenzen denken. Eine Ethik der Migration“ empfehlen. Und gerade bei Suhrkamp erschienen David Miller „Fremde in unserer Mitte. Politische Philosophie der Einwanderung“ und dazu den Sammelband „Ethik der Migration – Philosophische Schlüsseltexte“.

  8. Freilich geht es bei solchen Migrationen auch um eine Frage der Identiäten. Wobei das ja auch nicht ganz leicht auszumachen ist: Was ist kulturelle Identität? Sprache nur? Dann trennt mich sehr viel mehr von einem Dänen als von einem Schwaben. Bräuche, Sitten, Lebensart? Dann habe ich mehr mit den Dänen gemeinsam als mit den Bayern. Der Paß? Die Geburt? Wer in den Türkenvierteln aufwuchs, wird einen anderen Bezug zur Identität haben als wer im bürgerlichen Milieu oder gar in Dahlem sein Domizil hatte. Wer also kann angeben, was die Identität eines Volkes ausmacht? Dieses Eigene. Sicherlich eine komplexe Sache, die auch mit dem Zusammenhang an Tradition zu tun hat. („Was ist deutsch?“ D. Borchmeyer) Stellen müssen wir diese Frage!

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