Korrekt-politische Wandgedichte: Herbst in Peking 2017

Eugen Gomringer ist ein bolivianisch-schweizerischer Schriftsteller, bekannt vor allem als Lyriker. Konkrete Poesie oder auch visuelle Poesie, so heißen hier die Stichworte. Was der österreichische Maler Heinz Gappmayr in der bildenden Kunst tat, nämlich Flächen und Wörter in eine Verbindung zu bringen, das bereitete Gomringer für die Dichtung. Sprache im Text steht nicht bloß immateriell für sich, so daß wir beim Lesen Laute im Kopfe vernehmen, denen wir Sinn und Bedeutung geben, sondern das Wort als materiale Form ruht genauso auf einer Fläche.

2011 erhielt Gomringer den Alice Salomon Poetik-Preis 2011 – nicht weltbekannt, aber Preis ist Preis – und ein Wandgedicht ziert seitdem die Fassade der Alice Salomon Hochschule. Es ist eine Fachhochschule im Osten Berlins, in Hellersdorf. Ihre Schwerpunkt ist sozialpädagogischer Natur: Soziale Arbeit, Gesundheit, Erziehung und Bildung. Auf der Fassade steht:

Avenidas
avenidas y flores

flores
flores y mujeres

avenidas
avenidas y mujeres

avenidas y flores y mujeres y
un admirador

Man kann dieses Gedicht ins Deutsche übersetzen, ich halte es aber für sinnlos, weil durchs Übertragen der Klang verlorengeht, und wenn man die wenigen Begriffe vom Spanischen ins Deutsche denkt, geht es genausogut ohne Übersetzung.

Der Asta der Alice Salomon-Hochschule übersetzt trotzdem, weil er nicht auf die Kraft der Sprache vertraut, sondern auf die Macht der Kunstvernichtung. Das Gedicht soll weg, es sei frauenfeindlich.

„Ein Mann, der auf die Straßen schaut und Blumen und Frauen bewundert. Dieses Gedicht reproduziert nicht nur eine klassische patriarchale Kunsttradition, in der Frauen ausschließlich die schönen Musen sind, die männliche Künstler zu kreativen Taten inspirieren, es erinnert zudem unangenehm an sexuelle Belästigung, der Frauen alltäglich ausgesetzt sind.“

Man könnte meinen, diese Sätze stammten in ihrem Übereifer als eine Art Witz aus Eckhart Henscheids „Trilogie des laufenden Schwachsinns“. Von dorther sind sie aber nicht entnommen. Sie kommen vom Asta, aus der Anonymität heraus geschrieben natürlich, ohne konkrete Personen, die für die Kunstvernichtung einzustehen bereit sind. Lediglich in einem Aufruf zur Neugestaltung der Fassade unterzeichnen eine Lotte, eine Marie und ein_*x Aiko vom Asta.

Heute ist es gefährlich, Kunst zu machen. Damit bist du, guter armer Künstler, Hypocrite lecteur, mon semblable, mon frère!, schneller auf dem Scheiterhaufen der neuen Inquisition, als du bis drei zählen kannst. Der Autor von „A une Passante“ säße vermutlich, wenn es nach diesen Leuten ginge, in einem Gefängnis. Allein schon deshalb, weil er der Brüderlichkeit nur das Wort hielt.

Solches Zensieren und Tilgen von Kunst und Kontext hat Methode. Bereits in Orwells „1984“ lesen wir von jenem Wahrheitsministerium, das Geschichte und Tradition von Kunstwerken umschreibt, so wie der Zensor in Diktaturen auf hohes Geheiß aus Photographien  unliebsame Personen tilgt.

Die „Zeit“ betitelte letzte Woche einen Essay zur bildenen Kunst wie folgt: „Mit ***** fängt es an“. Sensibelchen, die beim Neger einen aufgeregten Keuchhusten samt Sprachschwierigkeit bekommen. Sprachphilosophisch allerdings im Sinne von Donald Davidson interessant, ab welcher Anzahl von Sternen der Leser einen Begriff in seiner Bedeutung nicht mehr versteht. Hanno Rauterberg  hielt in der „Zeit“ diese Beobachtung des Geschichtstriggerns in bezug auf die Kunsthalle Bremen fest: sie „erforscht in einer couragierten Ausstellung ihre koloniale Geschichte. Das Ergebnis ist verheerend.“

Was ich vor zehn Jahren für einen schlechten Scherz hielt, worüber ich witzelte und dachte es käme bei allem Wahn politisch korrekt zu sein, soweit nicht, es sei ein Witz, die kleinen weißen Täfelchen umzuschreiben, auf denen der Werktitel steht – hier in Bremen wird das Unzugängliche Ereignis und auch getan:

„Verschärfend kommt hinzu, dass Nolde von „Eingeborenen“ sprach und die Aquarelle so betitelte. Dieser Begriff sei „im Kontext von Versklavung und Kolonialismus aber ausschließlich auf unterworfene Gesellschaften außerhalb Europas angewandt“ worden, sagt die Ausstellung, weshalb im Museum nur von E*********** die Rede sein darf.

(…)

Ähnlich verhalte es sich mit dem Kaffeegarten an der Weser von Elisabeth Perlia, denn hier werde ein „Genussmittel aus fernen Ländern, zumeist von unterbezahlten Arbeitskräften hergestellt“ ganz offenbar „unbekümmert von der globalen Handelsgeschichte“ genossen. Die Malerin zeige „das Kaffee-Trinken als Teil der weißen Identität“.

Entstanden sind diese Texte in Kooperation mit der örtlichen Universität in Bremen, verantwortet werden sie von der Anthropologin Julia Binter, die eigens als Kuratorin nach Bremen geholt wurde. Inmitten der Debatte um das Humboldt Forum in Berlin plädiert sie mit ihrer Ausstellung für eine radikale Dekolonialisierung der Museen: Erkennt eure Schuld und zieht daraus die Lehren, ruft sie den Besuchern zu. Endlich soll Schluss sein mit Rassismus, Exotismus und Ausgrenzung.

Deshalb darf das Negermädchen, ein Aquarell von Anita Rée, jetzt nur noch N****mädchen heißen.“

Man hätte Julia Binter dort lassen sollen, wo sie herkommt – im akademischen Dschungel deutscher Mittelstandsfrauen. Ich zitierte die Passagen deshalb so ausführlich, um den Geist dieser Gesinnungspolitik besser begreifbar zu machen: wie eine sinnvolle Intuition sich ins Absurde verdrehte. Fast könnte man den Eindruck bekommen, es wollten in Bremen und auch im Falle des Asta-Hellersdorf bestimmte Kreise eine eigentlich gute Sache ins Lächerliche reiten. Ja, am besten ist es, Völker und Kulturen, Mann, Frau, Geschlecht und Geschlechter kommen in Kunst und Leben gar nicht vor. So hätten es die Evangelikalen des neuen Butlermainstreams am liebsten, am besten überhaupt keine verfänglichen Dingen, die man falsch interpretieren könnte und die ein zu zartes Gemüt wie Lotte, Marie und Aiko vom Asta beunruhigen, wenn nicht triggern könnten. Kürzlich las ich in einem Blog, daß Verlage doch bitte eine Contentwarnung auf entsprechenden Büchern anbringen sollen. Und das war nicht als Scherz gedacht und das hat mittlerweile System:

„Der Verlag könnte Content Warnings in den ersten Seiten auflisten, oder bevor die Geschichte anfängt darauf hinweisen, dass man auf eine der letzten Seiten Content Warnings finden kann. Diese Content Warnings sollte man auch über verschiedene Online-Buchhandlungen finden können.

Für die neue Pekinger Hauswand in Hellersdorf schrieben Lotte, Marie und Aiko vom Asta: „Werdet also kreativ, brainstormt gemeinsam und lasst uns eine tolle Umgestaltung realisieren! alles Liebe, …“ so texten sie liebevoll ihren Aufruf zur Kunstzerstörung.

Die Kreativität dieser Leute sieht vermutlich die Burka vor. Gleichgeschlechtlich, ohne sichtbaren Unterschied, nichts, was auffällt, selbst Maos Ameisenkittel, die ein ganzes Volk zu tragen gezwungen war, wirken dagegen wie ein Stück hart erkämpfter Souveränität. Burkas über Statuen, über Kunstwerke, über jede Regung und Äußerung. Und da Geschlecht, laut Judith Butler, eine soziale Konstruktion ist, können wir es gleich mit abschaffen, denn es perpetuiert den Gewaltdiskurs. Restlos verabschiedet dieses sich selbst als links bezeichnende Kollektiv jeglichen Materialismus.

Diese neue Animosität samt Ikonoklasmus, in evangelikaler Tradition, ist entsetzlich, wir hatten es bei den Bilderstürmern zur Reformationszeit, heute ist es critical whiteness und eine bestimmte Fraktion aus dem Hause Gendergaga. Amusisch vor allem. Den Gehalt dieses Gedichtes nicht im mindesten erfassend.

Ein wunderbares Statement an die Adresse der Amusischen gibt es von Nora-Eugenie Gomringer, der Tochter des Dichters und selbst Dichterin, auf Facebook. Ein großes und gutes Statement:

https://www.facebook.com/noraeugenie.gomringer/videos/10155002505906819/

Wer nach dieser Rezitation und vor allem nach dieser Interpretation des Gedichts die Wand-Poesie immer noch entfernen will, hat nichts von Kunst begriffen und legt die (scheinbar) gute Gesinnung über jede Denkregung. Schlimmer aber als jene Leute vom Asta ist die Hochschulleitung, die dem Druck stattgegeben hat. Was für Feiglinge! Auch wenn Hochschulrektor Uwe Bettig das Entfernen kritisiert: Es gäbe sicherlich interne Möglichkeiten, es zu verhindern. Angefangen bei einer kleinen Sicherheitsprüfung der Kaffeemaschinen im Studentencafé des Asta. Von der Frage der rechtlichen Legitimation des Asta einmal ganz abgesehen.

Nein, so geht es nicht. Das Gedicht bleibt, und wir sollten überlegen, ob wir nicht, wenn das Gedicht entfernt wird, öffentlich zum Protest aufrufen und die Beseitigung mittels Platzbesetzung und ästhetischer Intervention verhindern. Sobald es übergemalt wird: einschreiten. In der Tradition von Beuys oder Schlingensief. Zeit wird es, diesen Kräften die Stirn zu bieten, und wie es von links her immer gefordert wird: Hier ist Zivilcourage gefragt, denn dieser Schoß ist fruchtbar! Wobei man Schoß bei Butlers Gendergaga vermutlich nicht mehr wird sagen dürfen, weil der Begriff der heteronormativen Matrix entstammt. Böse Möse, armer Brecht!

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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85 Antworten zu Korrekt-politische Wandgedichte: Herbst in Peking 2017

  1. che2001 schreibt:

    Demzufolge muss wohl das Kolosseum verhüllt werden. Zum Thema „Und da Geschlecht, laut Judith Butler, eine soziale Konstruktion ist, können wir es gleich mit abschaffen, denn es perpetuiert den Gewaltdiskurs. Restlos verabschiedet dieses sich selbst als links bezeichnende Kollektiv jeglichen Materialismus.“ würde ich da aber nicht Butler die Schuld geben. Butler will im Wesentlichen aufdecken und bewusst machen. Die sich da auf sie berufen waren früher bei der Volksfront von Judäa und zwischendurch mal Tierrechtler und Strukturvegane und auch mal Antideutsche. Es geht da um den Kampf um die Lufthoheit über das Zwanghafte

  2. che2001 schreibt:

    Eine Schande ist dass diese Leute sich auch noch als links verstehen. Als ich zur linken Szene stieß herrschte dort ein bewusst rüpelhafter Tonfall vor ähnlich den Umgangsformen einer Rockergang. Frapper les bourgeois….

    Es galt als linke Forderung, auch Kinder Frei-ab18-Filme gucken zu lassen, weil die Welt ungefiltert erfahren werden sollte.

  3. Bersarin schreibt:

    Ich hatte einst ein wenig bei Butler hineingelesen und ich bin da mit vielen nicht einverstanden, halte ihre Theorie für inkonsistent. Einmal davon abgesehen, daß ich ihre Theorie für steilen Idealismus halte, so steil, daß selbst Fichte und Hegel die Ohren schlackerten. Ansonsten stimme ich Dir jedoch zu: vor allem daß solche Spacken sich noch als links verstehen. Ich würde eigentlich über diese Dinge kein Wort verlieren, das ist wie mit unangenehmen entfernten Verwandten. Aber hier geht es leider um Entscheidungen.

  4. Dieter Kief schreibt:

    Oh, es dräut immer neues Unheil. Was sind wir Menschen doch / Ein Wohnhaus dumpfer Schertze, teilweise wenigstens mit dem deutschen Dichter Gryphius zu hadern, den es ja de facto auchnicht mehr gibt. Aber ich will nicht jammern. Noch ist schließlich die intellektuelle Substanz von Frau Özoguz auch nicht rückstandsfrei bewiesen – bzw. nach rein wissenschftaftlichen Kriterien keineswegs komplett nachweisbar.

    Judith Butller. Tja – links ist sie, da beisst der Biber auf Granit. Ich stimme zu: Es ist leider irreführend, zu glauben, dass man, weil man links sei, keine falschdenkenden Verwandten habe.

    Und dieser Asta erst – links vor, Wasser marsch!! Echt links, klar links, linkslinks.

    Ein der großen Scheidelinien ist die zwischen Utopie und Realität – und die zwischen einem wolkenkuckucksheim und einer diskutablen Utopie.

    Es wird mal wieder der utopische Diskurs gefragt sein. Und der wird mal wieder ein wenig Realität unter das bestens geschmierte ödipale KaderInnenwesen streuen sollen – dem Sande gleich, den man früher ins Getriebe der Welt wünschte.

    Norma Gomringer ist da aus anderem Holz – dassis‘ int’ressant, weil die ja sogar eine Dichtertochter persönlich ist; aber halt starke Person, kein Hascherl in den klebrigen Fingern des Zeitgeists.

  5. rwadel schreibt:

    Das gedicht ist eine Art Rorschach-Test. Der sagt auch mehr über den Betrachter aus, als über das Bild.

  6. fabsefab schreibt:

    So sehr ich deinen Unmut verstehen kann und ihn auch teile, würde ich deiner Aufforderung zum Protest für den Erhalt des Gedichtes nicht nachkommen wollen. Denn ich frage mich was so ein Gedicht überhaupt an der Wand einer Hochschule verloren hat? Wieso steht es dort? Was hat sich wer dabei gedacht? Das Gedicht als poetisches Hintergrundrauschen im tristen Lehrbetrieb? Etwas sinnlich-romantische Nervennahrung für die angehenden Sozialpädagogen? Kunst als das bessere Studentenfutter? Ich finde nicht, dass dies der passende Ort bzw. das richtig Arrangement für so ein Gedicht ist. Da wird dem Künstler in meinen Augen kein Gefallen mit getan. An so einer Wand kann gut und gerne Marx oder Freud oder Frau Salomon selbst zitiert werden. Meinetwegen auch Brecht. Doch ein Gedicht ist dort fehl am Platz. Aber zu Kunst im (halb-)öffentlichen Raum und ihrer damit zusammenhängenden (Zweck-)Entfremdung kannst du sicher mehr als ich sagen, Bersarin.

    Deine Wut auf die selbsternannten Tugendwächter*innen teile ich. Diese Politik der Befindlichkeiten ist wirklich höchst bedenklich. Da wird gegen alles Schöne und Sinnliche angegangen, ohne Sinn und Verstand. Zwar ist die Tatsache, dass sich Herrschaftsverhältnisse immer auch in Denken, Handeln und Sprache wiederfinden und eben dadurch auch reproduziert werden nicht von der Hand zu weisen und die Politisierung des Subjektiven somit nicht unberechtigt, doch haben die Ausformungen poststruktureller „Kritik“ mittlerweile eher was von religiösem Sektenkult. Widersprüche aushalten, ihnen gar auf den Grund gehen? Fehlanzeige!
    Dennoch denke ich nicht, dass ein Baudelaire oder auch ein Gomringer von seinen poststrukturalistischen „Kritiker*innen“ ins Gefängnis gesteckt werden würde. So eine Behauptung aus dem bisschen infantiler, fehlgeleiteter politischer Praxis abzuleiten entbehrt jeglicher Grundlage und müsste meines Erachtens erst durch die entsprechenden konkreten Handlungen bewiesen werden. Zumal solch eine Behauptung den wirklichen, in vielen Teilen der Welt tagtäglich stattfindenden, mörderischen und zerstörerischen Feldzug des Islamismus gegen die Kunst und den freien Geist relativiert. Dort Rollen tatsächlich Köpfe, werden Künstler weggesperrt und Kunstwerke gesprengt. Hier ist das doch höchstens ein Sturm im Wasserglas, auch wenn es natürlich nichts Gutes für die weitere Entwicklung von Kritik, Ästhetik und linker Politik ahnen lässt. Aber ich denke, auch mit Blick auf die kommende Bundestagswahl, dass die wirklich zerstörerischen Kräfte an anderer Stelle der Gesellschaft aus dem Boden wachsen werden.

    Trotzdem danke für deinen Beitrag und deinen Protest. Diese Chose wäre sonst vermutlich erst sehr verspätet zu mir nach Hamburg geschwappt.

  7. che2001 schreibt:

    @Bersarin: „Ich hatte einst ein wenig bei Butler hineingelesen und ich bin da mit vielen nicht einverstanden, halte ihre Theorie für inkonsistent. Einmal davon abgesehen, daß ich ihre Theorie für steilen Idealismus halte, so steil, daß selbst Fichte und Hegel die Ohren schlackerten. “ —- Das liest sich, mit Verlaub, wie ein fast wörtliches Noergler-Zitat. Doch geht es bei Butler, eigentlich nur im Konnex mit Foucault und Levi-Strauss zu lesen, um durchaus Anderes, nämlich um die Abkehr von einer positivistisch-eurozentrischen Weltsicht und ein Infragestellen von deren Realitätsdefinition, nicht um ein Errichten neuer Dogmen, wie diese Realität zu definieren sei und erst recht nicht um eine repressiv begriffene Moral. Die dichten Ihr nur die sich auf sie berufenden PC-MoralistInnen in ihre Theorie hinein. Butler ist auch eine harsche Antiimperialistin, die in dem, was sie über die Vormachtstellung der USA, den MIK (Militärisch-Industriellen Komplex) und die Rolle Israels als Implantat westlicher Interessenpolitik im Nahen Osten denkt näher an der RAF oder den Roten Brigaden (ich meine das nicht denunzierend, ich komme bei aller Ablehnung dieses Terroismus aus dem gleichen Theoriegebäude) als an den JammerJammer-Schneeflockenbetroffenheitsfeministinnen, die wir aus der teutschen Bloggosphäre kennen.

  8. Man muss sich nur mal ein Foto von Judith Butler anschauen, sie sieht weder wie eine Frau aus, noch wie ein Mann. Und ich denke, das ist ihr Problem, an dem sie sich abarbeitet. Sie weiß nicht, wo sie hin gehört und projiziert das auf die Welt, in der es dann keine stabilen Verhältnisse mehr geben darf.

  9. Bersarin schreibt:

    Fabse: Dieser Beschluß wurde von der Hochschule (und das heißt: auch von damaligen Asta) gefaßt, und damit besteht die Legitimation und deshalb ist das Gedicht an der Wand.

    @ Dieter Kief: Die Nora Gomringer, die ist schon taff, vor allem bleibt sie in diesen Dingen ruhig und gelassen. Lacht im Grunde diese Leute an der Hochschule aus. Wie gesagt: Traurig ist dieser Feigling von Rektor, den man mit Schimpf und Schande vom Hof jagen müßte für sein dünnes Lippenbekenntnis. Schade, daß ich an der ASH nicht Rektor bin.

    Was die Utopie betrifft, so würde ich hier eben unterscheiden zwischen einem Blick aufs Ganze (bei Adorno ist die Utopie quasi-messianisch) aus gutem Grunde schwarz verhüllt und das Nichtidentische ist ein Reflexionsbegriff, der sich gegen unmittelbaren pragmatischen Zugriff sträubt. Die andere Seite sind sozialdemokratisch-technische Machbarkeitserwägungen, um die Verhältnisse wenigstens minimal zu bessern. Aber auch hier herrscht über die Methoden arge Uneinigkeit und wie es in einem demokratischen Gemeinwesen ist, werden diese Dinge über öffentliche Diskurse und Dispute verhandelt. Es sind also Habermas und Adorno.

    Che: Ich kann es Dir nur inhaltlich vorlegen und das kann man an vielen Stellen in Bultlers Texte zeigen, wo sie auch das biologische Geschlecht als soziales Konstrukt zu entlarven versucht. Butler produziert Ideologie – eine schlechte dazu. Ihr geht es um eine Partialminderheit, deren Ansprüche in eine Weise universalisiert werden, die über jedes sinnvolle Maß hinausgeht. Naturgemäß interessiert das die wenigsten, weshalb diese Art von Feminismus akademisch ist und sich lediglich in diesen Zirkeln hält und dort seine Stilblüten samt dem daran andockenden Irrsinn treibt. Das heiß nicht, daß man nicht auch verschiedene Weisen der Sexualität und oder der Zwittergeschlechtlichkeit thematisieren sollte.

    Was die Geschichte der Philosophie betrifft: Diese ist abendländisch, es hat sich, auch qua Christentum, mit dem sich Philosophie in der Kenntnis der Grundlagen viel eher beschäftigten sollte, als mit Butlers Marginalien, eine solche Komplexität des Denkens in Europa bzw. um den Mittelmeerraum herum ausgebildet, die mit keiner Kultur sonst vergleichbar. Übrigens was den Blick auf die Welt auch von anderen Kulturen her betrifft: gerade diese Perspektivenübernahme ist ein typisches Produkt westlicher Aufklärung und damit europäischer Kultur. Es kulminiert übrigens in der Anerkennungsdialektik Hegels.

    Butler universalisiert kulturelle Ausprägungen (nämlich daß Mann und Frau auch eine gesellschaftliche Bedeutung haben) und überträgt sie auf Bereiche, wo sie nichts zu suchen haben, nämlich auf eine materiale Ebene, dort wo die Biologie ihren Ort hat. Was ein Mann ist und was eine Frau ist läßt sich dort sehr gut angeben und benennen. Das existiert, wie das Fallgesetz mit oder ohne, daß Menschen diese Gesetzmäßigkeiten entdeckt haben ,müßten. Und ich frage mich immer, wenn Geschlecht nur sozial konstruiert ist, weshalb dann bei Geschlechtsumwandlungen Hormone genommen werden. Ist doch alles nur soziales Konstrukt. Butler negiert materiale Realität, ein Etwas wie Natur. (Und in diesem Sinne ist es völlig unverständlich, weshalb gerade Butler die Adorno-Vorlesung hielt. Das scheint mir ein Zugeständnis an einen mittlerweile irrsinnigen Zeitgeist zu sein.

    @ El_Mocho: Wie Butler aussieht, ist für die Kritik an ihrem Denken oder an dem, was sie für Philosophie hält, völlig unwesentlich. In diesem Sinne interessieren persönliche Motive nur nebenbei. Ihr selbst würde ich als Freundin der Hamas allerdings raten, ihre Ideen und ihr Lebensmodell einfach mal in Riad oder im Gaza-Streifen auszuleben, so als akademisches Jahr, um ihr Konzept ein wenig mit der Realität im muslimischen Kulturkreis abzudecken.

  10. Bersarin schreibt:

    Ich halte übrigens Butlers „Theorie“ für totalitär und für politisch hochgradig gefährlich. Es wird das Ziel nicht sein, daß wir vielen Geschlechtern zu ihrem Recht verhelfen,sondern unter dem Diktat radikaler Zerstreuung wird hier die Abschaffung von Geschlecht propagiert. Davon abgesehen, daß aus Butlers Theorie ein akademischer Mittelstandsfrauenfeminismus entspringt, der für ein Konzept von Weiblichkeit, zu der weibliche Sexualität qua weiblicher Attribute gehört, und ebenso der Wunsch von Frauen nach Kindern, keinerlei Platz bereithält. Da sind mir dann so unterschiedliche Denkerinnen wie Julia Kristeva und Hélène Cixous, der es um das Spezifikum von Frau-sein im Sinne auch von Identität geht, sehr viel näher.

  11. che2001 schreibt:

    @Willy; ja, und Adorno war Kulturpessimist, weil er eine Glatze hatte, Lloyd George Liberaler, weil er einen schwulen Schwippschwager aus Yorkshire hatte, und kennst Du schon Heinrich von Kartoffelpü, den Entdecker der nach ihm benannten Rehart?

  12. che2001 schreibt:

    @Bersarin zu Butler: Bündig nicht einverstanden, meine Antwort darauf würde allerdings mindestens einen Tag Textarbeit erfordern wofür ich im Vertrieb stehend schlicht keine Zeit habe. Nur so viel: Die zurzeit gängige Butler-Interpretation ist eines der größten Missverständnisse der Philosophiegeschichte. Dem wird man auch nicht nur durch Lesen ihrer Texte mächtig, wenn man nicht die Diskurse in feministischen und linksradikalen Zusammenhängen kennt auf denen die fußen, so wie bei Foucault immer Marx mitgedacht ist, auch wenn er sich nie auf dem bezieht.

  13. che2001 schreibt:

    Zum Verständnis mit Butler sollte man sich vielleicht auch mit Spivak beschäftigt haben und der dort vorgenommenen Realtivierung des Blickwinkels als Voraussetzung für Emanzipation.

  14. Bersarin schreibt:

    Also Foucaults Marx-und Hegelverständnis lese ich mittlerweile sehr kritisch. Richtig ist allerdings, daß er sich an Hegel abarbeitete, sein von Deleuze übernommener Antihegelianismus ist wohl eher ein modischer Reflex. Wieweit diese Nicht-Dialektik trotzdem seine Theorie präformiert, wie auch bei Butler, das erfordert sicherlich einige Textarbeit. Wobei sich mir bei Butlers Text in der Tat die Haare sträuben. Inspirierend bei Foucault allerdings, daß er von jenem Kaderparteimarxismus fort und anders denken wollte als die orthodoxen KPen Europas und insofern undogmatische Varianten des intellektuellen Protests ins Spiel brachte.

    Und daß die Konzepte von Männlichkeit und Weiblichkeit kulturell konnotiert und überformt sind: Dafür brauche ich nicht Butler, das kann ich bei Luhmann genauso gut lesen wie bei Adorno.

  15. Bersarin schreibt:

    @ rwadel: Kommentar war irgendwie im Spam gelandet, ich habe ihn erst jetzt gesehen.

    Es mag so sein, und Gedichte sind, wie alle Literatur, für Interpretation offen. Wer sich freilich von einem solchen Gedicht bedroht fühlt und Lyrik diese Macht zuschreibt, hat viel von der Lyrik verstanden. Er muß dieses Verständnis nun nur noch fruchbar machen. Und das eben besteht nicht im Verbot und in der Zerstörung von Gedichten.

  16. che2001 schreibt:

    Die Leute vom ASTA nebst Entourage machen das was sie unter Verständnis verstehen nicht fruchtbar sondern furchtbar. @Butler: Wie gesagt ein zu weites Feld als dass ich dazu kompakt Stellung nehmen könnte.

  17. Bersarin schreibt:

    So ist es.

    In der Tat kann man eine Kritik Butlers nur konkret am Text machen. Leider fehlt auch mir die Zeit, das im Detail auszuarbeiten. Wird als Blogbeitrag insofern auf „demnächst“ oder „ein andermal“ verschoben.

  18. Che, wir hatten doch mal auf deinem Blog eine längere Diskussion über Butler, wo ich versucht habe, konkret am Text nachzuweisen, dass das alles Unsinn ist. Vielleicht kannst du das ja mal verlinken.

  19. Dieter Kief schreibt:

    @ Bersarin und El Mocho wg. Biologie als materialem Aspekt unserer Identität

    Dazu gibt es ein dolles Video des Psychologen Jordan B. Petersen, wo er begründet, weshalb er die Gendersprachregelungen seiner Torontoer Uni nicht anwenden wird – worauf die Uni ihm einen Rechtsanwalt auf den Hals hetzte, der ihm bereits wegen der Ankündigung künftiger Unbotmäßigkeit (!!!!) mit 250 000 Dollar Prozesskosten drohte und ihm empfahl, in sein mieses kleines Gelehrtendasein zurückzurobben und die freche Klappe zu halten weil er ihn sonst vollkommen vernichten werde osä. — alles im Namen des Fortschritts und der Emnazipation, hehe.

    Hier sind ein paar seiner Überlegungen als Zitate – das Video wo er über seine Uni-Kämpfe wg. Gendersprache berichtet ist ebenfalls sehenswert und steht auf seinem youtube-Kanal

    http://www.bbc.com/news/world-us-canada-37875695

    Außerdem hat der „geniale“ Kolumnist Martenstein das Vorwort zu Axel Meyers „Adams Apfel und Evas Erbe“ recht kariziös und leicht hingetupft, das (das Buch jetzt wieder) ja nicht zuletzt El Mocho hoch schon pries, – und wie lautet der Untertitel dieses von einem immerhin „genialen“ Kolumnisten eingeleiteten Werks? – Er zielt auf die biologischen (=genetischen= tatsächlichen=materiellen, hehe) Unterschiede zwischen Frauen und Männern und lautet vollprovokativ derart, dass Frauen „anders“ seien als – – – Männer. Unfassbarer Tobak bereits in manchen Weltgegenden. Z. B. in der Berliner Rudi-Dutschke-Straße, oh, ohhh, bei TAZens daheim. Da gilt derlei bereits als – nunja: Total-repressive Adolf-Denke. Natürlich haut der immer noch fröhliche Meyer – dreimal auf Hoz geklopft, dass das wenigstens hier im etwas gesetzteren Süden so bleibt- haut der Meyer sag ich fröhlich die Judith Butler, die es aber sowas von verdient hat. Meyer ist sich da übrigens nicht nur mit dem „genialen Harald Mar (ok. – ok- -)“ also mit seinem Vorwortschreiber Martenstein einig, sondern sogar partiell auch noch mit Alice Schwarzer von der Emma – eine echte Querfront, wenn man so will.

    PS
    Bersarin – Sie können nicht Rektor sein in einer fünftklassigen Doofenmühle namens Kunsthochschule Neukölln osä. – Sie müssen nämlich hier Ihren Bloggereien nachgehen, bitteschön. Danke!

  20. kulturgeschwaetz schreibt:

    Weil oben von „Bersarin“ falsch das Gegenteil behauptet wurde: Wie man hier nachlesen kann wurde der Beschluss, das Gedicht an die Wand anzubringen, damals mitnichten von jemand anderem als der Rektorin gefasst, diesen Beschluss hat auch kein damaliger AStA mitgetragen, genau deswegen hat das Gedicht keine Legitimation da und genau deswegen – nicht wegen des Sexismus-Vorwurfes allein – wurde die Gestaltung der Fassade neu ausgeschrieben. http://m.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/themen/asta-der-alice-salomon-hochschule-will-ein-gedicht-von-der-fassade-entfernen-lassen-15172671.html

  21. Bersarin schreibt:

    Der Beschluß wurde von der Hochschule getragen, und zwar aufgrund der Tatsache, daß Eugen Gomringer 2011 der Alice-Salomon-Preis verliehen wurde. Das Gedicht wurde dort im Einvernehmen angebracht, der damalige Asta hatte keine Einwände dagegen vorgebracht. Somit besteht eine Berechtigung, daß dieses Gedicht an genau dieser Wand dort steht. Und damit hat „kulturgeschwätz“ das Falsche behauptet. Und in der Begründung spielte natürlich der idiotische Vorwurf des Sexismus eine Rolle, wie man, wenn man zu lesen gewillt ist, in der Stellungnahme des Asta nachlesen kann.

    Wem übrigens dieses Gedicht nicht paßt, der hat die Chance einen Umweg zu gehen, wegzugucken oder sich aufgrund hochsensibler Heulsusigkeit einfach im Schrank zu verstecken, um dem Leben auszuweichen. Im Schrank gibt es keinen Sexismus. Oder vielleicht doch: wenn da die falschen Unterhosen liegen.

  22. Bersarin schreibt:

    Ich würde aber als Kompromiß zur Güte vorschlagen, daß auf der gegenüberliegenden Seite Brechts material-theologisch inspiriertes Gedicht „Über die Verführung von Engeln“ angebracht wird, damit den Sensiblen Genüge getan wird, denn gegen nette Engel kann man keinen Einwand hegen.

    Über die Verführung von Engeln

    Engel verführt man gar nicht oder schnell.
    Verzieh ihn einfach in den Hauseingang
    Steck ihm die Zunge in den Hals und lang
    Ihm untern Rock, bis er sich nass macht, stell

    Ihm das Gesicht zur Wand, heb ihm den Rock
    Und fick ihn. Stöhnt er irgendwie beklommen
    Dann halt ihn fest und lass ihn zweimal kommen
    Sonst hat er dir am Ende einen Schock.

    Ermahn ihn, dass er gut den Hintern schwenkt
    Heiß ihn dir ruhig an die Hoden zu fassen
    Sag ihm, er darf sich furchtlos fallen lassen
    Dieweil er zwischen Erd und Himmel hängt –

    Doch schau ihm nicht beim Ficken ins Gesicht
    Und seine Flügel, Mensch, zerdrück sie nicht.
    (Brecht)

  23. che2001 schreibt:

    @El Mocho: Ich bin ja der Auffassung, dass es eben nicht ausreicht, Butler am Text zu diskutieren, sondern dass die feministischen und dekonstruktivistischen Diskurse der 1970er und 80er auf denen das Theoriegebäude fusst bzw. deren Kenntnis Voraussetzung sind um Butler überhaupt lesen zu können. Wenn ich zu dem Thema etwas schreiben würde kämen da nicht unter 20 Textseiten heraus, und ich bräuchte Urlaub, um mich damit überhaupt befassen zu können.

  24. kulturgeschwaetz schreibt:

    Ernst gemeinte Frage: Gibt es dafür, dass dem AStA und dem Akademischen Senat damals überhaupt die Möglichkeit eingeräumt wurde, Einwände zu erheben und dass die Anbringung im „Einvernehmen“ erfolgt ist, irgendeinen Beleg? Das widerspricht nämlich nicht nur der Aussage des Rektors in obigem Interview („Die damalige Rektorin hat entschieden, dies auf der Südfassade der ASH Berlin zur Geltung zu bringen. Einer der jetzigen Kritikpunkte ist daher, dass darüber im Vorfeld keine hochschulöffentliche Diskussion – der Nutzerinnen und Nutzer des Gebäudes – stattgefunden hat.“), sondern wirft für mich auch die Frage auf, warum der AStA in seinem Offenen Brief neben der Thematisierung der Entfernung des Gedichts auch fordert: „1.eine Stellungnahme, von wem und mit welcher Begründung dieses Gedicht für die Hochschulwand ausgewählt wurde“ (http://www.asta.asfh-berlin.de/de/News/offener-brief-gegen-gedicht-an-der-hochschulfassade.html). Diese Forderung kommt mir vor dem Hintergrund, dass die Anbringung „im Einvernehmen“ erfolgt sein soll, doch sehr widersprüchlich vor.
    Im übrigen werden bei Orwell Texte vernichtet und umgeschrieben. Hier wird eine Fassade neu gestrichen und der Text kann weiterhin gedruckt werden, er ist eben nicht verboten worden. Das ist ein Unterschied.
    Und bevor du weitere Spitzen ablässt, mit denen du vermutlich auch meinst, mich zu treffen: Mir sind das Gedicht und diese Fassade sehr egal, wegen mir kann es da stehen bleiben, wegen mir kann es überstrichen werden – weder ist es meiner Ansicht nach die Bastion, die der Anti-Sexismus auf dem Weg zur Gleichberechtigung von Mann und Frau niederzuringen hat, noch ist es die Festung, mit der die freie Kunst im Abendland fällt. Ich finde diese Debatte von allen Seiten sehr überzogen, könnte aber verstehen, wenn die Nutzer/innen der ASH sagen: Was sollen wir Erziehungswissenschaftler mit diesem Gedicht an der Wand, das hat nichts mit uns zu tun – wir wollen eine Wandgestaltung, die etwas mit unserem Fachgebiet zu tun hat. Und darauf deutet für mich die Aussage, dass der Kritikpunkt auch sei, dass keine öffentliche Diskussion über die Fassadengestaltung stattgefunden habe.

  25. Bersarin schreibt:

    Wenn man sich hinter dem Verwaltungsrecht versteckt, um Zensur durchzusetzen und Kunst aus dem öffentlichen Raum zu verbannen, dann sollte man zunächst einmal bei der Legitimität des Asta anfangen, insbesondere im Hinblick auf die Wahlbeteiligung und auch die politische Betätigung des Asta. Weiterhin sich die politischen Aktivitäten des Asta betrachten, um dann ins Detail zu gehen, wieweit das in dieser Form überhaupt zulässig ist. Ansonsten: Wie sieht es mit den aufgestellten Elektrogeräten aus? Entsprechen diese den Sicherheitsanforderungen? Werden Einnahmen durch Cafés und den möglichen Verkauf von Getränken richtig abgerechnet? Wie sieht es hier mit den Steuern aus, sofern etwas verkauft wird? Ich denke, wenn man bei jenem Asta mal genauer hinblickt, werden sich für einen Rektor eine Menge Möglichkeiten auftun, um die Würstchen klein zu bekommen.

    2011 ist das Anbringen im Einvernehmen erfolgt, niemand protestierte, niemand störte sich an dem Gedicht. Und was die Kunst im öffentlichen Raum betrifft, auch auf einem Campus, so werden die Meinungen immer geteilt sein. So what? Wenn es übrigens um das Anbringen von Objekten an Wänden geht, dann muß weiterhin gefragt werden, was politische Plakate an einer Hochschule, mithin an einem öffentlichen Gebäude, zu suchen haben und zwar Plakate, die nicht der unmittelbaren politischen Gestaltung der Universität dienen. Insofern sollte dann auch dafür gesorgt werden, daß keine solchen Plakate, Aufrufe und sonstiges dort angebracht werden, außer sie haben mit der Wahl des StuPa zu tun. Wie gesagt: Wenn man es nach formalen Kriterien zugehen soll, so kann man das gerne weiter auswalzen.

    Und um es nochmal zu wiederholen: Dem Asta ging es keineswegs um einen Verwaltungsakt, der unrechtmäßig erfolgte, sondern um den Inhalt eines Gedichts, das der Vernichtung anheimfallen soll. Und in diesem Sinne trifft eben auch der Orwell-Vergleich zu. (Ob beim Asta dieselben Menschen sind, die auch Kinderbücher und Romane umschreiben, weil sie sich getriggert fühlen, müßte man einmal prüfen.)

    Mir geht es hier ebensowenig primär um ein konkretes Gedicht, meinetwegen macht das schöne Brecht-Gedicht an die Wand. Oder laßt jeden Tag per Laser ein neues Gedicht projizieren. Mir geht es hier um den Akt politischer Willkür, und zwar von eine extremistischen Gruppierung. Wer mir an diesem Gomringer-Gedicht plausibel nachweisen kann, daß es explizit sexistischen Inhalt enthält, kriegt einen Preis – was immer Sexismus überhaupt in der Kunst sein mag, allein das ist schon eine lächerliche Anmaßung dieser traurigen Wesen. Insofern kann man nur jenen Satz wiederholen, den wir Linken gegen rechts und überhaupt gegen totalitäre und evangelikale Bewegungen ins Feld führen: Zivilcourage zeigen, Widerstand leisten gegen Extremisten! Wie gesagt: Wehret den Anfängen! Das war immer Motto und das sollte es auch in diesem Kontext sein.

  26. Bersarin schreibt:

    Und ich zitiere diese köstliche Passage aus dem Asta-Aufruf auch noch einmal für „kulturgeschwätz“, damit das nicht untergeht:

    „Dennoch kommen wir nicht umhin, ausgerechnet dieses Gedicht als offizielles Aushängeschild unserer Hochschule zu kritisieren: Ein Mann, der auf die Straßen schaut und Blumen und Frauen bewundert. Dieses Gedicht reproduziert nicht nur eine klassische patriarchale Kunsttradition, in der Frauen* ausschließlich die schönen Musen sind, die männliche Künstler zu kreativen Taten inspirieren, es erinnert zudem unangenehm an sexuelle Belästigung, der Frauen* alltäglich ausgesetzt sind.“

  27. kulturgeschwaetz schreibt:

    Na ja, dass es diese Kunsttradition gibt, ist halt schon so. Und die Kritik daran hat übrigens soweit ich weiß mehr mit feministischer Filmtheorie der 70er (Stichwort „Male gaze“) zu tun als mit Gendertheorie und Judith Butler. Dass das Gedicht in diese Tradition gestellt werden kann, ja, das kann man machen, muss man aber halt nicht. Das hängt davon ab, ob man „bewundern“ als Aktivität versteht oder nicht (die Interpretation von Nora Gomringer ignoriert eben genau das: dass da „und ein Bewunderer“ steht, nicht „und ein Mann“, das damit die letzte Position eben durchaus deutlich von Alleen, Blumen und Frauen unterschieden ist; entscheidend ist dann allein, was man unter „bewundern“ versteht). Dass der AStA dieses Gedicht, unabhängig davon, wie man es liest, nicht als „Aushängeschild“ (so die Worte in deinem Zitat) für das, was sie machen – Erziehungswissenschaften – versteht, kann ich aber unabhängig von der Interpretation des Gedichtes nachvollziehen.
    Wenn du keine Belege für das „Einvernehmen“ hast jenseits deiner eigenen Annahmen, kannst du dann belegen, dass es keine Kritik damals gab? Glaubst du wirklich, ein ganzer Akademischer Senat, bestehend aus vor allem Hochschullehrer/innen und Verwaltungspersonal und unter anderem auch dem AStA, investiert viel Geld in eine neue Fassadengestalrung, nur weil der AStA einen offenen Brief schreibt und eine Lesart des Gedichtes vorschlägt? Meinst du nicht, das war schlicht nur deswegen möglich, weil sich offensichtlich bei der Fassadengestaltung 2011 mehrere Mitarbeiter/innen der Hochschule übergangen gefühlt haben, die eben nicht einsehen, warum dieses Gedicht da stehen sollte? Ich lese das aus der Äußerung des Rektors heraus. Und ich halte das auch für den sehr viel realistischeren Geund: Dieses Gedicht hatte nie das „Einvernehmen“ der Nutzer/innen der ASH und der Brief war nur der Anlass, der das auf die Tagesordnung gebracht hat. Und wenn man sich nicht nur aufregen wollte, sondern wissen wollte, wie es denn nun war, könnte man ja mal beim Akademischen Senat der ASH (es gibt sicherlich Sitzungsprotokolle) oder bei einzelnen Mitgliedern desselben nachfragen – wer da drin sitzt steht ja auf der Homepage.

  28. Bersarin schreibt:

    Sechs Jahre später stellen Menschen fest, daß sie sich übergangen gefühlt haben? Interessante These. Sechs Jahre war nichts zu hören über dieses Gedicht. Sechs Jahre sind übrigens 12 Semester. Ich glaube, da haben die Pimpfe von heute noch in ihre Windeln geschissen.

    Daß es hier nicht nur um einen formaljuristischen Akt geht, zeigte ich bereits oben und ich schreibe hier gerne noch einmal die „Begründung“ des Asta hin:

    „Dennoch kommen wir nicht umhin, ausgerechnet dieses Gedicht als offizielles Aushängeschild unserer Hochschule zu kritisieren: Ein Mann, der auf die Straßen schaut und Blumen und Frauen bewundert. Dieses Gedicht reproduziert nicht nur eine klassische patriarchale Kunsttradition, in der Frauen* ausschließlich die schönen Musen sind, die männliche Künstler zu kreativen Taten inspirieren, es erinnert zudem unangenehm an sexuelle Belästigung, der Frauen* alltäglich ausgesetzt sind.“

    Nein, hier sind Leute, die nicht nur von Kunst keinen Schimmer haben, sondern die sich schlicht mit Kleinkram profilieren wollen und an dieser Stelle symbolisch ihre Kämpfe austragen, um ihre Wirkungslosigkeit zu kaschieren. Das haben wir hier in Berlin schon bei Münkler-Watch gesehen, das war so bei jenen Kreischhanseln, die das Seminar jenes Pädagogikprofessors an der HU störten, bis andere Studenten zu recht die Polizei riefen. Diesen Leute, denen könntest Du „Alle meine Entchen“ vorsingen, und sie würden darin Sexismus und Heteronormativität wittern. Erschreckend nebenbei, daß solche Leute auf einer Hochschule sich aufhalten und studieren, und wieder einmal bestätigt sich mein Hinweis seit 1988: Führt endlich für jeden Fachbereich und für jedes Studium ausnahmslos eine komplexe Aufnahmeprüfung ein. Das macht viele Dinge leichter. Und am besten noch Studiengebühren dazu, damit jeder weiß, was die ganze Sache wert ist.

    Kritisieren kann man übrigens alles in der Kunst. Das eine aber ist Kritik und das andere die Vernichtung von Kunstwerken. Aus diesem Gedicht Sexismus herauszubutlern, das sagt eigentlich mehr über die Phantasien dieser Leute aus als über das Gedicht selbst. Davon einmal abgesehen, daß sie linker Politik damit in etwa soviel Nutzen erweisen wie jene, die den Nahverkehr in Berlin lahmlegen, indem sie Kabelschächte anzünden.

    Auch über Gefühle, die Gedichte auslösen, kann man unterschiedlicher Ansicht sein. Anders ist es bei Interpretationen: Die beruhen nicht auf Emotionen und der Leser muß sie am Text festmachen und belegen. Die Leute vom Asta jedoch, so möchte ich nun fröhlich theweleitisch dekonstruieren, projizieren in dieses schöne Gedicht ihren eigenen Sexismus hinein. Man sollte also überlegen, ob man diese Leute dafür nicht zur Rechenschaft ziehen sollte und ggf. mit ihnen Gespräche führen müßte, weshalb sie darauf kommen, Frauen belästigen zu wollen.

  29. che2001 schreibt:

    Butler hat mit diesen Leuten so viel zu tun wie Marx mit Berija oder gar Kim Yong Um, mit Sexismus hat dieses Gedicht so viel zu tun wie romantische Verehrung einer Frau mit Vergewaltigung. Wenn man sich auch noch mit hispanischer Sexualromantik auskennt, wäre dann der Latin-Lover-Mythos, der nun gerade ausgerechnet bei linken Frauen hoch im Kurs steht, getoppt von der Begeisterung für afrikanische Männer, auch höchst angesagt bei linken Frauen (lässt sich fortsetzen zu kurdischen oder persischen Männern, und ketzerisch die Frage nach den edlen Wilden stellen, kenne ich alles aus linken Zusammenhängen) so etwas wie ein genereller Aufruf zur Frauenversklavung oder aber eine absolut wunderbare Verehrung schöner Frauen, die mit allem gleichgesetzt werden, was bewundernswert ist. Die Wahrheit liegt im Auge des Betrachters.

  30. Bersarin schreibt:

    Es ist doch mal eine interessante Frage, „kulturgeschwätz“, wer eigentlich darüber zu entscheiden hat, wie und was an einer Hochschule so angebracht wird. Studenten, die vielleicht sechs oder acht Semester an einer Fachhochschule verbringen? Und im nächsten Jahr sind Studenten da, die es ganz anders sehen? Da bringt man also ein neues Gedicht an die Wand. Und in zwei Jahren wittern neue Studenten in einem Gedicht, wo „Ringelrein“ auf „Entchen klein“ gereimt wird, noch böseren Sex?

    Trotzdem wäre es freilich interessant zu wissen, wie wohl an der ASH eine Abstimmung – in geheimer Wahl natürlich – ausginge, in der man einfach mal die Studenten zu dem Gedicht befragt.

    Ansonsten mein Plädoyer: Es werden an die Wände von Hochschulen keinerlei Verlautbarungen, politische Parolen, Aufrufe für Demos, Gedichte, Kunst am Bau etc. angebracht. Wände und Flächen bestehen aus dem Baustoffmaterial. Fertig. Jeder Demoaufruf, jedes Plakat, jedes Gedicht wird entfernt, denn es könnte jemanden belästigen und in seinen Empfindungen verletzten. Vielleicht weiter man es auch auf die Kleidung noch aus und es sollten an Hochschulen wieder Uniformen getragen werden. Auch dann muß man sich nicht mehr beleidigt fühlen durch die Stillosigkeit mancher Studenten oder durch politische Statements in der Kleidung gar angegriffen wähnen. Keine Barbour, kein Schlumpflook. Was auch den Sexismus durch Blicke ausschließt. Und für die Frauen wählt man eine Kleidung so weit, daß auch jene Studentinnen mit den dicken Titten keinen Standortvorteil mehr haben. Alle gleich. Ich fand es zwar immer ganz schön, wenn sich die wilde Frau Körper mit ihrem Minirock mir gegenüber setzte und manchmal die Beine spreizte und frech mich angrinste. Aber ich brauche das nicht mehr. Ich habe ausstudiert. Und die Frauen, die ich an den Unis heute noch sehe, sind diesseits meines Alters, selbst wenn sie mich manchmal noch anlächeln. Da wäre das Flirten peinlich. Also mein Eingangsplädoyer: Statt Champagner: Burka für alle! Es lebe die deutsche Häßlichkeit!

  31. kulturgeschwaetz schreibt:

    Die Frage, wer darüber zu entscheiden hat, was an der Fassade einer Hochschule angebracht werden soll, ist doch völlig müßig: Offensichtlich ist es hier der Akademische Rat, offensichtlich gibt es an jeder Hochschule Gremien, in denen Vertreter aller Gruppen der Nutzer/innen der Hochschule vertreten sind, die sowas entscheiden und entscheiden sollten. Und dass dein Vergleich von Handzetteln und Plakaten mit einer permanenten 15 Meter hohen Aufschrift völlig schief ist, weißt du ja in Wahrheit selbst.

  32. Bersarin schreibt:

    Bist Du schon einmal an einer Uni gewesen und hast die plakatierten Wände gesehen? Dagegen ist das Gedicht ein Fliegenschiß, wenn es um optische Störendes geht. Von der Antiästhetik dieser Plakatwüsten mal ganz abgesehen. Ansonsten muß man rechtlich prüfen, wie die Zusammenhänge tatsächlich sind. Ist wie mit dem Anbringen von politischen Plakaten, durch die sich andere gestört fühlen. Und wenn das Gedicht entfernt wird, eben eine ästhetische Intervention starten.

    Sofern an dieser Hochschule ein Rektor säße, der Mumm hat, dann nähme er sich den Asta vor. Angefangen bei der Homepage und den politischen Aufrufen dort. Denn dem Asta ist es an der Hochschule lediglich gestattet, sich politisch im Rahmen der Hochschulpolitik zu betätigen und nicht darüber hinaus. Das einzig Gute an dieser Aktion des Asta ist aber, daß dadurch wenigstens Eugen Gomringer nun im gesamten Land bekannt ist und der Asta sich wunderbar der Lächerlichkeit preisgegeben hat. Der Sache der Frauen ist mit dieser symbolischen Politik gut gedient. Das weniger Gute: Rechte sitzen dabei und lachen sich ins Fäustchen über die Dummheit des politischen Gegners, der gerade eine Steilvorlage geliefert hat. Gute Arbeit!

  33. Bersarin schreibt:

    Ansonsten: Du meintest vermutlich den Akademischen Senat, und da ist es im übrigen so: Das eine ist es, eine Debatte anzustoßen und das andere das Gedicht zu vernichten, sozusagen ein Akt von geistigem Calibanismus und von Kunstzerstörung. Denn das muß zunächst mal beschlossen werden. Dabei ist juristisch zu prüfen, ob dabei die Einwilligung des Künstlers erforderlich ist, denn im juristischen Sinne handelt es sich bei dieser Wand um ein Kunstwerk. es greift hier also nicht bloß Hochschulrecht. Und das bedeutet: die Sache kann komplex werden. Wie es gegenwärtig aussieht, stimmt Eugen Gomringer der Entfernung nicht zu.

  34. holio schreibt:

    Doch, das kann weg. Simplify your life, wie schon Henry David Thoreau schrieb.

  35. Bersarin schreibt:

    Ich sag es ja: Alles unter die Burka. Niemand fühlt sich mehr gestört.

  36. kulturgeschwaetz schreibt:

    Ich arbeite an der LMU, bin da also werktags täglich: Hier hängt außerhalb der dafür vorgesehenen Pinnwände nirgends irgendwas, was nicht innerhalb von ein paar Stunden wegen Branschutz entfernt würde, und auch diese Pinnwände werden alle paar Tage von zuständigen Mitarbeitern kontrolliert (sprich: Abgelaufenes wird entfernt, Dinge, die da nichts zu suchen haben, werden entfernt) und so kenne ich das auch von den Hochschulen, an denen ich in letzter Zeit sonst war. Kann sein, dass man das in Berlin nicht hinkriegt, kann aber auch sein, dass sich das, seit du zuletzt an einer Uni warst, einfach wegen der inzwischen viel strengeren Brandschutzvorschriften verändert hat. Dass das nicht für Schmierereien und Aufkleber und dergleichen auf Toiletten o.ä. gilt, ist klar – das ist ja aber ohnehin Vandalismus und rechtlich untersagt, tun kann man halt wenig dagegen, außer eben in unregelmäßigen Abständen renovieren.
    Dass Gomringer „nun im gesamten Land bekannt“ ist, bezweifle ich übrigens – ich sehe, dass das eine „Debatte“ (übrigens ohne öffentliche Gegenstimmen, nicht einmal Stokowski hat sich für die Entfernung des Gedichtes ausgesprochen, weswegen die gebetsmühlenartige Wiederholung, wie schön es sei, dass man mal über Lyrik diskutiere, ja mehr witzig ist, es diskutiert ja keiner) ist, an der eigentlich nur Leute aus dem Literaturbetrieb partizipieren – der Rest des Landes ist mit Flüchtlingen und Wahlkampf und Alice Weidels Talkshowabgang beschäftigt.
    Ich gebe dir aber dahingehend recht, dass diese ganze Debatte dem Feminismus mehr geschadet als genutzt haben dürfte, und dahingehend bedaure ich das Vorgehen des AStA auch.
    Davon abgesehen finde ich aber immer noch diese „es wird ein Gedicht VERNICHTET“-Rhetorik völlig überzogen und sehr aufgeregt, vor allem weil das Gedicht eben überall noch gedruckt werden kann und ja auch gedruckt vorliegt. Dasselbe gilt ohnehin für Begriffe wie „Cannibalismus“. Wenn man dem AStA überzogene Hochsensibilität vorhält, sollte man selbst vielleicht nicht in denselben Modus verfallen.

  37. Bersarin schreibt:

    In Hamburg und Berlin, wo ich mich aufhalte, ist dies nicht so. In Bamberg sieht es an der Universität fein aus. Wie in München. Das ist eben der Vorteil eines CSU-regierten Bundeslandes, zumindest was diese Dinge betrifft.

    „Davon abgesehen finde ich aber immer noch diese „es wird ein Gedicht VERNICHTET“-Rhetorik völlig überzogen und sehr aufgeregt,“

    Bleibt denn das Gedicht also doch? Na, dann ist ja gut. Ansonsten ist das Entfernen, wie geschrieben, eine komplexe Angelegenheit, die nicht einfach vom Akademischen Senat so beschlossen werden kann, ohne genaue juristische Prüfung.

    Im übrigen schrieb ich Calibanismus und nicht „Cannibalismus“. Ich würde zudem dieses Wort nicht mit C schreiben. Ich bin schließlich kein Student der Alice Salomon Hochschule.(Caliban ist eine Anspielung auf Shakespeares „The Tempest“ und zudem noch auf Schopenhauers Hegelbeschimpfung.)

    Was die Leute übrigens wie interessiert, ist schwierig auszumachen. Hast Du es ausgezählt? Ich nicht. Das Thema zumindest war in allen Zeitungen, und zwar bis hin zu der nur marginal gelesenen Bild-„Zeitung“. Daß es nicht das Hauptthema ist, mag sein. Hauptthemen gibt es in diesem Sinne auch nicht mehr, sondern viel Flackern auf allen Kanälen zu ganz Unterschiedlichem.

  38. Bersarin schreibt:

    Ansonsten: Bücherbrennungen nenne ich Bücherverbrennungen und nicht: Beseitigung inhaltlich problematischer Schriften. Gleiches gilt, wenn auch in anderem Zusammenhang, für jene Kunstvernichter. Man sollte diese Dinge und vor allem diese Leute schon bei ihrem Namen nennen und sie als das bezeichnen, was sie sind: Geistige Calibane.

  39. kulturgeschwaetz schreibt:

    Mit der Verwendung von Vokabular der höchsten Eskalationsstufe schadest du halt deinem Anliegen auf lange Sicht genauso wie der AStA seinem. Zumal der AStA in genau demselben Brustton der Überzeugung von der Angemessenheit des Begriffs „Sexismus“ und „sexueller Belästigung“ sprechen würde, wie du es mit „Bücherverbrennung“ und CALIBANISMUS (vielen Dank für deine Belehrung, Herr Oberstudienrat) tust. Ihr seid euch halt von von einer unaufgeregten Perspektive aus betrachtet sehr ähnlich, der AStA und du, ihr ringt beide mit dem schwerst möglichen Vokabular um einen Gegenstand, der halt so wichtig, wie ihr ihn macht, nicht ist, weil eben keine Bücher verbrannt werden und auch niemand wegen diesem Gedicht belästigt wird.
    Und zumindest wer online an solchen Debatten partizipiert, ja, das kann man sehen, indem man schaut, wer kommentiert und wer selbst Debatten anstößt, wer Beiträge teilt etc.. Und da war das öffentliche Interesse – dass Abdruck in der Zeitung nicht bedeutet, dass jeder das liest, ist dir ja auch klar – jenseits von Betriebsinternen und -affinen nicht eben überbordend, die meisten Artikel und „Debattenbeiträge“ stammen entsprechend bislang ja auch von: Betriebsinternen und -affinen.

  40. che2001 schreibt:

    Klowände neu streichen und Bücherverbrennung ist identisch miteinander.

  41. Bersarin schreibt:

    Ich schrieb: „Ansonsten: Bücherbrennungen nenne ich Bücherverbrennungen und nicht: Beseitigung inhaltlich problematischer Schriften. Gleiches gilt, wenn auch in anderem Zusammenhang, für jene Kunstvernichter.“ Damit habe ich Bücherverbrennungen eben nicht explizit mit Kunstvernichtung gleichgesetzt. Deshalb das „ in anderem Zusammenhang“ und dann der Folgesatz. Es kam mir in diesen Kontexten darauf an, das, was diese Leute jeweils tun, mit den passenden Worten zu bezeichnen, und zwar klar und deutlich und kein entschuldigendes Herumeiern. Das Benennen war hier also das Tertium comparationis. Und ein Kunstwerk unter einem fadenscheinigen Vorwand zu vernichten, ist eben genau das, was es ist: Kunstvernichtung. (Und ich will mir nicht vorstellen, was diese Leute täten, wenn sie tatsächlich reale gesellschaftliche Macht hätten. Die haben sie zum Glück nicht.) Wenn das, was hier in Berlin geschieht, übrigens ein Einzelfall wäre, könnte man über diese Leute wegsehen und über sie lachen, denn es sind arme Würstchen und sie sind noch jung. Aber das ist eben nicht kein Einzelfall. Klar, man könnte sie auch als Spacken bezeichnen. Aber wenn es mein Gedicht wäre, dann reicht mir das als bloße Erklärung nicht. Es gibt Sachverhalte, die sollte man nicht herunterspielen, weder bei rechter Gewalt, noch bei linker Willkür. (Deshalb übrigens auch mein Hinweis aufs Abstimmen: Es würde mich interessieren, wer in geheimer Wahl denn tatsächlich fürs Gedichtvernichten stimmt und wer nicht.)

  42. MelusineB schreibt:

    Es ist halt leider so: Auch wer nicht lesen kann, hat was zu sagen. Oder glaubt es zumindest. Und verfasst offene Briefe mit Forderungen. Man kann das polemisch abwehren oder demonstrierend. Oder erklärend. Das sind strategische Überlegungen. Bei der grundsätzlichen Bewertung der Dummheit kann´s meines Erachtens unter lesenden Menschen keinen Disput geben. Mein pädagogischer und didaktischer Optimismus erschöpft sich allerdings zunehmend. Noch ist er´s nicht ganz.
    (Zu Butler et.al. müsste man, denke ich, wesentlich gründlicher analysieren und kritisieren. Denn da liegt ein Hund begraben, allerdings. Allein, auch mir fehlt nicht nur Zeit, sondern auch Kraft und Lust.)

  43. Bersarin schreibt:

    Ja, das ist richtig. Ich werde morgen auch noch auf Deinen Blogtext verlinken, der ja das Gedicht selbst beim Wort nimmt. Was ja entscheidend und wichtig ist, denn nur so kann die Sache richtig analysiert werden. Hatte schon gestern etwas geschrieben, wollte es aber erst Montag bringen, weil am Montag mehr Leser kommen als am Wochenende.

    Ich würde bei Butler auch keine Pauschalverurteilung bringen wollen. Es gibt nur wesentliche Punkte, wo ich Probleme sehen. Aber dazu fehlt im Augenblick in der Tat die Zeit.

  44. Dieter Kief schreibt:

    Gomringer entlarvt als virtueller Straßen- und Blumenficker – – ein Albtraum. Ich selbst habe schon gesehen, dass er auch seine Tochter bewwundert hat. Klar, dass sie in diesem Streit für den väterlichen Sexerismus Partei ergreift. Wann sperrt ihr diesen Mann endlich ein, er ist erst 92, da geht noch was? Und seine bewunderungsverdorbene Tochter bitte gleich mit!

    Zur in solchen Diskussionen offenbar unvermeidlichen Judith Butler haben Camille Paglia, Alice Schwarzer und last but not least Axel Meyer in seinem exzellenten Buch „Adams Apfel und Evas Rippe“ über die tatsächlichen Unterschiede zwischen Männern und Frauen bereits Explizites und –
    in allen drei Fällen, würde ich sagen: Durchaus Haltbares gesagt.

  45. che2001 schreibt:

    Eigentlich hatte ich an diesem Abend noch einen umfangreichen, wenn auch notwendigerweise fragmentarischen Beitrag zum Thema Butler und ihrer Rezeption bringen wollen, aber dazu mangelte es auch mir an Zeit und Kraft, daher: Demnächst. An dieser Stelle nur so viel: Die hysterischen Verhaltensweisen von jungschen Butler-AdorantInnen liegen nicht in der Verantwortlichkeit von Butler herself. Linke akademische Milieus bringen leider seit Jahrzehnten moralinsaure Maximalrigorismen hervor, die mit den unmittelbaren Inhalten nichts zu tun haben. Das waren früher Ökofundamentalismus, RAF-naher Ultraantiimperialismus, Strukturveganismus, ein ursprünglich geradezu biologistischer Fundamentalfeminismus (Frauen als „natürlich“ sozialere Menschen als Männer), Antideutschtum und nun eine moralistische Extremauslegung poststrukturalistischer Kernaxiome, die mit Leuten wie Foucault, Butler, Ben Habib oder Spivak so ganz direkt nichts zu tun haben. Butler ist auch keine „Gebrauchsphilosophin“ für schwullesbische Selbsterfahrungsgruppen, als die sie scheinbar Mädchenmannschaft und Gmbh Co KG betrachten. Ihre Zertrümmerung von Geschlechtsrollenidentitäten steht in Kontinuität eines linken, antiimperialistisch verwurzelten Befreiungsmodells, in dem auf die Bindung an altüberkommene Bindungen an Kollektive wie „Rasse“, „Volk“ und „Nation“ nun auch die grundsätzliche Überwindung der Geschlechtsrollen angestrebt wird. Das ist etwas durchaus Anderes als der Klientelkampf für diskriminierte sexuelle Minderheiten und die Socialfighters der Bloggosphäre wissen davon im Wortsinn nichts. Die benannte moralische Rigorosität ist indes ein Phänomen, das etwas zu tun hat mit der Noch-nicht-Ausbildung eines Erwachsenen-Ichs und der Bindung an straffe Moral als Mittel, mit kognitiven Dissonanzen umzugehen.Ich zitiere nochmal meine alte Genossin Anne: Dazu musst Du ein pädagogisches Verhältnis haben.

  46. Bersarin schreibt:

    Wie gesagt, „kulturgeschwätz“, ich empfehle den Sexismus der Gedichtfühlenden zu überdenken, und wieder einmal sieht man, welche Schäden die Vulgärpsychoanalyse anrichten kann. Solche Interpretation sind nicht Literaturwissenschaft, sondern Denunziation in guter stalinistischer Tradition. Verdächtig allerdings, daß der Autor dieser Interpretation selbst so oft von Sexualiät spricht. Mir scheint hier ein verdächtiger Vergewaltigungswunsch vorzuliegen. Insofern ist diese Interpretation bitte sofort aus dem Netz zu entfernen.

    Solche „Interpretationen“ sind keine Literaturwissenschaft, sondern die Parodie davon.

  47. Bersarin schreibt:

    Es ist aber trotzdem interessant zu sehen, daß Sexualität für den Asta und für manche Interpreten frauenfeindlich sein soll und was aus Frau, Straße, Betrachtung so herausgelesen wird. Das spricht mehr für die Phantasien des Gedichtfühlers als fürs oder gegen das Gedicht. Meine These von den evangelikalen Tugendterroristen scheint sich also doch zu bewahrheiten.

    Andererseits haben diese Interpreten vielleicht recht. Der Gang über die Straße: Ist es nicht das Herumtrampeln auf den Frauen? Steht die unterdrückte Frau nicht symbolisch für die Straße, auf der sie abends als Blume zertreten, ja geradezu defloriert landet? Ja, wenn nicht mehr: ist die Flüssigkeit der Frau nicht inzwischen zu Teer erstarrt, wie die Tränen auf dem Haupte Marias zu Stein wurden? Eine entsetzliche Apokalypse der Sexualität, die bereits auf das vorgreift, was in Mexiko geschicht und in den islamischen Ländern. Und ist Straße nicht auch eine dezente Anspielung auf den arabischen Mob des Islam, der immer wieder mobilisiert wird? Steht die Straße nicht insofern auch für das frauenfeindliche Kopftuch, wenn nicht sogar den Schleier, wie wir es bei den Frauen im Iran sehen, die zu den Demonstrationen auf der Straße gezwungen wurden? Insofern muß man das Gedicht auch noch als islamfeindlich ansehen.

  48. kulturgeschwaetz schreibt:

    Wer wird denn gleich so verdammend und empfindlich auf eine Gedichtinterpretation, die ihm nicht passt, reagieren? Von hier aus siehst du nach einem sehr sensiblen Ideologen aus, der andere Interpretationen unterbinden möchte. Man kann das Gedicht so lesen, und nein, du bist nicht der, der darüber zu entscheiden hat, was „richtige“ Literaturwissenschaft ist (die Interpretation ist natürlich literaturwissenschaftlich einwandfrei, wenn auch wie immer nicht alternativlos), und weder Gomringer Senior noch Junior sind diejenigen, die als einzige den Sinn des Textes festzulegen haben, so viel postmoderne Theorie, dass der Autor eben nicht Maßstab des Textsinnes ist, sollte dir geläufig sein. Solang du keine Argumente am text und aus literarischer Traditionsgeschichte hast, um die Interpretation zu widerlegen, sondern einfach nur deine prinzipielle Ablehnung äußerst wie so ein kleines Kind, bist du halt irgendwie auch nur so ideologisch und vor allem: sehr aufgeregt unterwegs. Argumentier halt mal für deine Interpretation, und zwar literaturwissenschaftlich, da bist du ja anscheinend Experte. Da wäre ich wirklich gespannt, ich sehe von dir nämlich bislang nirgends eine Arbeit man text, die den Text in seiner Struktur ernst nähme, sondern nur eine vorgefertigte Zustimmung zu der sehr unterkomplexen Interpretation durch Gomringer. Begründe die doch mal, wenn du sie so treffend findest. Ich habe oben natürlich längst am Text argumentiert, ich sags nur nochmal. Ebenso wie ich längst darauf hingewiesen habe, dass die Theorie des „Male gaze“ nicht von Butler stammt – aber hey: Wenn man sich so schön einig ist in der eigenen Aufregung wie ihr hier, was kümmert es einen dann, wenn man feministische Theorie der zweiten Welle nicht von der der dritten Welle unterscheiden kann. Die Gendertheorie war noch lange nicht im Blick, als man schon ausführlich den männlichen Blick kritisiert hat. Aber macht ihr ruhig weiter mit eurer Aufregung, lest bloß keine Texte, weder das Gedicht noch sonst einen, ist ja auch viel gemütlicher so. Ich bin raus, das ist mir wirklich zu unsachlich hier.

  49. Bersarin schreibt:

    Solche Gedichte funktionieren wie ein Rorschachtest: Interessant, daß hier manche sexuelle Übergriffigkeit hinlegen. Es sagt dies mehr über die Fühlenden aus als über das Gedicht.

    Ansonsten: dies ist keine Lektüre, die durch den Texte gedeckt ist, sondern hier wird etwas in Begriffe hineingelesen, was dort schlicht nicht steht. Soviel Kompetenz solltest auch Du besitzen, sofern Du Dich mit Literatur und deren Theorien beschäftigst.

    Ich gehe aber inzwischen davon aus, daß die Lektüre auf dem verlinkten Blog eher eine Parodie über den Asta ist. So nach dem Motto: Hatte ein Knab einen im Höslein stehn.

  50. Bersarin schreibt:

    Und ansonsten: Überinterpretationen sind eben keine Interpretationen. Daß auch Du auf solch dummes Zeug hineinfällst, ist irgendwie traurig. Genauso könnte man übrigens diese Blume als blaue Blume als Symbol für die Unendlichkeit deuten. Literarische Romantik eben. Und damit zeigt das Gedicht genau das Gegenteil von dem, was da von Evanglikalen insinuiert wird. Aber auch das steht in diesem Text nicht.

    Du bist keine Literaturwissenschaftlerin, ich will Dir insofern etwas auf die Sprünge helfen: Aus einem Text sollte man nur das herausholen,was dort steht. Und das ist zunächst einmal lediglich eines: Eine Beschreibung und eine Beobachtung, was sich auf einer Straße abspielt, und zwar in substantivierter Form. Also eine gewisse Statik, wie eine Photographie, anders als bei dem Einsatz von Verben. Wir lesen von einem, der bewundert, was er sieht. Der Rest ist Zutat der Phantasie. Bei manchen scheint sie pervers und frauenfeindlich ausgeprägt zu sein, weil da Sexübergriffe gewittert werden. Aber vielleicht handelt es sich bei den Interpretinnen auch um Frauen, die einen versteckten Wunsch nach einer Vergewaltigung hegen? Auch das ist möglich. Die Umtriebe des Marquis de Sade reichen oft tief bis in die Psyche auch des weiblichen Geschlechts. Soviel nur zu den Butler-Wellen und einem Male gaze – schönes nichtssagendes Schlagwort übrigens. Es fehlt jetzt nur noch die heteronormative Matrix.

  51. Bersarin schreibt:

    Ansonsten, in dem, was che über die innerlinken Szenezusammenhänge aus dem Reiche Absurdistans schrieb (ich erinnere nur an „Das Leben des Brians“ und die Volksfront von Judäa) ist vieles dran. Insbesondere, daß Butler eben keine Lektüre für schwule oder lesbische oder queere oder transgegenderte oder offen gevögelte oder halbdesadierte oder sachertortenmasochistische Selbsterfahrungsgruppen ist. Mal unabhängig vom Inhalt ihrer Texte, wo ich logische Inkonsistenzen sehe, was eben passiert, wenn man den basalen Satz der logischen Identität über Bord wirft.

    Sehr schön auch dies von che:

    „Die benannte moralische Rigorosität ist indes ein Phänomen, das etwas zu tun hat mit der Noch-nicht-Ausbildung eines Erwachsenen-Ichs und der Bindung an straffe Moral als Mittel, mit kognitiven Dissonanzen umzugehen.Ich zitiere nochmal meine alte Genossin Anne: Dazu musst Du ein pädagogisches Verhältnis haben“

    Und das ist es wohl eher, und nicht eine an den antihermeneutischen Haaren und aus dem Sumpf einer irgendwie trüben Phantasie heraufgezogene Vergewaltigungsphantasie halbpubertärer Männer, die in ihrem Höslein was stehen haben, das sie gerne ins Röslein brächten und unsicherer Frauen, die damit ihre lieben Probleme haben.

  52. Bersarin schreibt:

    Ja, es ist vielleicht, wie che es schreibt, richtig, in dieser Sache intellektuell abzurüsten und es als das zu nehmen, was es ist: Man muß das alles aushalten und es pädagogisch betrachten, den Leuten helfen, mit ihren Irritationen in den jungen Jahren klarzukommen und den Druck übertriebener Moralvorstellungen und einer hart internalisierten Sexualmoral körperlich wie intellektuell aufzulockern. „Das unreife Ich lechtst nach Selbstversicherung“, wie es in dieser Sache meine Frau und Geliebte formulierte.

  53. Man fragt sich schon, wozu die Leute von diesem Asta eigentlich studieren, wenn sie ohnehin alles schon besser wissen?

  54. Bersarin schreibt:

    Nun, das Leben studieren sie ganz sicher nicht. Sondern wohl eher ihre eigenen Nöte, die sie mit ihrer Sexualität haben: ihre Unsicherheit, weil sie sich nicht trauen, eine Frau oder einen Mann anzublicken, zu flirten, zu lächeln. Es sind Menschen, die einem eher leidtun. Mit einer verklemmten Moral.

    Denn es ist ja nicht das Gedicht schuld, sondern der eigene Blick, der aufs Gedicht projiziert wird.

  55. kulturgeschwaetz schreibt:

    Ich habe Germanistik studiert, mach dir mal keine Sorgen, so viel wie du verstehe ich da gerade noch davon. Du nimmst den Text weder in seiner Motivgeschichte, noch in seiner Entstehungszeit, noch in seiner Grammatik und formalen Struktur ernst. Die Motivgeschichte zeichnet der Blogbeitrag nach, die Entstehungszeit sind die 1950er Jahre, eine Zeit, in der durchaus ein objektivierendes Frauenbild vorherrschend war. Der „Bewunderer“ ist in dreifacher Weise deutlich herausgehoben: Zum einen wird ihm als einziges eine Tätigkeit zugeschrieben, da steht eben nicht nur „und ein Mann“, was einen deutlichen Unterschied machen würde, sondern er tut etwas, er bewundert. Und zwar bewundert er: Alleen, Blumen, Frauen – Frauen sind also objektiv eben durchaus Objekt der Bewunderung und damit objektiviert, so viel Grammatik wirst du ja noch beherrschen, dass du das nicht wegwischen kannst, das eine Tätigkeit eben ein Subjekt (den Bewunderer) und ein Objekt (Alleen, Blumen, Straßen) hat. Und das wird dadurch unterstrichen, dass Frauen hier eben neben Gegenständen genannt werden. Formal wird der „Bewunderer“ zudem doppelt hervorgehoben: Er steht an der Endposition des Gedichts, und das ist in der Lyrik nie eine neutrale Position, und er steht in einem eigenen Vers, also nicht gleichberechtigt neben den Objekten seiner Bewunderung. Dass dieses GEdicht so ist, ist im Kontext seiner Entstehungszeit und seiner Traditionsgeschichte nicht sehr erstaunlich, man muss das auch nicht moralisch bewerten oder das Gedicht deswegen irgendwo entfernen. Dass du dich aber weigerst, das zur Kenntnis zu nehmen, dass du den Text um jeden Preis ahistorisch und verharmlosend lesen willst, sagt mehr über deine sehr ideologische Lesart, der eben eine schlüssige Argumentation in der eigenen Überzeugung wichtiger ist als der Text, aus, als über den Text. Du strotzt vor Denkverboten, du bist um nichts besser als das Feindbild, das du aufbaust.
    Und über dem Begriff des „Male gaze“, mit dem du dich nicht beschäftigt hast, den du bislang offensichtlich nicht mal kanntest, geschweige denn dass du seinen theoretischen Unterbau und seine Rezeption kennen würdest, solltest du dir vielleicht kein so einfaches Urteil erlauben, das wird sonst sehr schnell peinlich.
    Tschüßi!

  56. Bersarin schreibt:

    Genau, ein Betrachter bewundert, „kulturgeschwätz“. Genau so ist es. Nicht mehr, nicht weniger. Und ein Beobachter beobachtet eine Szene. Schön, daß Du einmal Germanistik studiertest, um das zu bemerken. Hast Du vor oder nach Bologna studiert?

    Daß Frauen Gegenstände seien, sagt der Interpret, aber nicht das Gedicht. Interessant, wer das so sieht. Auch das sagt einiges übers betrachtende Bewußtsein und weniger über das betrachtete Bewußtsein aus. (Im übrigen laden diese Interpreten, insbesondere jener von Dir verlinkte Beitrag, sehr wohl mit einer moralischen Bewertung auf.) Was der Betrachter objektiv sieht, ist folgendes: Eine Straße, die in der Tat ein Gegenstand, ist, dann eine Blume, die ein organisches Wesen ist, und dann eine Frau, die ein Lebewesen ist, also eine Aufsteigerung vom Ding zum Menschen. Und dieser erste Mensch ist eine Frau. Höher kann Bewunderung und Lob eigentlich nicht ausfallen.

    Feststellen zu diesem Gedicht kann man natürlich, was man möchte. Nur sagt manche Feststellung mehr über den aus, der sich äußert.

    Ich habe übrigens diese Interpretation nicht verboten, also bitte nicht gleich „Zensur, Zensur!“ rufen, wie so AfD-Hanseln. Aber wenn jemand eine Behauptung in den Raum stellt und zudem noch eine unsinnige, dann muß er sich halt auch gefallen lassen, daß diese Behauptung kritisiert wird, daß womöglich dieselben Methoden, die der Behauptende anwendet, einfach mal auf ihn selber angewandt werden. Man könnte übrigens aus der Rede solcher Interpreten auch ein gehöriges Maß an Frauenfeindlichkeit herauslesen. Auch das funktioniert. Vor allem mit Theweleit. „Männerphantasien“ eben, die sogar durch den Male gaze von Frauen noch internalisiert werden. Da gebe ich Dir tatsächlich recht, daß dieser Male gaze eine nicht zu unterschätzende Sache ist.

    Und nun mal eine andere Frage: Wovor habt Ihr jungen Leute eigentlich so viel Angst bei solchen Gedichten und wieso diese Sexualisierungen wie aus der Phantasie von Klosterbrüdern und -nonnen?

  57. Dieter Kief schreibt:

    @ Kulturgeschwätz
    Levinas hat den Blick analysiert. Es ist richtig, dass man mit Blicken einschüchtern, jemanden zusetzen, belästigen, stören kann. Aber nicht alle Blicke sind so. Die Bewunderung im Gomringer-Gedicht mit der Zudringlichkeit gleichzusetzen ist eine Lesart, die der Text nicht hergibt.

    Alle Bewunderung via male-gaze mit Zudringlichkeit zu verrechnen ist – ich sag mal: Unter eher paranoiden Voraaussetzungen, wie sie Butler und Foucault ermöglichen, plausibel, aber – halten zu Gnaden: Ausserhalb solcher Bezüge ist die Gleichsetzung von Bewunderung und Zudringlichkeit usw. unpoetisch, unerotisch, ungebildet und insgesamt sogar unmenschlich, oder zumindest ungeschickt.
    (Jaja, ich weiß – Foucault hat sich auch noch gegen diesen Vorwurf abgesichert – er war einer, der sein Blatt virtuos spielte. Er war ein sozusagen lebenslanger Selbstmörder – und auch das will ich gern gelten lassen. Ich würde ihm seine Meinung jederzeit lassen. Aber ich meine in der Tat: Solchen Positionen komme keine Alllgemeingültigkeit zu. Und ja: Ich bin jetzt im humanistischen Fahrwasser – von mir aus eines Deutungsmeisters wie Hans-Georg Gadamer einer war. Er hat ja auch ganz richtig den Gemeinsinn als Bürgertugend hervorgehoben.

    Das jedenfalls, liebes Kulturgeschwätz, sind die Gründe, weshalb ich Gomringers Text liebe – und sehr gern auf einer Fassade sehe: Er verschönert und poetisiert die Welt. Dass das icht alle so sehen – ja auch nicht alle so sehen müssen, ist selbstverständlich richtig.

  58. Bersarin schreibt:

    So ist es Dieter Kief. Kunst im öffentlichen Raum ist für den Geschmack eine offene Sache. Wenn sie einmal da ist, müssen wir sie ertragen: das ist auch mit Wandbildern so, derer es viele im Berliner Raum gibt, übrigens auch linkspolitische. Manche finde ich unendlich kitschig und sie regen mich jedesmal auf, wenn ich daran vorbeifahren muß, ich störe mich an der Geschmacklosigkeit. Aber sie ist da, man lebt damit. Die Sache mit dem Gedicht wird am Ende auf eine Frage des Verwaltungsrechts und des Urheberrechts hinauslaufen. Denn wenn es sich bei dieser Fläche um ein Kunstwerk handelt, das bereits 6 Jahre Bestand hat und woran sich niemand bisher störte, so ist bei der Entfernung auch der Künstler mit einzubeziehen. Genaueres klären vermutlich die Gerichte. Das wäre zu wünschen. Und diesem Spruch fügen wir uns alle.

    Ein Blick vom Subjekt fällt natürlich immer auf Objekte, und damit sind auch andere Lebewesen zunächst Objekte für mich. (Trivialerweise. Hinzu tritt noch das Phänomen der Sprache.) Daraus aber läßt sich eben noch keine strukturelle Verdinglichung ableiten. Zum Blick des Anderen und zum Körper nicht nur Lévinas, sondern auch der Foucault-Antipode Sartre in „Das Sein und das Nichts“, ein ganzes Kapitel dazu, lesenswert auch für die Eumel vom Asta. Und die Details dieser Dialektik von Subjekt und Objekt und der daraus resultierenden Intersubjektivität bis hin zum Geist finden wir bei Hegels Phänomenologie. Daß der Blick auf den anderen eben keine bloße Verdinglichung ist, sondern damit die Intersubjektivität einsetzt. Und damit auch Verstehen, womit wir bei Gadamer sind, der ja einiges über Hegel schrieb.

  59. che2001 schreibt:

    @“ Unter eher paranoiden Voraaussetzungen, wie sie Butler und Foucault ermöglichen“ —– Wie schon gesagt, da müsste deutlichst zwischen Butler und Foucault unterschieden werden und denen, die sich ohne tiefere Kenntnis von deren Theorien auf sie berufen um die eigene moralinverhärmte Weltsicht zu rechtfertigen.

  60. Man sollte auch berücksichtigen, dass der Autor Halb-Bolivianer ist und offenbar von Südamerikanischer Kultur geprägt.
    https://de.wikipedia.org/wiki/Eugen_Gomringer#Beziehung_zu_Bolivien

    Südamerikaner sind nun mal romantischer als Deutsche, ich denke das erklärt auch einiges.

  61. Bersarin schreibt:

    Na ja, El Mocho, ich bin bei solchen Dingen wie dem Nationalcharakter vorsichtig, das ist nichts Statisches. Obwohl sich Italiener und Deutsche, Spanier und Engländer in vielem unterscheiden. Ich will das kein Faß aufmachen, Aber genau ausgezählt hat es eben auch keiner, weshalb dann Sätze von „kulturgeschwätz“ nicht weiterführen: „die Entstehungszeit sind die 1950er Jahre, eine Zeit, in der durchaus ein objektivierendes Frauenbild vorherrschend war.“

    Da wird vom einem abstrakt proklamierten gesellschaftlichen Umstand auf ein Einzelnes geschlossen. Weil das Frauenbild nicht so gut war, ist dann auch das Gedicht nicht so gut, weil der Dicher ja undsoweiter Male gaze. Daß sowas nicht funktioniert, sieht man an folgendem Satz: In den 50ern war die Sowjetunion sozialistisch und es gab ein überall verbreitetes sozialistisches Weltbild. Also waren alle Dichter sozialistisch. Das sind simple Interpretationen, die man in der Germanistik nicht gerne sieht – ich umschreibe das höflich. Insofern würde ich mich in diesem Kontext nicht so sehr auf den Halbbolivianer stürzen. Aber sicherlich wissen viele davon das Leben ein wenig leichter zu nehmen als verbitterte Jungs und Mädchen vom Asta, früh vergreiste Kinder.

    Interessant aber, und da sind wir uns vermutlich alle relativ einig, ist der Umstand, daß ein Bewunderer von Straßen, Blumen und Frauen – auch der Motivgeschichte dieser Begriffe und wie sie in der Lyrik aufgeladen sind, kann man gerne mal nachgehen – als sexualisierter Blick wahrgenommen wird.
    ______________________________

    Ist eigentlich der Male gaze sowas wie der männliche Gazastreifen, aber nur für Judith Butler oder für Hamas-Fans? Das wäre mal meine abschließende Frage für ein universitäres Lehrstück in Slogologie.

  62. che2001 schreibt:

    Mir fällt da Montaigne ein: „Das Leben endet mit dem Tod, aber der Tod ist nicht das Ziel des Lebens. Das beste aller Leben wird im Sattel gelebt.“

  63. che2001 schreibt:

    Das hier übrigens – ich kenne die Urheberin persönlich, und zwar im biblischen Sinn – möchte ich dann nochmal auf den Plattentisch legen: http://netbitch1.twoday.net/stories/1022632361/

  64. Bersarin schreibt:

    Genau da liegt das Problem, das Du gut auf den Punkt bringst. Ich denke auch, daß sich bei jenen Leuten eine Menge Ängste und vor allem die Lustfeindlichkeit aufstauten. Wer bereits im Blick auf eine Frau Sexismus wittert, da muß man eben von einer toxischen Lustfeindlichkeit sprechen. Puristen und Evangelikale. Traurig, daß diese Bewegung nun auch nach Deutschland überschwappt.

  65. kulturgeschwaetz schreibt:

    Da du offensichtlich nicht lesen kannst und mir weiterhin irgendwelchen Kram („ihr jungen Leute“) unterstellst: Ich habe wiederholt darauf hingewiesen, dass man das Gedicht anders lesen kann, dass es darauf ankommt, was man unter „bewundern“ versteht – darunter kann man einen dominanten Blick verstehen, darunter kann man schlicht Gefühl verstehen, darunter kann man sogar einen eher passiven Zustand verstehen, die Möglichkeiten sind vielfältig. Ich weise nur absolut deine völlig einseitige Lesart des Textes zurück, die bestreitet, dass der Text überhaupt anders gelesen werden kann als auf deine Art, und ich weise zurück, dass es in diesem Gedicht bloß um ein „alle Menschen verbindendes UND“ ginge, denn das geht wirklich unterkomplex am Text vorbei. Und natürlich hast du nicht „Zensur“ geschrien, du hast nur diese Lesart als dumm abgetan, auf facebook hast du gefordert, man sollte den AStA-Mitgliedern irgendwelche Rosendornen in den „moralinsauer verstunkenen Arsch“ jagen und andere Köstlichkeiten von dir gegeben, und ja: Das ist nichts als der Versuch, eine andere Sichtweise als die eigene so zu diskreditieren, dass sie mundtot ist. Ich fordere hier lediglich die ganze Zeit: Den Text ernst nehmen, eine Debatte mit mehreren Lesarten des Textes zulassen. Ich bin maximal angstbefreit, keine Sorge.

  66. kulturgeschwaetz schreibt:

    „Die Bewunderung im Gomringer-Gedicht mit der Zudringlichkeit gleichzusetzen ist eine Lesart, die der Text nicht hergibt.“ Habe ich wo genau gemacht?
    „Alle Bewunderung via male-gaze mit Zudringlichkeit zu verrechnen ist – ich sag mal: Unter eher paranoiden Voraaussetzungen, wie sie Butler und Foucault ermöglichen, plausibel, aber – halten zu Gnaden: Ausserhalb solcher Bezüge ist die Gleichsetzung von Bewunderung und Zudringlichkeit usw. unpoetisch, unerotisch, ungebildet und insgesamt sogar unmenschlich, oder zumindest ungeschickt.“ Nochmal: Mit Butler hat das erst mal schlicht nichts zu tun. Und auch mit „Zudringlichkeit“ hat das erstmal ncihts zu tun, sondern eben mit: Machtverhältnissen und Objektivierung. Und dabei geht es nicht darum, Erotik und Bewunderung zu diskreditieren, sondern um Strukturen, die dazu führen, dass es sehr viel Kunst gibt, in der der Mann aktiv auf die passive Frau blickt und nicht umgekehrt. Diese Strukturen finden sich eben auch in dem Gedicht – darauf weist auch der AStA hin – und die kann man deswegen auch an dem Gedicht kritisieren. Die Folgerung, dass dieses Gedicht zu sexuellen Übergriffen führen kann o.ä. halte ich auch für überzogen, sehr wohl aber führen die Strukturen, die sich in ihm spiegeln, zu einem historisch gewachsenen Machtgefälle zwischen Mann und Frau. Dafür kann das Gedicht nichts, es ist wohl auch kaum die Instanz, die dieses MAchtgefälle zementiert, aber trotzdem partizipiert es eben daran und darauf kann man einfach mal ganz sachlich hinweisen, ohne dass einem deswegen irgendwelche moralischen Absichten unterstellt werden. Wenn man darauf hinweist, ist man noch lange nicht „unpoetisch, unerotisch, ungebildet und insgesamt sogar unmenschlich“, sondern man kann sogar – wie ich es mit anderen Gedichten, die ich ästhetisch gelungener finde als dieses für mich sehr langweilige Gedicht, übrigens selbst tue: Hier spiegeln sich Weltbilder und Anschauungen die ich falsch und veraltet finde, dennoch ist es ein schöner Text, der mich berüht. Das sind unterschiedliche Ebenen und so viel Komplexität und Widersprüchlichkeit sollte man schon aushalten können. Sie vermischen in ihrer Kritik Ebenen und unterstellen einer zunächst machtstrukturellen Analyse, irgendwas als „Zudringlichkeit“ zu bewerten, was aber eben nicht per se der Fall ist.
    Und vor allem wäre ich Ihnen doch sehr dankbar, wenn Sie mir nicht irgendwelche Lesarten oder Forderungen unterschieben, die ich nirgendwo getätigt habe. Was ich kritisiere, ist dass man so tut, als könnte man „avendias“ nicht anders lesen, als hätte der Text keine Strukturen, die man als problematisch markieren KANN, nur weil man selbst so gerne „Genderwahnsinn!“ schreien oder den Text gerne als harmlosen Kunstgenuss haben möchte. Ich sage lediglich: Man muss den Text ernst nehmen, man muss ihn in seiner Komplexität ernst nehmen, man muss auch bereits sein, Strukturen die er spiegelt problematisieren zu können. Und natürlich kann man ihn trotzdem schön finden (auch wenn ich finde, er liest sich wie ein misslungener Haiku eines Mittelsufenschülers), und wie ich hier mehrfach geschrieben habe: Natürlich kann man ihn an dieser Wand stehen lassen. Aber auch das muss man eben nicht.

  67. kulturgeschwaetz schreibt:

    „Daß Frauen Gegenstände seien, sagt der Interpret, aber nicht das Gedicht“ Habe ich übrigens nirgends geschrieben, ich sprach von „Objektivierung“ und einem grammatikalischen Verhältnis zwischen den Begriffen – wobei natürlich das Gedicht auch die „Vergegenständlichung“ hergäbe, mir persönlich ginge das aber zu weit. Dafür, dass du immer wieder versuchst, meine akademische Qualifikation herabzuwürdigen (was natürlich auch der Versuch ist, eine abweichende Meinung mundtot zu machen, aber ich kenn von dir ja gar kein anderes Verhalten und finde das eher so ein bisschen bedauernswert, dass du das nötig hast), bist du halt selbst zu ungenau.

  68. Bersarin schreibt:

    „(auch wenn ich finde, er liest sich wie ein misslungener Haiku eines Mittelsufenschülers)“ Meine kritischen Anmerkungen zur Frage akademischer Qualifikationen war wohl doch nicht ganz falsch, wie ich gerade bemerken muß.

    Das Kulturgeschätz von Strukturen ist so schräg, das es schon wieder irgendwie gut ist. Eine feine Parodie von Foucault. Wobei es mir natürlich um Foucault leidtut. Wenigstens aber muß der arme Mann nicht mehr erleben, wofür man ihn mißbraucht.

  69. Bersarin schreibt:

    Guck mal, „kulturgeschwätz“. Du fängst sogleich mit einer Pöbelei bzw. einer Unterstellung an und erwartest, daß man Dir mit Höflichkeit begegnet: „Da du offensichtlich nicht lesen kannst und mir weiterhin irgendwelchen Kram („ihr jungen Leute“) unterstellst:“ Das ist eine irgendwie widersprüchliche Art des Kommunizieren und bereits Dein erster Kommentar hier war ein aggressives Auftrumpfen. Also bekommst Du genau das von mir zurückgespielt.

    Und ganz genau von Dir registriert: Ich reagiere ansonsten heftig auf diese Haß- und Zensurhanseln, die einem Dichter Frauenfeindlichkeit und einen maskulinistischen Blick unterjubeln und die aus bewunderndem Betrachten einen sexualisierten Blick dekonstruieren, der durch nichts am Text gedeckt ist, sondern lediglich durch künstlich unterschobene Zusatzannahmen. Da muß man schon nachfragen, was im Unterbewußtsein bei diesen Leuten vor sich geht. Im übrigen wird in das Gedicht ein Rollenbild hineingelesen, daß mehr über das Verständnis dieser Leser von der Rolle der Frau aussagt, als über jenes lyrische Ich, das dort betrachtet und bewundert. Auch das sollte man, im Sinne einer vielleicht psychoanalytisch inspirierten Diskursanalyse mal zum Thema machen. Theweleits „Männerphantasien“ eben. Interpreten, die die gesellschaftlichen Mechanismen derart verinnerlicht haben, daß für sie kein anderer Blick mehr möglich ist. Auch das sind übrigens „Strukturen“, über die gesprochen werden muß. Naheliegender allemal, als das Gedicht in eine Struktur einzubetten, die das Gedicht qua seines lyrischen Verfahrens ja gerade bricht.

    Und ich schreib es Dir jetzt zum gefühlten 18ten Mal, ich hoffe, es geht bei Dir hinein: Man kann bei einem Gedicht fühlen und empfinden, was man will, und genauso sind unterschiedliche Interpretationen möglich. Die einen sind durch das, was im Text steht, gedeckt. Die anderen sind es nicht, weil sie ein politisches Programm oder eine Ideologie zum Maß erheben und etwas in einen Text hineinbringen, was der Text von sich aus nicht sagt. Da hilft dann auch das Gerede von den Strukturen nichts, zumal es ein dummer Allgemeinplatz ist, zumal Kunstwerke genau diese gesellschaftlichen Strukturen regelmäßig in ihrem Verfahren brechen. Vielleicht müssen manche einfach einmal wieder in den Gadamer hineinlesen. Gehört ja zum Literaturstudium dazu. Wenn ein Bewunderer auf eine solche Szene blickt, dann ist dort zunächst einmal von einem Bewunderer zu lesen. Und von nichts mehr.
    Um diese Pluralität von Lektüren geht es in diesem Falle aber nicht primär, denn wenn solche Lesarten benutzt werden, um ein Verbotsgutachten nachzuliefern, wenn Gefühle verallgemeinert werden und allen Betrachtern aufoktroyiert werden, indem ein Gedicht, ein Kunstwerk aus dem öffentlichen Raum entfernt wird, dann ist es an der Zeit endlich die geforderte Zivilcourage zu zeigen, um diesen Hanseln zu sagen: So nicht. Und ich denke da treffen dann auch meine Bezeichnungen für diese Asta-Wichte ganz gut. Menschen übrigens, die ich selber für üble Sexisten halte, weil sie ein Problem mit der Sexualität haben. Aus solchen Verklemmtheiten können später üble Sachen erwachsen. (Aber das ist meine persönliche Ansicht.) Lustigerweise würde mich mal interessieren, was diese neuevangelikale Studentenkleinbewegung eigentlich zu Alban Nikolai Herbsts „Meere“ sagen würde: auch verbieten? Oder eine Triggerwarnung anbringen?

    Ich diskreditiere also genau da, wo andere die Freiheit der Kunst einschränken und ihren persönlichen, bisher durch keine konsistente Textlektüre gedeckten Blick zum allgemeinen Maßstab erheben wollen. Denn das Entfernen des Gedichts wird ja, wie Du inzwischen nachgelesen hast, mit einem latenten, wenn nicht sogar manifestem Sexismus vom Asta begründet.

    Ich habe Dir hier in den Kommentaren im übrigen mehrfach eine genaue Interpretation dieses Gedichtes geliefert. Daß diese Lektüre Dir nicht paßt, ist mir schon klar, denn sie gibt keinerlei Begründung für einen Verbotsantrag, sondern weist vielmehr auf die Schönheit dieses Gedichts und auf die Freiheit des Sinnlichen. Stichwort blaue Blume. Und genau damit untergräbt dieses Gedicht jene postulierten Strukturen gewalttätiger Blicke.

    Übrigens: Wer ein Gedicht oder eine Aussage ideologiekritisch in den Blick nimmt, muß dieses Verfahren auch auf sich anwenden lassen. Und genau das tat ich in meiner Polemik, indem ich eine Art Laienanalyse dieser Leser vornahm. Man mag meine Zuspitzungen mögen oder nicht. Aber hier im Blog mache ich es nach meinem Gusto und genauso auf Facebook. Ich kommuniziere genau so, wie es das Medium erfordert. „Das Medium ist die Massage“ (Marshall McLuhan). Merkwürdig aber, daß sich manche immer dann so aufregen, wenn man sie spiegelt und eigentlich nichts anderes macht, als jene Vulgärpsychologen vorher taten. Auch das sagt einiges.

    „Machtverhältnissen und Objektivierung“ ist ein Schlagwort. Nichtssagend und aus dem Baukasten genommen. Wenn alles Machtverhältnis ist, dann trifft das auch auf Deine Aussage zu und auf die Aussagen des Asta. Genauso ließe sich behaupten, der Kapitalismus sei an all dem Schuld, weil er ja alle Verhältnisse verdinglicht und Menschen zu Waren macht. Das ist zwar einerseits richtig, aber auch solche Sätze sind in ihrer Allgemeinheit nichtssagend und eine Plattitüde. Über komplexe Gefüge von Gesellschaft werden mal eben in einer vulgärfoucaultschen oder Butlerschen Manier Spielmarken wie Machtverhältnissen und Objektivierung hingeworfen. Che wies auf diesen Kindergarten zurecht hin. Hier bedienen sich junge Menschen, die in Selbstfindungsprozessen stecken, fremder Ideen, um damit ihre eigene Armut aufzurüsten. Das führt natürlich regelmäßig zu Fehllektüren in ideologischer Absicht, in nichts am Text ausgerichtet.

    Wenn man es wie Foucault machen will, dann in einer hinreichend komplexen Analyse. Aber bitte nicht ein Gedicht, in dem von all dem nichts steht, dafür zum billigen Anlaß nehmen, um symbolisch Kämpfe zu gewinnen, die real verloren werden.

    „dass es sehr viel Kunst gibt, in der der Mann aktiv auf die passive Frau blickt und nicht umgekehrt.“ Das ist gut: Sollen Mann und Frau sich die Augen zuhalten? Oder wolltest Du Celans „zur Blindheit überredete Augen“ persiflieren? Natürlich blicken im Leben Männer auf Frauen und Frauen auf Männer. Und wenn es hier schon um angeblichen Sexismus gehen soll, dann bitte an konkreten und vor allem an nachvollziehbaren Beispielen kenntlich machen. Würde übrigens eine Frau auf das lyrische Ich blicken, so kannst Du sicher sein, daß jener Asta auch daraus Sexismus herauslesen wird.

    Nebenbei: was für die eine Sexismus ist, bereitet einer anderen Frau extreme Lust. Es gibt Frauen, die es genießen, bewundert betrachtet zu werden, es gibt solche, denen es egal ist und es gibt solche, die das nicht wollen. Es gibt solche, die haben Vergewaltigungsphantasien und solche, die wollen Männer zerbeißen und beide haben Lust dabei. Das eine ist die Phantasie (der Kunst), das andere ist es sowas gegen den Willen einer Person zu tun. In der Öffentlichkeit zudem stoßen divergierende Interessen nun einmal aufeinander: daraus Normatives ableiten zu wollen, ist nicht wirklich zielführend. Zumal ja, ohne gute Begründung die Gegenseite genauso ein Recht darauf hat. Und wenn es schon um Sexismus geht, dann sprechen wir bitte über konkrete Sachverhalte: Hier in Berlin, gegenwärtig am Alexanderplatz, die Übergriffe zu Silvester in Köln, Männer, die Frauen in der Bahn oder an Bahnhöfen ungefragt begrapschen. Da sehe ich direkten Handlungs- und Gesprächsbedarf. In der Tat!

    Sätze wie: „„die Entstehungszeit sind die 1950er Jahre, eine Zeit, in der durchaus ein objektivierendes Frauenbild vorherrschend war.“ sind nichtssagend. Siehe oben meine Begrünung. Und ein Blick ist immer objektivierend. Das ist eine Trivialität, die Du da schreibst, denn Subjekt ist nicht Objekt, und wenn ich mich wieder auf Deinen Tonfall herabbegebe, schriebe ich: Solche banalen Dinge müßtest Du eigentlich nach einem Studium wissen.

    Was die jungen Leute betrifft: Denkst Du, daß Studenten alt sind? Hier handelt es sich um Studenten oder Menschen aus dem universitären Milieu. Und um nochmal meine Frage zu wiederholen: Wovor habt Ihr jungen Leute eigentlich so viel Angst bei solchen Gedichten und wieso diese Sexualisierungen wie aus der Phantasie von Klosterbrüdern und -nonnen?

    Das würde mich schon interessieren. Und wie verhalten sich eigentlich diese Menschen bei realem Sexismus. Zum Beispiel hier in Berlin auf dem Alexanderplatz? Ich rate da dem Asta sich in Mannschaftsstärke zu positionieren, um das anzugehen. Da ließe sich gut das Mutchen kühlen und nicht an einem Gedicht.

  70. Jumid schreibt:

    @kulturgeschwätz: „Die Frage, wer darüber zu entscheiden hat, was an der Fassade einer Hochschule angebracht werden soll, ist doch völlig müßig“ – eben nicht! Das wird durch die mit der von Bersarin zitierten Interpretation des Gedichtes im Zusammenhang mit der Forderung, es zu entfernen, zur entscheidenden Frage. Es geht um genau diesen Zusammenhang und nicht um irgendeine Interpretation, die man jeweils folgenlos irgendwie findet, ob nun treffend oder eher nicht.

    Du weichst aus. Denn ob man das Gedicht als Beispiel für einen „Male gaze“ liest, ob Du das nun tust oder nicht, ist weniger wichtig als die Folgerungen, die man daraus zieht. Und diese sind nicht ästhetisch allein, sondern politisch im engeren Sinne. Und da geht es sehr wohl um die Verbindung von Macht und Definition.

    Das Muster ist immer wieder das Gleiche: es wird etwas neu definiert, interpretiert oder in einen Kontext gerückt, der ganz eindeutig negativ ist und zum tragenden Verständnis führen soll. Dann werden Opfergruppen angeführt, die jetzt mal die Definitionsmacht an sich nehmen und für uns alle betreuen. Im vorliegenden Fall: das Gedicht als Beispiel des männlichen Blickes, das in dieser Lesart – egal welche es sonst noch gibt – nicht mehr zumutbar ist. Diese Interpretation ist insofern anders als andere Deutungen, weil hier Phantasie, Poesie, Äußerungen gleichgesetzt werden mit Handlungen. Das Gedicht wird performativ gelesen, und diese Lesart unterscheidet sich deutlich von jeweils anderen Lesarten. Sie erfordert offensichtlich in den Augen mancher ein Einschreiten, das nur zu rechtfertigen ist, wenn man einen Übergriff, einen Gewaltakt, eine Belästigung mit der Lektüre eines Gedichtes gleich setzt. Und @kulturgeschwätz redet sich insofern gerade aus dem von Bersarin beschriebenen Zusammenhang heraus, als es Bersarin auf genau diesen Zusammenhang – und zwar beispielhaften Zusammenhang – ankommt. Hier bekommen Pro und Contra einen eigenartigen Bekenntnischarakter, dem eine Beschuldigung zugrunde liegt. Wer sich gegen die Entfernung des Gedichtes ausspricht, wird offensichtlich in eine Rolle gedrängt, in der er erst einmal klarzustellen hat, dass er die von manchen darin aufgefundene Sicht des Mannes für illegitim hält, er muss sich für das Gespräch erst einmal qualifizieren unter einer Definition, die die seine nicht sein muss. Das ist der Zusammenhang. Und nicht irgendeine Gedichtinterpretation, die, wenn gut, gerne gelesen wird, wenn nicht so gut und treffend, aber nur Himbeertoni interessiert. Dieses Desinteresse möchte man sich aber in einer Gesellschaft, die frei ist, leisten können, ohne dass es zur Überpinselung von Gedichten führt.

    Ich selbst verspüre jedenfalls wenig Lust, mich von den neurotisch beschränkten, und letztlich minoritären Empfindlichkeiten einiger Weniger in den Laufstall ihrer begrenzten Möglichkeiten setzen zu lassen. Diese Art von betreutem Denken ist mir zuwider. Sie wird aber zunehmend von Gruppen, sehr energiereichen und aktiven Gruppen, durchzusetzen versucht: in der Literatur, in der Kunst, in Museen, in Medien. Man stößt immer wieder darauf, dass hier gefälligst mal eine Sprache zu lernen ist, in der man nur noch sagen kann, was der eine oder andere so hören und lesen möchte. Da liegt das Flüchtlingsthema (und nicht etwa das Geflüchtetenthema!) nahe. Wir haben es hier ebenso wenig mit einem bloßen Wortwechsel wie in der von Bersarin kritisierten performativen Lesart des Gedichts mit einer bloß weiteren Interpretation zu tun. Was hier geschieht, ist eine ideologische Neuinterpretation. Insofern ist die Frage Bersarins, was im öffentlichen Raum gesagt werden kann und muß und welche Präsenz es hat, die entscheidende.

    @kulturgeschwätz: „Davon abgesehen finde ich aber immer noch diese „es wird ein Gedicht VERNICHTET“-Rhetorik völlig überzogen und sehr aufgeregt, vor allem weil das Gedicht eben überall noch gedruckt werden kann und ja auch gedruckt vorliegt. Dasselbe gilt ohnehin für Begriffe wie „Cannibalismus“. Wenn man dem AStA überzogene Hochsensibilität vorhält, sollte man selbst vielleicht nicht in denselben Modus verfallen.“ – Bersarins Rhetorik bringt aber die Intention der Forderung auf den Punkt, meinetwegen polemisch zugespitzt. Hier geht es nicht um eine etwaige Hochsensibilität, sondern hier machen sich einige zum Pförtner dessen, was wie wahrgenommen werden soll. Das ist der Punkt. Der Asta ist dafür ein Beispiel, eine Art Moral – TÜV, der Gütezeichen verteilt und Zulassungen regelt. Der scharfe Ton kommt alleine durch den Asta in die Debatte, dieser legt das Gedicht auf eine moralische Weise tief, die die Form eines Angriffes gegen andere Lesarten hat – und in der Folge sogar gegen Personen hat. Wer sowas gut heißt der …… (fast hätte ich Deinen Fehllektürebegriff des „Cannibalismus“ aufnehmend geschrieben; der frißt auch kleine Kinder!)
    @MelusineB: Der große, hagere Don Quijote reitet noch, Dulcinea! Gruss vom kleinen, dicken Sancho Panza (Stallmeister)

  71. Jumid schreibt:

    Ein Resultat dieses neurotischen ASTA-Generves ist übrigens, dass andere irgendwann erschöpft, um des lieben Friedens willen, zusammensinken. Und so wird entschieden am Ende. Das ist ein einsichtsfreier Prozess mit eindeutigen Resultaten: es wird übermalt. Ein trauriges Ergebnis.

  72. Bersarin schreibt:

    @ Jumid: Danke für diese sehr ruhigen und sachlichen Hinweise, Einwände. Ich bin in diesemn Dingen meist ein nordischer Brausekopf.

    _________________________

    Am Ende ist es aber eine Frage des Juristischen: Wenn der Künstler Widerstand leistet nämlich. Da müssen zunächst Richter entscheinden. Die Mechanismen dieser Übermalaktion beschreibst Du gut. Die meisten sind am Ende genervt. Und genau darauf wird spekuliert.

  73. Jumid schreibt:

    Das geht mir genau so, ich muss mich zur Ordnung rufen und zur Ruhe zwingen. Dabei ist es ein Spagat: der Anlass ist zwar lächerlich, wenn man die Qualität der Gedichtkritik betrachtet, andererseits hat diese Art von öffentlicher Intervention, wie der ASTA sie vorführt, inzwischen eine enorme Durchschlagskraft. So etwas erreicht sein Ziel, in diesem Fall ja offensichtlich auch. Ich bewundere da Deine Geduld (und Ungeduld). Damit zusammenhängend sind ja auch die großen Themen der „hate speech“ und ihrer Regulierung durch private Instanzen wie Facebook und als Auftragnehmer Bertelsmann. Solche attackierenden Sprachoffensiven sind in diesem Kontext zunehmend keine Kleinigkeiten mehr, sondern bestimmen bereits Teile des öffentlichen Diskurses sehr ungut. Insofern ist die Beschäftigung mit ihnen sehr wichtig, ein ästhetisch – politischer Akt.
    Und wer sich daran abarbeitet, der hat es mit einer Mischung von Stimmungen, Suggestionen und Argumenten zugleich zu tun. Und @kulturgeschwätz hüpft relativ virtuos (nicht stringent) zwischen allen dreien hin und her, er spielt Igel und Hase. So nach dem Motto: Beweise Du, Bersarin, erst einmal dieses und jenes. So kann man jeden vor sich hertreiben, ohne sich selbst festzulegen. Du hast eine ständige vermeintliche Bringschuld, die kaum abzuarbeiten ist, insbesondere, wenn belegt werden soll, was gar nicht passiert ist. Beweis mal, dass Du letzte Woche nicht in Potsdam warst oder nicht zu irgendwem doch x gesagt hast – ist nahezu unmöglich. @kulturgeschwätz weigert sich im Gegenzug, eindeutige Zusammenhänge als solche zu erkennen, und wenn er es doch einmal tut, ist es ja nicht seine Meinung. Letzteres ist natürlich sein gutes Recht. Sein gutes Recht in dieser Diskussion ist es aber nicht, mit seiner Meinung, die offenbar in Teilen von der des ASTA mehr oder minder differiert, die Aktionen des ASTA zu bagatellisieren, zu verharmlosen, zu relativieren, ihnen die Spitze zu nehmen und sie gleichzeitig aber damit doch subkutan zu verteidigen als mögliche Lesart inklusive(!) der Handlungsfolgen.

  74. Jumid schreibt:

    Mich erinnert diese Art der Begriffsumdefinition und des verbindlich (darauf kommt es an!) anders Interpretierens übrigens ans Marketing: dort werden vermeintlich subtile Umdeutungen vorgenommen, etwa von dem schönen „Inhalt“ zu „Content“ – der eine Begriff entleert von allen Qualitäten und subtil entwertet, damit der Weg frei ist für einen neuen, ähnlich klingenden Begriff, der aber ein falscher Freund ist wie man sie aus Überstzungen kennt. So läuft das mit Flüchtling und Geflüchteten. Das ist die gleiche Strategie, die gleiche Denke.

  75. Jumid schreibt:

    Zum Thema??? noch ein Gedicht von Kurt Schwitters:
    Meine süße Puppe
    Mir ist alles schnuppe
    Wenn ich meine Schnauze
    Auf die deine bauze.

    Nicht mit letzter Sicherheit kann ich ausschließen, dass auch hier untergründig der männliche Blick mitschwingt als Thema. Aber für so etwas habe ich zu kleine Hände, ich begreif´ das nicht immer sofort …..

  76. Bersarin schreibt:

    @ Jumid: Das ist genau der rhetorische Trick: dieses Hin-und-Her-Wetzen. Und da paßt das Bild vom Hasen und vom Igel. Und insofern insistiere ich hermeneutisch auf dem Text des Gedichtes, an dem man seine Lektüre festmachen muß, und nicht an von außen ans Gedicht herangetragenen Strukturen, Meinungen oder Mutmaßungen wie: „die Entstehungszeit sind die 1950er Jahre, eine Zeit, in der durchaus ein objektivierendes Frauenbild vorherrschend war.“ Der Satz ist nicht falsch. Natürlich gibt es dieses Denken. Das Kind wird nur dann mit dem Bade ausgekippt, wenn man ihn umstandslos allem ohne Beweis unterschiebt und in einer Art Vulgärideologiekritik überall als Markierung setzt. Und unbewußt im Text sich spiegelnde Strukturen sind freilich eine schöne, interpretatorisch allerdings bequeme und leider schwammige Sache.

    Diese Form dieser Anklage ist ja alt wie die Inquisition samt den Hexenprozessen, genauso bekannt aus dem Stalinismus und anderen Diktaturen (Betonung: DIE FORM, nicht der Inhalt, das sind zwei Paare): Es ist egal, was einer sagt, die Schuld ist von vornherein erweisen. Die Hexe schwimmt und geht nicht unter: also ist sie eine Hexe. Sie geht unter: das ist für die Hex die gerechte Strafe. Nicht anders wird beim Gedicht vorgegangen: Es steht von vornherein fest, was Sexismus ist.

    Dem real in dieser Gesellschaft existierenden Sexismus und Frauenfeindlichkeit erweisen solche Leute zudem einen Bärendienst. Sie kühlen ihr Mütchen symbolisch am Gedicht.

    Aber wie gesagt: Das ist nur eine Aktion von vielen, um Kunst zu zensieren. Und daß übrigens die Befürchtung einer Zensur von Texten nicht gar so abwegig ist, zeigte das diesjährige Theatertreffen, wo von Thomas Oberender, dem Intendanten der Berliner Festspiele, aus Claudia Bauers Inszenierung von „89/90“ das Wort „Neger“ wegretouchiert wurde. Ohne Absprache, heimlich und klandestin. Natürlich alles nur in guter Absicht: Betreutes Lesen, betreutes Leben, auf keinen Fall aber dürfen Menschen für sich selber entscheiden, was sie lesen und wie sie leben wollen oder was sie in einer Vorlesung hören wollen und wie sie dies kritisch zu beurteilen.

    Daß man mit solchen Aktionen am Tor der Hölle rüttelt, merken die Schmalspurdenker mit dem guten Gewissen nicht einmal. Daß sich nämlich im nächsten Zug dieses Zensieren genauso gegen sie selbst kehren kann.

    http://www.deutschlandfunkkultur.de/kunstfreiheit-oder-rassismus-das-n-wort-polarisiert-das.2159.de.html?dram:article_id=387809

  77. che2001 schreibt:

    In einer Gesprächsrunde versuchte einmal einem Feministin einem Korpsstudenten klarzumachen wieso erwachsene Frauen nicht als Mädchen und Schwarze nicht als Neger zu bezeichnen sind. Als das nichts fruchtete sagte ihr Freund: „Damit bei mir diese Probleme gar nicht erst aufkommen sage ich immer Hühner und Bimbos.“

  78. Bersarin schreibt:

    Das hier ist absolut genial und deutet auf die Tendenz der Zeit: „Warum ich keine Freundschaften mit Männern beginnen kann. Selbst wenn man nur reden will, ist der Sexualtrieb immer mit dabei.“ Von Mercedes Lauenstein.

    http://www.jetzt.de/liebe-und-beziehung/warum-ich-als-frau-keine-freundschaften-mit-maennern-beginnen-kann

    Wir nähern uns nun im neuen Netzwelt-Feminismus mit Macht dem 19. Jahrhundert. Paßt aber gut zu den hypersensiblen Kunstwerkzerstörern an der Alice Salomon Hochschule, die in Bewunderung bereits strukturelle Gewalt und Male Gaze sehen. Wenn auch sonst nichts mehr sitzt, aber Hauptsache die Schlagworte sitzen. Und bloß nie sich mit jemandem treffen. Am besten im Kleiderschrank bleiben. Was Frau Lauenstein wohl zu Netbitchs Sexpraktiken sagen würde? Wahrscheinlich ist für Merceses Lauenstein bereits ein Besuch im Baumarkt, wo man bei den Kabelbindern vorbeikommt, ein Akt struktureller Gewalt.

    http://netbitch1.twoday.net/stories/1022632361/

  79. che2001 schreibt:

    Darauf gibt es verschiedene (und keinesfalls gestorbene) Ansichten.

    1 https://www.cda.pl/video/98964c7

    2 http://sur.ly/o/netbitch1.twoday.net/AA000014

    3https://www.youtube.com/watch?v=SeEN4QoUvOM

  80. Jumid schreibt:

    Eine Professorin aus Osnabrück berichtete einmal in der „Zeit“ voller Stolz, dass sie eine weitere Diskriminierungsform entdeckt habe (als wissenschaftliche Leistung): die positive Diskriminierung. Beispiele wären etwa, wenn Bersarin seiner Bersarinna in den Mantel oder Che seiner Tamara Bunke in den Patronengürtel hilft ….

  81. Bersarin schreibt:

    @ Jumid: Es ist irgendwann an der Zeit, bestimmte Forschungen nicht mehr finanziell zu fördern. Es werden doch auch nicht Astrologie, Alchemie und Rassenkunde vom Staat unterstützt. Insofern sollte auch der Studiengang der Genderforschung einer Evaluation unterzogen werden. Ich sperre mich übrigens gar nicht prinzipiell gegen Genderforschung und Kulturwissenschaft (ein besseres Wort als cultural studies), sondern lediglich gegen bestimmte Ausprägungen. Die Freiheit der Forschung ist ein hohes Gut, aber mit solchen Themen die Wissenschaft ins Lächerliche zu ziehen, kann nicht Aufgabe einer Universität sein.

  82. Jumid schreibt:

    @Bersarin: Das sehe ich auch so. Es gibt ja auch immer wieder Evaluationsversuche, die nicht unheikel sind. Ebenso prekär ist der heftige Widerstand dagegen aus dem Bereich der Genderforschung. Man sollte nie vergessen, dass diese Diskussionen .nicht im luftleeren Raum stattfinden, sondern dass es immer auch zumindest indirekt um Stellen in Universitäten, im öffentlichen Dienst und Verwaltungen geht und um Geld.

  83. Bersarin schreibt:

    Noch besser als alles bisherige in dieser Schmierenkomödie ist die Stellungnahme des Asta.

    Was für eine erbärmliche, weinerliche Gesellschaft. Grauenvoll, daß solche Leute dazu ausgebildet werden, irgendwann einmal Kinder zu erziehen oder mit Jugendlichen zu arbeiten.

    http://www.asta.asfh-berlin.de/de/News/stellungnahme-des-asta-zur-aktuellen-debatte-um-die-neugestaltung-der-suedfassade-der-alice-salomon-hochschule.html

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