Auf dem Marktplatz der Gemeinplätze

Wenn Du denkst, es geht nichts mehr, kommt immer noch was Blöderes her. Das gilt für Theorien und für die Praxis gleichermaßen. Nun ist Antje Schrupp im FAZ-Blog freundlicherweise angetreten, den Markt vor dem Kapitalismus zu retten.

Ich hielt diese Äußerungen zunächst für eine Satire. Oder ein Versuch vielleicht, um die Kritikfähigkeit des Publikums zu testen?, dachte ich mir. Nein, nein, das ist es mitnichten. Wer es mit eigenen Augen lesen möchte, der lese, sofern sich den Leserinnen und Lesern nicht Schleier von Lachtränen vor die Augen legen. Ich habe keine Ahnung, auf welchem Niveau man einen Schreibplatz im FAZ-Blog bekommt. Es muß sehr einfach sein, denke ich mir. Vielleicht ist es aber auch Strategie, um unter dem Namen Antje Schrupp kritische Theorie und politische Ökonomie sowie linkes Denken insgesamt der Lächerlichkeit preiszugeben und als prinzipiell naiv und versponnen zu markieren. Der Gegner ist schließlich mit allen Wassern gewaschen.

Schrupp schreibt:

„Schon lange frage ich mich, warum ich mit ‚linken Theorien‘ nie so richtig etwas anfangen konnte, besonders nicht mit denen von linken Männern. Ich habe mich durchaus bemüht, aber diese Texte verursachen mir Langeweile, auch wenn ich auf einer rationalen Ebene verstehe, dass sie wichtig sind. Damit bin ich nicht die Einzige. Der italienischen Philosophin und Feministin Annarosa Buttarelli zum Beispiel geht es genauso. Die Linken, so erklärt es sich Buttarelli, wollen mit dem Kapitalismus auch den Markt abschaffen. Aber uns Frauen gefallen Märkte. Eine Welt ohne Märkte wäre langweilig.“

Eine Welt ohne Märkte wäre also langweilig? Ja: Frauen shoppen, Männer schrauben. An Autos, an Computern, an Theorien gar. Es ist die Langeweile seit Baudelaire zwar Signum der Moderne, und es nötigt der Zustand der Welt die dichterische Betrachtung zu dieser ästhetizistischen Haltung. Daß aber die Langeweile zugleich maßgebliches und untrügliches Kriterium ist, um Text und Theorie analytisch sicher beurteilen und intellektuell durchdringen zu können, auf diese Idee muß frau erst einmal kommen. Es genügt nicht, keine Texte zu lesen, man muß auch unfähig sein, über sie schreiben zu können, wird sich Antje Schrupp gedacht haben. Insofern verwundert es uns wenig, wenn Schrupp nichts mit linken Theorien anzufangen weiß, und wir glauben‘s ihr gerne. Diesen Umstand teilt sie mit Olaf Scholz, Andrea Nahles, Guido Westerwelle, Angela Merkel, Katrin Göring-Eckardt, Renate Künast, Willy Brandt, Franz Josef Strauß oder Gertrud Höhler. Gute Gesellschaft also, in der sich Frau Schrupp befindet. Was wir ihr freilich nicht glauben: daß sie auf „einer rationalen Ebene“ versteht, weshalb diese Theorien wichtig sind. Ganz und gar nicht. Würde sie es nämlich begreifen, käme kaum ein solch rührseliger Erguß heraus. Wobei das Verb „glauben“ im Umkreis der evangelischen Akademie irgendwie lustig ist.

Wer allerdings Theorien, Kunst oder Literatur qualitativ danach gewichtet, ob sie von Frauen oder Männern gemacht wurden, sollte sich auf alle Fälle ein anderes Metier als Theorien, Kunst oder Literatur suchen. Vielleicht fällt ja ein Plätzchen im FAZ-Blog ab (Schirrmacher war schon ein gerissener Hund, bestimmte Leute bei der FAZ schreiben zu lassen) oder bei Georg Diez eine Schreiber:innen-Lehre: Praktikumsplatz Pathosgequatsche (laut Titanic). Übrigens: es gilt das von einem Mann entdeckte Fallgesetz auch für Frauen, spätestens dann, wenn ihnen ihre eigene Blogtextscheiße vor oder auf die Füße fällt, und 2 x 2 = 4 bleibt unabhängig davon gültig, ob eine Frau oder ein Mann das am Marktstand auf dem Marktplatz beim Auswählen oder Bezahlen der erlesenen, glücklichmachenden Waren ausrechnen.

Vor rund dreißig Jahren wäre ein solcher Aufsatz nicht einmal in einer Schüler-Zeitung abgedruckt worden. Heute schaffen es Texte dieser Art mühelos in einen FAZ-Blog. Dort heißt es im Schlußsatz:

„Klar, der Kapitalismus beutet die menschlichen Bedürfnisse nach diesem ‚Vielmehr‘ und nach dem Überschreiten der reinen Nützlichkeit aus, aber das tut er ja mit allen übrigen Bedürfnissen auch. Eine menschenfreundliche Wirtschaftspolitik zu machen, kann deshalb nicht bedeuten, den Markt abzuschaffen. Es muss vielmehr darum gehen, den Markt dem Kapitalismus zu entziehen.“

Auf die Idee, das eine könne womöglich mit dem anderen zusammenhängen, kommt Antje Schrupp nicht. Aber wie sollte sie auch? Dazu hätte man allerdings einen von diesen langweiligen Texten lesen müssen. Gegen solchen Unsinn ist Katrin Rönickes Ferien- und Freizeitkommunismus eines richtigen Lebens im falschen in ostdeutschen Landschaften mit ewigwährenden Partys und selbstgebasteltem Häusle seinerzeit im FAZ-Blog fast wieder erholsam erfrischend. Vielleicht ist – wie geschrieben – das alles aber bloß eine FAZ-Strategie. Denn Schirrmacher war ein kluger Kopf.

Julia Seeliger twitterte über Schrupps Besinnungsaufsatz, unnachahmlich und treffend:

Mit welch einer Chuzpe man uns die Positionen eines aufgeweichten, abgeleierten Kommunitarismus samt einem Hauch Habermasschem Lebensweltkonzepts als den letzten Schrei feministischer Philosophie aufdrücken will, ist traurig – angereichert dazu mit Versatzstücken von Jeremy Rifkin. Mit anderen Worten: ein marktliberales Wirtschaftsmodell, das diese Sharing-Ökonomie ist, wird in feministische Theorie umgemodelt. Namen und Referenzen werden dreist unter den Tisch gekehrt, und so macht Schrupp den feministischen Guttenberg. Beschämend und schlimm ist diese Art von Betrachtung vor allem für eine solche feministischer Philosophie, die mehr sein möchte als Affirmation des Bestehenden, indem ein paar Stellschräubchen verändert und ein unsäglich banaler Dualismus aufgezogen wird: Hier holde emotionale Weiblichkeit mit dem Sinn für das Qualitative, dort die männliche nüchtern-rationale quantifizierende kalte Analyse. Davon abgesehen, daß dieser Dualismus genau die patriarchale Struktur als Matrix dupliziert, die vorgeblich bekämpft werden soll, so daß es sich nachgerade aufdrängt: Da kann die Frau, statt sich in der kalten Welt der Arbeit zu mühen, mit ihren holden Händen, ihrem Sinn fürs Schöne genausogut im Haushalt bleiben, dort mit Umsicht wirken und qualitativ, achtsam, behutsam schonend sich um Abwasch, Tischdeko und Kinder kümmern, anschließend auf dem Markt einkaufen (alles Bio versteht sich), um dann das Abendbrot zu bereiten – lauter kostbare Güter, wichtige Tätigkeiten schließlich, die Bestandteil des guten Lebens sind. Mein Verdacht, daß es eine Querfront in der linken Theorie gibt, um eine marktliberale und zugleich konservative Encounter-Theorie zu installieren, drängt sich mir immer mehr auf.

Auf ihrem Blog „Aus Liebe zur Freiheit“ ergänzt Schrupp: „nämlich dass es auch eine feministische Strömung gibt, die den Markt ablehnt, und zwar im Umfeld der Gift-Economy.“ Was kommt nach dem „ABC des guten Lebens“? „Ökonomie als Geschenke-Herzkreis“, „Der gefühlte Gebrauchswert oder wie produzieren wir Gemeinplätze“? Ja, Gift-Economy – das ist es: „Mamatschi, schenke mir ein Pferdchen, ein Pferdchen wäre mein Paradies.“

Im Gesamt läßt es sich in diesem Satz zusammenfassen: Gesinnungskitsch der schlimmsten Art. Ganz gut mit Norbert Bolz‘ Konsumistischem Manifest zusammenzutun. Denn wer schwelgerisch auf dem Markt kauft und des Guten und Schönen ansichtig wird – das Wahre bleibt Schrupp wegen anhaltender Langeweile bei Theorie-Lektüre leider verborgen –, rebelliert bekanntlich nicht.

Das gute Leben kommt immer an.
Frisch verpackt von:
Neckermann.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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15 Antworten zu Auf dem Marktplatz der Gemeinplätze

  1. holio schreibt:

    Schön Ihre Äpfel vom Baum der Erkenntnis. Und dann noch erlesen davor, köstlich!

  2. che2001 schreibt:

    Wenn ich mir die Kommentarriege bei der Schrupp anschaue – die wären von meiner früheren zehnten Klasse als unqualifiziert abgewatscht worden.

  3. Sturmfrau schreibt:

    Mir fiel in dieser Sache auch noch ein nachträglich gelieferter Podcast mit Benni Bärmann vor die Füße, und ich habe es mir tatsächlich angetan, mir die mehr als eine Stunde lang währende Argumentationsnot von Frau Schrupp anzuhören. Sie redete sich um Kopf und Kragen.

    Prinzipiell tue ich mich schwer damit, mich in irgendeiner Weise feministisch zu verorten, inzwischen kann ich aber sagen, dass der Differenzfeminismus, insbesondere wie ihn Frau Schrupp sich interpretiert, nicht behagt. Das scharfe Gegenüberstellen vom bösen, männlichen Kapitalismus und dem freundlichen, fluffig-weiblichen Markt erzeugt mir ehrlich gesagt schon deshalb Brechreiz, weil dieses Konzept weder zur Überwindung kapitalistischer Strukturen noch zur Auflösung von Geschlechterstereotypen beiträgt.

    Im Podcast wurde dann auch noch mal sehr deutlich, dass Frau Schrupp nicht bereit ist, ihre eigene priviligierte Position zu hinterfragen. Sie stellt sich ihren Ideal-Markt als bunte Angebotspalette für Fülle und Vielfalt an Luxus vor, an dem sie sich auch gern bedienen möchte, selbst dann, wenn sie bestimmte Wünsche noch gar nicht hat – sie freut sich auf deren Erweckung und Erfüllung. Mir kommt das Bild einer schlendernden Touristin auf einem Bazar im Orient vor das innere Auge und dazu das Unverständnis darüber, wie besagte Touristin glauben kann, all die Marktverkäufer böten ihre Ware nur deshalb an, um ihr freudig all die Fülle und Buntheit der Welt zu offerieren. Nicht aus ökonomischen Zwängen heraus. Ein Märchenmarkt ist das wahrlich, den sie sich da zusammenfantasiert.

    Ähnlich irritiert hat mich übrigens neulich schon Schrupps Aussage, die Existenz von Gewürzgurken speziell für Frauen und für Männer in den Supermarktregalen sei doch in Wahrheit ein Zeichen von Vielfalt, das es zu würdigen gelte. Ähm… Wie naiv muss man wohl sein, wenn man die marketingstrategischen, auf Profit abgestellten Mechanismen dahinter so überhaupt nicht sieht? Mir scheint eher, sie will sie nicht sehen, weil es nicht so ganz in ihre differenzfeministische Weltsicht passt.

    Zu schade, dass sie mit dieser zunehmend realtitätsfernen Einstellung leider auch dem Feminismus einen Bärendienst erweist.

  4. einer von jenen schreibt:

    Die feministische Bewegung war in ihrer Theorie auch schonmal weiter, z.B. bei Lotta Femminista Anfang der 70er: http://www.commoner.org.uk/wp-content/uploads/2012/02/02-dallacosta.pdf
    Scheint Antje Schrupp aber nicht zu kennen, sonst würde sie nicht solchen Blödsinn schreiben:

    Trotzdem ist im Zuge der seit etwa zwei Jahrhunderten andauernden Streitereien zwischen liberalen und linken Wirtschaftsverstehern „der Markt“ zu einer symbolisch männlichen Angelegenheit geworden. Basis dafür war das Aufkommen der Zwei-Sphären-Ideologie im 18. und 19. Jahrhundert, also jener „Sexual Contract“, den Carole Pateman so wegweisend analysiert hat. Den Frauen wurde dabei der Platz des „Privaten“, der Familie, zugewiesen, während die Männer für sich die Alleinherrschaft über den Bereich des „Öffentlichen“ beanspruchten, wozu sie eben nicht nur die Politik, sondern auch den Markt zählten.

    Sie kümmert sich eben nicht um Klassenverhältnisse, sondern gibt nur das Selbstverständnis des Bürgertums und die Rollenverteilung in der damals entstehenden bürgerlichen Kernfamilie wieder. Und weil sie sich nur die Bourgeoisie anguckt, fällt ihr auch nicht auf, dass z.B. das Wahlrecht im 19. Jh. fast überall nur für die besitzenden Klassen bestand. Die männlichen Proletarier waren also vom Bereich der Politik generell ausgeschlossen, und von einer Alleinherrschaft „der“ Männer kann keine Rede sein. Und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war das Industrieproletariat z.B. in der Textilindustrie zum Großteil weiblich – dass Frauen sich generell nur im Bereich der Familie bewegt hätten, ist so allgemein also auch falsch.

  5. futuretwin schreibt:

    Als ich Schrupps Titel las, dachte ich schon es ginge um etwas in dieser Richtung:
    https://www.freitag.de/autoren/michael-jaeger/die-andere-gesellschaft-gliederung-in-kapitel

    Schrupps Blogbeiträge sind manchmal originell und dann wieder von alarmierender Naivität.

  6. che2001 schreibt:

    Ich habe hier schon mal wieder ein déja vu: Mit fällt da nämlich Weibsvolk aus meiner eigenen Studienzeit (so in etwa der Jahrgang wie Antje Schrupp bzw. unwesentlich jünger) ein und die Erlebnisse mit denen.

    Was da prägend war war so ein unheimlich weiches wohliges Wir-Gefühl unter Frauen weil es Frauen sind, das große Teile der feministischen Szene bestimmte und wo etwa Nullzeitgenerator, Netbitch, aber auch Cassandra und meine alten Genossinnen Julia, Margit und Petra regelmäßig als Spielverderberinnen, Zwietrachtsäherinnen und Sonderfrauen auftraten, weil sie den rationalen politischen Diskurs über dieses Wir-Gefühl stellten und typische Frauen-unter-sich-Gespräche, bei denen es um Ästhetik und Moral sowie Mode und Wellness ging uninteressant fanden. Erinnere mich daran, dass ich auf die Feststellung, der Hiszoriker Rudolf von Thadden vertrete einen politisch ergiebigeren Ansatz als seine Kollegin Helga Grebing von feministischer Seite Reaktionen wie „davon muss ich mich erstmal erholen“ bekam. Im Grunde war das schon Biologismus: Thadden stand links von Grebing und nahm schon einmal eine von Bullen verfolgte Steineschmeißerin schützend in seinem Institut auf, Grebing hingegen hatte nie behauptet, Feministin zu sein sondern war brave Sozialdemokratin nach Brandt, der ein Genosse mal ins Gesicht gesagt hatte „Ihre Gesinnung wurde doch mit Marshall-Geldern zusammengekauft“. Aber sie war eine Frau und Thadden ein Mann und noch dazu alter preußischer Adel, das reichte zur Parteinahme schon auf. Diese Feministinnen schüttelten auch bei Imperialismus-Diskussionen in der Vorphase des Golfkriegs, bei denen es um das unterbrochene Recycling des Petro-Dollars als Kriegsursache ging entsetzt die Köpfe und flüsterten „Es ist so furchtbar“, was sich nicht auf den Krieg, sondern die Theoriediskussion bezog. Über harte ökonomische Fakten anhand von Marx zu diskutieren und dann „was tun?“ zu fragen galt als Mackertum. Machten halt lieber im Kinderladen Adda-adda.

  7. Bersarin schreibt:

    Eigentlich lese ich Schrupp aus den Gründen, die in den Kommentaren genannt wurden, überhaupt nicht. Ich stieß durch Zufall auf diesen Text, las, weil ich bereits den Titel zum Kopfschütteln fand und war ob des Niveaus entsetzt. Mögen ihre Einfälle zuweilen originell sein, ich kann das nicht beurteilen, zweifle nach diesem Text jedoch arg. Schrupp bleibt auf der Ebene der Theorie und im Denken naiv, was sie schreibt, sind Banalitäten. Genausogut hätte sie schreiben können: Wenn wir alle glücklich Kuchen essen und leckeren Kaffee trinken, geht es der Welt irgendwann gut. Daß Schrupp angeblich Philosophie und Politik studiert haben soll, ist nachhaltig erschütternd. Man merkt es ihren Texten nicht an. Solches Denken dürfte nicht einmal zur Zwischenprüfung zugelassen werden. Schlimm vor allem, daß dies unter dem Namen Gesellschaftskritik und Feminismus gelabelt wird. Ein Schlag für diese Theorie.

    @sturmfrau und alle übrigen
    Ich danke Dir für den Hinweis auf den Podcast und die Darstellung dessen, was dort gesagt wurde. Ich ahnte dies, insofern verzichtete ich darauf, mir das Gespräch anzuhören.

    „Das scharfe Gegenüberstellen vom bösen, männlichen Kapitalismus und dem freundlichen, fluffig-weiblichen Markt erzeugt mir ehrlich gesagt schon deshalb Brechreiz, weil dieses Konzept weder zur Überwindung kapitalistischer Strukturen noch zur Auflösung von Geschlechterstereotypen beiträgt.“

    Das ist ein entscheidender Punkt der Kritik. Ich denke allerdings, daß Schrupp aus dieser Fluffigkeit ein feines Geschäftsmodell gemacht hat. Insbesondere in solchen verhärteten Zeiten kommt Gefühligkeit immer gut. Absurd ist es vor allem, Kapitalismus an der Ausprägung Mann/Frau festzumachen. Dem Kapital bzw. den jeweils am Drücker sitzenden Charaktermasken dieses Systems geht es am Arsch vorbei, ob da eine knallharte Managerin oder ein knallharter Manager sitzen. Hauptsache der Laden läuft und es wird gearbeitet. Zumal, was das Kinderkriegen betrifft, einige Firmen in Silicon Valley bereits ein gutes Modell mit Kühlschrank und Stammzellen entwickelten. Wie man auf eine solche Wischi-waschi-Gegenüberstellung Kapitalismus = Mann, Markt = Frau kommen kann, bleibt mir schleierhaft. Der Gegner kann sich freuen, es mit solchen Hanselinnen zu tun zu haben. Im Zweifelsfalle wird man am Ende eh am selber Tisch sitzen. Wer meint, die Entfremdung entfremden zu können, in dem man sich den Verwertungsprozessen entzieht, strickt, selber ein Stück Holz feilt oder Brot backt, hat wenig durchschaut und verharrte intellektuell auf der Stufe des Unmittelbaren stehen. Partialitäten lassen sich kaum zum guten Allgemeinen aufblasen. Nach wie vor gilt der Adorno-Satz aus den „Minima Moralia“. Diese Radikalität freilich halten die wenigsten aus.

    Die, welche jede freie Minute damit verbringen, die Privilegien von anderen zu hinterfragen, sind bei ihrer eigenen Positionierung mit einem Male merkwürdig still. Sowieso hat sich in bezug auf diese Privilegienfragen ein widerlicher Geständnis- und Bekenntniszwang herausgebildet.

    Gesellschaftliche Veränderungen ergeben sich nicht durch gemeinsames Kuscheln, backen, kochen oder shoppen auf dem Markt sondern durch Gesellschaftskritik, die eben eine Kritik der politischen Ökonomie mit einschließt.

    @ che
    Wiederkehr des Immergleichen. Die Generationen wiederholen und wiederholen die gleiche alte Scheiße. Wobei Schrupp es ja besser wissen müßte, denn sie kennt diese Zeiten.

  8. futuretwin schreibt:

    Bemerkenswert finde ich an dem Text Schrupps lediglich, dass der Eindruck entsteht, sie habe zwei zwei Thesen überkreuzt, die ich jeweils für interessant halte (dieser Eindruck täuscht jedoch).

    Die eine ist der oben verlinkte Ansatz Michael Jägers, den Kapitalismus abzuschaffen, indem regelmäßig Wahlen abgehalten werden in deren Rahmen dann entschieden wird, „was produziert werden soll“, um es einmal sehr verkürzt auszudrücken. Markt und Geld u.ä. gibt es in seinem Modell eines Postkapitalismus weiterhin.

    Der andere ist das Wert-Abspaltungs-Theorem von Roswitha Scholz, wo Patriarchat und Kapitalismus ebenfalls in Bezug gesetzt werden.
    http://www.exit-online.org/textanz1.php?tabelle=autoren&index=21&posnr=37&backtext1=text1.php

  9. Bersarin schreibt:

    Ich danke Dir für Deine Texthinweise. Mich allerdings hier im Detail mit diesem Komplex zu befassen, läßt leider meine Zeit nicht zu, da ich im Augenblick – neben meinem Erwerbsjob – an verschiedenen Strängen und Fragmenten zur Ästhetik und ästhetischen Theorie arbeite.

  10. modestio schreibt:

    Danke für diese Polemik, „interessant“ ist es bei solchen Texten allemal zu sehen, wo Sachen nicht zu Ende gedacht wurden, bzw. was die theoretischen Vorläufe einer solchen populären Vergleisterung sind.

    Das Subjekt spricht nicht, sondern wird gesprochen. Hier finde ich Schirrmacher-Strategie-Erklärung sehr plausibel. Sein letztes Buch drehte sich doch ebenfalls um eine nicht kritische Kapitalismuskritik?

  11. Bersarin schreibt:

    Schrupp hat nicht nur nicht zu Ende gedacht. Sie hat überhaupt nicht gedacht.

    Schirrmachers Buch kenne ich nicht. Ich bin allerdings eher skeptisch gegenüber Kapitalismuskritikern, die ansonsten wunderbar ins System eingebunden sind. Schirrmacher hat sicherlich seine Qualitäten. Ein Vertreter Kritischer Theorie ist er sicherlich nicht. Wie auch Habermas es nicht ist. Frankfurt scheint seit Jahrzehnten ein eher öder Ort geworden zu sein.

    Die These vom Subjekt, das gesprochen wird und nicht spricht, ist mir zu allgemein formuliert. Schnell ist man mit diesen Wort-Wendungen bei einem ziemlich simplen Poststrukturalismus. Slogans klingen zwar gut, ersetzen aber nicht die Arbeit des Begriffes und der Theorie.

  12. modestio schreibt:

    Das war ein performativ-ironischer Schreibakt, keine These, und tendentiell geht es damit auch eher in Richtung eines Strukturalismus, im Sinne einer sprechenden Superstruktur.

    Bei Lacan heißt es weniger voraussetzungsvoll: „Das Unbewusste ist der Diskurs des Anderen“, Castoriadis bemerkt dazu: „>Mein< ist ein Diskurs, der den Diskurs des anderen negiert hat: nicht unbedingt inhaltich, sondern insofern er eben des Diskurs des Anderen ist." "Denken" kann damit auch heißen Positionen anzueignen.
    Das problematische ist doch genau, dass Frau Schrupp etwas sagt, das sich so oder so ähnlich auch theoretisch bei Anderen findet: Gelingt ihr das z.B. in Bezug auf Frau Buttarellis These so denkt sie nicht zu Ende, oder besser: nicht sehr weit.

    Schirrmachers Buch war damals insofern bedeutend, als es eine "Kapitalismuskritik aus dem Herzen des Kapitalismus" (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/jakob-augstein-ueber-frank-schirrmachers-neues-buch-ego-a-882547.html) war. Interessant übrigens, dass Augstein das Buch als "intellektuelles Vergnügen" bezeichnet, und: nicht erwähnt, dass es kritische Theoriebildung gibt, auf die Schirrmacher sich nicht bezieht.

  13. Bersarin schreibt:

    Wie geschrieben: ich kenne Schirrmachers Buch nicht, insofern äußerte ich mich dazu auch nicht. Allerdings scheint sich dieses System derart siegessicher zu fühlen, daß nun schon Journalisten wie Schirrmacher sich in Systemkritik ergehen. Bei mir hinterläßt dies ein müdes Lächeln und erinnert mich an Horst Köhler, der irgendwann nach 2009 die Auswüchse des Finanzmarktes beklagte. Derselbe Köhler, der einige Jahre früher als Chef des IWF an dieser Entfesselung der Finanzmärkte sich beteiligte.

    Ich denke, ich bin in den verschiedenen Positionen des Poststrukturalismus ganz gut zu Hause. Und aus genau diesen Gründen bin ich mit solchen Lacan- oder Foucault-Sätzen (Mensch, Gesicht im Sand gezeichnet, Meer, Wasser, Wellen, Gesicht weg.) eher vorsichtig, weil man dabei schnell die wesentlichen Gehalte und Hintergründe verfehlt, so das Kind mit dem Bade ausschüttet und zudem einer vereinfachten Postmoderne für Kinder das Tor und die Tür öffnet. Und schnell muß man bei diesen schön klingenden Sätzen von Lacan, Derrida, Foucault et al. ins Phrasendreschschwein einzahlen. Nichts gegen Dich und Deine Sätze. Solche Sätze von Lacan sollten jedoch in einem Kontext eingebettet stehen, ansonsten wirken sie wie Thesentheorie.

    Natürlich und naturgemäß, nein: eher sachgemäß findet sich bei all dem, was eine/r schreibt, immer etwas, das von anderen her stammt. Theorie borgt von Theorie und gute Theorie schreibt andere Theorie immanent fort, kritisiert sie, hebt sie auf. Das ist nicht zu beklagen. Schlimm ist nur, wenn Referenzen nicht angegeben werden, sofern es sich nicht um offensichtliche Zitate handelt, die in einem intellektuellen Spiel im Text eingebaut und versteckt werden.

    Schrupps Marktgedanke ist nicht per se absurd, sondern lediglich in dem Kontext, in dem er geäußert wurde, und in den Folgerungen. Sicherlich: in der Entwicklung des Kapitalismus können wir seit dem Beginn des 20 Jhds so etwas wie das Wegbrechen der Zirkulationssphäre beobachten, wie Horkheimer und Adorno in den 40ern schrieben, was zu einem gesteigerten Maß an Zwang führte. Schrupp hat ihre Überlegungen zum Markt simplifiziert und macht daraus eine Eia-Popeia-Heile-Welt-Beglückungsgeschichte, ohne dabei in Analyse und Kritik zunächst die Probleme zu benennen. Darin gründet meine Kritik wesentlich und das verpackte ich dann in einer Polemik.

  14. modestio schreibt:

    Ich lese die Polemik gerne, weil sie es schafft Distanz aufzubauen, zu etwas, was mensch lieber nicht lesen oder besprechen würde, und es aber auch nicht einfach so stehen lässt. Ich zahle gerne in Ihr MarkplatzPhrasenschein der Gemeinpläze, wobei in diesem Fall die Phrase Programm war, der Satz auch selbstironisch sich bezog auf jedes verkürzte Schreiben, was über verkürztes Schreiben schreibt. Da war es die Zeit, die sagte, lass Frau Schrupp lieber in ihrer HeilenWelt verweilen, und schlendere zum „Haarflaum in der Abfickzone“ oder anderen schönen Orten/gemeinen Plätzen!

  15. Bersarin schreibt:

    Ich schreibe Polemiken und Boshaftigkeiten gerne. Übung macht bekanntlich den Meister.

    Es gibt allerdings einen Unterschied zwischen der Phrase und der zwar verkürzten, aber durchaus gewitzten Wendung, die eine Sache erst pointiert. Der Sprachfex Karl Kraus wußte um diese Differenz, die am Ende eine ums ganze ist. Kraus konnte in einem einzigen Satz aufspießen und verdichtete darin eine Welt. Genau das Gegenteil eines Gemeinplatzes: Vom Weib etwa: „Sie sagt sich: mit ihm schlafen, ja – aber nur keine Intimität!“ „Kosmetik ist die Lehre vom Kosmos des Weibes.“ Ach, gäbe es auch heute noch mehr von solchem Witz! „Fluch dem Gesetz! Die meisten meiner Mitmenschen sind traurige Folgen einer unterlassenen Fruchtabtreibung.“

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