Die wunderbaren deformierten Jahre ungehemmten Denkens. Über Philipp Felschs „Der lange Sommer der Theorie“ (2)

Felsch erzählt diesen langen Sommer der Theorien in einer durchaus anregenden Weise – ich schrieb dies bereits im ersten Teil meiner Besprechung, wenngleich der Wein denn doch mit einigem Wasser zu verdünnen ist. Anregend insofern, weil Felsch einen unterhaltsamen Ton pflegt: das Buch ist für viele mit Gewinn lesbar, auch für die, die nicht unbedingt in diesen Theoriebauten heimisch sich fühlen und darin sich bewegen wie die freundlichen Fische im klaren kalten Wasser. Zudem erliegt das Buch nicht der ach so postmodern witzig-ironischen Versuchung, im abgeklärten Ton der Spätgeborenen (zu denen in gewissem Sinne auch der Rezensent gehört: Jahrgang 64 immerhin) über das linke Theoriepotential insbesondere der Kritischen Theorie im seicht-affirmativen Bolz-, Kittler- oder Sloterdijk-Imitation-Ton  sich zu erheben und in eben jener doch eher bedeutungslosen und zu oft gehörten Rillung zu spuren und zu schwadronieren. Zumindest in großen Teilen. Felsch spart (weitgehend) mit Polemik sowohl gegen den hermetischen Text der frühen Frankfurter als auch gegen das Delirieren und den neuen Ton der wilden und so ganz anders als dialektisch denkenden Franzosen. Sofern er Polemik einsetzt, geschieht das – von kleinen Ausnahmen abgesehen – meist dosiert. Dieser Spagat, verschiedene Theoriesysteme dazustellen, gelingt Felsch.

Felschs Buch kann man auf zwei Arten lesen. Entweder es läßt sich der Leser vom ungeheuren Sog, den Theorien sowie ihre Kontexte ausüben können, in den Bann ziehen, weil diese Theorien zum Bestand der eigenen Lebenswelt und der intellektuellen Biographie werden. Man gleicht dann die von Felsch geschilderten Lese- und Lektüreszenen mit seiner eigenen intellektuellen Biographie ab, entdeckt gemeinsames oder Differenzen. Oder aber man ärgert sich gigantisch über den zusammengeklaubten Inhalt des Buches sowie über die Art, wie Felsch vorgeht, weil er Theorie vielfach als Accessoire der Mode oder im Sinne lebensweltlicher Bezüge behandelt und auf die Biographie herunterschraubt. Daß, wie Felsch schreibt, Theorie – mal grob gesprochen – einen gewissen Sexappeal verleiht und akademisches Kapital erzeugt, mag nicht von der Hand zu weisen sein. Wissen tritt häufig triumphierend und als Machtspiel auf – insbesondere in den Seminaren. Aber wenn man seinen Blick auf die verschiedenen Produktionen intellektuellen „Mehrwerts“ beschränkt – seien das nun die heißesten Blond-Schnitten des Adorno-Seminars oder aber eine gewisse dialektische Geschmeidigkeit und qua Ästhetik vermittelter Geist und Rhetorik –, verliert man mit diesem willkommenen Beiwerk allzuleicht den Sachgehalt aus den Augen, der einer Theorie zugrunde liegt. Hegel, Marx, Benjamin, Adorno, Foucault oder Deleuze schrieben sicherlich nicht aus diesen Gründen ihre Texte, sondern es drängte sie eine bestimmte Frage, die den Rahmen ihrer Theorie wirkte.

Andererseits hat es im Kontext unserer Biographien Gründe, die nicht in den Theorien selber liegen, weshalb wir zu einem bestimmten Denken gelangten: warum griffen wir genau zu diesem einen Zeitpunkt zu einem uns bisher unbekannten Buch, schlugen es auf, lasen es, durchdrangen das Buch, kämpften mit ihm , lasen in Intensität und erschlossen einen Text, der uns derart affizierte, daß für dahin alles ganz anders aus der alten und hinein in eine neue Bahn drängte? Diese Fragen knüpfen sich auch an dieses Buch und verweisen damit auf den Leser als aktiven Part dieser intellektuellen Biographie. Wieso war es genau dieses eine Buch, das eine Art von Umkehr im Denken und auch in den Handlungen auslöste und in unserem Denken etwas in Gang setzt – womöglich ein Leben verändert und ihm eine andere Richtung verleiht? Jeder, der liest und sich mit Texten beschäftigt, wird solche Erlebnisse nennen können. Diese Lese-Urszenen gehören zur intellektuellen Biographie. Hegel, Adorno – so geht meine Reihung. Weshalb war es bei mir mit 16 oder 17 Jahren ausgerechnet Hegels „Phänomenologie“ und nicht Kant, Fichte oder Schelling? [Vorwitzig könnte ich nun schreiben, weil der Geist Hegels bis heute das Klügste und im Mannigfaltigen der Theorie unübertroffen ist.]

So bedeutsam sie sein mögen, doch oft sind diese Urszenen in der Reflexion schwierig einzuholen: weshalb in einer bestimmten Lebenssituation etwas zu einer Konstellation zusammenschoß, das uns für dahin und bis ans Ende unserer Tage im Denken bestimmen wird. Dem Kairos oder der Beliebigkeit des Zufalls geschuldet? (Die Kunst des Lesens ist nicht gering zu schätzen. Und wir sollten, wenn in Roland Barthesʼ gleichnamigem Text vom Tod des Autors gesprochen wird, nicht vergessen, daß er damit zugleich die Geburt des Lesers verkündete. Ich wies in meinem Text zur Literaturkritik darauf hin. Ich halte diese Geburt für mehr als problematisch. Insbesondere die Sphäre der literarischen Blogger:innen zeigt uns, was wir am Ende von solchen Leserinnen und Lesern zu erwarten haben. Anderes Thema aber. Geeignet für die Rubrik „100 Zeilen Haß“.)

Was auch immer uns in den Lektüren motivierte – für solche Grundlagenforschung ist die Psychoanalyse zuständig. Theorien und deren Rezeption hängen sicherlich zu einem Teil auch mit unserem eigenen „Bildungsroman“ zusammen, wie Feltsch schreibt. Theorien sind nicht nur Theorien, sondern ihre Texte klingen und stehen in einem bestimmten Ton, ihnen liegt eine Schreibweise zugrunde, die affiziert. Theorien sind sicherlich nicht nur sexy, wie Felschs Buch es stellenweise nahezulegen scheint. Aber sie berühren uns doch, greifen uns an, greifen in unser Leben ein. Bei Peter Gente waren es 1957 Adornos „Minima Moralia“, die schweren Eindruck hinterließen und sein Leben umkrempelten. Zu Recht. In jener Zeit nach dem verlorenen Krieg samt dem Massenmord an Juden, wo es als konservativem Abwehrreflex und in biederer Gemütlichkeit einer allzuleicht von der Hand gehenden Besinnung im „Jargon der Eigentlichkeit“ vor Entschlossenheiten, Befindlichkeiten und Geworfenheiten geschichtlicher Situationen nur so wimmelte, war eine Bewegung und ein Denken dringend vonnöten, das sich dem, was war, stellte und nicht in der Heideggerei die Geschichte zu verdrängen trachtete oder Ontisches ontologisch zudeckt. Sondern vielmehr: Wer waren diese Täter? Diese Frage war zu stellen. Das Klima, in dem Gente aufwuchs, gleichsam die Bundesrepublikanische Geworfenheit von Verdrängung, die Ideologie des Aufbaus, insbesondere das Akademische der Universitäten mit seinem Begriffsgeraune erhabener Worte und leerer Phrasen luden einen denkenden jungen Menschen geradezu zum Gegenangehen ein. Gente rannte mit Adornos „Minima Moralia“ in der Jackentasche herum. Der klare und zugleich aporetische, dann wieder zarte Ton der darin enthaltenden Texte, das Musikalische dieser Philosophie in Prosa und insgesamt das ästhetische und kritische Moment dieser Skizzen aus dem beschädigten Leben, bewegte in Gente etwas. In dieser Weise näherte er sich Adornos Denken, vertiefte sich in all jene Texte, derer er habhaft werden konnte. Nicht anders als der Betreiber dieses Blogs Felsch gelingt eine interessante Beschreibung dieses Milieus der Aufklärung, das sich gegen Obskurantismus und Bundesrepublikanischen Mief wandte und insbesondere dagegen, daß sich eine Kultur wieder aufrichtete, die ihrer Inhalte und ihrer formenden Aspekte längst beraubt war. Diesen Bildungsgang Gentes mit all den Tücken, Schwierigkeiten, Entdeckungen und Eroberungen textuellen Terrains schildert Felschs Buch.

Wer – in Anlehnung an Rüdiger Safranskis feinen Titel – über jene „wilden Jahre der Philosophie“  und den Geist dieser Zeit einen schweifenden Blick werfen möchte, der ist in „ Der langen Sommer der Theorie“ bestens aufgehoben. Es ist ein anregendes Sachbuch, das insbesondere für interessierte Laien, die diese Theorien bisher nur vom Hörensagen kannten, gut lesbar ist. In launiger Sprache geht es durch die Zeiten. Allerdings ist dieser lange Sommer der Theorie keiner der Kommunikationstheorie, der Fundamentalontologie, der Hermeneutik und dem, was man gerne jenen Paradigmenwechsel nennt: während die alten Gräben zwischen kontinentaler Metaphysik sowie Materialismus und angloamerikanischer Philosophie zu bröckeln begannen und Analytische (Sprach)Theorie und Logik sowie Hermeneutik, Kantische Transzendentalphilosophie und später sogar – über die Holismuskonzepte – Hegelsche Dialektik miteinander in Berührung kamen und während sich an den deutschen Universitäten Theoriekonzepte gegenseitig durchdrangen. Diese Selektivität begründet sich in der individuellen Perspektive, und insofern kommt das Buch nicht in die Versuchung, eine Großgeschichte von 30 Jahren an Theorie zu schreiben.

Schön zu lesen bei Felsch sind naturgemäß jene Szenen, wo die Theorie in einer bisher ungeahnten Weise praktisch wird und sich Theorie und Bar durchdringen: als die Zeiten begannen, sich umzupolen und die Verbindungen und die Anschlüsse sich änderten. Aber es zeigt sich in dieser postmodernen Feierlaune des Amüsierbetriebs bereits auf der Bühne der Freigeisterei das Wesen des Betriebs und kontaminiert das Private. Wer nach der Lektüre von Adornos „Minima Moralia“ immer noch und unverdrossen auf die Orte der Unschuld lauerte, scheint unverbesserlich oder aber obskurantistischer Renegat. Wie so oft bei den Postmodernen. Plötzlich wird der niedrige Level zu hoher Theorie aufgeplustert oder Banales bedeutungshubernd aufgeladen: Ob Pop oder Comic, Kneipe und Augenblickskunst, die eher dem Capricciohaften und dem Assoziativen des Moments anverwandt sind. Das ist in etwa so als meinte man, Hertha Zehlendorf sei ein Erstligaverein. Aufbrezeln des Bedeutungslosen. Aber das kommt, das geht, das ist morgen dann wieder vergessen. Das einzige was an der Postmoderne bleibt, wird der Studiengang „Kulturwissenschaft“ sein.

Jenes von Felsch genannte Spiel von „Exklusion und Inklusion“ des Berliner Nachtlebens der späten 70er Jahre in den Szene-Clubs weist bereits, so muß man Felsch ergänzen oder korrigieren, auf die Zeit radikaler Umverteilung, die wenig später dann als Regierungsprogramm neoliberaler Ökonomie von dem Schauspieler Ronald Reagan und der Unternehmgattin Thatcher administrativ untermauert und betrieben wurde. Der Club entscheidet über die, welche drinnen sind, indem wie im Berliner „Dschungel“ an die Hausfreunde bunte Plastikmarken als Erkennungszeichen ausgegeben wurden, so das der Einlaß sichergestellt war, während die übrigen durch gutes Aussehen oder andere schwierig zu bestimmende Faktoren Einlaß sich erkämpften oder eben nicht erhielten und draußen harrten. Der Türsteher, als ausführendes Organ und als Büttel, vollzieht die Distinktion, die von einer mehr oder weniger bekannt-unbekannten Instanz propagiert wird: IN oder Out. Haben  oder Nichthaben. Nachtclub, Bar und Kneipe als gesellschaftliches Ensemble in nuce. Diesen seine Schatten vorauswerfenden neoliberalen Aspekt beim Clubbesuch haben die wenigsten überhaupt nur im Ansatz registriert.

Aber für die Beteiligten dieser Distinktionsszenerien, die ja zugleich ein Phänomen des Pop sind, (Popmusik ist immer Absatzbewegung und Differenzerfahrung) sollte es mehr sein, denn auch im Nachtleben kam bekanntlich der Theorienschwung nicht zum Erliegen – dort wurde geplant, genetzwerkt, Kommunikation betrieben, Ideen und Spleens gepflegt, die sich mal groß oder mal gar nicht realisierten und bloßes Phantasma blieben. Zwischen Rauch und Rausch. Die Moderne wurde zur Postmoderne, der Geist wandelte sich ironisch. Die strikte Theorielastigkeit der 68er-Textarbeitsgruppen, wie Felsch sie darstellt, bricht sich zugunsten eines Spiels von Theorie und Spaß auf, im Grunde genau die Aufhebung der Arbeitsteilung, die wir in der New Economy der Software-Buden, der Werbe- und Agenturwelten heute finden, wenn der Arbeitsplatz wie eine Ferienfreizeit für große Kinder ausschaut: eine gespenstische Szenerie, von der Adorno bereits in den 40ern in den „Minima Moralia“ sprach: Die Freizeitvergnügen nähern sich der Arbeit an, während die Arbeit sich in die Freizeit hinein verlagert.

Im Bezirk der Theorien freilich lag in den studentischen Milieus noch die Unschuld: Nach dem Seminar oder nach der Hegel-Arbeitsgruppe gab es die Bar, den Park mit Picknick und Weinvorräten, wo umstandslos und oft auch vertiefend an die Gespräche angeknüpft wurde, die bereits in den Seminaren heftig geführt wurden. Felschs Buch vergegenwärtigt dieses Lektüre-Milieu, in dem Habitus und Theorie zu einer Lebensform verschmolzen. Diese Welt versank jedoch für die meisten mit dem Ende des Studiums.

Abschließend noch dies: die „Bleiwüste der Gesellschaftskritik“ der 60er Jahre, die Felsch in Typographie und Design jener Texte zu recht bemängelt – wir erinnern uns an diese in der Tat grauenhafte Flugblattästhetik: weshalb können kluge Texte typographisch nicht gut und vor allem ansprechend dargeboten werden? – fällt leider ebenfalls auf das Literaturverzeichnis des Buches zurück, das ausgesprochen unübersichtlich und damit leseunfreundlich gestaltet wurde. Erst die Vornamen zu bringen und dann in alphabetischer Reihenfolge die Nachnamen erleichtert das Suchen nicht. Das „Ders“ bei Namenswiederholungen ist schlecht gewählt, weil es in der Bleiwüste der Literaturangaben untergeht. Besser gesetzt wäre hier ein Gedanken- oder Spiegelstrich gewesen. Die unerfreuliche Gestaltung ist insofern schade, weil das Literaturverzeichnis ausgesprochen instruktiv ist und zum Stöbern und Weiterlesen der von Felsch angeführten Aspekte einlädt.

Felschs Buch liefert den Blick auf eine Epoche, als Bildung in den Geisteswissenschaften noch nicht auf Bachelor-Niveau und auf Kulturwissenschaften heruntergewirtschaftet wurde. Als wir – auch im Sinne eine Humboldtschen Bildungsideals – mit einem  Blick aufs Ganze wie auf die Nebenwege studierten, als wir aus Neigung diese oder jene Biege nahmen, manchmal uns verzettelten. Aber wie es beim Blättern in einem Lexikon so ist: man sucht einen bestimmten Begriff, gerät aber mit einem Male ins Stöbern, schlägt diesen und jenen  Artikel auf, schweift ab, liest, vertieft sich darin. Für die zielorientiere Wissensanwendung ist dieses Verfahren gewiß nicht produktiv. Für ein breites und in die tiefe gehendes, für ein fundiertes Wissen jedoch bleibt dieser Gang des Geistes unerläßlich. Felschs Buch vermittelt uns Lesern ein wenig von diesen wunderbaren Jahren. Wenn er jedoch das Buch mit dem Satz beendet „Die Zukunft der Theorie ist ungewiss.“ so handelt es sich allerdings um einen fragwürdigen Allgemeinplatz.