Die wunderbaren deformierten Jahre ungehemmten Denkens. Über Philipp Felschs „Der lange Sommer der Theorie“ (2)

Felsch erzählt diesen langen Sommer der Theorien in einer durchaus anregenden Weise – ich schrieb dies bereits im ersten Teil meiner Besprechung, wenngleich der Wein denn doch mit einigem Wasser zu verdünnen ist. Anregend insofern, weil Felsch einen unterhaltsamen Ton pflegt: das Buch ist für viele mit Gewinn lesbar, auch für die, die nicht unbedingt in diesen Theoriebauten heimisch sich fühlen und darin sich bewegen wie die freundlichen Fische im klaren kalten Wasser. Zudem erliegt das Buch nicht der ach so postmodern witzig-ironischen Versuchung, im abgeklärten Ton der Spätgeborenen (zu denen in gewissem Sinne auch der Rezensent gehört: Jahrgang 64 immerhin) über das linke Theoriepotential insbesondere der Kritischen Theorie im seicht-affirmativen Bolz-, Kittler- oder Sloterdijk-Imitation-Ton  sich zu erheben und in eben jener doch eher bedeutungslosen und zu oft gehörten Rillung zu spuren und zu schwadronieren. Zumindest in großen Teilen. Felsch spart (weitgehend) mit Polemik sowohl gegen den hermetischen Text der frühen Frankfurter als auch gegen das Delirieren und den neuen Ton der wilden und so ganz anders als dialektisch denkenden Franzosen. Sofern er Polemik einsetzt, geschieht das – von kleinen Ausnahmen abgesehen – meist dosiert. Dieser Spagat, verschiedene Theoriesysteme dazustellen, gelingt Felsch.

Felschs Buch kann man auf zwei Arten lesen. Entweder es läßt sich der Leser vom ungeheuren Sog, den Theorien sowie ihre Kontexte ausüben können, in den Bann ziehen, weil diese Theorien zum Bestand der eigenen Lebenswelt und der intellektuellen Biographie werden. Man gleicht dann die von Felsch geschilderten Lese- und Lektüreszenen mit seiner eigenen intellektuellen Biographie ab, entdeckt gemeinsames oder Differenzen. Oder aber man ärgert sich gigantisch über den zusammengeklaubten Inhalt des Buches sowie über die Art, wie Felsch vorgeht, weil er Theorie vielfach als Accessoire der Mode oder im Sinne lebensweltlicher Bezüge behandelt und auf die Biographie herunterschraubt. Daß, wie Felsch schreibt, Theorie – mal grob gesprochen – einen gewissen Sexappeal verleiht und akademisches Kapital erzeugt, mag nicht von der Hand zu weisen sein. Wissen tritt häufig triumphierend und als Machtspiel auf – insbesondere in den Seminaren. Aber wenn man seinen Blick auf die verschiedenen Produktionen intellektuellen „Mehrwerts“ beschränkt – seien das nun die heißesten Blond-Schnitten des Adorno-Seminars oder aber eine gewisse dialektische Geschmeidigkeit und qua Ästhetik vermittelter Geist und Rhetorik –, verliert man mit diesem willkommenen Beiwerk allzuleicht den Sachgehalt aus den Augen, der einer Theorie zugrunde liegt. Hegel, Marx, Benjamin, Adorno, Foucault oder Deleuze schrieben sicherlich nicht aus diesen Gründen ihre Texte, sondern es drängte sie eine bestimmte Frage, die den Rahmen ihrer Theorie wirkte.

Andererseits hat es im Kontext unserer Biographien Gründe, die nicht in den Theorien selber liegen, weshalb wir zu einem bestimmten Denken gelangten: warum griffen wir genau zu diesem einen Zeitpunkt zu einem uns bisher unbekannten Buch, schlugen es auf, lasen es, durchdrangen das Buch, kämpften mit ihm , lasen in Intensität und erschlossen einen Text, der uns derart affizierte, daß für dahin alles ganz anders aus der alten und hinein in eine neue Bahn drängte? Diese Fragen knüpfen sich auch an dieses Buch und verweisen damit auf den Leser als aktiven Part dieser intellektuellen Biographie. Wieso war es genau dieses eine Buch, das eine Art von Umkehr im Denken und auch in den Handlungen auslöste und in unserem Denken etwas in Gang setzt – womöglich ein Leben verändert und ihm eine andere Richtung verleiht? Jeder, der liest und sich mit Texten beschäftigt, wird solche Erlebnisse nennen können. Diese Lese-Urszenen gehören zur intellektuellen Biographie. Hegel, Adorno – so geht meine Reihung. Weshalb war es bei mir mit 16 oder 17 Jahren ausgerechnet Hegels „Phänomenologie“ und nicht Kant, Fichte oder Schelling? [Vorwitzig könnte ich nun schreiben, weil der Geist Hegels bis heute das Klügste und im Mannigfaltigen der Theorie unübertroffen ist.]

So bedeutsam sie sein mögen, doch oft sind diese Urszenen in der Reflexion schwierig einzuholen: weshalb in einer bestimmten Lebenssituation etwas zu einer Konstellation zusammenschoß, das uns für dahin und bis ans Ende unserer Tage im Denken bestimmen wird. Dem Kairos oder der Beliebigkeit des Zufalls geschuldet? (Die Kunst des Lesens ist nicht gering zu schätzen. Und wir sollten, wenn in Roland Barthesʼ gleichnamigem Text vom Tod des Autors gesprochen wird, nicht vergessen, daß er damit zugleich die Geburt des Lesers verkündete. Ich wies in meinem Text zur Literaturkritik darauf hin. Ich halte diese Geburt für mehr als problematisch. Insbesondere die Sphäre der literarischen Blogger:innen zeigt uns, was wir am Ende von solchen Leserinnen und Lesern zu erwarten haben. Anderes Thema aber. Geeignet für die Rubrik „100 Zeilen Haß“.)

Was auch immer uns in den Lektüren motivierte – für solche Grundlagenforschung ist die Psychoanalyse zuständig. Theorien und deren Rezeption hängen sicherlich zu einem Teil auch mit unserem eigenen „Bildungsroman“ zusammen, wie Feltsch schreibt. Theorien sind nicht nur Theorien, sondern ihre Texte klingen und stehen in einem bestimmten Ton, ihnen liegt eine Schreibweise zugrunde, die affiziert. Theorien sind sicherlich nicht nur sexy, wie Felschs Buch es stellenweise nahezulegen scheint. Aber sie berühren uns doch, greifen uns an, greifen in unser Leben ein. Bei Peter Gente waren es 1957 Adornos „Minima Moralia“, die schweren Eindruck hinterließen und sein Leben umkrempelten. Zu Recht. In jener Zeit nach dem verlorenen Krieg samt dem Massenmord an Juden, wo es als konservativem Abwehrreflex und in biederer Gemütlichkeit einer allzuleicht von der Hand gehenden Besinnung im „Jargon der Eigentlichkeit“ vor Entschlossenheiten, Befindlichkeiten und Geworfenheiten geschichtlicher Situationen nur so wimmelte, war eine Bewegung und ein Denken dringend vonnöten, das sich dem, was war, stellte und nicht in der Heideggerei die Geschichte zu verdrängen trachtete oder Ontisches ontologisch zudeckt. Sondern vielmehr: Wer waren diese Täter? Diese Frage war zu stellen. Das Klima, in dem Gente aufwuchs, gleichsam die Bundesrepublikanische Geworfenheit von Verdrängung, die Ideologie des Aufbaus, insbesondere das Akademische der Universitäten mit seinem Begriffsgeraune erhabener Worte und leerer Phrasen luden einen denkenden jungen Menschen geradezu zum Gegenangehen ein. Gente rannte mit Adornos „Minima Moralia“ in der Jackentasche herum. Der klare und zugleich aporetische, dann wieder zarte Ton der darin enthaltenden Texte, das Musikalische dieser Philosophie in Prosa und insgesamt das ästhetische und kritische Moment dieser Skizzen aus dem beschädigten Leben, bewegte in Gente etwas. In dieser Weise näherte er sich Adornos Denken, vertiefte sich in all jene Texte, derer er habhaft werden konnte. Nicht anders als der Betreiber dieses Blogs Felsch gelingt eine interessante Beschreibung dieses Milieus der Aufklärung, das sich gegen Obskurantismus und Bundesrepublikanischen Mief wandte und insbesondere dagegen, daß sich eine Kultur wieder aufrichtete, die ihrer Inhalte und ihrer formenden Aspekte längst beraubt war. Diesen Bildungsgang Gentes mit all den Tücken, Schwierigkeiten, Entdeckungen und Eroberungen textuellen Terrains schildert Felschs Buch.

Wer – in Anlehnung an Rüdiger Safranskis feinen Titel – über jene „wilden Jahre der Philosophie“  und den Geist dieser Zeit einen schweifenden Blick werfen möchte, der ist in „ Der langen Sommer der Theorie“ bestens aufgehoben. Es ist ein anregendes Sachbuch, das insbesondere für interessierte Laien, die diese Theorien bisher nur vom Hörensagen kannten, gut lesbar ist. In launiger Sprache geht es durch die Zeiten. Allerdings ist dieser lange Sommer der Theorie keiner der Kommunikationstheorie, der Fundamentalontologie, der Hermeneutik und dem, was man gerne jenen Paradigmenwechsel nennt: während die alten Gräben zwischen kontinentaler Metaphysik sowie Materialismus und angloamerikanischer Philosophie zu bröckeln begannen und Analytische (Sprach)Theorie und Logik sowie Hermeneutik, Kantische Transzendentalphilosophie und später sogar – über die Holismuskonzepte – Hegelsche Dialektik miteinander in Berührung kamen und während sich an den deutschen Universitäten Theoriekonzepte gegenseitig durchdrangen. Diese Selektivität begründet sich in der individuellen Perspektive, und insofern kommt das Buch nicht in die Versuchung, eine Großgeschichte von 30 Jahren an Theorie zu schreiben.

Schön zu lesen bei Felsch sind naturgemäß jene Szenen, wo die Theorie in einer bisher ungeahnten Weise praktisch wird und sich Theorie und Bar durchdringen: als die Zeiten begannen, sich umzupolen und die Verbindungen und die Anschlüsse sich änderten. Aber es zeigt sich in dieser postmodernen Feierlaune des Amüsierbetriebs bereits auf der Bühne der Freigeisterei das Wesen des Betriebs und kontaminiert das Private. Wer nach der Lektüre von Adornos „Minima Moralia“ immer noch und unverdrossen auf die Orte der Unschuld lauerte, scheint unverbesserlich oder aber obskurantistischer Renegat. Wie so oft bei den Postmodernen. Plötzlich wird der niedrige Level zu hoher Theorie aufgeplustert oder Banales bedeutungshubernd aufgeladen: Ob Pop oder Comic, Kneipe und Augenblickskunst, die eher dem Capricciohaften und dem Assoziativen des Moments anverwandt sind. Das ist in etwa so als meinte man, Hertha Zehlendorf sei ein Erstligaverein. Aufbrezeln des Bedeutungslosen. Aber das kommt, das geht, das ist morgen dann wieder vergessen. Das einzige was an der Postmoderne bleibt, wird der Studiengang „Kulturwissenschaft“ sein.

Jenes von Felsch genannte Spiel von „Exklusion und Inklusion“ des Berliner Nachtlebens der späten 70er Jahre in den Szene-Clubs weist bereits, so muß man Felsch ergänzen oder korrigieren, auf die Zeit radikaler Umverteilung, die wenig später dann als Regierungsprogramm neoliberaler Ökonomie von dem Schauspieler Ronald Reagan und der Unternehmgattin Thatcher administrativ untermauert und betrieben wurde. Der Club entscheidet über die, welche drinnen sind, indem wie im Berliner „Dschungel“ an die Hausfreunde bunte Plastikmarken als Erkennungszeichen ausgegeben wurden, so das der Einlaß sichergestellt war, während die übrigen durch gutes Aussehen oder andere schwierig zu bestimmende Faktoren Einlaß sich erkämpften oder eben nicht erhielten und draußen harrten. Der Türsteher, als ausführendes Organ und als Büttel, vollzieht die Distinktion, die von einer mehr oder weniger bekannt-unbekannten Instanz propagiert wird: IN oder Out. Haben  oder Nichthaben. Nachtclub, Bar und Kneipe als gesellschaftliches Ensemble in nuce. Diesen seine Schatten vorauswerfenden neoliberalen Aspekt beim Clubbesuch haben die wenigsten überhaupt nur im Ansatz registriert.

Aber für die Beteiligten dieser Distinktionsszenerien, die ja zugleich ein Phänomen des Pop sind, (Popmusik ist immer Absatzbewegung und Differenzerfahrung) sollte es mehr sein, denn auch im Nachtleben kam bekanntlich der Theorienschwung nicht zum Erliegen – dort wurde geplant, genetzwerkt, Kommunikation betrieben, Ideen und Spleens gepflegt, die sich mal groß oder mal gar nicht realisierten und bloßes Phantasma blieben. Zwischen Rauch und Rausch. Die Moderne wurde zur Postmoderne, der Geist wandelte sich ironisch. Die strikte Theorielastigkeit der 68er-Textarbeitsgruppen, wie Felsch sie darstellt, bricht sich zugunsten eines Spiels von Theorie und Spaß auf, im Grunde genau die Aufhebung der Arbeitsteilung, die wir in der New Economy der Software-Buden, der Werbe- und Agenturwelten heute finden, wenn der Arbeitsplatz wie eine Ferienfreizeit für große Kinder ausschaut: eine gespenstische Szenerie, von der Adorno bereits in den 40ern in den „Minima Moralia“ sprach: Die Freizeitvergnügen nähern sich der Arbeit an, während die Arbeit sich in die Freizeit hinein verlagert.

Im Bezirk der Theorien freilich lag in den studentischen Milieus noch die Unschuld: Nach dem Seminar oder nach der Hegel-Arbeitsgruppe gab es die Bar, den Park mit Picknick und Weinvorräten, wo umstandslos und oft auch vertiefend an die Gespräche angeknüpft wurde, die bereits in den Seminaren heftig geführt wurden. Felschs Buch vergegenwärtigt dieses Lektüre-Milieu, in dem Habitus und Theorie zu einer Lebensform verschmolzen. Diese Welt versank jedoch für die meisten mit dem Ende des Studiums.

Abschließend noch dies: die „Bleiwüste der Gesellschaftskritik“ der 60er Jahre, die Felsch in Typographie und Design jener Texte zu recht bemängelt – wir erinnern uns an diese in der Tat grauenhafte Flugblattästhetik: weshalb können kluge Texte typographisch nicht gut und vor allem ansprechend dargeboten werden? – fällt leider ebenfalls auf das Literaturverzeichnis des Buches zurück, das ausgesprochen unübersichtlich und damit leseunfreundlich gestaltet wurde. Erst die Vornamen zu bringen und dann in alphabetischer Reihenfolge die Nachnamen erleichtert das Suchen nicht. Das „Ders“ bei Namenswiederholungen ist schlecht gewählt, weil es in der Bleiwüste der Literaturangaben untergeht. Besser gesetzt wäre hier ein Gedanken- oder Spiegelstrich gewesen. Die unerfreuliche Gestaltung ist insofern schade, weil das Literaturverzeichnis ausgesprochen instruktiv ist und zum Stöbern und Weiterlesen der von Felsch angeführten Aspekte einlädt.

Felschs Buch liefert den Blick auf eine Epoche, als Bildung in den Geisteswissenschaften noch nicht auf Bachelor-Niveau und auf Kulturwissenschaften heruntergewirtschaftet wurde. Als wir – auch im Sinne eine Humboldtschen Bildungsideals – mit einem  Blick aufs Ganze wie auf die Nebenwege studierten, als wir aus Neigung diese oder jene Biege nahmen, manchmal uns verzettelten. Aber wie es beim Blättern in einem Lexikon so ist: man sucht einen bestimmten Begriff, gerät aber mit einem Male ins Stöbern, schlägt diesen und jenen  Artikel auf, schweift ab, liest, vertieft sich darin. Für die zielorientiere Wissensanwendung ist dieses Verfahren gewiß nicht produktiv. Für ein breites und in die tiefe gehendes, für ein fundiertes Wissen jedoch bleibt dieser Gang des Geistes unerläßlich. Felschs Buch vermittelt uns Lesern ein wenig von diesen wunderbaren Jahren. Wenn er jedoch das Buch mit dem Satz beendet „Die Zukunft der Theorie ist ungewiss.“ so handelt es sich allerdings um einen fragwürdigen Allgemeinplatz.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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8 Antworten zu Die wunderbaren deformierten Jahre ungehemmten Denkens. Über Philipp Felschs „Der lange Sommer der Theorie“ (2)

  1. Fabs schreibt:

    In einem älteren Artikel schriebst Du einmal: „Kritik überwintert in der Theorie“. In Anlehnung an diese Aussage und an Felschs Buchtitel kam mir sofort folgender Gedanke: Der lange Sommer der Theorie führt zum endlosen Winter der Kritiklosigkeit.
    Wenn Theorie als Wissenschaft gedacht und gelebt wird, kehrt sie sich gegen sich selbst. Das gemütliche Einrichten im Betrieb, in der Welt des (un-)gelebten Widerspruchs. Kein Wunder das die Anstrengung des Begriffs meist mit Ende des Studiums ad acta gelegt wird. Die Verwohlfeilerung des Gedankens ist meist nur ein kurzes Kapitel in der Tragikomödie bürgerlicher Subjektivität. Allerdings ist es dem dialektische Drama des Gattungswesens eigen, dass sich die Schlage am Ende selber in den Schwanz beißt. Denn spätestens seit Lacan ist klar, dass sich Sprache gegen sich selber richtet. Der Widerspruch des Symbolischen würde den konsequent zu Ende gedachten Gedanken in den Freitod zwingen. Und wer hängt nicht am dem Zustand den wir Leben nennen?
    Was sagt es über den langen Sommer der Theorie aus, wenn Adorno schreibt: „Wahr sind nur die Gedanken, die sich selber nicht verstehen.“? Auf diese Frage kann es keine Antwort geben. Deshalb bevorzuge ich die Zwischentönen und Schwingungen welche sich dem akademischen Zugriff entziehen, wohl wissend dass ich sie dadurch gefährlich nah an den Abgrund der Rationalität zerre.
    An dieser Stelle noch ein Lob: In Deinen Texten kommen diese unbeschreiblichen Schwingungen wunderbar zum Ausdruck. Immer wieder ein Genuss mitzuerleben wie beim lesen Deiner Artikel Form und Inhalt verschwimmen.
    Da ich zu dieser Art des Schreibens leider nicht fähig bin, lasse ich zum Abschluss Rainer Maria Rilke für mich sprechen. Da ich finde, das dass Gedicht an dieser Stelle passt und in Felschs Buchtitel eine drängende Ungeduld spürbar wird, habe ich mich für ‚Über die Geduld‘ entschieden.

     
    Man muss den Dingen 
    die eigene, stille 
    ungestörte Entwicklung lassen, 
    die tief von innen kommt 
    und durch nichts gedrängt 
    oder beschleunigt werden kann, 
    alles ist austragen – und 
    dann gebären… 

    Reifen wie der Baum, 
    der seine Säfte nicht drängt 
    und getrost in den Stürmen des Frühlings steht, 
    ohne Angst, 
    dass dahinter kein Sommer 
    kommen könnte. 

    Er kommt doch! 

    Aber er kommt nur zu den Geduldigen, 
    die da sind, als ob die Ewigkeit 
    vor ihnen läge, 
    so sorglos, still und weit… 

    Man muss Geduld haben 

    Mit dem Ungelösten im Herzen, 
    und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben, 
    wie verschlossene Stuben, 
    und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache 
    geschrieben sind. 

    Es handelt sich darum, alles zu leben. 
    Wenn man die Fragen lebt, lebt man vielleicht allmählich, 
    ohne es zu merken, 
    eines fremden Tages 
    in die Antworten hinein.

  2. che2001 schreibt:

    Was waren das für herrliche Abende, an denen wir völlig strukturlose Diskussionen mit erlaubtem Unterbrechen und in die Rede fahren führten, nach autonomen Seminaren zu Anarchismus, Horkdorno, Baudrillard und Bourdieu, Lehrveranstaltungen die von Studierenden gestaltet worden waren, und anschließend saßen wir stundenlang bei Rotwein und Gras zusammen und diskutierten uns die Köpfe heiß, dann wurde getanzt oder gefickt oder durchaus auch nächtens randaliert. Was waren das für Zeiten!!!!!!!!

  3. Bersarin schreibt:

    „Der lange Sommer der Theorie führt zum endlosen Winter der Kritiklosigkeit.“ Diese Bemerkung ist einerseits ein guter Aperçu und andererseits nicht von der Hand zu weisen. Zumindest dann, wenn Theorie in einem bestimmten Modus betrieben wird. Das Feld kritischer Theorie und Philosophie sollte nicht den Fehler machen, sich gegen den akademischen Betrieb zu richten. Denn in die Tiefe gehende Philosophie ist nur dort möglich, weil dieser Betrieb – so anrüchig er an vielen Stellen und Szenen auch erscheinen mag – dennoch die Freiheit der Forschung (halbwegs) sichert. Der solipsistische Privatgelehrte ist insofern gefährdet als er sich gleichsam in einer objektlosen Innerlichkeit verrennt und spinös zu werden droht, sofern er nicht Achtsam ist. Adorno schrieb dies anläßlich des Todes seines Freundes Siegfried Kracauer recht klug an Gershom Scholem: „Gerade diese Fixierung ans eigene Ich hat sich gegen dies Ich gewandt.“ Es ist der Mangel an Selbstvergessenheit, so Adorno, der am Ende auch aufs Geistige sich niederlegt. Darin mag die Gefahr des Abseits lieben. Andererseits kann eben genau dieser Ort Perspektiven jenseits des Offiziellen eröffnen. Die Texte Walter Benjamins zeugen davon: der Autor gleichsam als Produzent.

    Daß ich von Rilke und von dieser unvermittelten Ding-Ontologie sowie von der Thesen-Dichtung wenig halte, dürfte Dir sicherlich nicht entgangen sein. Mir sind da das Stürmische und die drängende Ungeduld des Begriffes näher. Dennoch danke für Dein freundliches Lob meiner Texte. Und es paßt insofern auch das Rilke-Gedicht, um Fragebewegungen des Denkens (als Lebensform) zu illustrieren.

    Jenes Adorno-Zitat aus den „Minima Moralia“ ist allerdings sehr treffend: „Wahr sind nur die Gedanken, die sich selber nicht verstehen.“ und insofern hast Du mit Deinem Kommentar einen interessanten und feinen Bogen dahingehend geschlagen, wie Theorie und Text gewirkt sein sollten. Was mich darin erinnert, zu Adornos „Der Essay als Form“ endlich und wie seit Jahren versprochen, etwas zu schreiben.

  4. Bersarin schreibt:

    @ che
    Also als alter Leninist muß ich schon sagen: Ficken und Tanzen können die Revolution nicht befördern. Deshalb seid ihr also gescheitert. Aber die Avantgarde der Partei hat das nicht vergessen, che. Nach der nächsten Revolution werden wir dafür sorgen, daß Du Sowjet für familiäre und außereheliche Angelegenheiten wirst. Mit unbeschränktem Zugang zu wilden und willigen und klugen Revolutionärinnen.
    ___________

    Autonome Seminare können, bei klugen, lesewilligen und interessanten Teilnehmerinnen und Teilnehmern eine interessante Angelegenheit sein.

  5. che2001 schreibt:

    Je nu. Ich verorte mich ja in der extatischen LInken, die ihre Ursprünge zwischen Reich, Marcuse, Kollontay, Leary, Wilson und Nin hat, fortgeschrieben z.B. von Netbitch oder Britta Maschnik (wer das ist erfährt nur, wer meinen bald erscheinenden Roman „Wahnsinn und Verstand“ liest). Ansonsten danke ich für das Angebot und überlege dann schonmal, was für Umerziehungslager für das Trainieren des hemmungslosen Hedonismus einzurichten wären.

  6. Fabs schreibt:

    Verzeih mir den Rilke. Doch die spontane Assoziation verträgt sich nur selten mit dem Anspruch auf vollendete Form. Das Gedicht schoss mir in den Kopf. Und auch wenn das Sujet des Gedichtes vor dem Hintergrund meines Kommentars wie ein abgedroschener Wink mit dem Zaunpfahl wirkt, so liegt doch genau in dieser Zweckentfremdung die bittere Pille. Der Verrat geht, ganz zeitgemäß, Quick and Dirty vonstatten: lieblos wird das Schöne per Google aufgespürt, mit copy&paste in die neue Umgebung gehievt und dann, mit einer abgehakten Bewegung meines kleinen rechten Fingers, zur Schlachtbank geführt. Mit Bedeutung beladen (quasi hochgeladen) und somit seiner besinnungslosen Bestimmung beraubt. Vorbei ist es mit der ewigen Wahrheit. Autsch. Ähnlich verfuhr die Aufklärung mit Ihrem Gegenstand. Spätestens nach Auschwitz haben Vernunft und Kapital ihren historischen Gebrauchswert verloren, wenn sie ihn denn überhaupt je hatten… Und so kann ich mich guten Gewissens vom akademischen Betrieb verabschieden. Selbst die Freiheit der Forschung hält mich nicht, denn mir liegt nichts an Unfreiheit. In einer Crackpfeife geht weniger Erkenntnis in Rauch auf als in einem Hörsaal. Im Exzess der im Rinnstein endet liegt mehr Wahrheit als in jeder Doktorarbeit. Und so sind vom langen Sommer der Theorie zum Glück auch nur das Ficken, der Wein und das Gras geblieben.

  7. summacumlaudeblog schreibt:

    @che „…meinen bald erscheinenden Roman…“ Nanu! Wann genau und wo?

  8. Bersarin schreibt:

    @ che
    Ein gutes Projekt, ein weises Projekt. Also, nicht nur das Umerziehungslager, sondern auch das Bücherschreiben.

    @fabs
    Wahrheiten sind nie ewig. Selbst Sätze der Physik können sich als modifizierbar erweisen. Allerdings gibt es logische Grundoperationen, die eine weitreichende Gültigkeit besitzen. Zudem sollte man zwischen naturwissenschaftlichen und mathematischen Sätzen und Theorien, die den Geisteswissenschaften entstammen, unterscheiden. Wer Begriffe wie Ehe, Liebe, Gesellschaft, Individuum nimmt, wird dazu nichts in der Gosse, in der Koksline oder in der Crackpfeife entdecken, sondern lediglich in den unterschiedlichen Theorien und er oder sie werden vermutlich bemerken, daß diese Begriffe in der Antike eine ganz andere Ausprägung erfuhren als in der der bürgerlichen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts. Um dies festzustellen, muß man sehr viel lesen und beobachten – sich mit Theorien befassen eben. Hier liegt die Arbeit des Denkens. Universitäten machen einem dieses Geschäft leichter, aber es muß dort nicht unbedingt stattfinden. Zentrale Voraussetzung fürs Denken und für Theorie ist jedoch die Muße. Der homo theoreticus ist ein Mensch, der Zeit braucht. Dieser Zustand setzt weitgehende materielle Unabhängigkeit voraus, bzw. es ist erforderlich, so wenig Lohnarbeit wie möglich verrichten zu müssen, um seinen Unterhalt und damit auch sein Denken zu finanzieren.

    Mein Plädoyer geht immer wieder dahin: Bürgergeld für jeden: 900,- EUR pro Monat, steuerfrei.

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