Die wunderbaren deformierten Jahre ungehemmten Denkens. Über Philipp Felschs „Der lange Sommer der Theorie“ (2)

Felsch erzählt diesen langen Sommer der Theorien in einer durchaus anregenden Weise – ich schrieb dies bereits im ersten Teil meiner Besprechung, wenngleich der Wein denn doch mit einigem Wasser zu verdünnen ist. Anregend insofern, weil Felsch einen unterhaltsamen Ton pflegt: das Buch ist für viele mit Gewinn lesbar, auch für die, die nicht unbedingt in diesen Theoriebauten heimisch sich fühlen und darin sich bewegen wie die freundlichen Fische im klaren kalten Wasser. Zudem erliegt das Buch nicht der ach so postmodern witzig-ironischen Versuchung, im abgeklärten Ton der Spätgeborenen (zu denen in gewissem Sinne auch der Rezensent gehört: Jahrgang 64 immerhin) über das linke Theoriepotential insbesondere der Kritischen Theorie im seicht-affirmativen Bolz-, Kittler- oder Sloterdijk-Imitation-Ton  sich zu erheben und in eben jener doch eher bedeutungslosen und zu oft gehörten Rillung zu spuren und zu schwadronieren. Zumindest in großen Teilen. Felsch spart (weitgehend) mit Polemik sowohl gegen den hermetischen Text der frühen Frankfurter als auch gegen das Delirieren und den neuen Ton der wilden und so ganz anders als dialektisch denkenden Franzosen. Sofern er Polemik einsetzt, geschieht das – von kleinen Ausnahmen abgesehen – meist dosiert. Dieser Spagat, verschiedene Theoriesysteme dazustellen, gelingt Felsch.

Felschs Buch kann man auf zwei Arten lesen. Entweder es läßt sich der Leser vom ungeheuren Sog, den Theorien sowie ihre Kontexte ausüben können, in den Bann ziehen, weil diese Theorien zum Bestand der eigenen Lebenswelt und der intellektuellen Biographie werden. Man gleicht dann die von Felsch geschilderten Lese- und Lektüreszenen mit seiner eigenen intellektuellen Biographie ab, entdeckt gemeinsames oder Differenzen. Oder aber man ärgert sich gigantisch über den zusammengeklaubten Inhalt des Buches sowie über die Art, wie Felsch vorgeht, weil er Theorie vielfach als Accessoire der Mode oder im Sinne lebensweltlicher Bezüge behandelt und auf die Biographie herunterschraubt. Daß, wie Felsch schreibt, Theorie – mal grob gesprochen – einen gewissen Sexappeal verleiht und akademisches Kapital erzeugt, mag nicht von der Hand zu weisen sein. Wissen tritt häufig triumphierend und als Machtspiel auf – insbesondere in den Seminaren. Aber wenn man seinen Blick auf die verschiedenen Produktionen intellektuellen „Mehrwerts“ beschränkt – seien das nun die heißesten Blond-Schnitten des Adorno-Seminars oder aber eine gewisse dialektische Geschmeidigkeit und qua Ästhetik vermittelter Geist und Rhetorik –, verliert man mit diesem willkommenen Beiwerk allzuleicht den Sachgehalt aus den Augen, der einer Theorie zugrunde liegt. Hegel, Marx, Benjamin, Adorno, Foucault oder Deleuze schrieben sicherlich nicht aus diesen Gründen ihre Texte, sondern es drängte sie eine bestimmte Frage, die den Rahmen ihrer Theorie wirkte.

Andererseits hat es im Kontext unserer Biographien Gründe, die nicht in den Theorien selber liegen, weshalb wir zu einem bestimmten Denken gelangten: warum griffen wir genau zu diesem einen Zeitpunkt zu einem uns bisher unbekannten Buch, schlugen es auf, lasen es, durchdrangen das Buch, kämpften mit ihm , lasen in Intensität und erschlossen einen Text, der uns derart affizierte, daß für dahin alles ganz anders aus der alten und hinein in eine neue Bahn drängte? Diese Fragen knüpfen sich auch an dieses Buch und verweisen damit auf den Leser als aktiven Part dieser intellektuellen Biographie. Wieso war es genau dieses eine Buch, das eine Art von Umkehr im Denken und auch in den Handlungen auslöste und in unserem Denken etwas in Gang setzt – womöglich ein Leben verändert und ihm eine andere Richtung verleiht? Jeder, der liest und sich mit Texten beschäftigt, wird solche Erlebnisse nennen können. Diese Lese-Urszenen gehören zur intellektuellen Biographie. Hegel, Adorno – so geht meine Reihung. Weshalb war es bei mir mit 16 oder 17 Jahren ausgerechnet Hegels „Phänomenologie“ und nicht Kant, Fichte oder Schelling? [Vorwitzig könnte ich nun schreiben, weil der Geist Hegels bis heute das Klügste und im Mannigfaltigen der Theorie unübertroffen ist.]

So bedeutsam sie sein mögen, doch oft sind diese Urszenen in der Reflexion schwierig einzuholen: weshalb in einer bestimmten Lebenssituation etwas zu einer Konstellation zusammenschoß, das uns für dahin und bis ans Ende unserer Tage im Denken bestimmen wird. Dem Kairos oder der Beliebigkeit des Zufalls geschuldet? (Die Kunst des Lesens ist nicht gering zu schätzen. Und wir sollten, wenn in Roland Barthesʼ gleichnamigem Text vom Tod des Autors gesprochen wird, nicht vergessen, daß er damit zugleich die Geburt des Lesers verkündete. Ich wies in meinem Text zur Literaturkritik darauf hin. Ich halte diese Geburt für mehr als problematisch. Insbesondere die Sphäre der literarischen Blogger:innen zeigt uns, was wir am Ende von solchen Leserinnen und Lesern zu erwarten haben. Anderes Thema aber. Geeignet für die Rubrik „100 Zeilen Haß“.)

Was auch immer uns in den Lektüren motivierte – für solche Grundlagenforschung ist die Psychoanalyse zuständig. Theorien und deren Rezeption hängen sicherlich zu einem Teil auch mit unserem eigenen „Bildungsroman“ zusammen, wie Feltsch schreibt. Theorien sind nicht nur Theorien, sondern ihre Texte klingen und stehen in einem bestimmten Ton, ihnen liegt eine Schreibweise zugrunde, die affiziert. Theorien sind sicherlich nicht nur sexy, wie Felschs Buch es stellenweise nahezulegen scheint. Aber sie berühren uns doch, greifen uns an, greifen in unser Leben ein. Bei Peter Gente waren es 1957 Adornos „Minima Moralia“, die schweren Eindruck hinterließen und sein Leben umkrempelten. Zu Recht. In jener Zeit nach dem verlorenen Krieg samt dem Massenmord an Juden, wo es als konservativem Abwehrreflex und in biederer Gemütlichkeit einer allzuleicht von der Hand gehenden Besinnung im „Jargon der Eigentlichkeit“ vor Entschlossenheiten, Befindlichkeiten und Geworfenheiten geschichtlicher Situationen nur so wimmelte, war eine Bewegung und ein Denken dringend vonnöten, das sich dem, was war, stellte und nicht in der Heideggerei die Geschichte zu verdrängen trachtete oder Ontisches ontologisch zudeckt. Sondern vielmehr: Wer waren diese Täter? Diese Frage war zu stellen. Das Klima, in dem Gente aufwuchs, gleichsam die Bundesrepublikanische Geworfenheit von Verdrängung, die Ideologie des Aufbaus, insbesondere das Akademische der Universitäten mit seinem Begriffsgeraune erhabener Worte und leerer Phrasen luden einen denkenden jungen Menschen geradezu zum Gegenangehen ein. Gente rannte mit Adornos „Minima Moralia“ in der Jackentasche herum. Der klare und zugleich aporetische, dann wieder zarte Ton der darin enthaltenden Texte, das Musikalische dieser Philosophie in Prosa und insgesamt das ästhetische und kritische Moment dieser Skizzen aus dem beschädigten Leben, bewegte in Gente etwas. In dieser Weise näherte er sich Adornos Denken, vertiefte sich in all jene Texte, derer er habhaft werden konnte. Nicht anders als der Betreiber dieses Blogs Felsch gelingt eine interessante Beschreibung dieses Milieus der Aufklärung, das sich gegen Obskurantismus und Bundesrepublikanischen Mief wandte und insbesondere dagegen, daß sich eine Kultur wieder aufrichtete, die ihrer Inhalte und ihrer formenden Aspekte längst beraubt war. Diesen Bildungsgang Gentes mit all den Tücken, Schwierigkeiten, Entdeckungen und Eroberungen textuellen Terrains schildert Felschs Buch.

Wer – in Anlehnung an Rüdiger Safranskis feinen Titel – über jene „wilden Jahre der Philosophie“  und den Geist dieser Zeit einen schweifenden Blick werfen möchte, der ist in „ Der langen Sommer der Theorie“ bestens aufgehoben. Es ist ein anregendes Sachbuch, das insbesondere für interessierte Laien, die diese Theorien bisher nur vom Hörensagen kannten, gut lesbar ist. In launiger Sprache geht es durch die Zeiten. Allerdings ist dieser lange Sommer der Theorie keiner der Kommunikationstheorie, der Fundamentalontologie, der Hermeneutik und dem, was man gerne jenen Paradigmenwechsel nennt: während die alten Gräben zwischen kontinentaler Metaphysik sowie Materialismus und angloamerikanischer Philosophie zu bröckeln begannen und Analytische (Sprach)Theorie und Logik sowie Hermeneutik, Kantische Transzendentalphilosophie und später sogar – über die Holismuskonzepte – Hegelsche Dialektik miteinander in Berührung kamen und während sich an den deutschen Universitäten Theoriekonzepte gegenseitig durchdrangen. Diese Selektivität begründet sich in der individuellen Perspektive, und insofern kommt das Buch nicht in die Versuchung, eine Großgeschichte von 30 Jahren an Theorie zu schreiben.

Schön zu lesen bei Felsch sind naturgemäß jene Szenen, wo die Theorie in einer bisher ungeahnten Weise praktisch wird und sich Theorie und Bar durchdringen: als die Zeiten begannen, sich umzupolen und die Verbindungen und die Anschlüsse sich änderten. Aber es zeigt sich in dieser postmodernen Feierlaune des Amüsierbetriebs bereits auf der Bühne der Freigeisterei das Wesen des Betriebs und kontaminiert das Private. Wer nach der Lektüre von Adornos „Minima Moralia“ immer noch und unverdrossen auf die Orte der Unschuld lauerte, scheint unverbesserlich oder aber obskurantistischer Renegat. Wie so oft bei den Postmodernen. Plötzlich wird der niedrige Level zu hoher Theorie aufgeplustert oder Banales bedeutungshubernd aufgeladen: Ob Pop oder Comic, Kneipe und Augenblickskunst, die eher dem Capricciohaften und dem Assoziativen des Moments anverwandt sind. Das ist in etwa so als meinte man, Hertha Zehlendorf sei ein Erstligaverein. Aufbrezeln des Bedeutungslosen. Aber das kommt, das geht, das ist morgen dann wieder vergessen. Das einzige was an der Postmoderne bleibt, wird der Studiengang „Kulturwissenschaft“ sein.

Jenes von Felsch genannte Spiel von „Exklusion und Inklusion“ des Berliner Nachtlebens der späten 70er Jahre in den Szene-Clubs weist bereits, so muß man Felsch ergänzen oder korrigieren, auf die Zeit radikaler Umverteilung, die wenig später dann als Regierungsprogramm neoliberaler Ökonomie von dem Schauspieler Ronald Reagan und der Unternehmgattin Thatcher administrativ untermauert und betrieben wurde. Der Club entscheidet über die, welche drinnen sind, indem wie im Berliner „Dschungel“ an die Hausfreunde bunte Plastikmarken als Erkennungszeichen ausgegeben wurden, so das der Einlaß sichergestellt war, während die übrigen durch gutes Aussehen oder andere schwierig zu bestimmende Faktoren Einlaß sich erkämpften oder eben nicht erhielten und draußen harrten. Der Türsteher, als ausführendes Organ und als Büttel, vollzieht die Distinktion, die von einer mehr oder weniger bekannt-unbekannten Instanz propagiert wird: IN oder Out. Haben  oder Nichthaben. Nachtclub, Bar und Kneipe als gesellschaftliches Ensemble in nuce. Diesen seine Schatten vorauswerfenden neoliberalen Aspekt beim Clubbesuch haben die wenigsten überhaupt nur im Ansatz registriert.

Aber für die Beteiligten dieser Distinktionsszenerien, die ja zugleich ein Phänomen des Pop sind, (Popmusik ist immer Absatzbewegung und Differenzerfahrung) sollte es mehr sein, denn auch im Nachtleben kam bekanntlich der Theorienschwung nicht zum Erliegen – dort wurde geplant, genetzwerkt, Kommunikation betrieben, Ideen und Spleens gepflegt, die sich mal groß oder mal gar nicht realisierten und bloßes Phantasma blieben. Zwischen Rauch und Rausch. Die Moderne wurde zur Postmoderne, der Geist wandelte sich ironisch. Die strikte Theorielastigkeit der 68er-Textarbeitsgruppen, wie Felsch sie darstellt, bricht sich zugunsten eines Spiels von Theorie und Spaß auf, im Grunde genau die Aufhebung der Arbeitsteilung, die wir in der New Economy der Software-Buden, der Werbe- und Agenturwelten heute finden, wenn der Arbeitsplatz wie eine Ferienfreizeit für große Kinder ausschaut: eine gespenstische Szenerie, von der Adorno bereits in den 40ern in den „Minima Moralia“ sprach: Die Freizeitvergnügen nähern sich der Arbeit an, während die Arbeit sich in die Freizeit hinein verlagert.

Im Bezirk der Theorien freilich lag in den studentischen Milieus noch die Unschuld: Nach dem Seminar oder nach der Hegel-Arbeitsgruppe gab es die Bar, den Park mit Picknick und Weinvorräten, wo umstandslos und oft auch vertiefend an die Gespräche angeknüpft wurde, die bereits in den Seminaren heftig geführt wurden. Felschs Buch vergegenwärtigt dieses Lektüre-Milieu, in dem Habitus und Theorie zu einer Lebensform verschmolzen. Diese Welt versank jedoch für die meisten mit dem Ende des Studiums.

Abschließend noch dies: die „Bleiwüste der Gesellschaftskritik“ der 60er Jahre, die Felsch in Typographie und Design jener Texte zu recht bemängelt – wir erinnern uns an diese in der Tat grauenhafte Flugblattästhetik: weshalb können kluge Texte typographisch nicht gut und vor allem ansprechend dargeboten werden? – fällt leider ebenfalls auf das Literaturverzeichnis des Buches zurück, das ausgesprochen unübersichtlich und damit leseunfreundlich gestaltet wurde. Erst die Vornamen zu bringen und dann in alphabetischer Reihenfolge die Nachnamen erleichtert das Suchen nicht. Das „Ders“ bei Namenswiederholungen ist schlecht gewählt, weil es in der Bleiwüste der Literaturangaben untergeht. Besser gesetzt wäre hier ein Gedanken- oder Spiegelstrich gewesen. Die unerfreuliche Gestaltung ist insofern schade, weil das Literaturverzeichnis ausgesprochen instruktiv ist und zum Stöbern und Weiterlesen der von Felsch angeführten Aspekte einlädt.

Felschs Buch liefert den Blick auf eine Epoche, als Bildung in den Geisteswissenschaften noch nicht auf Bachelor-Niveau und auf Kulturwissenschaften heruntergewirtschaftet wurde. Als wir – auch im Sinne eine Humboldtschen Bildungsideals – mit einem  Blick aufs Ganze wie auf die Nebenwege studierten, als wir aus Neigung diese oder jene Biege nahmen, manchmal uns verzettelten. Aber wie es beim Blättern in einem Lexikon so ist: man sucht einen bestimmten Begriff, gerät aber mit einem Male ins Stöbern, schlägt diesen und jenen  Artikel auf, schweift ab, liest, vertieft sich darin. Für die zielorientiere Wissensanwendung ist dieses Verfahren gewiß nicht produktiv. Für ein breites und in die tiefe gehendes, für ein fundiertes Wissen jedoch bleibt dieser Gang des Geistes unerläßlich. Felschs Buch vermittelt uns Lesern ein wenig von diesen wunderbaren Jahren. Wenn er jedoch das Buch mit dem Satz beendet „Die Zukunft der Theorie ist ungewiss.“ so handelt es sich allerdings um einen fragwürdigen Allgemeinplatz.

Eine anhaltend manifeste Latenz im Denkstrom. Über Philipp Felschs „Der lange Sommer der Theorie“ (1)

„Chaque époque rêve la suivante“
(Michelet, Avenir! Avenir!, zitiert nach:
Walter Benjamin: Passagenwerk

 Es gibt Buchtitel, die sind in ihrer Formulierung derart pointiert geraten, daß man sich wünscht, sie selber entdeckt zu haben; oder aber sie prägten sich auf eine solche Weise ins Bewußtsein, daß sie im Gedächtnis unweigerlich haftenbleiben und zum geflügelten Wort sich aufschwingen. Hans Magnus Enzensbergers Buch über den spanischen Bürgerkrieg „Der kurze Sommer der Anarchie“ führt einen solchen Titel, der verheißend klingt – wie ein Versprechen, das sich im Gang der Geschichte freilich nicht einlöste. Wie so oft in den Träumen und Taten der linken Bewegungen. Solche Titel laden dazu ein, sie abzuwandeln. Dies tat der an der Humboldt Universität Berlin lehrende Historiker und Kulturwissenschaftler Philipp Felsch und nannte sein Buch schwungvoll „Der lange Sommer der Theorie. Geschichte einer Revolte. 1960-1990“.

9783406668531_coverDer Titel macht neugierig, und er verführt zu Spekulationen, die zunächst freilich, beim ersten Lesen dieses Titels in eine falsche Richtung sich versteigen mögen. Natürlich geht es in diesem Buch auch um die unterschiedlichen Theorien, die in dieser Epoche rezipiert oder neu konzipiert wurden. Aber es dient der entfaltete Stoff nicht bloß dazu, die Theoriegebäude sowie den Wandel im Theoriebau ideengeschichtlich zu exemplifizieren. Sondern vielmehr wird anhand des Merve Verlegers Peter Gente und seiner ersten Gefährtin Merve Lowien, nach der, wie man unschwer erkennt, der Verlag benannt wurde, und später dann Heidi Paris, die 1974 Lowien als Geliebte ablöste, der Geist jener Zeit eingefangen. Eher also schildert Felsch die kulturgeschichtlichen Ausprägungen auf einer individuellen Ebene: wie nämlich Menschen auf Theorien reagieren, wie sie diese Theorien sich aneignen, in ihr Leben betten, wie Denken die Praxis formt. Felsch versucht, dem Geist dieser Zeit von 1960 bis 1990 mit all seinen Brüchen und Widersprüchen in Texten und Kontexten von Lebenswelt näherzukommen, indem er das Spezifische aufgreift und von konkreten Menschen und von Details ausgeht, anhand derer Theorie-Geschichte rekonstruiert und ein bestimmter Klang des Textes, der als kollektiver Strom wirkte und sich zugleich verzweigte, dargestellt werden kann. Dieses Schreibweise erfreut sich momentan in den Reflexionen auf Theoriebildung methodisch einer gewissen Beliebtheit, scheint zeitgeisthaft Konjunktur zu besitzen – man denke an das letztes Jahr mit dem Leipziger Buchpreis ausgezeichnete Werk von Helmut Lethen „Der Schatten des Fotografen“.

„Der lange Sommer der Theorie“ erzählt von „Peter Gentes Bildungserlebnissen, von den Irrfahrten des Merve-Kollektivs und von den Entdeckungen des Verlegerehepaars.“ Theorie als Lebensform. Sie formiert sich in den Lektüregruppen der 60er Jahre, nimmt Gestalt an in der Exegese und Intensität der klassischen kanonischen Texte der Philosophie, wenn sich, wie der Berliner Religionsphilosoph Jakob Taubes bemerkte, junge Menschen über die Texte Herbert Marcuses beugten und sie studierten wie einst die „‚Talmud-Jünger den Text der Thora auslegten‘“, so Felsch, Taubes zitierend.

Aber der homo theoreticus blieb nicht bloß im Denken und in der Reflexivität stecken, sondern es verbanden sich diese Lektüreszenen mit verlegerischer, politischer, aber ebenso auch mit bohèmehafter Praxis: Ausgehen in Bars und diskutieren nicht mehr nur im WG-Wohnzimmer, sondern in Clubs und Kneipen hinein verlagerte sich das Theorieseminar. Teils sicherlich bierselig und im Bier- oder Weindunst berauschend, wilde Thesen heraushauend, bei denen es eher auf die rhetorische Eleganz und Brillanz ankam denn auf den Sachgehalt oder in den Diskussionen statt auf den „zwanglosen Zwang des besseren Arguments“ (Habermas) auf die geniale Idee und die wildeste abgefahrenste These. Theorie als eine Art von Pop-Musik, so schildert uns Felsch diese wundersamen Szenarien der Kneipenphilosophie. Am nächsten Morgen jedoch wieder einmal alles im Rausch und im Treiben der Nacht vergessen und alles auf Anfang und neu: Eine neue undogmatische Linke trat Ende der 70er auf den Plan, die sich auch gegenüber Strömungen öffnete, die dem klassisch linken Theoriekanon zunächst gleichgültig oder sogar skeptisch gegenüberstanden. So etwa der hyperkritische Foucault, dem die dialektisch-politischen Widerstands- und Denkformen der 68er-Revolten und auch die Methoden der RAF schlicht in den Macht- und Denksystemen des 17. Jahrhunderts verhaftet blieben, weil dieses aufbegehrende Denken die Subversion und Umtriebigkeit des Machtbegriffes nicht realisierte.

Daß sich Hegel im Schlaglicht und als Schock des Augenblicks mit Nietzsche paarte, und das ergab, in Absatzbewegung zum Diskurs der 68er, dem Gente zunächst entstammte, eine völlig neue Konstellation an Theorie. Gente ging diesen Weg zunächst mit, verharrte jedoch letztendlich nicht im Dogma der K-Gruppen, sondern versuchte, das Unvereinbare nicht zusammen-, aber doch nebeneinander oder gleichzeitig zu denken. Allenfalls die hartgesottenen Adorniten, die nicht kommunikationstheoretisch den Drift paddelten, hatten jenen neuen Denktypus französischer Provenienz halbwegs auf dem Schirm und begriffen flink.

In den Philosophieseminaren der 80er und 90er Jahre, so die Beobachtung des Rezensenten schlug sich diese Verquickung darin nieder, daß die eifrigsten Adorniten sowie die kritischsten Theoretiker zugleich als die innigsten Leser Derridas, Lacans und Foucault sich erwiesen. (Von Nietzsche und dem doch subtil en vogue und unterströmig wirkenden Heidegger ganz zu schweigen.) Hier wuchs ein neues Potential heran, und es entwickelten sich produktive Korrespondenzen, die die alten Frontlinien und die überkommenen Verläufe aufbrachen. Die „größten Kritiker der Elche“ waren früher durchaus selber welche, sind es womöglich immer noch, doch sie wollten gleichzeitig aus der Immanenz sich herausspielen, mit literarisch-romantischer, potenzierender, aber ebenso postmoderner Ironie sich herausdenken – vielleicht auch im Sinne des Rortyschen Ironikers, der ohne Gewißheiten denkt – oder postmodernes Katapultieren, Verwinden, Drehen und die Eindeutigkeiten beseitigen.

Der Ton des Diskurses wandelte sich ästhetisch. Theorie wurde zu einem ästhetischen Ereignis – Felsch beschreibt diesen Wandel in der Theorie im letzten Teil seines Buches – und baute die Versatzstücke als Aporien und Widersprüche. Darin waren wir in den Seminaren und Arbeitsgruppen in einer Art dichotomischem Pointilismus (fast wieder) Kant näher als Hegel. Unentscheidbare Antinomien und unauflösbare Paralogismen – nun freilich innerweltlich gewendet –, da genügt es nicht, diese Antinomien formalistisch und technokratisch einfach als Probleme der Sprache zu handhaben, als ließen sich jene Antinomien durch die Klarheit des Definierens und in der Reflexion auf ihren Gebrauch beseitigen: ein wenig Sprache waschen, bürsten, putzen, schneiden, fönen, legen und lenorsauber und porentief rein-schlackenlos strahlen wieder im Glanz der Systeme die Begriffe widerspruchsfrei. Objektive Aporien lassen sich nicht durch subjektive Veranstaltungen wegoperationalisieren, sondern Begriffe entwickeln und entfalten sich in (dialektischen oder aporetischen) Kontexten und im Rahmen von Text. (Adornos Der Essay als Form bleibt in diesem Sinne maßgeblich, inwiefern Sprache nicht in trivialen Analysen zerfaselt wird, sondern an ihrem Gegenstand, mithin an der Sache selber sich erweist und sich also zur Sprache bringt.) Die objektiven Widersprüche haben sich auch in der Theorie niederzuschlagen, siedeln und wirken dort. Es ist der Finger auf diese Widersprüche zu legen. Sie nicht zu tilgen. Diese unhintergehbare Differenz warfen wir in den Raum und beharrten. Nicht einzelne Begriffe geben das Maß, sondern wie und in welcher Weise sie sich in den Zusammenhängen entfalten. Dies freilich bleibt sowohl ein ästhetisches wie auch ein rhetorisches Phänomen.

Nichtidentisches und différance, Hegelsche Dialektik und die Kritik an dem, was ist, versammelten sich zu einem Denken, das die Vermittlung nicht mehr absolut setzte, sondern sich in die Extreme schoß. Out oft the limit. Das galt auch für Abends bei Tränken an Tresen mit jungen blonden Damen nach dem Seminar: Wenn die Existenz im Fragment pathetisch überschäumte. In Kußmund, Mai oder Enttäuschung. (Worin immer das Täuschen steckt: das Spiel mit den herrlichen Masken, wie hinterm Vorhang.) Für uns waren seinerzeit in den 80er Jahren die Phasen des reinen Politisierens und des Engagements passé. Gesellschaftskritik fand sich genauso in der Kunst selber wieder. Viel besser sogar. Wir praktizierten eine ausufernde Weise Flaubertscher l’art pour l’art. Beugten uns über die Texte und versuchten zu entziffern, wie bereits die Talmudschüler über der Thora und die Marcuse-Leser über dessen Texten. Marxʼ „Kapital“ ließ sich ebenso als Literatur lesen. Was nicht bedeuten muß, die Kritik der politischen Ökonomie zu exstirpieren. Soviel als knapper Ausflug in die Theoriezeiten des Blogbetreibers.

Diesen Klang der Zeit, genauer geschrieben: diese so verschiedenen Töne des Zeitgeistes, die durch die Jahrzehnte mäanderten und sich variierten, teilten, vervielfältigten, greift das Buch von Felsch auf. Text und Theorie werden von ihm als Phänomen des Zeitgeistes gedeutet. Ob Hegel, Marx, Adorno, Marcuse, Benjamin oder Lyotard, Baudrillard, Foucault und Deleuze – um die für Peter Gente zentralen Namen zu nennen. Oft „wog die Suggestivkraft gewisser Texte sogar schwerer als ihr systematischer Zusammenhang. Ausgehend von dieser Einstiegsintuition, die auch eine methodische Entscheidung bedeutet, soll den Darstellungen der Ideengeschichte des 20. Jahrhunderts im Folgenden keine weitere hinzugefügt werden.“ Das Buch steht insofern unter der subjektiven Optik, trifft eine Auswahl und Vorentscheidung – gewissermaßen ein rezeptionsästhetischer Dezisionismus; von Leseeindrücken und der Intensität von Lektüren geprägt, wofür sehr gut Roland Barthes Buchtitel „Die Lust am Text“ stehen kann, denn Gente war ein Vielleser. Er gehörte zu jenen, die, wie auch der in diesem Buch häufig genannte Jakob Taubes, viel Textmasse in sich aufsogen, aber wenig wieder abgaben und schrieben. Gente taugte nicht gut dazu, selber Texte zu verfassen, eher war er ein Medium, das aufnahm und Ideen samt dem Geist einer Zeit witterte; einer, der es verstand, Verbindungen  zu knüpfen und – zu einer bestimmten Zeit zumindest – für ein Verlagsprogramm fruchtbar zu machen. Neben dem großen Suhrkamp bot Merve eine Nische für Texte auf Abwegen, von der am Ende beide Verlage profitierten. Heute hat sich dieses Moment des Subversiven verzweigt. Es existieren viele solcher Verlage wie Merve: ob nun Turia + Kant, diaphanes, Fink, transcript, Aisthesis und viele andere. Doch Merve war der erste, der in dieser Art eine neue Weise von Theorie in Büchern brachte.

Subjektivismus ist das Stichwort dieses Buches, doch diese von Felsch erzählte Geschichte von Theorie bildet nur einen Teil der intellektuellen Biographie der BRD bzw. jener Jahre in Westberlin ab. Genauso ließen sich diese Theorie- und Lebensszenarien von ganz anderen Positionen oder Personen her vortragen: von der Hermeneutik, vom Geist der Heidelberger oder Tübinger universitären Szenen und ganz zu schweigen von der langsam in die akademischen Diskurse einziehenden analytischen Sprachwissenschaft aus dem angloamerikanischen Raum. Das alles, als Kompaktpaket, will Felsch nicht. Und es würde zudem mißlingen, handelte einer diese Vielfalt auf rund 300 Seiten ab. Insofern ist es sinnvoll, den Geist jener Zeit auf die zentralen Theorieszenarien zu fokussieren, am Detail das Exemplarische zu entwickeln. An Foucault anknüpfend versteht Felsch sein Buch als „Ideenreportage“, indem „‚die Analyse des Gedachten stets mit der Analyse des Geschehens‘ zu verknüpfen“ ist. Theorien spiegeln sich in der Praxis und wirken auf sie, was bis in die Lebensweisen hineingreift, während wiederum die Praxis neue Formen von Theorien und Herangehensweisen im Denken erfordert.

Bruch und Übergang zeigen sich in Felschs Buch insbesondere, wenn Gentes und Parisʼ Verlagsprojekt sich langsam aber sicher von den Ideen und Idealen der studentischen Bewegung der 60er Jahre – sei es das Kollektiv oder die Aufhebung der Arbeitsteilung: daß jeder für jedes zuständig ist – sowie im Rahmen der Theorie vom dialektischen Denken Hegels verabschiedet und sich mehr und mehr zu einem aus Frankreich einströmenden Denken der Intensitäten und der rhizomhaften Vernetzungen ohne Fundament und ohne Zentrum hin gewichtet. Das Buch ist angefüllt mit Anekdoten, Geschichten und Episoden, ohne daß es allzu schwadronierend, bescheidwisserisch und für den inneren Zirkel verschwörerisch-augenzwinkernd aufträte. Im zweiten Teil mehr zu den Details. Wer gerne vor Abschluß des Essays eine abschließende Leseempfehlung mag: Es lohnt sich der Kauf, vor allem aufgrund des umfangreichen Literaturteils, der zum Stöbern einlädt, um die verschiedenen im Buch entfalteten Aspekte weiterzulesen und zu vertiefen: sei das nun die Zeit des Politischen, die Kunstdiskurse, die Welt des 70er-Jahre-Punk, Foucault in Berlin oder aber bestimmte inhaltliche Aspekte der von Felsch angespielten Theorien. Das ist profund und anregend gemacht. Auch Leser:innen, die die Bücher des Merve Verlags nicht kennen, können das Buch mit Erkenntnisgewinn und Freude lesen. Felsch versteht es zu erzählen. Wenngleich es im zweiten Teil ebenso Kritik geben wird.

Weiter geht es im Teil 2 der Besprechung.