Utopia calling: FAZ-Bloggerin im Sommerloch – „Bau auf, bau auf, bau auf, Freie Deutsche Jugend bau auf!“

Der Aufbau Ost war erfolgreich, und Adorno wurde endlich widerlegt, denn es gibt nun doch ein richtiges Leben im falschen. Denn hinterm Horizont geht’s bekanntlich weiter. Zumindest in der Sicht der FAZ-Bloggerin Katrin Rönicke. Die Überschrift für diesen meinen Blogbeitrag könnte ebenfalls und mit Berechtigung lauten: „Auf dem Niveau der Schülerzeitung: Mit was für Schwachfugtexten wird man eigentlich FAZ-Bloggerin?“

Wenn Menschen, die keine drei Zeilen von Adorno gelesen haben bzw. über die einschlägigen Zitate von ihm nicht weiter hinauskamen, ihren Mangel an Textkenntnis für einfachso im Blog einer eher renommierten Zeitung heraushauen können, ohne daß sie der Bannstrahl eines fünfzehnjährigen Schreibverbotes trifft, wenn sie für solchen Blödsinn zudem im richtigen Leben inmitten des falschen fürstlich bezahlt werden, wenn solchen Schreiberinnen aufgrund solcher Textdebakel und Schreibflatulenz nicht einmal mehr die Schamesröte ins Gesicht steigt oder zumindest in einer Art unwillkürlichem Reflex in die Wangen getrieben wird, geschweige denn ein lebenslanges Berufsverbot bei der FAZ droht, dann frage ich mich selber manchmal, was ich eigentlich falsch mache. Sind meine Texte noch seichter, noch dümmlicher, noch nichtssagender? Oder liegt das Abgreifen von Schreibplätzen nur daran, daß man sich hinreichend vernetzt und in dem Arsch einen Platz noch fand, wo bereits fünf andere schon saßen? Man weiß es am Ende nicht.

Nun gibt es im Internet zwar viele, die sich über Adorno äußern und von seinen Texten so viel verstanden haben wie eine Kuh von der Metaphysik des Schlachthofes oder eine Barbiepuppe von Hegel, aber die tun das bloß in unwesentlichen Blogs und tingeln da halbherzig prosaisierend oder posierend herum. Wie auch der meine nicht weiter bedeutsam wirkt. Er rangiert auf einem Netzrang, der, in Zahlen quantifiziert, für den gewöhnlich zählenden und abzählenden Verstand eigentlich nicht mehr vorstellbar ist, weil alle Zahlen ab der Millionengrenze fürs menschliche Denken ein bloßes Abstraktum bilden.

Katrin Rönicke jedoch äußert sich in einem Medium, zu dem hin es durchaus mehr Leserinnen und Leser zieht. Leider. „Es gibt ein richtiges Leben im falschen“, so nennt sie affirmativ und optimistisch ihren Beitrag über Utopien in der FAZ-Blog-Rubrik „Wostkinder“. Vielleicht müssen Mütter mit Kindern sich aus Prinzip hoffnungsfroh und freudig geben – das ist in gewissem Sinne verständlich, schließlich wollen wir alle keine Blagen, die in einem Kellerloch mit Thomas Bernhard, Adorno, Beckett, Kafka und Throbbing Gristle, Laibach oder SPK als musikalischer Untermalung aufwachsen, ohne je das Licht der feindlichen Lebenswelt erblickt zu haben. Aber wenn’s um den Baby-Optimismus junger Mütter geht, dann sollte Rönicke besser eine Kolumne über Kate Middleton schreiben, statt über Adorno und Utopie. „Wie vermeide ich postnatale Depressionen und schwenke um zum optimistischen Frohsinn“ zum Beispiel. Oder „Ostmütter: Schlauer und froher als Westfrauen?“ Aber nein: Es muß der Versuch unternommen werden, in einem Banalszenario Adornos Satz vom richtigen Leben im falschen zu widerlegen, ohne einen Funken von Verstand und Lesesinn, in welchem Zusammenhang Adorno diesen Satz schrieb.

Nun ist allerdings und andererseits das Studium von Biologie, Chemie und Erziehungswissenschaften, wie es Rönicke absolvierte, nicht unbedingt dazu angetan, tieferen und vor allem ausdauernden Einblick in die Texte Adornos zu nehmen. Dieser Umstand ist nicht weiter schlimm, niemand kann alles können. Aber wer dann in einem Bereich über Dinge schreibt, wo ich nicht einmal mehr das Substantiv „Halbwissen“ anwenden würde, das bekanntlich das Gegenteil von Wissen bezeichnet, der sollte zurückhaltend formulieren. Das tut Rönicke aber nicht, sondern sie greift sich einen – leider zu Tode zitierten – Satz Adornos und bastelt anhand dieses Satzes Möglichkeiten gelingenden Lebens, um zu zeigen, wie man jenen Adorno-Satz aus den „Minima Moralia“ dann widerlegt. Denn es existiert in den Zwischenräumen gelebter Subkultur ja dieses wunderbar-richtige Leben. Rönicke hätte es sich in bezug auf diese Nischen freilich einfacher machen können. Es gab diese ja schon immer: Von den Wandervögeln (die einen wandern, die andren vögeln) bis hin zu den Beatniks. Ein bloßer Verweis auf die Drop-Outs der Hippie-Bewegung, auf die Landkommunen der 60er, 70er Jahre sowie auf die Innerlichkeitsapostel des Om-Om-Zens und der halbherzigen Selbsterkenntnis und überhaupt auf die gesamte Esoterik-Bewegung der 80er und 90er Jahre hätte doch ausgereicht: Alles Nischen, alles richtiges Leben im falschen, zumindest dann, wenn man der Diktion Rönickes folgt. Vielleicht noch mit einem Hinweis auf Fritjof Capra versehen, der bekanntlich ebenso die Modelle des richtigen Lebens entwarf: Du muß nur ganzheitlich sein, so der kategorische Imperativ des freilaufenden Schwachsinns.

Wie kann es angehen, daß jemand wie Katrin Rönicke, die von keinerlei Kenntnis getrübt ist, als Autorin einen Blog in einem Qualitätsmedium betreiben kann? Alle die gelehrsamen Einführungen zum Konzept von Utopie zum Beginn ihres Textes nützen da wenig, wenn am Ende gar nicht verstanden wird, worauf Adorno in jenem Satz seiner „Minima Moralia“ eigentlich abzielte.

Solche Prosa, wie Rönicke sie schreibt, nennen wir für gewöhnlich Gesinnungskitsch:

„Das richtige Leben im Falschen ist nicht pompös. Es verzichtet auf die Logik der Akkumulation. Es richtet sich stattdessen nach dem, was die Menschen, die es leben, wirklich brauchen. Was aber das Wichtigste ist: Es existiert. Adorno und sein „Es gibt kein richtiges Leben im Falschen“ sind widerlegt. Zumindest in den kleinen utopischen Nischen unserer Gesellschaft. Die es – na klar! –auch im Westen gibt. Aber gerade im Osten, der kollektiv verlassen wird, altert und in dem man „für ‘nen Appel und ‘n Ei“ manches Grundstück bekommen kann, sind die Räume für die Träume vorhanden. Utopien funktionieren nicht gesamtgesellschaftlich, aber doch punktuell. Wir können das richtige Leben schon heute an manchen Orten leben – wir können es sogar selbst aufbauen. Mit unseren Händen und unserem Engagement, …“

„Bau auf, bau auf, bau auf, Freie Deutsche Jugend bau auf!“, so singen wir nun mit der Verfasserin ganz wostig-wurstig-mostig getränkt, für eine besser Zukunft:

Es darf beim Lesen des Richtiges-Leben-im-falschen-Textes – natürlich kollektiv-utopistisch und im Raum akustisch verortet – gerne mitgeklatscht werden. Denn „Die Lerche singt frohe Lieder ins Tal/das Bächlein ermuntert uns all,/ und der Bauer bestellt/ wieder Acker und Feld,/ bald blüht es allüberall.“ Dank Katrin Rönicke nun auch wieder in der Ostzone: die blühenden Landschaften der Utopie. Katrin Rönicke – ein Kind von Kohl und Club-Cola. Was die deutsche Treuhand und Kohl nicht vermochten, das schafft der Utopismus von Frau Rönicke. „Unsere Heimat, das sind nicht nur die Städte und Dörfer, unsere Heimat sind auch all die Bäume im Wald.“ Und natürlich das für einen Ostapfel und ein Bioei erworbene beschauliche Häusle samt Grundstück. Vielleicht in der Sächsischen Schweiz oder in Thüringen. Mit so netten Nachbarn wie Skinheads Sächsische Schweiz (SSS) oder dem THS (nein, das ist keine Unterabteilung des THW), utopistisch-rockige Musikuntermalung samt raufröhlichen Oi-Rufen mit eingeschlossen.

Schön auch Rönickes Verweis auf das Kunsthaus Tacheles in Berlin. In dessen Treppenhaus roch es allerdings beständig nach Pisse, und es schaute dort derart vergammelt aus, daß der Dandy-Flaneuer aus dem Grandhotel Abgrund sich dort jedesmal mit Ekel hinbegab. Ein schöneres Bild, um die Qualität dieser Utopien zu zeigen und zu versinnlichen, läßt sich nicht mehr liefern: Das Kunsthaus Tacheles mit dem Pissetreppenhaus. Gott sei Dank wird es abgerissen.

Rönicke widerlegt Adorno nicht, sondern sie bestätigt vielmehr all seine Vorbehalte gegen die kulturindustriellen Positiv-Produktionen, zu denen auch Rönickes Text gehört, sowie gegen den kleinteiligen Privat-Funktionalismus, der sein Glück im Abgewandten sucht. Es gibt jedoch kein Draußen und keinen Fluchtpunkt: Weder im Innenraum des Reihenhauses, noch in der Provinz, noch im Altbaugrandhotelabgrund oder in den Pseudoerlebnisräumen der weiten, weiten hachsofreien Großstadt wie Berlin.

In Ungarn gab es den Gulaschkommunismus, dank Katrin Rönicke haben wir nun im real existierenden Kapitalismus den Sommerlochutopismus.

Doch das Gruseln kennt noch lange keine Grenzen und die Witzigkeit bekanntlich auch nicht, wenn man Martin Mittelmeiers Text zu Adornos Satz vom richtigen Leben im falschen liest. Wie Pseudoanalyse und Halblogik in die Kleingeisterei des mindergebildeten Besserwissers in der Verlagsbranche umschlagen, lese man hier. Wenn mir Zeit bleibt, muß auch der Komparatist Mittermeier abgewatscht werden.

Wer sich als Zeitungsinternetmedium eine solche Denk-Weise des Linksseichten, wie Rönicke es in ihrem Artikel fabrizierte, als Korrektiv fürs Konservative und Staatstragend-Bestanderhaltende ins Blogboot holt, der diskreditiert Linkssein vermutlich und insgesamt auf eine kluge sowie strategisch bewußte Weise, indem er linke Positionen als den dummen August im Zirkus der Meinungen vorführt. Schirrmacher und Konsorten wissen immer noch besser als jeder Gegenwartslinke, wie man dem Feind am wirkungsvollsten an den Kragen geht und dem Publikum als Komplett-Trottel vorführt. Und in diesem Schreib-Falle diskreditiert sich der Gegner sogar selbst: man braucht ihm nur im Medienimperium einen Platz zu sichern und ihn schreiben zu lassen. In diesem Sinne ist die FAZ allemal klüger als die Kopflosen im Springerkonzern.

Ach, es gibt übrigens noch einen zweiten treffenden Satz von Adorno aus den Minima Moralia: „Bei vielen Menschen ist es bereits eine Unverschämtheit, wenn sie Ich sagen.“ Gilt auch mit Kindern.

Und draußen, im Freien und Grünen, nur Kännchen …

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Dank geht an Julia Seeliger, daß sie diese Texthinweise auf Twitter in den Raum zwitscherte. Ansonsten wäre dieser Beitrag nicht zustande gekommen.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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106 Antworten zu Utopia calling: FAZ-Bloggerin im Sommerloch – „Bau auf, bau auf, bau auf, Freie Deutsche Jugend bau auf!“

  1. genova68 schreibt:

    Uiuiui, lass das mal den che nicht lesen…

    Aber ich glaube, du erwartest zuviel von der FAZ. Dort schreiben haufenweise Trottel, was Wirtschaft und politische Analysen angeht. Die haben ihren Ruf, weil sie offenbar immer wieder Fachleute in Sachen Kunst und Kunstgeschichte an Land ziehen und Leute wie Dath beschäftigen. In vielen anderen Bereichen ist die FAZ Schrott. Dieser durchgeknallte Alfonso schreibt da ja auch.

    Die Rönicke sollte man vielleicht nicht so streng lesen, die ist eher praxisorientiert und Naturwissenschaftler haben naturgemäß keine Veranlagung zu sinnvoller Gesellschaftsanalyse. Was sie in dem Artikel meint, ist aber klar. Dass das mit dem strengen Adorno nicht zusammengeht, ist auch klar, aber dieser Satz, nach dem es kein richtiges Leben im falschen gibt, hat doch auch etwas von Schülerzeitungsniveau. Wir haben nun mal nur das eine Leben und versuchen, das beste draus zu machen. Adorno tat das auch. Es ist sozusagen menschlich, sich gegen die Unverschämtheit dieses Satzes aufzulehnen.

    Überhaupt, diese einzelnen Zitate: Adorno würde sich sicher dagegen verwehren, dass aus der Minima Moralia ständig herausgepickt wird, was einem gerade passt.

  2. FrauWunder schreibt:

    Sie haben vollkommen recht; Ein richtiges Leben in der falschen Badewanne kann es nicht geben. Man sollte sich in diesem Punkt durch keinerlei Fantastereien oder utopischen Schwärmereien aus dem Konzept bringen lassen, egal ob diese brünett oder blond daherkommen. Schließlich und letztendlich hat die Erarbeitung dieser außergewöhnlich kritischen, analytisch treffsicheren und hochgradig neurotischen Haltung ein ganzes Intelektuellenleben bestimmt. Und es kann doch auch nicht angehen dass, nun schon Die dritte Generation Ost, die in schöner alter DDR- Tradition die Maxime ihrer Eltern vom ficken, feiern, Häusle bauen fortführen; dass ausgerechte die, nun die Schlüsselstellen des Bundesdeutschen Kulturbetriebs besetzen dürfen. Währenddessen die qualifizierten, durch tausende Semester gereiften Adorniten im Grandhotel auf nichts weiter verweisen können als auf die Deutungshoheit über das Leben an und das Leben für sich. Aber mein lieber Herr Bersarin, das Leben ist nicht gerecht und das wissen wir spätestens seit dem wir in Ihrem Blog lesen.

  3. FrauWunder schreibt:

    @genova

    …sich gegen die Unverschämtheit mancher Sätze auflehnen, das gefällt mir sehr gut. Das hat auch der Mittelmeier für meinen Geschmack sehr gut hinbekommen.

  4. Bersarin schreibt:

    Wie wäre es eigentlich, wenn Ihr alle einfach mal die Minima Moralia sowie die entsprechende Textstelle lest?! Wer hat sie bisher gelesen? Nun?????

    Gegen das Herausreißen und Verdinglichen von Zitaten würde sich auch Adorno wehren, das ist richtig, und genauso dumm war es, als zu meinen Studentenzeiten jemand in einem der Unigänge diesen Satz als Parole an die Wand schrieb. (Wahrscheinlich in tausend Unis geschehen, seinerzeit).

    Man mag den Don mögen oder nicht, aber er gehört, in dem was er schreibt, noch zu der klugen Fraktion.

    „Die Rönicke sollte man vielleicht nicht so streng lesen, die ist eher praxisorientiert und Naturwissenschaftler haben naturgemäß keine Veranlagung zu sinnvoller Gesellschaftsanalyse.“ Ach so, man sollte Texte also seicht lesen. Interessant. Wenn ich das, was jemand schreibt, nicht ernst nehmen soll, dann frage ich mich allerdings, warum wir überhaupt noch schreiben. Den Satz mit der Veranlagung nehme ich mal als Ironie.

    @ Frau Wunder
    Nein, das Leben ist nicht gerecht, und wer wie Rönicke herumfaselt, fabuliert und auf naiv macht, muß eben mit polemischen Reaktionen rechnen. Daß es Ecken und Residuen (nicht nur in Ost- oder West-BRD) gibt, wo es anders zugeht, zweifelt keiner an, und darum geht es auch gar nicht. Es geht auch nicht darum, das Privatleben zu denunzieren. Wenn aber falsche Argumentationsstränge aufgebaut werden, so gilt es dagegen zu opponieren. Insbesondere wenn eine Argumentation wie die von Rönicke auf eine derart seichte Weise daherkommt: Nein, wer hätte das gedacht, daß es auch Orte gibt, wo weniger Gewalt und Destruktion herrscht als in der übrigen Gesellschaft?! Was für eine Erkenntnis, und auch das Reich der Träume und des Schlafes oder das des Rausches ist zuweilen frei vom Fetischcharakter der Waren und der Verwertungslogik. (Wenngleich dort wiederum andere Logiken herrschen.)

    Zumindest zeigen die Reaktionen der Adorno-Nicht-Leser, daß der Satz Adornos immer noch trifft und den Heile-Heile-Welt-Optimismus erschüttert. Aber wie heißt es so schön in einem Kinderlied: In meiner Badewanne bin ich Kapitän. So gröhlt das seichte Bewußtsein.

    Ja, der Satz Adornos ist eine Unverschämtheit, weil die Zurichtung der Welt eine solche ist. Diejenigen, die sich über diesen Satz so sehr ereifern, sollten sich womöglich mal über ein paar andere Dinge Gedanken machen und dorthin ihre Wut tragen.

    Eigentümlich auch, daß die, welche die „Deutungshoheit“ der sogenannten Adorniten kritisieren, die ja von der CDU bis zu den Grünen die Parteien- und Kulturlandschaft dominieren, meist selber ziemlich deutungshoheitlich auftreten.

  5. FrauWunder schreibt:

    …wenn nach dem vielen ficken, feiern, Häusle putzen und der Lektüre anderer Autoren noch Zeit bliebe,dann, ja dann würde ich mich sogar durch die Minima Moralia quälen. Gut möglich auch in der Badewanne. Es ist immer ganz nett den eignen Heile -Welt Optimismus mit ein wenig Kulturpessimismus abzuschmecken. Aber auch in andere Richtung würde das ganz gut funktionieren; „Adorniten in die Produktion.“

    Und was das „professionelle“ schreiben von Blogs anbelangt, wissen wir doch wie das funktioniert; Ein bisschen Aroma, ein bisschen Paloma, ein bisschen Cichi.

    Schlüsselreize, Polemik und immer an die Leser denken, wobei sich diese leidige Wostdenke immer noch bestens verkauft….

  6. Bersarin schreibt:

    Der Sinn dieses Kommentars erschließt sich mir zwar nicht, aber er ist vielleicht dem selbst gebrannten Wodka oder der Hitze geschuldet. Wenn ich eine Kolumne über Fußball und über Dynamo Dresden oder Lok Leipzig schriebe, dann setzt das voraus, daß ich Dynamo Dresden oder Lok Leipzig kenne und zudem auch ein wenig von Fußball verstehe Ansonsten ist Schweigen angesagt, und es muß der Mensch nun auch nicht unbedingt zu allem und jedem in der Welt einen Beitrag schreiben. Oder?

    Übrigens hat Lok-Leipzig, wie wir dem Qualitätsblatt für den gehobenen Feinsinn-Journalismus, der Bild-„Zeitung“, entnehmen können, wieder Nummerngirls:

    http://www.bild.de/regional/leipzig/lok-leipzig/verein-hat-wieder-nummerngirls-31550766.bild.html

    Wie gesagt. Auch das eine Utopie und ein weiterer Schritt zur Befreiung der Frauen. Zumindest in der Lesart mancher.

  7. Julia Seeliger schreibt:

    Peinlicherweise suchte ich mir 2006 mal das Tacheles aus, um Fotos für ein Interview-Magazin zu machen. Ich schäme mich noch heute dafür.

  8. Bersarin schreibt:

    Na ja, besser im Tacheles Photos fertigen als solche FAZ-Texte.

  9. neumondschein schreibt:

    Ich finde, wenn ich mich in Dresden so umsehe, daß Fußball Männer unattraktiv macht. Muß ich mich deshalb mit Dynamo Dresden trotzdem beschäftigen? … nur weil ich Fußball beschissen finde…

    Ähnliches gilt für Adorno. Wenn ich mich umschaue, wer andauernd Adorno-zitierend mir Marx erklären möchte, dann wünsche ich mir die Kaderschulung der DDR zurück.

  10. Bersarin schreibt:

    Adorno (und andere Texte von Philosophinnen und Philosophen) sollte man sich nicht erklären lassen, sondern selber lesen. Es zwingt einen in dieser besten aller möglichen Welten übrigens niemand zur Lektüre von Adorno. Aber man kann dann, wenn man sie nicht gelesen hat, eben auch nicht über sie sprechen. So einfach sind die Dinge. Und wer mit solchem Schwachfug, auf den nicht einmal mehr der Begriff des Naiven zutrifft, wie ihn Rönicke fabriziert, auch noch Geld verdient: da gehört dann ordentlich eines draufgehauen. Aber da ist sie nun nicht die einzige.

  11. genova68 schreibt:

    Der Don ist menschlich ein extremes Arschloch, zumindest via Blog. So ein mieses Verhalten habe ich noch nicht erlebt. Ein komplexbeladener Ressentimentiker, der mit Vorliebe nach unten tritt und einen devoten wie arroganten Fanclub hinter sich herzieht. Worüber er schreibt, weiß ich nicht, weil er in der Regel auch im dritten Absatz noch nicht auf den Punkt gekommen ist.

    Man soll den Text von Rönnicke nicht seicht lesen, aber vielleicht mit dem Willen zur Verständigung. Ich meine zu wissen, was sie meint, und das finde ich nicht unsympathisch. Natürlich ist das unterkomplex und falsch, aber auf die kleinen Inseln aufmerksam zu machen, ist doch kein Grund, sich so aufzurgen.

    Vielleicht liegt meine Haltung daran, dass ich sie auf dem Bild sympathisch finde. Vielleicht falle ich auf diesen Charme der Naivität herein. Immerhin ist sie Sozialwissenschaftlerin. Vielleicht aber liegt meine Haltung daran, dass ihre bisherigen Texte (die ich las) sich dadurch auszeichneten, dass sie eben nicht aggressiv ist, auf Aggression nicht mit derselben Münze antwortet, und dass sie es deshalb verdient hat, das man sich nett mit ihr auseinandersetzt.

    Dich stört, dass Rönicke frech schreibt, Adorno sei widerlegt. Ich würde ihr da ein ordentliches Augenzwinkern zutrauen.

    Veranlagung: Ja, auch solch ein Wort solltest du in einem blog nicht auf die Goldwaage legen. Auch hier weißt du genau, was ich meine. Es geht nicht um Biologismus. Zur Kommunkation gehört immer der Wille zur Verständigung. Fehlt der, gelangt man vermutlich über kurz oder lang in die Momorulesche Sackgasse.

    Andererseits ist eine Reaktion wie deine ja auch nötig, auch gegen die Rönickes dieser Welt.

    Ach, was weiß ich.

    Adorno lesen: schöne Sache, aber sowas wie die Negative Dialektik ist eine Zumutung, Adorno konnte nicht schreiben und war elitär. Inhaltlich mag das noch so toll sein, die Form ist eine Zumutung und deshalb verdient es das Buch, im Müll zu landen. Alleine seine These, in einem Essay müsse jeder Satz gleichweit vom Mittelpunkt entfernt sein. Mein Gott, was für eine Scheiße.

    In der Folge haben dann die Postmodernen sich daran gemacht, das Verklausulierte von Adorno (keineswegs in all seinen Texten!) zu übertreffen, in vielen Fällen erfolgreich. Am lustigsten ist immer noch die Heideggerrezeption der Franzosen: Lasen die den im Original oder in einer Übersetzung? Wie übersetzt? Eine zittrige Basis, auf der sie munter drauflosplapperten.

    Ich erinnere mich an einen ähnlichen Fall bei Metalust, wo ich nach einer langen Diskussion über einen Satz von Foucault darauf aufmerksam machte, dass der Satz keinen Sinn ergibt, rein grammatikalisch. Da wurde tagelang über einen sinnlosen (oder einen variabel mit Sinn füllbaren) Satz diskutiert, ohne die grammatikalische Schieflage auch nur einmal zu erwähnen.

    Weniger Demut vor solchen Texten wäre angebracht.

    Was ich hier mache, ist ein emanzipatorisches Verhalten. Nicht der Schüler ist dumm, sondern der Lehrer unfähig. Das ist der erste Schritt, um jemanden wie Adorno wirklich ernst zu nehmen.

  12. Bersarin schreibt:

    Die Wut und Aggression gegen einen Text, genova, ist meist die Wut Aggression gegen sich selbst, weil man ihn nicht hinreichend versteht und auch nicht so leicht verstehen wird.

    Wenn ich mir zudem die Texte Genovas und die Adorno durchlese, fällt auch bei mir die Wahl nicht sehr schwer, wer von beiden nicht schreiben kann. Es ist sogar eine sehr einfache Entscheidung.

    Bevor Du einen Satz Adornos aus dem Zusammenhang brichst und als Blödsinn markierst, solltest Du diesen Satz sowie das, was damit gemeint ist, vergegenwärtigen. Ansonsten fällt der Blödsinnsvorwurf nämlich sehr schnell auf den Sprecher oder die Sprecherin zurück. So wie im Falle Rönickes.

    Das Problem bei der Philosophie ist, daß jeder, der zwei Sätze gelesen hat, meint, sich äußern zu müssen. Weshalb? Warum nicht einfach mal die Klappe halten und zugeben, in einem Bereich nichts zu wissen? Ich schreibe schließlich auch keine Kommentare zur Gehirnchirurgie oder mache hier im Blog Fußballanalysen oder Musikkritik. Es ist aber, wie bei vielen Dingen – auch in der Politik, wenn ich an all das Stammtischgerede denke, zu dem auch Rönicke gehört –, so, daß Philosophie und insbesondere die Texte Adornos (aber auch anderer Philosophen) eben nicht voraussetzungslos zu verstehen sind.

    Wenn ich etwas behaupte, genova, dann muß ich es belegen. Das ist bei allen Angelegenheiten so: bei einfachen und bei komplexen. Wenn jemand wie Hegel zum Anfang der „Wissenschaft der Logik“ schreibt, das Sein und das Nichts seien das selbe, dann reicht es als Widerlegung nicht aus, wenn ich behaupte: Also bei mir sind die beiden immer verschieden., es macht doch einen Unterschied, ob ich 100 Euro oder keinen Euro habe. Dann hat man nämlich den Hegelschen Zusammenhang nicht verstanden. Es ist, wie auch das Maurerhandwerk oder das Zimmermannshandwerk die Lektüre und Interpretation von Texten eine Sache, die gelernt sein will.

    Ja, man kann an manchen Sätzen ein ganzes Seminar aufhängen: das gilt übrigens auch für Kunstwerke, da kann sich an einem Detail eine jahrelange Auseinandersetzung auftun. Dies liegt übrigens zum einen an der Komplexion des Gegenstandes sowie an den unterschiedlichen Lese-, Text- und Interpretationswelten der Diskursteilnehmerinnen und -teilnehmer. Oder um es für Dich anschaulich zu machen: Ein Reihenhaus wird in der Regel schneller gebaut als eine Kathedrale, und sie ist zudem aufwendiger gestaltet.

    Den Satz von Foucault würde ich gerne noch einmal lesen, um das zu überprüfen, was Du behauptest. Es geht übrigens in der Lektüre nicht um Demut oder darum einen Text anzubeten, sondern um Genauigkeit. Natürlich kann man Adorno oder Aristoteles oder Foucault kritisieren, aber dazu sollte man das passende Werkzeug wählen. Der Holzhammer ist da nicht so geeignet.

    Ich traue Katrin Rönicke leider kein Augenzwinkern zu, sondern es manifestiert sich in ihrem Text die Seichtheit des Denkens. Wer beim Schreiben und (literarischen oder philosophischen) Denken die Wörter nicht auf die Goldwaage legt, der sollte nicht schreiben und denken. Oder sollte auch der Zahnarzt, der Dich an der Wurzelspitze operiert, seine Operationshandlungen nicht so auf die Goldwaage legen?

    Allein ihre Blognetiquette ist so derart langweilig und grauenhaft reglementierend, daß ich es vorgezogen habe, dort nichts zu schreiben.

  13. Mona schreibt:

    Ich finde, genau wie Bersarin, dass Don bei der FAZ noch zur klugen Fraktion gehört. Sein Meisterstück hat er aber mit diesem Text in seinem Blog abgeliefert. Der Text ist, genau wie dieser Blogbeitrag, durch Anstoß von Julia Seeliger entstanden:
    http://rebellmarkt.blogger.de/stories/2177530/

  14. Bersarin schreibt:

    Ich kann, was der Don schreibt, einerseits nachvollziehen und sehe das in Teilen auch so: Alle die, welche was in Medien mache wollen: tja, wer will das nicht: aber die Plätze sind halt rar. Und es kann nicht jede/r Journalist im Feuilleton der Zeit oder der FAZ oder als Starblogger mit Riesengehalt wirken, und wer bloß einen kleinen Blog betreibt, der verdient damit kein Geld. Andererseits würde ich mich auch wieder nicht auf das Arbeits- und Produktivitätsethos dieser Gesellschaft vereidigen lassen. Ich selber gehe aus der Notwendigkeit heraus zur Arbeit, um das Geld für mein Leben zu verdienen, ich verdiene nicht viel, aber auch nicht so wenig, daß ich mir die angenehmen Dinge des Lebens nicht leisten könnte.
    Was Julia Seeliger und den Anlaß zu diesem Artikelbetrifft, wo sie auf ihrem zweiten Blog von dem Wunsch nach einer Festanstellung schrieb, so habe ich dazu etwas beim Alten Bolschewiken geschrieben. Siehe hier bei shifting reality, wo es zudem eine sehr gute Analyse zum Arbeitsethos und zum Leistungsprinzip gibt. (Überhaupt empfehle ich jeder Leserin, jedem Leser seine Texte.)

    Ich habe sie dort kritisiert. Aber mehr noch als das, was Julia Seeliger schrieb, kritisiere und verachte ich zugleich diese Häme, die da im Kommentarteil beim Don über sie ausgegossen wurde. Ich selber schätze Polemik durchaus. Aber ich versuche, wo es geht, so auch bei Rönicke, sie an der Sache und nicht am Menschen selber festzumachen. In diesem Falle dem Adorno-Satz. Dabei kritisiere ich nicht die von Rönicke gelebten Lebensmodelle, sondern die von ihr beschrieben, die ich nur sehr eingeschränkt mit dem Begriff Utopie versehen würde. (Wenngleich sich in einem Text manchmal dennoch Polemik gegen eine Person und Polemik gegen den von ihr behaupteten Sachverhalt durchdringen.)

    Hätten hier bei den Kommentaren plötzlich eine Vielzahl von Kommentatorinnen und Kommentatoren auf Rönicke in einer Weise herumgehackt, die als unangemessen oder unter der Gürtellinie gelesen hätte, wäre ich vielleicht sogar umgeschwenkt und hätte Positionen von Rönicke verteidigt.

  15. ziggev schreibt:

    in einem Zimmer mit schweren schwarzen Möbeln, aber im Exil, die Möbel waren wahrscheinlich nur zusammengeliehen worden, gaben sie eben doch kein Zuhause, dem Intellektuellen. Adorno war nicht nur ein verhinderter Jazzer, sondern, wir blättern zum Anfang der Minima Moralia zurück, auch Proustleser. Ohne diese Proustreflxion ist diese Bemerkung für mich eigentlich nicht denkbar. Leider fühlte er sich genötigt, Theorien zu vertreten, immer wieder kommen aber diese biographisch eingefärbten Anmerkungen. Ich glaube, das Bedürfnis zu erkennen, auch mit seinem eigenen Menschsein für die vertretenen Positionen einzutreten, Respekt. Natürlich muss das niemand, aber wer´s macht: sicher ist sicher: Respekt.

  16. Bersarin schreibt:

    Es ist in der Tat so, daß Proust für Adorno eine sehr große Rolle spielte. Er hielt die „Recherche“ sogar für den bedeutendsten Roman des 20. Jhds. Halb im Ernst, halb im Spaß wohl meinte er, daß man nach Proust eigentlich keine weiteren Romane mehr schreiben könne. Von den „Minima Moralia“ bis hin zum Schlußkapitel der Negativen Dialektik“ bleibt Proust für Adorno bedeutsam, und zwar wesentlich über die Erfahrungsdimension, sozusagen als eine Art Brennglas, welches die Wahrnehmung und die Beobachtungsgabe schult. Darin liegt sicherlich auch die große Bedeutung, die Adorno innerhalb seiner Theorie dem Moment des Mimetischen beimißt.

    Daß er nun an Theorie arbeitete (nicht: vertrat), die zugleich aber immer auch etwas mit Praxis zu tun hatten: Tja, das ist nun einmal das Wesen der Philosophie. Aber seine Theorie überschritt zugleich doch den engen Raum, szientistischer Theoriebildung, selbst dort, wo es bei Adorno um Erkenntnistheorie geht.

  17. Introjekt schreibt:

    Nicht gelesen.
    Keine Argumente, nur Selbstdarstellung wie toll du doch selber Adorno begriffen hast und wie doof die Katrin doch ist.
    Was soll das?

  18. Bersarin schreibt:

    So etwas passiert, wenn die Introjektion falsch liest, dann werden auch die Einwürfe falsch: Ich habe nicht geschrieben, daß Katrin Rönicke doof wäre. Oder steht das irgendwo im Text? Sondern ich schrieb (in einer Polemik), daß sie diese Sentenz von Adorno nicht verstanden hat oder nicht verstehen will. Es mag ja sein, daß sie sich über diesen Satz ärgert, aber dann sollte Rönicke zunächst und vordem vielleicht über die Ursachen nachdenken.

    Man kann den Satz Adornos problematisieren, aber zu schreiben, daß er in dem Zusammenhang, in dem Adorno ihn äußerte, falsch sei, funktioniert nicht. Wenn ich es überspitzt nähme, könnte ich sogar behaupten, Rönicke affirmiere damit Faschismus und Stalinismus. Dies waren nämlich die prägenden Erfahrungen, unter denen Adorno seine „Minima Moralia“ schrieb. Begriffen?

    Und meine Frage an Dich zum Schluß: Hast Du dieses Buch gelesen oder gehörst auch Du zu denen, die einfach nur Statements in den Raum stellen?

  19. Introjekt schreibt:

    Ja ja, ich hab alle Bücher von Adorno gelesen. In meinem Kopf lese ich die Texte dabei allerdings immer in der Stimme von Homer Simpsons, das macht es unterhaltsamer.

  20. Bersarin schreibt:

    Woher stammt eigentlich dieses beständige unprofessionelle Verhalten beim Umgang mit Texten? Möchtet Ihr auch von Zahnärzten behandelt werden, die so arbeiten, wie Rönicke liest, wie Genova über Adorno urteilt, wie Introjekt ihre/seine Einwürfe tätigt?

  21. Introjekt schreibt:

    Ein Zahnarzt ist für tausende Menschen wohl wichtiger als eine Adorno Exegese.
    Ich frag mich woher Dein aufgeblasenes Ego herrührt, bleib einfach nächstes mal daheim wenn der Zahn schmerzt, das würde dir guttun! ;)

  22. Noergler schreibt:

    “ Worüber er schreibt, weiß ich nicht, weil er in der Regel auch im dritten Absatz noch nicht auf den Punkt gekommen ist.“

    Als die „Focus“ genannte Flachwixxe seinerzeit in den Markt sich begab, lautete der von Markwort verordnete Claim: „Schneller auf den Punkt.“ Dass Markworts Zielgruppenmitglied Genova mit Adorno, der nach 20 Bänden Gesamtausgabe noch immer nicht „auf den Punkt“ kam, Probleme hat, spricht für Markworts Marktinstinkt.

    Genova weiß nicht, worüber DonAlphonso schreibt. Was Genova nicht weiß, ist ihm Ansporn im Beharren auf dem Nichtwissen.

    Wer in deutschsprachigen Blogs den Don an sprachlicher Eleganz und Erkenntniszugewinn übertrifft, sehe ich nicht (wobei ich Bersarin unberücksichtigt lasse, weil da Galaxien dazwischen sind. Im Grandhotel Abgrund west der Don mitnichten, dafür ist er zu sozialdemokratisch, jedoch reflektiert er dezidiert dessen historisches Präludieren im 18. Jahrhundert.) Man lese nur des Dons mit der Rasierklinge durchgeführte Analyse (modern: Dekonstruktion) der Westerwellischen „spätrömischen Dekadenz“. Grandios, und es ist das Qualitätssignet eines außergewöhnlichen Historikers. Und was fiel da zu Zeiten dem Genova zu Westerwelle ein? Textvergleich?

    Oder Dons Philippika zu den kinderfickenden Pfaffen. Die „konservativen“ FAZ-Abonnenten rasteten aus.

    DonAlphonsos Texte funktionieren so, dass er mählich-hinterhältig auf den Punkt führt, den er entwickelt, und dann zündet die verblüffende Pointe in einer Erkenntnis, die vor diesem Text noch nie jemand hatte.

    Wenn Zwerge an Riesen ihre Pratzen abwischen, kommen sie leicht unter den Stiefel.

  23. Noergler schreibt:

    „Adorno war nicht nur ein verhinderter Jazzer“

    Was ein Glück, dass Du nicht geschrieben hast, die Jazzer seien verhinderte Adornos gewesen. Denn dann wäre ich ernsthaft sauer.

  24. Noergler schreibt:

    Introjekt fragt Bersarin:

    „Ich frag mich woher Dein aufgeblasenes Ego herrührt“

    Nörgler antwortet:

    Von dir. Abgeblasene und eingeschrumpelte Amöbopathen wie „Introjekt“ hatten auf diesem Blog noch nie viel Glück.

    Ich darf mich selbst zitieren: „Wenn Zwerge an Riesen ihre Pratzen abwischen, kommen sie leicht unter den Stiefel.“

  25. ziggev schreibt:

    ich sehe ein, zu meinem „Verständnis“ adornischer „Theorien“ sollte ich mich eher zurückhaltend äußern. Aber der Einfluss Prousts scheint mit hier unverkennbar. Und welcher halbwegs interessierte, halbintelligente und des Lesens fähige Mensch hätte Anfang des 20. Jh.s an diesem Werk vorbeigehen können? Ich glaube, es war Alexander Kluge, dem abgeraten wurde, sich mit Literatur zu beschäftigen: „Es steht eigentlich alles schon bei Proust“ – so in etwa könnte A´s abratende Replik gelautet haben. Adorno zählte wohl noch darauf, dass seine Leser noch selbstverständlich Proust präsent hatten, er irrte hier wohl trotz allem.

  26. alterbolschewik schreibt:

    Ich find’s immer wieder interessant, welche Emotionen Adorno bei Leuten weckt, die ihn angeblich nicht verstehen. Offensichtlich verstehen sie ihn nur allzu gut.

  27. alterbolschewik schreibt:

    Ups, das war jetzt nicht auf Ziggev gemünzt, auch wenn mein Kommentar unter seinem steht, sondern auf so Flachwichser wie Introjekt.

  28. hANNES wURST schreibt:

    Ich möchte genovas Geschmacksurteil widersprechen, der meinte, dass er Frau Rönnicke „auf dem Bild sympathisch finde“. Sie sieht aus, als säße sie am Frühstückstisch und betrachte prüfend Ihre im Labor gezeugten Mehrlinge. Dabei errechnet sie, ob es sich lohnt, weiterhin so zu tun, als ob es eine kleine Glücksinsel gäbe oder ob es an der Zeit sei, die Kinder für immer zu betten und auch Ihren Mann und sich selbst durch einen Schuss in den Kopf in eine bessere Welt zu befördern.

  29. ziggev schreibt:

    Kontingenterweise ging meiner Lektüre der Minial Moralia unmittelbar die der Recherche voraus, und dieser folgte wieder die Recherche, der wieder Adornos Standardwerk, und immer so weiter, über zweieinhalb Jahre. Ohne Proust hätte ich es nie entfernt gewagt, zu versuchen mich in Adornos Denken hineinzuversetzen. Aus der Perspektive des verhinderten Jazz-Musikers ist Adorno natürlich ein verhinderter Jazzer, aber angenähert an den Autor selbst spüren wir doch den Schmerz, dass er nicht hatte der zweite M. Proust (diesmal deutsch) sein können. Es ist der bedeutende Roman des 20. Jhd.s Adorno war nur klar, dass er in so kurzer Frist nichts Vergleichbares nachliefern würde können. Ohne das Exil und all das hätte er es aber werden können. Ein paar Restnachlieferungen finden sich aber dennoch in seinen theoretischen Schriften. Wir dürfen genießen.

  30. Bersarin schreibt:

    „Ein Zahnarzt ist für tausende Menschen wohl wichtiger als eine Adorno Exegese.“

    Mit dieser Argumentationsstruktur kann man übrigens auch die Tötung der für die Gesellschaft Nutzlosen rechtfertigen. Und schau mal Introjekt: Weil’s zum Denken nicht reicht: es wurde für Typen wie Dich die Bild-„Zeitung“ oder der „Focus“ gemacht. Da mußt Du Dich nicht mit so schwierigen Texten abmühen.

  31. Noergler schreibt:

    Die Hypothese, Adorno sei ein verhinderter Jazzmusiker gewesen, setzt seine Existenz als Schlagerkomponist voraus. Da Adorno bekanntermaßen jedoch kein Schlagerkomponist war, ist die Hypothese damit empirisch falsifiziert.
    Richtig ist, dass Lionel Messi nicht in der zweiten Liga spielt. Ein Sportreporter, der darob Messi als „verhinderten Zweitligaspieler“ bezeichnete, dürfte seinen Arbeitsplatz wohl als gefährdet ansehen.

    ********************************

    Der bedeutendste den Roman und das 20. Jahrhundert wie alle folgenden abschließende Roman des 20. Jahrhunderts ist Becketts „Watt“. Bei Proust und Joyce hat der Weltgeist nur geübt.

  32. Bersarin schreibt:

    @ Alterbolschewik und Nörgler
    Ja, Introjekt ist lustig. Er gehört (laut Selbstbezeichnung) zur Trollfraktion. Leider zu der Trollfraktion der Internet-Trottel, denen es an Esprit gebricht. Vielleicht sollte man auch für Internet und damit ebenso für Twitter eine Altersbeschränkung einführen: Freigegeben erst ab 21 Jahren.

    ________________

    Was die Texte des DonAlphonso betrifft, so stimme ich Dir zu. Ganz langsam, aber dann exakt, auf den Punkt und mit Brillanz trifft er sein Ziel. Dieses Verfahren macht seine Texte so überaus bösartig und damit eben: Treffend. Nichts für die schnellebigen Fakten-Fakten-Fakten-Halb-Checker.

  33. Noergler schreibt:

    Hellsichtig, wie Hanneswurst den Genova als Sexfreak uns enthüllt. In der Tat erscheint das Rönnicke-Pic wie ein Still aus einem Hitchcock-Film. Um daran sich aufgeilen zu können, muß man besonders sein, so besonders wie Genova. Dessen moralinschriller Tadel anläßlich Netbitchs offener Szenarien war je schon Ausdruck der Verleugnung eigener höchst finsterer Begierden.

  34. Julia Seeliger schreibt:

    Hallo,
    Ich halte die Sichtweise, dass R. muttchenhaft rüberkommt und oberflächlich (und überdies mit uninteressantem Stil) schreibt, auch für richtig, finde den Focus hier aber wie einige andere auch zu ad hominem. Man hätte sich mehr an der „falschen“ Verwendung des Adorno-Spruchs abarbeiten können, das kommt ja häufiger vor.

  35. Bersarin schreibt:

    Das ist einerseits richtig. Andererseits ist mein Text eine Polemik und ich wende das, was Rönicke macht, nun auf sie selber an. Hätte ich zu jenem Zitat von Adorno etwas schreiben wollen, änderte das die ganze Stoßrichtung der Polemik. Dann gäbe das einen Adorno-Text: Ich sehe aber den Sinn nicht, selber etwas zu begründen, wenn es darum geht, die Begründungen Rönickes als das aufzuweisen, was sie sind: Falsch. Über dieses Sozial-Seichte wollte ich mich belustigen, weil ich das so, wie es in dieser Form dargeboten wurde, für schlimmen Gesinnungskitsch halte. Auch ich würde allerdings sagen, daß Rönicke nicht gut schreiben kann. es gibt bessere Berufe für sie.

    Das Muttchenhafte ist mir egal. Darüber kann ich nichts sagen: Es gibt Mütter, es gibt Väter, es gibt Menschen ohne Kinder, und es gibt solche wie mich, die sich Kinder zur Hausarbeit halten und die diese Kinder nach getaner Hausarbeit dann Umhänge und Gewänder nähen lassen, die ich hernach in Discountern günstig feilbiete.

  36. genova68 schreibt:

    Ist ja gut, Nörgler. Schau lieber mal in den Jazz-Thread und beantworte meine Frage.

  37. Noergler schreibt:

    Man muß das politisch einordnen. Rönnicke ist eine Vertreterin der Linksgrünen der Nullerjahre, ein Typus. So sind die eben: die nicht so ganz einverstandene einverstandene Mittelschicht. Deren Kritikversion ist retro: Mittelschicht war mal geil, mit sicherem Job und so, aber jetzt werden sie geplättet von den aus ihr selbst Aufgestiegenen: „Finanzwirtschaft“, „Reits“, „Investoren“.

    Deshalb haben sie Angst. Linksgrün ist eine Variante der Reaktionsbildung zu den akuten Verwerfungen der gesellschaftlichen Oberfläche. Eine andere ist Ausländerheime anzünden und NSU. Beides sind Formen bürgerlicher Irritation. Rönnicke, Zschäpe und die Jazzfans wehren sich in der ihnen gemäßen Weise.

  38. Noergler schreibt:

    Es gibt einen Film, dessen Titel mir entfiel, irgendwas mit „Drachen“. Da geht es um den Konflikt zwischen dem jungen Christentum und den alten mythischen Mächten. Der Film ist C-Ware, aber wie das mit dem Trash so ist, findet sich darin bisweilen auch manch gute Idee: Der junge unerfahrene Missionar möchte die Macht des Christengottes beweisen indem er an den Höllenschlund tritt, um den Drachen zu beschwören. Mit mächtigen Worten ruft er den Drachen herauf, um ihn zu vernichten. Der juvenile Christ fuchtelt wild und mutig. Böser Fehler, denn der riesige Drache steigt tatsächlich auf, und der christliche Kritiker fällt ob der Übermacht entseelt zu Boden.

    Was will uns diese Erzählung sagen?

    Sie will sagen, dass Worte wie

    „Ist ja gut, Nörgler. Schau lieber mal in den Jazz-Thread und beantworte meine Frage.“

    keine wirklich gute Idee sind.

  39. ziggev schreibt:

    @ Nörgler: Dass Adorno ein verhinderter Jazzmusiker sei, diese Andeutung oder Vermutung meinerseits sollte nicht auf sein hinterlassenes Schrifttum bezogen gelesen werden, sondern sollte noch einmal seinen freien Sprachvortrag in den Vordergrund rücken. Er war in der Lage, elaboriert frei „über die Form“ zu improvisieren. Und das dabei herauskommende Sprachgebilde besagte dennoch etwas über sie Hinausgehendes. Das ist Jazz.

  40. ziggev schreibt:

    und wer das nicht verstanden hat, hat weder etwas vom dieser Musik begriffen noch das Wesentlichste, das Adorno uns als Geschenk hinterlassen hat.

  41. bersarin schreibt:

    Ziggev – bei Deinen Beiträgen weiß ich manchmal nicht genau, was Sache ist: Es liegen bei Dir das völlige Verfehlen, das kilometerweite Vorbeirasseln am Gegenstand und die geniale Einsicht, die pointierte Sentenz oft dicht beieinander. (Ich beziehe das hier nicht unbedingt auf den Jazz, weil ich dazu inhaltlich nichts sagen kann, sondern eher generell). Ein wenig muß ich bei Deinen Kommentaren, die ich übrigens (meist) durchaus schätze, an einen Satz aus Kafkas „Prozess“ denken: „Richtiges Auffassen einer Sache und Mißverstehen der gleichen Sache schließen einander nicht vollständig aus“, so der Geistliche im Domkapitel in seiner Rede.

    Eine der genialsten dekonstruktiv-dialektischen Einsichten, die Lektüre betreffend. [Und aus diesem Grunde ist die Hermeneutik eines Gadamer so grauenerregend vereinfachend.]

  42. ziggev schreibt:

    bersarin – ok.! es ist eine Frage der Disziplin. (habe mich wohl etwas gehen lassen.) Eine schöne Art der Disziplin, die jeder kennt, der oder die, wenn auch laienhaft, aber dennoch um so mehr davon fasziniert, sich einmal mit den großen Sprachkunstwerken des 20. Jhd´s beschäftigt hat.

    Dazu zähle ich nicht nur die Recherche, sondern auch insbesondere Adornos freien Sprachvortrag. — Vielleicht habe ich mich etw. zulange nicht mehr in derselben geübt, auch wenn es etwas gedemütigt klingt, durch diese Übung übt eins sich auch in Demut vor der Sache.

    Aber wenn inhaltlich nicht eingelöst wird, was die Form – etwa bei Adorno – verspricht, sondern uns stattdessen lediglich ein Fehlurteil nach dem andren präsentiert wird, sodass selbst der altebolschewik ungenau wird, schreibe ich schon mal einfach drauflos. Manchmal etwas zuviel. – Aber trotz allem danke für das Forum hier. – um das Thema Jazz und das von Adorno einmal in die Welt gesetzte globale Fehlurteil einmal zu diskutieren.

    Es ist übrigens dieselbe Disziplin, die es erfordert, sich in die Formen des Jazz einzuarbeiten.

    Ich bin sicherlich etwas in Free – Jazz – Gefilde abgedriftet, aber gerade hier haben wir wieder bei z.B. Ornette Coleman die Übereinstimmung der großen Form mit dem Dazwischenliegenden. Siehe sein mit dem Pulitzer Price ausgezeichnete Album Sound Grammar (2005). Geschweige sein The Shape of Jazz to Come von 1959.

    Ich gelobe, ich werde mal wieder etwas Wittgenstein, Russel oder dergleichen lesen. Allein aus Gründen der Disziplin. An Gadamer schätze ich allerdings seine liberale Grundidee. Vom ‚linguistic turn‘, wie er ihn versteht – zunächst einmal vom späten Wittgenstein herkommend, zudann aber auch als Wende zur Hermeneutik verstehend (und dabei sogar Leute wie Heidegger nicht unerwähnt lassend) – , dann überzugehen zum Gespräch, zum Verstehen im Gespräch: So unplausibel fand ich das nicht.

  43. ziggev schreibt:

    Wer´s ganz genau wissen wollte, hier ist der Link hoffentlich richtig : The Shape of Jazz to Come

  44. Bersarin schreibt:

    Adorno hielt seine Vorlesungen in Frankfurt frei, er hatte lediglich einen kleinen Notizzettel, auf dem die Stichworte notiert waren. Ansonsten sprach er ohne Aufzeichnungen und druckreif.

    Das Thema Gadamer ist ein weites Feld. Der Begriff des Sinns ist sicherlich nicht abstrakt durchzustreichen, aber eben auch nicht zu hypostasieren. Sprache ist eben nicht nur dialogisch. Immerhin geht es aber auch Gadamer um eine Art von „Sein zum Text“, wie er in dem lesenswerten Aufsatz „Text und Interpretation“ (in gleichnamigem Sammelband) schreibt. Allerdings opponiert dieser Position (im gleichen Band) Derrida, dem es um einen ganz anderen Begriff von Text geht, und zwar um die Aufhebung aller Vermittlung: „immer muß man sich doch fragen, ob die Bedingungen des Verstehens, weit entfernt davon, ein sich kontinuierlich entfaltender Bezug zu sein (…), nicht doch eher der Bruch des Bezuges ist, der Bruch als Bezug gewissermaßen, eine Aufhebung aller Vermittlung?“

    Rhetorisch natürlich interessant, weil Derrida hier im Grunde wieder eine dialektische und damit vermittelnde Figur ins Gespräch bringt: die Aufhebung aller Vermittlung.

  45. neumondschein schreibt:

    Was tut ein Christ, ein Moslem oder sonst jemand, dessen Weltauffassung als religiös aufgefaßt wird, angesichts eines geflügelten Wortes wie „Religion sei Opium für das Volk“? Karl Marx im Original lesen? Oder den Vorwurf, sein Bewußtsein sei vernebelt, kopfschüttelnd beiseiteschieben, und sich gefallenlassen, daß Marxisten ihn dafür schelten, weil diese meinten, religiöse Menschen dürften sich Kritik an diesem Zitat überhaupt nicht erlauben, weil sie Karl Marx nicht gelesen hätten? Mir ist ja klar, daß Katrins Ökoprojekte nicht den Kapitalismus aushebeln. Die Richtung von Bersarins Kritik zielt da aber auf einen Nebengegenstand, die auch noch unterstellt, Katrin würde Adorno-Zitate aus dem Zusammenhang reißen. Dabei tut nicht sie das, sondern Heerscharen von besserwissenden, rechthaberischen Adornoisten, die Adorno-Zitate zu geflügelten Worten haben werden lassen, so daß es also überhaupt nicht mehr notwendig ist, das Zitat auf senen Ursprung zurückzuführen, denn der ist ja relativ bedeutungslos.

  46. genova68 schreibt:

    „Ansonsten sprach er ohne Aufzeichnungen und druckreif.“

    In der Tat. Die Vorlesungsbände sind ja auch lesenswert. Ein Beleg dafür, dass Adorno konnte, wenn er wollte. Leute, die druckreif reden, sollten vermutlich keine Bücher schreiben. Das geht dann schief, siehe Adorno. Er hätte zeitlebens Vorlesungen halten sollen.

    Nörgler,
    bitte, bitte, erklär mir die Welt! Ich lecke auch deine Stiefel!!

  47. ziggev schreibt:

    Um was zu Gadamer zu sagen, bräuchte ich ein paar mehr ausgeschlafene Nächte, aber dann wäre es vermutlich sehr wenig. Aber auf die Schnelle würde ich Derrida hier einen logischen Fehler unterschieben wollen: Die Bedingungen für einen Text sind nicht der Text.

  48. Bersarin schreibt:

    @ ziggev
    Die Bedingungen für einen Text sind nicht der Text. Das mag sein (und Derrida schreibt so etwas ja auch nicht). Es liegen diese Bedingungen in Vielfältigem. Meist nicht herauszubekommen, weil der Text von einem dunklen Grund getragen wird. Oft biographische Details, zuweilen auch andere Texte. Der Unterschied zwischen Gadamer und Derrida liegt wesentlich im Begriff des Verstehens. Es treffen da zwei sehr unterschiedliche Positionen aufeinander.

    @ Neumondschein
    Es geht in diesem Zusammenhang nicht um geflügelte Worte. Denn wir befinden uns hier nicht in einer Analysestunde für die Sprichwörtersammlung. Wer sich durch dieses Zitat von Lenin (nicht von Marx!) gestört fühlt, der möge sich dann mit ihm auseinandersetzen. Bei Marx heißt die entsprechende Stelle übrigens „Sie ist das Opium des Volkes.“ (MEW 1, S. 378) Lesenswert auch die Passagen davor und danach. In der Einleitung „Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“.

    Es mag Adorniten, Marxisten, Foucaultisten oder was immer an verdinglichten Text-Lesern möglich ist, geben: Nur berechtigt das eben nicht 1: aus dem Zusammenhang gerissen zu zitieren und 2: dann davon zu sprechen, der zitierte Satz sei durch die Beifügung irgend eines Faktums widerlegt. Mögen auch viele aus dem Zusammenhang zitieren, aber deshalb ist dieses Verfahren trotzdem nicht statthaft (egal ob Rönicke nun jung oder alt, blond oder dunkel, Mann oder Frau, klug oder schlau ist.) Nur weil in Berlin sehr viele Radfahrer Ampeln bei Rot überqueren, wird es sich der Gesetzgeber sicherlich nicht einfallen lassen, dieses Brechen von Verkehrsregeln generell für gültig zu erklären.

    „Die Richtung von Bersarins Kritik zielt da aber auf einen Nebengegenstand, die auch noch unterstellt, Katrin würde Adorno-Zitate aus dem Zusammenhang reißen.“ Genau das tut sie aber: Oder hat sie an irgendeiner Stelle ihres Textes auf die „Minima Moralia“ Bezug genommen? Rönicke ging es darum, ihre Subjektivität bzw. Subjektivierungsweisen jenseits des gesellschaftlichen Allgemeinen als Widerlegung dieses Adorno-Satzes auszugeben. Zudem vermute ich immer noch, daß Rönicke von Adorno nicht eine einzige Zeile gelesen hat. Aber damit ihr ansonsten dürftiger Text ein wenig aufgemotzt wird und besser klingt, wird dann ein Name bzw. eine (scheinbare) Position, die sich in Rönickes Vorstellung mit diesem Namen in Verbindung bringen läßt, in ihren Text eingeflochten.

    Aber ich sehe schon: ich werde nächstens einen Text zu Adornos „Minima Moralia“ machen müssen. Schließlich besitzt auch dieser Blog einen Bildungsauftrag.

  49. Bersarin schreibt:

    @ genova
    Ja, vielleicht hätten wir das Schreiben der „Ästhetischen Theorie“ oder der „Dialektik der Aufklärung“ doch besser genova überlassen.

  50. El_Mocho schreibt:

    Das ist deine übliche Masche, Bersarin: Wer immer einen deiner Säulenheiligen zu kritisieren wagt, hat ihn nicht verstanden, ist ein Halbgebildeter und überhaupt ein Dummkopf.

    Dabei liegt doch auf der Hand, dass es hier um eine völlig inhaltsleere aber gut klingende Phrase geht, als würde Adorno (oder sonst jemand) über Kriterien verfügen um festzulegen, was ein richtiges oder faklsches Leben ist bzw. zu sein hätte.

    Diese Art von Sätzen eignen sich allerdings wunderbar, um Leute,deren Weltbild oder Lebensstil einem nicht passen, zu denunzieren.

    Hört jemand lieber Rachmaninoff als Schönberg, lebt er ein falsches Leben. Liest er lieber Krimis als Proust, ebenso. Geht er lieber ins Kino und schaut Actionfillme statt sich „Warten auf Godot“ im Theater anzutun, dto.

    Eien ganz billige Masche.

  51. Noergler schreibt:

    So tief, Genova, werde ich meine Stiefel nicht sinken lassen.

  52. Noergler schreibt:

    Ziggev, Genova, El_Mocho, Neumondschein – der Bürger wird rabiat, wenn die radikale Kritik ihm die Suppe versalzt.

  53. Bersarin schreibt:

    „Das ist deine übliche Masche, Bersarin: Wer immer einen deiner Säulenheiligen zu kritisieren wagt, hat ihn nicht verstanden, ist ein Halbgebildeter und überhaupt ein Dummkopf.“
    So ist es, und solange mir jemand mit ihrem, mit seinem Text nicht das Gegenteil beweist, bleibt es auch dabei.

    Darwins Evolutionslehre ist übrigens bereits durch die Schönheit der Natur und ihre harmonischen Formen widerlegt. Denn es sträubt sich das menschliche Bewußtsein dagegen, daß so etwas Herrliches und Vollkommens wie die Natur durch Selektion und blinde Arterhaltung entstanden sein solle. Insofern gilt in der Biologie von nun ab der Kreationismus.

  54. neumondschein schreibt:

    Ja ja, ist ja gut. Katrin ist übrigens – glaube ich – Doktorandin beim Herfried Münkler an der Humboldt-Uni. Sie muß da auf die Plagiatsjäger im Internet achtgeben. Sie drehen aus jeder Verfehlung einen Strick bzw. die Massenmedien tun das, sobald Katrin einflußreiche Positionen erreicht hat. Genauigkeit in der wissenschaftlichen Arbeit wird sich auszahlen.

    Auf der anderen Seite muß man ja einen Unterschied machen zwischen dem Kontext eines Zitats und der Art und Weise, wie ein Zitat in der Öffentlichkeit gebraucht wird. Wenn einem letzteres mißfällt, kann und muß man das korrigieren. Es laufen ja so viele wichtigtuerische Spruchbeutel herum, die andauernd Marx, Schiller, Luther, Nietzsche, Schopenhauer, Tucholsky und Heine zitieren. Da kümmert sich auch niemand um den Kontext der betreffenden Textstellen. Bersarins Kritik müßte dann in etwa so gehen:

    Liebe Katrin: Ich finde es ja schon seltsam, daß Du in verlassenen Braunkohletagebaurestlöchern und Industrieruinen weiter Fünfjahrespläne erfüllen und übererfüllen möchtest, obwohl der Kommunismus ja eigentlich abgeschafft wurde, oder rätekommunistische Gesellschaftsentwürfe ausprobieren möchtest, obwohl die für widerlegt erklärt wurden. Ich finde das komisch. Aber mach mal! Nur denk bitte daran: Wem auch immer Du begegnen wirst, der Dir das ausreden möchte, Adorno wird nicht unter ihnen sein, auch wenn noch so viele seiner Zitate die Luft erschüttern mögen.

    Dann müßte man sich um den common sense, also den Gesinnungskitsch kümmern. Woher kommt der? In welchem Zusammenhang steht der mit den Originalautoren? Was bedeutet Totalitarismus? Gibt es die geistige Beziehung zwischen Erika Steinbach und Hannah Arendt wirklich? Findest Du es gut, daß die Piratenpartei ständig „1984“ zitiert und die darin enthaltene Dystopie dabei auf den freien Westen bezieht, anstatt auf Deine rätekommunistischen Gesellschaftsentwürfe, wie es bei totalitarismuskritischen Theorien eigentlich sein müßte? So ganz nebenbei, etwa in einem Abschnitt des siebenten Teiles der zwölfteiligen Serie könnte man auch den Kontext in Adornos Werk erwähnen. Das ist eigentlich überhaupt nur deshalb wichtig, weil Gernegroße unbedingt auf hochstaplerisch-wichtigtuerische Art Autoren zitieren müssen, deren Werke ihr gar nicht verstanden habt, was den armen Bersarin ärgert.

  55. Bersarin schreibt:

    Wenn K. Rönicke bei H. Münkler promoviert, dann sollte sie sich in Denken und Schreiben um einiges ändern. Und in ihrem Falle gilt: Es kann nur besser werden!

    Ich habe nun zum gefühlten 109. Mal geschrieben, weshalb Rönicke Unfug schrieb. Wer behauptet, den Satz des Autors X oder Y widerlegt zu haben, der muß dies auf eine logische korrekte Art tun. Ansonsten hätte ja auch ich gerade eben, im Post von heute 13:13 Uhr die Evolutionstheorie widerlegt.

    Weiterhin: in der Philosophie werden Sätze, Positionen und Texte nicht widerlegt. Ansonsten müßte sich ja niemand mehr mit Platon beschäftigen, weil von Aristoteles widerlegt und auch nicht mit Kant, weil von Hegel widerlegt. Und nicht mehr mit Hegel, weil von Kierkegaard widerlegt usw. Man kann ein Buch oder einen Satz aus den „Minima Moralia“ problematisieren. Widerlegen aber kann man Buch oder Satz nicht. (Dieser Umstand kommt, sozusagen wissenschaftstheoretisch, noch hinzu.) Allenfalls kann ein Satz falsch sein. Dazu muß man dann aber schon den Zusammenhang auftun, in dem der Satz steht. Hat Rönicke das gemacht?

  56. Bersarin schreibt:

    Andererseits freilich scheint seit Guttenberg der richtige Umgang mit Text und Zitat ein wenig aus der akademischen Mode gekommen zu sein. Insofern sollte ich vielleicht bei K. Rönicke nicht zu streng sein.

  57. neumondschein schreibt:

    …übrigens werden auch in der Mathematik, Naturwissenschaft und Technik Sätze, Positionen und Texte nicht widerlegt. Euklid ist nicht widerlegt, genausowenig wie Archimedes, Galilei, Laplace oder Newton. Ihre Theorien wurden schöpferisch weiterentwickelt. Das ist etwas ganz anderes. Menschliche Erkenntnis ist ein schöpferischer Prozeß, der sich von einfacheren zu höheren Formen entwickelt. Gerade der älteste aller Mathematiker, Euklid, steht derzeit am Firmament der mathematischen Welt am höchsten, seitdem nicht nur Physiker sondern auch Computeralgorithmenkonstrukteure Mathematik im großem Ausmaß gebrauchen, und Euklids „axiomatische Methode“ spätestens seit Hilbert als absolutes Fundament angesehen wird.

    Dafür gibt es Unterschiede zwischen Guttenberg und Lammert. Guttenberg ist ein Aufschneider, Hochstapler, Blender. Bei Lammerts Verfehlungen wurde ich sagen: „Unwichtig; ist ja kein Wissenschaftler…, Werk falsch wiedergegeben? Na und!“.

  58. Noergler schreibt:

    Phänomena wie „neumondschein“ sind es, über die DonAlphonso sagte, man wisse nicht recht, ob das Internet ihrem Irresein bloß die publikative Plattform bietet, oder ob nicht die Webwelt das Phänomen allererst erzeugte.

  59. Bersarin schreibt:

    Neumondschein, könntest Du bitte mal endlich beim Thema bleiben, bitte!

  60. genova68 schreibt:

    „Nur weil in Berlin sehr viele Radfahrer Ampeln bei Rot überqueren, wird es sich der Gesetzgeber sicherlich nicht einfallen lassen, dieses Brechen von Verkehrsregeln generell für gültig zu erklären. “

    Genau das aber wäre sinnvoll. Radfahrer fahren bei rot, wenn die Straße frei ist. Wieso nimmst du hier plötzlich eine reaktionäre, obrigkeitsstaatliche Perspektive ein? Kommt hier ein ähnliches Muster zum Vorschein wie bei der sogenannten Verteidigung Adornos? Wer etwas kritisches über ihn sagt, wird niedergemacht, egal wie?

    Nörgler, Bersarin, kommt aus eurer pubertären Phase raus. Ihr habt einiges auf dem Kasten, vermittelt euer Wissen weiter, aber nicht wie der Volksschullehrer aus den Fünfzigern.

    Ihr wollt nicht verstehen, deshalb versteht ihr nichts. Ihr wollt das Unverständnis, um den Anderen zu degradieren. Bei Rönicke ist das auch wieder zu sehen: Statt man die Kritik dort im Blog vorbringt und sie zum Reagieren zwingt, wird hier jeder zur Sau gemacht, der versucht zu verstehen. Und wenn man irgendwas gegen Adorno sagt, dreht ihr am Rad.

    Ich interessiere mich hier seit Jahr und Tag für Adornos Ästhetik. Aber es kommt hier fast nur Hohn und Schrott als Antwort. Nörger ist vermutlich ähnlich arrogant wie Don Alfons, nach-unten-treten als Freizeitsport, vermutlich als Ausgleich für irgendwas; bersarin weiß nicht so recht, ihm macht das Arschlochsein auf Dauer keine Freude, deshalb kann man mit ihm meist ganz gut kommunizieren.

    Zu Nörglers Haltung zum Jazz könnte man einiges schreiben, es kommt da schön zum Ausdruck, dass selbst Adorno verhunzt werden kann, wenn man seine Schwächen markiert und betont. Auf Jazz die Adorno-Schablone zu packen und dann festzustellen, dass Jazz an Mahler nicht herankommt, das ist exakt die Dialektik der Aufklärung, die umschlagende Vernunft, das angeblich Allgemeingültige als Maßstab zu nehmen und das Nichtgeltenlassen von allem, was sich als anders begreift. Ausgerechnet mit Adorno wird diese Form von Gewalt begründet.

    Möglich, dass autoritäre Personen Adorno ge- und missbrauchen, um das Autoritäre zu verdecken, wer weiß. Auch möglich, dass ihr euch unbewusst an diese Schwachstelle von Adorno dranhängt, die Körper-Geist-Trennung bei ihm die ihm das Verständnis von so manchem verunmöglichte. Diese Körper-Geist-Trennung setzt euch in den Stand, so arrogant und reaktionär zu agieren, wie ihr es immer wieder tut. Deshalb betont ihr das indirekt immer wieder. Ohne Intellekt seid ihr auf eure schlaffen Körper zurückgeworfen, da sei Adorno bitte vor.

  61. Bersarin schreibt:

    Ähnliches Argument wie bei den Radfahrern, und da stimmte der so progressive Radler genova dann bestimmt auch zu: Weil fast alle Soldaten an der Front und dahinter Menschen erschießen, ist es ok als Soldat Menschen zu erschießen. Es geht um ARGUMENTATIONSMUSTER. Sag mal, was ist daran so schwierig zu begreifen? Nur weil viele aus dem Zusammenhang zitieren, dürfen wir alle nun aus dem Zusammenhang zitieren? Weil Guttenberg plagiiert hat, dürfen wir alle plagiieren? Es werden hier aus Fakten Aspekte abgeleitet, die so nicht ableitbar sind. Naturalistischer Fehlschluß könnte man das in anderem Zusammenhang auch nennen, bzw. vom Sein aufs Sollen zu schließen. Und darum ging es: daß Neumondschein sich auf einen Common Sense des luschigen Zitateumgangs als Rechtfertigung berief. Was die Radfahrer betrifft, bin ich übrigens der Meinung, daß diese, auch wenn sie Grün haben, für Autos, deren Ampel rot zeigt, zu halten haben.

    Rönicke hat Blödsinn geschrieben, in vielfacher Hinsicht, sie hat die „Minima Moralia“ nie gelesen. Darum geht es. Nicht-Wissen ist nicht schlimm, aber es scheint mir dann doch ratsam, einfach die Klappe zu halten und sich nicht zu weit aus dem Fenster zu lehnen.

    Wenn der Kleinbürger nicht weiter weiß, psychologisiert er. Schön aber, daß der Kraft-durch-Freude-Körper-Genova sich so sehr auf die Sinnlichkeit des Körpers beruft. Was machen wir morgen?: Reichsarbeitsdienst statt Foucault, Ausdauerfitness statt Hegel, Discotanzen statt Descartes, Crossfit zur Arbeitseinsatzoptimierung?

    Was den Körper betrifft: Man denkt mit dem Kopfe! Bei manchen freilich habe ich den Eindruck, daß sie es eher mit dem Arsch tun.

  62. Bersarin schreibt:

    Man kann Deine Auslassungen auch noch weiter analysieren, genova: Herrschaftswissen wird dort produziert, wo jemand auf andere herabblickt. Ich mache mich hier aber nicht über Yusuf aus Gropiusstadt, Janina aus dem Märkischen Viertel, Cindy aus Marzahn oder Kevin aus Kaulsdorf lustig und führe sie am Nasenring ihres Nichtwissens durch die Manege, indem ich darlege, daß Cindy nie Adorno und Hegel gelesen hat, sondern ich spotte über und polemisiere gegen solche, die bestimmte Ansprüche vertreten, die schlicht falsch sind; in diesem Falle über jemanden, die im Blog einer durchaus wirkungsmächtigen Zeitung schreibt. An diesen Ansprüchen und Argumenten wird sie, wird er dann gemessen. Ist das so schwierig zu verstehen? Gerne kann man Adorno kritisieren. Aber das bitte in einer Weise, die angemessen ist. Ich werde demnächst einen Text zu den „Minima Moralia“ machen. Nicht so sehr wegen Rönicke, sondern weil dieses Buch ein wichtiges ist; es regt ja heute noch viele auf, was ich als Umstand schon sehr interessant finde.

    Interessant aber auch, wie regelmäßig das Ressentiment derer auftaucht, die nie eine Zeile Adorno gelesen haben und wenn, dann wurde die Lektüre sehr schnell abgebrochen. Du erlaubst Dir Text-Urteile, genova, die Dir ganz einfach nicht zustehen und die über Redensweisen und Vorurteile nicht hinausgehen. Du brichst eine Satz aus „Der Essay als Form“ heraus und markierst ihn als Blödsinn, ohne darzulegen weshalb, ohne ein einziges Argument ohne den Zusammenhang zu nennen, in dem dieser Satz steht. Philosophie ist keine Tafel Schokolade oder ein Kühlregal im Supermarkt, an denen man sich bedient.

    Wie gesagt: wenn ich so wie Du oder El_Mocho verführe, dann wäre die Evolutionstheorie seit gestern widerlegt und die Biologie muß umgeschrieben werden.

    Weshalb ich nicht in Rönickes Blog schrieb, legte ich dar. Ich hatte es eigentlich vorgehabt. Zudem kann ein solcher Text, wie ich ihn schrieb, nicht als Kommentar stehen.

    Also: strengt Euch beim Schreiben von Kommentaren, Texten und Glossen in Blogs ein wenig an. Ich mache das schließlich auch.

  63. ziggev schreibt:

    Ich glaube nicht, dass nun „Adorniten“ sich verteidigen müssten. Warum nicht einfach mal die betreffende Stelle lesen, bevor zitiert wird? Aber zu Roenicke vielleicht das folgende: In den Spät-80ern, der Zeit der Anti-AKW-Bewegung, der Häuserbesetzungen, in Hamburg der Hafenstraße, der Anfänge der Öko-Bewegungen, war in politischen Diskussionen kaum ein Begriff häufiger diskutiert als der der Utopie. Gibt es überhaupt ein „Aussteigen“, mal realistisch beäugt? Kann es denn alles gewesen sein, sich in Kleingarten-„Nicht-Orten“ wohlig mit Makrobiotik und selbstgemachter Musik einzurichten? Sollte das alles gewesen sein, sich in Bhagwan-Kommunen zu flüchten? Desh. ernteten die Hafenstraße-Leute ja auch die Sympathie so mancher. Weil sie sich dagegen politisch etwas radikaler gebärdeten.

    Auch wenn dort einzelne für meine Begriffe zuweit gingen, wenn es denn stimmt, dass Gehwegplatten vom Dach auf anstürmende Polizisten fallen gelassen worden. Selbstverständlich sah ich zu, mich von solchen Diskussionen fernzuhalten. Diese Diskussionen um den Begriff der Utopie waren aber einfach nicht zu überhören. Warum? Natürlich deshalb, weil es auf der Hand lag, dass eine Spät-Hippie-Öko-Nieschen-Idylle, in die sich zurückzuziehen nun möglich schien und verlockend war, letztlich nur das System stützen würde. Die Sache ist doch ganz einfach: In dem Moment, in dem ich meine „Utopie“ verwirklicht habe, habe ich nun mal keine Utopie mehr im ursprünglichen Sinne. Dem Nicht-Ort ist das „Nicht“ abhanden gekommen. Very. very simple.

    K. Roenicke hat nun hier und dort in ein paar Bücher hineingeschaut, nur bei Bloch nicht, das müsste eigentlich erstaunen, gibt sich gebildet, nur um dann wahllos irgendwelche Öko-Nieschen uns vorzuknallen. Dass mit solcher Affirmation selbstverständlich die Affirmation des Gesamtsystems unumgänglich ist, ist ihr wohl nicht aufgegangen. Oder sie wird für ihre so zurschaugestellten Unwissenheit bezahlt.

    Um es noch zu toppen, und um ihre wildgewordene Bejahung alles Bestehenden zu kaschieren, nimmt sie eine leider zutodezitierte Zeile von Adorno als Aufhänger. (Wodurch sie einmal mehr ihre unverbesserliche Unwissenheit demonstriert.) Minima Moralia – Reflexionen aus dem beschädigten Leben, so heißt der genaue Titel. Adorno hier so zu verwursten ist einfach in jeder Weise unanständig. Intellektuell wie auch menschlich. Aber Unwissenheit schützt offenbar vor jeder Scham.

    Es stimmt zwar, es gehörte zu den feuchtesten Träumen eines jeden (möchtegern-) Intellektuellen einer bestimmten Zeit (grob umrissen: die 70er ff.), einmal so zu klingen wie Adorno Himself. Aber von dieser Zeit hat Roenicke ja nichts mehr mitbekommen. Stattdessen greift sie sich ein Zitat, wie ich mir ein Micky-Maus-Heft zur Klolektüre hasche.

    Es stimmt aber nicht ganz, dass von bersarin, dem nörgler hier einfach nur diesem Kult gehuldigt würde. Als ich versuchte darzulegen, dass mir Adornos Kritik am Jazz durchaus uneinsichtig sei, weil teilweise tautologisch formuliert, terminologisch zu vage und deshalb im Detail nicht nachvollziehbar, und, nehmen wir einmal das Phänomen, wie es sich seinerzeit bot, genauer in Augenschein, einfach nur schwer ausweisbar, hatte ich nicht das Gefühl, jemand wolle mich jetzt bloß hier wegbeißen.

    Im Gegenteil ergab sich eine vertiefte Lektüre der diskutierten Stelle, es wurde (vom altenbolschewiken) vorgeschlagen, auch autobiographische Aspekte mitzuberücksichtigen.

    Roenicke beliebt aber ihren dürrbeinigen Wahnkonstruktionen von „Nicht-Orten“, die allein in ihrer Irrwitzigkeit etwas mit Utopie zu tun haben, vorne einen Aufkleber „es gibt kein …“ draufzubacken, als würde dies es ihr erlauben, den von ihr zum Slogan herabgezerrten Adorno schwuppdiwupps umzukehren.

    Nicht nur tut sie bloß nur so, als hätte sie sich mit dem Begriff der Utopie auseinandergesetzt, sie kennt die Diskussionen um diesen Begriff nicht, die die Alternativbewegungen von Anfang an begleiteten. Sie macht Adorno in ihrer Unwissenheit zu porno. Einfach nur den betreffenden Abschnitt zu lesen hätte ihr etwas mehr Anstandsgefühl beigebracht. Ihre Ausführungen sind so nichtssagend, so wenig selbsttragend, dass es ist, als hätte sie tatsächlich etwas zu ihren Aufhängern, „Utopie“, ein berühmtes Adorno-Zitat, sagen wollen. Genau hierzu ist es nun aber schlicht falsch, in welche Kontexte sie sie stellt.

  64. Bersarin schreibt:

    @ ziggev
    Ja, und das eben macht den Rönicketext so ärgerlich, daß er zunächst auf einem relativ akademischen Niveau, das ich durchaus schätze, etwas zu den Utopien schreibt, das Thema also auf eine eigentlich angemessene Höhe bringt. Damit erzeugt sie dann allerdings eine Fallhöhe, aus der herab Rönicke sich mühelos in die Tiefe des Banalen stürzt, wenn sie von irgendwelchen Schrebergartenutopien schreibt:

    „Dass mit solcher Affirmation selbstverständlich die Affirmation des Gesamtsystems unumgänglich ist, ist ihr wohl nicht aufgegangen. Oder sie wird für ihre so zurschaugestellten Unwissenheit bezahlt.“

    Genau so ist es. Und das macht den Rönicke-Text so ausgesprochen ärgerlich. Wer mit solchen Methoden arbeitet, wird dann eben in Kauf nehmen müssen, daß mit denselben Mitteln zurückgezahlt wird. Nur daß meine Polemik durchaus Argumente enthält und keine Behauptungen.

    Aufgrund der komplexen Thematik im Hinblick auf Adorno werde ich dann demnächst einen kleinen Text zu den „Minima Moralia“ machen.

    Und was die Jazz-Diskussion betrifft, so schreibst Du: „hatte ich nicht das Gefühl, jemand wolle mich jetzt bloß hier wegbeißen.“ So lese ich das auch, ich selber habe mich da eh zurückhaltend geäußert, weil ich im Detail dazu nichts beitragen kann. Aber an einer Kritik, die in die Sache geht, bin ich natürlich interessiert. Und Deine Verteidigung des Jazz: Darüber eben kann man diskutieren. Man kann da auch mal gerne polemisch antworten, so wie Ziggev, Nörgler und teils auch Alter Bolschewik. Aber alle diese Polemiken gingen nicht an der Sache vorbei. Wie man auch über den Satz Adornos aus den „Minima Moralia“ debattieren kann. Man könnte sich zum Beispiel fragen, welche Aussagen Philosophen über Lebensstile und Lebensweisen überhaupt machen können. Wieweit vom Besonderen aufs Allgemeine geschlossen werden darf, (Stichworte auch: reflektierende und bestimmende Urteilskraft [Kant, der mit dem Transzendentalen höhö])

    Und insofern wünsche ich mir hier im Blog endlich mal eine Adorno-Kritik, die angemessen ist, die nicht bloß das eigene Unverständnis und den Lektüremangel ostentativ und fast schon pornographisch bis hin zum Fremdschämen zur Schau stellt oder mit den ewig-gleichen Pauschalen dahergeschnattert kommt. Da waren mir dann damals doch die Repliken des Momorulez immer noch sehr viel lieber. Auch wenn es mit ihm zuweilen heftig abging, hangelte man sich weitgehend an der Sache entlang.

  65. hANNES wURST schreibt:

    These men do not want a happy ship.

    – Sgt. Pinback

  66. Bersarin schreibt:

    „And what shall we do with the drunken sailors?“
    Arthur Rimbaud, Das trunkene Schiff

  67. El_Mocho schreibt:

    Na gut, dann schauen wir uns doch diesen famosen Text mal näher an, zugänglich hier: http://www.offene-uni.de/archiv/textz/textz_phil/minima_moral.pdf

    Aphorismus 18, „Asyl für Obdachlose“

    Dieser ganze Text besteht aus einer Aneinaderreihung von Behauptungen, von denen nicht eine irgendwie begründet wird. Los geht es: „Eigentlich kann man überhaupt nicht mehr wohnen. Die traditionellen Wohnungen, in denen wir groß geworden sind, haben etwas Unerträgliches angenommen: jeder Zug des Behagens darin ist mit Verrat an der Erkenntnis.“

    Warum es ein Verrat an der Erkenntnis sein soll, wenn man sich in einer traditionellen Wohnung wohl fühlt, bleibt Adornos Geheimnis; offenbar schreibt er sich nur von der Seele, was er selbst empfindet, allerdings äußert er es in Form allgemeiner Behauptungen, mit implizitem Allgemeingültigkeitsanspruch.

    Besonders apart finde ich diese Stelle:

    „Die Zerstörungen der europäischen Städte ebenso wie die Arbeits- und Konzentrationslager setzen bloß als Exekutoren fort, was die immanente Entwicklung der Technik über die Häuser längst entschieden hat.“

    Also sowohl der Bombenkrieg wie die Konzentrationslager sind eine Folge der „immanenten Entwicklung der Technik“, wirklich eine höchst absurde Behauptung , entspricht aber seiner generellen Aufklärungsfeindlichkeit, wie sie ja auch von der „Dialektik der Aufklärung“ verbreitet wird. Und wird genauso wenig belegt wie der angebliche immanente Zusammenhang von Aufklärung und Faschismus usw.

    Der einzige Satz, der ein wenig konkreter wird und über bloße Behauptungen hinausgeht ist:

    „Das beste Verhalten all dem gegenüber scheint noch ein unverbindliches, suspendiertes: das Privatleben führen,: solange die Gesellschaftsordnung und die eigenen Bedürfnisse es nicht anders dulden, aber es nicht so belasten, als wäre es noch gesellschaftlich substantiell und individuell angemessen.“

    Das ist natürlich höchst banal, man soll also sein Privatleben führen, so gut es eben geht, aber sich dabei bewusst sein, dass das ein unangemessenes Verhalten ist. Was denn angemessen wäre, erfahren wir nicht.

    Nun mag man zwar sagen: das ist keine wissenschaftlicher Text, von dem man eine ausgearbeitete Argumentation erwarten dürfte, sondern eine Art Sammlung von Prosagedichten o.ä., in sofern kann er auch nicht widerlegt werden. Dann verstehe ich allerdings die ganze Erregung nicht, und vor allem die moralische Empörung, mit der Leute wie Bersarin reagieren.

  68. Bersarin schreibt:

    Du verstehst vieles nicht, El_Mocho, aber das bin ich mittlerweile gewohnt: Die „Minima Moralia“ sind weder eine Sammlung von Prosagedichten – allein diese Bezeichnung verrät Dein Verhältnis zu Sprache und Text – noch fügen sie sich lückenlos in die Philosophie: Es handelt sich um Reflexion (man könnte auch sagen: Meditationen, wenn dieser Ausdruck nicht zu sehr mit dem Harmlosen, Freundlichen, Friedlichen konnotiert wäre), und zwar solche Reflexionen aus dem beschädigten Leben. In Deiner Diktion, El_Mocho war das Leben 1944 sicherlich nicht beschädigt, sondern irgendwie doch ganz toll und prima.

    Adorno schreibt zum Verfahren dieses Textes unter anderem:

    „Der spezifische Ansatz der Minima Moralia, eben der Versuch, Momente der gemeinsamen Philosophie [der von Adorno und Horkheimer, dem das Buch gewidmet ist] von subjektiver Erfahrung her darzustellen, bedingt es, daß die Stücke nicht durchaus vor der Philosophie bestehen, von der sie doch selber ein Stück sind. Das will das Lose und Unverbindliche der Form, der Verzicht auf expliziten theoretischen Zusammenhang mit ausdrücken.“

    Sie haben durchaus vor der Philosophie bestanden, und es gehört dieses Buch zum besten, was in der Nachkriegs-BRD unter Adenauer und seinen wieder hervorgeholten Faschisten an Text geschrieben wurde.

    Nun aber zu Deiner Vorgehensweise: Wenn Du zitierst, dann machst Du das in Zukunft bitte zusammenhängend! Du entstellst die Zitate, so wie es Dir paßt, indem Du sie ganz bewußt aus dem Zusammenhang reißt. Man könnte, wenn man es so wie Du veranstaltest, sagen, daß Du einem gewissen Text-Stalinismus huldigst und betreibst: Es werden unliebsame Passagen einfach weggeschnitten, wie einst Trotzki aus den Photographien. El_Mocho, der stalinistische Naturalist.

    Der zentrale Satz zum Anfang dieses Aphorismus lautet: „Wie es mit dem Privatleben heute bestellt ist, zeigt sein Schauplatz an.“ Und wenn man diesen Satz liest, dann steckt in diesem Aphorismus natürlich ein Begründungszusammenhang. Nimmt man noch den Titel hinzu, dann entsteht für den, der mit ein wenig literarischem Sinn und philosophischem Gespür versehen ist, durchaus ein Zusammenhang.

    Die Wohnung also, das kleine Detail, das Unscheinbare, das doch unser Leben wesentlich mitbestimmt, wird zum Abdruck des Allgemeinen. Was ist daran so schwierig zu verstehen, El_Mocho? Was bitte? Sag es mir!

    Gleiches beim Satz zur Zerstörung der Städte. Du läßt die Passagen weg, die den Text weiterführen, die neue Bilder und Zusammenhänge erzeugen, die Dir nicht in den Kram passen. Z.B. Adornos Kritik der Slums und der Wohnsituation in den USA. Produktionsmittel und Technik, die eigentlich zum Wohle von Menschen eingesetzt werden könnte, richtet sich gegen diese. [Wenn ich jetzt so wie Du im Unterstellungsmodus verführe, schriebe ich: und das ist Dir wahrscheinlich sogar ganz recht, damit alles fein so bleibt wie es ist. Besonders 1944.) So etwas, wie Du es beim Zitieren machst, nennt man bewußtes Entstellen. Insofern ist Dein Verhalten nicht nur durch und durch ideologisch motiviert, sondern zudem zutiefst unwissenschaftlich. Du verletzt in manipulativer Absicht, die basalen Regeln, wie mit Texten umzugehen ist. Diese Aphorismen müssen im ganzen gelesen werden, was freilich ein wenig Zeit braucht – für diesen etwa zwei Minuten

    Ach, und noch etwas El_Mocho: Hast Du schon einmal etwas von rhetorischen und literarischen Techniken gehört? Du verhältst Dich wie jemand, dem man den Macbeth widergibt und der bei der Hexenpassage entgegnet: „Aber es gibt doch gar keine Hexen!“

    Daß vielen diese Negativität der „Minima Moralia“ nicht behagt, das glaube ich wohl, und noch weniger, wenn jemand freischaufelt, was unserem Denken zu Grunde liegt. Aber Du kannst ja, El_Mocho, zusammen mit der Rönicke das Lied von der Freien Deutschen Jugend singen, die fleißig aufbaut, aufbaut, aufbaut. Ihr seid die idealen Jungpioniere. Vielleicht baut Ihr ja gemeinsam ein paar Wohnungen zum Wohle des Volkes.

  69. genova68 schreibt:

    Für Autos halten Radfahrer naturgemäß immer, wenn jene grün haben, weil die Radfahrer sonst umgefahren werden. Es geht natürlich nur um die Fälle, in denen die Fahrbahn frei ist.

    Mit dem Argumentationsmuster ist das so eine Sache. Wenn du ein konkretes Beispiel heranziehst, ist das Muster kein Muster mehr, weil das Inhaltliche unweigerlich reinkommt, oder? Ist das Muster in Sachen Soldaten das gleiche wie in Sachen Radfahren? Nun gut, wenn man rein formal betrachtet. Aber dann sollte man vielleicht besser mit mathematischen Formeln arbeiten.

    Ich akzeptiere deine Kritik, so wie du sie formulierst. Die Frage ist wohl immer, in welchen Zusammenhängen man was schreibt. Aus einem Doktorandenseminar würde ich mit meinen Beiträgen vermutlich schnell rausfliegen, völlig zurecht. Wenn du in deinem Blog dieses Niveau haben möchtest, dann sag es, das ist kein Problem, dann schreibe ich nichts mehr. Ich sehe das hier eher als eine neumodische Kommunikationsform, in der fast alles erlaubt ist. Aber du kannst da einen anderen Anspruch haben, das ist legitim.

    Ich kann und will beispielsweise nicht eine ganze Weile bei Adorno herumlesen, was er denn noch so alles über die Form des Essays geschrieben hat, damit ich hier kommentiere. Das ist doch ein wahnsinniger Aufwand. Mir ist dieser Satz von ihm in Erinnerung geblieben, es ist viele Jahre her, und ich dachte mir beim Reinlesen in so manches, das ich das nicht für sinnvoll halte, jeden Satz gleichweit vom Mittelpunkt zu halten. Ich habe den Eindruck, dass Adorno das in vielen Texten gemacht hat und das ist sicher eine Leistung, aber ich werde lieber an die Hand genommen und man erklärt mir, was gemeint ist. Zumindest dann, wenn es nicht um Belletrisitik geht,sondern um das, was man Sachbuch nennt. Aber vermutlich ist es auch schon wieder eine Katastrophe, Adorno einen Sachbuchautor zu nennen ;-)

    Ich halte Adorno andererseits auch nicht immer für fähig, die Bezüge in langen Sätzen richtig zu halten. Ich lese gerne einen einzigen Satz, und der muss halt passen, einer Prüfung standhalten, grammatikalisch, ausdrucksmäßig, Subjekt-Objekt-Beziehung und so weiter.

    Der Text von Rönicke ist sicher daneben, wenn man Adorno gut kennt. Ich habe den Text von ihr schnell gelesen und nicht von Adorno aus, sondern einfach als eine These, die sie praktisch ausbreitet. Sie benutzt Adorno, ja, aber sie missbraucht ihn doch nicht wirklich, weil sie doch überhaupt nicht den Anspruch formuliert, ihn ernsthaft gelesen zu haben. Aber es kann einem sicher aufstoßen.

    Ich habe von der Rönicke nur insofern eine gute Meinung, weil die, so wie ich das sehe, im Internet freundlich und aggressionsfrei rüberkommt, auch in Texten, in denen sie das Bashing der neuen Mädchenmannschaft ihr gegenüber thematisierte, kam kein böses Wort. Das ist doch beeindruckend.

    Im übrigen steht in der FAZ immer wieder ein Haufen Schrott, gerade im Wirtschaftsteil. Vielleicht wird das Blatt mittlerweile überschätzt. Die Rechtschreibfehler dort häufen sich auch, halbe Sätze fehlen manchmal.

  70. genova68 schreibt:

    Der erste Absatz in meinem letzten Kommentar ist ein Zitat von bersarin, leider nicht gekennzeichnet.

    —————————–

    Zitat Rönicke:

    „Adorno und sein „Es gibt kein richtiges Leben im Falschen“ sind widerlegt. Zumindest in den kleinen utopischen Nischen unserer Gesellschaft. Die es – na klar! –auch im Westen gibt. Aber gerade im Osten, der kollektiv verlassen wird, altert und in dem man „für ‘nen Appel und ‘n Ei“ manches Grundstück bekommen kann, sind die Räume für die Träume vorhanden. Utopien funktionieren nicht gesamtgesellschaftlich, aber doch punktuell. Wir können das richtige Leben schon heute an manchen Orten leben – wir können es sogar selbst aufbauen.“

    Lies man das als Anleitung,die Gesellschaft zu verändern, dann ist der Ansatz natürlich komplett naiv. Ich habe das aber eher als Anleitung zum Aussteigen gelesen, im Osten ein Parzelle kapern und seinen Streifen machen. Und das könnte klappen, es klappt ja auch hundertfach, für sich, für eine kleine Gruppe. Mit einem BGE könnten sich da so manche ihre Träume erfüllen, so sie sich denn auf einen zu überblickenden Bereich begrenzen.

    Machst du denn etwas anders, wenn du deinen Riesling öffnest?

    Du antwortest sicher: „Nein, aber ich bemühe dafür nicht Adorno.“

    Wobei ich dabei bleibe, dass weite Teile von Musik rein intellektuell nicht zu greifen, nicht zu erfahren sind. Adorno fehlte der körperliche Zugang zu Musik bzw. zu der Musik, die man auch körperlich erfahren sollte. Er hat sich ja bis 1969 nicht mehr mit Jazz beschäftigt, trotz aller grandiosen Entwicklungen. Obwohl er doch so ein großer Musikfreund war.

    Aber das hatten wir ja alles schon.

  71. Bersarin schreibt:

    Was die Argumentationsmuster betrifft, so lassen sich in der Logik bestimmte Sätze formalisieren. Die spezifischen Fälle sind dann nur Beispiele. Das bekannteste Schlußverfahren ist das: Alle Menschen sind sterblich, Sokrates ist ein Mensch, also ist Sokrates sterblich.

    Was nicht erlaubt ist: von einem Ist-Zustand auf einen Sollen-Zustand zu schließen. Weil alle bei Rot fahren, ist es erlaubt bei Rot zu fahren. Ebenfalls geht nicht, von einem oder einigen auf die Gesamtheit zu schließen: Wenn ich im Theater aufstehe, kann ich besser sehen. Wenn alle aufstehen, können alle besser sehen. Zum logischen Schließen verweise ich auf wikipedia, siehe hier:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Schlussfolgerung

    Die Logiker und die analytischen Sprachphilosophen mögen streiten, ob das nun eine gelungene Einführung ist.

    Wenn man bei Rönicke mal den Adorno wegläßt, ist das zwar immer noch naiv. Aber es ist natürlich richtig, daß ein Projekt, welches sich mit Jugendlichen beschäftigt und ihnen eigenständig Wege zeigt oder Möglichkeiten anbietet, besser ist, als mit ihnen im Keller zu sitzen und NS-Lieder einzuüben. Ich selbe habe Jugendarbeit gemacht und bin mit Kindern aus nicht ganz so guten Haushalten (damals hießen die noch nicht Hartzies, sondern Asis oder Heimkinder) auf Jugendfreizeiten gefahren. Da mag nicht viel gebracht haben, ich halte es aber immer noch für sinnvoller als wenn ich mit diesen Kindern Autos kurzgeschlossen hätte. Auch kann es sinnvoll sein, sich Freiräume bzw. einen Raum aufzubauen, in dem es sich (relativ) gewaltfrei leben läßt. Familie kann ein Modell dazu sein oder eine Patchworkfamilie oder WGs oder Freunde, was auch immer. Daraus lassen sich sicherlich Prozesse entwickeln und Funken schlagen. Die Form dieser Lebensweisen muß jede/r für sich abmachen. Und es geht weder mir, noch Adorno darum, diese Lebensweisen irgendwie zu denunzieren.

    Was nun Adorno betrifft, genova: ich kann Dich sogar in gewissem Sinne verstehen. Es ist ganz einfach so, daß sich seine Texte nicht zwischen Tür und Angel lesen lassen. Es braucht dazu die Zeit eines Studiums oder aber sehr sehr viel freie eigene Zeit und eine gewisse Grundlage in der Philosophie. Ich kann auch nachvollziehen, daß sich Menschen an seinen Sätzen stoßen. Ich habe während meines Studiums als Tutor gearbeitet und meinen Tutandinnen und Tutanden versucht, diese Sätze und auch die von Benjamin, Kant und Hegel näher zu bringen. Das erfordert Zeit, das ist eine Arbeit, die sehr viel Geduld braucht und meist ist die Face-to-Face-Kommunikation dabei relativ hilfreich. Insofern stimmt es: diese Dinge lassen sich nur im Detail und an konkreten Textstellen ausführen. Das habe ich in diesen Tutorien gemacht. Und in der Gruppe, die ich für die größten Luschen hielt und die ein Referat zum Dialektischen Denken haben vorbereiten sollen – ich weiß bis heute nicht, weshalb diese Mädels (es waren fast nur Frauen), dieses Thema wählten –, kam ein verdammt gutes Referat heraus.

    Wenn Du „Der Essay als Form“ liest, so mußt Du im Grunde Satz für Satz durchgehen und Dir zu diesem Satz Gedanken machen: am besten in einer Gruppe mit mehreren, da ergänzen sich Aspekte und man beflügelt einander. Daß nicht jeder diese Zeit aufwendet, ist verständlich. Der Satz lautet übrigens wie folgt: „Seine Freiheit in der Wahl der Gegenstände, seine Souveränität gegenüber allen priorities von Faktum oder Theorie verdankt er dem, daß ihm gewissermaßen alle Objekte gleich nah zum Zentrum sind: zu dem Prinzip, das alle verhext.“

    Es geht also dem Essay darum, daß es, wie Adorno einen Satz zuvor schreibt, nichts Ursprüngliches gibt, das zu hypostasieren ist und das damit als Eigentliches und ontologisch Höherwertiges gesetzt wird. (Diese Passage ist eine Volte gegen die Philosophie Heideggers) und zugleich lassen sich nicht alle gesellschaftlichen Phänomene nur auf die des Überbaus reduzieren. Der Essay reflektiert dies: er nimmt nichts als gegeben und nichts als unmittelbar. Insofern ist dem Essay die Kritik wesentlich. Und es ist ihm zudem kein Objekt zu gering. Insofern kann sich die Reflexion, das Denken auch an einem Türknauf oder an der Wohnsituation entzünden. In diesen Dingen besteht bei Adorno eine ungeheure Freiheit der Reflexion (allerdings keine Beliebigkeit, denn es ist die Sprache, die Form der Sprache einer Sache nicht äußerlich.) Das unterscheidet ihn von der akademischen Philosophie seiner Zeit. Die, welche Schüler von Adorno waren oder in seinen Seminaren saßen, bescheinigten ihm zwar alles mögliche, aber keine Überheblichkeit. Es gibt die Anekdote, daß Heidegger in einem seiner Seminare von einem Studenten gefragt wurde, was das Sein sei. Heidegger schmiß diesen Studenten, ob dieser eindimensionalen Frage vor versammelter Mannschaft aus dem Seminar. Dies hätte ein Adorno niemals gemacht. Er hätte allerdings bei der Frage, was das Nichtidentische denn nun genau sei, einen sehr langen Vortrag zur Geschichte der Philosophie gehalten und hier Positionen und Perspektiven einer Philosophie des Nichtidentischen festgemacht.

  72. Bersarin schreibt:

    Was Rönicke und die Mädchenmannschaft betrifft, das ist eine Thema für sich. Da ist mir dann am Ende Rönicke doch sehr viel genauer und interessanter als der Dummsprech einer Nadine Lantzsch et al.

  73. El_Mocho schreibt:

    Aus dem Zusammenhang gerissen, na klar. Ich habe doch den kompletten Text verlinkt, und er ist grade eine Seite lang, das kann man ja wohl vorher lesen, oder?

    „Der zentrale Satz zum Anfang dieses Aphorismus lautet: „Wie es mit dem Privatleben heute bestellt ist, zeigt sein Schauplatz an.“ Und wenn man diesen Satz liest, dann steckt in diesem Aphorismus natürlich ein Begründungszusammenhang. Nimmt man noch den Titel hinzu, dann entsteht für den, der mit ein wenig literarischem Sinn und philosophischem Gespür versehen ist, durchaus ein Zusammenhang.“

    Genau so was habe ich erwartet, es fehlt mir eben an literarischem Sinn und philosophischem Gespür. Unsinn, da wird nichts begründet, sondern nur eine (unbegründete) Behauptung vorgebracht.

    „Die Wohnung also, das kleine Detail, das Unscheinbare, das doch unser Leben wesentlich mitbestimmt, wird zum Abdruck des Allgemeinen. Was ist daran so schwierig zu verstehen, El_Mocho? Was bitte? Sag es mir!“

    Das ist durchaus zu verstehen, aber es ist einfach unsinnig, daraus solche hanebüchenen Folgerungen zu ziehen, wie es hier geschieht. Dass mit den KZs und Bombardierungen meine ich. Dazu sagst du natürlich nichts, ist offenbar sogar dir peinlich.

    „und das ist Dir wahrscheinlich sogar ganz recht, damit alles fein so bleibt wie es ist. Besonders 1944“

    Vor allem wenn man sicher in Amerika sitzt wie Adorno zu dieser Zeit und nichts, aber auch gar nichts dazu beiträgt, die Verhältnisse zu verändern (geht ja nicht, kein richtiges Leben im falschen usw.) Du entblödest dich ja auch nicht, zur Unterstützung für die armen Flüchtlinge aufzurufen anstatt ihnen zu raten, aus dem schrecklichen Europa zu verschwinden, wo sie nur Entfremdung und Verdinglichung erwarten.

    „.Hast Du schon einmal etwas von rhetorischen und literarischen Techniken gehört? Du verhältst Dich wie jemand, dem man den Macbeth widergibt und der bei der Hexenpassage entgegnet: „Aber es gibt doch gar keine Hexen!“

    Ja wenn der Wahrheitsanspruch dieses Textes der gleiche ist wie der von Macbeth? Ich dachte das ist großartige Zeitanalyse und Sozialphilosophie. Sind es vielleicht doch nur Prosagedichte?

    Sorry, du gibst leider nirgendwo an, wo denn eigentlich die Begründungen für all die haarsträubenden Behauptungen zu finden sind, darauf wäre es mir angekommen.

  74. Bersarin schreibt:

    Du exponiertest in Deinem Kommentar bestimmte Zitate, und Davorstehendes, das den Zusammenhang erhellt, hast Du ausgelassen. Text-Stalinismus also. Ansonsten, in anderen Zusammenhängen, ist es doch Deine Spezialität, seitenlange Zitate zu bringen, ohne dazu auch nur ein Stück selber zu schreiben.

    Wie gesagt: für Dich schien die Situation 1944 in Europa schwer in Ordnung. Du wirfst den in die USA Geflüchteten wie Adorno ihre Flucht vor. Im Sinne El_Mochos hätte wohl auch der letzte Jude und der letzte kritische Geist noch im KZ vergast werden sollen? Zumindest aber sollen sie die Klappe halten und nicht auch noch das Nest beschmutzen. Vielleicht hätte Adorno aber auch zusammen mit Horkheimer die Landung in der Normandie durchführen sollen? Dieselben Argumente gegen die Emigranten in die USA kennt man von denen, die dann hinterher im faschistischen Deutschland plötzlich alle – welch wundersame Vermehrung von Widerstand – in der inneren Emigration wirkten. Schon interessant, welcher Geist hier kommentiert und auf welche Weise gedacht wird.

    Du gehst auf keines der Argumente von mir zur Struktur des Textes ein. Du erkennst die rhetorischen Figuren samt den literarischen Mitteln des Adorno-Textes nicht, Du begreifst nicht, was Zuspitzungen und Pointierungen sind, Du scheinst noch nie etwas von dem Zusammenhang Besonderes/Allgemeines und von der Funktion des Aphorismus gehört zu haben, und aus diesem Grunde verstehst Du auch die Analogie Theaterstück MacBeth/Rhetorischer Gehalt „Minima Moralia“ nicht: Ja, die „Minima Moralia“ sind eine Mischung aus Prosa, weil sie durchaus (auch) literarisch gebaut sind (eben nicht Prosa-Gedicht: zwischen Prosa und Prosa-Gedicht besteht ein erheblicher Unterschied), empirischer Beobachtung sowie Aphorismus. Aphorismen können Verdichtungen, Pointierungen, Verdrehungen, Zuspitzungen oder Übertreibungen sein, sie arbeiten teils mit Ironie, Sarkasmus, Spott, sie sichten die Wahrheit im Detail oder indem ein solches grell beleuchtet wird. Ist Dir diese Tradition bekannt? Nietzsche, die französischen Moralisten, Georg Christoph Lichtenberg, Oscar Wilde? Man muß Dir alles wie einem Kind erklären. Prosa ist für Dich Prosa-Gedicht. Aber das scheint vielleicht eine Eigenschaft der Biologisten zu sein: es fehlt ihnen selbst die bestimmende Urteilskraft, um vom Besonderen auf Allgemeines zu schließen. Von der reflektierenden ganz zu schweigen. Nein: der Text Adornos ist kein Schlußverfahren im Sinne der Logik oder der Wissenschaftstheorie. Er schließt auf eine literarisch-rhetorische Weise und er bezeichnet dennoch eine gesellschaftliche Wahrheit.

    Und dem El_Mocho muß man nun auch noch den Zusammenhang zwischen Technik und KZ erklären, zwischen dem Wegwerfen der Dinge und dem Wegwerfen und Vernutzen von Menschen, und daß es häufig derselbe Geist bzw. dieselbe gesellschaftliche Tendenz ist, die dahinter steckt. Diese gesellschaftliche Tendenz bezeichnet und benennt Adorno. Und es verwundert mich nicht weiter, daß El_Mocho diese gesellschaftliche Tendenz aus ganz bestimmten Gründen nicht sehen will, weil er den Schein einer doch am Ende prima eingerichteten Welt erzeugen möchte, und dies motiviert den El_Mocho dazu, Texte ganz bewußt und mit Intention mißzuverstehen oder sich, als gesunder Menschverstand getarnt, blöd zu stellen. Es scheint mir insofern interessanter, statt auf den Adorno-Text doch einmal auf die Intentionen des El_Mocho zu schauen. Was mag diesem Denken samt den Textentstellungen, samt dem Darwinschen Biologismus des El_Mocho wohl zu Grunde liegen? Bloß nicht an den Dingen rütteln, damit alles hübsch so bleibt wie es ist. (Das ist jetzt mal die harmlose Variante, die ich annehme.) Solange nicht eine Jahrhundertflut Euch die Häuser und Euren Lebensraum wegspült. Oder hier zu viele Ausländer oder Asylanten in der eigenen Wohnnähe die Gegend unsicher machen. Dann wird der Kleinbürger rabiat. Oder wenn man ihm die Illusion nimmt, daß diese Welt bis heute nicht besonders gut eingerichtet ist. Eigentümlich woher da dann diese Aggression kommt, wenn, wie von Adorno, Dinge einmal beim Namen genannt werden.

  75. ziggev schreibt:

    Es gehört zur Moral, nicht bei sich selber zu Hause zu sein.

    Ein Beispiel: Der in die Jahre gekommene Retro-Kult.

    Also das „ironische Zitat“, sich extra in einer Weise so zu kleiden oder einzurichten oder entsprechende Musik zu anzuhören, als gehörten einem die Dinge nicht so recht zu, als hätte man es nicht so mit dem Privateigentum, als eine Art Reduktionismus des Nicht-bei-Sich-Zuhause-Seins.

    Ein ironisches „unverbindliches, suspendiertes“ Privatleben führen. Adorno zufolge „[bestünde] die Kunst […] darin, in Evidenz zu halten und auszudrücken, daß das Privateigentum einem nicht mehr gehört“.

    Zum Beispiel extra geschmacklose 70er-Tapeten, Omatischchen mit Tischlampe, alte Perserteppiche, Röhrender Hirsch an der Wand, schlecht sitzende Türkenhosen …

    Nur sind solche Phänomene leider oft überhaupt keine ironischen Statements mehr, sondern vielmehr die „modisch“ verbrämten Folgen einer von Vorne herein (auto)destruktiven und misslungenen „Lebenskunst“.
    Vielmehr bewirken die Folgen dieser Destruktion dann, dass solche Leute nicht einmal ein schlechtes Gewissen haben, weil sie das Ihrige behalten wollten, sondern dermaßen sediert es anders gar nicht mehr aushalten würden.

    BTW … im falschen (Leben), kleinist AFAIK korrekt. …im Falschen nicht. Hier benutzt er kein substantiviertes Adjektiv!

    Und: El_Mochos Motivation, selber nie etwas selber zu begründen, liegt einfach daran, dass er selber nie etwas begründet hat, oder irgendeine Schlussfigur angewendet. Dworkin und solche Leute, die er immer liest, treiben ja immer Propaganda nach dem Schema: Teile und herrsche. Erst wird ein Popanz aufgebaut, nur um dann nur umso größeren Mist lautstark zu verkünden.

    Da er nie was gelesen hat, wo er Argumentation, Begründung, Schlussfiguren etc. hätte lernen können, kann ihm seine Unwissenheit gar nicht klar sein.

  76. ziggev schreibt:

    sorry, aber nach dem Wirrwarr eben in diesem Kommentar von mir eben möchte ich doch noch anmerken, dass ich Leute noch bis vor gar nicht so langer Zeit her Leute kannte, die zwar ein ausgesuchtestes Hochdeutsch sprachen, ehrlich, aber dennoch irgendwo zwischen Landungsbrücken/St. Pauli und Kiez, zwar erwartbar, aber dennoch einfach mal ebenso letzen oder so Winter weggestorben sind! Man! Ich bin wahrlich nicht wohlhabend, aber im Gegensatz zu solchen Pennern, keine Lüge, eben doch. Wäre er doch mal öfter zu mir rausgekommen! Aber ging ja nicht, ohne Fahrkarte. Noch einmal erwischt – und es wäre Knast und schneller Tod gewesen. Er starb dann aber doch an einem dieser „Nicht-Orte“ irgendwann im Winter. Sie hat überhaupt keine Ahnung von „Nicht-Orten“ – wenn Du nämlich nicht weißt, wo du jemanden finden kannst, wenn du Angst hast, er könnte erfrieren oder … Sie weiß gar nichts!

  77. Bersarin schreibt:

    @ ziggev
    Zu diesem von Dir beschriebenen Tod kann ich im Grunde nicht viel schreiben. Denn es helfen, wenn es um das Individuelle geht, keine Beteuerungen und selbst der Hinweis wirkt angesichts solcher Dinge schal, daß für diverse unsinnige Projekte Geld da ist. Projekte, die von Steuergeldern bezahlt werden, wo aber der Gewinn am Ende rein privat eingefahren wird, wie bei der Elbphilharmonie, während für soziale Projekte nichts oder nur Almosen da sind.

    Auch angesichts solcher Zustände ist der Text von dieser Rönicke ein Hohn und ein Schlag ins Gesicht. Wohlstandsgerede.

    Und genau solche Umstände bezeichnet Adorno mit dem Satz: „Es gibt nichts Harmloses mehr.“

  78. genova68 schreibt:

    Bersarin,

    1. das von dir gebrachte Beispiel mit der roten Ampel und dem Radfahrer taugt meines Erachtens nicht als Muster, weil die Variablen qualitativ besetzt sind. Du stimmst dem indirekt zu, indem du als nächstes den Radfahrer mit Soldat und die rote Ampel mit Gewehr/morden ersetzt. Warum von allem abstrahieren, wenn man solch hochpolitische Beispiele erst benutzt? Indem du die Variablen starr besetzt, hast du das rein formale Feld verlassen, unwiderruflich. Recht, und darauf spielst du an, ist nicht rein formal, sondern praxisbezogen. Recht ändert sich durch die Praxis, es gibt neue Gesetze, neue Rechtssprechungen, und da ist es ein Unterschied, ob ich beim rot fahrenden Radfahrer nicht so genau hingucke bzw. Gesetze ändere oder beim mordenden Soldaten.

    „Dem Gesetzgeber wird es sicherlich nicht einfallen, das Gesetz, das die Vorfahrtsrechte von Radfahrern behandelt, zu ändern.“ So oder so ähnlich schriebst du oben. Nix formal, einhundert Prozent ganz konkreter Inhalt, noch dazu der fromme Wunsch eines Autofahrers.

    Der Logikkrempel ist mir bekannt, ich habe sogar mal eine Logikklausur geschrieben, es hat mich aber nur kurzzeitig interessiert. Und zwar genau deswegen: Ich kann etwas formalisieren, wenn ich vom Inhalt abstrahiere, aber das führt doch nur zu diesen lustigen Beispielen wie dem von Sokrates. Was bringt das in der Praxis? Jeder Satz, der schon einem Kind klar ist, kann ich logisch verifizieren. Jeden anderen Satz nicht, weil die Praxis, das Leben komplizierter sind als die formale Logik. Ich schätze, das hat Adorno nicht anders gesehen.

    Für nicht so wahnsinnig logisch halte ich auch dein Verhalten im nächsten Fall: Ich meine, dass Adorno nicht schreiben konnte, du entgegnest: Nein, ich, genova, könne nicht schreiben. Wenn ich dir nun was von Logik erzählen wollte, würde ich auch ganz schlau auf Wikipedia verlinken, denn hier wäre das Augenmerk auf logische Bezüge in der Tat angebracht. Das ist Kindergartenniveau.

    2. Adorno und das sich darüber Äußern dürfen: Adorno hat sich zwei Jahrzehnte massiv in den öffentlichen Diskurs eingemischt mit Rundfunkbeiträgen, Diskussionen, Essays, Artikeln etc. Er wurde gehört. Du, Bersarin, meinst nun, man dürfe sich zu ihm nur äußern, wenn man mehr oder weniger das Gesamtwerk durch hat. Ich halte das für repressiv, das ist eine Haltung, die notgedrungen nach unten tritt, weil du damit schätzungsweise 99,9 Prozent der Bevölkerung den Mund verbietest zu Themen, die sie durchaus etwas angehen. Darf man dann auch nichts zu Sloterdijks Sozialdarwinismusthesen schreiben, wenn man nicht seine jährlich neu veröffentlichten 1000 Seiten gelesen (und verstanden) hat?

    Es ist sicher richtig, dass ich Adorno nicht durchdringe, ich habe mir das auch nicht zur Aufgabe gemacht. Aber dieses intellektuelle Schwanzvergleichen überzeugt nicht. Es sei denn, im Oberseminar.

    Aber es ist ja gut, dass es Leute gibt, die den Adorno komplett gelesen haben und mit Rat und Tat weiterhelfen. Leider kriege ich auf konkrete Fragen selten konkrete Antworten. In der Frage der Körperlichkeit von Musik sieht Adorno alt aus und seine Verteidiger noch älter. Und auf die Fotoanalyse von Nörger warte ich wohl vergeblich, weil der seinen Adorno auch nur zur Selbsterhöhung (und also zur Erniedrigung anderer) nutzt.

  79. neumondschein schreibt:

    Gegenseitige Rücksichtnahme im Straßenverkehr finde ich gut. Davon, daß gegenseitige Rücksichtnahme im Straßenverkehr sinnvoll ist, muß mich kein Obrigkeitsstaat überzeugen. Ich helfe ja älteren Damen beim Ein- und Aussteigen, obwohl der Obrigkeitsstaat kein diesbezügliches Gesetz erlassen hat. Anders verhält es sich beim Soldaten. Da Krieg die Interessen seiner Bürger beschädigt, muß er obrigkeitsstaatlich angeordnet werden, dazu noch Standgerichte, Propagandainstrumente, wie Lehren vom guten und richtigen Leben im noch immer falschen Leben oder kategorische Imperative, daß sich Auschwitz nicht wiederholen dürfe, eingerichtet werden.
    Ebenso gut finde ich formale Logik. Das ist die Innovation in der Mathematik des 20. Jahrhunderts. Hilbert, Russell, Gödel und Turing verdanken wir schöne fundamentale schöpferische Erkenntniskrisen, tiefe Probleme, die bis auf den heutigen Tag nicht bewältigt wurden. Wie kompliziert die Welt wirklich ist, erfährt man erst mit Hilfe und nicht ohne formale Logik. Allerdings umfaßt formale Logik weit mehr als den Kettenschluß (wenn aus A B folgt und aus B C folgt, dann folgt aus A auch C).
    Formalisierung ist gut und praxisrelevant. Überall werden Menschen, Gegenstände, soziale Beziehungen aus dem Kontext gerissen, von fast allen Aspekten befreit, und behandelt, als gäbe es das alles nicht. Dein Stromversorger zum Beispiel formalisiert Menschen als Datensätze. Zentraler Gegenstand dieser Formalisierung ist die Beziehung zu einem Stromzähler – ach nein – nur dessen Nummer, gewichtet durch eine Funktion der Zeit auf eine reelle Zahl, genannt der Stromverbrauch pro Kilowattstunde – nein, nicht gewichtet, sondern nur durch Ablesungen genannte Stützstellen approximierte Funktion über die Zeit. …ein ziemlich armseliges Bild, das Stromversorgungsunternehmen von Menschen haben! …und doch bewährte Praxis!
    Exakte Wissenschaft braucht formale Modelle. Mit deren Hilfe, kann man nicht nur Dinge beweisen, die kleinen Kindern einleuchten, sondern auch Dinge zeigen, die kleinen Kindern und Erwachsenen, und selbst Aristoteles nicht einleuchten. Galilei hat ja die ganze Welt erstaunt, als der nachgewiesen hat, daß eine Kugel aus Holz und eine Kugel aus Blei, vom schiefenTurm von Pisa fallengelassen, dieselbe Zeit benötigen, bis sie die Erde erreichen. Das Abtrennen von Kräften und die Wiederzusammensetzung derselben hat sich ausgezahlt. Es ist sehr zweckmäßig, die Schwerkraft von der Luftreibung zu trennen. Das alles konnte Aristoteles nicht. Deshalb irrte er manchmal.

  80. Bersarin schreibt:

    Ich verbiete, was Texte der Philosophie, was die Bildende Kunst oder Literatur betrifft, niemandem den Mund, sondern den Schwachfug, der immer wieder – fast die Einlösung der Nietzscheanischen Wiederkunft des Immergleichen – in derselben Masche daherkommt, lasse ich nicht durchgehen. Was mein Beispiel mit den Radfahrern betrifft: Du hast nicht einmal verstanden, worauf ich hinauswill. Es geht darum, daß Fakten als Kriterium nicht ausreichen, um eine Aussage zu widerlegen und daß von bestimmten Umständen nicht auf einen Umstand geschlossen werden kann, der auf einer ganz anderen logischen Ebene angesiedelt ist. Was ist daran so schwierig, genova? Weil ich subjektiv zufrieden bin und keine Probleme sehe: ist deshalb die Welt ohne Probleme? Analogie: Weil alle Soldaten Menschen töten, ist es richtig, Menschen zu töten: Was, bitte, was verstehst Du daran nicht? Natürlich ist es inhaltlich ein Unterschied, ob Radfahrer bei rot fahren oder ob Menschen töten. Aber darum geht es in solchen Fällen nicht, und da liegt sicherlich, was die Abstraktion der Logik anbelangt, ein Problem.

    Wenn Du etwas wie einen Adorno-Text widerlegen willst, dann bring Belege. Und zitiere bitte den Text auch richtig und schreibe nicht das, was Du für ein Zitat hältst als Zitat, obwohl es keines ist.

    Beschäftige Dich mit diesem Text und hau nicht bloß einen Satz heraus. Wenn Du zeigen willst, daß der Satz, es gäbe kein richtiges Leben im falschen, nicht stimmt, dann entkräfte ihn. Zeige zum Beispiel, daß dieses Leben kein falsches ist, weise auf, daß die Welt, so wie sie ist (oder wie sie zu Adornos Zeit war), gut eingerichtet dasteht, dann ist der Satz widerlegt. Punctum. Dieser Blog ist aber nicht der Pop-Sound-Blog von R. Goetz: Loslabern, sondern es geht um konkrete Bezüge und Sätze. Das gilt ebenso für die Logik samt deren Formalisierungen. Du hast schlicht den ganzen Logikbezug nicht verstanden. Ich habe es an Beispielen gemacht, weil das faßbarer ist. Du kannst statt der Radfahrer oder der Soldaten auch x oder y einsetzen. Alle y machen a, also ist a gerechtfertigt. Meine Frage an die Experten der Logik: Funktioniert dieser Schluß? Und ich bezog das nun auf Rönickes geniale Adorno-Widerlegung. Du magst ihr Aussehen, ihre Art zu schreiben, was auch immer mögen. Nur hat sie mit ihrem Blödsinn nicht Adorno widerlegt, der in den „Minima Moralia“ sehr dezidiert darlegt, weshalb dieses Leben beschädigt ist. Übrigens handelt es sich bei diesem Text nicht um ein logisches Schlußverfahren, sondern um Beobachtungen und Überlegungen, wie Besonderes und Allgemeines zusammenhängen.

    „Was bringt [die Logik] in der Praxis?“ Nein, Logik erschöpft sich nicht in den Formalisierungen, das ist richtig. Aber um eine hinreichende Allgemeingültigkeit zu erzeugen, muß zuweilen formalisiert werden. Solange das kein Fetisch wird. Und sicherlich wird Adornos „Minima Moralia“ nicht den Ansprüchen der formalen Logik genügen. Muß es auch nicht, weil es eine Mischung aus Prosa, Essay und Philosophie ist – mithin eine besondere Form des Philosophierens, die teils ins Literarische geht. Das berührt zudem die Grenze zwischen Philosophie und Literatur. Und um diesen Umstand zu begreifen, muß man Texte aus der Tradition kennen. Oder zumindest wissen, daß es sie gibt. Zum Beispiel Rousseau oder Montaigne oder Pascal oder Seneca usw. Erst dann erschließt sich der Text Adornos in seinen Bezügen.

    „Darf man dann auch nichts zu Sloterdijks Sozialdarwinismusthesen schreiben“ Doch, wenn man die Sätze von ihm richtig wiedergibt, sie nicht aus dem Zusammenhang zitiert und den Text gelesen hat, natürlich. Ansonsten sind es eben Unterstellungen oder es ist Mittröten im Strom der tausend Meinungen.

    Natürlich ist das Recht bzw. ein Gesetz zunächst formal konzipiert. Es gilt für jeden gleichermaßen. Oder denkst Du, für den Radfahrer Genova gilt es und für den Autofahrer Bersarin nicht? Alle Radfahrer, die bei rot fahren, erwartet das selbe Bußgeld, egal ob Bonze oder Proletarier, alle Autofahrer, die bei rot fahren, ebenfalls. Allenfalls wenn ein anderes Gesetz, wie z.B. die Gefahrenabwehr oder die Rettung von Leben als höheres Rechtsgut angesehen wird, dann darf bei rot gefahren werden. Weil die NPD als Partei nicht verboten ist, deshalb darf sie demonstrieren. Formal ist sie juristisch der SPD, der CDU, der FDP oder der Linken gleichgestellt. Hier gilt das Recht rein formal, nicht nach Inhalt, auch wenn mancher Richter die NPD vielleicht lieber verboten sähe. Was Du mit dem Unterschied inhaltlich/formal meinst, ist, daß man die Umstände beachten muß, unter denen jemand handelt, dies gilt insbesondere im Strafrecht. Stichwort Mord-und-Totschlag.

    Und Du meinst also, genova, Adorno kann nicht schreiben? Dann belege das bitte. Mach es an den entsprechenden Stellen z. B, in dem Aufsatz „Der Essay als Form“ oder an den leicht zu lesenden „Minima Moralia“ fest. Den von Dir falsch zitierten Satz habe ich ja inzwischen berichtigt, und nun kannst Du die Stellen suchen und darlegen, was genau an diesen Bezügen nicht stimmig ist, weshalb es stilistisch nicht paßt, wo er gar falsch auf die Philosophie sich bezieht: mit einem Wort, weshalb Adorno nicht schreiben kann. Oder sind Dir nur seine Sätze zu umständlich wie bei Kleist? Das sind dann subjektive Ansichten. Über die brauchen wir nicht zu debattieren. Es besteht im Leben kein Adorno-Lesezwang.

    Diejenigen, die Gedankenzusammenhänge der Philosophie nicht über zwei Seiten hinaus tragen und entwickeln, gar selber in Schriftform darlegen können, sind am Ende die, welche am dröhnendsten ihren Blah absondern und alles und jeden meinen widerlegt zu haben oder die meinen, Urteile über den Schreibstil zu fällen. Und genova: bevor Du in Deiner so genialen Art Adorno widerlegst: Versuch ihn bitte zuerst zu verstehen. So geht nämlich im Umgang mit Texten die Reihenfolge: Erst verstehen, dann widerlegen: Du verstehen?! Sonst isch mach Disch hermeneutik.

  81. Bersarin schreibt:

    Ach, und was den Groove und die Körperlichkeit (eines Textes) von Adorno betrifft: Wenn Du, genova, ein wenig Sinn für Rhythmus und Sprache hättest, würdest Du den Sound dieses Textes wahrnehmen. Adornos Philosophie ist hochgradig musikalisch, zumindest wenn man sie laut liest und das dann auch mitbekommt.

    Aber es ist wie bei Kleist: Du vernimmst die harten Fügungen nicht, wie Sprache durcheinander gerüttelt wird und dabei zugleich eine andere Melodie sich ergibt. Dies zeigt sich z.B. an der sprachlichen Konstruktion von „Das Erdbeben von Chili“: die Sprache selbst bebt und zeichnet dieses Beben noch einmal fast mimetisch nach: dies ist Körperlichkeit.

    [Und irgendwie will es mir beim Lesen von Adornos und von Genovas Text scheinen, daß einer der beiden doch erheblich mehr Kraft und Schmackes in die Sprache legt: und damit auch Körper besitzt. Falls Du mit Körper nicht gerade das Fitnessstudio oder Leni Riefenstahl-Bilder assoziierst.]

  82. genova68 schreibt:

    Dein erster Satz ist eine Bestätigung meiner Befürchtung: Du entscheidest, was „Schwachfug“ ist. Dass du nichts verbieten kannst, liegt schlicht daran, dass du nicht die Macht hast. Es ginge um Anerkennung anderer Wortmeldungen, auch von Leuten, die im Gesamtwerk erst bei der Hälfte angekommen sind.

    Deine neuerdings dauernden Vergleiche zwischen Adorno und mir ehren mich zwar, sind aber nicht das Thema. Für dich langsam zum mitschreiben: Es geht nicht um meinen Stil. Wieso bist du jetzt so kindisch? Habe ich dir das Matchboxauto geklaut? Wer schreibt besser? Ich oder Adorno? Das hast du doch nicht nötig.

    Die Minima Moralia finde ich sehr angenehm lesbar, die DdA auch, die soziologischen Schriften ebenfalls, die ND ist eine Zumutung und die Ästhetische Theorie das letzte. Bei der ÄT kann man Adorno zugute halten, dass er vor der Fertigstellung starb. Nehmen wir zu seinen Gunsten an, dass er mehr draus gemacht hätte. (Ich rede nur vom Stil nicht vom Inhalt.) Ich frage mich auch, ob da wirklich so Tolles drinsteht, wenn man mir das nicht mal anhand eines angeblich so wahnsinnig tollen Fotos klarmachen kann.

    „die Körperlichkeit (eines Textes)“

    Das zeigt wohl das Dilemma. Körperlichkeit wird bei dir zu einer des Textes, was auch immer das sein soll. Vermutlich verstehst du wirklich nicht, worum es geht, dank deiner Verkopfung. Du und Adorno, ihr habt das gleiche Problem. Das ist wohl der Grund des Übels. Vielleicht rührt von dieser Verkopfung auch dein Drang, nach unten zu treten. Wie geht eigentlich diese Form der Körperlichkeit, die eher eine Körperbehinderung ist, mit den sogenannten primitiven Kulturen zusammen? Wahrscheinlich sind die noch schlimmer als Jazz.

    Ich muss auch nix mit Textstellen belegen, wenn ich ein Gefühl äußere, eine Vermutung, etwas, das mir beim Lesen kam. Die Belegerei würde nichts belegen, weil das wiederum Auslegungssage ist. Für einen Faktenhuber wohl unerträglich. Wer den Kohlhaas oder den Zauberberg für dramaturgischen Schrott hält, ist unter einen unsichtbaren Standard gefallen, da helfen keine Belege.

    Mannmannmann.

    Das mit dem Radfahren führt wohl zu nichts. Wer mir erzählen will, dass man das entsprechende Gesetz nicht ändern kann, wenn die Praxis sich ändert, hat von Recht nichts verstanden und sollte Beispiele wählen, die sinnvoll sind. Dass Gesetze formal für alle gleich sind, ist auch so ein Blödsinn. Sicher eine formal richtige Aussage, aber völlig sinnlos. Wäre es so, gäbe es keine Gerichte und keine Gesetzesänderungen. Gesetze sind IMMER Auslegungssache.

    Das richtige Leben im falschen: Ich habe nie behauptet, Rönicke habe Adorno widerlegt. Aber an dem Satz von Adorno gibt es nichts zu widerlegen, weil das so eine Art Floskel ist. Mal flott über sieben Milliarden Leben etwas ganz Tolles sagen. Solche Sätze zu sagen ist ok, blogkompatibel, Rönicke freut sich, jede PR-Agentur freut sich, wenn ihr sowas einfällt. Sie zu überhöhen ist lächerlich. Das machte vielleicht direkt nach Auschwitz Sinn, das war es dann aber auch. Der Satz schreit geradezu danach, nicht Ernst genommen zu werden, anders könte man sich mit ihm gar nicht auseinandersetzen, außer mit Selbstmord.

    Das ist alles so epigonenhaft, ich mag es kaum glauben.

    Egal. Wie gesagt, wenn du dein Oberseminar willst, sags einfach und unterhalte dich künftig mit ziggev oder führe Selbstgespräche. Jedem das seine.

    Bei mir erscheint morgen ein Text, der diese intellektuelle Idiotie in Wohlgefallen auflöst. Geht raus.

  83. Bersarin schreibt:

    Danke für Deine gelungene Adorno-Widerlegung. Den Satz vom richtigen Leben im falschen hast Du adäquat verstanden, dies zeigt deine bockige Reaktion. Allerdings geht es meist nicht gut aus, wenn Zwerge meinen, sie seien Riesen. Viel Spaß Dir ansonsten in Deiner Kindertagesstätte des Gefühls. Mein Gefühl ist, daß bei Dir ein wenig die Schranktassendiebe zu Hause waren.

  84. Bersarin schreibt:

    Schön auch, daß die welche keine zwei Zeilen von einem Autor gelesen haben, sich eine derartig vollmundige und laut herummaulende Kritik anmaßen, die man ansonsten und in jedem anderen Bereich niemandem durchgehen lassen würde. Es ist dies die Kritisierweise des Spießbürgers auf dem Niveau der Bild-„Zeitung“ – jener Leser, die zu allem und zu jedem eine Meinung sich bilden. Du übertriffst Dich heute wieder selber genova. Vielleicht noch eine Kleistkritik von Dir oder ein paar Sätze zu Proust oder Kafka?: Oh der Kafka, alles so düster, aber er hatte ja auch Tuberkolose … Auf dem Niveau jener „Zeitungs“-Leser bewegst Du Dich in diesen Äußerungen. Das ist schade, denn Du kannst doch in anderen Zusammenhängen mehr. Also: Erst den Kopf einschalten, dann die Schreibhand tätigen! Und vorher die Text lesen.

  85. Bersarin schreibt:

    Und zur Jurisprudenz: Wo schreibe ich, daß Gesetze keine Sache der Auslegung sind, wenn es um ihren Inhalt geht? An welcher Stelle? Natürlich sind sie es, sie sind auch veränderbar. Wenn z.B. in zwanzig Jahren keine Autos mehr existieren. Dann ist die StVO an den Stellen, wo Automibile vorkommen, überflüssig. Was für eine juristische Erkenntnis! Und wenn es kein Eigentum mehr gibt, wird auch der Begriff des Diebstahls im Recht sich wandeln. Nein sowas?!

  86. hANNES wURST schreibt:

    Es tut mir leid um die, die Adorno wirklich gelesen haben – ihr Hirn ist für immer verdarbt. Deswegen kann vernünftige Adorno-Kritik auch nur von denjenigen geleistet werden, die nichts vom ihm gelesen haben. Allerdings weiß ich aus erster Hand (und es geht ja auch aus seinem Textbezug hervor), dass genova Adorno mit einigem Genuss gelesen hat. Dennoch bleibt die erste Aussage richtig und somit ist genovas Adorno-Kritik unbrauchbar.

    Das beweist der Kettenschluss: Wer Adorno gelesen hat, dessen Gehirn ist verdarbt (A). genovas Gerhirn ist verdarbt (B). Es folgt (C): genova hat Adorno gelesen. Gut dass es hier Diskutanten gibt, die an solche brauchbaren Schlussregeln erinnern, bei denen man NICHTS FALSCH MACHEN kann.

  87. genova68 schreibt:

    Endlich mal ein niveauvoller Beitrag hier. Bersarin wird sich freuen.

  88. neumondschein schreibt:

    Der zweite Absatz trifft nicht ganz zu: siehe hier. Und der erste auch nicht:

    Es tut mir leid um die, die Adorno wirklich gelesen haben – ihr Hirn ist für immer verdarbt. Deswegen kann vernünftige Adorno-Kritik auch nur von denjenigen geleistet werden, die nichts vom ihm gelesen haben.

    , denn s. hier.

    …ja, der Michael Hohner…! Der gibt Regeln an, an die man sich halten sollte, will man sinnvolle, demokratische, wissenschaftliche Diskurse führen, die potentiell auch zu Ergebnissen führen. Abweichungen hiervon sind nicht Ausdruck einer Kritik an gesellschaftlichen Verhältnissen wie im Falle der Wehrdienstverweigerung, sondern Ausdruck von egoistischen Zielen, wie im Falle des Schneiden der Vorfahrt. Zwanghafte Rechthaber, Missionare, Betrüger erkennt man ja manchmal daran, daß sie auf dieser Metaebene Korrekturen einfordern, und sich dabei auf Meinungsfreiheit, Definitionsmacht oder, was weiß ich was, berufen.

    Natürlich ist es unfair, Adornos Zitaten einen verkehrten Sinn unterzuschieben und diesen dann abzulehnen in der Hoffnung, die anderen würden nun denken, Adornos Zitate seien nun widerlegt. Andererseits muß man bei Gesellschaftstheorien immer die zeitlichen Umstände berücksichtigen. Spätestens dann, wenn man Erkenntnisse auf spätere Gesellschaftszustände übertragen möchte, muß man Aussprüche von Autoren auslegen, was gewisse Freiheiten im Umgang mit diesen Aussprüchen unumgänglich macht. Bei Adorno kann man das ja schon deshalb nicht vermeiden, weil man die Verhältnisse der Nazizeit auf die Gegenwart übertragen müßte, und Adorno mit größerem zeitlichen Abstand zur Nazizeit immer häufiger zitiert wird. Adorno legt ja auch Marx‘ Schriften aus. Die sind von 1850. Zu seiner Zeit war 1950. Da meinte der Adorno, Arbeiterklasse gibt es erstens nicht mehr, sie habe sich außerdem von den Nazis moralisch korrumpieren lassen und deshalb ist es auch mit der historischen Mission der Arbeiterklasse Essig. Wahrhafte Marxisten stören sich natürlich daran. Inzwischen ist 2013. Von Nazis weit und breit nichts zu sehen. Doch Antifaschist ist heute jeder. Die einen Antifaschisten meinen unter Berufung auf Adorno, der Iran müßte so schnell wie möglich plattgebombt werden. Andere halten sich für die Wiedergänger der Juden oder Kämpfer gegen den Faschismus: Deutschtürken, HaSS-IV-Empfänger, Antifeministen, Moslemhasser etc.

    Das kryptisch Geschreibsel eines Slotterdicks interessiert mich nicht, wenn er sich in Talkshows als Arschloch präsentiert. Talkshows sind kein Oberseminar.

  89. silberfink schreibt:

    Ach, Genova, sich zu einem Thema zu äußern ist nicht das Gleiche wie einen Autor zu zitieren und sich zu dessen Gesagtem zu äußern. Du darfst Dir zu jedem Thema das z.B. Adorno beschäftigte Deine eigenen Gedanken machen und sie laut äußern. Wenn Du jedoch zu dessen Gedanken – und egal um welchen Autor es sich am Ende handelt – etwas sagen willst, nunja, es wurde mehrfach gesagt was dafür die Voraussetzungen sind. Es gelingt Dir nur selten bis nie die unterschiedlich(st)en Ebenen auseinander zu halten (z.B. Form und Inhalt), bzw. sie in die richtige Beziehung zu setzen, was im Übrigen ein Indiz für mangelndes Wissen in den betroffenen Bereichen sein kann. Deine Kritiken mischen diese Ebenen so gut wie immer. Ich bin hier ganz und gar auf Bersarins Seite. Aus diesem, Deinem Unverständnis heraus und nach meinem Empfinden trittst und beißt DU auf dieser Seite unaufhörlich um Dich.

  90. hANNES wURST schreibt:

    Aber ich finde aber den genova nett und der Bersarin ist total gemein.

  91. silberfink schreibt:

    @ hanneswurst,
    das darfst Du ja auch finden, nur eben mit Deinen eigenen Worten… :-)

  92. hANNES wURST schreibt:

    Ich finde auch, dass Sie denken dürfen, dass ich das finden darf. Dann ist ja alles super gut, ne?

  93. neumondschein schreibt:

    …du darfst nur nicht mehr als einen Link dabei unterbringen. Dann wird der Spamfilter böse!

  94. genova68 schreibt:

    „Ich bin hier ganz und gar auf Bersarins Seite.“

    Das darfst du sein, lieber Silberfink, Bersarin hat schließlich den größeren Pimmel.

  95. silberfink schreibt:

    @ genova, das tut mir wirklich leid für Dich.
    Aber hey, Größe ist nicht alles. :-)

  96. Bersarin schreibt:

    @ silberfink: ich plädiere natürlich ebenso für die Intensitäten ;-) Am besten beides

    ___________

    Daß Frauen mich in dieser Weise und in diesen Tönen loben wie genova, bin ich gewohnt. Aber auch von Dir ehrt mich dieses Kompliment, Genova, daß Du die Macht des Gemächts anerkennst. Und wenn wir schon bei der Größe sind: Wie schaffst Du es nur immer wieder bei solchen Themen wie Adorno, jedes Niveau und jegliche Reflexion mühelos zu unterlaufen?

    Ansonsten gilt immer noch: Ich stelle mich, wenn jemand z. B. einen Beitrag über Jazz bringt, nicht hin und schreibe, Jazz sei bloß so eine öde Dudelscheiße, wo unendlich durcheinander gespielt wird; eine Musik, absolut nicht tanzbar, entweder wirr oder total lahmarschig, daß man bereits nach zwei Takten einschläft oder mit den Füßen scharrt, ins Nichts verlaufendes Geplänkel, das nicht einmal gut ist, in den Einkaufspassagen gespielt zu werden; schon gar nicht erweist sich diese Musik als irgendwie hörbar: Dideldidel düdüd dideldideldidel düüüüüüht düüüüüht dü, dideldideldüt, düt düt di di. Düüüüüüt. DAS ist Jazz, und das ist nur scheußlicher Scheiß. Eine Musik, die heute keiner mehr braucht, absolut old school und antiquiert, etwas für Männer, die Pfeife rauchen in schwarzen Rollkragenpullovern; Männer, die sowieso bald sterben, weil Jazzhörer allesamt über 70 Jahre sind oder zumindest doch ein ungesundes Verhältnis zur Musik pflegen. Und deshalb ist Jazz nur Blödsinn und groovt nicht und ist Mucke für Spackos und Bewegungsgestörte. (Was ja alles stimmt. Aber da ich diese Urteile leider nicht an der Musik selber festmachen kann, weil ich von den Partituren und von Musiktheorie keine Ahnung habe, schweige ich und verbreite diese auf alle Fälle richtigen Thesen nicht in den Kommentarspalten fremder Blogs.) Wer heute popkulturell etwas auf sich hält, hört Electroclash, überhaupt nur noch elektronische Musik vom Computer. Oder besser noch: Gar keine Musik. 4:33 auf die Dauer gestellt.

  97. Bersarin schreibt:

    @ neumondschein
    Danke für die Hinweise auf die formale Logik.

    Richtig ist es, daß bei Gesellschaftstheorien auch die zeitlichen Umstände, unter denen sie geschrieben wurden, mit in den Blick kommen müssen: Genau darauf verwies ich mehrfach. Und auch die Übertragung im Modus eins-zu-eins aufs Heute ist sehr problematisch. Es müssen dann Gründe dafür angegeben werden, weshalb das überhaupt übertragen werden kann. Diese entwickele und entwickelte ich in meiner Serie (hoffentlich). Zuvor schon angedeutet: Der Immanenzzusammenhang einer durch und durch kapitalistisch organisierten Gesellschaft, wofür man den Begriff der Totalität auch prägen kann, nimmt keine Stelle im Denken, im Handeln mehr von den Beschädigungen aus. Weiteres Stichwort: der Hang zur Verschleierung von Verhältnissen: wenige schreiben noch, daß wir immer noch in einer Arbeitsgesellschaft leben. Stichworte: Risikogesellschaft, Freizeitgesellschaft etc. Arbeit wird zunehmend verschleiert: Man erfindet sich selbst, oder Arbeit als im Kreativteam als Verwirklichung des Selbst. Und diese Lügengebilde werden sogar geglaubt. Der Mensch geht heute wieder gerne zur Arbeit. (Sofern er welche hat.)

    Weshalb viele der Reflexionen Adornos aus den Minima Moralia auch heute noch Bestand haben oder in Abwandlung weitergedacht werden können, werde ich in meiner Serie darlegen.

  98. ziggev schreibt:

    genova, ich gehöre keineswegs ins Oberseminar, sondern ich habe einfach mal die Muße gehabt, die „Minima Moralia“ zu lesen. – Eine der für mich wichtigsten Leseerfahrungen in diesem kurzen Leben: ich hatte das blöde Glück, für ein paar Jahre krankgeschrieben gewesen zu sein. Und das bedeutete: morgends zuerst meditieren, während draußen die Vögel zwitschern, Kaffee trinken, Zigaretten rauchen, ein paar Stunden sich mit der Jazz-Harmonik beschäftigen, dann faulenzen, falls nötig, sich ein vegetarisches Essen zubereiten, dann wieder Kaffee trinken, rauchen, jetzt, ganz wichtig, einfach Zeit verstreichen lassen, dann, noch wichtiger, Sofa: noch mehr Zeit verstreichen lassen! Und schau an: neben dem Sofa liegt der aktuelle Band der Recherche, das bewusste Buch, Suhrkamp-Verlag. Einen Satz lesen. Oder vielleicht einen zweiten? Verstehst Du den überhaupt? Nein. Meditieren. Kannst Du irgendwelche Bezüge herstellen. Innerhalb des aktuellen Werkes? Nietzsche, Montaingen? Proust? Deine erste Liebe? Aber n bisschen Arbeit muss sein, also erstmal ein, zwei Seiten lesen. Wie war das noch gleich mit der ersten Liebe, Proust? Über solchen Reflexionen auch mal wegdämmern. (…) Ach, Du hast ja eben noch gelesen, moment, die erste Seite der Recherche, also weiter, bzw. noch mal von vorne, erster Satz, nochmal, stimmten Deine Assoziationen? Zweiten Satz versuchen, dann Jogging gehen durch die Natur in der Abenddämmerung, die Vögel singen noch immer. Dann Appetit, vegetarisch kochen, ein bisschen über die Jazz-Harmonien rumklimpern, Schokolade, Kaffee, Zigaretten, oder Zeitung lesen oder Radio. Und wieder Sofa. Syntax! Übersetzungen! Proust! Morgen zum Frühstück dann wieder ne deutsche Grammaik oder Adorno! Balkon undoder die üblichen Geräusche der Vögel. Ach, was wird der morgige Tag bloß werden! Nicht vergessen: Abendmeditation.

    Also: lesen! lesen! lesen! sonst nichts als faulenzen. Ja, das konnte ich mir ein paar Jaahre leisten. Zweitlektüre Prousts und Thykidides eingeschlossen. Und eben die „Minima Moralia“.

    Und als sich herausstellte, dass Adorno nicht nur ein Nietzsche- sondern auch Proustleser war, war die Sache perfekt!

    Also: einfach lesen!

  99. hANNES wURST schreibt:

    @ziggev: Was war das denn für eine Krankheit? Das Boreout Syndrom?

  100. hANNES wURST schreibt:

    Hundertster!

  101. ziggev schreibt:

    nee, ne ganz normale mittelgradige depressive Episode. Eine schwere Depression wäre sicherlich realistischer gewesen. (Infolge eines Burn-Out.) Aber Burn-Out fand ich uncool – also entschied ich mich fürs mittelgradig-depressive Bore-Out. Richtig getippt. Mit meiner derzeitigen manifest werdenden schweren Depression fühle ich mich allerdings recht zu hause unter all diesen Nicht-Adorno, Nicht-Proust, Nicht-Aristophanes, Nicht-Montaigne, Nicht-Thykidides-Lesern. Die Reihenfolge muss nur stimmen. Erst lesen, dann zurück zur Conditio Humana des Nichtlesertums, oder auch „schwere depressive Episode“ genannt, mit der sich offensichtlich 99,99 % der Leute durchs Leben hindurchschleppen.

  102. summacumlaude schreibt:

    @ziggev jedenfalls hast Du die linke, sofabelastende Schluffi-Depression des transferfinanzierten Minderleisters; nicht aber die Burn-out-Depression des steueraufkommensteigernden Managers. Ist zwar dasselbe, nur können unsere FDP-Manager nicht damit leben, dieselbe Erkrankung wie die linken Verpeilomaten zu haben – also nennen sie es Burn-Out. Darin steckt ja begrifflich schon die Leistungswut und das Verbrennen daran.
    Die Burnoutler lesen in der Rekonvaleszenz ja auch kein Proust oder Adorno sondern „tausend legale Steuertricks“, um dann – wenn sie wieder auf den Beinen sind – gleich erneut loszuschlagen.
    Hatte genova möglicherweise ein Burn-out? Hätte er doch nur eine schöne, kulturaffine Depression, so käme er noch auf den Proust oder den Adorno. Oder um meine „20. Jhd. Götter“ zu nennen den Joyce, den Kafka, den Mann, den Musil.

    Spaß beiseite: Natürlich ist Aornos MM (auch mir ein prägendes Leseerlebnis vor 25 Jahren zusammen mit Foucaults Psychiatrie/Medizin-Kritik) nicht mehr 1:1 auf die heutige Zeit zu kippen. Freilich bleibt mir nach erneutem Einatmen des Buches haften, wie viel darin noch – oder eben mittlerweile – „stimmt“. Wer käme nicht auf die Idee, im Angesicht der Event- und Musicalkultur an Adorno zu denken? Oder man denke an seine Kritik des Okkultismus (Hartmut hatte darauf jüngst hingewiesen). Also, da ist doch noch so mancher Schatz zu heben.

    Bücher sind sicherlich wie alle Lebensäußerungen aus der Zeit zu verstehen. Nur werden sie mit Ablauf der Zeit nicht notwendig wertlos. Sonst dürften wir alle nur Gegenwartsliteratur lesen, weil Shakespeare einem ja nichts mehr zu sagen hat. In der Tat finden sich solche Vergegenwärtigungstendenzen in der derzeitigen, präsenserzählten Literatur zuhauf. Uptodate muß das Romanthema sein, sonst hat es keinen Anspruch auf Gehör. Diesen journalistischen Lebenshilfe-Ansatz von Literatur (und Philosophie) habe ich hier schon mehrfach kritisiert.

    So, zurück auf das Sofa (braunes Büffelleder), James wartet…

  103. ziggev schreibt:

    wirklich, ganz wunderbar, summakumlaude, selten so gelacht, wenn ich versuche aufzuhören, fängt mein linkes Augenwimpel an zu zucken. Danke! rofl!

    Aber ehrlich gesagt fand ich, dass Adorno in den Okkultismis-Kapiteln am Schluss etwas schwächelt. Ich habe mich mit der „Esoterik“, wie wir glauben das Phänomen heute etwas genauer bennen zu können, etwas näher beschäftigt. (Übersetzungen usw.)

    Die Esoteriker der heutigen Zeit scheinen sich der faschistoiden=okkoltistischden Wurzeln dieser Bewegung nicht bewusst zu sein. Die Gleichung Esoterik=Okkultismus, wie damals noch von Adorno aufgemacht (oder noch mal zurück zum „Zauberberg“ etc.), scheint verschüttet.

    Was früher „okkulsistisch“ hieß, ist heute faschistoide Mythologie. Heutige Esoteriker geben vor, das nicht mehr zu wissen. Bei Bhagwan/Osho übrigens nur in Anführungszeichen, „esoterisch“, oder als Spottwort.

  104. summacumlaude schreibt:

    Faschistische Mythologie, also: Himalaya-Expedition, Tibet, der erste Arier, YOGA (ganz wichtig, Yoga setzte sich erstmals in den Dreißiger Jahren in Dtl. durch!!!) das gab es durchaus auch damals und verband sich mit Okkultem aufs Unentwirrbare. Préludes hierfür waren einige Teile der Lebensreformbewegung am Anfang des Jahrhunderts: Zivilisationskritik von rechts aus den Tiefen der Mythen!
    Th. Mann erkannte diesen fatalen, antizivilisatorischen Aspekt des Mythos schon in den Zwanzigern, schrieb den Joseph, um den „Mythos ins Humane umzufunktionieren“. Auch Joyce schrieb ja einen Mythos um, projezierte ihn im Ulysses auf den Alltag von Mr Jedermann, durchwirkte den Odysseus mit dem wandernden Juden Ahashver, dem AT, mit Golgatha z.B..

    Siehe dazu auch Adorno/Horckheimer DdA „Odysseus oder Mythos und Aufklärung“ aber das wäre von mir ersteinmal noch vor einem abschließenden Urteil (gibt es das?) zu durchforsten („…Kein Werk aber legt von der Verschlungenheit von Aufklärung und Mythos beredeteres Zeugnis ab als das homerische, der Grundtext der europäischen Zivilisation…“ p52 Ausgabe S.Fischer 1969). Aber ich improvisiere, nur mal als Hinweis…

  105. Bersarin schreibt:

    @ ziggev/Summacumlaude
    Ja, Bücher stehen in ihrer Zeit, und müssen (zunächst) aus ihr heraus gelesen werden. Dies ist ja auch mein ständiges Plädoyer. Goethe vorzuwerfen, daß er nicht wie Kafka oder Joyce schrieb, ist schlicht Unsinn. Und Adorno vorzuwerfen, daß er auf Faschismus, Stalinismus und einen heraufziehenden totalitären Kapitalismus reagiert, ist schlicht Blödsinn und hat mit Philosophie rein nichts zu tun.

    Die Zeit, die Muße, um überhaupt lesen zu können, ist nicht immer vorhanden. Schwierig manchmal, sich diese Räume zu schaffen, und schlecht ist’s, wenn das nur durch Krankheit geschehen kann.

  106. ziggev schreibt:

    es war übrigens weniger die Krankheit, sondern, wie summacumlaude treffend formulierte, die Rekonvaleszenz, die mir zu dieser Muße/Lektüre verhalf. Seitdem bin ich geneigt, diese beiden Begriffe synonym zusetzen. Adorno (…) als Gesundungsprozess, wenn Du so willst.

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