Haarflaum in der Abfickzone. Oder: Über die Schwierigkeiten von Prosa und Lyrik

Dies ist ein Text, den ich als eine Art Blogantwort bzw. als Kommentar bei der von mir hoch geschätzten Schriftstellerin Aléa Torik schrieb. Auf die Frage, wie eine Schriftstellerin oder ein Schriftsteller von ihrem Schreiben leben können. Ich möchte diesen Text, da ich mir viel Mühe machte, auch hier veröffentlichen. (Quatsch, ich habe den Text in einem Zuge heruntergeschrieben. Und es hat mich keine Mühe gekostet, sondern nur ein wenig Zeit und eine Flasche Bier.)

@ Aléa Torik
Ich weiß, es ist nur ein Nebenaspekt Deines Textes, in einer Deiner Kommentarantworten stehend, wesentlich ging es Dir um konkrete Aspekte der Literatur: „Je weniger die Sprache ein Buch trägt, umso mehr Handlung braucht es“. Ich hätte besser auf diesen Titel und das, was inhaltlich darunter befaßt ist, eingehen müssen, nahm aber eine andere Stelle in einer Deiner Kommentarantworten zum Anlaß: Dort beklagtest Du die unsichere materielle Existenz der Schriftstellerin, des Schriftsteller. Was den monetären Aspekt betrifft, so sehe ich dies etwas anders, und ich möchte Dir widersprechen. Einmal abgesehen, daß mir das Klagen der Schriftsteller über ihre prekäre Daseinsweise ungemein auf die Nerven geht und mich (und vermutlich viele andere ebenso) nicht die Bohne interessiert, scheint mir diese Kritik an der Sache vorbeizugehen. Ich will das an einigen Aspekten verdeutlichen. (Eigentlich hatte ich vor, diesen Text unter dem Begriff Prekariatsszenerien zu betiteln. Aber dies schien mir denn doch zu drastisch. „Prekär“ allerdings in verschiedenen Konnotationen gemeint.)

Erstens: Mit diesem Punkt meine ich weniger Dich als jenes sich selber überschätzende Schreiberprekariat, das sich – meist in Berlin lebend – einbildet, Dichterin oder Dichter zu sein, weil irgendwie aus der der Lamäng, aus der Assoziation zwei oder drei Zeilen geschrieben wurden, irgendwann einmal die Stimmung besonders lyrisch oder prosaisch ausfiel und fürs Zwischendurch ein Text gefertigt wurde, der dann irgendwo in den Weiten des Digitalen sich verbreitete oder es sogar auf ein Blatt Papier schaffte. Karen-Köhlerisierung der Literatur. Die wir beide gleichermaßen beklagen. All die selbsternannten Dichterinnen und Dichter, die Schriftstellerinnen und Schriftsteller treiben sich in Berlin zuhauf herum. Aber ebenso anderswo. Selbstermächtigungsgesetz des Literatentums. Ich, der Dichter, ich, die Dichterin. Narziß und Echo begleiten neuerdings den Dichter als Geist-Gefährten. Apollon, Dionysos und der Zug der Mänaden haben ausgedient. Allenfalls als Literaturgroupies oder Salonleseboxenluder tauchen diese Mänaden auf. Die Bakchen des Kultursalons. Die Dichterlebensdichte in Kreuzberg, Friedrichshain, dem Prenzlauer Berg und neuerdings wohl auch Lichtenberg und Pankow ist ungemein hoch. Dagegen war Friedenau in den 60er Jahren dichterisch fast dünne besiedelt. (Herta Müller lebt dort heute noch.) Ich bekomme regelmäßig Wallungen der Aggression, wenn der Ranz des Beliebigen als Dichtung hochgepimpt wird. (In Blogs kann man das ja alles machen. Gut finde ich es dennoch nicht. Es hat etwas Schales, etwas Anmaßendes, etwas Abstoßendes. All dieses Schreiben. All diese Viel-zu-vielen.) Aus der Assoziation mache ich Euch allen solche 3-Sekunden-Texte im Zwei-Sekunden-Takt:

Nach der Nacht//Und aus der Muschi der Scheidenausfluß//im Beckensaum//Genäht, gewichtet, zu leicht befunden//Haarflaum in der Abfickzone//Sekrete Diskretion.

Ich meine, das ist doch wirklich ein geiler Titel für einen Gedichtband: „Haarflaum in der Abfickzone“. Ich, der Fan der Muschibehaarung. Wie geschrieben: ich kann hier den ganzen  Abend und den Morgen und den Nachmittag assoziieren und den Tag und darüber hinaus. Aber als Dichter würde ich es nicht wagen, mich selber zu bezeichnen oder von anderen mich benennen zu lassen. Was für eine Hybris! Und damit komme ich auf den Punkt: Es gibt zu viele von Euch Schriftstellern! Reduziert Euch! (Eine der schönen Ausnahmen war Dein Blog und es ist auch summacumlaudes Blog, stellenweise auch die Beobachtungen bei Kreuzbergsüdost, ebenso Katharsis. Feine Skizzen, aus denen mehr werden kann oder könnte. Natürlich, im großen Rahmen, ebenfalls viele der Texte von Alban Nikolai Herbst in seinem Blog, wenn nur das Jammern nicht wäre. Des Dichters liebstes Kind scheint die Klage zu sein. Ganz gleich, ob Marienbader oder Berliner Elegie. Andererseits, im guten Teil der Elegie geht das Klagen, Jammern und Zähneklappern durchaus, wenn das Material bearbeitet und nicht roh hinterlassen wurde, wenn dann der Bau trägt und die Kraft des Ausdrucks wirkt: „Und wenn der Mensch in seiner Qual verstummt,//Gab mir ein Gott, zu sagen, wie ich leide.“ Goethe, Torquato Tasso)

Daß Dichtung einmal Ausdruck von Leiderfahrung war, objektives Leiden, Leid objektivierend in der Textweise des Subjekts: dieser Umstand scheint mittlerweile vergessen. Die Begleiter des Dichters sind Narziß und Echo.

Die Städte sind voll von Lyrik und Prosa. Gut. Und für die Performances beim Poetry Slams mag das funktionieren, wenn in gewitzter Form Sprache dargeboten wird. Ob das freilich der Dichtung insgesamt zugute kommt? Dieser Faktor der Multiplizierung, dieses Zu-Viel der schnellen Form: Das ist der Grund, weshalb ich Lyrik und Prosa-Gedicht (in vielen Fällen) für die heruntergewichsteste Form der Dichtung halte. Hausfrauengeschreibe fürs Zwischendurch. Keine Kraft und keinen Atem für die lange Form des Romans oder eben einen komplexen komponierten Gedichtband aufbringend, wie Daniela Danz das gekonnt mit Pontus tat. Es müßte ein Gesetz erlassen werden: Wer nie einen Roman schrieb, wird mit dem Verbot belegt, Lyrik zu produzieren. Vielleicht sollte man das auch für die Essays einführen. Wer nie sich einem Schreib-, Denk- und Theorieprojekt für mindestens 2 Jahre hingab, darf keine Texte verfertigen. In hora mortis – es mag der Griffel in der Sterbe-Hand verfaulen. Die Journalismusversuche samt den Buchschreibereien der Kreuzberger Medienbohème betrifft dies ebenso.

Nein, mich stört weniger das Schreiben selbst, als Akt, als Tätigkeit, als Wille zur Gestaltung, sondern vielmehr das Prätentiöse. Lyrik und Prosa geraten inflationär. Nun kann man sagen: schön, daß es so viel Dichtung gibt. Ja, schön auch, daß es so viel Beliebiges gibt, dem es an diesem Willen zur Form gebricht. Dieses Phänomen scheint auch in der Photographie existent zu sein, weshalb ich immer weniger Lust verspüre, meine Photographien überhaupt noch herzuzeigen.

Punkt 2.
Du schreibst:

„es mag sein, dass wir in dem Maße, wie wir erkennen, dass man vom Schreiben nicht leben kann, auch erkennen müssen, dass es eben kein Beruf, sondern ein Hobby ist. Ich kann mir als Beruf nichts Schöneres vorstellen, aber als Hobby interessiert mich das Schreiben nicht. Wenn man nicht fürs Schreiben lebt, dann kommen dabei in der Regel Hobbytexte heraus (bei den großen fiktionalen Formen; bei Bloggern und Journalisten gelten da andere Gesetze). Ich will Texte von Berufsschriftstellern lesen, die sich mit ihrer gesamten Existenz für den Text verbürgen. Und solche Texte will ich auch schreiben. Wenn das nicht geht, dann muss ich mich anderweitig orientieren.“

Wohl wahr und richtig: Schreiben (und überhaupt das Machen von Kunst) ist kein Hobby, es ist Leidenschaft, wildes irres Tun und Treiben, ein Delirieren, ein Zwang, ein Muß und hohe Kunst der Komposition. Insofern trifft der Begriff des Tonsetzers, als der jener Adrian Leverkühn im „Doktor Faustus“ bezeichnet wird, den Umstand dieser Arbeit der Kunst sehr genau. Es ist ein Setzen, vorsichtiger Satz, kühner Satz, vorpreschender Satz, und es klingt die Arbeit des Schriftsetzers darin an. Guter alter Bleisatz, Detailarbeit, wenn nach den  passenden Lettern gefischt wird. Aber, und hier kommt die große Einschränkung, es bietet die Kunst eben keine Gewähr dafür, daß es Geld gibt. Schön wäre eine Gesellschaft, in der jeder nach seinen Bedürfnissen tätig sein könnte. (Insofern stellt die Bezahlungsfrage für Schriftsteller:innen, jenseits allen Egoismus oder auch des rein Pragmatischen, von irgend etwas leben zu müssen, zugleich die Systemfrage. Ich schreibe das in einer Klammer, obgleich diese Klammer Zentrales berührt: Wie wir nämlich leben wollen.)

Auch ich mag keine Hobby-Texte lesen, schreiben braucht Zeit; in den Blogs, die Literatur machen, lesen wir immer wieder, wohin und zu welcher Art von Text das Hobbyschreiben führt, wenn im Ton der Empfindsamkeit getrötet oder geflötet wird.

Die Schriftstellerin Ulla Hahn riet jungen Autorinnen und Autoren, einer Erwerbsarbeit nachzugehen. Ich halte das für einen guten Hinweis. Denn es ist doch so: Der Betrieb ist voll. Alle drängt es zu den Töpfen, zu den gut oder den weniger gut bezahlten Vorträgen, den Schreibstellen in den Feuilletonredaktion, denn vom Verkauf seiner Bücher kann (so vermute ich) kaum einer der Schriftsteller leben. Es bleibt also nur die eiserne Disziplin, um seine Leidenschaft, dieses ungeheure Begehren, neben der Erwerbarbeit zentral zu machen. Schreiben erledigt sich nicht nebenbei. Wer aber dieses ungeheure Wagnis eingeht, einen Roman zu komponieren, der benötigt eines der kostbarsten Dinge, die es auf dieser Welt gibt: Zeit. Das heißt vermutlich auch: ich muß mich von vielem, das ablenkt, freischaufeln. Freundinnen und Freunde reduzieren. Tätigkeiten einschränken. Eine Lösung für dieses Dilemma weiß ich nicht. Falsch wäre es auf alle Fälle, wenn eine der begabtesten Schriftstellerinnen ihr Schreiben aufgibt. Nebenwege gehen vielleicht? Wie machte es Franz Kafka, der zeitlebens seine Arbeit im verhaßten Büro verfluchte? Ihn rettete die Krankheit. Ihm schadeten die Frauen. Nein, nicht ganz. Sie waren der Anlaß zum Schreiben, der unendliche Fluchtreflex. Orpheus schlachtet Eurydike, und er beschreibt dieses leere hagere Gesicht, das er im September des Jahres 1912, bei Brod an einem Tisch sitzend, betrachtete, das Blasse, Magere. Er modelliert und skizziert aus diesem Gesicht heraus den größten Roman des 20. Jahrhunderts. (Aber auch dies ist nur eine Mutmaßung, kein Biographienpositivismus, sondern selber ein Stück dieses ungeheuren Textes Kafka, den der Blogbetreiber fortzuschreiben gewillt ist.) Durchstreichung eines Gesichtes, ein Text, der sich fragmentiert und selber auslöscht, denn das Wesen eines Textes ist es, wieder verschwinden und sich ins Nichts versetzen zu können. Die Illusion der textuellen Dauerpräsenz und Omnipotenz durchzustreichen. Ginge es nach Kafka, wäre sein Literaturnachlaß verbrannt worden. (Undenkbar, absolut undenkbar für einen heutigen Dichter.) Schreibglück fand Kafka erst kurz vor seinem Tode, zusammen mit Dora Diamant. Auch eine der vergessenen Frauen. Aufhören ist für die, die der Literatur etwas hinzugefügt haben, keine Option. Das sollten besser andere machen.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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19 Antworten zu Haarflaum in der Abfickzone. Oder: Über die Schwierigkeiten von Prosa und Lyrik

  1. vincentchancel schreibt:

    „Wer nie einen Roman schrieb, wird mit dem Verbot belegt, Lyrik zu produzieren. Vielleicht sollte man das auch für die Essays einführen. Wer nie sich einem Schreib-, Denk- und Theorieprojekt für mindestens 2 Jahre hingab, darf keine Texte verfertigen.“
    Ich muss sagen ich finde deinen Blogbeitrag doch sehr abstoßend, gerade als junger Mensch dessen Leidenschaft für das Schreiben schlägt. Wie werden den große Schriftsteller gemacht, bzw. Wie fingen sie an? – Wohl mit Lyrik und Prosa.
    Und zwecks deines Hasses auf die ganzen aufkommenden Schreiber: Der Spreu trennt sich vom Weizen und diejenige die heute voll mit Herz und Seele schreiben, werden dies auch in 20 Jahren noch machen. Ich muss sagen; Ich bin froh, dass ich so etwas (deinen Hassartikel) nicht mit 12 Jahren gelesen habe. Ich hätte den Stift, so schnell wie in die Hand genommen, schon aus dem Fenster geworfen und würde jetzt nicht da stehen wo ich bin. Autoren, Schreibstile etc. entwickeln sich mit der Zeit oder bist du etwa als Kafka auf die Welt gekommen?
    Und was den „inflationären“ Aspekt angeht: Literaturströmungen gehen nunmal mit der Zeit und durch die Digitalisierung ist nunmal ein neues Medium zur Verbreitung von Literatur entstanden das auch zu einem Anstieg an Lyrik – und Prosatexten führt. Who cares?! Sachen die einem nicht gefallen muss man ja nicht lesen.
    Grüße
    V.C

  2. summacumlaudeblog schreibt:

    @vincentchancel Das Medium der heute netzweit verbreiteten Literatur waren früher Tage- und Gästebücher, Hausbücher und ähnliches. Niemand regt sich über privat verfasste Tagebücher auf, über private Reaktionen auf den Unbill des Lebens.
    Wenn aber im Netz Literatur von ähnlicher Qualität wie die damaligen sensibel-banalen Tagebücher voller unerfüllter Sehnsüchte als große Literatur gehandelt wird, als Literatur, die allgemeines Interesse verdient – na, dann muß man einschreiten. Nichts anderes meinte Bersarins Text. Auch vor über 100 Jahren lachte die literarische Welt über den Versuch, privat verfasste Befindlichkeiten als große Lyrik zu verkaufen. Man lese hierzu den „schlesischen Schwan“.
    Im Übrigen „schlägt“ die Leidenschaft nicht. Mitunter erschlägt sie aber irgendwen. Vorsicht vor herbeigesuchten und deswegen schlechten Metaphern, man kann im Gefängnis landen.

    @bersarin Daneben spielt der Text auf etwas an, was sehr heikel ist, weil es leicht zu Mißverständnissen führt: Die Jammerei der Ungehörten! Diese Jammerei ist moralisch-künstlerisch verständlich, aber ästhetisch unbefriedigend. Natürlich kann Alea Torik nicht „schlechter“ schreiben, als etwa Kehlmann oder -na, gib mal nen Namen her – Duve. Und wenn Literaturkritik die Bestsellerliste als 1:1 Qualitätsabbild behauptet, dann muß man gegenhalten. Nur: Wer wie Alea Torik in Inhalt, Form und Vertrieb eindeutig zur Avantgarde zu zählen ist, der kann nicht zugleich Auflagenrekorde einklagen. So hat es Bersarin gemeint und dem stimme ich auch zu. Das sicherlich dann bestehende Problem namens wovon leben? ist vorerst ungelöst. Joyce hatte einen Mäzen, Mann und Proust hatten geerbt. In diesem Sinne war Kafka die radikalste Avantgardeexistenz.

    Zuletzt noch eine leichte Lanze für vincentchancel. Einen Satz von Dir muß ich auch ein wenig relativieren, nämlich: „Wer nie einen Roman schrieb, wird mit dem Verbot belegt, Lyrik zu produzieren.“ Das stimmt für die Kreuzberger Schreiberling, grenzt aber Celan und Benn aus, die beiden Antipoden der deutschen Lyrik im 20-ten Jahrhundert, und das ist sicherlich nicht in Deinem Sinne.

  3. Aléa Torik schreibt:

    Hallo vincentchancel,

    du tust Recht daran, dich in dieser Sache zu Wort zu melden. Die Polemik übertreibt. Das ist ihr Wesen. Sie versucht, den Kern einer Sache zu fassen, indem sie ihn überzeichnet. Gedicht, Satire, Roman: sie alle haben einen bestimmen, je unterschiedlichen Zugriff auf eine Sache. Und sie alle haben etwas gemein: dass sie das Intendierte nicht eins zu eins beschreiben können oder wollen. Man sagt es nicht direkt, vielmehr ist Gedicht oder Roman die Art wie sich ein Schriftsteller direkt ausdrückt. So wie die Polemik die direkte Art des Kritikers ist oder doch sein kann.

    Die meisten Blogger können kaum etwas anderes als Lob. Es entsteht dann häufig eine ganz seltsame Stimmung in diesen Blogs, weil alles in einem seichten Plauderton verbleibt und wenn ich heute etwas an meinen eigenen Blog beklagen würde, dann wäre das genau dies: das ich zu wenig auf Kontroversen gesetzt habe. Aber ich habe das Blog auch nicht als mein authentisches Ich geführt, sondern wie Du, unter einem falschen Namen – der allerdings, das ist ein anderes Thema, der falsche Name für das Richtige ist -. Die Kontroversen sind dann später von ganz alleine gekommen.

    Blogs sind wirklich eine gute Möglichkeit, Texte zu veröffentlichen und auf Reaktionen, also Kommentare zu hoffen. Die meisten Reaktionen sind freundlich gesonnen. Das tut gut. Hilft aber in der Regel nicht weiter. Ganz im Gegenteil. Man lässt sich einlullen, ist ja alles super. Aber eines Tages kommt einer, sagen wir ein Kritiker oder Lektor, und haut dir dein Zeug um die Ohren. Obwohl die Wahrscheinlichkeit eher gering. Größer ist die, dass man nichts hört. Du verstehst die Ablehnung oder Kritik gar nicht. Alle haben doch immer gesagt, dass dein Zeug super ist (mal abgesehen davon, dass ganz viel super Zeug nicht ankommt, weil es sehr schwierig ist, zu bestimmen, was super ist und auch abgesehen von dem noch viel größeren Problem, dass ganz viel nicht so super Zeug supergut ankommt). Und da kommen solche Leute wie Bersarin ins Spiel: Kritiker. Die mitunter ziemlich böse sein können. Deswegen sind die Kritiker geworden und keine Schriftsteller.

    Du hast Unrecht, wenn du glaubst, dass sich die Spreu vom Weizen trennt. Das sagt man bloß so. Auch ist es nicht richtig, dass die, die heute mit Leidenschaft schreiben, es auch in zwanzig Jahren noch tun werden. Aber du hast Recht, wenn du es dir als einen langen und steinigen Weg vorstellst. Selbst Kafka hat nicht als Kafka begonnen, sondern als ein neurotisches kleines Würstchen, das sich nicht anders zu helfen wusste als mit Worten. Aus diesem Würstchen haben Leute wie Bersarin, Kritiker nämlich, dann jene Figur geformt, die wir heute meinen, wenn wir von Kafka sprechen. Dieser Kafka ist also nur zum Teil Kafkas eigener Verdienst. Der Weg jedenfalls ist lang, manche springen von der Brücke, andere lassen ihre Figuren springen. Und am Ende steht nicht die allgemeine Anerkennung, sondern lediglich die Erkenntnis, dass der Weg einer ist, der aus deiner eigenen Bewegung besteht, nicht aus dem Weg selbst. Es sind eine Menge Leute unterwegs. Einige brechen unterwegs zusammen, sie taumeln zumindest, und beklagen sich dann. Manche kommen ans Ziel, ohne sich groß anzustrengen, andere rennen wie die Irren und kommen doch nie hin. Manche scheinen das Ziel zu kennen, anderen ist es vollkommen gleichgültig, sie wollen nur gehen. Immer wieder siehst du Leute neben dir zusammenbrechen, aufgeben. Und immer wieder hast du selbst den Wunsch aufzugeben. Du triffst Leute, die sich wie Freunde benehmen, dir aber in Wirklichkeit bloß Stöcke zwischen die Beine werfen wollen, damit sich die Zahl der Gehenden verringert. Du triffst Kritiker, die etwas an deiner Art zu gehen auszusetzen haben. Die dir erklären, dass du dich nicht zu bewegen verstehst. Das kann man ernst nehmen oder nicht. Dann und wann kommt auch mal einer, der dir sagt, dass du das gut machst. Du hast Recht mit deiner Klage. Bersarin wirft dich bloß ein wenig in die Luft, so wie man eben die Spreu vom Weizen trennt. Es ist deine Aufgabe, dich als schwer genug zu erweisen, um wieder herunter zu kommen. Der Weg ist schlecht und er wird noch sehr viel schlechter. Er wird erst dann besser, wenn du dich gegen solche Urteile auflehnst: indem du besser wirst. Werde besser oder gib auf. Das sind die beiden Möglichkeiten.
    ——————–
    Hallo Summa: ich bin nicht Avantgarde. Ich will‘s jedenfalls nicht sein. Ich will bloß unterhalten. Aber Recht hast du, wenn du sagst, dass man nicht auf hohem Niveau unterhalten und gleichzeitig Auflagenrekorde brechen kann. Das Problem ‚wovon leben?‘ ließe sich sehr viel leichter lösen, wenn Leute wie etwa Köhler nicht so hochgejubelt werden würden. Meine beiden letzten Artikel waren nicht als Klage formuliert. Aber möglicherweise hatten sie eine unterschwellige Klagehaltung. Und natürlich hast du ebenfalls Recht, wenn du die Klage als ästhetisch unbefriedigend beschreibst. Wir, die wir uns mitunter beklagen, sollten noch in althergebrachter Form ein Tagebuch unter der Tastatur haben, in das wir, wenn es uns überkommt, kurz die Klage notieren, um den Geist davon zu befreien, es dann wieder zurückschieben und mit der Tastatur weiterarbeiten. Leichter gesagt als getan.

  4. Bersarin schreibt:

    @ vincentchancel
    Zunächst einmal Dank für Deinen Widerspruch, der in einer Welt weichgespülter Textschreibeblogs auf Kuschelkurs nicht selbstverständlich ist. Um es mit G. Benn zu schreiben:
    Wo alles sich durch Glück beweist
    und tauscht den Blick und tauscht die Ringe
    im Weingeruch, im Rausch der Dinge −:
    dienst du dem Gegenglück, dem Geist.

    So sehe ich meine Arbeit. Das Gegenglück – der Geist. Geist und Kritik. Deshalb schreib ich böse mal, dann wieder zart. Denn Haß und Liebe sind ungeheuer produktive Kräfte. Nicht zu unterschätzen. Haß gegen schlechtes Schreiben, Liebe zur Weisheit. Es wächst aus beidem heraus ein Antrieb. Zur Erkenntnis und zur intensiven, klugen, komponierten Poesie. (Leider geraten aber Liebe und Kitsch bzw. blinde Gefühligkeit leicht durcheinander.)

    Nein, man muß in der Tat das, was schlecht, mißlungen oder aus Bausch, Bauch und Banane heraus geschrieben wurde nicht lesen. Vor einigen Jahrzehnten war es einfacher: Es schrieben wenige nur. (Schlechte Romane und Gedichtbände gab es nichtsdestotrotz.) Der Betrieb war nicht übersättigt. Schon gar nicht mit billigen Berlin-Romanen und mit Kulturtöchterleinschicksen wie Hegemann oder Köhler. Aber es ging mir in diesem Falle weniger um den etablierten „Kultur“-Betrieb und die Berufsliteraten, deren teils nach dem Markt ausgerichteten Produktionen ebenfalls zu kritisieren wären. Sondern um die Problematik des Schriftstellerberufs.

    Ich jedoch bin an nichts gebunden und habe einen Bildungsauftrag. Gegenglück und Schlechtes brandmarken, wenn jemand uns erzählen will, im Himmel sei Jahrmarkt. Insofern komme ich mit Schwert und Arbeitsgerät: Die Spreu vom Weizen zu trennen. Wenn ich als junger Schriftsteller einen solchen Blog- oder Feuilletontext gelesen hätte, wie ich ihn verfaßte, wäre ich extrem dankbar. Denn ich fände einen Ansporn, mein Schreiben zu trainieren, es zu beobachten, Moden zu meiden, griechische Mythologie nur da zu bemühen, wo objektiv notwendig und der Sache geschuldet. Ähnliches erwarte ich übrigens auch von Hochschullehrern. Doch auch dort wird der Kuschelkurs der guten Noten gefahren. Aber all diese Ställe des Augias auszumisten – eine Arbeit, die heute kaum einer noch leisten kann. Allenfalls in partialen Feldern.

    Einiges zu dem, was ich hätte antworten wollen, haben summacumlaude und Aléa Torik bereits geschrieben. Einen zentralen Aspekt möchte ich allerdings noch hervorheben. In der Welt der Blogs scheuen die meisten Menschen sowohl Diskussion als auch Konfrontation. Zudem glauben viele, daß man ihnen unbesehen den Blogtextschwachsinn, seien das Theorien oder halbgar literarische Ergüsse, den sie schreiben, durchgehen läßt. Kritisiert man diesen Unfug in Polemik, drehen die Biedermänner oder -frauen am Rad. Hatte ich gerade erst wieder in zwei Blogs.

  5. Bersarin schreibt:

    @ summacumlaude
    Der Satz, wer nie einen Roman schrieb, war überspitzt, aber Du hast natürlich recht: Benn und Celan hätten dann nicht schreiben dürfen. Insofern war diese Invektive eher polemisch denn sachlich gegründet. Das Wesen der Polemik beschrieb Aléa Torik treffend.

    @ Aléa Torik
    Leider ist es so, daß häufig die Falschen aufgeben. Ich denke, es ist wichtig, sein eigenes Können, samt den Stärken und den Schwächen, dem, was richtig, und dem, was falsch läuft, halbwegs einzuschätzen. Dazu freilich bedarf es manchmal auch des Feedbacks durch andere. Ich hatte Dir kürzlich ein solches geliefert. Und wenn ich nicht davon überzeugt wäre, daß Du unbedingt weitermachen mußt, gegen alle Widerstände, dann hätte ich es Dir entweder direkt oder durch die Blume zu verstehen gegeben. Freilich, ich kann Deinen Frust am Betrieb gut nachvollziehen. Ich selber habe, was mein Schreiben und Photographieren betrifft, diese Ochsentour erst gar nicht erst unternommen. Ich besaß jedoch niemals dieses Begehren. Mir genügte die Tätigkeit, und es ist mir im Grunde egal, ob man meine Texte und Photographien wahrnimmt oder nicht.

    Was all diese Modeschriftsteller:innen betrifft, so hast Du allerdings recht: Jubelte das Feuilleton nicht eine bestimmte Schule und Art des Schreibens derart hoch, so gäbe es viele dieser Probleme gar nicht. Andererseits muß man sagen, daß es durchaus und immer wieder gute bis sehr gute Romane gibt: Clemens Meyer, Lutz Seiler, Thomas Hettche, Dietmar Dath, Ursula Ackrills „Zeiden, im Januar“, die so vermute ich, den Leipziger Buchpreis erhalten wird, Monika Zeiners Debüt erschien mir ebenfalls vielversprechend. Trotz mancher Schwächen und an einigen Stellen zu dick aufgetragener oder schlicht absurder Metaphern.

  6. Aléa Torik schreibt:

    Lieber Gottfried Benn,
    das ist treffend gesagt: das Gegenglück. Das sind Momente, wo sich ein Schriftsteller zurücklehnen kann, und muss, weil auf so einer Formulierung mehr als nur ein Gedicht stehen, weil darauf ein ganzer Zyklus aufbauen könnte.

  7. che2001 schreibt:

    Spätestens mit Kracht und Stuckrad-Barre (mit dessen großem Bruder ich Zivildienst gemacht habe, ein Theologe und C.G.Jung-Verehrer) ging es herab mit der hochgepushten Schlechtprosa, von der Werbung hochgejazzter Müll, eigentlich literarischer Spam. Die Beliebtheit von Schriftstellerdarstellern wie Kracht hatte noch einen politkulturellen Hintergrund: Die Generation der Yuppies der Neunziger lasen so etwas gerne, weil sie sich damit abheben wollten von den Lesegewohnheiten der Linken. Mit viel Gelärme wurde da Front gemacht gegen die angeblich schlechte Literatur der Gruppen 49 und 62, also gegen Böll, Gras, Bamm bis hin zu Erich Fried und P.P. Zahl. Das Pushen der „neuen“ deutschen Prosa der 90er und 0er Jahre war sozusagen die literarische Variante des neoliberalen Durchmarsches.

  8. Bersarin schreibt:

    Krachts Prosa möchte ich denn doch verteidigen. Man mag von dem sich in den Medien als Schnösel gebenden Kracht halten, was man mag, mir selber ist er in seinen Inszenierungen des Dandy-Provokateurs viel zu seicht und gewöhnlich, aber seine Literatur zeigt etwas ganz anderes. Ramponierte Individuen. Sprachlich gekonnt und in einem sehr besonderen Ton vorgeführt. Eine eiskalte Welt, die genau so daliegt, wie sie ist: beschädigt. Ebenfalls sein letzter Roman „Imperium“: das ist nicht nur ein Ausgriff in die Absurditäten des deutschen Kolonialismus, sondern ebenso eine Satire auf jenen deutschtümelnd-nationalen Rekurs auf eine angeblich unverstellte Natur. Jene von Nietzsche her affirmativ und unmittelbar genommene Konzeption einer Lebensphilosophie, die vermeintlich unentfremdet am Busen der Natur saugt und lutscht, samt dem Unheil, was daraus erwuchs. Öko-Nazis. Gekleidet in einen Abenteuerroman. Gleichfalls zu loben ist sein Drehbuch für den Film „Finsterworld“.

    Das Yuppietum von Stuckrad-Barre et al. ist schlicht dummes und reaktionäres Mediengewäsch, das diese Leute produzieren, egal ob Kracht oder der Hochstapler und Schwätzer Alexander von Schönburg. Ein Fehler ist es jedoch, die Literatur in rechts oder links einzuteilen. Denn das verfehlt das Wesentliche eines Werkes. Es gibt lediglich gute und es gibt schlechte Texte. Die politisch richtige Haltung erzeugt leider noch keine gelungene Kunst: das können wir an den schlechten und geradezu mißlungenen Theaterstücken von Sartre und an manchem (nicht an allen) Stück von Brecht bemerken. Benn ist definitiv konservativ einzuschätzen. Seine Gedichte jedoch entziehen sich dieser Einordnung. Gleiches gilt für Ernst Jünger. Fried mag moralisch integer sein, er schrieb leider manch Schlechtes, wenn er allzu politisch reimte. All das freilich spricht nicht gegen Frieds politische Haltung, nicht gegen Fried als Instanz des Einspruchs und als kritischer Intellektueller und ebensowenig spricht es gegen seine Arbeit als politischer Essayist. Denn dorthin gehört die engagierte, die gesellschaftskritische Sichtung. Der gute Wille in der Literatur erzeugt leider meist nicht den guten Text, sondern die bemühte Prosa.

    Das Verhältnis zwischen der Literaturkritik, die eine bestimmte Form der Prosa bevorzugte, und dem neoliberalen Durchmarsch wäre sicherlich eine Betrachtung wert. Insbesondere an den Innerlichkeitsattitüden und -etüden der Judith Hermann und in ihrer Nachfolge Katrin Köhler sowie der Pseudo-Szenigkeit der Helene Hegemann im Abranzmodus zeigt sich dies womöglich gut. Aber ich bin zugleich vorsichtig bei allzu unidirektionalen Schlüssen. Es mag eine Tendenz der Entschärfung geben. Aber in der Literatur existieren genauso die Autoreninnen und Autoren, welche für einen Text stehen, der sich nicht nur in der Selbstbespiegelung der ewig Adoleszenten erschöpft.

  9. ziggev schreibt:

    zur Verteidigung der Gruppe-47er-Generation werde ich nicht müde werden, Arno Schmidt zu erwähnen, den ich nachts irgendwann nicht mehr zu lesen mir angewöhnt hatte. Lauthals sich schüttelndes Lachen hätte meine Nachbarn aufwecken können.

    ich erwähnte, glaube ich, schon mal, dass ich sein Genussleser sei. Es ist aber wie bei jeder Kunst: Übung erhöht den Genuss. Material dazu, da hege ich keine Zweifel, gibt es genug. Denke ich an einen sperrigen Text, z.B. den von Thykidides, der, wie von den Philologen, den Übersetzern beteuert, für die deutschen Leser noch entschärft worden ist, befinde ich mich in sofortigem Zweifel, ob Literaturkritik oder Kritik an Literaturkritik überhaupt noch zeitangemessen ist.

    Aristophanes, es ist gar nicht so schwer, gute Literatur zu finden, das Rezept dafür ist ganz leicht, es sind dann eigentlich immer die Klassiker.

    Es ist aber, imho, das gute Recht der Jugend, wie Narziss sich über sich selbst zu beugen, nein, es ist ja das Spiegelbild, sich ganz in der Selbsterforschung, der Selbstbespiegelung zu verlieren. „Da tun sich ja Abgründe auf“ – oder schauen zurück – – es resultiert daraus manchmal eine Art des Automatischen Schreibens, dem ich hier oder dort gefunden (Muetzenfalterin) einen gewissen Charme nicht absprechen kann.

  10. Bersarin schreibt:

    Arno Schmidt gehört natürlich zu den großen Schriftstellern der Nachkriegszeit und bis in die 70er Jahre hinein und darüber hinaus. Bis heute immer noch lesenswert. Was mich daran erinnert, ihn irgendwann einmal doch und dringend zu würdigen. Diese Art des Erzählens, Heimatgeschichten des Unheimlichen manchmal, fasziniert, insbesondere auch durch diesen Reichtum der Anspielungen und die Verknüpfungen.

    Vom automatischen Schreiben halte ich nicht viel, (es mag allenfalls als Sammlung von Material dienen. Der Surrealismus bereits scheiterte daran.) Von den Ausführungen der Mützenfalterin zur Literatur ebensowenig. Aber es mag jeder seinen Hobbys nachgehen, wie es beliebt. Ob das dann freilich Literatur ist, daran hege ich einige Zweifel. Zu würdigen bleibt sicherlich der Versuch, auf sich selber zu reflektieren und auf Stöberzug durch die Innenwelten der Außenwelten der Innenwelt zu gehen. Hier greift die Funktion des Tagebuchs gut, das Blogs nun einmal von Namen her bereits sind. Ansonsten finde ich diese Art des Schreibens unwichtig und für Theorie und Literatur ohne Bedeutung. Mir sind da die Notizen von Alban Nikolai Herbst sehr viel näher und diese besitzen zudem literarisches Gewicht.

    Zur Jugend mag der Narzißmus dazugehören, zu jedem Alter womöglich. Gleichzeitig kann es jedoch nicht schaden, den Blick über den Tellerrand zu bekommen. Wahrer Narzißmus vermittelt sich mit dem Anderen, mit der Welt. Aber das ist dann im Grunde kein Narzißmus mehr. Ein erstarktes Subjekt, indem es sich ans Andere verliert. Typische Bewegung der Entfremdung. Die notwendig ist.

  11. ziggev schreibt:

    Zunächst: ich habe den Begriff des automatischen Schreibens eher als Hilfs- öder Verlegenheitsbegriff verwendet. Hervorbringungen der Surrealisten, ich hörte einmal Beispiele im Radio, fand ich ebenfalls ganz und gar nicht überzeugend. Dann vielleicht doch lieber Goetz oder den enzensbergische Poesiegenerator. Was ich andeuten wollte, ist das Phänomen, dass manchmal (ungerufen) bestimmte Sätze im Bewusstsein auftauchen. (Orwell nennt dies zur Rechtfertigung dafür, dass er schließlich Schriftsteller geworden ist.) Vorkommnisse dieser Art sind typisch für die Jugend. Der Automatismus besteht dann nur noch darin, sie lediglich aufschreiben zu müssen bzw. das zu können.

    Jugend

    Octavio Paz schreibt in Das Labyrinth der Einsamkeit auf S. 197 (Suhrkamp) im Kapitel über die Dialektik der Einsamkeit:

    „Eduard Spranger nennt die Einsamkeit ein
    Kennzeichen des Jünglingsalters. Der einsame Narziß ist das
    Abbild des Jünglings. In diesem Alter wird der Mensch sich
    erstmals seiner Besonderheit bewußt. Die Dialektik der Ge-
    fühle stellt erneut sich ein: Als gesteigertes Selbstbewußtsein
    kann das Jünglingsalter nur durch Selbstvergessen und Selbst-
    Hingabe überwunden werden. Daher ist das Jünglingsalter
    nicht nur das Alter der Einsamkeit, sondern auch die Zeit der
    großen Liebe, des Heldentums, des Opfers. Verständlicher-
    weise stellt sich das Volk den Helden wie den Liebenden in
    jugendlicher Gestalt vor. Die Vorstellung vom Jüngling als
    dem Einsamen, dem Verschlossenen, dem von Lust oder Scheu
    Gequälten löst sich oft im Bild einer Gruppe tanzender, sin-
    gender, marschierender junger Leute oder in dem eines unter
    grünen Arkaden einer Allee dahinschlendernden jungen Pär-
    chens auf. Dann öffnet sich der Jüngling der Welt, der Liebe,
    der Tat, der Freundschat, dem Sport, dem Abenteuer. Die
    moderne Literatur – mit Ausnahme der spanischen, wo fast
    nur Picaros oder Waisenkinder auftreten – ist voll einsamer
    junger Menschen, die nach Kommunion suchen: nach Ring,
    Schwert, Vision. Die Jugendzeit bedeutet Innehalten vor dem
    Auszug in die Welt der Taten.“ (Nebenbei: „die Jüngling“ wäre auch mal nicht schlecht.)

    Ich denke da an Goethes Jugendkrise (dazu natürlich „Dichtung und Wahrheit“ hinzuzuziehen), an den Törleß. Ein Wort wie „jugendliches Irresein“ z.B. halte ich ebenfalls für einen Beleg für die auch in Zeiten vor heutigem Jugendlichkeitswahn (gerade heute, wo es diese Jugend gar nicht mehr gibt, siehe meine Trauergesänge über das Verschwinden des Pop) gemachte Erfahrung des „einsamen jugendlichen Narziss´“.

    Die Tat, der Forscherdrang, die große Liebe ist der Jüngling möglich und notwendig, weil sie (oder er) sich an etwas verlieren muss. Zunächst aber ist der Einruck des Entdeckens des eigenen Selbst so überwältigend, dass der Narziss sich in sein Spiegelbild, etwa die eigenen, in einem Zustand der Selbsthypnose hingeschriebenen, Sätze verliert. Narziss verliebt sich ja in der eigene Spiegelbild. Es entsteht das Paradox, dass der Narziss (oder die Narziss?), die Besonderheit des eigenen Bewusstseinsstroms „entdeckt“, jedoch allein dieses Bewusstsein es sein kann, was Worte für diese Entdeckung zu finden vermag. Es stellt sich die Frage, wer da überhaupt irgendetwas entdeckt. Es ist also ein vollkommen anderes Setting als das, was Du Dir für gelingende Prosa oder Poesie wünschst. Eben keine Vermittlung „mit dem Anderem, mit der Welt“, und dies letztere wäre dann wohl die Literatur der anderen, die Literaturgeschichte, die „Weltliteratur“.

    Die Welt ist gewissermaßen gegenüber den eigenen Sätzen unterderminiert, wie das Gesicht eines geliebten Menschen die Welt erklärt – nicht umgekehrt. Diese Worte sind das einzige, das überhaupt irgendetwas, z.B. die Frage nach dem Wer des Entdeckers oder der Entdeckerin, beantworten, erklären kann, zugleich setzt sich diese immer noch neue Entdeckung des eigenen Bewusstseins fort, und sie werden zum rätselhaften Orakel. Der Abgrund schaut zurück. Es spricht kein Wer, es spricht Es.

    Nochmal Octavio Paz, die ersten Sätze von Das Labyrinth der Einsamkeit:

    „Der Pachuco und andere Extreme

    Uns allen hat sich irgendwann unser Dasein als etwas Beson-
    deres, Unübertragbares und Kostbares offenbart. Fast immer
    geschieht diese Offenbarung in der Jugend. Die Entdeckung
    unserer selbst bekundet sich als eine Erfahrung unserer Ein-
    samkeit. Zwischen uns und der Welt öffnet sich eine unspür-
    bare, durchsichtige Mauer: die unseres Bewußtseins. ja, kaum
    sind wir geboren, fühlen wir uns schon einsam. Kindern und
    Erwachsenen gelingt es, durch Spiel und Arbeit sich selbst zu
    vergessen und so ihre Einsamkeit zu überwinden; der Jüngling
    aber, der zwischen Kindheit und Mannesalter schwankt, steht
    für einen Augenblick vor dem unendlichen Reichtum der Welt
    still und betrachtet verwundert sein Dasein. Dem Staunen folgt
    das Nachdenken: über den Strom seines Bewußtseins gebeugt,
    fragt er sich, ob dieses Gesicht, das allmählich aus der Tiefe
    steigt und vom Wasser entstellt ist, das eigene sei. Das Einzig-
    artige des Daseins – im Kind noch reine Empfindung – ver-
    wandelt sich in Problem, Frage und Forscherdrang.“

    Dieses sich staunend über den eigenen Bewusstseinsstrom Beugen, wie Narziss über sein Spiegelbild im Wasser, und daraus Nichtliteratur zu machen, fällt nun mal der Jugend viel viel leichter. Bloggen, Blogs bieten dazu die wie geschaffene Spielwiese. Wir dürften uns also nicht wundern und von Ausführungen zur Literatur darf man sich da natürlich nichts erwarten.

    Und: Vielleicht ist es lediglich die Perspektive des Kritikers, aus der es an Bezügen fehlt, anhand derer überhaupt Kriterien angewendet werden könnten, um den schriftstellerischen Wert solcher Hervorbringungen zu taxieren. Sehe ich ja ein, dass das so ist: „diese Art des Schreibens unwichtig und für Theorie und Literatur ohne Bedeutung.“

    Dennoch aber kann so ein Jugendlichkeits-Automatismus, in Schrift gebracht, mehr oder weniger radikal, authentisch usw. sein. Eine Muetzenfalterin ist mir jedenfalls tausendmal lieber als eine Hegemann. Ich erlaube mir jedoch, zu verraten, dass es auch mit ü 40 noch „Entdeckungen“ im Bereich des Bewusstseinsstroms zu machen gibt. Die Voraussetzungen dafür jedoch zu schaffen und sie ohne Mimesis hinzuschreiben (das ist ja gerade die Entdeckung, dass das möglich ist), erfordert eine solche Disziplin und dazu intensivste Auseinandersetzung mit der Sprache, dass ich (vorerst) dran gescheitert bin. (Ich bin so frech, zu erwähnen, dass kein geringerer als M. Proust von einem (eigentlich sind es ja mehrere) wie auch immer gearteten Bewusstseinsvorkommnis veranlasst ein Werk schuf, das Adorno Alexander Kluge zu raten veranlasste, es mit dem literarischen Schreiben zu lassen: Damit sei alles geschrieben.)

    Es handelt sich dann dabei noch lange nicht um Literatur; woran ich aber scheiterte, gelingt der Jugend schlafwandlerisch. Es ist das gute Recht der Jugend so zu schreiben.

  12. Bersarin schreibt:

    Auch von Raymond Queneau gibt es ein Gedichtgenerator-Buch, das wir Leser:innen zeilenmäßig klappen können, wie es beliebt. Und so entstehen die Texte, kombiniert aus vorgegebenem Material. Ein ungemein witziges Spiel, an dem sich unsere jungen Dichterkolleg:inn:en gerne ein Beispiel nehmen dürfen.

    Die Arbeit in und an der Sprache bleibt bis ins hohe Alter Aufgabe. Arbeit hier als eine vergnügliche, heitere, kreative Tätigkeit genommen: so wie dies bei Hegel und bei Marx ebenfalls konzipiert ist. Arbeit, die etwas mit dem Subjekt zu tun hat, denn wir existieren einzig durch die Sprache und durch Bilder, als Schrift und als Text. (Auch Bilder sind ein solcher, denn sie müssen gelesen werden.)

    Dem stream of consciousness bin ich natürlich nicht abgeneigt. Assoziieren und phantasieren, selbst die absurden oder gar obzönen Phantastereien des Menschen, der sich treiben läßt, sind nicht nur ungemein reizvoll, sondern es läßt sich daraus bauen und wirken.

    Was die Blogs betrifft, so entwickelt da jeder sein eigenes Konzept. Schwierig darüber zu urteilen. Messen lassen sich freilich die selbstgestzten Maßstäbe und die in Texten fabrizierten Urteile, auch wenn manche naiv meinen, nicht zu urteilen und keine Wahrheiten aussprechen zu wollen. Täten sie letzteres nicht, so müßten sie in aller Konsequenz verstummen. Tun sie aber nicht. Sondern es werden fleißig Thesen und Sätze herausgehauen.

    Bei jenem Jüngling und beim Begriff des anmutigen Beobachtungsnarzißmus denken wir naturgemäß sofort an Kleists Marionetten-Theater und jenen jungen Mann im Bade, der sich einen Splitter aus seinem Fuß zieht.

    Danke für den HInweis auf Paz. „Das Labyrinth der Einsamkeit“ ist ein Titel, der für mich wie gemacht ist. Nur daß ich diese nicht als Labyrinth lese und sehe, sondern als den Ort, wo ich meine Denkruhe habe. Ich könnte mühelos in einer Welt leben, in der es keine Menschen gibt. Als junger Mann habe ich mir immer gewünscht, daß die Welt erstarrt und alle Menschen wie festgefroren und regungslos dastehen. Nur ich bleibe am Leben.

  13. ziggev schreibt:

    „Nur ich bleibe am Leben.“ – dito !

  14. holio schreibt:

    Mein adhoc improvisierter Geschichtengenerator erzeugt das:

    Sie redete Fahrräder. Es spielte Essen. Ich spielte Fahrräder. Du war Essen. Sie zählte Bäume. Sie rauchte Bohnen. Du war Bohnen. Es rauchte Fahrräder. Er war Fahrräder. Ich spielte Bohnen.

    Da besteht noch Verbesserungsbedarf, ums Niveau von Queneau zu erlangen :(

  15. Bersarin schreibt:

    Schönes Gedicht, es gefällt mir gut. So einen Generator will ich auch haben. (Na ja, nach einer Flasche Rieslingwein, den ich nun wieder trinken darf, bin ich durchaus der glückliche Besitzer eines solchen.) Es ist eigentlich eine kreative Freude, Gedichte zu machen:

    Oh Absalom
    Der Frühtau, die Berge, der Zug, Trallala
    Das Grün, alle Wälder, die Höh‘n. Fallera
    Und auf den Blättern der Tau meiner Liebe
    Wenn Linda sich an meinem Körper riebe.

    Denn Lust ist da, wo die Linda rauschte
    und tugendfrei sich die Hose bauschte
    Doch bleibet mir nichts als ein Tal:
    und zum Ende zwei Blicke: schal

    Das Wandern, das Singen, das Ohne, der Morgen
    Im Tale, das Krähen, die Hähne. Die Sorgen

    (Aus: Das Deutsche Volksglied im Abzahlreim)

  16. holio schreibt:

    Sinkt die Härte in der Hose,
    sinkt die Willigkeit der Dose.

    Nun ja, genug des Brüderles.

  17. Bersarin schreibt:

    Dichtung ist Rhythmus und dazu ein Stückchen Reim. Wir aber, wir dichteten doch nicht das DIrndl. Wenngleich ich’s schätze, wenn es gut ausgefüllt ist. Aber es ist schon richtig: Genug ist genug.

  18. VincentChancel schreibt:

    @Bersarin @summacumlaudeblog @Aléa Torik
    Erstmal Danke für diese ganzen konstruktiven Antworten (Ich muss sagen ich bin total überrascht.) und habe dem nichts mehr hinzuzufügen außer einer Einladung auf meinen Blog.. (Mit viel Kritik). Es würde mich sehr freuen. (Gerade mein philosophisches Projekt „Ontologie der Gedanken“ und bestimmt einiges meiner Lyrik bedürften einer guten Kritik.)

    @Aléa Torik
    Du hast Recht was die Kritik angeht. So etwas ist mir vor ein paar Wochen passiert und es war gut so. Dadurch hatte ich wieder die Kraft mich an mein Projekt zu setzen und mich damit kritisch ausseinaderzusetzen. Mir hatte die Kritik einen Eiferschub gegeben.

    Liebe Grüße,
    V.C.

  19. ziggev schreibt:

    @ VincentCahncel, bitte nicht übelnehmen, ich weiß, wie hart das sein kann, ich habe aber nun mal als Übersetzer von (shit happens) Trivialliteratur gearbeitet, im vollen Bewusstsein, dass es kein Lektorat geben würde. Ich musste also alles selber machen. Das Brutalstmögliche ist immer, wenn einem der Text auseinandergenommen wird, sowas geht viel tiefer, als ich mir vorzustellen gewagt hätte. (BTW, ich praktiziere brutalstmöglich die Zusammenschreibung.) Es kommen also jetzt ein paar Korrekturen, nimm´s nicht so schwer, es ist einfach mein ‚Autopilot‘, ich kann nicht anders:

    „…
    Erstmal Danke für diese ganzen konstruktiven Antworten (Ich („ich“ wird normalerweise kleingeschrieben. Nur an Satzanfängen oder in Wendungen wie ‚das Ich‘ groß) muss sagen (KOMMA)! bin total überrascht.) und habe dem nichts mehr hinzuzufügen außer einer Einladung auf meinen Blog.. (dieser Satz (beginnend mit ‚und habe dem …‘) bezieht sich auf den Hauptsatz in der Klammer, denn sonst würde ihm das Subjekt (ich) fehlen. Die Klammern müssen also weg und nach „Antworten“ irgendein Satzzeichen. Wenn es ein Punkt ist, natürlich das „Ich“ wieder Groß. Willst Du die Klammer wirklich nur als Einschub haben, dann verzichte bitte auf den Punkt nach ‚überrascht‘ und schreibe das „Ich“ klein. Dann muss der Satz allerdings lauten: „und ich habe dem nichts mehr hinzuzufügen – sonst müsste er ohne Subjekt auskommen!) (Mit viel Kritik). Es würde mich sehr freuen. (Gerade mein philosophisches Projekt “Ontologie der Gedanken” und bestimmt einiges meiner Lyrik bedürften einer guten Kritik.)

    @Aléa Torik
    Du hast Recht (hier muss wieder ein KOMMA hin, denn ‚was die Kritik angeht‘ wird als eigenständiger Satz aufgefasst) was die Kritik angeht. So etwas ist mir vor ein paar Wochen passiert und es war gut so. Dadurch hatte ich wieder die Kraft (wieder KOMMA, auch nach den neuen Rechtschreibregeln) mich an mein Projekt zu setzen und mich damit kritisch ausseinaderzusetzen. Mir hatte die Kritik einen Eiferschub gegeben. (Nebenbemerkung: Das klingt für mich überzeugend.)

    Liebe Grüße,
    V.C.“

    (Auf Höflichkeit stehe ich sowieso.)

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