Neil Young zum 75. Geburtstag

Wie ich eben lese – ich führe leider keinen Geburtstagskalender -, hat heute Neil Young seinen 75. Jubeltag. Es ist dies eine Musik, die mich seit meiner Jugend begleitet, und ich fand nichts Geileres: zum Tanzen mit interessanten Frauen, zum Trinken, damals auch zum Kiffen, das ich freilich schnell wieder einstellte, es war dies nicht meine Droge, und vor allem als Hintergrundmusik, um Texte zu schreiben – bis heute hin. Und selbstredend und naturgemäß vor allem zum Autofahren über Brandenburger Landstraßen, wo sich beim Hören dieser Songs noch so etwas wie Einsamkeit und amerikanische Weite vorstellen läßt, da in manchen dieser Regionen kein gottverdammter Mensch ist. Über Tage nicht, in meinem Pickup – nein das war übertrieben, vielleicht eine halbe Stunde lang mal ohne Autos, ohne Gegenverkehr und niemand gurkt vor einem öde durch die Landschaft, während ich versuche, immer vorher schon die Blitzer zu orten. Dazu dann das Radio aufdrehen und von der CD schallt Young. Was für eine Musik! Der harte Anschlag der Electric Guitar und dazu eine sanfte oder auch leicht nölende Stimme, die für sich genommen vielleicht nichts Besonderes sein mochte, aber in der Kombination mit Electric Guitar und der Wucht dieser Songs doch eine starke Wirkung tat. Allein solche Ausrufe, eine Hymne für uns damals:

Hey, hey, my, my
Rock and roll can never die
There’s more to the picture
Than meets the eye
Hey, hey, my, my

Und er begriff, daß da mit dem Rock etwas kam, was diesen überstieg und doch im eigenen Genre Fleisch von dessen Fleische war: Punk und eine neue Härte. Young machte sie sich auf andere Weise zueigen, biederte sich nicht an – und das gefiel mir ausnehmend gut an seiner Musik.

The king is gone but he’s not forgotten (Johnny Rotten, Johnny Rotten)
Is this the story of Johnny Rotten? (Johnny Rotten, Johnny Rotten)
It’s better to burn out ‚cause rust never sleeps
The king is gone but he’s not forgotten

Dies sang er 1979. Musik auch aus dem Rust-Belt, und eine Platte „Rust Never Sleeps“ und „Live Rust“ zu nennen, ist ein klangvoll-schöner Titel, der zahlreiche Assoziationen weckt – es war diese letztere meine erste Neil Young-Platte, ich trug sie voll Stolz 1980 nach Hause und auf meinen Plattenteller, ein schrottiges billiges Teil, an dem eine Mono-Box angeschlossen war, so daß der Klang der Box und der Klang der Platte eine interessante und wie ich fand passende Kombination eingingen – Young für Puristen gewissermaßen und nicht für solche im Jugendzimmer, die all ihr Erspartes in teure Anlagen versenkten; und ich mochte diese Live-Rust-Platte deutlich lieber als jenen Neil Young mit „Harvest“ und seinem „Heart of Gold“. Ein Song, der sicherlich gut zum streichelnden Berühren mit jener Frau mit der lila Latzhose sich geeignet hätte, die ich damals bezaubernd fand. „Live-Rust“, das waren kein Folksong mehr, sondern eine raue Sentenz. Und auch Jahrzehnte später im Song „Hitchhiker“ etwa – aus seinem Album „Le Noise“ – klingt es wie eine dieser Americana, die uns Autoren wie Don DeLilo, T.C. Boyle und auch der großartige Cormac McCarthy erzählen. Und es ist in dieser Musik zugleich eine Drogenreise, die man besser nur in der Musik bzw. in der Kunst unternimmt. Wie auch bei William S. Burroughs‘ Romanen „Junk“ und „Naked Lunch“: wer es liest, mag harte Stunden dabei haben, wer es leben mußte und darin versank, hatte meist kaum eine Chance. Zu verklären gibt es da nicht viel. Wohl aber der Versuch, diese Faszination mittels Ästhetik und Kunst zu verstehen, ohne ihr vollständig zu erliegen.

Dieses Spiel von Entgrenzung bei gleichzeitigem Abstand, gewissermaßen Odysseus‘ Sirenenfahrt, wie sie von Adorno/Horkheimer in der „Dialektik der Aufklärung“ geschildert wird, als unendliche Verheißung und als unsublimierte Lust, die es zu genießen gilt, bei gleichzeitiger Zähmung, weil der Hörer sich an den Mast fesseln läßt, während jene anderen, die Arbeiter, mit den verstopften Ohren rudern müssen, ist einer der Aspekte von Kunst. Auch der aus dem Jugendzimmer: die Eltern gehen arbeiten und wir lauschten den Sirenen oder den Ramones. Auch Youngs Musik hat etwas mit jenem Rausch zu schaffen. Wobei jene Musik – vielleicht eher noch als die sonstige Kunst, also Literatur, Malerei, Film, Theater – ins kollektive Jugendzimmer eindringt und in einer Art von Gemeinschaft und Gesinnung bei Mädchen und Jungs so etwas wie eine Haltung stiftet, wie man sein und wie man möglicherweise leben möchte. Ein Lebensgefühl zu vermitteln, wie man es auch nennt. Böse Zungen mögen beim Phänomen Pop von fataler Simulation sprechen.

Solches Gefühl zwischen Rausch, Ekstase und einer gewissen Gedämpftheit, wie hinter Glas, drückt sich auch in Youngs seltsam-hartem und zugleich melancholischem „Hitchhiker“ aus, den er zur Electric Guitar spielte: und wenn dann diese Zauberstimme einsetzt. Eindringend. Für diese Art von Musik schätzte ich Neil Young schon auf seiner „Rust“- bzw seiner wie ich finde legendären „Live Rust“-Platte und schätze ihn bis heute. Eine Musik, die eigentlich nie allzu schnell gespielt ist, wie in Punk und Grunge, die aber doch auf ihre Art diese Schnelligkeit in sich trägt.

7 Gedanken zu „Neil Young zum 75. Geburtstag

  1. Vielen Dank für die Glückwünsche und Rückblicke zu Neil Youngs Geburtstag.
    „Rust never sleeps“ bzw. „Live rust“ sind schon klasse. Gab es „Live rust“ nicht auch im Kino?
    Das macht seine Musik für mich aus, dass Neil Young vielfältige Stimmungen aufgreift, ausdrückt, wohl auch anregt, mögen sie rauschhaft sein oder auch zärtlich, ernüchtert oder engagiert.
    Schöne Grüße!

  2. @Wildgans: Ja, das ist eben das Schöne an Blogs, daß der Betreiber oder die Betreiberin Dinge machen kann, die sonst nicht möglich sind.

    @anoldnuremberg: Diese unterschiedlichen Ton- und Stimmungslagen sind es, die mir bei Neil Young ebenfalls gefallen. Und dieses Zusammenspiel von Stimme und Guitarre.

  3. Sehr schöner Text zu diesem auch für mich großartigen Musiker. Zum Thema Drogen bzw. überhaupt Abgründe in der (Pop)musik empfehle ich seine LP Tonight’s the night. Und beim Thema Entgrenzung und Abstand dachte ich an Nietzsches Worte, In der Kunst bewundern wir, was wir im Leben nicht aushalten würden (oder so ähnlich, aus dem Gedächtnis). Zweifellos kommt ein großer Teil Rock-Popmusikalischer Energie und Glaubwürdigkeit genau daher: da haben sich Menschen auf das Unwägbare, Gefährliche, Existenzbedrohende eingelassen und ziehen ihre Musik aus diesen Grenzerfahrungen. Daran ändert sich auch nichts dadurch, dass die Fesselung an den Mast für uns heutzutage billig zu haben ist. Wie übrigens der Körper und seine Schmerzen in die Musik fließen, gibt es auch bei einem anderen Großen, Keith Jarrett, zu bewundern. Leider hat auch hier die Höchstspannung ihren Tribut gefordert: nach Schlaganfällen kann er nicht mehr spielen. Beide singen und spielen übrigens: bei Jarrett schlägt ein überbordender Ausdruckswille auf die Stimme durch, sodass er regelmäßig mit“singt“, und Young hat seinem E-Gitarrensound über die Jahre eine Tiefe und Schwere gegeben, die seine fistelhafte Stimme in den unteren Frequenzbereich hin fortsetzt.

  4. „Tonight’s the night“ ist in bezug auf jene Drogen in der Tat eine zentrale Platte.

    Das, was man Glaubwürdigkeit nennt oder auch das Einstehen für etwas mit einer Haltung, zeigt sich eben genau an jener Haltung, die in Rock und Punk mit seinem „Live fast, die young“-Slogan im Zweifelsfall bis zur eigenen Auslöschung gehen kann – und eine Paradoxie zugleich: denn nach der Auslöschung ist nichts mehr. Es bleiben die Werke. In diesem Sinne war auch das Sirenenbeispiel gedacht: Hören in Ekstase und doch auch wieder auf Abstand. (Was nicht verkehrt ist, wenn man noch lange und intensiv hören will.) Vor allem zeigt sich in solcher Haltung der Unterschied zu jenen von der Popindustrie gewirkten Stars, die am Ende mehr oder weniger wie aus der Retorte wirken. Aber auch dort können eben solche Ausbrüche und Zusammenbrüche passieren.

  5. Wie sagte Kurgan in „Highlander“: „Es ist besser auszubrennen als zu verblassen“. Wobei der Originalausdruck „fade away“ es besser trifft, aber ins Deutsche nicht wirklich übersetzbar ist.

  6. So ging dann auch der Abschiedsbrief von Kurt Cobain, jene Neil Young-Zeile aufgreifend: „It’s better to burn out than to fade away.“ Für’s echte Leben als Abschluß eben doch traurig und ein fatales Ende, das die Utopie eines Lebens bricht.

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