Literaturkritik oder der Eigensinn von Kunst (1)

„Ein starker Kunstbegriff ist heute aus verschiedenen Gründen kaum noch in Gebrauch. Das hat nicht unbedingt mit einem Niedergang zu tun.“
(Diedrich Diederichsen, Eigenblutdoping)

 „Ich glaube, dass es nicht mehr besonders en vogue ist, intellektuell zu sein, nicht nur die Hooligans von der Pegida halten das Wort Intellektueller für ein Schimpfwort. Für viele mit guter Schulausbildung hat Intellektualität den Beiklang von Engagement, oder sagen wir einfacher: Haltung. Und Haltung ist kaum noch gefragt heute, …

Alle meinen den ganzen Tag irgendwas, Meinungen sind ja gerade hoch im Kurs, in den Redaktionen ist immer wieder von der Meinungsstärke von Texten die Rede. Aber Haltung zeigen wenige, denn das hieße ja die Ansichten von gestern auch jetzt noch zu vertreten. Oder aber sich selbst zu kritisieren, also sich infrage zu stellen, sich angreifbar zu machen. Und, ehrlich gesagt, manche festangestellten Literaturkritiker können viel viel mehr über edle Schuhe oder gutes Essen sagen als über die Qualität literarischer Texte.“ (Jörg Sundermeier, in: BuchMarkt)

Viel sprach man seit den letzten Wochen, ausgelöst durch Sundermeiers Interview, in den Zeitungen und in den Welten der Digitalgewitter über die Literaturkritik: von ihrem Scheitern, von ihren Möglichkeiten, die sie freilich mangelhaft nur wahrnimmt, ihrem Versagen und wie sehr sie sich ins Kleinteilige flüchtete oder aber wie sie sich in einem Betrieb, wo jeder jeden kennt, in die Abhängigkeiten manövrierte. Viel Anregendes, aber ebenso häufig Banales war in den Welten der Blogs dabei, manchmal dem Versagen der Urteilskraft und dem Mangel an ästhetischem Geschick (oder auch intellektueller Geschicklichkeit) geschuldet. Man sollte als Blogger:in der Welt nicht alles als Literatur oder deren Kritik unterjubeln. Was mich in meinem seit Jahren gehegten Urteil bestärkt, daß die besseren Formen von Literatur samt Kritik immer noch in den Printmedien wie Büchern und Zeitungen und nicht in den Blogs ihren Platz finden. Selbst dort, wo die Literaturkritik mißlungen oder für den Markt geschrieben scheint, damit sich eine bestimmte Literatur stromlinienförmig verkauft, lesen sich die meisten dieser Buchbesprechungen in Zeitungen besser als solche Blogtexte, die über das Emotionalisieren oder private Leseeindrücke nicht hinausgelangen. Das gilt sogar für die ansonsten von mir wenig geschätzte Iris Radisch. (Nicht jedoch für Georg Diez.)

Natürlich, es gibt in der Blogwelt Ausnahmen. Ich nenne jedoch keine Blognamen, weder im guten noch im schlechten: die, die gemeint sind, wissen, daß sie gemeint sind. Die schlechten bleiben im Kröpfchen, und wir wollen sie durchs Nennen nicht aufwerten und die guten sind eh gut genug – egal ob von engagierten jungen Frauen oder von mittelalten bis alten Männern betrieben. Ganz wenigen freilich gelingt es, in den Sphären des Digitalen diese Komponente von radikal subjektivem Blick, Emotion und Ton so auszufahren und in eine gekonnte, gewagte und gewaltige Sprache zu bringen, daß es eine Freude ist, diese Texte zu lesen. Wenn dann im Gesamt des Textes, in seinem Bau, seinen Konstellationen und Stilmitteln ein ästhetisches Urteil sich zeigt, welches mehr als nur Meinung und Befinden hervorbringt, dann will es mir scheinen, daß der „Essay als Form“ die tiefreichende Variante ist, um Literatur zu betrachten, sich ihr anzuschmiegen, sie lesen zu lernen. Denn dieses Lesen-Lernen ist eine der höchsten Künste. Es erfordert vor allem, vom Ich und von der unvermittelt scheinenden Subjektivität, die so sehr aufs Authentische pocht, endlich einmal absehen zu dürfen und auch: Absehen zu können. (Von der Subjektivität gleichsam abzusehen, um Subjektivität überhaupt erst zu gewinnen.) Sich einem Text hinzugeben, seinen Innenraum in Gestalt zu bringen. Dem literarischen Werk etwas hinzuzufügen. Es nicht zu ersticken oder wegzuinterpretieren, um es handhabbar zu bekommen, sondern in einer Art Gleitbewegung zugleich darin und darüber hinaus zu sein.

Machen wir uns aber nichts vor: Alles Klagen, Wünschen, Lamentieren, Hoffen, Bitten und Betteln nützt nichts. Denn Literaturkritik erfüllt zunächst einmal eine ganz basale Funktion: sie liefert Leserinnen und Lesern Orientierung. Literaturkritik bietet Überblick und zeigt – freilich ausgesprochen selektiv – auf, was es auf dem Markt an Büchern gibt. Das klingt trivial, und das ist es auch. Leider wurde diese Evidenz in der Debatte übersehen. Literaturkritik ist kein Literaturessay, denn ein Buch zu analysieren oder in einem Kunstgriff in seiner Vielschichtigkeit zu sichten – Kunstkritik kann ebenso eine Weise der Kunst sein, sofern sie gut gemacht wurde –, läuft in einem ganz anderen Modus als eine Buchbesprechung auf vielleicht einer Zeitungsseite. Der Literaturessay greift aus, bringt seinen Gegenstand zum Leuchten, vielleicht sogar dadurch, daß ein gelungener Essay über sein Ziel weit hinausschießt. Becketts Reaktion auf Adornos Essay zum „Endspiel“ etwa fiel ablehnend aus; mit der Intention des Autors also hatte Adorno – zum Glück – nicht viel im Sinn. Wozu auch? Wenn uns der Autor eine Botschaft hinterlassen wollte, hätte er keine Literatur geschrieben.

Solche Lektüre von Literatur, die im Essay oder in einer komplexeren Kritik sich ausdrückt, setzt (meist) voraus, daß ein Buch bereits gelesen wurde. Literaturkritik in den Zeitungen und auch in Blogs richtet sich jedoch an ein Publikum, das dieses Buch eben nicht kennt. Insofern sind in einer solchen Kritik naturgemäß Inhaltsangaben erforderlich. Die freilich über einen bloßen Klappen- oder Werbetext hinausragen sollten. Denn wie sonst sollte ein ansonsten Leser erfahren, worum es in diesem Buch geht und wovon es handelt. Wie und auf welche Weise ein Rezensent sein Metier freilich gelungen oder völlig neben der Spur betreibt, bleibt eine Kunst für sich. Insofern schreiben sich auch die knappen Buchbesprechungen nicht nebenher, wenn sie mit einer gewissen Umsicht und mit Genauigkeit gearbeitet wurden.

Wer freilich mehr will, als eine bloße Besprechung zu lesen oder zu schreiben, muß tiefer einsteigen. Der Unwille an der Literaturkritik, den ich in manchem Punkt teile, etwa was das Verschweigen bestimmter Autorinnen und Autoren anbelangt ebenso wie die Unfähigkeit, das Werk selber sprechen zu lassen, jenseits der Inhaltsangabe, ruht womöglich aber auf einem ganz anderen Umstand und meint nur mittelbar diese Form der Literaturkritik. Es geht im Grunde um die Kunst selbst, um einen Zug an ihr, der uns verstört und den diese Art der Kritik nicht zum Ausdruck hin und als Gestalt der Kunst zu vermitteln vermag: jenes Moment des Entzugs im Kunstwerk, das Sprache übersteigt. Friedrich Schlegel fand dafür jenen Satz: „Wo die Philosophie aufhört, muß die Poesie anfangen.“ Das, was wir mit dem Eigensinn der Kunst bezeichnen und was die Literaturkritik der meisten Zeitungen unter den Tisch fallen läßt. Diese spezifische Weise eines literarischen Textes, etwas so und nicht anders auszudrücken, kann Literaturkritik nur in den Ausnahmefällen zur Sprache bringen, und diesen besonderen Ton eines literarischen Textes zu evozieren, mißlingt meist, sofern sich die Kritik nicht in der reinen Paraphrase erschöpft oder aber wenn sie zumindest Raum erhält, um ausgreifend in die Bezüge einsteigen zu können, um sich dem Werk anzuschmiegen, es nachzuzeichnen, es in eine erweiterte Form zu bringen. Textueller Hyperbolismus einer Lektüre. Zwischen Kritik und Werk tut sich jedoch eine Lücke auf. Während die Romantik um Schlegel noch Kritik und Poesie in einer Texteinheit zusammenzuführen gedachte, bringt die mit dieser Zeit einsetzende Moderne eine unaufhebbare Spaltung zwischen Kritik und Werk hervor. Ausdifferenzierung von Geltungssphären, wie es später heißen wird. Um dieses Verhältnis von Philosophie und Kunst, von Deutung und Werk wird sich die gesamte Ästhetik Adornos ranken. (Dazu in einem anderen Teil der Serie mehr.)

Diese Spaltung wie auch die Aneignungsprozesse führten auf Seiten der Kunst und der Theorie zur Kritik an den überkommenen Literatur- und Textwissenschaften – insbesondere an den hermeneutischen sinnverstehenden oder sinngenerierenden Interpretationsansätzen. In den 50er Jahren bereits reflektierte darauf Adornos „Der Essay als Form“, und prominent geschah dies in Susan Sontags knappem und paradigmatischem Text „Against Interpretation“ aus dem Jahr 1964, der freilich in eine ganz andere Richtung stößt als Adorno dialektische Kritik. Im Grunde in dem Zeitrahmen geschrieben, als die dritte Moderne der Kunst des 20. Jhds in ihren Zenit trat. Dem Kunstwerk werde, so Sontag, in den Akten der Interpretation gewaltsam eine Deutung übergestülpt, es werden Subtexte gelesen und freigelegt, die sich als der eigentliche Text ausgeben. In einer leider reduktionistischen bzw. in provokanter Lesart macht Sontag das an Marx und Freud deutlich und bezeichnete deren Texte als „ein wohldurchdachtes hermeneutisches System“, das auf „aggressive und pietätlose Interpretationstheorien“ hinauslaufe.

Davon abgesehen, daß dies Unsinn ist, weil es sich hier um eine weichgespülte Lesart von Marx und Freud handelt, verkennt Sontag den Umstand, daß sich gesellschaftliche und psychische Phänomene eben nicht an sich selber zeigen, wenn man nur lange sowie intensiv genug schaut, und daß in diesen Feldern nichts ist, wie es zunächst uns erscheinen mag. Wer einzig den Markt und die Waren betrachtet, wird kaum zu einer Theorie des Wertes gelangen, noch den Gesellschaft formenden und zugleich von Gesellschaft geformten Charakter der Waren begreifen können, die uns im Schein des An-Sich als vermeintlich Naturgegeben gegenüberstehen und doch durch und durch gesellschaftlich Gemachtes, sondern er wird den Markt als unendliche Ansammlung von Tauschprozessen wahrnehmen, darin die Ware ein Fetisch. (Daher kommen dann auch derart dämliche Ausführungen über Markt und Kapitalismus zustande, wie Antje Schrupp sie kürzlich im FAZ-Blog formulierte. Die Erledigung dieses Falles folgt ein andermal hier im Blog.) Ähnliches gilt im Grunde auch für die von Sontag kritisierte Kunstkritik. Dialektische Kritik jedoch, so sei hinzugefügt, die das Kunstwerk als Kunstwerk in seinem ästhetischen Eigensinn beläßt, überschreitet das Unmittelbare und bloß Evidente. (Womit wir wieder einmal bei der Kritik der sinnlichen Gewißheit sind, was sich durchaus mit Sontags Kritik an einer Interpretationslektüre deckt, die bloß auf den Inhalt eines Werkes sich kapriziert.)

Der Strom der Kunstinterpretationen, so Sontag, vergifte unser Empfindungsvermögen, so Sontag, und indem in der Interpretation Kunst auf ihren Inhalt reduziert wird, zähmt man die Kunst. Ihre Überlegungen mögen teils reflexhaft und unidirektional sein, doch reagieren sie auf eine bestimmte Form von Literaturwissenschaft, die den Text bloß noch als akademischen Anlaß nimmt. Darin liegt Sontags Polemik richtig, wenngleich sie die Komplexität und das Subtile des Verhältnisses verfehlt, in dem Kunst und Kritik zueinander stehen. Wobei Sontag freilich Interpretation nicht generell über Bord wirft, sondern lediglich eine bestimmte Form von interpretierendem, seminarhaften Akademismus. Und so schließt Sontag ihren Text mit jenem Diktum: „Statt einer Hermeneutik brauchen wir eine Erotik der Kunst“. Dieser Satz wird in den postmodernen Zeiten des gefühlten Textes sicherlich manchen Anklang finden.

In anderer Weise variiert Roland Barthes dieses Moment der Emphase an Kunst sowie einer ästhetischen Intensität des Textes in seinem Essay „Der Tode des Autors“ (1968): nicht mehr die hermeneutischen Kohärenzbildungen oder indem die Interpretation einen Sinn des Textes freilegt, sollen das Maß der Lektüre abgeben, sondern eine Vielfalt an Bezügen, die den Text immanent strukturieren:

„Wir wissen nun, daß ein Text nicht aus einer Wortzeile besteht, die einen einzigen gewissermaßen theologischen Sinn (das wäre die ‚Botschaft‘ des ‚Autor-Gottes‘) freisetzt, sondern aus einem mehrdimensionalen Raum, in dem vielfältige Schreibweisen von denen keine ursprünglich ist, miteinander harmonisieren oder ringen: Der Text ist ein Geflecht von Zitaten, die aus den tausend Brennpunkten der Kultur stammen. Bouvard und Pécuchet gleich, …“

Stop making sense, so lautet der von der Postmoderne begierig aufgegriffene Slogan, mit dem man Barthes Text charakterisieren könnte: „… Schreiben setzt fortwährend Sinn, aber immer nur, um ihn zu verflüchtigen.“ Literatur setzt in ihrer textuellen Prozeßhaftigkeit die Sinnproduktion aus. Die Literatur, oder wie Barthes es ausdrückt, das Schreiben, weigert sich, „dem Text (und der Welt als Text) ein ‚Geheimnis‘, das heißt einen letzten Sinn zuzuweisen.“ Barthes darin implizierte Kritik einer literarischen Hermeneutik wie auch einer epiphanisch gedachten Kunst, gleichsam als negative Theologie, das Auratische der Kunst, der in ihr siedelnde Deus absconditus, greift hier jedoch zu kurz und zeichnet ein Zerrbild derselben. Selbst Gadamer geht es nicht um einen letzten Sinn, denn es irgendwie als theologisches Residuum des Textes zu bewahren und in der hermeneutischen Interpretation zu bergen gälte.

Allerdings, es läuft diese Transformation von Sinnprozessen bei Barthes darauf hinaus, daß die Verhältnisse umgekehrt werden: nicht mehr der Autor rückt in den Fokus, sondern es installiert sich der Leser als neue Instanz. „Die Geburt des Lesers muß mit dem Tod des ‚Autors‘ bezahlt werden.“ So endet der Text. In seinem Essay „Die Lust am Text“ führt Barthes dieses Moment der Lektüre fort, aufgeladen um einen fast schon erotischen Aspekt, wie ihn auch Sontag propagiert. (Im Zusammenhang mit Adornos Begriff vom Rätselcharakter der Kunst werde ich auf diese Verwandtschaft von Kunst, Lektüre und Eros zurückkommen.) „Der Lust am Text“, schreibt Barthes, „gleicht jenem flüchtigen, unmöglichen, rein romanhaften Augenblick, den der Libertin am Höhepunkt eines gewagten Arrangements genießt, wenn er den Strick, an dem er hängt, im Moment höchster Wollust durchschneiden läßt.“ Der Kunst wohnt insofern nicht nur Erotik und Eros inne, sondern sie zeichnet sich gleichfalls als Thanatos-Erfahrung. „Werden im Vergehen“, kann man es mit Hölderlin umschreiben. Aber da sind wir dann wieder bei der Theologie. Freilich unter griechischem Himmel.

Dieser Topos einer Kritik der Kunstkritik wiederholt sich innerhalb der philosophischen Ästhetik verschiedentlich und in unterschiedlichen Varianten, als Kritik der Kritik durchgespielt, wenn die Kunstkritik als parasitärer oder sekundärer Diskurs markiert wird, der das Kunstwerk überdeckt. In den 70er Jahren lieferte Rüdiger Bubner in seinem Aufsatz „Über einige Bedingungen der gegenwärtigen Ästhetik“ (Neue Hefte für Philosophie 5/1973) eine Kritik der Adornoschen Wahrheitsästhetik zugunsten ästhetischer Erfahrung als Ort der Kunst. Im angelsächsischen Raum kritisierte Arthur C. Danto eine bestimmte Weise von Kunstinterpretation (insbesondere die Dekonstruktion Paul de Mans) in seinem lesenswerten Buch „Die philosophische Entmündigung der Kunst“, wenn er davon spricht, daß die Kunst in den Kommentaren erstickt wird. Danto stellt fest: „Die verblüffende Wahrheit liegt jedoch darin, daß die Philosophie mit ihrer Definition der Kunst zugleich sich selber Gestalt gibt und daß sie sich im Zuge der Entmündigung der Kunst erst selbst in ihre Rechte eingesetzt hat.“ Diesen Vorwurf würde Danto vermutlich auch einer bestimmten Art der Literaturkritik machen. Ebenso kritisiert Georg Steiner die Philosophie der Kunst und verteufelt die sekundären Diskurse, die sich um die Kunst ranken. So in Steiners 1990 erschienenem Essay-Band „Von realer Gegenwart“, der sich insbesondere gegen die zu dieser Zeit im Schwange befindliche Dekonstruktion richtete. Dabei zeichnet Steiner freilich ein Bild von Selbstgegenwart der Kunst, das diese zuweilen doch idealistisch überhöht. Kunst bedeutet ein Setzen auf Transzendenz. In gewissem Sinne kann man hier von einem umgedrehten Platonismus sprechen. Während Platon in der „Politeia“ die Künstler verbannen wollte, weil sie in seinem Konzept von Mimesis lediglich Abbilder des Abbildes lieferten, schickt Steiner die unendlichen Interpreten der Texte nach Hause.

Das Tückische freilich an jener Klage über die sekundären und parasitären Diskurse der Interpretation ist, daß jene Kritik der Kunstkritik selber in jenen Modus des Sekundären fallen und dem Kunstwerk weder etwas Eigenes noch ein Anderes hinzufügen, was das Werk entgrenzt. Insofern bleibt sie unbezügliche Negation, sind allenfalls, wie der Text Sontags als anregende Polemik zu lesen. Dantos Texte etwa verharren innerhalb der Philosophie. Sie sind – anders etwa als ein Essay – keine Kunst (wollen es freilich auch nicht sein), sie schreiben sich diesseits der Grenze, auf einer Seite des Zaunes, entlang. Als Reflex gegen eine bestimmte Weise der Kunsterstickung mag es hilfreich sein. Aber wenn meinen und treffen diese Kritiken?

Mehr zu dieser Kritik der Kunstkritik in einem nächsten Teil. Ich werde im Lauf dieser Serie auf die hier genannten Texte in unterschiedlichen Wendungen immer einmal wieder eingehen.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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5 Antworten zu Literaturkritik oder der Eigensinn von Kunst (1)

  1. che2001 schreibt:

    Zu der angesprochenen falschen Marx-Verortung, insbesondere dem unsäglichen Text von Antje Schrupp (bei der mir immer so der Geist der Evangelischen Akademien der 1970er und 80er durchzuscheinen scheint), ich will der kommenden Diskussion, der ich mit Freude entgegensehe nicht vorgreifen, zu diesem Themenkomplex nur so viel: Wer die Entwicklung des Wertgesetzes, die Marx ja eigentlich sehr anschaulich mit ursprünglicher Akkumulation, Schatzbildung und kapitalistischer Finanzwirtschaft, mit Gebrauchswert, Tauschwert, Mehrwert und Profitrate herleitet und vorführt, wer das nicht nachvollzieht wird immer zwangsläufig bei voluntaristischen Ansätzen landen, die sich schön und elegant anhören, auf mehr oder weniger idyllische Wirtschaftsweisen hinauslaufen, aber nicht funktionieren können. Nörgler brachte das mal auf den Punkt: Marx hat seine Kapitalismuskritik nicht anhand einer Fabrikbesichtigung entwickelt.

  2. ohneeinander schreibt:

    Thomas Strässle meinte im letzten Literaturclub, dass in der Literaturkritik, viel zu viel Hegel, Adorno ect. zitiert werden und er sprach von einer neuen Mode, nämlich der postmodernen Literaturkritik bezüglich des Zitierens. Will sagen, für mich ist es gar nicht so einfach ihren Betrachtungen zu folgen.
    Beste Grüße

  3. Bersarin schreibt:

    @ che
    Es wird in bezug auf Schrupp keine Diskussion geben, weil ich hier ein Abwatschung schreibe. Ich habe selten etwas Blöderes gelesen, Text von der Resterampe: wo zwischen Kommunitarismus und Jeremy Rifkin eine üble und trübe Gemengelage erzeugt wird,die man den Leserinnen und Lesern dann als Feminismus verkauft. Schrupp: die Guttenberg des Feminismus, um von „Der Umblätterer“ auf die Idee gebracht, eine Vossianische Antonomasie zu bauen, für die „der Umblätterer“ einen feinen Faible hegt .

    Ähnliches Verwurstungsprinzip fand ich einstmals auf einem anderen Blog, wo man mir bestimmte Positionen des Habermasschen Anerkennungsverhältnisses und seiner Kommunikationstheorie als originär feministisch verkaufen wollte. Ich habe nichts dagegen, es so wie Schrupp zu machen, mal abgesehen von der intellektuellen und praktischen Dürftigkeit dieser Theorie, aber dann bitte sollen auch die entsprechenden Namen als Referenz genannt werden.

  4. Bersarin schreibt:

    Danke für Ihren Hinweis. Wobei ich allerdings aus meiner Lektüre in FAZ, „Zeit“ und „Berliner Zeitung“ nicht sagen kann, daß dort übermäßig Theorie zitiert würde. Leider. Die Ausnahme im Hinblick auf eine fundierte Kritik bildet Diedrich Diederichsens Besprechung von Distelmeyers „Otis“ in der „Zeit“. Auch er zitiert zwar nichts herbei, aber es laufen bei ihm bestimmte Namen implizit bzw. im Hintergrund mit. Auf eine angenehme und unaufdringliche Weise, wie ich finde. Eine der besten Buchkritiken, die ich seit langem las.

    Anders mag es mit der Literaturtheorie aussehen. Aber wie es der Name bereits sagt: es ist die Theorie. Da die Ästhetik Adornos und auch die Derridas nach wie vor die avanciertesten und anregendsten sind, die die Philosophie im Programm hat, kann ich gut nachvollziehen, daß diese Namen dort fallen. Was nun Texte wie meinen betrifft, so arbeitet auch eine Kritik der Kritik auf philosophischer Metaebene. Das ist nicht immer leicht zu lesen – das weiß ich wohl. Aber ich denke, daß meine Texte vom Schreibstil her auch für Leser:innen, die nicht vom Fach kommen, lesbar sind. Was den Theoriehintergrund betrifft: einfach mitlesen, vieles erschließt sich aus dem Kontext.

  5. Pingback: Voluntarismus und die Linke | Kritik und Kunst

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