Unkonforme Konformität. Martin Lichtmesz und Caroline Sommerfeld „Mit Linken leben“

„Die Vergiftung der Gesellschaft mit dem Virus des ‚Kampfs gegen Rechts‘ hat die Leute auf das menschliche Niveau einer Erkennungssoftware abgewrackt.“ In der Tat beschreibt dieser Satz aus dem Buch Mit Linken leben ganz gut, was gegenwärtig die Stunde schlägt. Und auch sonst ist das Buch für manche Provokation gut. Aber bei Aussagen kommt es auf den Kontext an, und es ist hilfreich zu wissen, wer sie macht. Solchen Sätzen zuzustimmen, bedeutet nicht, automatisch den Personen sowie den Kontexten zuzustimmen.

Die Autoren Caroline Sommerfeld und Martin Lichtmesz sind im Umfeld der Sezession und als Neue Rechte zu verorten. Man tut ihnen wohl nichts Böses an, wenn der Rezensent sich dieses Begriffes bedient. Im Gegenteil: sie selbst sehen diese Position nicht negativ, sondern als Auszeichnung und als Opposition zu einer meinungsmäßig immer gleichförmiger agierenden Gesellschaft. Sommerfeld ist zudem, das macht die Sache spritzig, mit dem eher links sich verortenden Kulturwissenschaftler Helmut Lethen liiert. (Zu Lethens Buch Der Schatten des Fotografen findet sich auf AISTHESIS eine Rezension.) Ich habe einen ziemlichen Faible für das Zusammengehen oder in diesem Falle eben das erotische Zusammenlieben von Gegensätzen.

Was für ein Buch ist Mit Linken leben? Vor allem aber: weshalb sollte man es lesen? Ein Sachbuch ist es mit Sicherheit nicht – wie etwa Thomas Wagners Die Angstmacher –, eher schon eine Kampfschrift, um die eigene Position für die eigene Gemeinde zu bestimmen und Freund von Feind zu scheiden. Also das, was Carolin Emcke oder das Missy Magazin für die andere Seite machen.

Das Buch, so die Autoren, dient als Leitfaden. Für die verschiedenen Arten von Linken haben die Autoren eine kleine Typologie entwickelt, und sie zeigen Redestrategien gegen linke Denkfiguren. Zudem ist es als Orientierungshilfe gedacht, wenn es um die Konfrontation mit links geht. Es können sich, so die Autoren, darin die Leser wiederfinden, um in ihrem Denken bestärkt zu werden – daß kluge Bücher eigentlich das Gegenteil leisten sollten, um freies Denken zu ermöglichen, steht auf einem anderen Blatt und ist das Problem nicht nur der Ratgeber für Rechte, sondern auch innerhalb der linken Erbauungsliteratur, bis hin zum Belehrungsjournalismus: Vorbetung und Predigt, wie die Emckesche Friedenspreis-Rede in Frankfurt. Nur hier eben von rechts. In diesem Sinne will das Buch – frei nach Gramsci, auf den sich mancher Neurechte inzwischen gerne beruft – den Kampf um kulturelle und politische Hegemonie aufnehmen, statt mit Argumenten zu streiten, wie dies etwa Leo/Steinbeis/Zorn in ihrem Buch Mit Rechten reden machen.

Es ist ein politischer Klimawandel im Gange und dies sehen die Autoren als Chance. Die Lager haben sich seltsam verdreht, es etablierte sich eine sehr eigentümliche Merkel-Linke, und da, wo früher Konservative für Verbote bestimmter Ansichten sich aussprachen, kommen heute Anti-Hatespeechkampagnen von links, die nicht bloß das treffen, was unters Strafgesetzbuch fällt, sondern mittlerweile genauso Ansichten verbannt sehen wollen, die ihnen nicht in den Kram passen. Daß sich beide Seiten immer weiter von der Grundlage sachlicher Argumente entfernen, kommt am Ende, was das politische Klima betrifft, den Rechten zugute. Die kulturalistische Linke merkt es nicht. Als Opfer des Gegners stilisieren sich beiden Seiten. Auch darin herrscht zwischen beiden Lagern Symmetrie.

In diesem Sinne will das Buch, so die Autoren weiter, unentschlossene Leser, die nicht wissen, wo sie stehen, auf ihre Seite ziehen. Pädagogischer Impetus sozusagen. Das freilich könnte fürs Buch nicht besonders gut ausgehen, sofern der Leser bereits einen kritischen Kopf mitbringt. Denn da wird er manche Ungereimtheit entdecken: Angefangen bei einem Essentialismus, der seine eigenen Voraussetzungen von Kultur nicht weiter begründen kann, sondern sie als Glaubenssache postulieren muß, bis hin zu gefühlter Wahrheiten, die genau wegen jener Fühligkeit weder Tatsachen und schon gar nicht Wahrheit sein können.

Dennoch lohnt die Lektüre. Wer aus erster Hand wissen will, wie diese Neue Rechte tickt und bisher Provokation von Götz Kubitschek und Tristesse Droite. Die Abende von Schnellroda nicht auf dem Schirm hatte, lese dieses Buch. Man erfährt einiges über deren Taktik und welche Strategien möglicherweise in the long run dahinterstecken. Manchmal ist das Buch sogar witzig. Die Bunkermentalität in Teilen des linken Lagers beschreiben die Autoren treffend, es findet sich eine feine kleine gemeine Liste, wie man Linke in Blasenwelten – ich nenne sie meist die kulturalistische oder evangelikale Linke – provozieren kann. Da sind lustige Sachen bei. Manche treffen unter die Gürtellinie, sind also böse, sehr böse. Das mag nicht jeder lustig finden.

Wir sollten jedoch in einer pluralen Gesellschaft wieder lernen, auch Meinungen auszuhalten, die nicht unbedingt konform sind. Allerdings sollten wir zugleich für die Ansichten Begründungen einfordern und nachhaken, was genau gemeint ist. Niemand ist gezwungen, für die Homoehe zu votieren, und ob man dann bei einer Schwulenheirat Blumen streut oder es sein läßt, ist Privatsache. Ich selbst differenziere nicht nach solchen Aspekten, sondern nach Arschloch und Nicht-Arschloch. Das vereinfacht in der Regel die Mechanismen der sozialen Auslese.

Trotzdem liegt das Buch in seiner Beschreibung in einigen Passagen richtig, wenn es an die Zuschreibungen geht, die Linke von Rechten machen und was heute bereits als rechtsextrem gelabelt wird. Da tauchen plötzlich liberale oder konservative Autoren wie Greiner, Mosebach, Safranski, Sloterdijk oder Baberowski im Reigen der Rechtsaußen auf. Und auch wer Heimat sagt statt Zuhause, wer offene Grenzen problematisch findet, ist von diesen Annahmen her nicht per se rechts. Ob man für solche Einsichten jedoch Mit Linken leben gebraucht hätte, ist fraglich. Dazu hätte auch die Lektüre dieses Blogs gereicht.

Bei Teilen dieser kulturalistischen Linken geht es in der Tat darum, unliebsame Meinungen moralisch zu labeln, anstatt sachlich nach den Kontexten zu fragen, in denen solche Sätze geäußert werden. Darauf deutet das Buch zu recht. Eine Linke im schrillen Daueralarm, das also, was, so die Autoren mit (richtigem) Verweis auf Arnold Gehlen, Hypermoral genannt wird: Indem ein Begriff von Moral, der partikular relevant sein mag, auf ein ungeheures Maß aufgeblasen wird. Jede Regung in einer Gesellschaft, jeder nur irgendwie geäußerte Satz oder ein vermeintlich falsches Sujet im Kunstwerk, wie ein Geschlechtsteil führen dann regelmäßig zu Empörungsdiskursen der vermeintlich Rechtschaffenen. Im Dauerton werden von beleidigten Leberwürsten Diskriminierungsabsichten gewittert und getwittert. Eingebaute AfD-Detektoren klingeln und wittern. Ich halte die jedoch für eine stupide Form des Denkens. Politischer Infantilismus macht sich breit statt kritischen Denkens.

Eigentlich ein trauriges Zeichen, daß man in solchen Fragen bereits Lichtmesz und Sommerfeld recht geben muß. Diese Art von „Linke“ sollte sich fragen, woher eigentlich solche Reflexe rühren. Aber dazu ist Reflexion erforderlich – was auch bedeutet Selbstdistanz einzunehmen und einmal aus der Blasenwelt des eigenen Milieus hinauszutreten. (Mit Rechten reden zeigt, wie das durchaus sinnvoll funktionieren kann.)

Ebenso benennt das Buch die intellektuelle Unzulänglichkeit jener puritanischen Linken konkret und korrekt:

„Nur wenige Linke gründen heute ihr Weltbild in der Lektüre von Marx und Engels, Adorno und Marcuse, Foucault und Derrida oder Debord und Chomsky; an die Stelle der linken Theoriebildung ist für die Masse der Linken die wesentlich einfacher zu handhabende Nomenklatur der ‚politischen Korrektheit‘ getreten. Hierin unterscheiden sich die zeitgenössischen in vielerlei Hinsicht von der klassischen Linken. Ökonomische Ungleichheiten werden immer mehr zugunsten einer Form der ‚Identitätspolitik‘ vernachlässigt, die immer neue ‚Opfer‘gruppen (…) vor ‚Diskriminierung‘ zu schützen oder ihnen soziales, symbolisches und kulturelles Ansehen zu verschaffen sucht.“

Doch verkehrt sich richtige Intuition ins Falsche, wenn die eine Sache gegen den anderen Aspekt ausgespielt wird. Auch wenn das Buch manche Mechanismen scheinlinker Diskurse richtig beschreibt, liegt es in seinen Bewertungen und vor allem in den Generalisierungen zu oft daneben und kontaminiert damit die eigentlich richtigen Ansätze. Es ist ja nicht so, daß wir seit 150 Jahren Schwulenbefreiung haben. Der Paragraph 175 galt bis zum 11. Januar 1994.

Aber das Buch ist eben keine linke oder liberale Kritik an der kulturalistischen Linken, sondern eine von ganz rechts her. Wendungen wie „Der Apparat der Tabuisierung und Einschüchterung“ (S. 56) für ein bestimmtes Milieu politischer Korrektheit ist eine solch unzutreffende Verallgemeinerung. Die politische Wirklichkeit ist pluraler und auch konservativer verfaßt, als es Lichtmesz/Sommerfeld ausmalen.

Kulturell mag es in bestimmten Kontexten eine Hegemonie dieses Milieus geben – wer je zu einer Vernissage mit Antaios-Tasche erscheint, dürfte sein blaues Wunder erleben, und was sich in den meisten Theatern tut, ist nicht die Inszenierung einer widersprüchlichen Gesellschaft, sondern wir schauen viel zu oft Erbauungsstücke für die eigenen Gemeinde, wo am Ende eine Art griechischer Chor noch dem letzten Dummen ins Ohr bläst, was er zu denken und wie er Pegida-Demonstranten einzuordnen habe. Kritisch ist das schon lange nicht mehr.

Politisch aber ist die herrschende Tendenz keineswegs links. Claus Kleber, Friede Springer und Liz Mohn sind mir nicht als Linksradikale bekannt. Hier überspitzt das Buch deutlich. Links-liberal bzw. links-grün regierten in der BRD gerade mal 20 Jahre (und auch da kann man lange streiten, ob das wirklich links ist). Konservative hingegen regierten rund 48 Jahre. Es gibt in der BRD im Politischen keine linke Hegemonie. Allein die Springer-Presse steht deutlich und seit Jahrzehnten als Beleg dagegen.

Und so findet sich in Mit Linken leben manche Verkürzung. Man kann das damit entschuldigen, daß dieses Buch eine Polemik sein will, und bekanntlich steckt in der Übertreibung die Veranschaulichung. Ich hege jedoch den Verdacht, daß hier gar nicht so sehr übertrieben werden soll, sondern daß diese Inhalte tatsächlich geglaubt und gut abgehangen auf Emotion heruntergerechnet werden. Diese mangelnde Differenzierung jedoch macht das Buch am Ende intellektuell unergiebig für jene, die keine große Lust haben, dieser oder irgendeiner anderen Sekte beizutreten.

Problematisch sind insbesondere die Dogmatismen sowie ein kultureller Essentialismus. Nationale wie auch kulturelle Identität lassen sich nicht einfach proklamieren, sondern hier handelt es sich um komplexe, komplizierte Prozesse, auch in bezug auf die Fragen der Assimilation bestimmter Gruppen. Wenn dann die Begründungen für einen absolut gesetzten Geltungsanspruch versagen oder nicht ausreichen, wird sich auf eine Autorität berufen, wird gar Goethe zitiert:

„‚Wenn ihrs nicht fühlt, ihr werdet’s nicht erjagen‘ Das hat mit ‚links‘ oder mit ‚rechts‘ an sich gar nichts zu tun; es ist eine Gegebenheit menschlicher Kommunikation, die nicht zu ändern ist.“ (S. 101)

Nur begründet eben solch ein Satz nichts. Da steht dann ein Meinen gegen ein anderes, wie Hegel schon in seiner „Phänomenologie“ spottete. Und eine Seite weiter geben die Autoren ganz unverhohlen zu, daß es ihnen um sophistische Tricksereien und nicht ums Argument geht. Da wird Schopenhauers eristische Dialektik, die „Kunst, Recht zu behalten“ bemüht. Dabei verkennen die Autoren freilich, daß Schopenhauer dieses Buch implizit in aufklärerischer Absicht schrieb und nicht bloß, wie man auf den ersten Blick glauben mag, als Anleitung zur geschickten Manipulation.

Wenn in den Angelegenheiten von Kultur und Identität keine Klarheit und Eindeutigkeit besteht, sondern sich bloß aufs vage Fühlen berufen werden kann, dann sind gedanklich ebenso andere Fühligkeitskonzepte möglich. Fundamentalismus führt sich selbst in den Widerspruch, es ist nicht das Fundament im starken Singular, sondern moderne Gesellschaften bestehen aus verschiedenen Bauteilen. Hier freilich – und das ist ja auch ihre erklärte Absicht – wollen die Rechten auf der Ebene der Gefühle ihren Kampf um die Deutung und damit um die politische Hegemonie aufnehmen, um jene Emotionen zu mobilisieren: Nation, Heimat, Identität. Begriffe, freilich, die nicht per se schlecht sind, weil sie von den Rechten benutzt werden. (Sieht man vom Begriff der Nation mal ab. Ich bevorzuge, in Hegelscher Tradition, den des Staates.)

Manches, was die Autoren schildern, trifft zu – unabhängig von den politischen Koordinaten. Aber die maßlosen Übersteigerungen führen am Ende auch dieses Verfahren ad absurdum. Nicht Argumente, sondern Stimmungen sind das Ziel: „Endlich sagt es mal jemand!“ Das sehe ich als problematisch, und zwar nicht wegen der einzelnen Themen, wie etwa Islam oder Flüchtlingsfrage, darüber kann man reden, sondern aufgrund einseitiger Zuspitzung, etwa in Begriffen wie Volkstod, Überfremdung, „zur Minderheit in seinem eigenen Heimatland“ werden, Umerziehung des Volkes: da möchte man dann um eine inhaltliche Präzisierung und vor allem um Argumente bitten, statt daß Emotionen durchgenudelt werden.

Aber es geht Lichtmesz/Sommerfeld nicht um rationale Diskurse oder um politische Argumente, sondern darum, das Kampfvokabular zu schärfen. Intellektuell unterlaufen Lichtmesz/Sommerfeld den von ihnen gesetzten Maßstab erheblich. Das mitanzulesen, macht wenig Freude. Es ist Mit Linken leben eine Ressentiment-Buch geworden, statt eines streitbarer Essay mit Sprachwitz – und was Nietzsche von der niederen Regung des Ressentiments schrieb, wissen wir. Das Buch enthält gedanklich kaum Subtiles. Daß es die Linke ins Schwitzen brächte, steht kaum zu befürchten. Zumindest nicht vom Argument her. Lesenswert ist es jedoch, um zu sehen, wie diese Neue Rechte tickt und in welcher Liga sie spielt.

Interessant freilich hätte das Buch an der Stelle werden können, wo Sommerfeld von ihrer Beziehung zu Helmut Lethen schreibt – da, wo das Private politisch wird. Wie mit solchen Gegensätzen in der Liebe umgehen? Leider streift sie diese brisant-spannende Frage nur in wenigen Absätzen. Schön dabei immerhin Sommerfelds Verweis auf den Humor, um qua Witz, diesem wunderbaren Ingenium, Disparates zusammenzuhalten. Der ist in solchen Liebesdingen in der Tat relevant. Aber dafür lese ich dann lieber Jean Paul oder Robert Gernhardt, dessen 80. Geburtstag ich hier im Blog leider versäumte. Wie auch den 220. vom geliebten Heinrich Heine. Vielleicht ist ja der Humor eine Exit-Strategie aus den allzurechten Verquickungen. Und auch mancher Diskussionsdisput in Freundeskreisen entschärft sich oft durch jene Prise Witz. In der Liebe sowieso.

Caroline Sommerfeld / Martin Lichtmesz: Mit Linken leben, Antaios Verlag 2017, 18,00 €, 336 S., ISBN 978-3-944-42296-1

Theorie, die praktisch wird. Thomas Wagner „Die Angstmacher“

Wer erkennen will, wie eine Sache wurde, wie sie ist, wird sich mit Geschichte befassen müssen. Das gilt insbesondere für das Phänomen der Neuen Rechten, wie wir sie neuerdings mit der AfD, Götz Kubitscheks Antaios Verlag oder der Identitären Bewegung vorfinden. Der Soziologe Thomas Wagner zeigt in seinem Buch Die Angstmacher, daß wir es mit einer intellektuell gut gerüsteten Rechten zu tun haben. Sie kennt die Theorie, nicht nur die eigene, sondern auch die des Gegners – etwa Gramscis Gedanken zur kulturellen Hegemonie, die hergestellt werden muß, um sich politisch zu etablieren: über kleinere und größere Skandale, über Präsenz in den Medien, egal wie, Hauptsache im Gespräch und je lauter das Geschrei desto besser. Und was das Gefährliche ist: diese Rechte vertritt Positionen, die mehrheitsfähig sind und die nicht bloß aus dem Arsenal des Dumpfnazis stammen, wie wir ihn mit Hakenkreuz, Springerstiefel oder Seitenscheitel als bequemes Klischee uns ausmalen.

Wenn ich etwa das Interview lese, das Wagner mit Ellen Kositza über den Feminismus führt, sehe ich in Kositzas Äußerungen ein entspanntes Denken, deutlich unangestrengter als bei Wizorek sowie dem Mädchen- und Hashtag-Feminismus, der sich in Überspanntheit kundtut. Im Grunde vertritt Kositza einen Differenzfeminismus, wie wir ihn in seinen avancierten Positionen auch in den 70er Jahren fanden – damals eben. Kein Bund deutscher Mädels mehr, keine Hausfrauensentimentalität, sondern ein moderner Feminismus, von dem Stokowski, Wizorek und Mädchenmannschaft Lichtjahre entfernt sind. Was für ein studentisches Milieu oder für Frauen in Weddingblasen, die auf Tinder daten, funktionieren mag, taugt nicht für Berufstätige in München oder für Frauen, die Silvester ungestört über die Domplatte spazieren wollen und denen ein Kompliment kein sexueller Übergriff oder gar struktureller Sexismus bedeutet, sondern schlicht ein Kompliment ist – mal gelungen, mal nicht so.

Die Dinge haben sich eigentümlich verdreht. In vielfacher Hinsicht:

„Die politische Rechte greift auf Sprüche und Aktionsformen zurück, die man seit den Tagen der Achtundzechziger-Studentenrevolte vor allem mit der Linken in Verbindung bringt.“

Es tat sich ein Wandel, nicht nur in Deutschland. Theoretiker wie Alain de Benoist bemühten sich darum, rechtes Denken zu modernisieren und an die aktuelle Theorie anschlußfähig zu machen. Im Unterschied zu alten Rechten, so erläutert Benoist in einer E-Mail an Wagner, habe er dem Mai 68 nicht feindlich gegenüber gestanden. Die Hauptgegner Benoists waren in ökonomischer Hinsicht der Kapitalismus, in philosophischer der Liberalismus und in soziologischer das Bürgertum. Einige Parallelen also zur linken Politik. Die differentia specifica freilich zu links liegt im Begriff des eigenen Volkes. Hier vertreten Denker wie Benoist, aber auch Kubitschek, dessen Haltung zu 68 deutlich kritischer ausfällt, einen dezidierten Ethno-Pluralismus. Also im Grunde, wenn wir schon in Frankreich sind, eine Theorie der Differenz, einen auf rechts gedrehten Grobschnitt-Derrida, der das Eigene als Eigenes und das Fremde als Fremdes in seiner Eigenart und seinem Eigenwert belassen möchte – aber bitte jedes an seinem Platze und in seiner kulturellen Verwurzelung. Auch hier sieht man also, daß die vorgeblich sauber trennenden Schematisierungen nicht mehr gut greifen. Allenfalls sind sie Schablonen, damit Denkfaule bequeme ins Briefmarkenalbum sortieren können.

Solche Synthesen reichen bis zu den politischen Aktionen, wie Wagner zeigt. Einst linke Protestformen werden von Rechten gekapert, die Identitäre Bewegung interveniert im Sinne der „Subversiven Aktion“: Theateraufführungen werden gestört – einst eine Domäne linken Protest, die Tempel des konservativen Kulturbürgers in Beschlag zu nehmen. Öffentlicher Protest wie ihn Gruppen wie Greenpeace veranstalten, indem sie Gebäude von Bedeutung mit Transparenten versahen, geschieht nun auch durch die Identitären: Sie behängen das Brandenburger Tor mit einem Spruchband: „Sichere Grenzen – sichere Zukunft“. Sie stürmen Heiko Maas‘ Justizministerium medienwirksam bzw. blockieren es, nachdem der Sturm mißlang. Sie marschieren – in Anspielung auf Anetta Kahanes Stasi-Vergangenheit – in die Amadeu-Antonio-Stiftung mit NVA-Uniformen. Das produziert Bilder in den Medien. Protest, den man eigentlich von links kennt.

Aber auch im bürgerlichen Lager rumort es: „Gestandene rechts-konservative Politiker und Professoren rennen gegen das Establishment an. 50 Jahre zuvor waren es noch linke Studenten.“ Die Koordinaten haben sich empfindlich verschoben, und Theorie wird wieder praktisch – diesmal jedoch von rechts-außen. Wagners Die Angstmacher zeigt, wie es dazu kam und welche Formen des Protests und welche Theoriestränge und Ansätze linken Denkens aufgegriffen wurden. „1968“ (als Geschichtszeichen und als Metapher, die Proteste begannen ja weit früher) war nicht nur „die Geburtsstunde einer neuen Linken jenseits der Sozialdemokratie, sondern auch die einer Neuen Rechten.“ Wagner führt uns Leser ohne schwerfälliges Theoriegerüst in die Szene ein, anders als man es bei der Chiffre 68 zunächst vermuten könnte. Wer wissen will, wie diese Neue Rechte tickt, kann das in Wagners Buch anschaulich nachlesen.

Dabei rührt Wagner an Schichten, die durchaus weite Teile der Öffentlichkeit bewegen. Etwa wenn Ellen Kositza in einem Interview mit Wagner sagt:

„Das Gefühl des Verlusts an Kultur war für uns überhaupt ein Grund, uns als rechts zu empfinden. Mich macht es traurig, wenn Vertrautes, Sprache, Sitte, Feste, ihren Charakter verlieren und von so einer Hyperidentität verdrängt werden.“

Das geht nicht nur Rechten so, sondern ebenso Konservativen und sogar manchem Linken. In solchen Sätzen kristallisieren sich die Probleme einer Moderne, die jegliches verfügbar gemacht hat. Solche Diskurse und diese Form der Kulturkritik den Rechten zu überlassen, ist sträflich und leichtsinnig. Ich trommele und pauke das bereits seit Jahren – auch in Bezug auf den Begriff der Heimat, den Linke grundlos preisgaben. Kürzlich las ich, man könne Heimat auch durch das Wort „Zuhause“ ersetzen. Ein Wort, das gewiß viele Menschen überzeugt. Allein der poetische Klang, im Preissegment zwischen Ikea und Möbel Höffner angesiedelt.

Wer zudem noch, weiterführend, die Sicht auf die Geschichte der Rechten vertiefen will, kann das mit Stefan Breuers Studien ergänzen. Dazu seien drei Bücher genannt: Ordnung der Ungleichheit – die deutsche Rechte im Widerstreit ihrer Ideen, dann in einer Ausfahrt zur Kunst Ästhetischer Fundamentalismus. Stefan George und der deutsche Antimodernismus und schließlich Anatomie der Konservativen Revolution. Diese seltsam heterogene Konservative Revolution, die über Götz Kutischek, aber auch Benoist zum Kanon der Neuen Rechten gehört, streift Wagner lediglich, was keine Kritik an seinem Buch bedeutet, denn die Konservative Revolution ist nicht explizit sein Thema. Wer also die Hintergründe noch ein Stück weiter vertiefen möchte, ist zusätzlich mit Breuer im Gepäck gut gerüstet.

Wagner zeigt, wie bereits Anfang der 70er Jahre rechte Studenten Protestformen der 68er aufgriffen und sich an die Gründung einer rechten APO machten, die schwarze Fahne als Symbol des Widerstands. Jenseits der völkischen NPD, teils als autonome Nationale mit neuen Ideen, wie etwa dem Bewußtsein für die Umwelt, so z.B. Henning Eichberg, dessen seltsamen Lebensweg und dessen unorthodoxes Pendeln zwischen Rechts und Links dieses Buch (unter anderem) nachzeichnet – und so kann man auch hier implizit schreiben, daß die heute gerne als Etikett benutzten Slogans wie Querfront, um Gegner per se zu diskreditieren, keine so ganz neue Sache sind.

Später begriff sich Eichberg, der im April 2017 verstarb, als antiautoritärer Sozialist. Durchaus gab es über den Individualismus mancher dieser rechten Protestler Anknüpfungen zum anarchistischen Milieu oder zu dem der Situationisten. Solche Geschichte und Bezüge wie die von Benoist und Eichberg auf der einen Seite und strammen Rechten, denen 68 ein Graus war, so Sellner, Lichtmesz oder Kubitschek, sind interessant zu lesen, sie zeigen Verquickungen und Grenzgänge, ohne dabei zu parallelisieren. Wagner führt das ohne Kommentare oder Belehrungen aus. Das liest sich ungemein spannend. Auch vom Tonfall des Buches her: so gar kein Soziologendeutsch.

Und auch von manchem Wechsel von links nach rechts können wir lesen – wie etwa bei Bernd Rabehl oder Frank Böckelmann, der zum Kreis der Subversiven Aktion gehörte. Die Aktivisten dieser Künstlergrupp wollten im wilden München der frühen 60er Jahre die Gesellschaft mittels Kunst, Protest und Revolte dadurch verändern, daß sie eine „revolutionäre Situation“ herstellte. Im Anschluß an die Ideen der Situationistischen Internationale wollte die Gruppe etablierte Institutionen provozieren und sie so zum Handeln zwingen. Das Establishment sollte aus der Reserve gelockt und dessen Reaktionen dann entlarvt werden. Mit den Mitteln der Kunst.

In diesem Sinne ist das Buch zugleich eine kleine Reflexion auf die politischen Potentiale der Modernen Kunst samt ihrem Souveränitätsdiskurs: Kann sie? Kann sie nicht? Sollte Kunst statt gespreizter Souveränität doch besser in der Autonomie und in den freien Gestaltungen sich galant bewegen? Das waren die Fragen, die Ende der 60er Jahre heftig diskutiert wurden und die auch das ästhetische und theorielastige Klima jener Jahre bestimmten. Nicht  nur die Theorie, auch die Kunst wurde praktisch. Man denke nur an die Aktionen von Joseph Beuys, auf den Wagner hinweist. Eignet Kunst sich, um revolutionäre Veränderungen einzuleiten? Propaganda der Tat oder Reflexion des Tuns? Das Theorieblatt der Subversiven Aktion hieß mehrdeutig-provokant „Anschlag“. Das konnte manches bedeuten. Und solche semantischen Mehrdeutigkeiten machten sich die Künstler zu eigen. Aus diesem Fundus bedienen sich auch die neuen Rechten. Aus gutem Grund heißt eines von Kubitscheks Büchern Provokation.

Wagner Buch beschreibt in diesem Sinne genauso die Geschichte der linken Bewegungen. Ohne zu werten, ohne Statements, ohne betreutes Denken. Das Denken muß der Leser schon selber leisten. Heute leider keine Selbstverständlichkeit mehr. Und der – linke! – Soziologe scheut sich auch nicht, das zu tun, was in der Soziologie eigentlich üblich sein sollte, wenn sie im Feld forscht: mit den Rechten zu sprechen und nicht bequem vom Sessel aus über sie. So finden sich in dem Buch zum Beispiel aufschlußreiche Interviews mit Götz Kubitschek und Ellen Kositza. Solche Gespräche sind für Wagner nicht bloßer Selbstzweck, um den rechten Akteuren eine Bühne zu bieten, sondern die Sichtung beruht auf Inhalten, etwa wenn es um Kubitscheks Buch Provokation geht:

„Kubitscheks Buch gehört zu den einflussreichsten Publikationen der radikalen Rechten in der jüngsten Zeit. In ‚Provokation‘ verschmolz der ehemalige Oberleutnant der Reserve Elemente linker und rechter Widerstandstheorie und begründete damit die politische Praxis der von ihm ins Leben gerufenen ‚Konservativen Subversion‘“

Es ist gut, seine Gegner bzw. sein Gegenüber zu kennen. Dazu leistet Thomas Wagners Buch einen wichtigen Beitrag. Ohne den üblichen Entlarvungsgestus, ohne steile und durchschaubare Rhetorik oder den Predigerton Sermon für die eigene Gemeinde, sondern klar, sachlich und ohne Wertungen schreibt Wagner von der Geschichte der Neuen extremen Rechten.

Dennoch verfolgt das Buch eine Absicht, denn sonst könnte man in der Tat mutmaßen, daß es nur um eine Bühne für rechts geht. Ähnlich wie schon Didier Eribon mit seiner Rückkehr nach Reims kommt es Wagner mit seinem Buch darauf an, daß linke Politik wieder mehrheitsfähig wird. Geschieht dies nicht, bleibt diese Politik, wie bisher, in ihrer Blase, und so wird sie Wahlniederlage um Wahlniederlage einfahren. Da nützt alles Moralisieren und da nützt der Emckesche Pastorengestus nichts.

Um solche Transformation zu schaffen, ist es geboten, sich mit rechten Bewegungen auseinanderzusetzen – was bedeutet, ihre Positionen und ihre Geschichte zu kennen. So wie die Identitäre Bewegung linke Protestformen kaperte und kopierte.

„Wenn die Linke sich darauf besinnt, dass sie tatsächlich über die besseren Mittel zur Analyse der gesellschaftlichen Wirklichkeit verfügt und wenn sie sich bemüht, ihre Erkenntnisse und Lösungsvorschläge so zu formulieren, dass sie auch von Nichtakademikern verstanden werden, hätte sie auch in der Auseinandersetzung mit einem Götz Kubitschek oder mit einem Marc Jongen wenig zu fürchten. Eine hart geführte Diskussion, eine argumentative Auseinandersetzung mit Leuten wie ihnen wäre keine ‚Kapitulation vor dem Bösen‘, wie viele Linke zu meinen scheinen, sondern der Ausweis einer demokratischen Streitkultur, von der auch die fortschrittlichen Kräfte – etwa durch Schärfung ihrer Position, dem Kennenlernen ihnen unvertrauter Gesichtspunkte und Perspektiven – profitieren könnten.“ (Thomas Wagner, Die Angstmacher)

Zu solcher Streitkultur liefert Wagners Buch einen sinnvollen und wichtigen Beitrag.

Thomas Wagner: Die Angstmacher, Klappenbroschur, 352 Seiten, Aufbau Verlag 2017, 978-3-351-03686-7, EUR 18,95

Mit Rechten reden, mit Linken leben: Rechtsaußen und die Moralisierung der Diskurse

Der Standardreflex gegenüber rechts geht meist in zwei Varianten: entweder wird sich der intellektuellen Konfrontation komplett verweigert, oder es folgt die moralische Empörung. Im Brustton der Überzeugung, als Meinung vorgetragen. Jüngst konnte man diese Art von Entgleisung bei Sibylle Berg lesen: Nun stünden wir vorm neuen Faschismus, übersteigerte Berg – als ob wir uns in der Weimarer Republik im Jahre 1932 befänden, was historisch schlicht falsch ist. Reden reiche nicht mehr aus, schrieb sie in ihrer Spiegel-Kolumne im Pathoston des Schriftstellers und in Anspielung auf das Buch Mit Rechten reden von Per Leo, Maximilian Steinbeis und Daniel-Pascal Zorn.

Dieses gelungene Buch jedoch – ich vermute, Berg hat es nicht einmal gelesen – zeigt, daß es zwischen der Skylla Moralin und der Charybdis Schweigen einen durchaus gangbaren dritten Weg gibt, der vielversprechender scheint als das Alarm-Alpenhorn aus der Schwiizer Komfortzone oder eine multikulturelle Idyllik, wie sie heute just Asal Dardan in der Berliner Zeitung rührselig aufblühen ließ.

In der gleichen Logik, wie sich Dardan mehr Geschichten von Migranten wünscht, möchte mancher Deutsche eben mehr Geschichten aus dem eigenen Milieu, aus den abgehängten Regionen dieses Landes lesen – da wo von Nahverkehr bis Krankenhaus nichts mehr geht, oder er möchte wissen, wieso es sich heute nicht mehr einfach und unproblematisch über den Berliner Alexanderplatz spazieren läßt. So sucht sich also jeder seinen Wohlfühlzirkel, möchte gerne behaglich im Eigenen sich einrichten. Insofern sind, wenn auch ungewollt, Asal Dardan und der Wutürger zwei Seiten derselben Logik. Man will hören, was in den eigenen Kram paßt und dazu dann die entsprechenden Narrative etablieren.

Man kann sich mit dem Thema „rechts“ in einer aufgeheizten Form auseinandersetzen – mit Slogans, mit wohlfeiler und oft auch mit berechtigter Empörung – eine Empörung freilich, die regelmäßig aufs Provokationsspiel der Rechten hereinfällt. Oder wir suchen einen Disput, indem wir sachlich die Bilanz ziehen. Thomas Wagners Buch „Die Angstmacher“ zeigt, wie wir diesen schwierigen Weg ohne Polemik und trotzdem kritisch begehen können. Er schildert, zeigt und beschreibt diese neuen Rechten, ohne im Ton schrill aufzufahren und vor allem gibt es hier kein betreutes Lesen oder taz-Belehrungsjournalismus, der sagt, was zu denken sei – und das, man höre, obwohl Wagner dezidiert links ist. Wagner stellt dar, ohne zu werten. Er läßt die Positionen für sich sprechen, führt Interviews mit Götz Kubitschek und Ellen Kositza. (Im zweiten Teil dieser Serie folgt eine Rezension dieses lesenswerten Buches.)

In den öffentlichen Diskursen tauchen diese neuen Rechten inzwischen allerdings vermehrt auf – zuletzt während der Frankfurter Buchmesse, spektakulär dank des Engagements der Linken: kostenlose Werbung durch Protest und Niederbrüllen einer Veranstaltung am Stand von Antaios. So war der Verlag in aller Munde. Das Konzept des Verlages ging prompt auf: Der Verleger lachte, dankte und konnte sich sogar, ohne großes Lamentieren, ganz berechtigt als Opfer eines Übergriffs zeigen. Er brauchte nicht einmal mehr die bei Rechten ansonsten gerne geprobte Opferpose einzunehmen, sondern er winkte die Sache nonchalant weg: So sind sie eben, die Linken, sie stören, sie halten Pluralität nicht gut aus, predigen aber beständig davon. Der Mann hat nicht unrecht. Der Verkauf von Titeln aus dem Antaios Verlag stieg nach dieser Aktion der Linken sprunghaft an, dessen Vertrieb kam mit dem Ausliefern kaum nach, wie man mir am Telefon berichtete. Der Faustschlag ins Gesicht des Trikontverlegers ging da glatt unter.

Ebensowenig zielführend in der Auseinandersetzung ist jene reflexhaft sich einstellende Erregung. Das Rufen von Parolen wie „Nie wieder Faschismus“ mag eine Demo würzen, aber bei öffentlichen Veranstaltungen und in politischen Diskursen zeugt es von Hilflosigkeit, anstatt von intellektueller Substanz und von Eloquenz. Zumal Kubitschek und Ellen Kositza diesen Satz für sich genauso in Anspruch nehmen. Wir haben mit der Neuen Rechten keine kruden Horst-Mahler-Nazis oder Holocaustleugner vor uns, sondern sie sehen sich in der Tradition Stauffenbergs und der Weißen Rose – all diese Zusammenhänge kann man gut in Wagners Buch nachlesen.

Was daran bei Kubitschek oder Sellner Camouflage ist, steht auf einem anderen Blatt. Aber um dies zu beurteilen, muß man deren Positionen überhaupt erst kennen. Darübergestülpte Worte reichen meist, um eine bequeme Spielmarke bei der Hand zu haben, oder frei nach Mephisto: „Denn eben wo Begriffe fehlen,/ Da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein.“ Das Wort ‚rechtsradikal‘ feiert Inflation.

Intellektuell hat die Linke dieser Rechten momentan wenig entgegenzusetzen und von daher resultiert – vermutlich – ihre Angst: Einen Marc Jongen möchte sie gar nicht erst auf Veranstaltungen eingeladen sehen, weil man auf diese Weise rechtes Denken legitimiere, so die Kritiker – absurd eigentlich, denn die meisten dieser Veranstaltungen und Podien werden sowieso von den üblichen Verdächtigen besucht, es wird Jongen im Theater von Magdeburg oder in Zürich (sofern die Veranstaltungen denn stattgefunden hätten) sicherlich nicht frenetisch beklatscht werden und auch im Publikum hockt nicht der typische Pegida-Protestler. Gerade für jene Jongen-Kritiker könnte es jedoch lehrreich sein, sich anzuhören, was dieser Marc Jongen uns berichtet.

Davon abgesehen, wer eigentlich sich das Recht herausnehmen will, zu entscheiden, wer im öffentlichen Diskurs legitimiert ist zu sprechen und wer nicht. Ein seltsames Verständnis von Debatte, vor Beginn des Diskurses bereits festlegen zu wollen, wer teilnimmt und wer nicht. Und als ob es in den Medien nicht schon genug Gate-Keeper gäbe. Oder aber jene Erregungs-Talkshows, die nicht die Lösung, sondern ein Teil des Problems sind, weshalb die Diskussionskultur derart außer Rand und Band geriet. Der Krach nämlich existierte bereits, bevor die Neuen Rechten und in den sozialen Medien die sogenannten Wutbürger auf den Plan traten. Ein Krawall der bürgerlichen Mitte. Man denke zurück an Sonntagabend, die Zeit gleich nach dem Tatort, Sabine Christiansen. Geschrei und wildes Gebaren, Redner, die einander ins Wort fielen und Sätze ohne Argumente. Das, was sich Enthemmung nennt, lag gut vorbereitet und abgehangen da. Die Rechten mußten diese Masche der Provokation nur kapern. Sie taten es.

Ich möchte hier in einer losen Folge von Buchbesprechungen mir einige Texte herausgreifen, die sich mit diesem Thema der Neuen Rechten befassen und dieses Phänomen in den Blick nehmen. Zunächst also von dem aus dem linken Umfeld stammenden Soziologen Thomas Wagner, der ein herausragendes und unbedingt lesenswertes Buch schrieb, darin er die Wurzeln dieses Denkens und die Ideengeber zeigt. Insbesondere die von der Rechten viel geschmähten 68er. Die Protestformen der Studenten, so z.B. die Subversive Aktion, deren Mitbegründer Frank Böckelmann heute im rechten Lager anzutreffen ist, und auch der Bezug zu Antonio Gramscis Begriff der kulturellen Hegemonie wurden von dieser Neuen Rechte aufgegriffen. Dazu mehr im nächsten Teil.

Weiterhin das inzwischen in aller Munde und auch vielfach kritisierte Buch Mit Rechten reden von Per Leo, Maximilian Steinbeis und Daniel-Pascal Zorn, das diesem Text den Titel gab. Und als – freilich seltsamer – Gegenpart dazu von Martin Lichtmesz und Caroline Sommerfeld die Streitschrift Mit Linken leben.

Für alle Bedenkenträger sei an dieser Stelle übrigens aus Wagners Buch das Kapitel Dem Bösen keine Bühne: Das Theater schafft sich ab ans Herz gelegt. Ein wenig Dissens im Konsens kann nicht schaden, und Demokratie lebt davon, daß sie gegensätzliche Interessen formuliert und austrägt, so Wagner. Er zitiert hier den Theater-Dramaturgen Bernd Stegemann. Was der fürs Theater sagt, gilt auch für andere Formen des öffentlichen Diskurses:

„Die Herausforderung für das Gegenwartstheater besteht darin, dass unsere heutige Gesellschaft dauernd damit beschäftigt ist, Widersprüche unsichtbar zu machen, sie durch ganz bestimmte Sprechweisen zu vernebeln.“

Es gebe hier, so ergänzt Wagner, etwas wie eine Bunkermentalität, die bis in die Mitte der Gesellschaft vorgedrungen ist. Es wird tabuisiert, moralisiert und ausgegrenzt, herauszuhören insbesondere aus Sätzen wie: „Das darf man nicht sagen!“

Im Grunde verhalten sich die Diskurse vieler Linker geradezu spiegelbildlich zu denen von rechts. Man erschreckt vorm Gegenüber, und bemerkt nicht, daß es das Abbild der eigenen Gestalt ist. Oder wie es Theodor Däubler pathetisch schrieb: „Der Feind ist unsre eigne Frage als Gestalt. Und er wird uns, wir ihn zum selben Ende hetzen.“ Carl Schmitt, der ein eifriger Leser Däublers war und über dessen Nordlicht schrieb, inspirierte diese Sentenz zu seinem Freund/Feind-Schema in Der Begriff des Politischen. Eine rhetorisch und politisch interessante Figur nebenbei, die gerade auf Seiten der Rechten, aber auch in linken Diskursen sich einiger Beliebtheit erfreut. Dazu aber ein andermal. [Wer es hier Schmitt-kritischer mag, greife auf Karl Löwith Abhandlung Der okkasionelle Dezisionismus von C. Schmitt zurück oder lese die Kritik von Leo Strauss: Anmerkungen zu: Carl Schmitt, Der Begriff des Politischen. Ebenfalls anregend und in diesem Kontext steht Walter Benjamin mit seinen Überlegungen zum Generalstreik in Zur Kritik der Gewalt.]

Was das Theater betrifft, so hat Stegemann diese Überlegungen in seiner Schrift Das Gespenst des Populismus. Ein Essay zur politischen Dramaturgie zugespitzt: Wir finden im spätbürgerlichen Theater die 100te Wohlfühltextfläche, dramatisch allenfalls in den politisch korrekten Emotionen, die das Stück schürt; engagierte Texte, die das sagen, was die meisten der Zuschauer sowieso denken und vor allem aber fühlen. Und wenn es dem letzten Zuschauer noch nicht klar ist, dann wiederholt dies auf der Bühne ein antiker Chor bis zum Gottseibeiuns. Das Gorki Theater in Berlin ist der Paradefall eines solchen neu blühenden Gesinnungstheaters. Regisseure wie Falk Richter oder Nicolas Stermann ebenfalls.

In diesem Sinne hat das moderne Theater mehr von einem Gottesdienst mit Predigt, in der sich die treue Gemeinde wiedererkennt – nicht anders als die Carolin-Emckesche Erbauungsrede in Frankfurt letztes Jahr. Und auch der Teufel wird, natürlich farbecht in blau oder braun, an die Wand gemalt, statt daß sich auf der Bühne Widersprüche manifestieren und Konfrontation entsteht. Widersprüche, die sich nicht auflösen. Eine echte Provokation für die Wohlfühlbürger des kulturalistisch-linken Milieus gäbe es vermutlich nur, wenn man dort ungeschminkt einmal etwas Rassistisches inszeniert und die Leute so sprechen ließe, wie sie sprechen. Ohne Schutzschirm, ohne Filter, ohne Verfremdung oder Zeigefinger.

Wie wäre es, wenn ein Theater es einmal wagte von Jean Raspail Das Heerlager der Heiligen zu inszenieren? Einer der wenigen, denen ich dies zutrauen würde, wäre Frank Castorf. Er scheut sich nicht, auch ein heißes Eisen zu berühren, Castorf ist es in seiner schnodderigen Art gleichgültig, was die Gemeinde denkt.

Auf dem Dokumentarfilmfestival dok-Leipzig erregte kürzlich Sabine Michels Film Montags in Dresden einiges Aufsehen. Denn es geschah das, was natürlich verborgen gehörte: es kamen im Film Pegida-Demonstranten zu Wort. Und – böse, böse – ohne Kommentierung und ohne betreutes Gucken. Die Festivalleitung hat sich umgehend – wir ahnen es bereits – distanziert. Anstatt – einmal nur – zu einer Sache zu stehen.

Hilmar Klute beschreibt dieses Phänomen in seinem SZ-Artikel „Politische Korrektheit. Wer streiten will, muss sich auch schmutzig machen“:

„Nachdem die Leitung der Frankfurter Buchmesse es dem rechten Antaios Verlag zugebilligt hatte, einen Stand zu vertreten, rief sie alle demokratisch Gesinnten dazu auf, gegen rechtskonservatives Gedankengut aufzubegehren. Allein der Gedanke daran, sich, in sei es noch so distanzierter Weise, zunächst einmal mit dem Weltbild der Rechten befassen zu wollen, scheint eine absurde Handlungshysterie auszulösen: Geschrei, Gestampfe und Gezeter – am Ende standen die Rechten als Saubermänner da, während die demokratische Mehrheitsgesellschaft eher wie ein reflexionsfeindlicher Abklatschverein rüberkam. Die Angst vor dem anderen Gedanken, vor der unsauberen Gesinnung ist inzwischen so groß, dass der Zwischenschritt des Nachdenkens zugunsten der automatischen Zurückweisung entfällt.“

In diesem Sinne verstehen sich diese Rezensionen auch als ein Beitrag zu einer Kultur der offenen Debatten, wo nicht von vornherein Themen mit dem Tabu belegt sind. Im nächsten Teil also geht es zur Sache und hinein in Wagners Buch.